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Physiotherapie in der Pädiatrie E-Book

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Beschreibung

Kleine Patient*innen kompetent therapeutisch begleiten

Physiotherapeut*innen finden für ihre verantwortungsvolle und herausfordernde Aufgabe in der Pädiatrie hier das breite und tiefgreifende medizinische und therapeutische Fachwissen. Zusätzlich erhalten sie Rat, wie sie professionell mit den kleinen Patient*innen sowie mit den Fragen, Sorgen und Nöten der Eltern umgehen. Die beiden Herausgeberinnen haben eine Vielzahl von Expert*innen vereint, die einen umfassenden, evidenzbasierten Einblick in die Physiotherapie in der Pädiatrie geben.

Das physiotherapeutische Vorgehen wird von der frühkindlichen Entwicklung über Befundung/Assessments, Motorisches Lernen, Trainingslehre und Hilfsmittelversorgung detailliert beschrieben. Es umfasst die wichtigsten pädiatrischen Symptomkomplexe und Krankheitsbilder aus Orthopädie, Neuroorthopädie und Innerer Medizin, beispielsweise:

- ICP
- M. Perthes
- idiopathische Skoliose,
- Schiefhals
- Hüftdysplasie
- obstruktive und restriktive Lungenerkrankungen
- Chromosomendefekte
- Autismus
- ADHS
- Herzerkrankungen

Ein Kapitel zur Elternarbeit sowie Einblicke in die angrenzenden Therapien wie Logo- und Ergotherapie komplettieren die umfassenden Inhalte.
So wird dieses Buch Ihr steter, hilfreicher Begleiter in der in der Therapie von Kindern und Jugendlichen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 1122

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Physiotherapie in der Pädiatrie

Wencke Ackermann, Ulrike Stuhlfelder

Claudia Abel, Mathias Georgi, Johannes-Peter Haas, Martina Hess, Julia Hofer, Andrea Hubert, Mark Huybrechts, Annabell Jahn, Birgit Jakob, Nikolai H. Jung, Christina Krämer, Daniela Blickhan, Kristina Lenz, Daniela Lewens, Andrea Nallinger, Maya Salzmann, Silke Schellhammer, Elisabeth Söchting, Marianne Spamer, Patrizia Sonderer, Verena Wutzlhofer, Jovita Zerlik, Harald Böhm, Lisa Bratka, Stefanie Carstensen, Nicole Claus, Reto Cozzio, Sarah Döhring, Julia Erbe

201 Abbildungen

Vorwort

Befunden, Denken und (Be-)Handeln auf Grundlage von Anatomie und Pathogenese, den Prinzipien der Trainingslehre und des motorischen Lernens, evidenzbasierter Praxis, und schließlich umfangreicher Erfahrung.

Gemeinsam mit einem kompetenten, multiprofessionellen Autorenteam aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist es uns gelungen, diesen Grundgedanken in dem vorliegenden Fachbuch aufzugreifen und umzusetzen.

Evidenz- und erfahrungsbasierte Physiotherapie in der Pädiatrie stehen keinesfalls im Widerspruch zueinander. Es geht vielmehr darum, Erfahrungswerte objektiv und nachvollziehbar abzubilden und zu evaluieren. Der Beweis der Wirksamkeit von Physiotherapie sichert nicht nur langfristig die Finanzierung durch die Kostenträger, sondern ermöglicht in erster Linie die zielorientierte und spezifische Behandlung. Um dies nachhaltig sicherzustellen, müssen gleichzeitig wissenschaftlich erbrachte Nachweise zeitnah den Einzug in die Praxis finden.

Zum Aufbau des Buches:

Die ICF stellt die absolute Grundlage des physiotherapeutischen Befundes dar und wird in mehreren ausführlichen und spezifischen Kapiteln in der praktischen Umsetzung am Kind dargestellt. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Buches liegt in der Vorstellung von Assessments in der Pädiatrie.

Auf eine Vorstellung von verschiedenen physiotherapeutischen Schulen, Methoden und Konzepten haben wir bewusst verzichtet. Zum einen, weil bei genauerer Betrachtung die Evidenzen entweder fehlen, qualitativ nicht ausreichend oder bei den Krankheitsbildern sehr variabel untersucht sind. Zum anderen ist dies auch ein Buch für Schüler/Studierende und Berufsanfänger sowie für Kollegen, die evidenzbasiert arbeiten möchten. Als examinierter Physiotherapeut verfügt man über ein breites Spektrum an Grundwissen aus der Ausbildung bzw. dem Studium, welches individuell, flexibel und bewusst eingesetzt Behandlungserfolge sicherstellen kann. Es ist ein Bestreben dieses Buches aufzuzeigen, dass ein Therapeut auch ohne eine spezielle physiotherapeutische Schule ein Kind kompetent und evidenzbasiert behandeln kann. Damit sollen Hemmungen vor allem von jungen Kollegen abgebaut werden, sich auf die Pädiatrie zu spezialisieren. Gleichzeitig stellt es ein Update der Evidenz für erfahrene Kollegen dar.

In den Kapiteln zu den Krankheitsbildern werden Maßnahmen vorgestellt, welche wissenschaftlich fundiert sind und auch aus den Erfahrungswerten der Autoren generiert wurden.

Das Buch soll helfen, vom Allgemeinen, also den Grundlagen und Prinzipien, zum Spezifischen vorzudringen und somit direkt in die praktische Umsetzung zu starten. Patientenbeispiele skizzieren beispielhaft und praxisnah die Umsetzung.

Neben den klassischen Krankheitsbildern war es uns wichtig, auch die wachsende Anzahl der psychischen und psychosomatischen Erkrankungen aufzugreifen und ein Kapitel der Hilfsmittelversorgung zu widmen. Es war nicht möglich, alle Krankheitsbilder und Symptome in einem einzigen Buch abzubilden. Unter Beachtung der Befund- und Behandlungsprinzipien können dennoch die (Behandlungs-)Flexibilität erweitert und somit neue Handlungsspielräume eröffnet werden, auch oder gerade, wenn dem Therapeuten das Krankheitsbild bisher nicht geläufig war.

Der Aufbau eines interdisziplinären Netzwerkes, u.a. bestehend aus Fachärzten, Logopäden, Ergotherapeuten, Pädagogen, Psychologen und Orthopädietechnikern, ist besonders bei der Therapie von chronisch erkrankten Kindern hilfreich und sinnvoll. Gerade bei diesen Patienten stellt die Physiotherapie nur einen Stützpfeiler in einer umfassenden Behandlung dar.

Die Familie und das soziale Umfeld des Kindes gehören in dieser Behandlung mit dazu. Insofern sind ein Verständnis für das „System Familie“, das mit einer Erkrankung des Kindes konfrontiert wird, ein empathischer Umgang sowie eine professionelle partizipative Kommunikation mit den Eltern unverzichtbar. Deshalb haben wir diesen Aspekt an den Anfang des Buches gestellt, da dies die Grundlage für jede therapeutische Intervention ist und uns sehr am Herzen liegt.

Die enge Zusammenarbeit mit Kindern und Angehörigen erfordert nicht nur ein kompetentes Fachwissen, sondern auch ein großes Maß an Empathie, oftmals gepaart mit sehr viel persönlichem Engagement. Umso wichtiger ist es, dass auch auf die eigene Gesundheit des Therapeuten geachtet wird.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen, Umsetzen und Weiterentwickeln der Inhalte, sowie Ideen bei der Therapie der uns anvertrauten Kinder. Wir möchten Sie motivieren, Ihre tägliche Arbeit sorgfältig zu dokumentieren und zu reflektieren, Befunde und Ergebnisse regelmäßig zu hinterfragen, offen zu sein für neue Entwicklungen, Interesse für wissenschaftliches Arbeiten zu haben und evidenzbasiert zu arbeiten. Physiotherapie in der Pädiatrie kann so auf dem neuesten Stand bleiben und sich weiterentwickeln.

Vielleicht regt Sie dieses Buch sogar an, selbst wissenschaftliche Studien durchzuführen und zu publizieren, damit auch zukünftig andere Therapeuten und vor allem die Patienten davon profitieren können.

Wencke Ackermann und Ulrike Stuhlfelder

Aschau im Chiemgau und München im Sommer 2021

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ (Aristoteles)

Wencke Ackermann

Ulrike Stuhlfelder

Danksagung

Die letzten Monate haben gezeigt, dass sich ein Buchprojekt nur umsetzen lässt, wenn alle an einem Strang ziehen und ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Wir sagen Danke an die großartigen Autoren, die ihre Freizeit hierfür investiert haben: Nur durch die von persönlichem Engagement geprägte, professionelle und inspirierende Zusammenarbeit konnten wir die Idee im Projektverlauf weiterentwickeln und verwirklichen.

Dem Georg Thieme Verlag danken wir für den Vertrauensvorschuss, die vielen Lernerfahrungen, die wir sammeln durften, und die Unterstützung.

An dieser Stelle möchten wir uns von ganzem Herzen bei unseren Familien und Freunden bedanken, die uns umfänglich bei diesem Buchprojekt unterstützt haben, gleichzeitig in den letzten Monaten viel auf uns verzichten mussten und uns dennoch immer wieder motiviert haben.

Der größte Dank gilt jedoch den kleinen und großen Kindern und deren Angehörigen, die uns jeden Tag vertrauen, herausfordern und inspirieren.

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Vorwort

Danksagung

1 Elternarbeit

1.1 Gut mit sich und anderen umgehen – Impulse der Positiven Psychologie für die Physiotherapie

1.1.1 Warum Positive Psychologie für Physiotherapeuten?

1.1.2 Die Beziehung zwischen Therapeut und Patient

1.1.3 Die Beziehung des Therapeuten zu sich selbst

1.2 Familiensysteme

1.2.1 Einführung

1.2.2 Ein chronisch krankes Kind bzw. ein Kind mit Behinderung als non-normatives Lebensereignis

1.2.3 Geschwister von Kindern mit Behinderung

1.3 Umgang mit chronischer Erkrankung

1.3.1 Einführung

1.3.2 Krisenbegleitung durch Physiotherapeuten

2 Kindliche Entwicklung

2.1 Grundzüge der normalen und pathologischen Entwicklung vom Säugling bis zur Pubertät

2.1.1 Einführung

2.1.2 Reflexe im Kindes- und Jugendalter

2.1.3 Wachstum und Entwicklung

2.1.4 Beurteilung der Entwicklung

2.1.5 Besonderheiten der Entwicklung in der Schulzeit und der Pubertät

2.2 Kindlicher Gang

2.2.1 Zwei Fallbeispiele

2.2.2 Motorische Entwicklung

2.2.3 Entwicklung der Beinachsen

2.2.4 Fußentwicklung

3 Physiotherapeutischer Prozess

3.1 Die ICF in der Pädiatrie

3.1.1 Die ICF-CY

3.1.2 Zuordnung nach ICF-CY

3.2 Physiotherapeutische Diagnostik

3.2.1 Clinical Reasoning in der Pädiatrie

3.2.2 Pre-Assessment Image

3.2.3 Screening in der Pädiatrie

3.2.4 Identifikation der problematischen Handlung/Situation (p.H.)

3.2.5 Algesimetrie bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen

3.2.6 Vitalparameter

3.2.7 Kraft/Ausdauer

3.2.8 Motorik/Entwicklungsdiagnostik

3.2.9 Ganganalyse am Kind

3.2.10 Kognition

3.2.11 Aufmerksamkeit

3.2.12 Zieldefinierung

3.2.13 Physiotherapeutische Diagnose

3.2.14 Therapieplanung

3.3 Interdisziplinäre Zusammenarbeit

3.4 Familienzentrierte Begleitung

3.4.1 Zielformulierung innerhalb der familienzentrierten Begleitung

3.4.2 Copingprozesse der Bezugspersonen

3.4.3 COPCA-Programm der familienzentrierten Begleitung in der Physiotherapie

4 Prinzipien des motorischen Lernens

4.1 Prinzipien des motorischen Lernens

4.1.1 Bewegung

4.1.2 Gedächtnis

4.1.3 Lernen

5 Hilfsmittel

5.1 Was ist ein Hilfsmittel?

5.2 Zielsetzung der Hilfsmittelversorgung

5.3 Bedarfsermittlung

5.4 Ablauf einer Hilfsmittelversorgung

5.5 Versorgungsrelevante Produktgruppen

5.5.1 Lagerungshilfen

5.5.2 Stehhilfen

5.5.3 Gehhilfen

5.5.4 Fortbewegungmittel

5.5.5 Anderweitige Mobilitätshilfen

5.5.6 Sitzhilfen

5.5.7 Orthesen

5.5.8 Schuhe und Schuhzurichtungen

5.5.9 Prothesen und Orthoprothesen

6 Frühchen, Neugeborene und Säuglinge

6.1 Physiotherapeutischer Befund an Säugling und Kleinkind

6.1.1 Befundsituation

6.1.2 Anamnese und erster Eindruck

6.1.3 Inspektion

6.1.4 Vitalparameter

6.1.5 Entwicklungsdiagnostik der Spontanmotorik des Neugeborenen und Säuglings

6.1.6 Interaktion

6.1.7 Muskeltonus und Muskelkraft

6.1.8 Provozierte Reaktionen

6.1.9 Face-to-Face-Interaktion

6.1.10 Befundung der Motorik des Kleinkindes

6.1.11 Analyse, Beurteilung und physiotherapeutische Diagnose

6.2 Frühchen

6.2.1 Begriffsdefinitionen

6.2.2 Die kindliche Entwicklung im Mutterleib

6.2.3 Ursachen der Frühgeburtlichkeit

6.2.4 Die Stunden nach der Geburt

6.2.5 Prognose

6.2.6 Klinik bei Frühgeborenen

6.2.7 Ärztliche Diagnostik und Therapie

6.2.8 Physiotherapie

6.2.9 Clinical Reasoning

6.2.10 Weiterführende Therapie

6.3 Neugeborene und Säuglinge

6.3.1 Hands-on vs. Hands-off

6.3.2 Asymmetrien des Säuglings – Schiefhals und Haltungsasymmetrien

6.3.3 Plexusparese (Plexus-brachialis-Parese)

7 Neuropädiatrie und Neuroorthopädie

7.1 Neurologische Läsionen und Erkrankungen

7.1.1 Die Veränderung des Muskeltonus – Spastik und schlaffe Lähmung

7.1.2 Entstehung von Deformitäten und Deformierungen

7.1.3 Weitere wichtige Aspekte einer neurologischen Erkrankung

7.1.4 Transition

7.2 Befundprozess und Interventionsplanung in der Neuropädiatrie

7.2.1 Clinical Reasoning in der Neuropädiatrie

7.2.2 Die Befundprinzipien Top-down und Bottom-up in der Neuropädiatrie

7.2.3 Befunderhebung der Körperfunktions- und Körperstrukturebene

7.2.4 Befunderhebung der Aktivität und Partizipation

7.2.5 Befundung der Umweltfaktoren

7.2.6 Ganganalyse bei zentralen Schädigungen

7.3 Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF)

7.3.1 Ätiologie

7.3.2 Symptome und Störungsfolgen

7.3.3 Diagnostik

7.3.4 Therapie

7.4 Kognitive und motorische Entwicklungsverzögerung

7.4.1 Definition

7.4.2 Klinik/Symptome

7.4.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

7.4.4 Physiotherapie bei Entwicklungsverzögerungen

7.4.5 Weiterführende interdisziplinäre Therapie und Hilfsmittel

7.4.6 Fallbeispiel mit spezifischen Maßnahmen

7.5 Infantile Zerebralparese

7.5.1 Definition, Ursachen, Häufigkeit

7.5.2 Klassifikationen

7.5.3 Neuroorthopädische Probleme

7.5.4 Physiotherapeutischer Prozess bei infantiler Zerebralparese

7.5.5 Physiotherapeutische Interventionsplanung bei infantiler Zerebralparese anhand eines Fallbeispiels

7.6 Erworbene Schädigungen des ZNS in der Akut- und Subakutphase

7.6.1 Definition

7.6.2 Klinik/Symptome

7.6.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

7.6.4 Ärztliche Therapie

7.6.5 Medikamente im Verlauf der Akut- und Subakutphase

7.6.6 Die interdisziplinäre Therapie in der Akut- und Frührehabilitation

7.6.7 Evaluation der Behandlung, Assessments

7.6.8 Weiterführende interdisziplinäre Therapie

7.6.9 Fallbeispiel

7.7 Spina bifida

7.7.1 Definition, allgemeine Grundlagen, Ätiologie, Ursache, Verlauf, Prognose

7.7.2 Klinik und Symptome

7.7.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

7.7.4 Physiotherapie

7.7.5 Fallbeispiel mit spezifischen Maßnahmen

7.8 Neuromuskuläre Erkrankungen

7.8.1 Definition

7.8.2 Muskeldystrophie Typ Duchenne (DMD)

7.8.3 Physiotherapie bei DMD

7.8.4 Spinale Muskelatrophie (SMA)

7.8.5 Physiotherapie bei SMA

7.8.6 Neuropathien

7.8.7 Physiotherapie bei Neuropathien

7.9 Logopädie bei zentralen Störungen

7.9.1 Neurogene Störungsbilder in der Logopädie

7.9.2 Kindliche Dysarthrie

7.9.3 Aphasien bei Kindern und Jugendlichen

7.9.4 Einblick in die unterstützte Kommunikation

7.9.5 Kindliche Dysphagien

8 Kinderorthopädie

8.1 Physiotherapeutischer Befundprozess und Interventionsplanung in der Kinderorthopädie

8.1.1 Allgemeine Anamnese

8.1.2 Allgemeine Untersuchungsaspekte in der Kinderorthopädie

8.1.3 Befunderhebung der Körperfunktions- und Körperstrukturebene

8.1.4 Befunderhebung der Aktivitäts- und Partizipationsebene

8.1.5 Postoperativer Befund

8.2 Wirbelsäule

8.2.1 Idiopathische Skoliose

8.2.2 Morbus Scheuermann

8.2.3 Thoraxdeformitäten

8.3 Hüfte

8.3.1 Hüftdysplasie

8.3.2 Morbus Perthes

8.3.3 Epiphyseolysis capitis femoris (ECF)

8.4 Knie

8.4.1 Achsfehlstellungen der unteren Extremität

8.4.2 Patellaluxation

8.5 Füße

8.5.1 Der kongenitale Klumpfuß und die Klumpfußhaltung

8.5.2 Der Sichelfuß

8.5.3 Der Hallux valgus

8.5.4 Der Knicksenkfuß

8.5.5 Der idiopathische Zehengang

8.6 Weitere orthopädische Krankheitsbilder

8.6.1 Arthrogryposis multiplex congenita (AMC)

8.6.2 Dysmelien an der unteren Extremität

9 Juvenile idiopathische Arthritis

9.1 Definition, Krankheitsbild und Verlaufsformen

9.2 Klinik/Symptome

9.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

9.3.1 Diagnostik

9.3.2 Therapie

9.4 Physiotherapie

9.4.1 Physiotherapeutischer Befund

9.4.2 Physiotherapeutische Ziele, Behandlungsaufbau und Maßnahmen

9.4.3 Elternanleitung, Heimübungsprogramm

9.4.4 Evaluation der Behandlung

9.4.5 Weiterführende interdisziplinäre Therapie

9.4.6 Hilfsmittel

10 Innere Medizin

10.1 Physiotherapie bei Kindern mit Herzerkrankungen

10.1.1 Grundlegende Kenntnisse zu Herzerkrankungen von Kindern

10.1.2 Physiotherapie bei Kindern mit Herzerkrankungen

10.2 Atemphysiotherapie

10.2.1 Atemphysiotherapeutischer Befund

10.2.2 Lungenerkrankungen

10.2.3 Clinical Reasoning in der Atemphysiotherapie – Fallbeispiel

11 Chromosomenaberrationen und -syndrome

11.1 Einführung

11.2 Trisomie 21/Down-Syndrom

11.2.1 Definition/Einführung

11.2.2 Klinik/Symptome

11.2.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

11.2.4 Physiotherapie

11.3 Prader-Willi-Syndrom (Chromosom 15)

11.3.1 Definition

11.3.2 Klinik/Symptome

11.3.3 Physiotherapeutische Hauptziele

11.3.4 Besonderheiten in der physiotherapeutischen Behandlung

11.4 Fragiles X-Syndrom

11.4.1 Definition

11.4.2 Klinik/Symptome

11.4.3 Physiotherapeutische Hauptziele

11.4.4 Besonderheiten in der physiotherapeutischen Behandlung

11.4.5 Behandlungsaufbau

11.5 Katzenschrei-Syndrom/Cri-du-Chat-Syndrom (Chromosom 5)

11.5.1 Definition

11.5.2 Klinik/Symptome

11.5.3 Physiotherapeutische Hauptziele

11.5.4 Besonderheiten in der physiotherapeutischen Behandlung

11.6 Rett-Syndrom

11.6.1 Definition

11.6.2 Klinik/Symptome

11.6.3 Physiotherapeutische Hauptziele

11.6.4 Besonderheiten in der physiotherapeutischen Behandlung

12 Kinderonkologie

12.1 Definition

12.2 Klinik und Symptome

12.2.1 Leukämien und Lymphome

12.2.2 ZNS-Tumoren

12.2.3 Osteosarkome

12.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

12.3.1 Leukämien und Lymphome

12.3.2 ZNS-Tumoren

12.3.3 Osteosarkome

12.3.4 Mögliche Nebenwirkungen und Folgen der Therapie

12.4 Physiotherapie

12.4.1 Spezifischer Befund nach ICF, Assessments, Reds Flags

12.4.2 Physiotherapeutische Ziele, Behandlungsaufbau und Maßnahmen

12.4.3 Clinical Reasoning

12.4.4 Elternanleitung, Heimübungsprogramm

12.4.5 Evaluation der Behandlung

12.4.6 Weiterführende Therapie und Hilfsmittel

13 Autismus-Spektrum-Störung

13.1 Definition und Beschreibungsmerkmale

13.1.1 Definition

13.1.2 Beschreibungsmerkmale

13.2 Diagnostik bei Verdacht auf Autismus-Spektrum-Störung

13.2.1 Mögliche Komorbiditäten und prognostische Einflussfaktoren

13.2.2 Diagnostischer Prozess

13.3 Mögliche Rolle der Physiotherapie

13.3.1 Anregungen für die therapeutische Arbeit

14 Aufmerksamkeitsstörungen, ADHS

14.1 Einleitung

14.2 Definition

14.3 Klinik/Symptome von ADHS

14.3.1 ADHS im ICD-11

14.3.2 Häufigkeit

14.3.3 Ursachen

14.3.4 Psychologische Auswirkungen

14.4 Diagnostik und Therapie

14.4.1 Diagnostik von ADHS

14.4.2 Therapie von ADHS

14.5 ADHS in der Physiotherapie

14.5.1 Die Rolle der Bewegung bei ADHS

14.5.2 Strategien für die physiotherapeutische Behandlung von ADHS-Kindern

14.6 Weiterführende interdisziplinäre Therapie

14.6.1 

15 Physiotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit psychosomatischen Krankheitsbildern

15.1 Einleitung

15.2 Epidemiologie psychischer Erkrankungen

15.3 Ausgewählte Krankheitsbilder

15.3.1 Dissoziative Störungen (F44)

15.3.2 Somatoforme Störungen (F45)

15.4 Physiotherapie bei dissoziativen und somatoformen Störungen

15.4.1 Physiotherapeutische Befundung

15.4.2 Physiotherapeutische Ziele

15.4.3 Physiotherapeutische Maßnahmen

15.5 Essstörungen (F50)

15.5.1 Anorexia nervosa

15.5.2 Bulimia nervosa

15.6 Physiotherapie bei Essstörungen

15.6.1 Physiotherapeutische Ziele

15.6.2 Physiotherapeutische Befundung

15.6.3 Physiotherapeutische Maßnahmen

15.7 Risiko- und protektive Faktoren für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

15.8 Bewegung und mentale Gesundheit

15.8.1 Positive Wirkungen von Bewegung auf die mentale Gesundheit

15.8.2 Möglichkeiten in der Physiotherapie

16 Chronische Schmerzerkrankungen

16.1 Definition

16.2 Klinik/Symptome

16.3 Ärztliche Diagnostik und Therapie

16.4 Physiotherapie

16.4.1 Spezifischer Befund und Assessments, Red Flags

16.4.2 Physiotherapeutische Ziele und Maßnahmen

16.4.3 Heimübungsprogramm, Schulung

16.4.4 Evaluation

16.4.5 Fallbeispiel

17 Anhang – Assessment-Instrumente

17.1 Assessment-Instrumente Algesimetrie

17.1.1 Früh- und Neugeborene

17.1.2 Kleinkinder, Kinder und Jugendliche

17.2 Assessment-Instrumente Ausdauerfähigkeit

17.3 Assessment-Instrumente Muskelkraft

17.4 Assessment-Instrumente Motorik und Entwicklungsdiagnostik

17.4.1 

17.5 Assessment-Instrumente Patientenzufriedenheit

17.6 Assessment-Instrumente Feinmotorik

17.7 Assessment-Instrumente Koordination und Gleichgewicht

17.8 Assessment-Instrumente Wahrnehmung und Partizipation

17.9 Assessment-Instrumente Wirbelsäule

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum/Access Code

1 Elternarbeit

Daniela Blickhan, Martina Hess

1.1 Gut mit sich und anderen umgehen – Impulse der Positiven Psychologie für die Physiotherapie

Daniela Blickhan

Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.

Voltaire, französischer Philosoph (1694–1778)

Warum haben Sie den Beruf des Physiotherapeuten gewählt? Die Bezeichnung Therapeut (altgriechisch therapeutés: der Diener, der Aufwartende, der Wärter, der Pfleger) bezeichnet laut Wikipedia den Anwender eines Heilberufes oder eines Heilverfahrens. Heilung zielt auf Gesundheit ab – was aber ist Gesundheit? Was ist das Ziel der Heilung, bei dem Sie als Therapeut unterstützen wollen?

„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen.“ So steht es seit 1946 in der Verfassung der WHO, und wenn wir diese Definition von Gesundheit dem Berufsverständnis der Physiotherapie zugrunde legen, wird schnell klar, warum in dem Buch, das Sie hier in Händen halten und das Physiotherapeuten Orientierung in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen geben möchte, ein Kapitel über Positive Psychologie zu finden ist.

1.1.1 Warum Positive Psychologie für Physiotherapeuten?

„Positive Psychologie ist die Wissenschaft des gelingenden Lebens und Arbeitens.“ So antworte ich seit Jahren auf die mir häufig gestellte Frage: „Was ist denn eigentlich diese Positive Psychologie?“ Meist führt das zu einem verstehenden Kopfnicken, häufig auch zu interessierten Nachfragen, was denn ein „gelingendes Leben“ sei. Häufig folgt die schmunzelnde Frage, ob es denn auch eine „negative Psychologie“ gebe. Nein, natürlich nicht. Die Positive Psychologie wollte die bestehende Psychologie nie als „negativ“ abwerten, sondern sie sinnvoll ergänzen. Und zwar ganz im Geiste des bereits erwähnten WHO-Verständnisses von Gesundheit, bei dem es nicht nur darum geht, Krankheit oder Gebrechen zu lindern oder zu heilen, sondern zu einem lebenswerten, gelingenden Leben beizutragen, bei dem Menschen Erfüllung und Zufriedenheit finden. Die Positive Psychologie (im weiteren Verlauf des Kapitels mit PP abgekürzt) erforscht mit wissenschaftlichen Methoden die Grundlagen eines solchen lebenswerten Lebens und ist laut Christopher Peterson, einem ihrer Mitbegründer, „eine Wissenschaft, keine recycelte Version des positiven Denkens“ ( ▶ [5]).

Positive Psychologie als empirische Wissenschaft begann formal am Ende des 20. Jahrhunderts, also etwa vor 25 bis 35 Jahren. Ihre Ursprünge reichen aber viel weiter zurück bis zu den Philosophen der Antike wie zum Beispiel Aristoteles, der sich bereits vor mehr als 2300 Jahren mit Themen wie Glück, Sinnhaftigkeit und Tugend beschäftigte. Die Positive Psychologie zählt inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Forschungsgebieten innerhalb der Psychologie. Kurz gesagt, geht es bei der PP um die wissenschaftliche Betrachtung dessen, was das Leben lebenswert macht. Dazu gehören sowohl Stärken, die es zu erkennen und zu fördern gilt, als auch Schwächen bzw. Widrigkeiten, mit denen man konstruktiv umgehen sollte. Im Englischen lässt sich das sehr prägnant formulieren: Positive Psychology is the Science of what goes right in Life – die Wissenschaft davon, was im Leben gut läuft. PP befasst sich also auf wissenschaftlicher Grundlage mit dem, was uns stärkt und woran wir wachsen können – und damit ist sie für Therapeuten eine ideale Ergänzung ihres professionellen Repertoires.

1.1.1.1 Worum geht es in diesem Kapitel?

In diesem Kapitel möchte ich Ihnen als (angehende) Physiotherapeuten Impulse der Positiven Psychologie anbieten, die Ihnen in ihrer Praxis und in Ihrem beruflichen Selbstverständnis nützlich sein können. Dabei geht es mir um die Anwendung bei Patienten, aber auch um Sie selbst, gerade weil Sie einen solchen helfenden Beruf gewählt haben. Als Psychologin ist mir dasParadox der Helfenden nur zu gut vertraut: Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf das Leiden der Patienten, versuchen, sie auf ihrem Weg der Heilung oder Besserung zu unterstützen und verlieren gar nicht so selten dabei uns selbst und unsere Bedürfnisse aus den Augen. Die Belastungen in diesem Berufsfeld werden nicht weniger, Kostenschrauben werden angezogen, Personal reduziert, und die persönliche Motivation war es doch eigentlich einmal, Menschen zu helfen. Also erhöht man das eigene Engagement noch weiter, und so zeigt sich – wenig überraschend – in helfenden Berufen eine hohe Burnout-Rate.

1.1.2 Die Beziehung zwischen Therapeut und Patient

1.1.2.1 „Machen Sie das bitte weg!“

Der Anlass für Ihre Begegnung mit Ihren Patienten ist im Regelfall ein defizitorientierter. Ihre Patienten leiden unter Symptomen und erhoffen sich von Ihnen Hilfe. Im Idealfall sollen die Symptome verschwinden, oder doch wenigstens weniger schmerzhaft oder einschränkend sein: „Machen Sie das bitte weg.“ Doch eine bloße Reduktion von Symptomen reicht nicht aus, und das ist genau auch eine der Kernaussagen der Positiven Psychologie: Es genügt nicht, Menschen von „minus 5“ auf „Null“ zu verhelfen. Wir müssen sie vielmehr dabei unterstützen, in den Bereich von „plus 5“ oder „plus 10“ zu kommen, und zwar unabhängig davon, ob sie eine Diagnose tragen.

Der Bereich „jenseits der Null“, also das Erleben von Zufriedenheit, Erfüllung und persönlichem Wachstum ist für jeden Menschen erreichbar. Die Forschungsergebnisse der Positiven Psychologie liefern dafür seit Jahrzehnten überzeugende Belege. Natürlich liegen auf diesem Weg unterschiedlich große Herausforderungen und Hindernisse, je nachdem, von welchem Punkt aus man startet und welcher Natur die Einschränkungen und Symptome sind. Doch selbst mit chronischen Symptomen lässt es sich in einen Bereich jenseits der Null kommen.

1.1.2.2 Stress

In der Praxis scheint der Bereich jenseits der Null allerdings oft recht weit weg. Die Patienten und ihre Angehörigen stehen durch ihre Symptome und oft auch durch die Gesamtsituation unter einer hohen Belastung. Sie erleben Stress. Und unter Stress reagieren wir Menschen anders als sonst, weniger freundlich, weniger überlegt, weniger entspannt. Betrachten wir also zunächst einmal, was bei Stress körperlich und psychologisch passiert.

Stress ist eine natürliche menschliche Reaktion, wenn wir eine Anforderung nicht einschätzen können und vor allem, wenn wir fürchten, sie nicht bewältigen zu können. Der Anlass für eine physiotherapeutische Behandlung ist oft genau das: Beschwerden und Symptome können alleine nicht bewältigt werden, sie verschlimmern sich vielleicht sogar. Die auslösende Diagnose bedeutet eine völlig neue Anforderung. Vielleicht ist sie auch mit der Erkenntnis verbunden, dass eine dauerhafte Einschränkung des eigenen Handlungsspielraums und des Alltags folgen werden. Jeder Patient und auch die Familie des Kindes oder Jugendlichen erlebt also ein mehr oder weniger hohes Maß an Stress durch die Symptombelastung. Daraus resultiert eine Stressreaktion, die sich körperlich und emotional manifestiert.

Wie wird Stress ausgelöst?

Drei Faktoren sind entscheidend für die Intensität einer Stressreaktion: Wie unerwartet kommt eine Situation, wie gefährlich scheint sie und wie schätzen wir unsere eigenen Fähigkeiten ein, damit gut umgehen zu können? Bei einer Diagnose kommen alle 3 Aspekte zusammen und verstärken sich auch noch gegenseitig:

Auch wenn die Diagnose quasi nur ein Etikett für eine Symptomlage ist, die unter Umständen schon länger besteht, so kommt sie doch fast immer unerwartet. Vielleicht, weil es die Hoffnung gab, dass doch alles wieder vorbeigehen könnte – und nun wurde es durch eine Diagnose „festgeschrieben“. Oder weil sich die Symptome schneller verschlimmert haben als gedacht.

Die Diagnose scheint für den Betroffenen gefährlich. Sie macht dem Kind oder Jugendlichen Angst – und seinen Angehörigen auch. Die Diagnose einer dauerhaften Einschränkung oder Behinderung kann für den Betroffenen und seine Familie traumatisch wirken, denn sie teilt das Leben in ein „vorher“ und „nachher“. Im Falle eines Traumas ist die Stressbelastung noch langfristiger und höher.

Wenn die Diagnose gerade erst gestellt wurde, wissen Patienten (und ihre Familien) oft noch gar nicht, wie sie mit der Situation umgehen können. Sie müssen sich im eigenen Alltag neu zurechtfinden und können oft nicht einmal mehr auf Gewohnheiten zurückgreifen, die ihnen sonst Stabilität, Orientierung, Entlastung oder Entspannung ermöglicht haben.

Diese 3 Faktoren, die Stress auslösen, finden sich immer, wenn eine Diagnose gestellt wird. Und nicht jeder Arzt kann ein Naturtalent im Überbringen schlechter Nachrichten sein oder wurde dafür ausgebildet. Das Gefühl des Patienten, nicht verstanden zu werden oder den Arzt nicht zu verstehen, kann das Stresserleben noch weiter verschlimmern.

Kommt ein Patient nicht mit einer „frischen“ Diagnose zum Physiotherapeuten, sondern mit schon länger bestehenden Symptomen, so kann es sein, dass nicht alle 3 Stressfaktoren eine gleich große Rolle spielen. Vielleicht kam aber die Verschlimmerung doch unerwartet. Gefährlich wirkt sie in jedem Fall („Was, wenn das so weitergeht?“) und die Frage der Alltagsbewältigung stellt sich auch hier.

Was passiert bei Stress im Körper?

In einer akuten Stressreaktion löst das Erleben von Angst oder Bedrohung eine Reaktion im Mittelhirn aus, die Botenstoffe ausschüttet, die wiederum dafür sorgen, dass in der Nebenniere Stresshormone gebildet werden (Cortisol, Adrenalin, Noradrenalin). Dadurch wird unser Körper in Alarmbereitschaft versetzt: Puls und Blutdruck steigen, die Pupillen verengen sich, wir schwitzen. Die Muskeln erhalten eine verstärkte Energiezufuhr, die Verdauungs- und Sexualorgane eine geringere. Der Körper bereitet sich darauf vor, mit den archaischen ReaktionenFight or Flight (Kampf oder Flucht) zu reagieren. Dann werden wir aktiv, entweder indem wir den buchstäblichen Stier bei den Hörnern packen oder vor ihm davonlaufen. Beides hilft beim Verstoffwechseln der Stresshormone. Und wenn wir dann den Stressauslöser entweder bekämpft haben oder weit genug von ihm weggelaufen sind, dann kann auch eine Erholungsreaktion einsetzen.

Vor Symptomen, einer Diagnose und einer deswegen veränderten Lebenssituation kann Ihr Patient aber nicht davonlaufen. Und er kann sie ebenso wenig bekämpfen. Kampf oder Flucht stehen ihm also nicht zur Verfügung. Was dann passiert, kennen viele Physiotherapeuten in diesen Tagen aus eigener Erfahrung: Zunächst pendelt der Patient (oder auch die Angehörigen) zwischen Kampf und Flucht hin und her. „Das muss doch zu lösen sein, jetzt krempeln wir mal die Ärmel hoch und packen das Krisenmanagement an.“ – „Ich würde mir am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr davon hören. Das soll vorbei sein!“ – „Nein, wir informieren uns weiterhin möglichst genau über die Krankheit, denn wir wollen ganz genau wissen, womit wir es hier zu tun haben.“ Und so weiter, und so weiter …. Früher oder später kommt es jedoch, weil dem Stressauslöser weder mit Kampf noch mit Flucht beizukommen ist, zu einer dritten, dauerhaften Reaktion: dem Einfrieren bzw. Totstellen (Freeze).

Bei derart andauerndem Stress, so wie ihn viele Patienten (und ihr Umfeld) erleben, bleibt der Pegel an Stresshormonen im Blut dauerhaft hoch und verhindert eine Erholungs- bzw. Entspannungsreaktion. Das kann körperliche und psychische Auswirkungen haben, z.B. Störungen beim Schlaf oder Appetit, Konzentrationsschwäche, Zerstreutheit, Fahrigkeit, Gereiztheit oder andere psychische Symptome. Und das belastet die Beziehung zum Physiotherapeuten, der vielleicht auch noch dafür verantwortlich gemacht wird, dass „es einfach nicht besser wird“.

1.1.2.3 Es ist nicht nur Stress

In einer Situation, in der sich der Alltag durch eine Diagnose oder starke Symptome plötzlich so gravierend verändert hat, erleben Patienten und ihre Angehörigen mehr als nur Stress. Vieles, was bisher selbstverständlich schien und Halt gab, starke Eckpfeiler ihres Alltags, steht ihnen plötzlich nicht mehr zur Verfügung.

Auf Verlust reagieren wir mit Trauer, Ärger oder Wut (Fight). Und wenn klarer wird, dass dieser Verlust nicht zu verhindern ist, dass die Diagnose bleiben wird, Einschränkungen das Leben prägen werden, spüren Patienten Traurigkeit, Unsicherheit und Angst. Man möchte weglaufen (Flight) und kann es doch nicht. Gefühle von Trauer und Angst in Verbindung mit dem Nicht-weglaufen-oder-kämpfen-Können (Freeze) können sich gegenseitig verstärken. Das Resultat fühlt sich körperlich an, als würde man in einer zähflüssigen Masse festhängen. Jede Bewegung kostet ungleich mehr Energie als sonst und man fühlt sich kraftlos, innerlich leer und erschöpft – so als ob eine Bleidecke über einem liegen würde.

Das sind Symptome, die man auch bei depressiven Verstimmungen findet. Wichtig zu wissen: Solche Symptome sind zunächst einmal eine normale psychische Reaktion und noch keine Befindlichkeitsstörung. Es ist normal, auf einen Verlust mit Trauer zu reagieren und auf eine unbekannte Bedrohung mit Angst. Bei Kindern äußern sich die Symptome oft auch körperlich durch diffuse Bauch- oder Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Rastlosigkeit und manchmal auch Aggressivität.

Umgehen mit der Traurigkeit und Angst

Wenn wir Traurigkeit und Angst zu verdrängen versuchen, werden sie paradoxerweise oft sogar stärker. Eine bessere Strategie, um mit belastenden Gefühlen umzugehen ist, sie nicht wegzuschieben, sondern zu benennen. „Ich bin traurig, weil sich alles so anders anfühlt. Ich vermisse meine liebgewonnenen Gewohnheiten. Es macht mir Angst, weil ich nicht weiß, wie lange das noch dauern wird und was noch kommt.“ Ein solches Versprachlichen hört sich natürlich in verschiedenen Altersstufen unterschiedlich an. Doch es geht ja auch nicht um die Formulierung, sondern um die Botschaft dahinter. Und bei der kann ein Physiotherapeut unterstützen, vielleicht sogar während der Behandlung, um aus einem diffusen unangenehmen Erleben ein fassbares Gefühl zu machen. Und damit kann der Patient leichter und konstruktiver umgehen. Der Harvard-Psychiater Daniel Siegel bietet dafür die einprägsame Formulierung „Name it to tame it“ an – benenne es, um es zu zähmen.

Sobald wir ein Gefühl in Worte fassen, werden der „Alarm“ im Mittelhirn und die starke Aktivität in der Amygdala reduziert. Gleichzeitig erhöht sich die Aktivität im präfrontalen Kortex. Dadurch verändert sich unser psychisches Erleben: Wir werden ruhiger und können wieder klarer denken. In welcher Form dieses „Versprachlichen“ oder „Verwörtern“ stattfindet, kann ganz unterschiedlich sein. Wir können das Gefühl zum Beispiel einfach benennen („wütend“, „ängstlich“, „aufgeregt“) oder es mit einer Metapher beschreiben („Ich fühle mich wie ein Boot, das von seinem Ankerplatz losgerissen wurde und jetzt ohne Kurs auf See treibt“) oder auch mit einem Symbol („wie ein großer roter Feuerball“). Je mehr abstrakte Elemente dabei miteinbezogen werden – wie zum Beispiel bei einer detailreichen Metapher oder einem Symbol – desto größer der Effekt.

Die Versprachlichung hat noch einen weiteren, entscheidenden Einfluss auf die psychische Verarbeitung. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Patient denkt „ich bin mein Gefühl“ oder „ich habe ein Gefühl“. Wenn ich ein Gefühl bin, ist die Gefahr nämlich deutlich größer, dass ich mich davon vereinnahmt, bestimmt und vielleicht sogar überwältigt fühle. Wenn ich dagegen ein Gefühl habe und das auch so benenne, dann kann ich das Gefühl „wie ein Objekt“ betrachten und beschreiben. Ich kann das Gefühl sozusagen aus mir herausholen, und schon allein dadurch erhöht sich meine wahrgenommene Handlungsfähigkeit.

1.1.2.4 Was bei Belastung hilft: Calm & Connect

Im Gehirn ist nicht nur die Stressreaktion Fight, Flight und Freeze fest verankert, sondern auch ihr Gegenprogramm. Das lautet Calm & Connect, sich beruhigen und in Verbindung gehen. Dieses Programm ist ebenso fest in uns verankert (ebenfalls in den emotionalen Zentren des Mittelhirns) wie die Stressreaktion, nur hat es leider weniger mächtige Auslöser. Das bedeutet: Damit die Reaktion Calm & Connect anspringt, braucht ein Gehirn ein wenig mehr Unterstützung. Und je öfter es diese bekommt, desto schneller kommt es in die Entspannungsreaktion. Für beide Prozesse können Sie als Physiotherapeut konkrete Strategien anbieten (übrigens auch für Sie selbst, denn Stress überträgt sich leicht.)

Calm: sich beruhigen

Welche Möglichkeiten kennt der Patient, um sich zu beruhigen? Was hat in der Vergangenheit schon einmal gut funktioniert? Prinzipiell gibt es dafür 2 grundsätzliche Strategien: Aktivität oder Entspannung. In der Aktivität können Stresshormone verstoffwechselt werden, und der Körper findet so in ein anderes Gleichgewicht. Dafür ist jede Form von Bewegung geeignet, die möglich ist und Spaß macht. Bei der Entspannung geht es dabei eher ums „Runterkommen“, Durchatmen und Loslassen.

In beiden Fällen steht uns noch eine zusätzliche Dimension zur Verfügung: Sowohl Aktivität als auch Entspannung können Patienten alleine nutzen oder zusammen mit einem lieben Menschen.

Connect: in Verbindung gehen

Verbindung kann ein Patient auf unterschiedliche Weise erleben:

Verbindung mit sich selbst

Bei sich selbst ankommen, sich wieder körperlich spüren, das geht deutlich leichter, wenn der Patient zunächst ruhiger geworden ist. Deshalb ist Calm der erste Schritt, Connect der zweite. Wie kann ein Patient mit sich in Verbindung sein? Für manche Kinder und Jugendliche geht das gut auf ganz konkrete, körperliche Weise, durch (sanfte) Bewegung, ein warmes Bad, gehalten werden, kuscheln. Andere finden leichter Zugang zu sich auf geistige Weise, zum Beispiel beim Musikhören, Tagebuch schreiben oder Tagträumen.

Verbindung mit der Natur

Kontakt mit der Natur ist in jeder Jahreszeit möglich. Den Himmel und die Bäume betrachten, Vögel zwitschern hören und wärmende Sonnenstrahlen spüren. Bei einem Spaziergang kann ihr Patient seine Umgebung mit offenen Augen und Ohren betrachten. Und sich über das Schöne freuen, das ihm dabei auffällt. Schöne Momente sammeln – die Positive Psychologie kennt das unter dem Namen Genussspaziergang oder Pleasure Walk. Diese Intervention fördert positive Emotionen und steigert das Wohlbefinden.

Verbindung mit anderen Menschen

Fragen Sie das Kind, den Jugendlichen, welche Menschen ihm nahestehen, zu wem er Kontakt hat oder gerne haben möchte. Welchen Freund oder Freundin möchte er treffen, anrufen, eine Nachricht schicken?

Praxisimpuls für Patienten

Erzähl mir davon,

wie du „runterkommen kannst“, zur Ruhe findest, dich entspannen kannst.

was dir gut tut. Was fühlt sich nach Erholung an (auch wenn es nur kurz ist)?

wen du treffen oder anrufen möchtest.

welche Tiere du gerne hast. Hast du ein Haustier? Oder gibt es ein Tier, das du besuchen kannst, bei einem Freund oder im Tierpark?

Was würde dir Freude machen, worauf hättest du Lust? Überleg mal, was du gerne tun würdest. Was wären deine Lieblingsaktivitäten? Probier etwas davon aus und mach ein Foto davon (Jugendliche)/mal mir ein Bild (Kinder). Zeigst du mir das, wenn wir uns das nächste Mal sehen?

Follow-up: Fragen Sie Ihren Patienten immer wieder nach solchen positiven Aktivitäten. Das bietet gute Möglichkeiten für unterstützende Gespräche während der Behandlung.

1.1.2.5 In schwierigen Zeiten gut mit sich umgehen

Bei Belastung durch Symptome, Diagnosen und Einschränkungen brauchen die Patienten und ihr Umfeld einen langen Atem, Gelassenheit und Zuversicht. Dazu ist es entscheidend, dass sie immer wieder aus der – nur allzu verständlichen – Stressreaktion herauskommen und die Fight-Flight-Freeze-Muster stoppen. Sie brauchen Möglichkeiten, um sich zu beruhigen und Verbindung zu spüren: Calm & Connect. Eine wichtige Erkenntnis der Wissenschaft: Es hilft langfristig mehr, immer wieder kleine Momente von Ruhe und Verbundenheit zu ermöglichen als die „große Dosis“ anzustreben. Unser Gehirn lernt durch Wiederholung, und wenn wir ihm immer wieder Möglichkeiten anbieten, um aus der Stress-Spur auf die Beruhigungsspur zu wechseln, dann wird das mehr und mehr zur Gewohnheit.

1.1.3 Die Beziehung des Therapeuten zu sich selbst

1.1.3.1 Aufblühen statt ausbrennen: Als Therapeut gut mit sich selbst umgehen

Langjährige Therapeuten kennen das: Irgendwann setzt eine gewisse emotionale Müdigkeit ein. Es fällt immer schwerer, den nötigen Elan und die Motivation für das therapeutische Bündnis zu aktivieren, weil es sich um so viel anstrengender anfühlt. Das können Anzeichen sein, dass das persönliche Burnout-Risiko steigt, es kann aber auch die sogenannteCompassion Fatigue sein („Mitgefühlsmüdigkeit“).

Um als Helfer langfristig nicht nur gut mit unseren Patienten, sondern gut mit uns selbst umzugehen, hilft es den Blick auf unsere psychischen Grundbedürfnisse zu lenken. Genauso wie körperliche Grundbedürfnisse in gewissem Maß erfüllt sein müssen, damit ein Mensch körperlich gesund bleibt, brauchen wir für unser Wohlbefinden und die psychische Stabilität eine Erfüllung unserer psychischen Grundbedürfnisse.

1.1.3.2 Die psychischen Grundbedürfnisse als Grundlage von Leistungsfähigkeit und Freude

In ihrer Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory) vergleichen die amerikanischen Psychologen Edward Deci und Richard Ryan ( ▶ [3], ▶ [4]) die Erfüllung der psychischen Grundbedürfnisse mit der Versorgung mit Nährstoffen auf körperlicher Ebene. Beides brauchen wir zum gesunden Leben. Grundbedürfnisse sind nicht erlernt, sie sind bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden – im Gegensatz zu individuellen Bedürfnissen ( ▶ [2]). Kulturell unterschiedlich kann allerdings sein, auf welche Weise ein Grundbedürfnis erfüllt wird. In Lateinamerika wird Verbundenheit zum Beispiel auf andere Weise ausgedrückt als in Japan. Und das ist dann erlernt.

Grundbedürfnis Autonomie

Bei diesem Bedürfnis geht es um das Gefühl, dass wir im Einklang mit unseren eigenen Werten handeln. Unser Grundbedürfnis nach Autonomie wird „aufgefüllt“, wenn wir selbstbestimmt und eigenverantwortlich entscheiden können. Unser „Füllstand“ dieses Bedürfnisses sinkt rapide, wenn wir uns fremdbestimmt erleben.

Autonomie bedeutet aber auch nicht eine komplette Unabhängigkeit. Menschliches Handeln geschieht immer in Beziehungen und in einem sozialen Kontext; es erfordert gegenseitige Abstimmung und oft auch Kompromisse. Das gilt gerade dann, wenn wir eigene Bedürfnisse anderen zuliebe zurückstellen. Solange diese Entscheidung aber unsere eigene bleibt und sich nicht aufgezwungen anfühlt, erleben wir trotzdem Autonomie.

Praxisimpuls für Therapeuten

Was bedeutet für Sie in Ihrer derzeitigen Lebenssituation Autonomie?

Was ist Ihnen wichtig? Schreiben Sie Ihre 10 wichtigsten Werte auf – das, worauf Sie niemals verzichten wollen. Ist es Freiheit, Verbundenheit, Harmonie, Spaß, Abenteuer, Sicherheit …?

Wie können Sie Ihre Werte im Einklang mit den Werten anderer Menschen verwirklichen?

Was könnten dafür kleine Symbole, Handlungen oder Gesten im Alltag sein?

Grundbedürfnis Wirksamkeit, Kompetenz

Wir wünschen uns, dass unser Handeln Wirkung erzeugt. Wir brauchen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Entscheidend ist dabei gar nicht so sehr, ob unser Handeln immer zum erwünschten Erfolg führt, sondern dass es überhaupt eine Wirkung gibt. Wenn das Grundbedürfnis nach Kompetenz in Gefahr ist, erleben wir Hilflosigkeit.

Wie und wann können Sie sich wirksam erleben? Beruflich oder privat, das ist zunächst nebensächlich. Entscheidend ist ein Gefühl von Wirksamkeit. Vielleicht möchten Sie ja jetzt ein Vorhaben verwirklichen, das Sie schon lange anpacken wollten, etwas in der Wohnung renovieren, die Steuererklärung fertigstellen, einen Raum oder den Keller aufräumen?

Praxisimpuls für Therapeuten

Was bedeutet für Sie „Wirksamkeit“? Übersetzen Sie das in Ihre eigenen Worte.

Wann und wie erleben Sie Wirksamkeit? Was haben Sie angepackt, was konnten Sie ein Stück voranbringen – auch wenn es vielleicht anstrengend war?

Wie können Sie freundlich mit Ihren eigenen Ansprüchen nach Perfektion umgehen?

Grundbedürfnis Bindung, Verbundenheit (Relatedness)

Wir alle brauchen es, dass wir uns mit anderen Menschen verbunden fühlen, vertrauensvoll im Austausch sind, und Fürsorge erleben oder geben können. Wir brauchen emotionalen Kontakt, Vertrauen und Verbindung. Unser Grundbedürfnis nach Bindung wird aufgefüllt, wenn wir menschliche Wärme erleben, und uns verstanden und akzeptiert fühlen. Der „Füllstand“ des Bedürfnisses sinkt rapide, wenn wir uns isoliert und ausgegrenzt erleben. Dann werden in unserem Gehirn übrigens dieselben Zentren aktiviert wie bei körperlichem Schmerz.

Praxisimpuls für Therapeuten

Wann und wie erleben Sie Nähe? Wie können Sie in Ihrem Alltag Gelegenheiten dafür schaffen?

Was können Sie persönlich tun, um Ihr Grundbedürfnis nach Verbindung zu unterstützen?

Welchen Kontakt wollten Sie schon längst wieder aktivieren? Rufen Sie diesen Menschen an oder schreiben Sie eine Nachricht – einfach so.

1.1.3.3 Gut mit sich umgehen

Abb. 1.1 Die „Füllstände“ der drei psychischen Grundbedürfnisse Kompetenz, Autonomie und Verbundenheit und ihre Anwendung im Coachinggespräch.

Die 3 Grundbedürfnisse sind universell, also bei jedem Menschen vorhanden. Stellen Sie sich 3 Gläser vor, jedes davon zu einem bestimmten Maß gefüllt ( ▶ Abb. 1.1). Das sind Ihre Grundbedürfnisse. Und wir brauchen hier keine „dauerhaft vollen Gläser“. Unsere Psyche ist durchaus in der Lage, einen niedrigeren Füllstand in einem Glas kurzzeitig mit den beiden anderen auszugleichen. Doch ein länger andauerndes Defizit bei einem oder gar mehreren Grundbedürfnissen führt über kurz oder lang zu Konsequenzen und vielleicht sogar zu Symptomen psychischer oder auch physischer Natur.

Die Metapher der „Füllstände“ für die Grundbedürfnisse lässt sich leicht im Gespräch vermitteln. Zu einem Klienten würde ich dabei sinngemäß Folgendes sagen:

„Ich habe hier ein Glas in meiner Hand, das zu einem Teil gefüllt ist. Was meinen Sie, wie voll ist dieses Glas?“

Viele Klienten sind vertraut mit dem „halbvollen“ oder „halbleeren“ Glas, bei dem bekanntlich die Einstellung des Betrachters den Unterschied macht. Der optimistischere Mensch spricht von „halbvoll“, der andere von „halbleer“. Entsprechend vorsichtig sind viele Klienten zunächst mit einer Antwort, denn sie vermuten eine Fangfrage. Wenn man ihnen diese Sorge nimmt und sie erneut um ihre Einschätzung bittet, kommen Aussagen wie „Da geht schon noch was rein“, „Das ist nicht gut gefüllt“, „Das Glas ist zu 30 Prozent voll, 70 Prozent sind leer“.

„Wir sind uns also einig, dass dieses Glas nur wenig gefüllt ist. Doch wie würde sich Ihre Einschätzung ändern, wenn Sie wüssten, dass in diesem Glas nicht etwa Wasser ist, sondern etwas Hochprozentiges, wie zum Beispiel Wodka oder Gin?“

Jeder Klient wird darauf überrascht reagieren – denn in einem Wasserglas vermutete er natürlich Wasser und keinen Alkohol – und wird seine Einschätzung sofort anpassen. „Ja, dann ist das Glas natürlich mehr als gut gefüllt. Das wäre ja ein doppelter oder dreifacher Wodka!“

Mit dieser Bewertungsveränderung haben wir genau das, worauf wir bei den Grundbedürfnissen hinauswollen: Es gibt keinen absoluten „Füllstand“ für ein psychisches Grundbedürfnis. Ebenso wie die Einschätzung beim Wasserglas von der enthaltenen Flüssigkeit, den Trinkgewohnheiten und kulturellen Gepflogenheiten abhängt, so spielen bei der Bewertung, wie erfüllt ein Mensch eines seiner Grundbedürfnisse erlebt, viele Faktoren mit hinein. Und genau um diese kann man sich dann im weiteren Verlauf kümmern. Formal geschieht das mit der Frage nach dem „Eichstrich“. Dieser zeigt an, was „gut gefüllt“ wäre und seine Platzierung hängt wesentlich davon ab, ob damit der optimale Füllstand für Wasser oder Wodka markiert wird.

Praxisimpuls für Therapeuten

Intervention: die Inventur der Grundbedürfnisse

(vgl. ▶ [1])

Nehmen Sie sich mindestens 15 Minuten Zeit, um über die Frage nachzudenken „Wie sorge ich für die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse im Alltag?“

Beginnen Sie zunächst mit einem einzelnen Lebensbereich, zum Beispiel:

beruflich: Ihre Arbeit

privat: Ihre Partnerschaft, Familie, Freunde, Beziehungen

persönlich: Ihr Umgang mit sich selbst, Körper, Gesundheit, Schlaf, Ernährung

Skizzieren Sie auf einem leeren Blatt Papier schematisch 3 Gefäße ( ▶ Abb. 1.1), eines für jedes Grundbedürfnis in diesem Lebensbereich, und beschriften Sie diese. Zeichnen Sie dann Ihren jeweiligen Füllstand ein.

Als Nächstes stellen Sie sich die Frage: Wo liegt mein „Eichstrich“? Ein Eichstrich zeigt an, was „gut gefüllt“ bedeutet. Liegt er ganz oben, knapp unter dem Rand des Gefäßes, oder eher in der Mitte? Oder weiter unten, wie z.B. bei einem Whisky-Glas?

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Füllstand, jetzt wo Sie ihn in Bezug auf den Eichstrich sehen? Was passt bereits? Was würden Sie gerne verändern? Was tun Sie aktuell, um Ihre Grundbedürfnisse in diesem Lebensbereich sicherzustellen? Wo fühlen Sie sich gut „versorgt“, wo wäre mehr möglich? Was möchten Sie gerne verändern?

Setzen Sie sich ein Ziel für eines der Bedürfnisse in diesem Lebensbereich. Was wären kleine Änderungen im Alltag, die nachhaltige Wirkungen haben könnten? Formulieren Sie daraus Ihre Ziele: konkret, verhaltensnah und alltagstauglich. Schreiben Sie diese Ziele auf. Was wäre der allererste kleine Schritt dorthin? Nehmen Sie sich dann für die nächsten Tage diesen kleinen Schritt konkret vor und ziehen Sie nach einigen Tagen Bilanz, was sich verändert hat.

Allein das Bewusstsein um die Grundbedürfnisse kann dabei helfen, freundlicher mit sich (und anderen) umzugehen. Wenn Sie wieder einmal gefühlt mit dem Rücken an der Wand stehen, denken Sie an das Bild der 3 Gläser und ihrer Füllstände. Wie könnte Ihnen das in der Situation helfen?

Verbindung, Kompetenz und Autonomie können wir ja in vielen Bereichen erleben, auch in Bezug auf uns selbst: Wie kann ich mich spüren, mir selbst vertrauen, freundlich mit mir umgehen? Wo kann ich Wirksamkeit erleben, was mich selbst betrifft? Vielleicht bei meiner Tagesgestaltung, bei Bewegung, Ernährung, Schlaf? Und welche Werte sind mir persönlich wichtig? Wofür lohnt es sich, Energie zu investieren? Was hält mich persönlich auf Kurs?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesem Sinne gut mit sich umgehen, gerade dann, wenn Sie viel Energie in die Beziehung zu Ihren Patienten stecken. Denken Sie an das einleitende Voltaire-Zitat zu diesem Kapitel:

Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.

1.1.3.4 Literatur

[1] Blickhan D. Positive Psychologie im Coaching: Anleitung für ein gelingendes Leben. Paderborn: Junfermann; 2021

[2] Blickhan D. Positive Psychologie: Ein Handbuch für die Praxis. 2. Aufl. Paderborn: Junfermann; 2018

[3] Deci EL, Ryan RM. The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry 2000; 11(4): 227–268. doi:10.1207/S15327965PLI1104_01

[4] Deci EL, Ryan RM, eds. Handbook of self-determination research. Rochester, NY: University of Rochester Press; 2004

[5] Peterson C. Pursuing the good life: 100 reflections in positive psychology. Oxford University Press; 2013

1.2 Familiensysteme

Martina Hess

Psychodynamik von Familiensystemen bei der Diagnose einer schweren Erkrankung bzw. einer Behinderung

1.2.1 Einführung

Die Diagnose einer schweren Erkrankung bzw. einer Behinderung des eigenen Kindes stellt nicht per se, aber in der Regel eine zentrale Interpunktion oder Zäsur in der Biografie beim Kind und seinen Angehörigen dar. Mit der Diagnosevermittlung liegt das Höhepunktereignis der zeitlichen Verlaufskurve der Erkrankung noch vor dem Familiensystem.

Die Vermittlung dieser Diagnose wird in den meisten Familien als extrem krisenhaft erlebt. Das Selbst- und Weltbild geraten ins Wanken und alltagsweltliche Basisidealisierungen werden brüchig. Die Offenheit der biografischen Zukunft steht plötzlich und meist völlig unerwartet zur Disposition. Es kommt meist zu einer Erschütterung der inneren Welt („… mir passiert so etwas nicht ...“) und die Betroffenen fühlen sich verletzt, unsicher und hilflos. Es entsteht bei vielen betroffenen Personen eine tiefgreifende Verunsicherung ( ▶ [14]).

Sigmund Freud beschreibt in seiner Arbeit „Trauer und Melancholie“ die Trauer als „… die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person, oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal …“ ( ▶ [10]).

„Die erstrebenswertesten Ziele unserer Zeit sind in der Regel Schönheit, Jugend, Fitness, Erfolg und damit assoziiertes Glück. Krankheit, Tod und Gebrechlichkeit werden weitgehend aus unserem Denken und unserer Wahrnehmung verdrängt. Der Verlust eines geliebten Menschen oder der Verlust der Gesundheit setzt dieser Verleugnung und Abspaltung ein Ende. Irgendwann macht jeder Einzelne die Erfahrung des Verlusts, sei es durch den Verlust einer geliebten Person, oder den Verlust der eigenen Gesundheit, spätestens durch den körperlichen und geistigen Alterungsprozess. Auch die Gewissheit, dass das eigene Leben begrenzt und endlich ist, kann eine Trauerreaktion auslösen. Für jeden einzelnen Menschen gibt es folglich die unterschiedlichsten Gründe, um zu trauern“ ( ▶ [13], S. 3).

Für Monika Jonas ist ein bestimmendes Merkmal der Trauer, dass sie kein Ende hat, sondern lebenslang anwesend ist und in wechselnder Intensität und Ausprägung immer wiederkehrt. Sie verwendet dafür den Begriff „zirkulierende Trauer“ ( ▶ [17]).

„Trauer ist also ein natürlicher und notwendiger Prozess, um belastende Erlebnisse zu bearbeiten und ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben unter veränderten Bedingungen fortsetzen zu können“ ( ▶ [13], S. 3).

Die Geburt eines Kindes mit einer schweren Erkrankung bzw. das Erkennen, dass sich das Kind in seiner Entwicklung von anderen unterscheidet, stellt Familien vor ganz spezielle Herausforderungen oder Belastungen. Monika Jonas ( ▶ [18]): „Die Prozessbeschreibung der Trauer halte ich für durchaus geeignet, den Prozess der Frauen nach der Geburt eines behinderten Kindes darzustellen.“ Die Merkmale der Trauer sind nach Jonas die Unabänderlichkeit des Ereignisses, die Regelmäßigkeit des Auftretens, die Erschütterung der Identität und des Selbst- und Welterlebens, die Reorganisation der Projektion in das eigene Selbst sowie die deutliche Störung des biologischen, psychischen und sozialen Gleichgewichts. Der Trauerprozess und die Entwicklung von Autonomie stellen nach Jonas (ebd.) Bewältigungsstrategien der Mütter dar, um mit der traumatischen Erfahrung umgehen zu können, ein Kind mit Behinderung geboren zu haben. Trauer ist daher die „normale“ Reaktion eines Menschen auf einen Verlust (vgl. ▶ [10]).

Merke

Die Trauer ist lebenslang anwesend und kehrt in wechselnder Intensität und Ausprägung wieder. Sie ist ein natürlicher und notwendiger Prozess, um belastende Erlebnisse zu verarbeiten und das Leben unter den veränderten Bedingungen fortzusetzen ( ▶ [14], Kap. 23, S. 2).

1.2.2 Ein chronisch krankes Kind bzw. ein Kind mit Behinderung als non-normatives Lebensereignis

Hinze ( ▶ [15]) formulierte es so: „Eltern eines behinderten Kindes zu sein ist anormal und generell unerwünscht. Ein Kind mit Behinderung erfüllt die persönlichen Wünsche der Eltern nicht. Es entspricht nicht den Vorstellungen der sozialen Umgebung. Es steht den normativen Erwartungen der Gesellschaft entgegen.“ Oft spricht man im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes mit einer sogenannten „Behinderung“ oder auch bei einem Kind mit einer schweren Erkrankung, z.B. mit einem schweren Herzfehler, einer Lungenerkrankung bzw. bei einem verunfallten Kind, von einem traumatischen Erlebnis für die Eltern. Die häufigsten elterlichen Reaktionsformen sind Schockerleben, Schuldgefühle und Abwehrmechanismen ( ▶ [8]). Die ganze Familie wird vor neue, unbekannte Herausforderungen gestellt. Nicht nur das Leben ihres Kindes wird anders sein als das von „normalen“ Kindern, auch ihr eigenes Leben wird sich sehr verändern.

Den Eltern fällt es anfangs meist schwer, die Behinderung ihres Kindes wahrzunehmen und zu akzeptieren. Dabei bleiben die Auswirkungen der Behinderung nicht allein auf das Kind beschränkt, sondern es bedeutet einen tiefen Einschnitt in das Leben der gesamten Familie. Die tiefe Krise, die durch die Behinderung ihres Kindes ausgelöst wird, bestimmt über eine lange Zeit das gesamte emotionale Erleben der Eltern und führt sie oft an die Grenzen der Belastbarkeit ( ▶ [13]).

Es ist wichtig, dass Physiotherapeuten für die professionelle Begleitung versuchen, den Stress der Betroffenen zu verstehen – welche Traumata der Verlust der Gesundheit beim Kind nach sich zieht, sei es durch einen Unfall oder durch eine schwere Erkrankung. Die Interventionsgespräche in der Physiotherapie mit den betroffenen Eltern werden auch eine Orientierungshilfe, einen gemeinsamer Blick auf das Geschehene und mögliche Schritte für die Zukunft beinhalten ( ▶ [11]). Ziel der Intervention sollte es sein, den Eltern und dem Kind dabei zu helfen, die Hilflosigkeit bzw. die Situation anzunehmen, und ihnen dabei Bewältigungsstrategien als Werkzeuge an die Hand zu geben. Information nimmt Angst. Wichtig ist, dass Betroffene die eigenen Gefühle erkennen und in der Lage sind, diese zu benennen.

„Vor allem im Diagnoseprozess ist das Trauerkonzept von Monika Jonas über die zirkulierende Trauer in vielen Fallgeschichten sichtbar. Der Behandler diagnostiziert im Zuge der Verlaufsdiagnostik ein weiteres Störungsbild bzw. eine Befundverschlechterung und selbst resiliente Betroffene reagieren plötzlich mit Vulnerabilität. Dies ist als „normale“ Reaktion im Sinne der Psychodynamik zu verstehen. Für die professionelle Begleitung ist die Unterscheidung zwischen chronischer und zirkulierender Trauer hier hilfreich. Resiliente Personengruppen zeigen als „normale“ Reaktion auf den Verlust der Gesundheit diverse Belastungsreaktionen in Form der zirkulierenden Trauer und werden sich in der Folge wieder stabilisieren können. Chronische Trauer führt die Betroffenen jedoch in eine Traumafolgestörung“ ( ▶ [14], Kap. 23, S. 3).

Neben der Bedeutung für die Krisenbegleitung soll hier auch auf die Wichtigkeit der richtigen Kommunikation in der Physiotherapie eingegangen werden. Gewiss können auch die besten Kommunikationsstrategien nicht verhindern, dass die betroffenen Familien von der Situation überwältigt werden, sich ohnmächtig fühlen, und daraufhin Schuldgefühle produzieren. Der Moment, in dem das Familiensystem die schockierende Botschaft erhält, wird sicherlich ein Leben lang nicht vergessen. Es ist also wichtig, eben diesen Moment so gut wie möglich mit Hilfe professioneller Gesprächsführung zu entschärfen. Dies kann die Entstehung einer weiteren Krise durch ungünstige Gesprächsführung vermeiden. Die Bedeutung und Wirkung einer Nachricht bestimmt nicht der Sender (=Physiotherapeut), sondern immer der Empfänger (=Betroffene). Das bedeutet auch für Überbringer schlechter Nachrichten, z.B. Befundverschlechterung, dass sie nicht davon ausgehen können, dass die Information gleich wie gewünscht beim Empfänger ankommt ( ▶ [21]).

Die Betreuung eines schwer erkrankten Kindes bzw. eines Kindes mit Behinderung erfordert vom Familiensystem einen enormen Anpassungsprozess. Zu beobachten ist, dass es nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung häufiger zu einer Aufnahme der traditionellen Rollenbilder kommt ( ▶ [13]). „So wird die Betreuung und Pflege des Kindes mit Behinderung meist von den Müttern übernommen“ ( ▶ [14], Kap. 23, S. 3). Laut Hirchert ( ▶ [16]) werden 87% der Kinder mit Behinderung von der leiblichen Mutter gepflegt, 4 % werden vom Kindesvater gepflegt, 3 % von einer Pflegemutter und 6 % von sonstigen Personen.

In Krisensituationen hilft in der Regel ein gutes soziales Umfeld und Netzwerk. Laut Heckmann ( ▶ [12]) kann es allerdings als gesichert gelten, dass vor allem Eltern von Kindern mit schwerer Mehrfachbehinderung eher von sozialer Isolation betroffen sind. Diese soziale Isolation ist für eine stabile Integration der Diagnose in die Autobiografie aller betroffenen Familienmitglieder eine enorme Problematik.

Merke

Die Betreuung eines Kindes mit schwerer Erkrankung bzw. mit Behinderung erfordert vom Familiensystem einen enormen Anpassungsprozess ( ▶ [14], Kap. 23, S. 3).

Mehrfachbehinderungen bei Kindern sind besonders belastend für Mütter, insbesondere, wenn Verhaltens- und Interaktionsstörungen hinzukommen. Mütter zeigen in den ersten 5 Lebensjahren ihres Kindes konstant steigende Labilität. Hier spielen Stressfaktoren wie fehlende soziale Unterstützung, Instabilität der Familienbeziehungen, Mehrfachbehinderung und Verhaltensstörungen der Kinder eine starke Rolle. Schlüsse über die Häufigkeit psychischer Probleme schwanken je nach Untersuchungsmethode, Stichprobe und Zeitpunkt. Je nach Funktionsbeeinträchtigung und Alter des Kindes kann die Stressbelastung sehr hoch sein.

Belastend hinzu kommt, dass die Förderung laut Hirchert ( ▶ [16]) größtenteils von den Müttern erwartet und gefordert wird. Für die meisten Physiotherapeuten ist in der Regel die leibliche Mutter die Hauptansprechperson für die Therapie. Oft wird die Lebensrealität der Mütter ignoriert und es werden im Rahmen der Förderung viel zu hohe und unrealistische Anforderungen an diese gestellt.

Es wird z.B. bei der Frühförderung von Kindern mit Behinderung meist völlig außer Acht gelassen, dass es jenseits der Realität liegt, dass eine Mutter all die Aufgaben, die mit einem schwer erkrankten bzw. einem behinderten Kind einhergehen, allein bewältigen kann. Sie werden im therapeutischen Prozess oft nicht als Person in ihrem realen Lebensbezug mit eigenen Interessen wahrgenommen, sondern im weitesten Sinne dazu gebraucht, ihr Kind bestmöglich zu fördern und volle Verantwortung für dieses zu übernehmen.

Diese hohen, unrealistischen Anforderungen an die Mutter stellen eine psychosoziale Belastung dar, da die Mütter dadurch Schuld- und Schamgefühle entwickeln können, weil sie dem gesellschaftlichen Idealbild einer Mutter nicht gerecht werden können. Die Behinderung bzw. die schwere, chronische Erkrankung des Kindes macht das Problem der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Mutter und Kind deutlich und die daraus entstehenden emotionalen (z.B. Schuldgefühle) und sozialen (z.B. verhinderte autonome Entwicklung der Mütter) Konsequenzen. Dieser lange und extrem belastende Prozess nach der Geburt eines behinderten Kindes kann die Identität als Frau und Mutter, die Beziehung zum Kind und die soziale und familiäre Situation stark verändern. Weiter wird von der Gesellschaft als selbstverständlich angenommen, dass eine Mutter immer für ihr Kind da ist, unabhängig ob behindert oder nicht, es in seiner Andersartigkeit annimmt und liebt, und alles für das Kind mit Liebe tut und es optimal fördert ( ▶ [13]).

Die Diagnose und auch eine Befundverschlechterung sind traumatische Erfahrungen, die das Erleben und die soziale Situation der Mütter nachhaltig prägen. Es ist daher ein Einschnitt in das gesamte Leben der Familie, und besonders in das der betroffenen Mütter. Die schwere, meist chronische Erkrankung bzw. die Behinderung des Kindes hat Auswirkungen auf die mütterliche Beziehung zum Kind, auf ihre eigene Identität und auch auf ihre familiäre und soziale Existenz.

Die Forschung zur Frühförderung und auch die gesellschaftliche Umsetzung vernachlässigen nach Meinung der Autorin immer noch diese angeführten Belastungen der Mütter. Der belastungstypische Prozess der Lebenssituation von Müttern nach der Geburt eines behinderten Kindes wurde von Trescher ( ▶ [25]) wie folgt beschrieben: „Es ist ein schwerer Prozess, die Behinderung wahrzunehmen und gleichzeitig der Versuch, die Behinderung durch entsprechende Förderung ungeschehen zu machen. Dadurch können betroffene Mütter an ihre Belastungsgrenzen gelangen.“

Die Frühberatung geht in der Regel nicht auf das emotionale und soziale Erleben der Mütter ein. Dabei wäre es für die Mutter-Kind-Bindung wichtig, sich damit zu beschäftigen, wie auch den Müttern geholfen werden kann, ob die Institutionen der Frühberatung den Müttern diese Lebenssituation erleichtern könnten und welche Hilfestellungen angebracht wären. Eine Beratung, in der auch die Lebensrealität der Mütter sowie das gesamte familiäre Umfeld z.B. Geschwisterkinder einbezogen werden, ist nach Meinung der Autorin dringend notwendig. Denn wenn den Müttern darin der Raum für ihre eigenen Empfindungen und Bedürfnisse gegeben werden kann, so könnte dies ihre Lebenssituation und auch die des Kindes verändern und verbessern.

Für Mutter und Vater stellt die Diagnose, ein Kind mit schwerer Erkrankung oder mit Behinderung zu haben, eine unerwartete und belastende Erfahrung dar. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wodurch sich Väter in ihren Reaktionen und ihrem Copingverhalten von Müttern unterscheiden.

Insgesamt fällt auf, dass Väter deutlich später emotional reagieren als Mütter. Gerade im frühen Zeitverlauf beschränken sich ihre Reaktionen größtenteils auf kognitive Bereiche. Dies kann einen Ansatzpunkt für geschlechtsspezifische Intervention darstellen, sodass in der jeweiligen Phase eher auf die kognitive oder die emotionale Reaktionsebene fokussiert wird ( ▶ [13]).

Zusammengefasst ist die Erfahrung, ein Kind mit schwerer Erkrankung oder mit Behinderung zu bekommen, für Väter ebenso belastend wie für Mütter. Dennoch finden sich deutliche Unterschiede zu den Reaktionen und dem Copingverhalten der Mütter, was sich in erster Linie im zeitlichen Verlauf widerspiegelt.

Werden diese Unterschiede im sozialen Umfeld und der professionellen Intervention berücksichtigt, eröffnet sich unter diesem Hintergrund eine noch effizientere Unterstützung der betroffenen Mütter und Väter. Letztendlich ist es schwer zu sagen, welchen Einfluss ein Kind mit Behinderung bzw. ein Kind mit schwerer Erkrankung auf die Partnerschaft hat. Es kann entweder eine Bedrohung oder eine Stärkung für die Paarbeziehung sein. Typische Partnerschaftskonflikte beruhen entweder auf Diskrepanzen im Bewältigungsprozess oder in der Kinderbetreuung sowie in der Förderung und können beispielsweise folgendermaßen erlebt werden:

Einer der Partner erlebt durch die Behinderung bzw. durch die chronische Erkrankung eine seelische Krise, ist deprimiert, trauert, reagiert aggressiv, zieht sich zurück und verschließt sich. Der Betroffene entwickelt eine Anpassungsstörung, dadurch fühlt sich der andere Elternteil beunruhigt, hilflos und allein.

Beide Elternteile engagieren sich angestrengt für Pflege, Therapie und Förderung ihres Kindes, zentrieren ihr Leben um das Kind, verlieren sich selbst aber als Paar aus den Augen.

Auch Zukunftsängste können belastend für die Eltern sein, Sorgen über die weitere Entwicklung und Zukunftsaussichten. Welche Fertigkeiten, welchen Grad an Selbstständigkeit kann das Kind erreichen, wie lange kann es in der Familie bleiben? Es ist von den Ressourcen der Eltern abhängig, ob eine Partnerschaft solch ein traumatisches Ereignis übersteht oder nicht. Für die Integration in die Autobiografie müssen die Eltern zusammen lernen, mit dieser neuen Situation umgehen zu können. Sie müssen aber auch lernen, ihre Partnerschaft nicht außer Acht zu lassen. Professionelle Hilfe, die das ganze Familiensystem miteinbezieht, kann dabei helfen, neue Wege zu finden und die Beziehungsstruktur zu stärken. In Rahmen der Physiotherapie kann z.B. das Geschwisterkind eingeladen werden, um gemeinsam eine Therapieeinheit zu absolvieren.

Es ist daher besonders wichtig, für jeden Teil der Familie die richtige Lösung zur veränderten Situation zu finden. Jedes Mitglied einer Familie hat andere Bedürfnisse und Befindlichkeiten und jeder geht sehr unterschiedlich mit Schicksalsschlägen oder angstbesetzten Situationen um.

Im Buch „Gesprächspsychotherapie und Beratung mit Eltern behinderter Kinder“ von Matthias Paul Krause ( ▶ [20]) wird darauf hingewiesen, dass die gestellte Perspektive der Therapie für Eltern mit Kindern mit Behinderung auf keinen Fall bedeutet, dass alle Eltern, die Kinder mit Behinderung haben, im Rahmen ihres Bewältigungsprozesses behandlungsbedürftig wären. Ist eine Behandlung aber notwendig, zeigt die Intention des Modells, dass die Anstrengungen von Eltern, die die Behinderung ihres Kindes zu bewältigen versuchen, nicht ohne ihre Biografiearbeit erfolgen kann. Es wird betont, dass den Betroffenen viele Wege offen stehen, Erfahrungen der krisenhaften Belastung zu integrieren. Die aufgezeigten Möglichkeiten von Krause (ebd.) werden weiter vervielfältigt, wenn günstige Umstände dazukommen, etwa durch unterstützende soziale Kontakte, professionelle Beratung oder Psychotherapie. Das Ziel besteht darin, die Lebensqualität aller Betroffenen auf ein gutes Level zu bringen und dort zu halten ( ▶ [13]).

1.2.3 Geschwister von Kindern mit Behinderung

Kinder mit einem Geschwisterkind mit Behinderung machen andere Erfahrungen als Kinder ohne Geschwister mit Behinderung. Die Geschwisterbeziehung eines Kindes mit einem Geschwisterkind mit Behinderung unterscheidet sich grundlegend von anderen Geschwisterbeziehungen. Für ihre Schwester oder ihren Bruder mit Behinderung sind sie Spielgefährte, Babysitter, Freund, Pfleger, Tröster, Erzieher, Lehrer, Unterhalter, Kotherapeut, Dolmetscher und in manchen Situationen auch Ersatzmutter oder Ersatzvater. Sie werden oft früh mit Leid konfrontiert, entwickeln oft Schuldgefühle, können nicht in Rivalität mit dem Geschwisterkind treten und haben weniger Zugang zu den Eltern.

Rivalität um die Gunst der Eltern und ein gewisser Konkurrenzkampf ist Teil einer Geschwisterbeziehung und dauert oft lebenslang. Ist ein Geschwisterkind behindert, gilt dies in der Regel nicht, denn Konkurrenz kann nicht offen ausgetragen werden. Studien ergaben, dass Eltern auf Zornesausbrüche ihrer Kinder weniger tolerant reagieren, wenn sich die Wut gegen die behinderte Schwester oder den behinderten Bruder richtet. Sie erwarten Loyalität und Rücksichtnahme und so werden Aggressionen gegebenenfalls auch unterdrückt. Durch die unterdrückten Aggressionen ist es auch möglich, dass sich beim Geschwisterkind Schuldgefühle und Scham entwickeln. Zudem wird oft das „Sorgenkind“ (lt. Aussage einer betroffenen Mutter) in einigen Familien idealisiert und gilt grundsätzlich als unschuldig, obwohl es zum Teil durchaus in der Lage ist, sich durchzusetzen oder zu provozieren ( ▶ [13]).

Die Aufmerksamkeit und Unterstützung, die das Kind mit Behinderung in allen Lebensbereichen fordert, fehlen dem Geschwisterkind. Meist gibt ein Elternteil seine Berufstätigkeit auf, dennoch kostet der Alltag viel Kraft und Energie. Es bleibt zum Teil keine Zeit mehr für das Geschwisterkind, z.B. für Unterstützung bei den Hausaufgaben, und diese Kinder haben eine weniger intensive Beziehung zu ihren Eltern als es eigentlich üblich wäre. Biermann ( ▶ [7]) verwendet für dieses, im Schatten des Kindes mit Behinderung stehenden Geschwisterkindes den Begriff „Schattenkind“.

Des Weiteren gestaltet sich das Schließen und Pflegen von Freundschaften schwieriger. Zum einen kann es unangenehm erlebt werden, Freunde mit nach Hause zu nehmen oder die Freunde müssen sich mit dem Bruder oder der Schwester verstehen, was die Auswahl an Freunden deutlich einschränkt. Auch die Eltern können sich aus dem sozialen Umfeld zurückziehen bzw. haben weniger Zeit, Sozialkontakte zu knüpfen oder zu halten, da ihre Zeit sehr begrenzt bzw. eingeteilt ist. Familienausflüge könnten sich unter Umständen schwierig gestalten, wenn das Kind mit Behinderung für die Umgebung unangenehme Verhaltensweisen zeigt und die Außenwelt problematisch reagieren würde. All diese Bedingungen können sich negativ auf die Entwicklung des gesunden Geschwisterkindes auswirken, sodass dieses auch entgegen seiner Persönlichkeitseigenschaften zu einem Einzelgänger wird. Vor allem in der Pubertät kann es zu einem Abgrenzen von seinem Geschwisterkind mit Behinderung kommen. Die außergewöhnliche Familiensituation lässt sich nicht mit dem Streben nach Autonomie in der Pubertät vereinbaren.

Durch die Behinderung der Schwester oder des Bruders verschieben sich die Hierarchien innerhalb der Familie. Das eigentlich ältere Geschwisterkind mit Behinderung wird in seiner Entwicklung irgendwann vom Jüngeren eingeholt und braucht entgegen seines Alters viel Unterstützung. Solche Verschiebungen im Familiensystem können beim gesunden Geschwisterkind Hemmungen und Schuldgefühle auslösen. Durch die frühe Konfrontation mit Krankheit wird die eigene Gesundheit nicht mehr als selbstverständlich wahrgenommen, Ähnlichkeiten zwischen den Geschwistern können zu Verunsicherung und Angst vor einer möglichen eigenen Behinderung führen. Bei einer genetischen Ursache für die Behinderung kann im Erwachsenenalter durchaus die Angst vor einer Behinderung der eigenen Kinder bestehen ( ▶ [13]).