Phytera - Hari Patz - E-Book

Phytera E-Book

Hari Patz

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Beschreibung

Die Handlung spielt auf einem Planeten, mit drei verschieden großen Monden, der komplett mit Wasser bedeckt ist. Bis auf eine Insel. Dort herrscht ein böses Alien, wer sich nicht fügt, wird von der Insel verbannt. Die Verbannten schaffen es, in Pfahlbauten zu überleben. Miro, ein sechzehnjähriger Junge lebt dort. Er wird von einer Seherin auf die Suche nach Phytera geschickt. Miro ist ein latenter Telepath, der sich in Gesellschaft von seinem Freund Arko auf den Weg macht. Phytera erweist sich als Personifizierung des kollektiven Bewusstseins aller Bäume auf dem Planeten. Miro findet einen großen Baum auf einer kleinen Insel. Es ist die Gestalt von Phytera. Sie unterrichtet Miro und schickt ihn auf eine Mission. Er soll das Alien töten und den Planeten retten, der von der Explosion durch einen Kometen bedroht wird.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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PhyteraEine fantastische Geschichte

von Hari Patz

Impressum © 2025 Hari Patz

Website: haris-insel.de

Coverdesign von: Hari Patz

Illustration von: Hari Patz

Hans-Jürgen Patz, Landsberger Allee 210, 10367 Berlin - Lichtenberg, Germany .Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Prolog 4

1. Miro 7

2. Die Seherin 16

3. Abschied 33

4. Rowanda 39

5. Eisenfaust 53

6. Das grosse Fest 65

7. Der Ruf 76

8. Phytera 90

9. Die Mission 127

10. Die KÖnigin 181

11. Ablenkung 209

12. Rombor 227

13. Das BÜndnis 237

14. Zu neuen Ufern 272

Epilog 291

Prolog

Brennan rieb sich die Augen. Er saß schon seit Stunden hier und starrte auf den Monitor, bis ihm die Sicht verschwamm. Um seine Augen wieder zu fokussieren, richtete er seinen Blick auf die Wand und auf die zahllosen vielfarbigen Kabel und Rohre, die daran entlangliefen, bis sie im Dunkel des Ringtunnels verschwanden. Seufzend setzte er die Brille wieder auf und wandte sich erneut dem Bildschirm zu. Es war bereits die vierundneunzigste Simulation, die er heute durchging. Er glaubte fest an sein Projekt, doch die Ergebnisse ließen auf sich warten und das schon sehr lange.

Wie bittere Galle stieg die Erinnerung an das gestrige Gespräch mit dem Direktorat in ihm hoch. Worte wie „ineffektiv“, „kostentreibend“ und „Fass ohne Boden“ waren gefallen. Zum Schluss das Ultimatum: „Wenn Sie uns nicht binnen drei Monaten verwertbare Ergebnisse vorweisen können, wird das Projekt ‚Himmelsfeuer‘ eingestellt.“ Diese Narren! Bei dem Projekt ging es doch nicht um Geld! Es ging darum, den Planeten zu retten! Dem drohte der Erstickungstod und mit ihm allen Menschen und Tieren. Schon jetzt ergaben Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs die höchste Mortalitätsrate. Die Kindersterblichkeit war um über dreißig Prozent gestiegen. Das waren die Gründe, warum er sich in dieser nach Ozon stinkenden Halle die Nächte um die Ohren schlug.

Das Piepen des Computers riss Brennan aus seinen Gedanken. Die Simulation war beendet. Er schaute sich die Ergebnisse an und fühlte, wie sein Grinsen immer breiter wurde. „Ketan!“, schrie er durch die Halle. „Ketan, sofort zu mir!“ Wo war dieser Nichtsnutz, wenn man ihn brauchte? Als gäbe es nichts Wichtiges zu tun, kam der Gerufene angeschlendert. „Bin ja schon da, Boss.“ Ungeduldig wedelte Brennan ihn herbei und gab ihm die Computerausdrucke. „Schau dir das an, Ketan! Ich bin einen völlig neuen Weg gegangen. Die Ergebnisse sehen fantastisch aus! Was meinst du?“

Der zuständige Ingenieur nahm die Seiten entgegen und ging damit zu den Fenstern. Während er las, konnte Brennan beobachten, wie sich der Körper des Mannes anspannte. Er war auf dem Weg zu ihm hinüber, als der Boden zu vibrieren anfing. Ein röhrendes Grollen war zu hören; es wurde rasch lauter. Brennan schaute zum Fenster hinaus und erstarrte. Eine hohe, schwarze Wasserwand raste auf sie zu, walzte alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte. Menschen, Autos, Häuser – alles wurde zerschmettert. Er wollte etwas sagen, wollte schreien, doch seine letzten Worte wurden vom Bersten der Hallendecke verschluckt. Die Wassermassen brachen herein und schwemmten seine gesamte Hochtechnologie fort. Das Projekt ‚Himmelsfeuer‘ existierte nicht länger.

1. Miro

Ein Pfad aus flüssigem Feuer erstreckte sich vor Miro. Er führte in gerader Linie zum weit entfernten Horizont, an dem die Sonne ihre letzten rotorangenen Strahlen aussendete. Wie jedes Mal, wenn Miro dieses Schauspiel betrachtete, verspürte er diesen Drang, dem Pfad zu folgen. Einfach hinaus in die Ferne zu paddeln. Dann vernahm er den Ruf in seinem Kopf. Aber sein Verstand sagte ihm, dass dieses Unterfangen vergeblich wäre, denn er würde nirgendwo hingelangen. Es gab da draußen nichts außer Wasser. Soweit den Menschen bekannt, war der gesamte Planet damit bedeckt. Mit der einzigen Ausnahme von Rowanda. Er konnte die Insel links am Horizont sehen. Eigentlich sah er nur eine schmutziggraue Dunstglocke, hinter der sich das Festland verbarg.

Miro saß am Bug seines kleinen Bootes und träumte vor sich hin, als ihn die Stimme seiner Mutter erreichte. „Miro! Hast du die Reusen geleert? Es ist gleich Zeit für das Abendbrot.“ Miro schüttelte widerwillig seine Träume ab und rief zurück: „Sofort Mama, ich bringe dir gleich die Fische!“ Er schwang seinen schlanken Körper auf den Sitz des Bootes und paddelte zu den Reusen, die nur wenige Längen entfernt befestigt waren. Als ihm sein Vater vor zwei Umläufen das kleine Boot geschenkt hatte, waren ihm damit auch einige Pflichten zugefallen. Eine davon war die Pflege der Reusen. Diese Aufgaben übernahm er gerne. Das Boot bestand gänzlich aus Sidronholz, eine Kostbarkeit und sein ganzer Stolz. Er öffnete eine der Reusen und holte ein halbes Dutzend Fische heraus. Eben wollte er die Reuse schließen, da tauchte mit einer Wasserfontäne der geschmeidige Körper seines Freundes auf. Lachend schüttelte sich Miro das Wasser aus dem langen Haar. „Arko! Kommst du wieder betteln? Bist du mal wieder zu faul, dir deine eigenen Fische zu fangen?“ Schwarze lustige Augen schauten an einer langen Nase entlang, die von einer gezackten Narbe gezeichnet war. Der Bombas gab ein keckerndes Geräusch von sich, schlug einen Salto rückwärts, um gleich wieder heranzuschwimmen. Er schob seine Schnauze fordernd unter Miros Hand, die noch immer die Reuse hielt. Miro griff hinein und reichte Arko einen Fisch, den dieser sofort verschlang. Mit einem Lachen gab er ihm einen Zweiten. „So, das muss reichen, du bekommst eh nie genug. Fang dir selbst welche. Ich muss heim.“

Er wendete sein Boot und wollte zurückpaddeln. Doch der dunkle Bug eines wesentlich größeren Bootes schob sich direkt vor seinen. „Ja schau einer an! Der Sternengucker plaudert mal wieder mit den Fischen“, erscholl es von dort, gefolgt von Gelächter. Rithu und vier seiner Freunde saßen in dem Boot und feixten zu Miro hinüber. „Arko ist kein ...“, begann Miro, nur um sich gleich zu unterbrechen. Er wusste, dass es sinnlos war. Rithu und seine Freunde ließen nie eine Gelegenheit aus, um sich über ihn lustig zu machen. Seine gesamte Zeit in der Schimata war es so gewesen. Er war stets der Kleinste und Schwächste in seiner Klasse. Beständigem Spott ausgesetzt, sonderte er sich ab, wurde zum Außenseiter. Nur die Tatsache, dass sein Vater der Kefa des Dorfes und der Stammesführer war, hatte ihn vor schlimmeren Übergriffen bewahrt.

„Was erzählen dir denn die Fische so? Gibts Neuigkeiten?“, fragte Rithu. Er zeigte dabei ein breites Grinsen. „Nein, es ist das ewig alte Lied. Sie beklagen, dass es so wenige Menschen gibt, die genug Verstand haben, einen Kalt- von einem Warmblüter zu unterscheiden“, gab Miro zurück. Geringschätzig verzog Rithu das Gesicht. „Fisch ist Fisch.“ Miro hatte gesehen, dass sich Arko dem anderen Boot von hinten näherte und ahnte, was dieser vorhatte. „Manche meinen übrigens, du müsstest dir mal wieder den Hals waschen.“ Rithu zog die Brauen zusammen. „Was soll ...“ Eine Wasserfontäne schwappte quer über das Boot, erstickte, was der Bursche sagen wollte. „Man sieht sich!“, rief Miro und entfernte sich mit einigen raschen Paddelschlägen.

Mit den Fischen in der Hand betrat Miro die Küche. „Ich habe sie ausgenommen und gespült, du kannst sie zubereiten.“ Seine Mutter strich sich eine lange Strähne dunklen Haares aus dem Gesicht und lächelte ihn liebevoll an. „Leg sie zu den Glutsteinen, ich kümmer mich gleich darum. Stell doch noch die Schalen auf den Tisch und gib den Pygos Futter.“ Miro griff sich die Blattschalen und die Trinkgefäße und verteilte sie auf dem großen runden Tisch im Zimmer. Dann nahm er die Spitzmuschel aus ihrer Halterung an der Wand. Aus einem kleinen Gefäß streute er ein braunes Pulver hinein. Nahrung für die Pygos. Hastig verschloss er die Muschel wieder und steckte sie zurück an ihren Platz. Kurz darauf leuchteten die darin eingeschlossenen Käfer immer heller, bis der Raum in warmem gelbem Licht erstrahlte. Seine Mutter hatte inzwischen die Glutsteine aktiviert und der köstliche Geruch von gebratenem Fisch zog durch das Haus. Sie sagte: „Vater wird schon bald kommen, er wollte einen Gast mitbringen.“ Miro nickte nur stumm. Das mochte vieles bedeuten, ein Abend voller Demütigung oder Langeweile. Oder auch beides. Am besten war es, wenn er sich schnell verabschieden durfte.

Der gesamte Rundbau erzitterte durch den schweren Schritt seines Vaters. Der beugte sich unter der Tür durch und füllte sofort den Raum aus. Turon war ein gewaltiger Mann. Der Größte und Stärkste des ganzen Stammes und wohl nicht zuletzt deshalb ihr Anführer, ihr Kefa. Neben ihm wirkte die gebeugte weißhaarige Gestalt, die ihm nachfolgte, fast wie ein Kind, es war Sofos Askular. Miro wappnete sich für eine erneute Predigt über seine Zukunft, nicht die Erste und es würde wohl auch nicht die Letzte bleiben. Den alten Sofos, der bis vor kurzem sein Lehrer gewesen war, mochte er gut leiden. Er begrüßte ihn höflich: „Guten Abend, Sofos! Wie schön, Euch bei uns zu haben.“ Der alte Mann sah ihn aus trüben Augen an und nickte nur. Er steuerte auf den Tisch zu und setzte sich seufzend. „Mein Rücken bringt mich um“, murmelte er dabei. Der durchdringende Bass von Miros Vater ertönte: „Sohn, wir müssen heute Entscheidungen treffen; ich habe mir darum Unterstützung mitgebracht. Vielleicht findest du eher Bereitschaft, auf die weisen Worte deines alten Lehrers zu hören, als auf die meinen.“ „Aber erst wird gegessen, danach wird geredet. Zu viele Worte sind wie zu viel Salz, sie verderben das Essen“, mischte sich seine Mutter ein. „Guten Abend, Ehrwürdiger! Habt Ihr einen Wunsch?“, wandte sie sich an den Gelehrten. „Wenn Ihr einen Becher Krapoto für mich hättet, liebste Amira, wäre das fein. Gegen die Schmerzen, wisst Ihr?“, antwortete der alte Mann mit einem verschmitzten Lächeln. Amira brachte ihm das Gewünschte. Miro war nicht unglücklich über die Anwesenheit des Sofos. Sie kannten sich beide sehr gut. Schon früh hatte Miro seine Begeisterung für alles Geschriebene und die Wissenschaft entdeckt. Da Sofos Askular die größte Kapazität in den Geisteswissenschaften bei den Hydronen war und die umfangreichste Sammlung Schriftrollen besaß, war Miro oft ein Gast in seinem Haus gewesen. Sie hatten viel Zeit mit anregenden Gesprächen verbracht.

„Das ist wieder einmal ein hervorragendes Mahl gewesen, meine Liebe!“, bedankte sich Turon mit einem warmen Lächeln bei seiner Gemahlin, nachdem die Schalen geleert waren. „Seit wir die Möglichkeit haben, unser Gemüse unter Wasser anzubauen, gibt es auch eine größere Auswahl. Das ist wirklich eine großartige Neuerung!“, gab sie zurück, während sie abräumte. „Ja, diese Unterwasserblasen funktionieren viel besser, als ich geglaubt habe. Ich gebe zu, ich war skeptisch.“ Das Lächeln verschwand aus Turons Gesicht, als er sich seinem Sohn zuwandte. „Wie ist es mit dir? Hast du endlich Vorbereitungen für deine Efiche getroffen? Es ist nicht mehr lange hin, du musst sie bald antreten. In Kürze feiern wir das Syntanfest, dann solltest du deine Stammesweihe erwerben. Wie stehe ich sonst da? Alle Stämme kommen zusammen und der Sohn des Kefa von Kuros ist trotz seiner sechzehn Umläufe noch immer kein Mann? Du bringst Schmach über mich!“ Seine schwere Faust donnerte auf den Tisch, während er das rief. Zornig funkelten seine Augen aus tiefen Höhlen, die von borstigen Brauen überschattet wurden.

Miro saß mit gesenktem Kopf da und sagte nichts. Solche und ähnliche Tiraden musste er sich schon seit einiger Zeit anhören. Die Efiche machte ihm keine Angst, es waren die damit einhergehenden Entscheidungen, vor denen er zurückwich. Sobald er die Prüfung bestanden hatte, folgte die Stammesweihe und mit ihr die Festlegung auf einen Beruf. Genau das war aber sein Problem, er konnte sich für keinen entscheiden. Ein Schiffbauer zu werden, wie sein Vater, war unmöglich. Schiffe und Boote hatten einen Rahmen aus Sidronholz. Nur wenige Männer, und nur die Stärksten unter ihnen konnten mit Sidron arbeiten und es formen. Miro hatte zum Leidwesen seines Vaters nicht dessen Statur geerbt. Er war schlank und zierlich, für sein Alter eher noch zu klein. So ging es ihm mit allen Berufen. Entweder er war nicht stark genug dafür oder sie langweilten ihn. Er hob den Kopf und erwiderte trotzig: „Ich weiß aber noch immer nicht, welcher Gilde ich mich anschließen soll! Wer will mich denn schon?“ Turon wandte sich zu Askular: „Sofos, könnt Ihr ihm nicht Vernunft beibringen? Ihr kennt den Jungen schon viele Umläufe, es kann doch nicht sein, dass er zu nichts taugt!“ Der Alte kniff die Augen zusammen und räusperte sich. „Mit Vernunft hat das alles wenig zu tun, Turon. Hier treffen zwei Welten aufeinander. Die des Stammes mit seinen praktischen Bedürfnissen, und die des freien kreativen Geistes, der ungeduldig nach Neuem sucht. Der forschen und entdecken will. Ich hatte oft Gelegenheit, deinen Sohn zu beobachten. In meinem Haus gibt es wohl keine einzige Schriftrolle, die er nicht gelesen hat. Das habe ich selbst nie geschafft. Er weiß schon heute mehr über die Gesetze der Natur und über Astronomie, als ich je gewusst habe. Die Welt unseres Dorfes ist zu klein für ihn, es dürstet ihn nach mehr. Doch da ist nichts zu entdecken, überall nur Wasser. Ich denke, er würde zu vielem taugen, nur nicht in dieser Umgebung.“ Turon sah den alten Lehrer ratlos an. „Nicht in dieser Umgebung? Es gibt keine andere Umgebung! Womit will er seinen Unterhalt verdienen? Soll er etwa als Parasit der Gemeinschaft leben? Mein Sohn? Der Sohn vom Kefa von Kuros, dem schönsten Dorf von allen! Das werde ich nicht zulassen!“ Den letzten Satz schrie er förmlich.

Amira eilte herbei und legte ihm ihre Hände auf die Schultern. „Turon! Geliebter, bitte beruhige dich! Wir werden eine Lösung finden. Miro ist ein fantastischer Schwimmer, er ist klug und hat geschickte Hände. Da sollte es doch etwas Passendes geben.“ „Ich hätte da einen Vorschlag“, meldete sich der Alte noch einmal zu Wort. „Ich habe gehört, die Seherin Sina ist im Nachbardorf Kiron zu Gast. Sie hat einen guten Ruf, sie soll über große Macht verfügen. Miro sollte zu ihr gehen und sie um Rat bitten. Vielleicht weiß sie eine Lösung.“ Amira horchte auf: „Die Seherin Sina? Sie gehört zur Schwesternschaft. Ich habe auch von ihr gehört. Man sagt, sie hätte Einblick in zukünftige Ereignisse.“ Sie wendete sich Miro zu, der die ganze Zeit nur stumm zugehört hatte. „Du solltest das wirklich tun, Miro. Mit etwas Glück kann sie dir einen Weg aufzeigen. Geh und seh sie, gleich morgen!“

2. Die Seherin

Einen offiziellen Grund zu haben, nach Kiron zu paddeln, kam Miro sehr gelegen. Er war öfter dort, als seine Eltern ahnten. Es gab in dem Dorf eine Person, die ihm wichtig war. Ihr Name war Alessa, die Tochter von Zofisto Parito, dem Heiler. Und das schönste Mädchen auf der Welt! Beim Zofisto sollte die Seherin Unterkunft gefunden haben. Miro versprach sich wenig von einer Begegnung mit ihr. Er stellte sich ein altes Weib vor, das wirres Zeug stammelnd in einem Topf rührte. Was wusste die schon von ihm? Er leinte sein Boot am Pfahlbau des Heilers fest und erklomm die Leiter. Er hob gerade die Hand, um an die Tür zu klopfen, als diese aufflog und Alessa ums Haar in seine Faust gelaufen wäre. Sie keuchte überrascht auf, fing sie sich jedoch schnell, packte ihn und zog ihn in den dunklen Flur. Ihre Lippen fanden auch ohne Licht zueinander. Nachdem Alessa wieder zu Atem gekommen war, fragte sie: „Was tust du hier um diese Zeit? Wir wollten uns doch erst nach Einbruch der Dunkelheit treffen.“ „Meine Eltern sind der Meinung, ich solle die Seherin um Rat für meine Zukunft fragen. Sie wohnt doch bei euch?“ „Ja, sie bewohnt das Patientenzimmer für ein paar Tage. Komm, ich bring dich zu ihr.“ Sie hatte seine Hand ergriffen und wollte nach oben, aber er hielt sie zurück. „Warte! Wie ist sie so? Ist sie sehr alt?“ Alessa kicherte. „Nein, sie ist nicht alt und sie ist nett.“ Sie zog ihn die Stufen ins Obergeschoss hinauf und klopfte an eine Tür. Von drinnen erklang eine helle Stimme: „Tretet ein!“ Der Raum lag im Halbdunkel. Die schlanke Frauengestalt, die vor dem Fenster stand, war nur als schwarze Silhouette zu erkennen. Sie hatte sich ein Tuch über den Kopf gelegt, so gab es noch weniger von ihr zu sehen. „Willkommen Freunde, wie kann ich euch dienlich sein?“, erklang erneut diese glockenhelle Stimme. Sie wollte so gar nicht zu dem Bild passen, das Miro sich von der Seherin machte. Er zerrte unbeholfen an seinem Wams herum. Ihre Erscheinung hatte ihn sprachlos werden lassen. Alessa ergriff die Initiative: „Mein Freund Miro, hat ein Problem. Ihm wurde aufgetragen, dich um Rat zu fragen. Ich lasse euch zwei dann mal allein.“ Miro registrierte kaum, dass Alessa den Raum verließ, erst das Schnappen der Tür riss ihn aus seiner Starre. „Nun denn, setzen wir uns.“ Sina zeigte auf einen Tisch mit zwei Stühlen davor. Darauf stand eine kleine Spitzmuschel in einer Halterung. Kaum hatte die Seherin ein wenig Pulver hineingestreut, verströmte die Muschel ihr warmes Licht. Mit der zunehmenden Helligkeit konnte Miro das Gesicht der Frau immer besser erkennen und war erneut sprachlos. Sie war wunderschön. Weiches, welliges Haar umschmeichelte ein zartes noch junges Gesicht. Das alles Beherrschende darin waren ihre Augen. Es war ihm unmöglich seinen Blick davon zu lösen. Sie waren von einem tiefen Blau, fast schon Indigo, die Iris wurde von einem goldenen Ring umschlossen. „Wozu suchst du meinen Rat? Sprich, Freund Miro!“ Ihre Stimme schaffte es, dass er sich aus seiner Verzauberung lösen konnte. Doch seine eigene versagte ihm ihren Dienst. Erst nach mehrmaligem Räuspern und Husten vermochte er einige Worte zu stammeln. „Nun ja, mein Vater und Sofos Askular, sie dachten ... ähm, welcher Beruf und so.“ Sina neigte den Kopf und hob eine Hand. „Ja, das sind die anderen, aber die sind nicht hier. Sag mir, was du willst, wonach dein Herz strebt.“ „Mein Herz? Ach, das dumme Ding sehnt sich immer nach dem Unmöglichen.“ „So? Welche Dinge sind denn unmöglich für dich?“ „Wie sagte Sofos Askular? Ein freier Geist, der forschen und entdecken will! Aber es gibt nichts zu entdecken, nichts zu erforschen! Wohin ich mich auch bewege, es ist überall nur Wasser.“ Ein kurzes Zucken im Augenwinkel der Seherin. Sie schien etwas darauf erwidern zu wollen, hielt aber inne und fragte schließlich: „Gibt es keine Position in deinem Dorf, die dich erfüllte? Nichts, woran du Freude findest?“ Miro lachte bitter auf. Er deutete mit beiden Händen auf sich: „Schau mich an: Für die meisten Arbeiten fehlt mir die Kraft. All die starken Männer würden mich nie als vollwertiges Mitglied ihrer Gilde akzeptieren. Ich wäre stets nur der Kleine. Keine von all diesen Arbeiten berührt mein Herz. Nur wenn ich mit meinem Freund Arko, einem Bombas, allein unterwegs bin, fühle ich mich wahrhaft frei.“ Die Seherin schaute ihn aufmerksam an. „Du hast einen Bombas zum Freund? Das ist ungewöhnlich. Hast du keine Freunde unter deinesgleichen?“ Miro lachte erneut auf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse: „Meinesgleichen? Meinesgleichen gibt es nicht. Die anderen in meinem Alter bringen mir nur Spott und gedämpfte Feindseligkeit entgegen. Nur gedämpft aus Angst vor Turon, meinem Vater. So verbringe ich die Zeit am liebsten mit Arko auf dem Meer.“ Er seufzte wehmütig. „Wenn ich am Abend die Sonne im Meer versinken sehe, meine ich jedes Mal, einen leisen Ruf zu vernehmen, der mich hinauslockt. Es ist nur mein Verstand, der mich zurückhält.“ Der Kopf der Seherin ruckte hoch, sie musterte sein Gesicht. Mit gepresster Stimme fragte sie: „Was sagt dieser Ruf? Wohin will er dich locken?“ Miro zuckte mit den Schultern: „Das weiß ich nicht. Es ist nur ein Wispern in meinem Kopf, als würden mich weit entfernte Stimmen rufen. Nur einmal habe ich geglaubt, ein Wort zu verstehen, es klang wie ‚Enata‘. Ich habe den Sofos gefragt und in allen Schriftrollen danach gesucht. Aber ein solches Wort gibt es nicht. Ich hab es mir wohl nur eingebildet.“

Die Seherin war still geworden, ihr Blick war nach innen gekehrt. Plötzlich sprang sie auf und sagte: „Ich habe meine Verpflichtungen vergessen, ich muss mich eilen! Bitte, komm morgen Abend noch einmal zu mir. Dann werde ich dir etwas erzählen.“ Sie geleitete ihn zur Tür. Kurz davor sie zu öffnen, hielt sie inne und sah Miro mit einem konzentrierten Blick an. „Bevor du gehst, möchte ich etwas probieren. Bitte halte einen Moment still.“ Sie hob ihre Hände zu seinem Gesicht.

Kühl spürte er ihre Handflächen an seiner Stirn. Einen Augenblick später, zuckte ein greller Blitz durch seinen Kopf und ließ ihn taumeln. Die Seherin war mit einem leisen Aufschrei zurückgewichen. „Noch nie habe ich eine solche Kraft gespürt. Bist du es tatsächlich?“ Miro japste erschrocken. „Was war das?“, wollte er wissen. Doch die Seherin schüttelte nur den Kopf und drängte ihn zur Tür hinaus. „Komm morgen Abend wieder, wahrscheinlich werde ich dann Antworten für dich haben.“

Nachdenklich stieg Miro die Stufen hinab. Das lief alles anders, als er es sich vorgestellt hatte. Ihre Worte ließen ihn ratloser zurück als zuvor. Alessa stand vor der Tür und wartete auf ihn. „Nun, konnte die Seherin Licht in dein Dunkel bringen?“, fragte sie ihn mit einem Lächeln und drängte sich an ihn. Miro strich ihr über das goldbraune Haar, das er so liebte. „Ich weiß nicht, es war alles sehr seltsam. Ich soll morgen Abend noch einmal zu ihr kommen.“ „So so, dann vergiss nur nicht, wer hier sehnsüchtig auf dich wartet. Ich will alles genau wissen, alles, was sie dir sagt.“ Nach einem langen Kuss stieg Miro wieder in sein Boot und paddelte heimwärts.

Kaum hatte er das Haus betreten, fiel seine Mutter mit Fragen über ihn her. „Hast du sie gesehen? Was hat sie gesagt? Hat sie dir etwas von deiner Zukunft verraten?“ „Nein, Mutter! Nein!“ Entnervt ging Miro zu seiner Kammer. Über die Schulter sagte er: „Sie hat mir gar nichts gesagt. Ich soll morgen Abend wieder zu ihr kommen. Dann gibt es vielleicht Antworten.“

Später am Abend, er versorgte gerade die Reusen, tauchte der Kopf von Arko neben ihm auf. Er schnatterte gleich aufgeregt los und zog Kreise um das Boot, um dann in gerader Linie davonzuschwimmen. Kurz darauf war er schon wieder zurück. So kannte Miro seinen Freund nur, wenn er spielen wollte. Oder Gefahr drohte ...! Besorgt ließ er seinen Blick umherschweifen, doch es gab nur wenig Licht, seine Sicht war beschränkt. Arko kam wieder herangeschwommen und keckerte noch immer aufgeregt. „Was hast du nur, Arko? Du weißt doch, dass ich bei Dunkelheit nicht hinausfahre. Heute spielen wir nicht mehr, morgen wieder.“ Er strich dem Bombas über den Kopf und den Bauch, das mochte der gern. Arko beruhigte sich zwar, aber er gab noch immer diese keckernden Laute von sich. Sie klangen drängend, ungeduldig. „Wo willst du nur hin um diese Zeit? Ich kann jetzt nicht mit dir rausfahren, meine Leute warten auf mich.“

Sie saßen zu dritt am Tisch und aßen, als das ganze Haus erzitterte und schwankte. Ein Splittern und Bersten war von draußen zu vernehmen. „Was zum ...“, keuchte Turon auf. „Wir werden angegriffen! Zu den Waffen!“, brüllte er gleich hinterher. Er packte seinen Speer und rannte zur Tür hinaus. Miro griff sich gleichfalls einen kurzen Wurfspeer und folgte ihm. Draußen gab es Geschrei. Von überall eilten Leute mit Leuchtmuscheln herbei, alle waren bewaffnet. Drei Häuser entfernt, hatte der Angriff stattgefunden. Miro sah zwei zersplitterte Boote und einige der Stützpfähle vom Haus waren geborsten. „Es war ein Krekk, er hielt wohl eines der Boote für einen Dromander“, erklärte ihm sein Vater, während er näher zu ihm kam. „Wie oft habe ich euch Narren schon gesagt, dass ihr die Boote nur im Lichtschatten festmachen sollt?“, schimpfte er. „Eron, bekommst du das Haus für die Nacht stabilisiert? Ich schau mir den Schaden morgen bei Tageslicht an.“ Sie kehrten gemeinsam in ihr Heim zurück und untersuchten dieses auf Schäden. Da die Häuser des Dorfes alle miteinander verbunden waren, blieb bei einem Angriff keines, das nicht davon betroffen war. Man gab sich gegenseitig Stabilität, war aber verletzlicher, da eins das andere stützte. Es waren nur einige Dinge aus den Regalen gefallen, nichts zerstört worden. „Es ist merkwürdig; es wurde schon eine lange Zeit kein Krekk in diesen Breiten gesichtet. Ich hoffe, er hat sich den Appetit verdorben und sucht jetzt anderswo nach Beute“, kommentierte Turon das Geschehen. „Ich geh zu Bett, morgen wartet jede Menge Arbeit auf mich.“

Für Miro verging der Tag zu langsam, ungeduldig erwartete er den Abend. Er wollte unbedingt wissen, welche Antworten die Seherin für ihn hatte. Nachdem er seinem Vater geholfen hatte, Baumaterial und Werkzeug zu dem beschädigten Haus zu bringen, setzte er sich in sein Boot und paddelte auf das Meer hinaus. Er gedachte, sich bei seinem Freund zu entschuldigen, weil er dessen Warnung nicht beachtet hatte. Arko musste den Krekk gesehen haben und war deswegen gestern so aufgeregt gewesen. Miro war nicht weit gekommen, da tauchte der Kopf des Bombas neben ihm auf und er begrüßte ihn keckernd. Er schien immer genau zu wissen, wo sich Miro gerade befand. „Hallo mein Lieber! Es tut mir leid, dass ich gestern deine Warnung nicht verstanden habe. Es gab lange keinen Krekk hier.“ Doch Arko begann wieder mit dem gleichen Verhalten wie am Abend zuvor. Er zog schnelle Kreise um das Boot, um dann in Richtung Sonne davonzueilen. Miro sah sich beunruhigt um. War der Krekk immer noch hier in ihren Gewässern? Das Schnattern von Arko war ungeduldig, er wollte unbedingt, dass Miro ihm folgte. „Ich kann jetzt nicht mit dir spielen Arko! Ich habe Aufgaben zu erledigen und später soll ich die Seherin treffen.“ Der Bombas hob sich halb aus dem Wasser und nickte kräftig dazu, als wollte er seine Worte bestätigen.

Sina hatte es eilig. Sie bestieg ihr kleines Segelboot, löste die Vertäuung und stellte das Segel in den Wind. Rasch glitt es ostwärts davon. Nördlich von Rowanda angekommen, reffte sie das Segel und schaute sich aufmerksam um. Es war kein Schiff zu sehen. Sina holte ein Paddel hervor und lenkte ihr kleines Gefährt zielsicher durch ein Gewirr von Riffen. Ein großes überhängendes Felsmassiv tauchte vor ihr auf. Die Nordküste von Rowanda war stark bewaldet, die Hänge von Buschwerk besetzt. So war sie schnell allen etwaigen Blicken entzogen. Die Seherin paddelte unter den Überhang, der sich zu einer Kaverne verengte. Es gab dort einen engen Durchlass, gerade schmal genug, um sie hindurch zu lassen. Die Passage öffnete sich zu einer riesigen Höhle. An seiner rückwärtigen Wand war ein großes steinernes Gebäude erbaut worden. An dem Strand davor gab es einen Steg, an dem legte sie an.

Als sie vor der fensterlosen Front des Gebäudes stand, legte sie einen in der Wand verborgenen Hebel um. Eine Pforte öffnete sich; sie huschte geschmeidig hindurch und eine Treppe hinauf. Von dort gelangte sie in einen beleuchteten Flur. Zielstrebig ging sie zu einer Tür und öffnete sie. Sie betrat einen großen hohen Saal. Ringsum an den Wänden waren Regale befestigt, zu denen Leitern hinaufführten. Weitere Regale standen im rechten Winkel dazu aufgereiht. Alle waren mit Büchern und Schriftrollen gefüllt. Es waren wohl viele Tausend. Ein gewaltiger Wissensschatz. Die Mitte des Raumes wurde von einem großen ringförmigen Tisch beherrscht. Es hatten ungefähr dreißig Menschen daran Platz. In seinem Zentrum stand ein konischer mannshoher Kristall, der mit konstantem warmem Licht den Saal erleuchtete. Drei Frauen saßen am Tisch und schauten überrascht auf, als Sina näherkam. „Sina! Wir haben dich nicht so bald zurückerwartet. Ist etwas geschehen?“, fragte eine der Frauen. „So könnte man sagen. Ist die Schwester Mita im Haus? Wir müssen eine dringende Angelegenheit besprechen. Es bleibt nur wenig Zeit!“ Die Angesprochene zog kurz die Augenbrauen hoch, nickte und sagte: „Ich gehe sie holen.“ Sie verließ den Saal durch eine weitere Tür.

Kurze Zeit darauf saßen acht Frauen an dem Tisch und schauten Sina erwartungsvoll an. Diese sah in die Runde, holte tief Luft und sagte dann: „Ich glaube, ich habe einen Enata gefunden!“ Ungläubiges Schweigen antwortete ihr zusammen mit aufgerissenen Augen. Schwester Mita, eine dralle Blondine mit einem langen geflochtenen Zopf, war die Dienstälteste der Schwestern. Sie räusperte sich und sagte dann: „In der tausend Umläufe zählenden Geschichte unseres Geheimbundes konnte erst ein einziger Enata entdeckt werden und das ist gut achthundert Umläufe her. Was macht dich so sicher?“ Sina zuckte mit den Schultern. „Sicher? Kann sich da jemand sicher sein? Es gibt einiges, was darauf hindeutet. Fest geglaubt habe ich es erst, nachdem ich versucht habe, in seinen Geist einzudringen. Er hat mich mit solcher Macht abgeblockt, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Er ist noch sehr jung und sich seiner Kräfte in keiner Weise bewusst.“ Die Älteste schaute Sina interessiert an. „Er konnte dich abblocken? Das ist bemerkenswert. Du bist an mentaler Kraft die stärkste Schwester, die wir jemals hatten. Was zeichnet ihn sonst aus?“ Sina erzählte ihnen in allen Einzelheiten von ihrer Begegnung mit Miro und ihren Eindrücken. „Deshalb will ich ihn heute Abend davon überzeugen, sich auf den Weg zu machen. Was mir fehlt, ist eine ungefähre Ortsangabe. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, wie ihr wisst. Gibt es Aufzeichnungen darüber, wo er Phytera findet?“ Schwester Mita erhob sich. „Wenn es Aufzeichnungen dazu gibt, werden wir sie finden. Also, an die Arbeit, Schwestern!“ Endlich ging die Sonne unter. Miro bestieg sein Boot und machte sich auf den Weg ins Nachbardorf. Voller Ungeduld, stürmte er dort die Leiter hinauf. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er an die Tür der Seherin klopfte. „Tritt ein!“ Erklang wieder diese Stimme wie eine helle Glocke. Er öffnete die Tür und betrat den Raum, der diesmal beleuchtet war. „Ich grüße dich, Miro. Bitte setz dich, ich habe uns einen Tee zubereitet. Du magst doch welchen?“ Sie lächelte ihn freundlich an. Miro konnte nur stumm nicken. Die Seherin wirkte heute gelöster als gestern, das verunsicherte ihn. Sie setzte sich zu ihm und schenkte Tee in eine bereitstehende Schale, die sie ihm reichte. „Sehr zum Wohle!“, sagte sie dazu. „Ich habe dir heute Abend viel zu erzählen und du wirst viele Fragen haben. Also lehn dich zurück, und lass mich beginnen. Ich war heute den ganzen Tag beschäftigt, habe in uralten Dokumenten gelesen und mit meinen Schwestern konferiert. Wir waren uns einig: Du bist Enata, der Auserwählte!“ Miro stand erst der Mund offen, dann fing er sich. „Ich bin was?“ „Enata, der Mensch, der auserwählt wurde, Phytera zu treffen. Dahinter steht eine alte Legende, im Gegensatz zu vielen anderen, ist diese gut belegt. Wie ist dein Verständnis der Astronomie?“ „Ich war Schüler bei Sofos Kasius in der Fortgeschrittenenklasse, ich habe viel von ihm gelernt.“ „Das ist gut. Hast du jemals von der großen Konjunktion gehört?“ Miro nickte: „Das bedeutet, dass alle drei Monde in einem exakten Dreieck zueinander dicht über dem Horizont stehen. Diese Konstellation tritt nur alle vierhundertundzwei Umläufe ein.“ „Das ist richtig“, sagte Sina. „Nun geht die Sage, dass jeweils einen Umlauf zuvor, exakt zur Hochzeit der Monde Tibor und Turia, Phytera sich dem Enata offenbart. Diesen Punkt erreichen wir in Kürze. Sie soll ihm von ihren Plänen und Wünschen berichten, auf dass wir ihr besser dienen können und diese Welt zu einem besseren Ort wird. Du bist dieser Auserwählte, es soll deine Aufgabe sein, dich mit Phytera zu verbinden.“ „Moment, Moment!“, fuhr Miro hoch. „Was bedeutet das? Wer ist diese Phytera? Wo soll ich sie finden? Und überhaupt, was bringt dich auf die Idee, ich wäre dieser Enata?“ „Eins nach dem anderen. Wer ist Phytera? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Die Aufzeichnungen sind nicht sehr genau, es heißt, aus Vielen wurde Eins. Sie ist die allumfassende Intelligenz auf diesem Planeten. Sie umfängt ihn wie eine Mutter ihr Kind und beschützt ihn vor allem Übel. Sie ist es, die diese Welt kontrolliert. Die Schwesternschaft dient ihr, seid ihrer Entstehung. Wo genau du sie triffst, weiß niemand. Der einzige Hinweis war, dass sie sich zuletzt im südlichen Meer offenbart hat. Mit der Bemerkung, dass sie den Auserwählten findet und nicht umgekehrt. Nun zu deiner letzten Frage, woher ich weiß, dass du der Enata bist. Erinnerst du dich, als ich gestern deine Stirn berührt habe? Ich habe versucht, einen geistigen Kontakt zu dir herzustellen. Dein Unterbewusstsein hat mich mit soviel Macht hinausbefördert, eine solche Kraft habe ich bei keinem anderen Menschen gespürt. Du verbirgst eine Menge Energie hinter deiner zarten Stirn, mein Lieber. Deshalb, verbunden mit deinen eigenen Wahrnehmungen und deiner Rastlosigkeit, bin ich mir sicher; du bist der Eine!“

Miro nahm einen großen Schluck, von dem inzwischen erkalteten Tee. „Puh, das muss ich zunächst verdauen, das ist viel auf einmal. Irgendwo im südlichen Meer sagst du? Das ist verdammt ungenau. Hast du eine Vorstellung davon, wie groß dieses Gebiet ist?“ Sina schüttelte nur stumm den Kopf. „Eine alles umfassende Intelligenz! Was ist diese Phytera, ein Gott?“ „Nein, nicht soweit wir wissen. Aber ein sehr mächtiges Wesen. Dir bleibt auch nicht mehr viel Zeit, es sind nur noch sechzehn Nächte bis zur Hochzeit.“ „Sechzehn Nächte? Nur bis zum Rand des südlichen Meers brauche ich mindestens zehn. Ich bin allerdings noch nie so weite Strecken gepaddelt, schon gar nicht an einem Stück. Ob ich das schaffe, weiß ich nicht.“ „Und? Willst du es wenigstens versuchen?“ „Ich weiß es nicht, ich hatte auf ein paar Tage Bedenkzeit gehofft, nun muss alles ganz schnell gehen. Was werden meine Eltern dazu sagen?“ „Ist es weise, Ihnen davon zu erzählen? Würden sie dich gehen lassen? Diese Reise ist letztlich nicht ungefährlich. Außerdem würde es sich schnell herumsprechen. Viel Lärm und Aufmerksamkeit wären sicher nicht dienlich. Wir sollten es für uns behalten.“ „Aber ich kann doch nicht klammheimlich ...“ Er verstummte und dachte nach. Eine Idee war in seinem Kopf aufgetaucht. „Mein Vater drängt mich schon lange, endlich mit der Efiche zur Stammesweihe zu beginnen. Er will mich beim Syntan als gestandenen Mann präsentieren. Ich könnte gleich morgen Abend losfahren.“

Die Prüfung zur Stammesweihe bestand darin, nur mit einem Messer, einem Speer und einem Trinkgefäß ausgerüstet, fünf Tage allein in einem Boot auf dem Meer zu überleben. Beim Syntan, dem Fest, an dem sich alle Stämme der Hydronen versammelten, wurden die neu geweihten Männer dann vorgestellt. Es fand stets gleichzeitig mit der Mondhochzeit statt. „Du willst es also wagen?“, wollte Sina wissen. „Ich habe große Furcht, wenn ich an die Aufgabe denke. Es ist eine gewaltige Herausforderung. Gerade deswegen reizt es mich auch. Es ist sicher aufregender und interessanter als alles, was mich hier im Dorf erwartet.“ „Und Alessa?“ „Oh ja, Alessa! Sie werden wir einweihen müssen. Sie muss mir helfen, einige Dinge zu beschaffen. Ich kann diese Reise nicht nur mit einem Speer und meinem Messer antreten.“ „Was brauchst du?“ „Nun, auf jeden Fall Proviant, Glutsteine und Pygos wären auch gut. Etwas gegen den Regen und zum Wärmen in der Nacht. Ich bespreche das gleich mit Alessa, sie wartet sicher schon ungeduldig.“

Sina nahm Miros Hände in die ihren und schaute ihm tief in die Augen. „Du bist ein wahrhaft mutiger junger Mann. Ich bewundere dich. Mögen alle guten Geister dich auf deiner Reise begleiten und wir uns recht bald wiedersehen.“ Miro konnte nur verlegen hüsteln und nicken. Da fiel ihm mit Schrecken etwas ein: „Wenn ich nach fünf Nächten nicht zurückkehre, müssen meine Eltern nicht annehmen, ich wäre umgekommen? Du musst einen Weg finden, ihnen zu versichern, dass ich noch am Leben bin. Ich will nicht, dass sie sich grämen.“ Die Seherin nickte dazu: „Ich werde mich darum bemühen. Es soll geschehen.“

Kaum war er die Treppe hinunter, stand schon Alessa vor ihm. „Das hat ja ewig gedauert! Was hattet ihr so viel zu besprechen?“ Miro nahm sie am Arm und führte sie nach draußen. „Lass uns einen Platz finden, wo wir ungestört sind. Am besten, du steigst mit in mein Boot.“ Er paddelte sie von den Häusern weg und ließ es dann treiben. „Puh, ich habe das selbst alles noch nicht richtig verarbeitet. Also, es geht um Folgendes.“ Er erzählte ihr eine Kurzfassung von dem, was ihm die Seherin offenbart hatte und welche Pläne sich daraus ergeben hatten. „Bist du verrückt?“, fragte sie mit großen Augen. „Du kannst dabei getötet werden. Da draußen gibt es Krekk und andere Monster und du bist mit diesem winzigen Boot unterwegs. Das ist Wahnsinn“ „Wenn ich die Stammesweihe erhalten will, müsste ich das gleiche Risiko eingehen, nur wäre ich dann schlechter gerüstet.“ Sie nagte an ihrer Unterlippe. Darauf konnte sie nichts erwidern. Sie wusste, dass er recht hatte. Ohne Stammesweihe würde er nie als vollwertiges Mitglied des Stammes gelten, hätte kein Mitspracherecht. Keine Frau würde ihn heiraten wollen, er wäre der Ächtung preisgegeben. „Wenn ich diese Aufgabe erfüllen kann, sollte es zur Stammesweihe reichen. Willst du mir helfen?“ Zaghaft nickte sie. Er trug ihr auf, was er für die Reise benötigte. „Wir treffen uns morgen Abend südlich vom Dorf und du bringst mir die Sachen. Abgemacht?“ Sie schlang die Arme um seinen Hals. „Ich helfe dir, auch wenn ich voller Angst und Sorge um dich bin. Bitte, kehr heil zu mir zurück, willst du das versprechen?“ Er gab ihr einen langen Kuss und sagte: „Ich verspreche es.“

Noch lange lag Miro wach in seinem Bett. Die Ereignisse des Tages ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er dachte daran, wie es sein würde, allein auf dem Meer. Kein anderes Wesen weit und breit. Für wie lange? Fünfzehn Nächte hin und das Gleiche wieder zurück, mindestens. Was würden seine Leute sagen, wenn er nicht nach fünf Tagen von seiner Prüfung zurückkam? Würden sie ihn für tot halten? Konnte er das seiner Mutter antun? Die Seherin musste sie unbedingt bestärken, ihr so viel anvertrauen, wie möglich war. Und Alessa? Wird sie auf ihn warten? Er hatte sehr wohl mitbekommen, dass Rithu um sie herumschlich, ihr schöne Augen und Komplimente machte. Seit knapp zwei Umläufen waren Alessa und er ein heimliches Paar. Miro erkrankte seinerzeit an einem Fieber und wurde beim Zofisto einquartiert. Alessa pflegte ihn in dieser Zeit. So lernten sie sich kennen und lieben. Miro war die treibende Kraft hinter ihrer Heimlichkeit. Er sorgte sich, dass Alessa den Hohn und Spott, an den er sich längst gewöhnt hatte, ebenfalls abbekam. Auch war ihm nicht klar, wie die Erwachsenen damit umgehen würden. Außerdem war es ein süßes Geheimnis, es machte ihm Freude. Er würde Alessa während der Fahrt schrecklich vermissen. Über all der Grübelei schlief er schließlich ein.

3. Abschied

„Ja, Mutter! Die Seherin hat mir unmissverständlich gesagt, ich müsse mich umgehend der Efiche unterziehen, um die Stammesweihe zu erlangen. Andernfalls stünde meine gesamte Zukunft auf dem Spiel. Also werde ich noch heute Abend in mein Boot steigen. Möge die Prüfung beginnen!“ „Aber Junge, das geschieht alles so plötzlich, du wusstest doch immer nicht ... Es ist doch auch gefährlich, nicht wahr?“ „Nun ja, ganz ungefährlich ist es nicht, sonst wäre es ja keine Prüfung. Aber schließlich sind noch die meisten wieder zurückgekehrt.“ „Ja eben, die meisten ...“ „Mach dir keine Sorgen, Mama. Es wird schon alles gut ausgehen.“

Miro schlenderte gemächlich durch das Dorf. Es war fast, als wolle er zum Abschied noch einmal die Bilder auffrischen. Einer Frau sah er dabei zu, wie sie Dromander molk. Diese großen, beleibten Meeressäuger hingen träumend mit ihrem Maul an Mallostangen und ließen es willig geschehen. Sie waren verrückt nach dieser Süßigkeit. Für die Menschen gab es zum Lohn dicke fette Milch.

Die ersten Vorbereitungen für das große Fest wurden bereits getroffen. In der Mitte des Dorfes wurde eine Plattform verankert, auf der sollten später die Zeremonien vollzogen werden und danach wurde darauf getanzt. Nachdem er den Mattenflechtern bei ihrer Arbeit zugeschaut hatte, wanderte er weiter über die Stege, bis er vor dem Haus des Sofos Askular stand. Er war nicht willentlich hierhergekommen, sein Unterbewusstsein hatte wohl seine Schritte gelenkt. Dennoch klopfte er an die Tür seines ehemaligen Lehrers. Die alte Haushälterin öffnete ihm die Tür. Sie sah ihn misstrauisch mit ihren kurzsichtigen Augen an. „Der Sofos muss ruhen, stört ihn jetzt nicht. Kommt ein anderes Mal wieder, oder auch nicht.“ Sie wollte schon die Tür schließen, da sagte Miro schnell: „Aber Krani, ich bin es doch, Miro!“ „Ah, der junge Herr Miro! Über Euren Besuch wird sich der Sofos sicher freuen. Tretet bitte ein.“ Aus dem Obergeschoss ertönte die Stimme des alten Mannes: „Krani, wer ist gekommen?“ Miro legte den Finger vor die Lippen und bedeutete der Haushälterin, zu schweigen. Schnell und lautlos huschte er die wenigen Stufen hoch. „Ah Miro, du bist es! So bald hatte ich dich nicht erwartet. Gibt es Neuigkeiten?“ „Keine Neuigkeiten, Sofos. Nur neue Fragen.“ „Ja, so ist es. Jede Antwort gebiert neue Fragen, ein ewiger Kreislauf. Welche Frage ist es heute, die dich quält?“ „Was wisst Ihr über Phytera?“ „Phytera, hm. Eine Geschichte aus dem Sagenreich. Die alles vereinende Kraft, hat man sie auch genannt. Es gibt nicht viel, was wir darüber wissen, das meiste sind wohl nur nette Geschichten. Wie kommst du auf diesen Namen?“ „Oh, ich habe ihn wohl in Zusammenhang mit alten Geschichten gehört, irgendwie ist er hängen geblieben. Habe ich schon erwähnt, dass ich mich heute Abend der Efiche unterziehe? Bei Sonnenuntergang paddel ich los.“ „Ach? So plötzlich? Das überrascht mich, hattest du nicht Zweifel?“ „Die Seherin hat mich davon überzeugt, dass es dringend notwendig ist. Ich will rechtzeitig vor dem Syntan fertig sein.“ „So, so, die Seherin. Dann warte mal einen Augenblick.“

---ENDE DER LESEPROBE---