Physiotherapie in der Neurologie -  - E-Book

Physiotherapie in der Neurologie E-Book

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Beschreibung

Evidenzbasiert und multidisziplinär: die moderne Neurorehabilitation

Die moderne Neurorehabilitation hat sich in den vergangenen Jahren rasant weiterentwickelt. Evidenzbasierte, multidisziplinäre und zum Teil hoch technologisierte Therapieansätze sind Basis einer individuellen Rehabilitation von neurologischen Patientinnen und Patienten. Das Ziel: die Wiedererlangung der Alltagsfähigkeiten.

Dieses Buch bietet einen umfassenden Einblick in die physiotherapeutische Behandlung von verschiedenen neurologischen Erkrankungen, wie Schlaganfall, M. Parkinson, Multiple Sklerose oder Schädel-Hirn-Trauma.

Erfahren Sie 

  • welche Therapieansätze bei den verschiedenen Störungsbildern (z. B. von Sensorik, Lokomotion, Motorik, Bewusstsein oder Sprache) erfolgversprechend sind,
  • wie Sie in der Untersuchung der Patientinnen und Patienten auf Basis eines strukturierten Clinical Reasoning vorgehen können und
  • welchen Beitrag andere medizinische Disziplinen zur Genesung von Betroffenen leisten können.

Informationen über die Pathologie verschiedener Störungsbilder runden das Buch ab. Fallbeispiele beschreiben die umfassende Therapie von Betroffenen detailliert und praxisnah.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1098

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Physiotherapie in der Neurologie

Herausgegeben von

Claudia Pott, Holm Thieme

Jeannine Bergmann, Claudia Kern, Karen Kynast, Claudia Pott, Bettina Scheffler, Klaus Scheidtmann, Erwin Scherfer, Roger Schmidt, Holm Thieme, Jakob Tiebel, Ulla Trockel, Carlos González Blum, Tabea Böttger, Stephanie Elvering, Ellen Freiberger, Christoph Herrmann, Jürgen Herzog, Klaus Jahn, Joachim Liepert

200 Abbildungen

Hinweis zum Gendern

Nach ausgiebigen Diskussionen mit Redaktion und Autor*innen haben wir uns dazu entschieden, eine aus unserer Sicht möglichst geschlechtersensible Sprache zu verwenden. Die Kapitel enthalten daher Bezeichnungen, wie „Physiotherapierende“ oder „in der Physiotherapie Tätige“, die vielleicht beim Lesen in der heutigen Zeit noch als ungewöhnlich oder sperrig wahrgenommen werden, aber bald sicherlich überall durchgehend Verwendung finden werden. Um den Geschlechtern und ihrer Gleichberechtigung Rechnung zu tragen, kommt auch der Genderstern zum Einsatz. Dieser bewirkt eine Inklusion bzw. Gleichstellung aller Menschen und erweitert den lexikalischen Bezugsrahmen der Sprache um jene, welche sich nicht in ein binäres System der Geschlechter einordnen können oder wollen (wie transgender, trans- und/oder intersexuelle Personen). Gelegentlich wählten wir Ausschreibungen. Die Fallbeschreibungen enthalten veranschaulichende männliche und weibliche Personen. Wir sind hier offen für Anregungen, wie sich auch diese sprachlich zukünftig kreativ weiterentwickeln können. Manche Lesende mögen die bunte Vielfalt hinsichtlich der sprachlichen Gender-Vorgehensweise als störend empfinden. Wir haben uns jedoch bewusst dafür entschieden. Gerne zitieren wir aus einem Artikel unseres externen Redakteurs Markus Vieten beim ärztlichen Informationsportal Medscape (medscape.com): „Manch einer mag auch der Meinung sein, wir hätten größere Probleme. Das stimmt! Aber an einem vollen Arbeitstag mit zig kranken Menschen, nachdem man dann die Tochter vom Volleyball abgeholt, die E-Mails gecheckt und sich mit den Französisch-Problemen des Sohnes beschäftigt hat, schafft man es doch auch immer noch, sich später die Zähne zu putzen. Muss eben sein! ... Ich würde mir wünschen, dass alle Beteiligten – auch im Medizinbereich – mehr Freude am Experiment mit neuen Formen haben. Die Diskussion steht immer noch am Anfang.“

Danksagung

Wir sagen Danke!

Danke an Joachim Schwarz (Thieme Programmplaner Executive Editor Therapy Professions), Almut Sellschopp und Sina Majer (Projektmanagement), Konrad Seidel (Production Management) und Markus Vieten (Arzt, Autor und externer Redakteur), dass wir als Herausgeber*innen wirken dürfen. Ganz generell bedanken wir uns bei den Genannten für die hilfreichen Antworten auf unsere vielen Fragen. Im Speziellen danken wir Joachim, dass er die ersten Schritte auf dem Weg zu diesem Buch mit uns gegangen ist, Almut für ihre unendliche Geduld im Entstehungsprozess, Sina für die Übernahme des Managements im Verlauf und Markus für seine offene und pragmatische Art, Herausforderungen zu bewältigen. Selina Neuer darf nicht unerwähnt bleiben, die uns beim Erstellen des vertiefenden Lernmaterials und Glossars unterstützt hat. Bedanken möchten wir uns vor allem bei allen Autorinnen und Autoren für ihre unschätzbar wertvollen Beiträge, ohne die ein solches Buchprojekt offensichtlich unmöglich wäre. Wir danken Ihnen und Euch Allen für die wunderbare Zusammenarbeit und den fruchtbaren Austausch. Danke auch an unsere Familien, die neben all der Zeit, in der sie auf uns verzichten mussten, auch die mit so einem Projekt verbundenen Hochs und Tiefs des Gemüts ausgehalten haben.

Geleitwort

Physiotherapie hat sich – seit der Begründung des Berufsstandes vor über hundert Jahren – immer eindeutig als Teil der naturwissenschaftlich begründeten Medizin definiert. Das war die Voraussetzung, um gesetzlich als Heilberuf anerkannt und versicherungsrechtlich als „Heilmittel“ zugelassen zu werden.

Erfolgreiche – das meint vor allem wirksame – Behandlung von Patient*innen mit motorischen Beeinträchtigungen nach Schädigung des zentralen und peripheren Nervensystems setzt als Kernwissen neuroanatomische und neurophysiologische Kenntnisse zur Lokalisation und Organisation motorischer Leistungen und zu deren Reorganisation voraus und auch die Kenntnis der publizierten Literatur zur Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen.

Qualitativ hochwertige Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass Behandlungsansätze, die sich an den Erkenntnissen zum motorischen Lernen und zur Neuroplastizität orientieren, den traditionellen, so genannten „neurophysiologischen“ Behandlungskonzepten überlegen sind. Kaum etwas hat deshalb in jüngerer Zeit die Physiotherapie in der neurologischen Rehabilitation so weitreichend beeinflusst wie die Forderung, in der physiotherapeutischen Praxis evidenzbasierte Therapie-Maßnahmen einzusetzen. Therapeutische Ziele sollten sich an den Wünschen der Patient*innen orientieren und entsprechend der ICF-Ebenen in Funktionen, Aktivitäten und Partizipation definiert werden.

Alle diese Aspekte in einem Buch zusammen zu tragen, erfordert ein umfassendes Wissen und eine eingehende gedankliche Durchdringung, denn sowohl der Kenntnis- wie auch der Forschungsstand in den erwähnten Fachgebieten sind komplex.

Es ist den Herausgeber:innen und den Autor:innen sehr zu danken, dass sie sich mit diesem Buch dieser anspruchsvollen Aufgabe gestellt und sie so souverän gelöst haben. Das Buch vermittelt nicht nur die anatomischen Grundlagen des Nervensystems, der ärztlichen Untersuchung, von Bewusstseinsstörungen und den medizinischen Maßnahmen, sondern auch die darauf bezogenen evidenzbasierten physiotherapeutischen Interventionen zur Verbesserung von Lokomotion, posturaler Kontrolle und Manipulationsfähigkeit. Das geschieht vor dem Hintergrund des ICF – Modells und eines Clinical Reasonings. Erfreulich ist, dass daneben auch den Themen Schwindel, Schmerz, Sturzprävention, visuellen und neuropsychologischen Störungen, den trainingswissenschaftlichen Grundlagen, digitalen Anwendungen und dem Selbstmanagement Kapitel gewidmet sind.

Die einzelnen Kapitel sind klar gegliedert und – was die Übersichtlichkeit und Lesefreundlichkeit bedeutend erhöht – farblich voneinander abgegrenzt. Sie vermitteln nicht nur Grundlagen, sondern auch viel praxisrelevantes Wissen, das direkt im klinischen Alltag umsetzbar ist.

Das vorliegende Buch wird dazu beitragen, den Kenntnisstand und die Diskussionen der neurowissenschaftlichen Forschung in die Physiotherapie weiter zu fördern. Die Autor:innen sind uneingeschränkt dafür zu würdigen, dass sie nicht nur die ganze Breite der motorischen Neurorehabilitation aufzeigen, sondern neben praxistauglichen Therapievorschlägen auch offene Fragen benennen.

Persönlich hoffe ich sehr, dass sowohl Lernende, Unterrichtende und praktizierende Physiotherapeut*innen „intrinsisch“ und „extrinsisch“ motiviert sind, sich mit der Lektüre ernsthaft auseinander zu setzen, denn – wie lesen wir im Kapitel zum motorischen Lernen?: Motivation ist der „Treibstoff“ der uns bewegen lässt und so zum Benefit für Physiotherapie und Patient*innen führt.

Susanna Freivogel

Neuhausen, im Juni 2023

Abkürzungsverzeichnis

10MWT

10-Meter walk Test, 10-Meter-Gehtest

1RM

One-Repetition-Maximum, Einwiederholungsmaximum

6MWT

Six Minute walk Test, 6-Minuten-Gehtest

AAN

amerikanische Neurologengesellschaft

ABS

Agitated Behavior Scale

ADL

Aktivitäten des täglichen Lebens; Activities of daily Life

AFO

Ankle Foot Orthosis

APA

antizipatorische posturale Anpassung, Anticipatory postural Adjustment

ARAS

aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem

ARAT

Action-Research-Arm-Test

ASIA

American Spinal Injury Association

BAR

Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation

BBS

Berg-Balance-Skala

BBT

Box-and-Bock-Test

BfArM

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

BPLS

benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel

BRT

Body-Roll-Test

CAIT

Cognition Action–Interaction Theory

CBS

Catherine-Bergego-Skala

CCT

kraniale Computertomografie

CIM

Critical-Illness-Myopathie

CIMT

Constraint-induced Movement Therapy

CIP

Critical-Illness-Polyneuropathie

CMOP

Canadian Model of occupational Performance

COMT

Catechol-O-Methyl-Transferase

COPM

Canadian occupational Performance Measure

CPG

Central Pattern Generator

CPT

Challenge-Point-Theorie

CRPS

Complex regional Pain Syndrome, komplexes regionales Schmerzsyndrom

CRS-R

Coma Recovery Scale

CTSIB

Clinical Test for Sensory Interaction in Balance

DAI

Diffuse axonal Injury

DEMMI

De-Morton-Mobility-Index

DGI

Dynamic-Gait-Index

DGNR

Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation

DGS

Deutsche Schmerzgesellschaft

DHI

Dizziness Handicap Inventory

DiGA

digitale Gesundheitsanwendungen

DVAT

Dynamic Visual Acuity Test

EDSS

Extended-Disability-Status-Skala

EEG

Elektroenzephalografie

EFA

external fokussierte Aufmerksamkeit

EFF

external fokussiertes Feedback

EMG

Elektromyografie, Elektromyogramm

EmNSA

Erasmus MC Modifications to the (revised) Nottingham Sensory Assessment

ePA

elektronische Patientenakte

ERP

Event-related Potentials

ESWT

extrakorporale Stoßwellentherapie

EWM

Einwiederholungsmaximum

FAC

Functional Ambulation Categories

FAT

Frenchay Arm Tests

FEES

fiberendoskopische Schluckuntersuchung

FES

funktionelle Elektrostimulation

FGA

Functional Gait Assessment

FIM

Functional Independence Measure

FOG

Freezing of Gait

FOG-Q

Freezing Of Gait Questionnaire

FOUL

Freezing of upper Limb

FPMS

Schweizer Fachgruppe für Multiple Sklerose

FPRS

Vier-Punkte-Rating-Skala

FTD

frontotemporale Demenz

FTSTS

Five-Times-sit-to-stand-Test

GAS

Goal Attainment Scale

GMP

generalisiertes motorisches Programm

HIE

hypoxisch-ischämische Enzephalopathie

HIIT

hochintensives Intervalltraining

HVT

High Volume Training

IASP

Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes

ICARS

International Cooperative Ataxia Rating Scale

IFA

internal fokussierte Aufmerksamkeit

IFF

internal fokussiertes Feedback

ISCIPD

Spinal Cord Injury Pain Dataset

ISNCSCI

International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury

KAFO

Knee-Ankle-Foot Orthosis

KFO

Knöchel-Fuß-Orthese

KP

Knowledge of Performance

KR

Knowledge of Results

LIS

Locked-in-Syndrom

LPA

Lindop Parkinson’s Disease Mobility Assessment

LSVT

Lee Silverman Voice Treatment

MAS

modifizierte Ashworth-Skala

MBT-r

Motor Behaviour Tool – revised

MCS

Minimally conscious State

MDS

Movement Disorder Society

MOZArT

motorische Ziele auf der Aktivitäts- respektive Teilhabeebene

MRC

Medical Research Council

MRT

Magnetresonanztomografie, Kernspintomografie

MSQPT

Multiple Sclerosis Questionnaire for Physiotherapists

MTT

medizinische Trainingstherapie

NAS

numerische Analogskala

NET

Kölner Neglect-Test

NHP

Nine-Hole-Peg-Test

NIHSS

National Institute of Health Stroke Scale

NNFR

neurologisch-neurochirurgische Frührehabilitation

NSE

neuronenspezifische Enolase

OKR

optokinetischer Reflex

ÖOS

oberer Ösophagus-Sphinkter

PCAS

Post cardiac Arrest Syndrome

PDQ39

Parkinson’s Disease Questionnaire

PET

Positronen-Emissionstomografie

PK

posturale Kontrolle

PMR

progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen

PNF

propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation

POMA

Performance-oriented Mobility Assessment

PPA

primär progrediente Aphasie

PPPD

Persistent postural-perceptual Dizziness

QRC

Quick Reference Cards

RCT

Randomized controlled Trial

REPAS

REsistance to PAssive movement Scale

RLA

Ranchos Los Amigos

rTMS

repetitive transkranielle Magnetstimulation

SAAPS

Spasticity-associated Arm Pain Scale

SARA

Scale of the Assessment and Rating of Ataxia

SBS

schwere Bewusstseinsstörung

SHG

Selbsthilfegruppe

SHT

Schädel-Hirn-Trauma

SIS

Stroke-Impact-Scale

SLT

Side-Lying-Test

SMB

Syndrom minimalen Bewusstseins

SRW

Syndrom reaktionsloser Wachheit

SSE

Square stepping Exercise

SSEP

somatosensibel evozierte Potenziale

SSRI

selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

taVNS

transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation

TCT

Trunk-Control-Test

TENS

transkutane elektrische Nervenstimulation

TH

therapeutische Hypothermie

TIS

Trunk-Impairment-Skala

TUG

Timed-up-and-go-Test

TVT

tiefe Beinvenenthrombose

UE-MAL

Upper Extremity Motor Activity Log

UPDRS

Unified-Parkinson’s-Disease-Rating-Skala

UWS

Unresponsive Wakefulness Syndrome

VAS

visuelle Analogskala

VFS

Videofluoroskopie

VID

Visual-induced Dizziness, visuell induzierter Schwindel

VOR

vestibulookulärer Reflex

VR

virtuelle Realität

VR

vestibuläre Rehabilitation

VTE

venöse Thromboembolien

WHO

World Health Organisation

WMFT

Wolf-Motor-Function-Test

Glossar

Adaptive Phänomene

Anpassungsreaktionen des Körpers auf Verletzungen oder Veränderungen im Nervensystem. Dies können Kompensationsmechanismen sein, die auftreten, um Verluste in der Funktion oder Beweglichkeit auszugleichen. Veränderungen der Muskelfasern z.B. bzgl. ihrer Konraktur- und Dehnungseigenschaften im Rahmen des Upper-Motor-Syndroms werden ebenfalls als adaptive Phänomene bezeichnet.

Alertness

Aufmerksamkeitsaktivierung, Teilkomponente der Aufmerksamkeit

Anamnese

Umfassende Erfassung der Krankengeschichte und medizinischen Vorgeschichte. Dies beinhaltet Informationen zu Symptomen, früheren Erkrankungen, Verletzungen, Medikamenteneinnahme und anderen relevanten Faktoren, die bei der Diagnose und Therapieplanung helfen.

Anosognosie

Synonym für „Awarenesstörung“; Störung der Krankheitseinsicht

Assessement

„Bewertung“ oder „Beurteilung“. Standardisierte Assessments, z.B Fragebögen, müssen bestimmte Gütekriterien erfüllen. Der Grund für den Einsatz von Assessments in der Physiotherapie sollte klar benannt werden, z.B. zur Verlaufsmessung, zur Unterstützung des Clinical Reasonings etc.

Arousal

Zustand der Wachheit und Aufmerksamkeit eines Individuums. Beschreibt, wie wach, aufmerksam und reaktionsfähig eine Person ist. Arousal ist ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung des neurologischen Zustands, insbesondere nach Verletzungen oder während der Untersuchung von Gehirnfunktionen.

Awareness

Engl. für „Bewusstsein“. Als Awarenesstörung wird eine neuropsychologische Störung der Krankheitseinsicht bezeichnet; also Synonym für Awarenesstörung wird auch der Begriff Anosognosie verwendet.

Bio-Psycho-Sozialer Ansatz

Betrachtet in der Physiotherapie Gesundheit und Krankheit als das Ergebnis eines Zusammenspiels zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Dieser Ansatz betont, dass die Behandlung nicht nur den Körper, sondern auch die psychische Gesundheit und sozialen Umstände des Patienten berücksichtigen sollte, um ganzheitliche Gesundheit und Genesung zu fördern.

Bottom-up-Ansatz

Struktur- und funktionsorientiertes Vorgehen bei Anamnese, Befunderhebung und Therapieplanung. Der Bottom-Up-Ansatz bei einem Assessment und einer Intervention betrachtet zunächst die Strukturschäden und Funktionseinschränkungen, bevor die Orientierung auf Aktivitäten und Partiziptaion gerichtet wird.

Challenge-Point

Bezieht sich im neurophysiotherapeutischen Setting auf den optimalen Schwierigkeitsgrad einer Übung oder Therapieaufgabe. Es ist der Punkt, an dem die Aufgabe ausreichend anspruchsvoll ist, um das neurologische System der Trainierenden zu stimulieren und zu fördern, ohne sie jedoch zu überfordern.

Clinical Reasoning

CR bedeutet „klinische Schlussfolgerung/Beweisführung“. Damit sind Denkprozesse von im Gesundheitswesen klinisch Tätigen gemeint.

Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP)

Neurologische Erkrankung, die bei schwer kranken Patienten auftritt, insbesondere auf Intensivstationen. Dabei kommt es zu einer Schädigung der peripheren Nerven, was zu Muskelschwäche und Bewegungsproblemen führt.

Dekubitus

Druckgeschwürbildung auf der Haut, die durch anhaltenden Druck auf bestimmte Körperstellen verursacht wird. Dies tritt oft bei bettlägerigen Patienten auf.

Digital Health (-Care)

Digitale Gesundheitsversorgung; Sammelbegriff für den Prozess der Digitalisierung im Gesundheitsbereich. Digital Health beschreibt die Verbindung von Medizin und Technologie. Beispiele sind elektronische Gesundheitsakte oder Gesundheits-Apps. M-Health steht für mobile health und bezeichnet die Integration mobiler Geräte (z.B. Tablet/Smartphone) zur Unterstützung medizinischer Prozesse.

E-Health

Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung.

elektronische Patientenakte

Die EPA ist eine digitale Version der Patientenakten, die medizinische Informationen elektronisch speichert. Dies ermöglicht eine einfachere Handhabung der Daten durch die Gesundheitsdienstleistungen.

Empowerment

Prozess der Stärkung, bei dem Einzelpersonen/Organisationen/Populationen durch Informiertheit und Partizipation zur Krankheitsbewältigung und zum Selbstmanagement befähigt werden.

Fatigue

Subjektives anhaltendes Erschöpfungssyndrom als Begleit- und Folgeerscheinung von schweren Erkrankungen wie Krebs oder Covid-19. Es ist abzugrenzen vom chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS). Bei der MS-Erkrankung ist Fatigue (subjektives Empfinden) von der objektiv quantifizierbaren Fatigability zu unterscheiden.

Framework

Bezugsrahmen, der die Beziehung zwischen Items und Konstrukten repräsentiert.

Freezing of Gait

Gehblockade als plötzliche Unfähigkeit zur effektive Schrittbewegung.

Gesichtsfeld

Bezeichnet den Bereich des sichtbaren Raums, den eine Person ohne Bewegung der Augen oder des Kopfes wahrnehmen kann. Es ist wichtig für die Beurteilung der Sehfunktion und kann auf neurologische Störungen hinweisen.

Gesundheitsförderung

Prozess, welcher Einzelpersonen, Organisationen und Gemeinschaften in die Lage versetzt, Kontrolle über diejenigen Faktoren zu erlangen, die ihre Gesundheit beeinflussen, damit sie ihren Gesundheitszustand verbessern können.

Interaktionsmodell

Ein weit verbreitetes Modell motorischer Handlung von Shumway-Cook und Woolacott. Es beschreibt die Wechselwirkung zwischen Individuum, Aufgabe und Umwelt.

Interdisziplinarität

Bezieht sich im neurophysiotherapeutischen Setting auf die Zusammenarbeit von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen, etwa Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut*innen, Ärzt*innen und Psycholog*innen. Ziel ist es, eine ganzheitliche Versorgung und Therapie für Personen mit neurologischen Erkrankungen sicherzustellen, indem unterschiedliche Expertisen und Ansichten kombiniert werden, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health)

Modell der Weltgesundheitsorganistaion (WHO). Ermöglicht die Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, von Behinderung und sozialer Beeinträchtigung. Professions- und länderübergreifend können damit bio-psycho-soziale Aspekte von Krankheitsfolgen unter Berücksichtigung der Kontextfaktoren systematisch erfasst werden. Die Klassifikation besteht aus mehreren Teilen: 1. Funktionsfähigkeit und Behinderung mit den Komponenten Körperfunktionen und Körperstrukturen, sowie Aktivitäten und Teilhabe. 2. Kontextfaktoren mit den Komponenten Umweltfaktoren und personbezogenen Faktoren.

ICF-Core Set

Auswahl von ICF-Kategorien- und Items unterschiedlicher hierarchischer Ebenen. Das Zusammenstellen erfolgt vor dem Hintergrund eines spezifischen Settings oder definierter Gesundheitsfragen/Diagnosen.

Kapazität

Zur Beurteilung der Einschränkung der Aktivitäten und der Partizipation werden die Leistungsfähigkeit („capacity“) und die Leistung („performance“) herangezogen. Kapazität ist Fähigkeit eines Menschen, eine Aufgabe oder eine Handlung durchzuführen. Diese kann in einer standardisierten Umwelt (z. B. Testumgebung) erfasst werden, ggf. mit Angabe von ohne/mit Assistenz/Hilfsmittel/Adaption.

KG-ZNS

„Krankengymnastische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage“ als Position im Heilmittelkatalog. Die Anwendung setzt den Erwerb (umstrittener) Zertifkate in den „Techniken“ Bobath, Vojita oder Propriozeptive Neuromuskläre Fazilitation (PNF) voraus. Mit Zunahme wissenschaftlicher Evidenz im Hinblick auf die Neuroplastizität, motorische Lernprozesse und Teilhabezielerreichung wird diese Abrechnungsposition kritisch diskutiert.“

Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS)

Komplexe und schmerzhafte (chronische) Erkrankung nach einer Verletzung oder einer Operation. Sie ist gekennzeichnet durch anhaltende Schmerzen, Schwellungen, Veränderungen der Sensibilität, Hautfarbe und Temperatur sowie eingeschränkte Beweglichkeit und/oder Motorik in einem bestimmten Körperteil.

Körperfunktionen (ICF)

Körperfunktionen nach der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) sind die physiologischen Aspekte und Funktionen des Körpers einschließlich sensorischer, muskulärer und psychischer Funktionen. Sie umfassen alles, was der Körper tut oder wie er funktioniert und dienen als Grundlage zur Beurteilung von Gesundheitszuständen und Behinderungen.

Körperschema

Bezieht sich auf die neurologische Wahrnehmung und Vorstellung des eigenen Körpers in Bezug auf seine Größe, Form und Position im Raum. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Bewegungskoordination und -kontrolle sowie bei der Fähigkeit, den eigenen Körper angemessen zu nutzen.

Locked-in-Syndrom

Neurologischer Zustand, bei dem Patient*innen bei vollem Bewusstsein sind, aber aufgrund schwerwiegender Lähmungen fast keine willkürlichen Bewegungen mehr ausführen können. In der neurophysiotherapeutischen Behandlung liegt der Schwerpunkt auf der Erhaltung und Verbesserung der verbleibenden Bewegungsfähigkeiten.

Lokomotion

Fortbewegung des Menschen

LSVT BIG

Das Lee Silverman Voice Treatment wurde von der Sprachtherapeutin Lee Silverman für Menschen mit Parkinson-Erkrankung entwickelt. Es gibt die Ansätze LOUD zur Verbesserung der Artikulation und BIG als Training von großräumigen Bewegungen.

minimal responsives Syndrom

Auch Minimal Responsive State genannt. Bezeichnet einen neurologischen Zustand, bei dem Personen minimale Anzeichen von Bewusstsein oder Reaktion auf Reize zeigen, aber keine klaren und konsistenten Zeichen von Bewusstsein oder Kommunikation aufweisen. In der neurophysiotherapeutischen Behandlung liegt der Fokus darauf, diese minimalen Reaktionen zu erkennen, zu fördern und möglicherweise in eine größere Bewusstseinsebene hin zu entwickeln.

Modell

Konzeptuelles Modell beschreibt, wie verschiedene Konstrukte in einem Konzept zusammenhängen. Modelle sind unabhängig von Theorien und werden aus empirischen Daten konstruiert.

Motorisches Lernen

Bezieht sich auf den Prozess, durch den therapiebedürftige Personen oder Sportler*innen neue Bewegungsfähigkeiten erwerben oder bestehende Fähigkeiten verbessern. Wichtig für den Erfolg ist es, die unterschiedlichen Arten des Motorischen Lernens und therapeutische Einflussfaktoren, etwa Wiederholung, Bewegungsinstruktion, Feedback usw. personzentriert anwenden zu können.

Mutismus

(Akinetischer) Mutismus ist ein Zustand, bei dem Patient:innen weder freiwillige Bewegungen noch die Fähigkeit zu sprechen zeigen, obwohl sie bei vollem Bewusstsein sein können. Dieser Zustand wird oft durch Schädigungen oder Störungen in bestimmten Gehirnregionen, insbesondere im Frontalhirn, verursacht. Es resultiert in einem erheblichen Verlust der motorischen und sprachlichen Fähigkeiten, sodass die Betroffenen praktisch bewegungslos und stumm bleiben. Akinetischer Mutismus kann durch verschiedene neurologische Erkrankungen, traumatische Hirnverletzungen oder Schlaganfälle verursacht werden.

Neglect

Wahrnehmungsstörung, die zu einer Vernachlässigung von Reizen in der kontraläsionalen (der geschädigten Hirnhälfte gegenüberliegenden) Raum- oder Körperhälfte führt, die nicht primär durch eine Beeinträchtigung der Sensorik oder Motorik zu erklären ist.

Neuroplastizität

Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und zu verändern, indem es neue Verbindungen zwischen Neuronen bildet und bestehende Verbindungen verstärkt oder abschwächt. Dieser Prozess ermöglicht das Lernen, die Anpassung an Verletzungen und die Wiederherstellung von Funktionen im Nervensystem.

Nystagmus

Unkontrollierbares, rhythmisches Zittern oder Schwingen der Augen. Dieser Zustand kann auf neurologische Probleme hinweisen und beeinflusst oft die Fähigkeit der Betroffenen, visuelle Informationen und Gleichgewicht richtig zu verarbeiten und zu koordinieren.

Orthese

Hilfsmittel, das am Körper getragen wird, um die Bewegung oder Haltung zu unterstützen, zu korrigieren oder zu stabilisieren. Es ist im Hilfsmittelverzeichnis gelistet, muss individuell ausgewählt und der Umgang erprobt werden.

Ottawa-Charta

Erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung im Jahr 1986 mit dem Ziel, unterschiedliche Strategien der Gesundheitsaufklärung, Gesundheitserziehung, Gesundheitsbildung, Gesundheitsberatung, Gesundheitsselbsthilfe sowie der Präventivmedizin anzuwenden und fortzuentwickeln.

Paradigma

Wissenschaftliche Methoden, Denkweisen und Normen, die Forscher*innen als Grundlage für ihre Forschung anerkennen bzw. Praktiker*innen im Clinical Reasoning ihrer klinischen Praxis anwenden.

Partizipation

Participation/Partizipation wird häufig als Übersetzung oder Synonym „Teilhabe“ verwendet. Es handelt sich jedoch um unterschiedliche Konstrukte. Das Konstrukt Partizipation enthält den Aspekt der Entscheidungsmacht im Sinne von Mitbestimmung sowohl in der Therapie, als auch in der Forschung.

Partizipative Entscheidungsfindung

Gemeinsame und informierte Entscheidung über medizinische oder therapeutische Ziele und Maßnahmen zwischen Kliniker*innen/Therapierenden und Betroffenen.

Performanz

Zur Beurteilung der Einschränkung der Aktivitäten und der Partizipation werden die Leistungsfähigkeit („capacity“) und die Leistung („performance“) herangezogen. Performanz/Leistung ist das, was ein Mensch in seiner gegenwärtigen tatsächlichen Umwelt tut. Die Betrachtungsweise entspricht der möglichst unbeeinflussten Verhaltensbeobachtung in Lebenssituationen.

Personzentrierung

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Pflegewissenschaft und geht auf den Psychologen Carl Rogers zurück. Er beinhaltet das Erkennen und Fördern von Fähigkeiten im Sinne des Empowerments.

Posturale Kontrolle

PK bezieht sich auf die Fähigkeit des Körpers, eine stabile Körperhaltung aufrechtzuerhalten, insbesondere während der Bewegung oder bei herausfordernden Aufgaben. Dies ist entscheidend für die Bewegungskoordination und die Vermeidung von Stürzen, was oft ein Schwerpunkt der Therapie ist.

Priming

Priming kann mit „Bahnung/Vorbereitung“ übersetzt werden und ist eine Form des impliziten Lernens. Therapierende wenden vor einer geplanten Trainingssequenz bestimmte Reize an, die zu einer unbewussten Veränderung der neuronalen Aktivierung führen.

Prognose

Bei neurologogischen Erkrankungen beeinflussen viele Faktoren die Prognose. Diese ist entscheidend für die Zielsetzung und Maßnahmenauswahl der Therapie – hinsichtlich Restitution, Kompensation oder Adaption. Prognostische Kriterien sollten im interprofessionellen Team reflektiert werden. Informationsweitergabe und Kommunikation über die Prognose erfolgen unter Berücksichtigung der ethischen, wissenschaftlichen und praktischen Perspektive.

repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS)

Nicht-invasive Technik, bei der wiederholte Magnetimpulse auf bestimmte Gehirnbereiche gerichtet werden. Dies kann zur Modulation der Gehirnaktivität genutzt werden, um neurologische Funktionen zu verbessern – beispielsweise bei Schmerzen oder motorischen Störungen.

Selbstmanagement

Medizinisches und emotionales Management einer (chronischen) Erkrankung, ihrer Symptome, Behandlung, körperlichen, psychosozialen Folgen und Veränderungen des Lebensstils durch die Betroffenen selbst.

Selbstwirksamkeit

Konzept des Psychologen Bandura als Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten und Kompetenzen einer Person im Hinblick auf die Bewältigung von Aufgabenanforderungen und Zielerreichung.

Shaping

Praxis, bei der die Übung bis zur individuellen Leistungsgrenze durchgeführt wird. Dies beinhaltet die systematische Steigerung der Anforderungen an die Aufgaben in kleinen, schrittweisen Anpassungen sowie die kontinuierliche Erhöhung der Schwierigkeitsstufe der Aufgaben.

Shared decision making

Prozess, bei dem Klienten und Professionals gemeinsam zu einer Entscheidung über die gewünschte Versorgung oder Intervention kommen. Synonym für „Partizipative Entscheidungsfindung (PEF)“ als gemeinsam getroffene und verantwortete Entscheidung über medizinisch-therapeutische Fragestellungen. Form der gleichberichtigten partnerschaftlichen Kommunikation zwischen den in den Gesundheitsberufen tätigen und den durch Krankheit betroffenen Menschen.

spinaler Schock

Zustand nach einer Rückenmarksverletzung, bei dem die normale Funktion des Rückenmarks vorübergehend beeinträchtigt ist. In dieser Phase sind oft Bewegungen und Empfindungen unterhalb der Verletzungsebene eingeschränkt oder abwesend. Die Therapie konzentriert sich darauf, die Erholung und die Wiederherstellung der Rückenmarksfunktion zu unterstützen.

Syndrom reaktiver Wachheit

Zustand, bei dem Patienten äußere Reize wahrnehmen und scheinbar auf sie reagieren, aber keine bewussten oder gezielten Handlungen ausführen können. Die Therapie zielt darauf ab, die Restfunktionen zu erhalten und zu verbessern, um die Kommunikation und die Lebensqualität zu fördern.

Taxonomie

Systematische Klassifizierung und Einteilung von Patient:Innen und ihren neurologischen Zuständen. Sie hilft Therapeut*innen dabei, Patient:Innen nach ihren spezifischen Bedürfnissen und Merkmalen zu gruppieren, um eine effektive Therapieplanung und -durchführung zu ermöglichen.

Theorie

Beschreibung eines Bündels zusammenhängender Gedanken, Hypothesen und Erklärungen. Die Theorie hilft bei der Beschreibung, Erklärung und Vorhersage von Verhalten und/oder Beziehungen zwischen Konzepten oder Ereignissen. Sowohl die Theorie als auch die Praxis sind für Professionals notwendig, aber sie sind nicht das Gleiche. Die Theorie ist das Wissen, warum etwas funktioniert, und die Praxis ist das Wissen, wie etwas auszuführen ist.

Teilhabe

Teilhabe wird häufig als Übersetzung für den englischen Begriff „Participation“ verwendet. Es handelt sich jedoch um unterschiedliche Konstrukte. Teilhabe wird als gesellschaftliches Teilhaben in den verschiedenen Lebensbereichen bzw. Eingebunden sein in gewünschte Betätigungen definiert.

Top-down-Ansatz

Partizipationsorientiertes Vorgehen bei Anamnese, Befunderhebung und Therapieplanung. Der Top-down-Ansatz bei einem Assessment und einer Intervention nimmt zunächst eine breit angelegte Sichtweise ein und betrachtet Klienten in ihrem Betätigungskontext, um zu sehen, was wichtig für diese ist.

Upper-Motor-Neuron-Syndrom

Reihe von Symptomen, welche nach Läsion des oberen Motoneurons auftreten. Dabei zeigen sich Minussymptome, etwa Paresen, sowie Plussymptome, etwa gesteigerte Eigenreflexe. Im Verlauf kommen adaptive Phänomene hinzu, beispielsweise pathophysiologische Veränderungen der Muskelfasern, die wiederum die primären Symptome negativ beeinflussen.

Virtual Reality

Bezieht sich im neurophysiotherapeutischen Setting auf den Einsatz von computergenerierten Simulationen und Umgebungen, um therapeutische Übungen und Rehabilitation in einer immersiven und kontrollierten virtuellen Umgebung durchzuführen. Dies kann dazu beitragen, die Motivation, das Engagement und die Wirksamkeit der Therapie zu steigern.

Herausgebende

Claudia Pott, M.Sc Claudia Pott ist seit 1993 Physiotherapeutin und seit 2021 Versorgungsforscherin. Besonders geprägt hat sie die Arbeit in der ambulanten interdisziplinären neurologischen Komplextherapie Neuro Reha Team-Pasing (vormals Praxis Prof. Fries) in München, wo sie fast 20 Jahre gearbeitet hat. Den Studiengang „Gesundheitswissenschaften für Medizinalfachberufe (B.A.)“ schloss sie 2014 und „Angewandte Versorgungsforschung“ (M.Sc.) 2021 ab. Seit 2014 ist Claudia als selbstständige Physiotherapeutin tätig (Therapeutisches Klettern und Hausbesuche für Neuro-Patient*innen). Claudia ist Lehrbeauftragte/Dozentin, Mitherausgeberin der Thieme-Fachzeitung physioscience und Autorin von zahlreichen Journal- und Buchbeiträgen. 2020 gründete Claudia den Verein Neuro-Reha-Netz-München – über Grenzen bewegen! (NRNM e.V.) , in dem sie als Vorstand tätig ist. Ziel ist es, die Neurologische Rehabilitation im Sinne der Betroffenen, Bezugspersonen und die interprofessionelle Zusammenarbeit der dort tätigen Menschen zu verbessern. Seit Herbst 2022 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „PARTICIPATE“ an der Technischen Hochschule Rosenheim.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Claudia Pott.

Prof. Dr. Holm Thieme Prof. Dr. Holm Thieme ist Physiotherapeut und Professor für Therapiewissenschaften an der IU Internationale Hochschule und Dozent an der Berufsfachschule für Physiotherapie in Kreischa. Nach seiner Ausbildung und neben der mehrjährigen Tätigkeit in der stationären Neurorehabilitation absolvierte er das Bachelor- und Masterstudium und promovierte 2012 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Arbeits-, Lehr- und Forschungsschwerpunkte umfassen die motorische Neurorehabilitation, Bewegungsrepräsentationstechniken (v.a. die Spiegeltherapie) aber auch die physiotherapeutische Versorgung in anderen Fachbereichen. Wichtige Anliegen sind ihm die evidenzbasierte und patient*innenenzentrierte Neurophysiotherapie sowie die Akademisierung und Professionalisierung der Therapieberufe. Er verfasste zahlreiche nationale und internationale Publikationen, ist Gutachter verschiedener internationaler Fachjournale und Mitgestalter verschiedener Leitlinien im Bereich der Neurorehabilitation.E-Mail: [email protected]

Holm Thieme.

Autor*innen

Dr. rer. biol. hum. Jeannine Bergmann, M.Sc Jeannine Bergmann ist Bewegungswissenschaftlerin und seit 2010 an der Schön Klinik Bad Aibling und seit 2011 am Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum der LMU München im Bereich der Motorikforschung tätig. Ihr Schwerpunkt liegt in der Diagnostik und Therapie von Gleichgewichts- und Gangstörungen in der Neurorehabilitation.

E-Mail: [email protected]

Jeannine Bergmann.

Tabea Böttger, Bc. NL, M.Sc Tabea Böttger ist Ergotherapeutin (M.Sc.) und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ParkNetz an der HAWK, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Sie besitzt Lehrerfahrung in Bachelor- und Masterstudiengängen und Berufserfahrung in der geriatrischen und neurologischen Rehabilitation.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Tabea Böttger.

Irmgard David Irmgard David ist Klinische Neuropsychologin und seit 20 Jahren in der Rehabilitation von hirnverletzten Menschen aktiv (zuletzt NeuroRehaTeam Pasing). Zudem ist sie als Dozentin für neuropsychologische Themen tätig.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Irmgard David.

Stephanie Elvering Stephanie Elvering ist seit 2001 Logopädin, seit 2009 in eigener Praxis. Als Bezugstherapeutin im Projekt des Hausärzteverbands und Schlaganfall-Rings Schleswig-Holstein ist sie besonders an der interprofessionellen Zusammenarbeit bei der Behandlung von Schlaganfall-Betroffenen interessiert.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Stephanie Elvering.

Dr. Ellen Freiberger Dr. Ellen Freiberger ist Sportwissenschaftlerin und Psychogerontologin. Sie arbeitet für das Institut für Biomedizin des Alterns an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ihr Hauptschwerpunkt ist Sturzforschung bei älteren Menschen.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Ellen Freiberger.

Carlos González Blum, M.Sc Carlos González Blum ist Physiotherapeut (B.Sc., DPT), M.Sc. Neurorehabilitation. Dozent der Gesundheitsschulen Südwest, Lehrbeauftragter für Neurorehabilitation an der Hochschule Furtwangen und Doktorand an der Universität Osnabrück.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Carlos González Blum.

Christoph Herrmann Christoph Herrmann ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Zusatzbezeichnungen Sozial-/Verkehrsmedzin, Rehabilitationswesen. Seit 2021 ist er Ärztlicher Leiter der Kliniken Schmieder Gailingen, einer Neurologischen Rehabilitationsklinik.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Christoph Herrmann.

Dr. med. Jürgen Herzog Jürgen Herzog ist Neurologe und Ärztlicher Direktor der Schön Klinik München- Schwabing, einem Schwerpunktkrankenhaus für Neurologische Frührehabilitation. Er lehrt u.a. an der Fresenius Hochschule München.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Jürgen Herzog.

Martin Huber, M.Sc. (Neurorehabilitation) Martin Huber ist Physiotherapeut und seit 1995 in der Neurorehabilitation tätig. Nach 15 Jahren im stationären Bereich arbeitet er seit 2010 in der ambulanten Therapie. Seit 2008 unterrichtet er an der ZHAW in Winterthur im Bachelorstudiengang Physiotherapie.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Martin Huber.

Prof. Dr. med. Klaus Jahn Klaus Jahn ist Chefarzt der Neurologie und Geriatrie an der Schön Klinik Bad Aibling. Schwerpunkt Gang, Gleichgewicht, Schwindel und Neurorehabilitation. Lehre im Fach Neurologie und Neurobiologie an der LMU München.

Email: [email protected]

Abb. 0.1 Klaus Jahn.

Dr. Claudia Kern Claudia Kern ist Physiotherapeutin und Diplom-Sportwissenschaftlerin an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der TU München im Bereich Prävention, Rehabilitation, Therapeutisches Klettern.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Claudia Kern.

Katja Krebber-Heinrich, B.Sc Katja Krebber-Heinrich ist Physiotherapeutin und hat über 25 Jahre in eigener Praxis in Berlin gearbeitet, vorwiegend mit Personen mit Parkinson. Zur Zeit besucht sie den Masterstudiengang „Master Health Professions Education“ an der Charité Berlin und unterrichtet an dem Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Katja Krebber-Heinrich.

Karen Kynast, B.Sc Karen Kynast ist Physiotherapeutin und seit 2013 im Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Paraplegiologie des Universitätsklinikums Heidelberg tätig. Die Behandlung von Menschen mit akuter und chronischer Querschnittlähmung ist ihr Tätigkeitsschwerpunkt.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Karen Kynast.

Prof. Dr. Joachim Liepert Joachim Liepert ist seit 2006 Ärztlicher Leiter für Neurorehabilitation (Phasen C und D) und Geriatrie an den Kliniken Schmieder Allensbach. Er ist ermächtigt für ambulante Botulinumtoxin-Behandlungen.E-Mail: [email protected]

Joachim Liepert.

Detlef Marks Detlef Marks arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Neurorehabilitationsklinik Zihlschlacht (CH). Er ist Mitglied des interdisziplinären Spastikteams und verantwortlich für das Management von Spastizität bei stationären Patienten. Betreuung von Studierenden, Unterstützung von Bachelor Thesen als Begleiter oder Experte.

E-Mail: [email protected]@datacomm.ch

Detlef Marks.

Katrin Rösner, B.Sc., M.Sc, cand. PhD Katrin Rösner ist Physiotherapeutin mit Lehrassistenz am Institut für Gesundheitswissenschaften der Universität zu Lübeck. Sie hat Berufserfahrung v.a. in der neurologischen Frührehabilitation mit Menschen mit schweren und schwersten Hirnschädigungen. Aktuell ist sie Promotionsstudentin an der Martin-Luther-Universität.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Katrin Rösner.

Stefan Schädler Stefan Schädler ist Physiotherapeut (FH) und hat sich auf Schwindel und Gleichgewichtsstörungen spezialisiert. Er arbeitet seit einigen Jahren in eigener Praxis in Sumiswald (CH) und ist Autor und Kursleiter in diesem Fachbereich.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Stefan Schädler.

Bettina Scheffler, B.Sc., M.Sc, cand. PhD Bettina Scheffler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Therapiewissenschaften I der BTU Cottbus-Senftenberg. Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist die Implementierung evidenzbasierter Erkenntnisse in der neurologischen Rehabilitation.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Bettina Scheffler.

Dr. med. Klaus Scheidtmann Klaus Scheidtmann ist seit 2019 Leitender Arzt in der Rehabilitation Basel, Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie. Er ist u.a. zuständig für die rehabilitative Versorgung neurologischer Patient*innen im interdisziplinären therapeutischen Team (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Neuropsychologie) sowie deren neurologisch apparative Untersuchung.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Klaus Scheidtmann.

Prof. Dr. Erwin Scherfer Erwin Scherfer ist Physiotherapeut und Sozialwissenschaftler. Er ist tätig im Studiengang Physiotherapie an der Hochschule Furtwangen und in der Praxis TheraVita in Freiburg.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Erwin Scherfer.

Prof. Dr. med. Roger Schmidt Roger Schmidt ist – über das Lurija-Institut Allensbach und die Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie, Kantonsspital St. Gallen – in Klinik, Lehre und Forschung tätig: Komorbidität neurologischer und psychischer Störungen, funktionelle neurologische Störungen, Trauma in der Medizin, interdisziplinäre, integrative Diagnostik und Therapie.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Roger Schmidt.

Jakob Tiebel Jakob Tiebel ist Ergotherapeut und hat ein Studium in angewandter Psychologie mit Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft absolviert. Er forscht und publiziert zum Theorie-Praxis-Transfer in der Neurorehabilitation und ist Inhaber von Native.Health, einer Agentur für digitales Gesundheitsmarketing.

E-Mail: [email protected]

Abb. 0.1 Jakob Tiebel.

Elke van Alen Elke van Alen ist Orthoptistin in einer Augenarztpraxis. Sie hat eine Weiterbildung für Diagnostik und Versorgung von neurologischen Patienten, insbesondere mit erworbenen Sehstörungen nach Hirnschädigungen.

Email: [email protected]

Abb. 0.1 Elke van Alen.

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Vorwort

Hinweis zum Gendern

Danksagung

Geleitwort

Abkürzungsverzeichnis

Glossar

Herausgebende

Autor*innen

1 Geschichte der Neurophysiotherapie

1.1 Entwicklung der Übungstherapie bei Hirnverletzten im 20. Jahrhundert

1.2 Aktuelle Ansätze der Physiotherapie in der Neurologie

1.3 Literatur

2 Grundannahmen der Physiotherapie in der Neurologie

2.1 Werte, Wissen, Kontext

2.1.1 Beispiel für die Dimension Werte

2.1.2 Beispiel für die Dimension Wissen

2.1.3 Beispiel für die Dimension Kontext

2.2 Das biopsychoökosoziale Verständnis von Gesundheit und Krankheit

2.2.1 Vom biomedizinischen zum biopsychoökosozialen Ansatz

2.2.2 WHO-Konferenzen

2.2.3 Integrative Gesundheitsversorgung

2.3 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

2.3.1 Aufbau der ICF

2.3.2 Codierungsrichtlinien in der ICF

2.3.3 ICF-Core-Sets

2.3.4 Quantifizierung

2.3.5 Leistungsfähigkeit und Leistung

2.4 Teilhabeorientierung und Top-down-Modell

2.5 Personzentrierung

2.6 Inter- und Transdisziplinarität

2.7 „Best Practice“ – evidenzinformiert statt evidenzbasiert?

2.8 Bezugssysteme der neurologischen Physiotherapie

2.8.1 Das Neue Denkmodell

2.8.2 Der System-Ansatz

2.8.3 Zusammenfassung

2.9 Literatur

3 Das Nervensystem und seine Störungen

3.1 Einleitung

3.2 Das zentrale Nervensystem und seine Funktionsstörungen

3.2.1 Struktur, Aufbau und Funktionsweise: Neuroanatomie und -physiologie im Überblick

3.2.2 Plastizität des ZNS: aktuelle Theorien und praktische Bedeutung

3.2.3 Diagnosegruppen und Krankheitsbilder des ZNS

3.2.4 Typische Störungsbilder bei ZNS-Erkrankungen

3.3 Das periphere Nervensystem und seine Funktionsstörungen

3.3.1 Struktur, Aufbau und Funktionsweise: Neuroanatomie und -physiologie im Überblick

3.3.2 Plastizität des PNS: aktuelle Theorien und praktische Bedeutung

3.3.3 Diagnosegruppen und Krankheitsbilder des PNS

3.3.4 Typische Störungsbilder bei PNS-Erkrankungen

3.4 Das vegetative Nervensystem und seine Funktionsstörungen

3.4.1 Vegetative Störungen im Rahmen neurologischer Erkrankungen

4 Motorisches Lernen in der Neurorehabilitation

4.1 Einleitung

4.2 Das Lernrad als Bezugsrahmenmodell

4.2.1 Clinical Reasoning (CR)

4.2.2 MOZArT

4.2.3 Lernformen

4.2.4 Lernphasen

4.2.5 Transfer

4.2.6 Motivation

4.2.7 Instruktion

4.2.8 Feedback

4.2.9 Intensität der Therapie

4.2.10 Lernstrategien

4.3 Zusammenfassung

4.4 Literatur

5 Ärztliche neurologische Untersuchung

5.1 Anamnese

5.2 Klinisch-neurologische Untersuchung

5.2.1 Inspektion

5.2.2 Untersuchung von Kopf und Gesicht

5.2.3 Reflexe

5.2.4 Motorisches System

5.2.5 Koordination

5.2.6 Sensibilität

5.2.7 Vegetatives Nervensystem

5.3 Apparative Diagnostik

5.3.1 Elektroenzephalografie

5.3.2 Elektromyografie

5.3.3 Elektroneurografie

5.3.4 Evozierte Potenziale

5.3.5 Transkranielle Magnetstimulation – motorisch evozierte Potenziale

5.3.6 Liquoruntersuchung

5.3.7 Sonografie

5.3.8 Zerebrale Bildgebung

5.3.9 Magnetresonanztomografie

5.4 Literatur

6 Physiotherapeutische Untersuchung

6.1 Allgemeine Prinzipien

6.1.1 Historische Entwicklung

6.1.2 Clinical Reasoning

6.1.3 Assessments

6.2 Allgemeines Vorgehen

6.2.1 Praktische Umsetzung

6.2.2 Anamnese

6.3 Untersuchung auf Aktivitätsebene

6.3.1 Untersuchung der Lokomotionsfähigkeiten

6.3.2 Untersuchung der posturalen Kontrolle

6.3.3 Untersuchung der Manipulationsfähigkeit

6.4 Untersuchung auf Struktur- und Funktionsebene

6.4.1 Untersuchung der Motorik

6.4.2 Untersuchung der Sensibilität

6.4.3 Funktionsübergreifende Assessments

6.4.4 Zusätzliche Untersuchungen

6.5 Zusatzuntersuchungen

6.5.1 Überblick

6.5.2 Störungsbildspezifische Untersuchungen

6.6 Zieldefinition

6.6.1 Zielsetzung

6.6.2 Messung der Zielerreichung

6.7 Behandlungsplanung

6.8 Literatur

7 Bewusstseinsstörungen und deren Behandlung

7.1 Spezielle medizinische Herausforderungen in der Rehabilitation von Bewusstseinsstörungen

7.1.1 Spezielle Krankheitsbilder bei schweren Bewusstseinstörungen

7.1.2 Klinische Syndrome von Bewusstseinsstörungen

7.1.3 Diagnostik und Prognose

7.2 Spezielle physiotherapeutische Herausforderungen in der Rehabilitation von Bewusstseinsstörungen

7.2.1 Besonderheiten der physiotherapeutischen Untersuchung von Menschen mit Bewusstseinsstörungen

7.2.2 Zielstellungen nach klinischen Syndromen und Prognosen von Bewusstseinsstörungen

7.2.3 Physiotherapeutische Maßnahmen

7.2.4 Multimodale Therapiemaßnahmen

7.2.5 Nicht invasive experimentelle Interventionen

7.3 Literatur

8 Lokomotionsstörungen

8.1 Einführung

8.1.1 Systematische Beschreibung des menschlichen Gangs

8.1.2 Zusammenfassung

8.2 Grundlagen für eine erfolgreiche Lokomotion

8.2.1 Anpassungsfähigkeit

8.2.2 Räumlich-temporäre Parameter des menschlichen Gangs

8.2.3 Was macht erfolgreiches Gehen aus?

8.2.4 Zusammenfassung

8.3 Strukturelle und funktionelle Voraussetzungen

8.3.1 Sensibilität und Wahrnehmung

8.3.2 Kognition, Emotion und Motivation

8.3.3 Kardiovaskuläre, respiratorische und metabolische Funktion

8.3.4 Kraft und neuronale Kontrolle des Gehens

8.3.5 Der menschliche Gangzyklus und seine Phasen

8.3.6 Minimaler Energieverbrauch beim Gehen

8.3.7 Ausdauer beim außerhäuslichen Gehen

8.3.8 Zusammenfassung

8.4 Folgen von ZNS-Erkrankungen für Körperstrukturen, -funktionen und Gehfähigkeit

8.4.1 Kraftverlust und herabgesetzte Ansteuerung

8.4.2 Verminderte Ausdauer und Dekonditionierung

8.4.3 Spastik

8.4.4 Sensorische Beeinträchtigungen

8.4.5 Extrapyramidale Störungen und Freezing of Gait

8.4.6 Adaptive Phänomene

8.4.7 Kontrakturen

8.4.8 Zusammenfassung

8.5 Physiotherapeutisches Clinical Reasoning bei Lokomotionsstörungen

8.5.1 Prognostische Faktoren

8.5.2 Zusammenfassung

8.6 Physiotherapie auf struktureller und funktioneller Ebene

8.6.1 Die Beziehung zwischen Körperstrukturen, -funktionen, Aktivitäten und Partizipation

8.6.2 Klassifizieren von ICF-Untersuchungsbefunden am Beispiel einer Gehstörung

8.6.3 Wiedererlangen der Gehfähigkeit

8.6.4 Körperstrukturen und -funktionen zur Verbesserung der Gehfähigkeit

8.6.5 Zusammenfassung

8.7 Physiotherapie auf Aktivitätsebene

8.7.1 Patient und Patientin im Mittelpunkt

8.7.2 „Hands on“ vs. „Hands off“

8.7.3 Quantität und Qualität

8.7.4 Training der Ganganpassungsfähigkeit

8.7.5 Treppensteigen

8.7.6 Aufstehen

8.7.7 Transfer

8.7.8 Das motorische Lernen in der Gangrehabilitation

8.7.9 Andere relevante Prinzipien für das motorische Lernen zur Lokomotion

8.7.10 Evidenzbasierte Interventionen zur Lokomotion nach Schlaganfall

8.7.11 Evidenz neurophysiologischer Behandlungen in der Gangrehabilitation

8.7.12 Konventionelles Gangtraining

8.7.13 Evidenzbasierte Interventionen zur Lokomotion bei Multipler Sklerose

8.7.14 Evidenzbasierte Interventionen zur Lokomotion bei Parkinson-Krankheit

8.7.15 Zusammenfassung

8.8 Physiotherapie auf Partizipationsebene

8.8.1 Einführung

8.8.2 Außerhäusliches Gehen als physische Aktivität

8.8.3 Community Ambulation

8.8.4 Gangbezogene Teilhabe (Gait-related Participation)

8.8.5 Außerhäusliche Mobilität

8.8.6 Evidenzbasierung auf Teilhabeebene

8.8.7 Leitlinie Partizipation

8.8.8 Kontextfaktoren

8.8.9 Zusammenfassung

8.9 Hilfsmittel

8.9.1 Einführung

8.9.2 Fortbewegung zu Fuß

8.9.3 Gehhilfen

8.9.4 Knie-Knöchel-Fuß-Unterstützung und Knie-Unterstützung

8.9.5 Fortbewegung mittels Rollstuhl

8.9.6 Zusammenfassung

8.9.7 Ausblick

8.10 Literatur

9 Posturale Kontrolle (PK)

9.1 Einführung

9.1.1 Posturale Kontrolle: Damit wir nicht fallen – und noch mehr

9.1.2 Wie ist die PK definiert?

9.1.3 Modell von Horak

9.1.4 Interaktionsmodell

9.2 Grundlagen für eine erfolgreiche posturale Kontrolle

9.2.1 Bezugsrahmenmodelle

9.3 Typische Veränderungen der posturalen Kontrolle nach Erkrankungen des Nervensystems

9.4 Clinical Reasoning der Physiotherapie bei Störungen der posturalen Kontrolle

9.4.1 BESTest als zentrales Assessment

9.5 Physiotherapie auf struktureller und funktioneller Ebene

9.5.1 Evidenz zum Krafttraining – nie nur Krafttraining allein

9.6 Physiotherapie auf Aktivitäts- und Partizipationsebene

9.6.1 Gezielte Gestaltung der Aufgabe

9.6.2 Gezielte Gestaltung der Umwelt

9.6.3 Anwendungsbeispiel der Systematik

9.6.4 Evidenz – Belege für die Therapiewirksamkeit spezifischer PK-Aspekte

9.7 Hilfsmittel

9.7.1 Unterstützung im Liegen

9.7.2 Passive Vertikalisierung aus dem Liegen

9.7.3 Vom Sitz zum Stand

9.7.4 Transfer

9.7.5 Rollstühle

9.7.6 Gehen auf dem Boden

9.8 Literatur

10 Störungen der Manipulationsfähigkeit und deren Behandlung

10.1 Interaktionsmodell

10.2 Grundlagen erfolgreicher Manipulationsfähigkeit

10.2.1 Ziellokalisierung

10.2.2 Kontrolle von Reichbewegungen

10.2.3 Kontrolle von Greifbewegungen

10.2.4 Koordination von Reich- und Greifbewegungen

10.2.5 Kontrolle von In-Hand-Manipulation

10.2.6 Neuronale und motorische Kontrolle von Arm- und Handbewegungen

10.3 Strukturelle und funktionelle Voraussetzungen

10.3.1 Motorische Funktionen

10.3.2 Sensorische Funktionen

10.3.3 Einfluss der Kognition

10.4 Typische Veränderungen der Manipulationsfähigkeit nach Erkrankungen des Nervensystems

10.4.1 Klassifikation von Schädigungen

10.4.2 Bewegungsstörungen der oberen Extremität bei neurologischen Schädigungen

10.5 Clinical Reasoning der Physiotherapie bei Manipulationsstörungen

10.5.1 Top-down-Ansatz

10.5.2 Untersuchung und Interpretation der Ergebnisse

10.5.3 Partizipation

10.5.4 Aktivität

10.5.5 Funktion

10.5.6 Interpretation der Untersuchungsergebnisse

10.5.7 Prognose

10.5.8 Physiotherapie bei Störungen der Manipulationsfähigkeit nach neurologischen Erkrankungen

10.6 Physiotherapie auf struktureller und funktioneller Ebene

10.6.1 Roboter- und elektromechanisch assistierte Therapie

10.6.2 Spiegeltherapie

10.6.3 Elektrische Stimulation

10.6.4 Manuell assistierte Therapie

10.6.5 Isoliertes Muskelkrafttraining

10.6.6 Mentales Training und Bewegungsbeobachtung

10.6.7 Therapie sensorischer Einschränkungen

10.6.8 Passive Maßnahmen

10.7 Physiotherapie auf Aktivitäts- und Partizipationsebene

10.7.1 Aufgabenspezifisches Training

10.7.2 Armfähigkeitstraining

10.7.3 Constraint Induced Movement Therapy (CIMT)

10.7.4 Therapie in virtueller Realität

10.7.5 Möglichkeiten der Therapieintensivierung

10.7.6 Gruppentherapie

10.7.7 Eigentraining

10.7.8 Kompensatorische und adaptive Interventionen

10.7.9 Entscheidungshilfe

10.8 Personen- und Umweltfaktoren

10.9 Hilfsmittel

10.9.1 Orthesen

10.9.2 Alltagshilfen

10.10 Literatur

11 Spezifische Aspekte der Neurorehabilitation

11.1 Spezielle Störungen und Probleme

11.1.1 Schwindel

11.1.2 Schmerzen

11.1.3 Fazialisparese

11.1.4 Sturzgefährdung und Sturzprävention

11.1.5 Querschnittsyndrom

11.1.6 Visuelle Störungen

11.1.7 Neuropsychologische Störungen

11.1.8 Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen

11.1.9 Psychiatrische Störungen und psychoemotionale Faktoren

11.2 Selbstmanagement

11.2.1 Einleitung

11.2.2 Was versteht man unter Selbstmanagement?

11.2.3 Selbsthilfegruppen

11.2.4 Zusammenfassung

11.2.5 Literatur

11.3 Sport und Training bei neurologischen Erkrankungen

11.3.1 Einleitung

11.3.2 Trainingswissenschaftliche Grundlagen

11.3.3 Körperliche Aktivität und Sport bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen

11.3.4 Zusammenfassung

11.3.5 Literatur

11.4 Medizinische Maßnahmen und deren Einfluss auf die Physiotherapie in der Neurologie

11.4.1 Einführung

11.4.2 Medikamente

11.4.3 Stimulationsverfahren von Hirn und Rückenmark

11.4.4 Neurochirurgische und orthopädische Verfahren zur Korrektur von Fehlstellungen/Verkürzungen

11.4.5 Zusammenfassung

11.4.6 Literatur

11.5 Digital Health – Einfluss digitaler Informations- und Kommunikationstechnologie auf die Physiotherapie in der Neurologie

11.5.1 Digitalisierung im Gesundheitswesen

11.5.2 Digitalisierung und Gesundheitsökonomie

11.5.3 Informations- und Kommunikationstechnologien im Kontext Digital Health

11.5.4 Wirksamkeit und Evidenz

11.5.5 Praktische Implikationen für Therapierende

11.5.6 Zusammenfassung

11.5.7 Literatur

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum/Access Code

1 Geschichte der Neurophysiotherapie

Holm Thieme

Der genaue Beginn der „Physiotherapie in der Neurologie“ ist schwer zu datieren. Passive Maßnahmen und Übungstherapien werden seit vielen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden zur Behandlung diverser Erkrankungen eingesetzt und es gibt bereits aus der Antike eine Reihe von Berichten zur Behandlung von Personen nach Hirn- oder Nervenerkrankungen und -verletzungen. Aus der Nachantike stammen teils detaillierte Beschreibungen über die Behandlung von Lähmungen. Beginnend mit einem Aderlass wurden Massagen, Bäder oder Wärmepackungen mit heißem Meeressand empfohlen und damit physikalische Maßnahmen eingesetzt. Die detaillierte Beschreibung krankengymnastischer Übungen aus dem 1.–2. Jh. n. Chr., die durch den Arzt Caelius Aurelianus überliefert wurde und vermutlich auf den 200 Jahre vorher lebenden Soranus von Ephesus zurückgeht, lautet:

„Gelähmte Finger werden einzeln bewegt, nachdem man sie mit Wachs und den oben erwähnten Umschlägen erweicht hat. Ist die ganze Hand gelähmt, so braucht man bleierne Hanteln, an deren ihren Kräften angepasstem Gewicht sich die Kranken kräftig üben müssen. Wenn die Beine gelähmt sind, bringe man die Kranken dazu, dass sie aus eigenem Antrieb Streck- und Beugeübungen machen, aber mit der besonderen Weisung, dass sie nicht nur an sich passive Bewegungen machen lassen, sondern sich auch fest auf ihre Beine zu stützen bemühen. Dabei sind folgende Kunstgriffe zu beobachten. Wenn der Kranke liegt, ist an dem Bein eine Binde zu befestigen, von der ein Zipfel über eine darüber aufgehängte Rolle geführt wird. Jetzt wird von einem Gehilfen oder dem Kranken die Bewegung demonstriert, die bei angezogener Binde das Bein hebt, bei nachlassender senkt.“ ▶ [4]

Die Parallelen zu einer mechanisch unterstützen Gangtherapie und zum Krafttraining nach einem Schlaganfall sind unverkennbar. Auch Stehversuche aus einem Barbierstuhl und Gangversuche an Gehwagen oder über unebene Untergründe wurden schon aus dieser Zeit überliefert.

Massagen und Bäder waren seit jeher ein viel genutztes und in vielen Kulturen gepflegtes Mittel zur Behandlung auch neurologischer Erkrankungen. Auch andere passive Maßnahmen wie die Elektrotherapie wurden seit Beginn des 19. Jh. zunehmend therapeutisch eingesetzt. So entwickelte der Arzt Robert Remak (1815–1865) Geräte zur Gleichstrombehandlung und setzte diese gegen Spastik und Lähmungen, aber z.B. auch bei der Parkinson-Krankheit ein ▶ [15].

1.1 Entwicklung der Übungstherapie bei Hirnverletzten im 20. Jahrhundert

Die moderne Physiotherapie im Sinne einer Übungsbehandlung nahm Ende des 19. Jahrhunderts konkrete Formen an. Besonders die von Schweden ausgehende Heilgymnastik und das Training an Geräten verbreitete sich in Europa schnell. So sind die „Zander-Apparate“ wohl der Beginn einer gezielten Übungstherapie an Geräten, die auf den schwedischen Arzt Zander zurückgeht. Der Schweizer Arzt Heinrich Frenkel (1860–1931) kann wohl als ein Begründer einer neurologischen Physiotherapie gelten. Frenkel zeichnete sich vor allem durch seine Schriften zur Behandlung ataktischer Bewegungsstörungen als Folge der Neurolues aus. Dabei beschrieb er bereits Konzepte der Neuroplastizität als Folge motorischer Lernprozesse und deren Prinzipien. So seien 3 Dinge besonders wichtig in der Übungsbehandlung ▶ [7]:

ein Vorstellungsbild der Bewegung

die Aufmerksamkeit auf die Aufgabe

häufiges Wiederholen

Auch das Nutzen externer Hinweisreize wurde unter Frenkel etabliert, beispielsweise vorgegebene Fußspuren auf dem Boden zur Gangtherapie ▶ [7]. Otfrid Förster (1873–1941) war Neurologe in Breslau und setzte sich intensiv mit der motorischen Therapie innerhalb der Neurologie auseinander. Er veröffentlichte mehrere umfangreiche Beiträge hierzu ▶ [8], ▶ [9]. Darin schlug er folgende Behandlungsprinzipien bei zentralen Paresen vor:

passive Mobilisation von Gelenken und Dehnung der Muskulatur, welche zu Kontrakturen neigen

Lagerungen zur Vermeidung spastischer Kontrakturen, inkl. Schienenlagerung in Dehnstellung

Aktive Bewegungsübungen mit dem Fokus auf repetitive selbst initiierte Bewegungen, wobei zu große Anstrengungen vermieden werden sollten, um extrapyramidale Synergien zu vermeiden.

Homologe Mitbewegungen, was das gleichzeitige Bewegen der weniger betroffenen Extremität in gleicher Weise meint und zur Bewegungsanregung der paretischen Seite führen soll.

Minimierung des antagonistischen Widerstandes, beispielsweise durch Trainieren in Positionen, in denen die antagonistischen Muskeln angenähert sind.

Ausnutzen von Reflexen, beispielsweise dem Bestreichen der Fußsohle zur Auslösung einer Dorsalextension im Sprunggelenk.

Mit diesen Prinzipien legt Förster eine erste umfangreiche Systematik der motorischen Übungstherapie bei Personen mit zentralen motorischen Lähmungen vor, und einige dieser Prinzipien haben nach aktuellem Verständnis und aktueller Evidenz auch heute noch ihre Berechtigung.

In den 1950er und 1960er Jahren entwickelten sich die reflexbasierten neurofazilitatorischen Ansätze wie Bobath, Brunnstrom, Rood oder PNF, die zum Teil heute noch die Behandlung bei neurologischen Erkrankungen dominieren ▶ [17]. Diesen Ansätzen lagen unter anderem folgende Annahmen zu Grunde:

Normale Bewegung ergibt sich aus reflektorischen Ketten, welche hierarchisch organisiert sind. Das bedeutet, dass die normale Bewegung an die Funktion der „höchsten“ ZNS-Instanz, dem Kortex, gebunden ist, welcher tiefer liegende Regionen wie den Hirnstamm und das Rückenmark kontrolliert.

Sensorische Informationen stimulieren und fördern normales Bewegen.

Grundlage für abnorme Bewegungen sind demnach gestörte Reflexmechanismen, sodass z.B. eine kortikale Schädigung abnorme Reflexmuster auf niederer Ebene „enthemmt“ und zu abnormen Bewegungen führt.

Somit sind die abnormen Bewegungsmuster das direkte Ergebnis der kortikalen Läsion und keine Folge der Läsion oder ihrer Kompensation.

Daher kann eine Funktionserholung nur geschehen, wenn höhere ZNS-Zentren die Kontrolle über niedere Zentren wiedererlangen.

Eine der ersten Physiotherapeutinnen, die sich intensiv mit der Behandlung von Menschen mit neurologischen Erkrankungen auseinandergesetzt hat, war Berta Bobath (1907–1991). Das Bobath-Konzept ist in verschiedenen mehr oder weniger gut definierten Abwandlungen, auch heute noch weit verbreitet und wird zum Teil als das zentrale Konzept der neurologischen Physiotherapie verstanden. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Karel Bobath (1906–1991), entwickelte Berta Bobath systematische Untersuchungs- und Behandlungskonzepte – anfangs für Kinder mit Zerebralparese, später auch für Erwachsene. Besonders wichtig schien ihr dabei, die betroffenen Funktionen wiederherzustellen, anstatt auf eine eher kompensatorische Rehabilitationsstrategie zu setzen, welche in den 1950er und 1960er Jahren des 20. Jh. noch weit verbreitet war ▶ [1]. Kern der Behandlung von Kindern mit Zerebralparese war dabei die Inhibition (Hemmung) abnormaler Reflexaktivität und die Fazilitation (Bahnung) einer normalen Bewegung, vor dem Hintergrund, dass erst ein normaler Muskeltonus auch eine normale Bewegung ermöglicht ▶ [2]:

„Das Ziel der Behandlung sollte die Hemmung der abnormen Bewegungsmuster des Patienten sein. Man darf sie nicht beim Bemühen, Muskeln zu kräftigen, verstärken und wiederholen, weil es unmöglich ist, einem abnormen Muster ein normales zu überlagern. Wir müssen daher die abnormen Muster unterdrücken, ehe die normalen gebahnt werden können.“ ▶ [1].

Die Therapie bestand aus reflexhemmenden Positionen, die über das Behandeln (proximaler) Schlüsselpunkte unterstützt wurde. Aus diesen Positionen heraus sollten normale Bewegungsmuster erfolgen ▶ [2]. Eine weitere wichtige Grundlage war die Orientierung an der „normalen“ ontogenetischen Entwicklung des Kindes, wobei hier ein Durchlaufen aller bedeutsamen Bewegungsmuster der kindlichen Entwicklung im Sinne einer „normalen“ Bewegungsperformanz angestrebt wurde. Dies übertrugen die Bobaths auch auf Erwachsene mit z.B. Hemiplegie, sodass auch diese die kindlichen motorischen Entwicklungsschritte in normalen Bewegungsmustern aufeinander aufbauend durchlaufen sollten, bevor höhere Aktivitäten wie das Gehen angestrebt und über Schlüsselpunkte fazilitiert wurden. Des Weiteren sahen die Bobaths einen normalen sensorischen, beispielsweise taktilen oder propriozeptiven, Input als wichtige Voraussetzung für ein normales Bewegen an ▶ [1], ▶ [2].

Weitere wichtige Akteure in der Formulierung von Behandlungskonzepten innerhalb der neurologischen Physiotherapie waren Dr. Herman Kabat (1913–1995) und Margaret „Maggie“ Knott (1913–1978) aus den USA. In den 1940er und 1950er Jahren entwickelten sie die „Propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation“ (PNF), welche auf neurophysiologischen Erkenntnissen der Zeit, v.a. des Neurophysiologen Charles Scott Sherrington (1857–1952), und Beobachtungen des diagonalen Bewegungsverhaltens von Sportlern basierte. Hierbei werden unter Anwendung verschiedener Grundprinzipien Bewegungen innerhalb von dreidimensionalen Bewegungsmustern (Diagonalen) beübt. Die Grundprinzipien hierbei sind ▶ [10]:

die Anwendung exterozeptiver Reize, v.a. der taktile Stimulus durch manuellen Kontakt und spezielle Grifftechniken, der visuelle Stimulus durch das Beobachten der Bewegung und der verbale Stimulus im Sinne eines Kommandos

propriozeptive Reize im Sinne einer Vordehnung und eines Dehnreizes zu Beginn und während der Bewegung, Traktion oder Approximation als Gelenkstimuli und ein angepasster Widerstand (anfangs maximaler Widerstand genannt)

die Bewegungsdiagonalen im Sinne von diagonal-spiralförmigen funktionellen Grundbewegungen

die zeitliche und räumliche Summation der Reize

die Irradiation im Sinne einer Ausdehnung bzw. Verbreitung der Muskelkontraktionen innerhalb von Muskelketten oder zwischen Körperregionen

Auf diesen Prinzipien aufbauend entwickelte sich die PNF fortlaufend, ausgehend vom Einsatz bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen, über die Behandlung von zerebral geschädigten Kindern bis hinein in die Fachbereiche der Orthopädie, Chirurgie und Rheumatologie.

Als drittes dieser in Deutschland verbreiteten Konzepte innerhalb der neurologischen Physiotherapie gilt die Vojta-Therapie. Prof. Dr. Václav Vojta (1917–2000), ein tschechischer Arzt, entwickelte diese Methode zwischen 1950 und 1970, basierend auf der Idee der Reflexlokomotion. Vojta beobachtete, dass er verschiedene Bewegungsmuster wie das Kriechen oder Umdrehen durch Setzen von Reizen in bestimmten Körperlagen von zerebralparetischen Kindern wiederholt auslösen konnte. Da die Kinder diese Bewegungen spontan jedoch nicht zeigten, ging er von einer funktionellen Blockade innerhalb der Bewegungsentwicklung aus. Bei der Vojta-Therapie wird gezielt Druck auf bestimmte Körperregionen in Bauch-, Rücken- oder Seitenlage der Behandelten gegeben, welche automatisch zu 2 Bewegungskomplexen führen sollen: dem Reflexkriechen und dem Reflexumdrehen. Darüber sollen Muskelfunktionen aktiviert werden und durch wiederholtes Auslösen dieser „reflexartigen“ Bewegungen eine Freischaltung oder Neubahnung der blockierten neuralen Netzwerke zwischen Gehirn und Rückenmark stattfinden (siehe auch Internationale Vojta Gesellschaft ▶ [12]).

In Deutschland bilden diese 3 Konzepte oder Methoden die Basis für die im Heilmittelkatalog wie folgt beschriebene krankengymnastische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage KG-ZNS, welche vorzugsweise als Physiotherapie bei zentralen neurologischen Erkrankungen verordnet wird ▶ [11]:

„Zur Behandlung von ZNS-Erkrankungen einschließlich des Rückenmarks und neuromuskulärer Erkrankungen nach Vollendung des 18. Lebensjahres, zur Förderung und Erleichterung des Bewegungsablaufs durch Einsatz komplexer Bewegungsmuster, Bahnung von Innervation und Bewegungsabläufen und Förderung oder Hemmung von Reflexen unter Einsatz der Techniken nach Bobath, Vojta oder PNF (propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation).“

Mit der Zunahme wissenschaftlicher Erkenntnisse und der folgenden veränderten Sicht auf die Organisation, Plastizität und Reorganisation des Gehirns, die motorische Kontrolle und die motorischen Lernprozesse sowie die Schwerpunkte der motorischen Therapie nach Hirnschädigungen wurden verschiedene Grundlagen der reflexbasierten neurofazilitatorischen Ansätze und Konzepte überdacht, revidiert und kritisch diskutiert. Dabei gab und gibt es sowohl Bestrebungen, die Konzepte und ihre Bedeutsamkeit in der Entwicklung der neurologischen Physiotherapie zu würdigen, jedoch aktuelle evidenzbasierte Ansätze der Therapie zu fokussieren, als auch die Konzepte als solche an aktuelle Evidenz anzupassen und neu zu definieren. Bereits Bertha Bobath merkte hierzu an ▶ [1]:

„Wir alle lernen aus der Behandlung und ändern unsere Behandlungsart entsprechend unserem wachsenden Wissen und der Erfahrung, die wir aus den Reaktionen unserer Patienten auf unsere Behandlung gewonnen haben. Diese Änderungen sind gut, notwendig und sollten weitergeführt werden. Das Konzept aber, aus dem sie entstanden sind, sollte intakt bleiben. Darauf sollte man aufbauen und es noch erweitern.“

Nach aktuellen Annahmen sollte eine therapeutische Intervention sich weitestmöglich auf wissenschaftliche Evidenzen stützen und ihre Wirksamkeit in methodisch hochwertigen Untersuchungen demonstriert haben. In diesem Sinne steht im Sozialgesetzbuch V ▶ [16]: „Qualität und Wirksamkeit der Leistungen haben dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse zu entsprechen und den medizinischen Fortschritt zu berücksichtigen.“

Bezüglich dieser Entwicklungen und der herausgehobenen Stellung der reflexbasierten neurofazilitatorischen Ansätze nach Bobath, Vojta und PNF, sollten folgende Empfehlungen aktueller Leitlinien zur Rehabilitation nach Schlaganfall zur Diskussion anregen:

„Eine überlegene Wirksamkeit einer der länger bekannten therapeutischen Schulen gegenüber einer anderen lässt sich für die Armrehabilitation aus der beurteilten Literatur nicht ableiten. Gegenüber anderen spezifischen Therapieformen waren sie – soweit untersucht – hinsichtlich ihrer Wirksamkeit entweder vergleichbar oder unterlegen. Eine Empfehlung für eine der Schulen (Bobath, PNF, „traditionelle Techniken“) kann nicht gegeben werden.“ ▶ [14]

Auch Dohle et al. können keine Empfehlung dafür geben, Bobath gegenüber einer spezifischen Therapie bei subakuten und/oder chronischen Patienten vorzuziehen, um die Gehfähigkeit, Gehgeschwindigkeit, Gehstrecke und oder Balance zu verbessern ▶ [5].

Mayston plädiert daher eher für einen integrativen Ansatz der Neurorehabilitation, der nicht auf einzelnen Konzepten oder Ansätzen basiert, sondern vielmehr klient*innenbasiert ist und auf einer soliden theoretischen und wenn möglich wissenschaftlichen Basis fußt ▶ [13]: „Dies negiert nicht die Praxis und Lehre einer auf Bobath basierenden Therapie, benötigt jedoch einen Wechsel des Blickwinkels, um Bobath als Beitragende zu einer klient*innenbasierten Neurorehabilitation zu würdigen, nicht als führende Spielerin, welche für alle Zeiten im Mittelpunkt der Bühne stehen möchte.“

1.2 Aktuelle Ansätze der Physiotherapie in der Neurologie

Seit Ende der 1980er Jahre entwickelten sich neben den etablierten Konzepten und auf der Grundlage systemischer Ansätze zur motorischen Kontrolle und zunehmender Evidenz zur Effektivität therapeutischer Interventionen die aufgabenorientierten Ansätze der Neurophysiotherapie. Beispielhaft seien hier das Motor Relearning Program der australischen Physiotherapeutinnen Janet Carr und Roberta Shepherd ▶ [3] oder der systemische Ansatz von Shumway-Cook und Woollacott ▶ [18] genannt. Im deutschsprachigen Raum war vor allem Susanna Freivogel ▶ [6] eine Vorreiterin dieser Ansätze, welche sie in der Therapie nach Schädel-Hirn-Traumata einsetzte und beschrieb. Grundlegende Annahmen hierbei sind ▶ [17]:

Normale Bewegung entsteht aus der Interaktion verschiedener Systeme, wobei jedes zu verschiedenen Aspekten der motorischen Kontrolle beiträgt.

Bewegung ist um ein Verhaltensziel herum organisiert und durch die Umwelt beeinflusst. Daher haben sensorische Informationen nicht nur eine Funktion innerhalb einer Stimulus-Antwort-Kette, sondern sind bedeutend für eine antizipatorische und adaptive Bewegungskontrolle.

Bewegungsprobleme resultieren von Schädigungen innerhalb eines oder mehrerer Systeme der Bewegungskontrolle.

Angepasste („abnorme“) Bewegungsmuster sind das bestmögliche Ergebnis der verbliebenen Systeme, um Verhaltensziele zu erreichen, also eine Kompensation des Funktionsverlustes und daher durchaus funktional.

Diese Denkweise führte dazu, dass man sich beim Training der Bewegungskontrolle vor allem auf funktionelle Aufgaben statt auf Bewegungsmuster konzentrierte. Die Betroffenen sollen aktiv Problemlösungsstrategien innerhalb funktioneller Aufgaben erlernen, statt normale Bewegungsmuster zu wiederholen. Anpassungsstrategien an Veränderungen innerhalb der Umwelt sind ein wichtiger Baustein der Funktionserholung. Daher besteht das Ziel darin, die erkrankten Personen beim Erlernen variabler Lösungsansätze zur Erreichung von Aufgabenzielen zu unterstützen ▶ [17].

Innerhalb dieser aufgabenorientierten Ansätze liegt der Fokus auf funktionellen Aktivitäten wie der Mobilität, den Manipulationsfähigkeiten oder der posturalen Kontrolle von Sitz, Stand und Gang. Spastik und abnorme Bewegungsmuster werden nicht als primäre Ansatzpunkte der Therapie begriffen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass ein Training motorischer Aktivitäten und Aufgaben im Fokus steht und Adaptations- und Kompensationsstrategien auch als Teil der Zielerreichung von selbstbestimmter Teilhabe angesehen werden sollten.

Es entwickelten sich seit den 1980er Jahren zunehmend Behandlungsansätze, deren Effektivität durch klinische Studien geprüft wurde. Beispiele hierfür sind das (gewichtentlastete) Laufbandtraining, die roboter- und elektromechanisch unterstütze Therapie, die Constraint Induced Movement Therapy (CIMT) oder auch die Spiegeltherapie (Kap. ▶ 10.6.2, Kap. ▶ 10.7.3).

Mittlerweile können die Therapierenden auf eine Reihe von nationalen und internationalen Leitlinien und eine recht große Zahl an wissenschaftlichen Publikationen zur motorischen Neurorehabilitation zurückgreifen. Leider hat dies bisher nicht dazu geführt, dass maßgebliche Verordnungsrichtlinien, wie die Heilmittelrichtlinie mit dem Heilmittelkatalog, evidenzbasierte Verordnungsempfehlungen favorisieren.

Neben der Evidenzbasierung prägen weitere Grundlagen die aktuelle motorische Neurorehabilitation. So sind Klient*innenzentrierung, Partizipationsorientierung sowie Inter- und Transdisziplinarität wichtige Themen in den aktuellen Debatten (Kap. ▶ 2). Des Weiteren werden in Zukunft voraussichtlich auch gesellschaftliche und demografische Entwicklungen die Neurophysiotherapie prägen. Dabei wird sich diese Therapierichtung mit einem sich verändernden Alters- und Krankheitsspektrum, Multimorbidität und (hoffentlich) auch einer stärkeren Autonomie der Patient*innen und der Therapierenden auseinandersetzen müssen. Nicht zuletzt beeinflussen die derzeitigen Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung und Technisierung schon jetzt die Neurophysiotherapie und werden dies wohl auch weiterhin stark tun. Die Therapie mit Unterstützung von Robotern, Gehirn-Computer-Schnittstellen, Möglichkeiten der Telerehabilitation oder des Trainings in virtuellen Realitäten sind zum Teil schon jetzt etabliert oder werden stark vorangetrieben (Kap. ▶ 10.7.7, Kap. ▶ 11.5). Auch Kombinationen von sensomotorischen Interventionen mit Techniken der nicht invasiven Hirnstimulation, wie der transkraniellen Gleichstromstimulation oder der transkraniellen Magnetstimulation, werden beforscht und teilweise eingesetzt.

Damit ist und bleibt die Neurophysiotherapie ein spannendes Feld mit interessanten und hoffentlich zielführenden Diskussionen und Entwicklungen. Während sich die Wissensgrundlagen und Interventionsmöglichkeiten gewandelt haben und weiter wandeln werden, sollte das große Ziel der (Neuro-)Physiotherapie im Mittelpunkt aller Betrachtungen bleiben: die Unterstützung der größtmöglichen Partizipationsmöglichkeiten unserer Patienten*innen und Klient*innen.

1.3 Literatur

[1] Bobath B. Die Hemiplegie Erwachsener: Befundaufnahme, Beurteilung und Behandlung. Stuttgart: Thieme; 1990

[2] Bobath K, Bobath B. Control of motor function in the treatment of cerebral palsy. Physiotherapy, 1957; 43(10): 295–303

[3] Carr JH, Shepherd RB. A motor relearning programme for stroke. Rockville: Aspen Pub; 1987

[4] Creutz W. Die Neurologie des 1.–7. Jahrhunderts nach Christus: eine historisch-neurologische Studie. Bonset; 1966

[5] Dohle C, Quintern J. S2e-Leitlinie Rehabilitation der Mobilität nach Schlaganfall (ReMosS). Bad Honnef: Hippocampus; 2015

[6] Freivogel S. Motorische Rehabilitation nach Schädelhirntrauma. Klinik – Grundlagen – Therapie. München: Pflaum; 1997

[7] Frenkel HS. Die Behandlung der tabischen Ataxie mit Hilfe der Uebung; Compensatorische Uebungstherapie, ihre Grundlagen u. Technik. Leipzig: Vogel; 1900

[8] Foerster O. Handbuch der Therapie der Nervenkrankheiten. Jena: Gustav Fischer; 1916

[9] Foerster O. Handbuch der Neurologie. Berlin: Springer; 1936

[10] Hedin-Anden S. PNF Grundverfahren und funktionelles Training. München: Urban & Fischer; 1994

[11] Heilmittelkatalog online. URL: https://heilmittelkatalog.de/files/luxe/hmkonline/physio/diagc.htm [letzter Zugriff: 02.11.2021]

[12] Internationale Vojta Gesellschaft e.V. URL: https://www.vojta.com/de/vojta-prinzip/vojta-therapie

[13] Mayston M. Bobath Concept: Bobath@50: mid-life crisis--what of the future? Physiotherapy research international 2008; 13(3): 131–136

[14] Platz T. S3-Leitlinie „Rehabilitative Therapie bei Armparese nach Schlaganfall“ der DGNR – Langversion. URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/080–001l_S3_Rehabilitative_Therapie_bei_Armparese_nach_Schlaganfall_2020–07.pdf [letzter Zugriff 02.11.2020]

[15] Remak R. Galvanotherapie der Nerven-und Muskelkrankheiten. Hirschwald; 1858

[16] SGB V, §2 Leistungen, Absatz (1): URL: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/ [letzter Zugriff 02.11.2021].

[17] Shumway-Cook A, Woollacott MH. Motor control: translating research into clinical practice. Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins; 2007

[18] Shumway-Cook A, Woollacott MH. Motor control: Theory and practical applications. Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins; 1995