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Entdecken Sie das Potenzial pflanzlicher Wirkstoffe
Sanfter für das Tier und mit enormem Potenzial: Heilpflanzen. Hier erfahren Sie alles über deren praktische Anwendung in der Tiermedizin. Mit vielen bewährten Rezepten - nach Indikationen geordnet - und einem ausführlichen Porträt zu jeder Heilpflanze. Grundlagen zu den pflanzlichen Inhaltsstoffen, Dosisberechnungen und Erläuterungen zu den traditionellen Zubereitungen dienen als Basis für die Anwendung der Phytotherapie. Ein fundiertes Standardwerk zum Einsteigen, Nachschlagen oder Schmökern.
Ziel dieses Buches ist ein Nebeneinander von traditionellen Rezepturen und aktuellen Erkenntnissen aus der Phytopharmakologie.
Die Herausgeber Dr. med. vet. Cäcilia Brendieck-Worm und Prof. Dr. Matthias Melzig.
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Seitenzahl: 1132
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cäcilia Brendieck-Worm, Matthias F. Melzig
Elisabeth Stöger, Sabine Vollstedt, Michael Walkenhorst
2. Auflage
200 Abbildungen
Über Jahrtausende waren viele Heilmittel pflanzlicher Natur. Dies änderte sich erst mit dem Aufkommen der auf naturwissenschaftliche Grundlagen Bezug nehmenden Medizin. Nun konzentrierte sich das Interesse zunächst auf Isolate aus Pflanzen, die das „Wirkprinzip“ zu verkörpern schienen und sich chemisch verändern bzw. industriell synthetisieren ließen. Mit der Entdeckung von Infektionserregern begann zudem die Suche nach effektiv antimikrobiell wirksamen Mitteln, die man anfänglich bei den chemischen Elementen und ihren Derivaten fand.
Während in der Humanmedizin weiterhin der Erkenntnisgewinn in Medizin und Pharmazie in die Optimierung von Phytopharmaka floss (wenn auch nur in einem relativ kleinen Segment der Medizin), vollzog sich in der Veterinärmedizin mit Beginn des 20. Jh. ein beispielloser Kahlschlag bei den bis dato gebräuchlichen Arzneipflanzenzubereitungen. Man brach mit der Tradition der Heilpflanzenanwendung.
Antibiotika, Desinfektionsmittel, Antiparasitika, Antiphlogistika und synthetische Hormone waren und sind bestechend in ihrer Effektivität und zogen tiefgreifende Änderungen in der bäuerlichen Tierhaltung nach sich. Sie machten Arzneipflanzen überflüssig und industrielle Tierproduktion möglich. So schien es zumindest. Doch es blieb und bleibt das Ökosystem unberücksichtigt – sowohl in Bezug auf das zu therapierende Individuum als auch auf das globale Lebensumfeld von Mensch und Tier.
Wachsende Erkenntnisse über lebenswichtige Abhängigkeiten höherer Organismen von Mikroorganismen sowie die Adaptionsmöglichkeiten der „Krankheitserreger“ an die von Menschen bzw. von ihren Pharmaka ausgehende existenzielle Bedrohung lassen heutige Pharmakotherapien, die zumeist auf einem reduktionistischen Ansatz beruhen, in mancher Hinsicht geradezu plump erscheinen. Und dies insbesondere angesichts der faszinierenden Entdeckungen der komplexen Wirkmechanismen pflanzlicher Wirkstoff-Cocktails.
Ziel dieses Buches ist nicht ein „Zurück zur Natur“. Vielmehr soll das Nebeneinander traditioneller Rezepturen und aktueller phytopharmakologischer Erkenntnisse das Potenzial von Arzneipflanzen deutlich machen. Ein vergleichender Blick auf die konventionelle Therapie und die Phytotherapie soll dem Erkennen von Schwächen und Stärken beider Therapien sowie der Vorteile ihrer möglichen Kombination dienen. Dabei kann der derzeitige wissenschaftliche Nachholbedarf in der Veterinär-Phytotherapie nicht verschwiegen werden. Gegenwärtig besteht in der Veterinär-Phytotherapie ein immenser Forschungsbedarf. Es gilt Wissenslücken bezüglich tierartbezogener Wirksamkeit und toxikologischer Unbedenklichkeit zu schließen, neue Wirkprinzipien zu entdecken, daraus Therapiekonzepte zu entwickeln und zu überprüfen.
Der hierzu notwendigen Intensivierung der Forschungsanstrengungen stehen jedoch Vorurteile von Standesvertretern und Hochschullehrern entgegen. Die Phytotherapie wird mit rückwärts gerichtetem Blick als obsolet abgetan und seit Jahrzehnten im Rahmen der universitären Ausbildung nicht mehr gelehrt. Generationen von Tierärzten fehlen jegliche Grundkenntnisse in der Anwendung von Arzneipflanzen. Folglich werden pflanzliche Arzneimittel von ihnen nicht nachgefragt und von der Industrie auch nicht länger bereitgehalten, geschweige denn neu entwickelt. Die Verweigerungshaltung gegenüber der Phytotherapie auf der Seite der Lehrenden und die mangelnden Kenntnisse der Praktiker begünstigen alternative Tierheiler, die ihrerseits der Phytotherapie offen gegenüberstehen und gewillt sind, auf das wachsende Bedürfnis der Tierhalter nach besser verträglichen Therapieformen einzugehen. Sich als Berufsstand dem therapeutischen Potenzial von Arzneipflanzen zu verschließen und die Phytotherapie dem Laienbehandler zu überlassen, schadet der vor großen Herausforderungen stehenden Tiermedizin und den Patienten. Statt mangelnde Evidenz zu beanstanden, sollten intensive Anstrengungen unternommen werden, das Arzneipflanzenpotenzial auch für die Tiermedizin wissenschaftlich fundiert zu erschließen.
Bereits seit 25 Jahren bietet in Deutschland die ATF eine postuniversitäre Weiterbildung zur Phytotherapie an. Ergänzt wird diese durch regelmäßige Veranstaltungen der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin zur Phytotherapie. In der Schweiz und in Österreich können ebenfalls in zertifizierten Kurssystemen Kenntnisse zur Veterinärphytotherapie erworben werden. Diese aus privater Initiative entstandenen und weitgehend ehrenamtlich getragenen Fortbildungsmöglichkeiten bieten Tierärzten die Chance, ihr Therapiespektrum erheblich zu erweitern. Zusammen mit professionellen diagnostischen Möglichkeiten sind derart ausgebildete Tiermediziner zur Nutzen-Risiko-Abschätzung beim Arzneipflanzeneinsatz befähigt und können verantwortungsbewusst entscheiden, wo es sinnvoll und nötig ist, synthetische und pflanzliche Präparate angemessen zu kombinieren. Es fehlen jedoch qualitativ hochwertige, möglichst als Arzneimittel zugelassene Veterinär-Phytotherapeutika. Wissenschaft, Industrie und Politik sind hier dringend gefordert, entsprechende Forschungsförderprogramme zu initiieren, geeignete gesetzliche Rahmenbedingungen zu formulieren und somit auch Planungssicherheit für die pharmazeutischen Unternehmen zu schaffen.
Die Zeit drängt. Resistenzentwicklungen bei Bakterien und Parasiten, die Zunahme chronischer Erkrankungen, metabolischer und immunologischer Störungen u.v.m. belasten unsere Tiere und gefährden z.T. den Menschen.
Wir möchten dazu ermutigen, mit dem hier zusammengetragenen Erfahrungswissen und den Informationen aus aktueller Forschung den Versuch zu wagen, an die gebrochene Tradition der Phytotherapie anzuknüpfen und den gesundheitlichen Nutzen von Arzneipflanzenzubereitungen in der Tiermedizin offensichtlich werden zu lassen.
Um ein Fachbuch dieser Art und dieses Umfangs herausgeben zu können, bedarf es weit mehr als des Fleißes der Autoren. An dieser Stelle danken wir deshalb ganz besonders den Menschen, die in den letzten Jahrzehnten Pionierarbeit geleistet und die Phytotherapie wieder aus der Bedeutungslosigkeit geholt haben. Ihr Engagement und ihre Arbeit bilden gleichsam das Grundgerüst für dieses Buch.
Wir danken darüber hinaus allen, die unser Projekt mit konstruktiven Vorschlägen und fachlicher Kompetenz vielfältig unterstützt haben. Dank gilt in dieser Hinsicht auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Phyto-Kurse und Seminare, die uns durch kritisches Hinterfragen, durch Mitteilen ihrer eigenen Erfahrungen und Ideen Antrieb waren, an der Verbesserung und Weiterentwicklung der Phytotherapie zu arbeiten.
Es war unser Bestreben, mit diesem Buch an die gebrochene Tradition der Veterinärphytotherapie anzuknüpfen. Das hat sich in dieser Form nur realisieren lassen, weil uns Freunde und Kollegen bereitwillig einen großen Fundus antiquarischer Literatur zur Tierheilkunde anvertraut haben, aus dem wir schöpfen konnten. Dafür sagen wir herzlich Dank.
Danken möchten wir zudem allen, die uns bewährte Rezepturen, Dosierungen und Praxistipps zur Verfügung gestellt haben. Dieses Wissen hat wesentlich dazu beigetragen, den Wert des Buches für den Praktiker zu erhöhen.
Ein herzlicher Dank geht auch an alle, die mit ihren Fotos zur ansprechenden Gestaltung dieses Buches beigetragen haben.
Wir danken auch den Menschen, die sich die Zeit genommen haben, unsere Texte kritisch zu lesen. Ihre Vorschläge haben die Präzision und Verständlichkeit unserer Ausführungen entscheidend verbessert.
Dem Thieme Verlag, speziell Frau Dr. Maren Warhonowicz, danken wir für das Angebot, dieses Buch herausbringen zu können. Besonderer Dank gebührt unserer Projekt-Managerin Frau Carolin Frotscher, die es durchaus nicht immer leicht mit uns hatte. Ihr ist es gelungen, auch dort zufriedenstellende Lösungen zu finden, wo die Vorstellungen der Herausgeber mit den Vorgaben des Verlags nicht vereinbar schienen.
Nicht zuletzt ist es uns ein besonderes Anliegen, Frau Prof. Dr. Johanna Fink-Gremmels für das ermutigende Geleitwort zu danken.
Unsere Leser bitten wir, uns auf all das aufmerksam zu machen, was uns bei der Bewältigung des umfangreichen Stoffes entgangen oder an Fehlern unterlaufen ist. Wir freuen uns auf konstruktive Kritik.
Niederkirchen und Berlin, im April 2018
Cäcilia Brendieck-Worm
Matthias F. Melzig
Das vorliegende Buch vermittelt dem Leser einen umfangreichen Einblick in die Möglichkeiten der Phytotherapie bei Tieren. Dabei ist es mehr als nur eine Auflistung von Rezepturen und Therapievorschlägen. In einem wertvollen einleitenden Teil werden die Möglichkeiten und Grenzen der Phytotherapie im Allgemeinen, die Kulturgeschichte der Veterinärphytotherapie, Grundlagen und praktische Hinweise, Wirkstoffklassen und gängige Zubereitungsformen erläutert. Ein ganzes Kapitel ist den gesetzlichen Grundlagen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen bei der Anwendung von Phytotherapeutika in der täglichen Praxis gewidmet. Allein diese Einleitung fasst einen ganzen Kursus zusammen und ist eine wunderbare Einführung für alle Kollegen, die sich mit der Phytotherapie beschäftigen oder in Zukunft beschäftigen wollen. Die allgemeinen Kapitel werden ergänzt durch einen umfangreichen und sehr lehrreichen praktischen Teil, der die Therapie der einzelnen Organsysteme und ihrer Krankheiten bespricht. Dies macht das Buch zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für die tägliche Praxis. Dieser Teil umfasst alle wichtigen Tierarten, gibt Dosierungs- und Anwendungsempfehlungen und viele kleine und große praktische Hinweise, die in sehr ansprechender und gut erkennbarer Form dargestellt sind.
Alle Kollegen, die in und mit der Phytotherapie arbeiten, wissen, dass sich viele Anwendungen vor allem auf Praxiserfahrungen stützen. Eine „empirience-based“ Evidenz ist dabei immer eine Aufforderung an die Wissenschaft, sich auch mittels moderner medizinischer Untersuchungsmethoden mit der Materie zu beschäftigen, um die Datenbasis durch neue Erkenntnisse zu erweitern. In allen Teilen des Buches finden sich praxisrelevante Hinweise auf aktuelle Erkenntnisse aus der Tiermedizin, z.B. zu physiologischen und pathophysiologischen Besonderheiten bei den einzelnen Tierarten. Beispiele sind die Gendefekte bei der Katze (begrenzte Möglichkeiten der Ausscheidung von Arzneimitteln durch Glucuronidierung) und Polymorphismen (beispielsweise bei der Transporter-abhängigen Verteilung von Arzneimitteln im Organismus). Diese tierartspezifischen Eigenschaften sind nicht nur für pflanzliche Arzneimittel relevant, sondern allgemein für die Pharmakotherapie in der Tiermedizin.
Dieses Buch spiegelt die jahrelange Erfahrung der Autoren wider und verschweigt auch nicht die Unsicherheiten und noch bestehenden Wissenslücken. Trotz ihrer langen Geschichte ist die Phytotherapie eine junge Wissenschaft, die weiter entwickelt werden kann und muss. Gerade darum ist dies auch ein Buch, das den Leser zum Nachdenken anregen möchte (und sicher auch anregen wird) zu der Frage, welchen Stellenwert die Phytotherapie im 21. Jahrhundert eigentlich hat.
Phytotherapie: Von der Materia Medica zur integrierten Therapie?
Arzneipflanzen waren für viele Jahrhunderte wichtigster Teil der Materia Medica. Die ältesten Aufzeichnungen der westlichen Welt sind in ägyptischen Schriften zu finden. Vergleichbare Ausführungen und Anwendungsvorschriften existieren in allen Kulturkreisen (Ethnoveterinary Medicine), wobei die Traditionelle Chinesische Medizin mit mehr als 4000 Jahre alten Zeichnungen zu Heilverfahren vielleicht die bekannteste und umfangreichste ist, gefolgt durch Ayurveda aus der Region des heutigen Indien. Auch wenn sich die Anwendungsvorschriften v.a. auf den Menschen beziehen, wird in vielen dieser Dokumentationen auch die Behandlungvon Tieren belegt.
Das hohe Alter der Phytotherapie wird häufig als Grund für das Desinteresse in der heutigen Schulmedizin gesehen; Phytotherapie gilt als antiquiert. Patienten und auch Tierbesitzer zeigen jedoch zunehmend Interesse an derartigen traditionellen Therapieverfahren. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Sicher spielt hier eine bestimmte Form der Chemophobie eine Rolle, aber auch der Wunsch nach mehr Transparenz. In der Tiermedizin und bei Tierbesitzern ist die Liebe und Nähe zur Natur häufig besonders ausgeprägt und die Akzeptanz von Mitteln natürlichen Ursprungs besonders groß. Man verzichtet gern einmal auf einen schnellen Erfolg, wenn man das Gefühl hat, Tieren auch auf eine schonende Weise helfen zu können. Die gute Umweltverträglichkeit von pflanzlichen Produkten spielt sicher beim Einsatz bei landwirtschaftlichen Nutztieren zunehmend eine Rolle.
In Forschung und Wissenschaft wird die Phytotherapie jedoch sehr kontrovers diskutiert. Die pharmazeutische Industrie hat Pflanzen bisher als nahezu unerschöpfliche Quelle von neuen Arzneimitteln genutzt. Übersichten zeigen, dass weit über 60 % aller Arzneimittel von sekundären Pflanzeninhaltsstoffen abgeleitet sind. Eine große Ausnahme bilden die Antibiotika, die bis auf wenige rein synthetische Produkte aus Mikroorganismen isoliert wurden.
Um neue biologisch wirksame Substanzen zu identifizieren, wurden jahrzehntelang in der pharmazeutischen Industrie die sogenannten High-throughput-Testverfahren eingesetzt. Ausgangshypothese war, dass (nicht infektiöse) Erkrankungen durch Fehlfunktionen eines oder mehrerer Rezeptoren für endogene Liganden (Neurotransmitter, Hormone, Ionenkanäle oder Enzyme) gekennzeichnet sind. Ein Arzneimittel sollte diese Fehlfunktion ausgleichen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde diese vereinfachte Theorie, die stark durch das Arbeiten mit isolierten Organen beeinflusst war, schrittweise durch neue Erkenntnisse über Signaltransduktionprozesse innerhalb von Zellen ersetzt, die den eigentlichen Mechanismus einer Arzneimittelwirkung bestimmen. Derzeit machen die sogenannten „-omics-Verfahren“ (wie beispielsweise Genomics, Transcriptomics oder Metabolomics) jedoch deutlich, dass noch viel komplexere Regelmechanismen die Toleranz eines Individuums gegenüber Pathogenen und Organfunktionsstörungen bestimmen. Die Einzeltherapie mit einem Arzneimittel, das auf nur eine Zellfunktion gerichtet ist, hat ihre Grenzen erreicht. Das vielleicht wichtigste Beispiel hierfür ist die globale Zunahme der Resistenz gegenüber Antibiotika.
Pflanzliche Arzneimittel stehen im absoluten Gegensatz zu diesem One-molecule-one-target-Konzept. Sie bilden immer eine Vielzahl von sekundären Wirkstoffen gleichzeitig. Alle Phytotherapeutika bestehen deshalb aus einer Vielzahl von biologisch aktiven Substanzen. Für die Pflanze haben diese Wirkstoffe ganz unterschiedliche Bedeutungen. Beispielsweise steuern Polyphenole durch ihre antibakteriellen, antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften den Umgang der Pflanze mit schädlichen Bakterien, Stressfaktoren (Temperatur, Nährstoff- und Wasserbedarf) und Verletzungen. Vielleicht der interessanteste Teil einer Pflanze ist ihr Wurzelgeflecht, das für die Nahrungsaufnahme sorgen muss und von dem wir heute wissen, dass es auch das wichtigste Immunorgan der Pflanze ist. Das Mikrobiom einer Pflanze kommuniziert auf vielfältige Weise mit den Mikroorganismen im Boden, die essenziell für die Nährstoffversorgung sind. Es wird derzeit angenommen, dass das pflanzliche Mikrobiom auch der wichtigste Steuerungsmechanismus bei der Bildung von sekundären Pflanzeninhaltsstoffen ist. Hierdurch ergeben sich unerwartete Parallelen zu Tier und Mensch, bei denen v.a. das Mikrobiom des Darmes diese Funktionen hat. In der Humanmedizin wird heute bei bis zu 90 % aller Erkrankungen (infektiös und nicht infektiös) ein Zusammenhang mit dem Mikrobiom angenommen. Die zahlreichen neuen Forschungsergebnisse zur Rolle des Mikrobioms bei chronischen Erkrankungen (z.B. Diabetes, Allergie, Morbus Crohn, Morbus Parkinson) werden schon heute als eine der wichtigsten medizinischen Entdeckungen des 21. Jahrhunderts eingestuft.
Unsere Kenntnis zur Funktion vieler sekundärer Pflanzeninhaltstoffe für die Pflanze selbst ist noch lückenhaft. Als Grundprinzip zeichnet sich jedoch ab, dass das Resistom (die Summe der Abwehrfunktionen) der Pflanze immer durch eine Vielzahl von Stoffen moderiert wird. Hieraus ergibt sich die Frage, ob sich der Erfolg der Phytotherapie nicht gerade durch diese besondere Form der Multi-target-Therapie einstellt. Diese Ansicht ist sicher nicht neu. Sie wurde bereits in der chinesischen Heilkunst (TCM) vielfältig beschrieben, jedoch in einer Form, die uns nicht immer verständlich war. Die moderne (Tier-)Medizin hat heute die Möglichkeiten, diese komplexen Interaktionen der verschiedenen Pflanzeninhaltsstoffe mit modernen Technologien sichtbar und transparent zu machen. Wir sollten diese Vorteile und Möglichkeiten nutzen!
Utrecht, im April 2018
Prof. em. Dr. J. Fink-Gremmels
Titelei
Einleitung
Geleitwort
Teil I Grundlagen
1 Definition Phytotherapie
1.1 Definition
1.2 Phytotherapie im medizinischen Kontext
1.3 Multi-Target versus Mono-Target
1.4 Phytotherapie im Praxisalltag
2 Kulturgeschichte der Veterinärphytotherapie
2.1 Die Bedeutung der Pflanzen
2.2 Die Auswahl der Pflanzen
2.3 Selbstmedikation von Tieren
2.4 Die Anfänge der Veterinärphytotherapie
2.5 Die Folgen der Domestikation
2.6 Kulturpflanzen ändern die Ernährung
2.7 Domestikation als Ursache erhöhter Krankheitsanfälligkeit
2.8 Grenzen der Phytotherapie
2.9 Heilpflanzenzubereitungen zur Krankheitsprävention
2.10 Abwendung von der Phytotherapie
2.11 Kein Bedarf mehr für Phytotherapeutika?
3 Aktueller Status der Phytotherapie in der Veterinärmedizin
3.1 Humanmedizin
3.2 Veterinärmedizin
3.3 Von der Empirie zur Evidenz – die Ethnoveterinärmedizin
3.4 Ergänzungsfuttermittel
4 Grundlagen der Phytotherapie
4.1 Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe und ihre biologische Bedeutung
4.1.1 Abschreckung von Fraßfeinden
4.1.2 Antimikrobielle Wirkung
4.1.3 Am Tier beobachtbare Reaktionen und ihre therapeutische Nutzung
4.2 Hauptinhaltsstoff-Klassen von Arzneidrogen
4.2.1 Alkaloide
4.2.2 Anthranoide
4.2.3 Ätherische Öle
4.2.4 Bitterstoffe
4.2.5 Flavonoide
4.2.6 Gerbstoffe
4.2.7 Herzwirksame Steroidglykoside
4.2.8 Pflanzliche Öle und Fettsäuren
4.2.9 Phenylpropanderivate und ihre Abbauprodukte
4.2.10 Saponine
4.2.11 Scharfstoffe
4.2.12 Schleimstoffe
4.2.13 Spezifisch wirksame Polyketide
4.2.14 Spezifisch wirksame Terpene
4.2.15 Mineralstoffe
4.3 Traditionelle Zubereitungen von Arzneipflanzen
4.3.1 Aufguss (Infus)
4.3.2 Abkochung (Dekokt)
4.3.3 Kaltauszug (Mazerat)
4.3.4 Destillation
4.3.5 Extraktion mit hyperkritischem CO2
4.3.6 Frischpflanzensaft
4.3.7 Sirup
4.3.8 Schleim
4.4 Traditionelle Anwendungsformen von Arzneipflanzen
4.4.1 Teezubereitungen
4.4.2 Gele, Emulsionen (Cremes, Lotionen), Salben
4.4.3 Dampfinhalation
4.5 Traditionelle Anwendungsformen für Tiere
4.5.1 Wickel, Auflage und Breiumschlag
4.5.2 Latwergen, Pillen, Bissen
4.5.3 Schüttelmixtur
4.5.4 Viehpulver
4.6 Rationale Phytopharmaka
5 Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Phytotherapeutika
5.1 Qualität
5.1.1 Zulassungsbedingungen
5.1.2 Belege der Qualität
5.1.3 Einflussfaktoren auf die Qualität
5.1.4 Standardisierung pflanzlicher Zubereitungen
5.2 Wirksamkeit
5.2.1 Arzneipflanzen-Monografien
5.2.2 Quellen zur Beurteilung der Wirksamkeit von Arzneipflanzen für die Tiermedizin
5.2.3 Für und Wider jetziger Beurteilungsmaßstäbe
5.2.4 Synergien und Antagonismen
5.2.5 Wirtschaftlichkeit
5.3 Unbedenklichkeit
5.3.1 Kategorisierung in Mite- und Forte-Drogen
5.3.2 Sensibilisierungspotenzial von Heilpflanzen
5.4 Wissenschaftliche Unterlagen zur Toxizität bei Tierarzneimitteln
5.5 Toxizität von phytogenen Wirkstoffen – Speziesunterschiede
5.5.1 Karnivora
5.5.2 Herbivora
6 Dosierung und Rezeptierung von Phytotherapeutika
6.1 Quellen für Dosierungen
6.1.1 Dosierungen für Katzen
6.2 Berechnung von Dosierungen
6.3 Unsicherheiten bei der Dosierung
6.3.1 Funktionelle Zusammenhänge
6.3.2 Die Dosis-Wirkungsbeziehung
6.4 Rezeptierung
6.4.1 Definition Rezeptur
6.4.2 Komposition einer Rezeptur
6.4.3 Musterrezeptur
6.4.4 Allgemein gebräuchliche Abkürzungen für eine Rezeptur
6.4.5 Der medizinische Tee
6.4.6 Vorteile einer individuellen Rezeptur
6.4.7 Standardisierte Rezepturen
6.4.8 Traditionelle offizinelle Rezepturen
Teil II Rechtliche Grundlagen
7 Sekundärstoffreiche Pflanzen für Tiere – rechtliche Aspekte zu ihrem Einsatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz
7.1 Einleitung
7.2 Die Pflanze und das Recht
7.2.1 Grundsätzliches
7.2.2 Für Tiere explizit verbotene Arznei- bzw. Sekundärstoffpflanzen
7.2.3 Potenzielle Wege einer Pflanze, rechtlich korrekt in oder auf ein Tier zu gelangen
7.3 Zum Einsatz pflanzlicher Arzneimittel beim Tier
7.3.1 AT – Österreich
7.3.2 CH – Schweiz
7.3.3 DE – Deutschland
7.3.4 Vom Umgang mit der Umwidmungskaskade
7.4 Hausapothekenkontrolle
Teil III Der praktische Einsatz von Arzneipflanzen in der Veterinärmedizin
8 Erkrankungen des Verdauungstrakts
8.1 Allgemeines
8.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei Erkrankungen des Verdauungstrakts
8.1.2 Arzneipflanzen bei Störungen des Verdauungstrakts im Überblick
8.2 Mundhöhlenerkrankungen
8.2.1 Ursachen
8.2.2 Konventionelle Therapie
8.2.3 Phytotherapie
8.2.4 Arzneipflanzenzubereitungen zur Spülung der Mundhöhle
8.2.5 Ätherischöldrogen für die Mundhöhle
8.2.6 Bienenprodukte als Therapeutika für die Mundhöhle
8.2.7 Rezepturen zur Behandlung von Mundhöhlenerkrankungen
8.3 Gastritis, Ulcus ventriculi
8.3.1 Ursachen
8.3.2 Konventionelle Therapie
8.3.3 Phytotherapie
8.3.4 Schleimdrogen für den Magen
8.3.5 Rezepturen zur Behandlung von Gastritis und Ulcus ventriculi
8.4 Diarrhö
8.4.1 Ursachen
8.4.2 Konventionelle Therapie
8.4.3 Phytotherapie
8.4.4 Gerbstoffdrogen bei Diarrhö
8.4.5 Weitere Arzneipflanzen bei Diarrhö
8.4.6 Rezepturen zur Behandlung von Diarrhö
8.5 Inappetenz und funktionelle Verdauungsstörungen
8.5.1 Ursachen
8.5.2 Konventionelle Therapie
8.5.3 Phytotherapie
8.5.4 Amara tonica
8.5.5 Amara aromatica
8.5.6 Amara acria
8.5.7 Rezepturen zur Behandlung von Inappetenz und funktionellen Verdauungsstörungen
8.6 Koliken
8.6.1 Ursachen
8.6.2 Konventionelle Therapie
8.6.3 Phytotherapie
8.6.4 Ätherischöldrogen bei Koliken
8.6.5 Rezepturen zur Behandlung von funktionellen Verdauungsstörungen mit Darmspasmen
8.7 Obstipation
8.7.1 Ursachen
8.7.2 Konventionelle Therapie
8.7.3 Phytotherapie
8.7.4 Quellstofflaxanzien bei Obstipation
8.7.5 Anthranoiddrogen bei Obstipation
8.7.6 Pflanzliches Öl bei Obstipation
8.7.7 Rezepturen zur Behandlung von Obstipation
8.8 Leber-Galle-Probleme
8.8.1 Ursachen
8.8.2 Konventionelle Therapie
8.8.3 Phytotherapie
8.8.4 Arzneipflanzen bei Leber-Galle-Problemen
8.8.5 Rezepturen zur Behandlung von Leber-Galle-Problemen
8.9 Magen-Darm-Parasiten
8.9.1 Einleitung
8.9.2 Die Möglichkeiten der Phytotherapie
8.9.3 Spezielle Pflanzen
9 Atemwegserkrankungen
9.1 Allgemeines
9.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei Erkrankungen der Atemwege
9.1.2 Arzneipflanzen bei Erkrankungen der Atemwege im Überblick
9.2 Rhinitis, Sinusitis, Bronchitis
9.2.1 Ursachen
9.2.2 Konventionelle Therapie
9.2.3 Phytotherapie
9.2.4 Ätherischöldrogen zur Behandlung von Atemwegserkrankungen
9.2.5 Saponindrogen zur Therapie von Atemwegserkrankungen
9.2.6 Schleimdrogen zur Therapie von Atemwegserkrankungen
9.2.7 Tonisierende und immunstimulierende Drogen zur Therapie von Atemwegserkrankungen
9.2.8 Bienenprodukte bei Atemwegserkrankungen
9.2.9 Rezepturen zur Behandlung von Atemwegserkrankungen
10 Augenerkrankungen
10.1 Allgemeines
10.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei Erkrankungen der Augen
10.1.2 Arzneipflanzen bei Erkrankungen der Augen im Überblick
10.2 Konjunktivitis
10.2.1 Ursachen der Konjunktivitis
10.2.2 Konventionelle Therapie
10.2.3 Phytotherapie
10.2.4 Arzneipflanzen bei Konjunktivitis
10.3 Unterstützende Maßnahmen
11 Herz-Kreislauf-Erkrankungen
11.1 Allgemeines
11.1.1 Stellenwert der Phytotherapie
11.1.2 Arzneipflanzen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Überblick
11.2 Herzinsuffizienz
11.2.1 Ursachen
11.2.2 Schweregrade der Herzinsuffizienz beim Tier analog zur NYHA-Klassifizierung
11.2.3 Konventionelle Therapie
11.2.4 Phytotherapie
11.2.5 Arzneipflanzen bei Herzinsuffizienz (NYHA-Stadium I–II)
11.2.6 Rezepturen zur Behandlung von Herzinsuffizienz
11.3 Herzrhythmusstörungen
11.3.1 Ursachen
11.3.2 Konventionelle Therapie
11.3.3 Phytotherapie
11.3.4 Arzneipflanzen bei Herzbeschwerden mit Schilddrüsenbeteiligung
11.4 Orthostatische Kreislaufschwäche (Hypotonie)
11.4.1 Ursachen
11.4.2 Arzneipflanzen gegen orthostatische Kreislaufschwäche
11.4.3 Rezepturen zur Behandlung von orthostatischer Kreislaufschswäche
11.5 Durchblutungsstörungen
11.5.1 Ursachen
11.5.2 Konventionelle Therapie
11.5.3 Phytotherapie
11.5.4 Arzneipflanzen gegen Durchblutungsstörungen
11.6 Kardiovaskuläre Dirofilariose (Herzwurmbefall)
11.6.1 Konventionelle Therapie
11.6.2 Phytotherapie
12 Nieren- und Harnwegsentzündungen
12.1 Allgemeines
12.1.1 Stellenwert der Phytotherapie in der Urologie
12.1.2 Arzneipflanzen bei Nieren- und Harnwegsentzündungen im Überblick
12.2 Harnwegsinfekte (Urethritis, Zystitis)
12.2.1 Ursachen
12.2.2 Konventionelle Therapie
12.2.3 Phytotherapie
12.2.4 Harnwegsdesinfizienzien
12.2.5 Durchspülende Arzneipflanzen (Aquaretika bzw. Diuretika)
12.2.6 Rezepturen zur Anregung der Diurese
12.3 Nieren- und Blasensteine (Urolithiasis)
12.3.1 Ursachen
12.3.2 Konventionelle Therapie
12.3.3 Phytotherapie
13 Metabolische Störungen
13.1 Allgemeines
13.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei metabolischen Störungen
13.1.2 Arzneipflanzen bei metabolischen Störungen im Überblick
13.2 Metabolisches Syndrom
13.2.1 Ursachen
13.2.2 Konventionelle Therapie
13.2.3 Phytotherapie
13.2.4 Diätetika bei Adipositas
13.2.5 Arzneipflanzen mit Einfluss auf die Leber und den Blutzucker
13.2.6 Unterstützende Maßnahmen bei Diabetes-Folgeerkrankungen
13.3 Equines metabolisches Syndrom
13.3.1 Ursachen
13.3.2 Phytotherapie
13.4 Equines Cushing-Syndrom (PPID)
13.4.1 Ursachen
13.4.2 Konventionelle Therapie
13.4.3 Phytotherapie
13.4.4 Arzneipflanze bei Equinem Cushing-Syndrom
13.5 Ketose der Wiederkäuer
13.5.1 Ursachen
13.5.2 Konventionelle Therapie
13.5.3 Phytotherapie
13.5.4 Arzneipflanzen gegen (subklinische) Ketose
13.5.5 Rezepturen zur Prävention der Ketose
14 Immunstörungen und Tumore
14.1 Allgemeines
14.1.1 Das Immunsystem
14.1.2 Stellenwert der Phytotherapie bei Immunstörungen und Tumoren
14.1.3 Arzneipflanzen bei Immunstörungen und Tumoren im Überblick
14.2 Immunstörungen
14.2.1 Ursachen
14.2.2 Konventionelle Therapie
14.2.3 Phytotherapie
14.2.4 Immunstimulanzien
14.3 Adaptionsstörungen
14.3.1 Ursachen
14.3.2 Konventionelle Therapie
14.3.3 Phytotherapie
14.3.4 Pflanzliche Adaptogene
15 Bewegungsstörungen und Schmerz
15.1 Allgemeines
15.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei Bewegungsstörungen und Schmerz
15.1.2 Arzneipflanzen bei Bewegungsstörungen und Schmerz im Überblick
15.2 Akutes stumpfes Trauma und Schmerz
15.2.1 Konventionelle Therapie
15.2.2 Phytotherapie
15.2.3 Arzneipflanzen bei akutem stumpfem Trauma
15.2.4 Arzneipflanzen zur adjuvanten Frakturversorgung
15.2.5 Ätherischöldrogen bei Erkrankungen der Bewegungsorgane
15.2.6 Rezepturen zur adjuvanten Behandlung akuter stumpfer Traumata
15.3 Chronisch degenerative Erkrankungen der Bewegungsorgane
15.3.1 Ursachen
15.3.2 Konventionelle Therapie
15.3.3 Phytotherapie
15.3.4 Ausleitende Arzneipflanzen (Aquaretika)
15.3.5 Arzneipflanzen mit antiphlogistischer und analgetischer Wirkung
15.3.6 Arzneipflanzen mit Salicylderivaten
15.3.7 Weitere Arzneipflanzen mit antiphlogistischer und analgetischer Wirkung
15.3.8 Arzneipflanzen zur Durchblutungsförderung
15.3.9 Arzneipflanzen zur Reaktivierung chronischer Prozesse
15.3.10 Pflanzliche Irritanzien
15.3.11 Rezeptur zur Behandlung chronisch degenerativer Erkrankungen der Bewegungsorgane
16 Wundbehandlung
16.1 Allgemeines
16.1.1 Stellenwert der Phytotherapie
16.1.2 Arzneipflanzen zur Wundbehandlung im Überblick
16.2 Frische Wunden
16.2.1 Konventionelle Therapie
16.2.2 Phytotherapie
16.2.3 Arzneipflanzen bei frischen Wunden
16.2.4 Bienenprodukte bei frischen Wunden
16.2.5 Rezeptur zur Behandlung von Wunden
16.3 Chronische Wunden und gestörte Narbenbildung
16.3.1 Ursachen von Wundheilungsstörungen
16.3.2 Konventionelle Therapie
16.3.3 Phytotherapie
16.3.4 Arzneipflanzen bei Wundheilungsstörungen
16.3.5 Ätherischöldrogen bei Wundheilungsstörungen
16.3.6 Bienenprodukte bei Wundheilungsstörungen
16.3.7 Rezepturen zur Behandlung chronischer Wunden und gestörter Narbenbildung
17 Hauterkrankungen
17.1 Allgemeines
17.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei Hauterkrankungen
17.1.2 Arzneipflanzen bei Hauterkrankungen im Überblick
17.2 Dermatitis
17.2.1 Ursachen
17.2.2 Konventionelle Therapie
17.2.3 Phytotherapie
17.2.4 Arzneipflanzen bei nässenden Ekzemen
17.2.5 Arzneipflanzen bei trockenem Ekzem
17.3 Atopische Dermatitis
17.3.1 Ursachen
17.3.2 Konventionelle Therapie
17.3.3 Phytotherapie
17.3.4 Arzneipflanzen bei Atopischer Dermatitis
17.3.5 Rezeptur zur Behandlung der Atopischen Dermatitis
17.3.6 Arzneipflanzen bei Pruritus
17.4 Hautinfektionen
17.4.1 Ursachen
17.4.2 Konventionelle Therapie
17.4.3 Phytotherapie
17.4.4 Arzneipflanzen bei Hautinfektionen
17.4.5 Ätherischöldrogen bei Hautinfektionen
17.4.6 Bienenprodukte
17.4.7 Arzneipflanzen bei Ulzera und Furunkeln
17.4.8 Arzneipflanzen bei Dermatophytosen
17.4.9 Rezepturen zur Behandlung von Hautinfektionen
17.5 Otitis externa
17.5.1 Ursachen
17.5.2 Konventionelle Therapie
17.5.3 Phytotherapie
17.5.4 Arzneipflanzen bei Otitis externa
17.5.5 Bienenprodukte bei Otitis externa
17.6 Analbeutelentzündung (Hund)
17.6.1 Ursachen
17.6.2 Konventionelle Therapie
17.6.3 Phytotherapie
17.6.4 Arzneipflanzen bei Analbeutelentzündung
17.6.5 Rezeptur zur Behandlung von Analbeutelentzündungen
17.7 Erkrankungen von Klauen, Hufen, Pfoten und Krallen
17.7.1 Ursachen
17.7.2 Konventionelle Therapie
17.7.3 Phytotherapie
17.7.4 Arzneipflanzen bei Erkrankungen von Klauen, Hufen, Pfoten und Krallen
17.7.5 Bienenprodukte
17.8 Parasitenabwehr
17.8.1 Konventionelle Therapie
17.8.2 Phytotherapie
17.8.3 Pflanzliche Insektizide und Repellentien
18 Erkrankungen des weiblichen Genitale und der Milchdrüse
18.1 Allgemeines
18.1.1 Stellenwert der Phytotherapie
18.1.2 Arzneipflanzen bei Erkrankungen des weiblichen Genitale und der Milchdrüse im Überblick
18.2 Vulvitis, Vaginitis, Endometritis
18.2.1 Ursachen
18.2.2 Konventionelle Therapie
18.2.3 Phytotherapie
18.2.4 Gerbstoffdrogen zur Therapie von Vulvitis, Vaginitis und Endometritis
18.2.5 Ätherischöldrogen zur Therapie von Vulvitis, Vaginitis und Endometritis
18.2.6 Rezepturen zur Behandlung von Vulvitis, Vaginitis und Endometritis
18.3 Unterstützung in der Geburt
18.3.1 Arzneipflanzen bei Wehenschwäche
18.3.2 Arzneipflanzen bei Aggressivität, Hyperaktivität und Angst des Muttertieres
18.4 Nachgeburtsverhaltung (Retentio secundinarum)
18.4.1 Konventionelle Therapie
18.4.2 Phytotherapie
18.4.3 Arzneipflanzen zur Prävention der Nachgeburtsverhaltung
18.5 Milchbildungsstörungen
18.5.1 Ursachen
18.5.2 Konventionelle Therapie
18.5.3 Phytotherapie
18.5.4 Arzneipflanzen bei Milchbildungsstörungen
18.5.5 Unterstützung der Gesäuge-Rückbildung
18.5.6 Rezepturen zur Behandlung von Milchbildungsstörungen
18.6 Schädigung von Milchdrüse und Zitzen
18.6.1 Ursachen
18.6.2 Konventionelle Therapie
18.6.3 Phytotherapie
18.6.4 Arzneipflanzen zur Pflege der strapazierten Milchdrüse
18.6.5 Arzneipflanzen zur Therapie des Euter-Schenkel-Ekzems
18.6.6 Arzneipflanzen gegen Schädigung durch Insekten
18.6.7 Arzneipflanzen bei Schädigung durch Viren
18.7 Subklinische und klinische Mastitis
18.7.1 Konventionelle Therapie
18.7.2 Phytotherapie
18.7.3 Arzneipflanzen bei klinischer und subklinischer Mastitis
18.7.4 Rezeptur zur Behandlung klinischer und subklinischer Mastitiden
18.8 Fruchtbarkeitsstörungen
18.8.1 Ursachen
18.8.2 Konventionelle Therapie
18.8.3 Phytotherapie
18.8.4 Arzneipflanzen bei Fruchtbarkeitsstörungen
19 Verhaltensstörungen
19.1 Allgemeines
19.1.1 Stellenwert der Phytotherapie bei Verhaltensstörungen
19.1.2 Arzneipflanzen bei Verhaltensstörungen im Überblick
19.2 Zentralnervös bedingte Unruhe- und Erregungszustände
19.2.1 Ursachen
19.2.2 Konventionelle Therapie
19.2.3 Phytotherapie
19.2.4 Arzneipflanzen bei zentralnervös bedingten Störungen
19.2.5 Verhaltensänderungen durch Schilddrüsenfehlfunktion
19.2.6 Verhaltensstörungen durch Adaptionsprobleme und Stresserkrankungen
19.2.7 Arzneipflanzen bei Adaptionsproblemen
19.2.8 Aromatherapie bei Verhaltensstörungen
19.2.9 Olfaktorische Konditionierung
19.2.10 Rezepturen zur Behandlung zentralnervös bedingter Unruhe- und Erregungszustände
20 Geriatrie
20.1 Allgemeines
20.1.1 Stellenwert der Phytotherapie in der Geriatrie
20.2 Alterserkrankungen
20.2.1 Ursachen
20.2.2 Pharmakotherapie beim geriatrischen Patienten
20.2.3 Lösungsansätze aus der Phytotherapie
20.3 Herz-Kreislauf-Erkrankungen
20.3.1 Bedeutung der Durchblutung
20.3.2 Altersbedingte Herzerkrankungen
20.3.3 Arzneipflanze bei altersbedingter Herzerkrankung
20.3.4 Arzneipflanzen bei altersbedingter Mangeldurchblutung
20.4 Hirnleistungsstörungen
20.4.1 Konventionelle Therapie
20.4.2 Phytotherapie
20.4.3 Arzneipflanzen bei altersbedingten Hirnleistungsstörungen
20.5 Depressive Verstimmung im Alter
20.5.1 Arzneipflanze bei altersbedingter Depression
20.6 Altersbedingte Adaptionsstörung
20.6.1 Arzneipflanzen bei altersbedingter Adaptionsstörung
20.7 Stoffwechselstörungen im Alter
20.7.1 Leberinsuffizienz und Leberschädigung
20.8 Die alternde Niere
20.8.1 Niereninsuffizienz und Nephrotoxizität
20.8.2 Phytotherapie bei Niereninsuffizienz
20.9 Benigne Prostata-Hyperplasie beim Hund
20.9.1 Konventionelle Therapie
20.9.2 Phytotherapie
20.9.3 Arzneipflanzen bei BPH
20.10 Inkontinenz der Hündin
20.10.1 Konventionelle Therapie
20.10.2 Phytotherapie
20.11 Degenerative Erkrankungen der Bewegungsorgane
20.11.1 Arzneipflanzen bei degenerativen Erkrankungen der Bewegungsorgane
20.12 Krebserkrankungen
20.12.1 Konventionelle Therapie
20.12.2 Phytotherapie
20.12.3 Arzneipflanzen bei Krebserkrankungen
20.13 Palliativmedizin
Teil IV Anhang
21 Charakterisierung von Phytotherapeutika
21.1 Pharmazeutisches Wissen
21.2 Identität pflanzlicher Drogen
21.2.1 Pflanzensystematik und Nomenklatur
21.2.2 Der Pflanzenteil
21.3 Traditionelle lateinische Bezeichnungen in Rezepturen und ihre gebräuchlichen Abkürzungen
21.3.1 Die lateinischen Bezeichnungen der Pflanzenteile
21.3.2 Traditionelle Rezepturanweisungen
21.4 Qualität beeinflussende Kriterien
21.4.1 Der Zerkleinerungsgrad der Drogen
21.4.2 Das Auszugsverfahren
21.4.3 Trocknungsverfahren
21.4.4 Konzentration der Arzneiformen
21.4.5 Darreichungsformen von Arzneipflanzenzubereitungen
22 Doping-Relevanz pflanzlicher Sekundärstoffe
22.1 Doping im Pferdesport
23 Toxikologische Einschätzung von Arzneipflanzen und ihren Zubereitungen
23.1 Unbedenklichkeit von Phytotherapeutika
23.2 Arzneimittelsicherheit, Pharmakovigilanz
23.3 Toxizitätsprüfungen
23.3.1 Stufenplanverfahren nach AMG
23.4 Toxizität durch Fehler im Umgang mit Pflanzen und Pflanzenzubereitungen
23.4.1 Phytoalexine
23.4.2 Fotodermatosen durch Furocumarine
23.4.3 Lagerung pflanzlicher Drogen
23.5 Allergisierung durch Pflanzen
23.5.1 Kontaktallergien
23.5.2 Allergische Reaktionen auf Arzneipflanzen
23.5.3 Allergisierende Pollen und Nahrungsmittelallergene
23.5.4 Sensibilisierung durch ätherische Öle
23.6 Toxikologisch bedenklich: Selbstmedikation mit ungeprüften Drogen
24 Für den eiligen Leser
24.1 Rezepturen-Verzeichnis
24.1.1 Rezepturen Erkrankungen des Verdauungstraktes
24.1.2 Rezepturen Erkrankungen der Atemwege
24.1.3 Rezepturen Herz-Kreislauf-Erkrankungen
24.1.4 Rezepturen Nieren- und Harnwegsentzündungen
24.1.5 Rezepturen metabolische Störungen
24.1.6 Rezepturen Bewegungsstörungen und Schmerz
24.1.7 Rezepturen Wundbehandlung
24.1.8 Rezepturen Hauterkrankungen
24.1.9 Rezepturen Erkrankungen des weiblichen Genitales und der Milchdrüse
24.1.10 Rezepturen bei Verhaltensstörungen
24.2 Übersicht: Bienenprodukte in der Veterinärmedizin
24.2.1 Indikationen für Honig und Propolis
24.2.2 Rezepturen mit Honig
24.2.3 Rezepturen-Verzeichnis Propolis
24.3 Indikationstabelle Arzneipflanzen
24.4 Rechtliche Zuordnung von Arznei- und Sekundärstoffpflanzen
24.4.1 Allgemeine Informationen und europäisches Recht
24.4.2 Deutsche Verordnungen und Listen
24.4.3 Österreichisches und schweizerisches Recht
25 Abkürzungsverzeichnis
26 Literaturverzeichnis
Autorenvorstellung
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
© Ferdinand Worm |
1 Definition Phytotherapie
2 Kulturgeschichte der Veterinärphytotherapie
3 Aktueller Status der Phytotherapie in der Veterinärmedizin
4 Grundlagen der Phytotherapie
5 Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Phytotherapeutika
6 Dosierung und Rezeptierung von Phytotherapeutika
Cäcilia Brendieck-Worm
Unter Phytotherapie versteht man den Einsatz von Pflanzen und Pflanzenteilen wie Blättern, Blüten, Rinden, Wurzeln, Samen und deren Zubereitungen zur Gesunderhaltung und zur Therapie von Befindensstörungen und Erkrankungen. Die hier eingesetzten Pflanzen werden als Heil- oder Arzneipflanzen bezeichnet.
Die Phytotherapie ist Teil der Heilpflanzenkunde, die auf phytochemischer und naturstoffpharmakologischer Grundlage basiert.
Der Phytotherapie liegt kein eigenes Heilsystem zugrunde, wie dies bei der Homöopathie oder der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) der Fall ist. Die Phytotherapie basiert auf den aktuellen Erkenntnissen einer rationalen Medizin. Das Arzneimittelgesetz stellt an pflanzliche Arzneimittel dieselben Ansprüche bezüglich Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit wie an synthetische Arzneimittel. Die in dieses Buch aufgenommenen Phytotherapeutika sind bei richtiger Auswahl und Anwendung gut wirksam und gut verträglich.
Das große Spektrum therapeutisch einsetzbarer Arzneipflanzen erlaubt eine individuelle, an den Erfordernissen des einzelnen Patienten orientierte Therapie. Je umfassender der Patient betrachtet wird, umso besser sind die Erfolge der Phytotherapie. Bei der Erhebung der Anamnese kann die Vorgehensweise in Homöopathie und TCM durchaus als Vorbild gelten.
Charakteristisch für Arzneipflanzen ist ihr komplexes natürliches Wirkstoffgemisch, das sich aus einer Vielzahl von chemischen Substanzen zusammensetzt und entsprechend eine Multi-Target-Wirkung entfaltet. Pflanzliche Arzneimittel sind also grundsätzlich mehr auf eine übergreifende Wirksamkeit ausgerichtet, während synthetische Therapeutika jeweils eine spezifische Wirkung (Mono-Target-Wirkung) entfalten sollen. Dass es auch mit solchen Monosubstanzen nicht einfach ist, punktuell in den Organismus einzugreifen, lassen unerwünschte Arzneiwirkungen (UAW) bei Synthetika erkennen. UAW treten bei Phytotherapeutika deutlich seltener auf. Die Toxizität von Phytotherapeutika ist zumeist gering. Sie sind deshalb insbesondere für den präventiven Einsatz und zur Langzeittherapie komplexer chronischer Erkrankungen gut geeignet.
Die meisten Erkrankungen sind multifaktoriell bedingt und führen zu komplexen Störungen. Einzelne Vorgänge im Organismus lassen sich mit verschiedensten Techniken separat betrachten und auf diese Weise besser verstehen. Sie können aber meist nicht separat therapiert werden.
Die Komplexität von Erkrankungen spiegelt sich bereits in einem gängigen „Blutbild“ wider. Das Differenzialblutbild gibt Informationen über den Zustand des hämatopoetischen Systems und des Immunsystems. Metaboliten, Hormon- und Enzymwerte weisen z.B. auf Störungen im Stoffwechsel und auf Zelluntergänge hin etc. Ergebnisse der Labordiagnostik werden nur verständlich und therapeutisch nutzbar, wenn sowohl die endokrinologischen als auch die immunologischen und neurologischen Zusammenhänge berücksichtigt werden. Mit ihren Vielstoffgemischen ist die Phytotherapie direkt auf solche komplexen Zusammenhänge ausgerichtet.
Für den Einsatz der Phytotherapie sind 2 grundsätzliche Aspekte zu berücksichtigen:
Ein spezifisch wirkendes synthetisches Arzneimittel (Mono-Target-Wirkstoff) lässt sich i.d.R. nicht einfach durch ein Phytotherapeutikum (Multi-Target-Wirkstoff) adäquat ersetzen. In der Praxis geht es in den meisten Fällen darum, durch präventive und adjuvante Phytotherapie den Einsatz von nebenwirkungsreichen Synthetika zu verhindern oder zu minimieren.
Die oft im Vergleich mit Synthetika pauschal unterstellte schwache Wirkung von Phytotherapeutika resultiert aus einem entsprechenden monokausalen Denken und Verstehen. Phytotherapeutika entfalten eine ganze Bandbreite regulatorischer Impulse, und in speziellen Fällen ist ihrem Einsatz der Vorzug zu geben. Insbesondere multimorbide Patienten profitieren vom breiten Wirkspektrum der Phytotherapeutika. Während die Kombination synthetischer Arzneimittel für den von mehreren Erkrankungen betroffenen Patienten z.T. erhebliche Risiken birgt, bewähren sich traditionelle Arzneipflanzenkombinationen gerade bei Multimorbidität sowie bei komplexen Krankheitsbildern wie Stoffwechsel- oder Wundheilungsstörungen etc.
Cäcilia Brendieck-Worm
Pflanzen sind als autotrophe Organismen in der Lage, aus Sonnenlicht, Luft, Erde und Wasser alles zu synthetisieren, was sie zum Gedeihen und Fortpflanzen benötigen. Sie bieten die Basis für tierisches Leben und dienen in nahezu allen Kulturen seit altersher der Ernährung, Gesunderhaltung und Linderung von Beschwerden. Aktuelle biologische Forschung zeigt, dass die Gesundheit von Tieren (inkl. der Menschen) in hohem Maße von Pflanzen abhängig ist ▶ [171]. Dabei spielen auch die sog. sekundären Pflanzenstoffe eine herausragende Rolle. Das sind solche chemische Verbindungen, die die Pflanze nicht direkt für Wachstum und Vermehrung benötigt, die ihr aber Schutz geben vor Konkurrenten, Schädlingen, klimatischen Belastungen etc.
Schon in prähistorischer Zeit haben Tiere und Menschen mithilfe ihres Geruchs- und Geschmackssinns aus dem reichhaltigen Pflanzenangebot diejenigen Pflanzen herausgefunden, die als Nahrung und Heilmittel geeignet waren. Ihr gutes Sensorium half ihnen, Pflanzen mit möglicherweise toxischen Inhaltsstoffen, die sich z.B. durch Schärfe oder Bitterkeit zu erkennen geben, zu meiden bzw. nur dann in Maßen zu nutzen, wenn aufgrund einer Befindensstörung ein spezielles Bedürfnis nach ihnen auftrat. Über Jahrmillionen nahmen unzählige pflanzliche Sekundärstoffe Einfluss auf den Stoffwechsel und das Immunsystem der Pflanzen(fr)esser. Mechanismen zur Resorption, Metabolisierung und Detoxifikation dieser Pflanzenstoffe entwickelten sich im täglichen Kontakt zur pflanzlichen Nahrung (Koevolution). Sekundäre Pflanzenstoffe wurden so zu einem wesentlichen Bestandteil für die Gesundheit all derjenigen Organismen, die sich von Pflanzen ernährten ▶ [171], ▶ [172], ▶ [173].
Von vielen wild lebenden Tieren weiß man, dass sie gezielt Pflanzen zum Schutz vor Erkrankungen und bei Befindensstörungen wählen ▶ [63]. Selbst bei Haustieren lassen sich dahingehende Beobachtungen machen ▶ [244]. Tiere sind, wie der Mensch, zur Selbstmedikation mit Pflanzen in der Lage. So bestehen bis zu 20 % der von beobachteten Primaten aufgenommenen Nahrung aus Kräutern, Samen und Früchten, die keinen nennenswerten Nährwert, dafür aber antibakterielle, antivirale, antiparasitäre oder immunstimulierende Eigenschaften besitzen ▶ [107].
Die Geschichte der Behandlung von Tieren mit Pflanzen durch den Menschen begann mit der Domestikation von Wildtieren. Dabei ist vermutlich die Entscheidung für einige zur Therapie eingesetzte Pflanzen auf genaue Beobachtung der Tiere zurückzuführen.
Der Hund (Wolf) wurde als erstes Tier wahrscheinlich schon vor ca. 135000 Jahren domestiziert. Er erleichterte dem Menschen das Leben als Jäger und war es wert, bei Erkrankungen und Verletzungen medizinisch versorgt zu werden. Aufzeichnungen zur Therapie des Hundes stammen aus der Zeit, in der die Jagd zum Privileg der Reichen und Herrschenden wurde und der Hund zum höfischen Tier avancierte. Für seine Pflege und Gesunderhaltung waren Jäger und Förster verantwortlich. Die sich im 18. Jh. etablierende Veterinärmedizin interessierte sich anfangs nicht für den Hund, war er doch ohnehin nur kurzlebig und durch seine Fruchtbarkeit schnell zu ersetzen ▶ [246].
Von wesentlich größerer Bedeutung für die Menschheit war die Domestizierung von Wildtieren zu landwirtschaftlichen Nutztieren.
Durch die Haltung von Nutztieren änderte sich das Leben von Grund auf. Tierhaltung und die Kultivierung von Getreide und Hülsenfrüchten ermöglichten es dem Menschen vor rund 10000 Jahren sesshaft zu werden (Neolithische Revolution). Vom Wohlbefinden dieser Tiere hing das Schicksal der Menschen ab. Schon um 1850 v. Chr. wird im ältesten Schriftzeugnis der Tierheilkunde, dem Veterinärpapyrus von Lahun, beschrieben, wie Heilpflanzen für Einreibungen und Räucherungen bei Rindern zu benutzen sind. Schon ab dem 2. Jh. v. Chr. nimmt die Behandlung von Haustieren mit Heilpflanzen breiten Raum in lateinischen Schriften über den Landbau ein (Cato, Varro, Columella). Im 4. und 5. Jh. nach Chr. entstand bereits eine umfangreiche Fachliteratur zur Pferdeheilkunde ▶ [207], ▶ [246].
Gut zu wissen
Wahl der landwirtschaftlichen Nutztiere
Unter der großen Zahl der Wildtiere erwiesen sich Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine, Kaninchen, Gänse, Hühner und Enten als vom Menschen beherrschbar und umgänglich. Sie waren in ihrer Ernährung nicht wählerisch, schnellwüchsig und bereit, sich in Gefangenschaft fortzupflanzen. Das galt auch für Esel, Pferde und Kamele (Dromedare), die dem Menschen als Arbeits-, Transport- und Reittiere ganz neue Möglichkeiten eröffneten ▶ [53].
Die Sesshaftigkeit führte stellenweise zu hohem Bevölkerungswachstum und entsprechend zur Zunahme der Tierhaltung. Das enge Zusammenleben in Dörfern und Städten stellte die Gesundheit von Mensch und Tier vor ganz neue ▶ Herausforderungen.
Gut zu wissen
Epidemien und Zoonosen
Wildtierpopulationen beherbergen nicht selten symptomlos Krankheitserreger, die für Haustiere hoch pathogen sind. Die an ihrem natürlichen Lebensrhythmus und Fressverhalten gehinderten Tiere sind offensichtlich krankheitsanfälliger.
Seuchenzüge
Schon im Altertum traten verheerende Seuchenzüge bei Nutztieren auf. Schwere Hungersnöte waren die Folge. Die Verbreitung von Erkrankungen wie Rinderpest, Maul- und Klauenseuche und Lungenseuche wurde durch Hygienemängel und Handel begünstigt, zudem durch Feldzüge, da die Truppen die zur Fleischversorgung vorgesehenen Tiere hinter sich her treiben ließen. Flüchtlingsströme aus Kriegsgebieten, Völkerwanderungen und tragischerweise auch die Wallfahrten, von denen man sich Schutz vor Schaden durch Seuchen erhoffte, trugen zur Ausbreitung von Seuchen bei ▶ [246].
Zoonosen
Mit der Tierhaltung in unmittelbarer Nähe der Menschen wuchs schon im Altertum die Gefahr von Zoonosen wie Milzbrand und Tuberkulose. Die Erreger von Pocken, Pest, Masern und Grippe sind vermutlich im Laufe der gemeinsamen Evolution vom Tier auf den Menschen übergegangen. Die katastrophalen Auswirkungen dieser Erkrankungen auf haustierfreie Menschenpopulationen waren ein entscheidender Faktor für die weltweiten Eroberungserfolge der Europäer ▶ [53].
Hygieneprobleme
In den Ballungsräumen von Menschen und ihren Haustieren wurde es lebensgefährlich. Parasiten, wie die als Vektoren von Krankheitserregern geltenden Flöhe, breiteten sich aus. Ratten als Reservoir von Krankheitserregern wie dem der Pest zog es wegen des großen Nahrungsangebots massenhaft in unmittelbare Nähe der Menschen. Diese Gefahren gelten heute in Ländern mit funktionierendem, auf Seuchenbekämpfung ausgerichtetem Veterinärwesen, geregelter Kadaver-, Müll- und Abwasserentsorgung, umfassender Lebensmittel- und Trinkwasserhygiene als gebannt. Doch dies ist ohne Zweifel an die Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln, Antibiotika, Antiparasitika und Rodentiziden gebunden.
Für den Menschen und die von ihm domestizierten Tiere brachte die Neolithische Revolution grundlegende Änderungen der Ernährungsgewohnheiten mit sich. Man begann, auch Pflanzen zu kultivieren, um sich und seine Tiere zu ernähren. Ausschlaggebend für die Wahl von Kulturpflanzen waren v.a. ein hoher Gehalt an Fetten, Kohlenhydraten und Proteinen. Voraussetzung, um diese Pflanzen in Kultur nehmen zu können, waren unkomplizierte Anbaumöglichkeiten, Haltbarkeit und Lagerfähigkeit.
SekundärstoffmangelBestimmte sekundäre Pflanzenstoffe galten eher als Ausschlusskriterium und wurden durch gezielte Selektion und spezielle Zubereitungen minimiert ▶ [173]. Auch Weideland verwandelte sich durch intensivierte Nutzung grundlegend. Artenreiche Wildgras- und Kräuterbestände wurden weltweit von einer Hand voll Wirtschaftsgräser verdrängt, die durch enorm hohe Produktivität, Energiedichte und Widerstandskraft mehr Tiere pro Flächeneinheit ernähren können.
Trennung Mit der Neolithischen Revolution kam es zur Trennung zwischen kalorienreichen Kulturpflanzen und sekundärstoffreichen Wildpflanzen, die man zur Therapie von Erkrankungen sammelte. Eine Ausnahme bildeten die Gewürzpflanzen, die sowohl für bessere Verträglichkeit der Nahrung als auch für längere Haltbarkeit und einen besseren Geschmack sorgten. Diese Pflanzen haben ihre Stellung zwischen Nahrung und Arzneimittel bis heute erhalten.
Gut zu wissen
Die wichtigsten Kulturpflanzen
Von den global ca. 75000 essbaren Pflanzen, von denen etwa 2000 in Mitteleuropa vorkommen, wurden ursprünglich weltweit ca. 2500 Arten als regelmäßige Nahrungslieferanten ausgewählt. Nur ca. 150 Arten sind heute noch von ökonomischer Bedeutung. Allein 20 Pflanzenarten sichern derzeit die Ernährung der Weltbevölkerung. Global beanspruchen nur 24 Kulturpflanzenarten 85 % der Ackerflächen. Nutztiere werden weltweit fast ausschließlich mit Soja, Raps, Mais und Getreide, v.a. Weizen, gefüttert. Heimtiere erhalten die pflanzlichen und tierischen Überreste aus der Lebensmittelproduktion für Menschen ▶ [172], ▶ [257].
Heilkräuteranbau
Klostermedizin
Das Bestreben der Klöster, ihre selbst gewählte Aufgabe – die Sorge um Kranke und Bedürftige – autark bewältigen zu können, veranlasste die Mönche dazu, auch Heilpflanzen anzubauen. Insbesondere der aus Umbrien stammende Ordensgründer Benedikt von Nursia (ca. 480–547) forcierte den Heilpflanzenanbau. Im Schutz der Klostermauern konnten z.T. auch mediterrane Heilpflanzen in Mitteleuropa gedeihen.
Landgüterverordnung
Zudem gebot das „Capitulare de villis“, eine im Auftrag Karls des Großen etwa um 800 n. Chr. erlassene Landgüterverordnung, den Anbau von 72 Nutzpflanzen, darunter 24 Arznei- und Gewürzpflanzen, durch Klöster und Pächter der kaiserlichen Güter im ganzen Frankenreich. Die Klostergärten wurden zum Vorbild für Bauerngärten und für die seit dem 14. Jh. aufkommenden Apothekergärten ▶ [36].
Gestütsgärten
Georg Simon Winter von Adlersflügel empfahl 1703 in seinem Traktat von der „Stuterey oder Fohlenzucht“ Gestütsgärten anzulegen, um heilkräftige Pflanzen für die Gestütsapotheke zur Hand zu haben ▶ [207].
Arznei- und Gewürzpflanzenanbau
Seit Anfang des 18. Jh. gibt es in Deutschland einen großflächigen Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen. Heute werden hierzulande auf ca. 13000 ha ca. 125 verschiedene Arznei- und Gewürzpflanzen angebaut, darunter neue, wirkstoffreiche Züchtungen, die in Verbindung mit speziellen Anbau- und Erntetechnologien für eine reproduzierbare, standardisierte Qualität sorgen.
Steigende Nachfrage
Für die steigende Tendenz im Anbau sorgt die Mehrfachnutzung von Arznei- und Gewürzpflanzen. Nicht nur die Pharmazie, auch die Lebensmittelindustrie und Produzenten von Pflegeprodukten, Kosmetika, Haushaltsreinigern etc. sind an Heilpflanzen interessiert. Besonders stark gestiegen ist der Bedarf an pflanzlichen funktionellen Futtermittelzusatzstoffen. Sie sollen die seit 2006 EU-weit verbotenen antibiotischen Leistungsförderer in der Mast ersetzen ▶ [102].
Verlust der freien Nahrungswahl In Gefangenschaft gehaltene Wildtiere und Haustiere verlieren die Möglichkeit, ihre Nahrung frei zu wählen, und die Chance, bei Befindensstörungen Verhaltens- und Ernährungsformen zu nutzen, die sich evolutionär als sinnvoll erwiesen haben. Der Zugang zu bewährten Heilpflanzen ihres angestammten Biotops ist ihnen verwehrt. Lebensraum, Lebensrhythmus etc. bestimmt fortan der Mensch. Dies geschieht nicht selten in Unkenntnis der tatsächlichen Bedürfnisse der Tiere und ohne ausreichendes Bewusstsein für die damit verbundene Verantwortung für ihre Gesundheit. Es wurde vielfach dokumentiert, dass Wildtiere ihren guten Gesundheitszustand in Gefangenschaft nicht aufrechterhalten können. Denn die Funktionstüchtigkeit des Immunsystems ist vom normalen Verhalten des Tieres inkl. seiner natürlichen Nahrungswahl in gewohnter Umgebung abhängig ▶ [63]. Diese Problematik betrifft auch unsere Nutztiere und ist eine der Ursachen erhöhter Krankheitsanfälligkeit.
Mangel an sekundären Pflanzenstoffen Die seit der Sesshaftwerdung immer stärkere Reduktion auf wenige energie- und proteinreiche Pflanzen hat zu einem Mangel an sekundären Pflanzenstoffen in der Ernährung geführt ▶ [173]. Die auf Haltbarkeit und Lagerfähigkeit ausgerichteten Produktionsmethoden bei sog. Fertigfuttermitteln, wie sie insbesondere auch Kleintiere erhalten, reduzieren ebenfalls die sekundären Pflanzenstoffe. Dieser Mangel verursacht Stoffwechsel- und Entwicklungsstörungen und führt zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit.
Genetische Selektion Die Domestikation hat unter den Haustieren nicht nur zur Diversifizierung und zu Steigerungen bei Größenwachstum, Milchmenge, Fleischansatz, Legeleistung, Zahl der Nachkommen etc. geführt, die weit über das natürlicherweise Notwendige hinausgehen. Sie hat auch den Genpool der Haustiere drastisch verkleinert sowie zur Verbreitung und zum Erhalt von genetischen Anomalien beigetragen. Auch hier liegen Gründe für erhöhte Krankheitsanfälligkeit.
Haltungsfehler Bauliche Mängel in Tierhaltungen führen gleichfalls zu krankheitsfördernden Situationen (Lärm, Zugluft, Schadgase, Licht- und Sauerstoffmangel, Staub- und Keimbelastung etc.). Hohe Tierzahlen auf engem Raum begünstigen Infektionskrankheiten (Crowding Disease) und verhindern die Ausbildung stabiler sozialer Verbände (Hierarchien). Bewegungsmangel, ständige Rangordnungskämpfe und fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten führen zu Aggressionen (Schwanzbeißen etc.). Ebenso verursachen spezielle Nutzungsformen, z.B. als Reit- oder Zugtier, oftmals Krankheiten durch Überlastung und Verschleiß. Erst in den letzten Jahrzehnten geprägte Begriffe wie Qualzucht, Technopathie, Produktionskrankheit, artgerechte Tierhaltung und Tierwohl erinnern daran, dass bis heute Tierhaltung vielfach mit gesundheitlicher Beeinträchtigung und Leid für die Tiere verbunden ist.
Viehzucht und Ackerbau sorgten schon im Altertum für rasches Bevölkerungswachstum. Unter den für Mensch und Tier immer problematischer werdenden hygienischen Zuständen in den Ballungsräumen kam es zur seuchenhaften Ausbreitung von ▶ Krankheitserregern.
Unter diesen Bedingungen waren die traditionellen, auf Arzneipflanzen gestützten Therapien für Mensch und Tier zum Scheitern verurteilt. Dies allein schon, weil über biologische Zusammenhänge kaum etwas bekannt war. Schmiede, Metzger, Abdecker, Henker, Stallmeister und viele andere Berufsgruppen versuchten sich mit wechselnden Erfolgen an der Heilung der Tiere.
Gut zu wissen
Die Rossarzneibücher der Stallmeisterzeit
Erfahrungswissen
Aus der sog. Stallmeisterzeit (1250–1762) ist viel Erfahrungswissen in Schriften zur Therapie von Pferden und Rindern überliefert. Obwohl von medizinischen Laien geschrieben, enthalten sie z.T. treffend geschilderte Symptome wie auch Angaben zur vermuteten Ätiologie und zur Prognose. Es wird die Anwendung zahlreicher Heilkräuter beschrieben, z.T. zu umfangreichen Rezepturen zusammengestellt, mit Mengenangaben, Dosierungen und Anwendungsformen. Ein Teil der Anwendungen ist aus heutiger Sicht durchaus sinnvoll. Allerdings werden viele Heilpflanzenanwendungen mit Maßnahmen kombiniert, die heute nicht mehr vertretbar sind.
Obsolet
Die Rezepturen der sog. Dreckapotheke, die Anwendung v.a. von Menschen- und Tierkot, haben als unspezifische Reiztherapie vermutlich durchaus positive Wirkung gezeigt. Das gilt auch für das noch bis in die 60er-Jahre des 20. Jh. gelehrte „Haarseillegen“. Hierfür wurden Bänder aus Haaren, Wolle etc., die man in Terpentinöl tränkte, in der Nähe von chronischen Prozessen, etwa einer Arthrose, unter der Haut verlegt und für 2–4 Wochen dort belassen, was zu einer massiven Eiterung führte. Auch Pflanzenwurzeln, wie die der Nießwurz, wurden analog zum Haarseil verwendet („Wurzelstechen“). Ebenso mögen der Aderlass und das Purgieren mit drastisch wirkenden Pflanzen, in Maßen eingesetzt, bei speziellen Erkrankungen nützlich sein. Diese Methoden aus der Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie), die von hippokratischer Zeit bis ins 19. Jh. medizinisches Denken bestimmte, wurden jedoch so exzessiv bei nahezu jeder Erkrankung angewendet, dass durch sie vermutlich viele Patienten vollends entkräftet und auch etliche getötet wurden ▶ [97], ▶ [217], ▶ [246].
Stärkungsmittel Rezepturen zur allgemeinen Stärkung der Gesundheit von Mensch und Tier gibt es seit dem Altertum. Eine Vielzahl überlieferter Rezepturen für sog. Viehpulver belegt dies. Berühmtheit erlangte der ▶ Theriak, der in zahlreichen Abwandlungen bis ins 19. Jh. eine Rolle spielte. In Abwandlungen gab es den Theriak auch für ▶ Tiere. Die Herstellung und Verabreichung derartiger Rezepturen waren in der Volksmedizin oft mit Beschwörungsritualen und Segenssprüchen verbunden.
RäucherungenBis zur Mitte des 16. Jh. galt die Ansicht der Hippokratiker (Schüler des Hippokrates von Kos, * um 460 v. Chr.), Infektionen entstünden aufgrund von Luftverunreinigungen durch Fäulnis und Verwesung. Stallungen und Krankenzimmer wurden deshalb vorbeugend mit Pflanzen ausgeräuchert. Diese Praxis hat schon lange den Ruf von Zauberei und Aberglauben. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass durch Verdampfen und Verräuchern von Ätherischöldrogen tatsächlich eine Keimreduktion zu erreichen ist und sich auch Atemwegserkrankungen minimieren lassen ▶ [83]. Auch die während der sog. Stallmeisterzeit häufig eingesetzte Verdampfung von Heilpflanzen, um Erkrankungen der Atemwege v.a. beim Pferd zu kurieren, ist, nach heutigem Wissensstand und mit moderner Methodik durchgeführt, durchaus sinnvoll.
Neuausrichtung Ab der 2. Hälfte des 18. Jh. entwickelte sich ein wissenschaftlich orientierter tierärztlicher Berufsstand. In den neu gegründeten staatlichen Lehrstätten wurden Heilpflanzenanwendungen nicht selten insgesamt als Aberglauben abgetan. Betrachtet man jedoch die Heilpflanzen nach heutigem Wissensstand, so sind immunstärkende und stoffwechselanregende Wirkungen traditioneller Rezepturen nicht zu leugnen. Auch keimreduzierende Wirkungen sind durchaus zu erwarten. Das gilt z.B. für eine als Räuber- oder ▶ Pestessig bekannte Rezeptur, die von einer Gruppe von Männern zum Schutz vor Ansteckung genutzt wurde, die sich auf das Ausrauben von Pesttoten verlegt hatte.
Altes Wissen
Theriak
Aus Meyers Konversationslexikon, 1886–1889 ▶ [155]:
„Theriak (griech.), altes Universalheilmittel in Form einer Latwerge, angeblich vom Leibarzt Kaiser Neros, Andromachus, erfunden, ist aus 70 Stoffen zusammengesetzt und wurde bis in die neuere Zeit in den Apotheken Venedigs, Hollands, Frankreichs mit gewissen Feierlichkeiten und unter Aufsicht von Magistratspersonen gefertigt. Jetzt wird es nur noch bei Tierkrankheiten benutzt. Nach der Pharmacopoea Germanica Ed. I bereitet man Theriak aus 1 Teil Opium, 3 Teilen spanischem Wein, 6 Teilen Angelikawurzel, 4 Teilen Radix Serpentariae (Aristolochia serpentaria), 2 Teilen Baldrianwurzel, 2 Teilen Meerzwiebel, 2 Teilen Zitwerwurzel (Curcuma zedoaria), 2 Teilen Zimt, 1 Teil Kardamom, 1 Teil Myrrhe, 1 Teil Eisenvitriol und 72 Teilen gereinigtem Honig.“
Viehtheriak
Einen verbesserten Viehtheriak findet man in Nachrichters Roß-Arzneybuch des Scharfrichters Johannes Deigendesch von 1785 ▶ [49]:
„Nimm
Lachenknoblauch (Allium ursinum L., Bärlauch), jedes 4. Loth; runde Holzwurz; Enzian, jedes 2. Loth; Tormentilwurz; weißen Diptam; Angelika; Zitwan, (Curcuma zedoaria [Christm.] Roscoe, Zitwerwurzel), jedes 1 Loth; Loorbeer; Myrrhen, jedes 2. Loth; lehmische Erden, jedes 6. Quintlein; Wacholdergeselz, jedes 8. Loth
das obige mache zu einem zarten Pulver, hernach mache aus allem mit genugsam Honig einen Theriak daraus, verwahre bis zum Gebrauch in einem irdenen Hafen oder blechernen Büchsen. Dieser Theriak kann bey allen giftigen und anderen Krankheiten des Rindviehs an statt des venedischen Theriaks gebraucht werden.“
Pestessig ▶ [155]
Aus Meyers Konversationslexikon von 1886 ▶ [155]:
„… Der Pestessig [wird] auch jetzt noch zum Räuchern von Krankenzimmern benutzt. Man behandelt Wermut, Raute, Pfefferminze, Rosmarin, Salbei, von jedem 22,5 g, Lavendelblüten 30 g, Engelwurzel, Kalmuswurzel, Knoblauch, Zimt, Muskatnuß, Gewürznelken, von jedem 3,75 g, mit 2 kg Weinessig und 120 g konzentriertem Essig, preßt nach einigen Tagen ab und setzt 11g Kampfer, in 30 g Alkohol gelöst, hinzu.“
Als sich zu Beginn des 19. Jh. die Vorstellung durchsetzte, dass es Kleinstlebewesen geben müsse, sog. „Kontagien“, die eine Ansteckung verursachen, wendete man sich härteren Mitteln zur Therapie zu. Unter der Bedrohung durch diese Infektionserreger und durch rasant zunehmende Parasiten traten die Arzneipflanzen in den Hintergrund. Die Pharmazie hatte bedeutende Entdeckungen gemacht. Unter den sog. „Antiseptica, Desinficientia und Antiscabiosa“ tauchten die Halogene Chlor, Brom, Jod und ihre Verbindungen auf, dazu Steinkohlenteerprodukte wie Phenol, Kresol, Naphthalin und ihre Verbindungen sowie das aus Buchenholzteer isolierte Kreosot. Auch Metalle wie Silber und Quecksilber kamen zum Einsatz. Letzteres fand breite Anwendung. Es diente als „Quecksilberchlorür“ oder „Kalomel“ innerlich zur Diurese, als Laxans und Darmdesinfiziens. Quecksilbersalbe (Unguentum mercuriale) wurde als „Graue Salbe“ nicht nur bei der Syphilis des Menschen eingesetzt. Zubereitungen mit 15%igem Quecksilberjodid wurde als „roter Blister“ auch zu scharfen, blasenziehenden Einreibungen bei Tieren, zur Therapie von bakteriellen und parasitären Erkrankungen sowie bis in die 80er-Jahre des 20. Jh. noch als Counterirritans bei Spat und ähnlichen Erkrankungen angewendet ▶ [54], ▶ [76], ▶ [78], ▶ [79], ▶ [80], ▶ [201]. Quecksilbersublimat diente zur Desinfektion von Geräten, Flächen und Patienten in der Chirurgie und in der Geburtshilfe. Noch 1950 wurde Quecksilbersublimat zur Spülung des puerperalen Uterus und Quecksilbersublimatwasser zur Entwesung von Rinder- und Pferdestallungen sowie zum Tiertransport genutzter Eisenbahnwaggons empfohlen ▶ [194].
Die gesundheitliche Entwicklung bei Mensch und Tier, molekularbiologische und immunologische Forschungsergebnisse, der Erkenntnisgewinn zur Bedeutung des Mikrobioms, die Resistenzentwicklung gegen Antibiotika und Antiparasitika – all das gibt Anlass darüber nachzudenken, ob man sich nicht voreilig von der Pflanzenmedizin verabschiedet hat.
Evolutionäre Prägung Eine während Hunderttausenden von Jahren wirksame Koevolution mit Pflanzen hat das Genom von Mensch und Tier geprägt. Daran hat die Neolithische Revolution vor 10000 Jahren wenig geändert. Noch heute bestimmen die während dieser Koevolution erworbenen Fähigkeiten über Verträglichkeit und Unverträglichkeit auch der chemisch definierten Arzneistoffe sowie aller Umweltchemikalien. Es sind beim Menschen ethnische und geografische Unterschiede in der Leistungsfähigkeit von entgiftenden Enzymen bekannt, die mit traditionellen Ernährungsgewohnheiten im Zusammenhang stehen. Die genetische Anpassung an sekundäre Pflanzenstoffe in grauer Vorzeit bestimmt bis heute auch über die Metabolisierungskapazitäten bei modernen Medikamenten ▶ [171]. Die nur geringe Glucuronidierungskapazität der Feliden weist diese als reine Karnivoren aus; sie benötigen die für pflanzliche Kost unerlässliche Glucuronidierung einfach nicht.
Therapeutisches Potenzial Aus medizinischer Sicht ist die Entdeckung, dass Pflanzen, wie z.B. das Johanniskraut, in der Lage sind, die Aktivität von Entgiftungsmechanismen zu beeinflussen, hochinteressant. Sie ist es wert, nicht nur unter Nebenwirkungen und Kontraindikationen aufgeführt zu werden.
Beachtenswert sind angesichts zunehmender multiresistenter Erreger zudem die antimikrobielle Wirkung der Pflanzen, ihre Biofilmwirksamkeit, ihre immunmodulierende Wirkung, die positive Beeinflussung der physiologischen Mikroflora, die Aktivierung des Stoffwechsels, die ausgleichende Wirkung auf die Psyche und damit die Minderung von immunsuppressiv wirkendem Stress usw.
Vielseitigkeit Die Vielseitigkeit der Arzneipflanzen relativiert in sehr vielen Fällen die immer wieder konstatierte „schwache Wirkung“ von Pflanzenstoffen und lässt Therapie nachhaltig werden. Wir sind demnach gut beraten, das, was Pflanzen und Tiere (inkl. Menschen) verbindet, zu beachten, zu erforschen und zum gemeinsamen Wohle zu nutzen.
Cäcilia Brendieck-Worm
Die Phytotherapie findet heute im Bereich der Humanmedizin bei Ärzten und Patienten zunehmend Anerkennung. In der Selbstmedikation von Erkältungskrankheiten, bei Herz-Kreislauf-Beschwerden und Magen-Darm-Störungen etc. genießen Arzneipflanzenzubereitungen hohe Wertschätzung.
Risikobewusstsein Das wachsende Ansehen der Phytotherapie steht nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Risiken und Nebenwirkungen nicht adäquat angewendeter synthetischer Arzneimittel. Durch die digitalen Medien kommen diese Risiken und Nebenwirkungen zunehmend ins Bewusstsein der Menschen. Zahlreiche klinische Studien am Menschen belegen, dass z.B. die Phytotherapie bei Angststörungen, leichten Depressionen, Herzinsuffizienzen und klimakterischen Beschwerden im Vergleich mit der konventionellen Pharmakotherapie gut wirksam und wesentlich weniger mit Nebenwirkungen belastet ist.
Auch die unbefriedigenden Ergebnisse konventioneller Therapie bei chronischen Erkrankungen lassen das Interesse an der Phytotherapie wachsen. All das hat Auswirkungen auf die Veterinärmedizin.
Traditionsbruch Heilpflanzen haben in der europäischen Tierheilkunde eine lange Tradition. Viele werden seit Jahrhunderten bei gleicher Indikation angewendet. In Europa, besonders auch in Deutschland, hat man sich in der universitären Lehre mit Beginn des 20. Jh. sukzessive von der Veterinärphytotherapie abgewendet. In der aktuellen schulmedizinischen Fachliteratur fehlen Phytotherapeutika weitgehend oder werden als obsolet bezeichnet. Dies auch dort, wo die Therapie mit synthetischen Medikamenten unbefriedigend ist. Aktuelle wissenschaftliche Informationen zur Veterinärphytotherapie sind rar und stammen meist aus anderen Kulturkreisen.
Wachsendes Interesse Häufig fordern jedoch Tierbesitzer, die mit der Phytotherapie bei sich selbst bereits gute Erfahrungen sammeln konnten, für ihr Tier diese Art der Therapie.
Nicht nur deshalb steigt bei Tiermedizinern seit Jahren das Interesse an qualifizierter postuniversitärer Ausbildung im Bereich der Phytotherapie. Für den Praktiker wird die Phytotherapie v.a. interessant, wenn Standardtherapien unbefriedigend verlaufen. Infektanfälligkeit (Rezidivneigung, Reinfektion), Versagen antibiotischer Therapien, Chronifizierung (IBD, Arthrosen), Allergisierung (Atopien), Probleme mit unerwünschten Arzneiwirkungen und Medikamenteninteraktionen, v.a. beim alten und multimorbiden Patienten, verlangen nach neuen Konzepten. Hier kann die Phytotherapie eine wichtige Option sein.
Nutztiermedizin Eine Neuausrichtung ist auch in der Nutztiermedizin dringend notwendig. Die Phytotherapie hat das Potenzial, den Bedarf an rückstandsarmer und umweltverträglicher Medikation zu decken und der Resistenzproblematik bei Antibiotika und Antiparasitika effektiv entgegenzuwirken. In der EU-Verordnung zur biologischen Landwirtschaft wird explizit gefordert, den Phytotherapeutika bei der Therapie von Nutztieren den Vorzug zu geben. Während die Bedeutung und die Verbreitung von ökologischer Landwirtschaft stetig zunehmen, sind leider für Nutztiere, insbesondere für Wiederkäuer, kaum noch Veterinärphytotherapeutika erhältlich. Initiativen zur Entwicklung von Phytopharmaka werden derzeit durch die gesetzlichen Zulassungsvoraussetzungen im Keim erstickt.
Tradition Viele Tierhalter nutzen weiterhin seit Generationen überlieferte und bewährte pflanzliche Zubereitungen, sog. Hausmittel. Aus dem Bestreben, die empirisch gewonnenen Erfahrungen der Tierhalter zu sammeln, zu dokumentieren, zu sichten und ihre Effekte mit den heutigen Methoden und Techniken zu prüfen, hat sich in den letzten Jahren die Ethnoveterinärmedizin entwickelt.
Neubewertung Mittlerweile wurden in Europa, besonders bei Bäuerinnen und Bauern in Italien, Spanien und der Schweiz, systematische Befragungen durchgeführt. Die daraus hervorgegangenen Veröffentlichungen geben einen Überblick über die am meisten genutzten Pflanzen und ihre Anwendungsgebiete. Für etliche Pflanzen konnte die aktuelle Forschung die Sinnhaftigkeit traditioneller Anwendung bestätigen. Viele traditionell genutzte Pflanzen wurden bisher kaum wissenschaftlich in diesem Kontext untersucht; hier gibt es also noch viel Raum für spannende und wichtige Forschungsprojekte. Pflanzliche Hausmittel bieten insbesondere interessante Ansatzpunkte zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen und Parasitosen sowie von Hauterkrankungen ▶ [22], ▶ [24], ▶ [57], ▶ [146], ▶ [147], ▶ [211].
Renaissance Arzneipflanzen erleben gerade eine Renaissance als Ergänzungsfuttermittel (EFM). Seit Jahrhunderten ist bekannt, dass sich mit geringen Dosen bestimmter Arzneipflanzen – meist Gewürzpflanzen – der Appetit anregen, die Verdauung unterstützen, die Rekonvaleszenz positiv beeinflussen lässt u.v.m. EFM sind zumeist bewährte Mischungen aus verschiedenen Pflanzen, die dazu dienen sollen, die allgemeine Ernährung zu ergänzen. Die Zulassung derartiger Pflanzenmischungen als Arzneimittel ist in der EU unter den aktuellen regulatorischen Bedingungen aus wirtschaftlicher Sicht nicht möglich. EFM gelten nicht als Ersatz für pflanzliche Arzneimittel. Für sie gilt ein Verbot krankheitsbezogener Werbung. EFM sind in der Mehrzahl zur Anwendung durch den Tierbesitzer konzipiert.
Beurteilbarkeit Voraussetzung, um als Tierarzt seriös und fachgerecht EFM auswählen und dem Tierhalter empfehlen zu können, ist die Beurteilbarkeit ihrer Qualität. Als hochwertig sind solche EFM zu bewerten, bei denen der Hersteller zumindest beim Ausgangsstoff vergleichbare Maßstäbe anlegt, wie sie für die Produktion eines Arzneimittels Voraussetzung wären. Zur Wirksamkeit derartiger EFM liegen oft zumindest Anwendungsbeobachtungen, in seltenen Fällen auch Studien vor, Inhaltsstoffe und ihre Mengen werden weitgehend offen deklariert. Diese EFM werden z.T. exklusiv an Tierärzte verkauft.
Qualifizierte Angaben für eine sachgerechte Qualitätsbeurteilung sind jedoch nicht verpflichtend vorgeschrieben und werden aus Gründen des Produktschutzes von vielen Herstellern nicht veröffentlicht.
Hochwertige EFM sind zur Stabilisierung der Gesundheit, zur Anregung der Regulationsmechanismen des Organismus und zur Leistungssteigerung gut geeignet. Sie sollten jedoch möglichst in Absprache mit dem sachkundigen Tierarzt eingesetzt werden.
Qualitative Mängel Problematisch ist das kaum noch überschaubare Angebot an EFM auf dem Markt, deren Hersteller weder Interesse an qualitativ hochwertigen Ausgangsstoffen haben, noch sich an das Verbot der krankheitsbezogenen Werbung halten. Soweit sie denn überhaupt die verwendeten Inhaltsstoffe deklarieren, ist häufig auch die Sinnhaftigkeit der angegebenen Kombination zweifelhaft. Für den Tierhalter ist die Minderwertigkeit oder gar Bedenklichkeit dieser meist über das Internet oder den Zoofachhandel vertriebenen Produkte leider schwer oder gar nicht erkennbar.
Anwendungsfehler Während die landwirtschaftlichen Nutztiere, insbesondere die Pflanzenfresser, i.d.R. an einem Sekundärstoffmangel leiden, kann die Daueranwendung einiger pflanzlicher EFM oder gar der Zusatz von wirkstoffreichen Pflanzenzubereitungen zum täglichen Futter überwiegend karnivor lebender Tiere durchaus problematisch sein. Bei Katzen ist ein solcher Pflanzenzusatz wegen der speziellen Situation bei der Metabolisierung (Glucuronidierungsschwäche) grundsätzlich abzulehnen. Des Weiteren ist darauf zu achten, dass EFM häufig bereits Vitamin- und/oder Mineralstoffmischungen enthalten, die bei der Rationszusammensetzung zu berücksichtigen sind.
Cäcilia Brendieck-Worm, Matthias F. Melzig
Im Gegensatz zu Primärstoffen, die lebensnotwendig für den Energie- und Baustoffwechsel des sie produzierenden Organismus sind, treten Sekundärstoffe bei Lebewesen nur sporadisch auf. Sie sind für den Produzenten nicht zwingend notwendig, können ihm aber Überlebensvorteile verschaffen. Sekundärstoffe weisen bei verschiedenen Gruppen von Pflanzen sehr unterschiedliche chemische Strukturen auf. Strukturell gleiche oder verwandte Naturstoffe kommen eher bei verwandten Pflanzen vor, jede Gattung oder Familie besitzt ein mehr oder weniger spezifisches Sekundärstoff-Spektrum. Es existieren aber auch „Parallelentwicklungen“. Die Anzahl der Sekundärstoffe ist sehr groß, man geht von mehr als einer Million Verbindungen aus, etwa 100000 sind gegenwärtig bekannt.
Viele Sekundärstoffe stehen im Dienste der Abwehr von biogenen Angreifern, also Fraßfeinden oder Mikroorganismen. Die zur Abwehr von tierischen Fraßfeinden vorkommenden Naturstoffe beeinflussen v.a. deren Enzymsysteme, Rezeptoren, Biomembranen, Ionenkanäle, Transportmechanismen, Mikrotubuli, Mitochondrien, Ribosomen oder DNA. Die ausgelösten Effekte können sowohl spezifisch als auch unspezifisch sein. Pflanzen produzieren zumeist mehrere Sekundärstoffe mit unterschiedlichen Angriffspunkten. Dies verhindert die Ausbildung von Resistenzen bei möglichen Angreifern.
Neben tierischen Fraßfeinden spielen Mikroorganismen, die die Primärstoffe von Pflanzen (Kohlenhydrate, Fette, Proteine) als Nahrungsgrundlage nutzen möchten, eine bedeutsame Rolle als Angreifer. Pflanzen produzieren ein vielfältiges Arsenal an antimikrobiell wirksamen Sekundärstoffen, das sie vor Mikroorganismen schützt. Diese Sekundärstoffe greifen zumeist unspezifisch in den Primärstoffwechsel oder in die Membran- bzw. Zellwandintegrität der Mikroorganismen ein. Sie können diese dadurch in ihrer Vermehrung hemmen bzw. abtöten. Im Laufe der Koevolution von Pflanzen und Mikroorganismen entwickelte sich in den Pflanzen ein Sekundärstoffspektrum, das sie optimal gegen mikrobiellen Befall schützt. Gegenüber pflanzlichen Naturstoffen besteht oft auch bei solchen Mikroorganismen noch Empfindlichkeit, die gegen Antibiotika resistent geworden sind. Die Wirkstärke pflanzlicher Antiinfektiva ist jedoch meist geringer als die vieler Antibiotika.
„Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution.“
Theodosius Dobzhansky, amerikanischer Genetiker und Evolutionsbiologe
Die Beziehungen zwischen Pflanzen und pflanzenfressenden Organismen unterliegen einem ständigen Wandel durch Selektion derjenigen Lebewesen, die zur Erhaltung ihrer Art am besten gerüstet sind. Während es bei der Pflanze darum geht, sich mit ihrem chemischen Arsenal optimal gegen das Gefressenwerden zu schützen, ist das Tier bestrebt, die Pflanze als Nahrung zu nutzen, ohne an ihr Schaden zu nehmen. Im Laufe der Evolution haben Tiere verschiedene Strategien im Umgang mit pflanzlichen Sekundärstoffen entwickelt. Im Vordergrund stehen Verdünnung und Elimination eingedrungener Pflanzenstoffe, wie sie durch forcierte Sekretion von Tränen-, Nasen- und Verdauungssekreten geschehen. Dies wiederum setzt eine Hyperämisierung der Schleimhäute voraus. Auch die Anregung der Darmperistaltik und der Nierenfunktion dient der schnellen Ausscheidung. Letztere ist, ebenso wie die häufig zu beobachtende Diaphorese, auch eine Folge gesteigerter Durchblutung. Hinzu kommen diverse Stoffwechselfunktionen bis hin zu konkreten Entgiftungsreaktionen durch Enzymsysteme der Leber, wie etwa der Glucuronidierung. Auch das Immunsystem reagiert auf pflanzliche Sekundärstoffe, beispielsweise durch eine Steigerung der Phagozytose. Alle diese Reaktionen auf sekundäre Pflanzenstoffe lassen sich therapeutisch nutzen.
