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Dieses Buch ist ein Plädoyer für all die schwachen Heldinnen, die sich in gewaltbegeisterten Umgebungen zurechtfinden müssen. Ein Blick abseits von Wir und Wettbewerb. Gleichzeitigist es ein Spiel mit dem Genre der Sportreportage, ihren schiefen Vergleichen und ihrer überbordenden Pathetik. Stadionleben und historische Spiele aus der Sicht eines Mädchens, das seine Kindheit unfreiwillig auf dem Fußballfeld verbringt, und aus Langeweile teilweise in eine Fantasiewelt abhebt. PS: Piksi ist der Spitzname von Dragan Stojković.
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Seitenzahl: 84
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Barbi Marković, aufgewachsen in Belgrad, studierte dort sowie in Wien, wo sie seit 2006 lebt, Germanistik. Neben Romanen schreibt Marković Hörspiele, Theaterstücke, Kurzgeschichten und Spiele. Für ihre Werke wurde Marković mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Alpha, dem George-Saiko-Reisestipendium, dem Reinhard-Priessnitz-Preis sowie dem Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis. Zuletzt erschien ihr Buch „Minihorror“ (Residenz Verlag 2023), für das Marković 2024 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt.
© Verlag Voland & Quist GmbH,Berlin und Dresden 2024
Reihen-Hrsg. IKONEN: FrankWillmann
Mitarbeit: Marko Milosavljević, Rebekka Zeinzinger, Jan Kabasci Lektorat: Harald Lenzer, Helge PfannenschmidtKorrektorat: Karina Fenner
ISBN 978-3-86391-424-0
eISBN 978-3-86391-437-0
voland-quist.de
Umschlaggestaltung und Satz:Guerillagrafik
Druck und Bindung:PBtisk, Tschechien
Teil eins
Teil zwei
Fußballliebe. Ein Erzählrollenspiel von Jan Kabasci
”Hinter uns die Urlaute balltretender Menschheit
Arno Schmidt
Holen Sie sich eine Limonade. Die Temperatur wird heute im Stadion auf über 36 Grad steigen. Sie aber werden im Schatten liegen. Wie an einem Sonntag, an dem Sie im Radio einem Fußballspiel lauschen. Sie liegen da und hören mit halber Aufmerksamkeit einem langweiligen Sportevent zu. Sie müssen nicht mal die Augen offen halten. Die Anstrengung der anderen, die Verletzungen der anderen, ihr Schweiß und ihr Gestank kümmern Sie nicht. Ihr Körper wird durch das leise Chanten im Hintergrund und das Rauschen des Radioapparats massiert. Angenehme Gänsehaut breitet sich aus. Sie sind entspannt. Gelegentlich wird es zu einer Torchance kommen, dann beschleunigt der Kommentator plötzlich seinen Redefluss, und Ihr Herz beginnt stärker zu klopfen. Der Chorgesang der Männer folgt der Dramaturgie und wird ebenfalls eindringlicher. „Oh, oh, oh, oh“, singen die Jungs voller Erwartung. Noch ist nichts passiert. Noch kann es kein Tor geben. Das Buch hat erst begonnen.
Wir begrüßen Sie im Stadion des Belgrader Akademischen Sportklubs (BASK). Für diejenigen, die von diesem Klub noch nie gehört haben, haben wir ein paar Hintergrundinformationen vorbereitet. Es handelt sich um einen der ersten Fußballklubs des Königreichs Jugoslawien. Seine größten Erfolge feierte er vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Moment, Ende der 1980er-Jahre, befindet er sich schon lange in einer Abwärtsspirale. BASK hat trotz schlechter Performance ein paar treue Fans, die im Stadtteil Senjak aufgewachsen sind und noch mit selbst genähten Bällen aus alten Fetzen gespielt haben. Diesen Fans bedeutet ihr Fußballklub mehr als das eigene Glück. Seine erodierenden Tribünen, sein grindiges, aber gutes Grillrestaurant, sein ungepflegter Rasen, sein Müll, seine Misserfolge. Oh, sie lieben all das so sehr! Aber hier geht es nicht nur um irgendwelche Männer und deren krankhafte Liebe zu dem, was sie Fußball nennen. Sie kommen vor, anders könnte man die Geschichte gar nicht erzählen, aber sie machen nur eine bestimmte Atmosphäre, eine brüllende, besoffene Kulisse sind sie.
Ich sitze auf den Tribünen und schau dem Rasengeschehen nicht zu. Mit einem durchnässten Taschentuch versuche ich meine Gräserallergie aufzufangen, bevor die Welt zerfällt und alles im Rotz versinkt. An diesem Tag ist mein achter Geburtstag. Ein Mann hat gerade schlimme Sachen über die Mutter des Schiedsrichters geschrien. Ich mache mir Sorgen um den Schiedsrichter und seine Familie. Jedes Jahr wird mein Geburtstagsfoto auf dem Rasen geschossen. Die Ausnahme ist das Foto von 1986, auf dem hinter mir ein Regenbogen steht. Das wirkt wie eine nette Abwechslung. Dem Fotografen wurde es offenbar unangenehm und er hat einen Paravent mitgebracht, damit es nicht so aussieht, als wäre ich jedes Jahr zu meinem Geburtstag auf dem Fußballfeld. Aber ich war jedes Jahr zu meinem Geburtstag auf dem Fußballfeld.
Auch Sie sind hier im Stadion, wo das Buch beginnt. Zu Ihrer Überraschung läuft heute kein Spiel, auf den Tribünen sind wenige Menschen. Die anwesenden Jungfußballer rennen über den Rasen und zertreten die Gänseblümchen und Vergissmeinnicht, die trotz aller Bemühungen der Beauftragten, den Rasen auf internationalem Niveau zu halten, fröhlich wachsen und blühen. Die Blumen wachsen, aber die Spieler stagnieren. Egal, was sie machen, es wird von der riesigen Grünfläche verschluckt.
Sie sind eine unwichtige Nachwuchsmannschaft. Sie fesseln niemandes Aufmerksamkeit. Ein Hund und eine Katze kommen vorbei und werden von den wenigen Männern auf der Tribüne beschimpft. Danach hört man wieder nur die Pferde von der Pferderennbahn und Autos in der Ferne. Ein Mann schleppt eine völlig verrostete Rasenwalze an und stellt sie hinter dem Tor ab. Geschirr klappert im Restaurant. Die Leute, die weit entfernt voneinander stehen, scherzen miteinander und müssen ihre Scherze schreien. Ein Lkw kommt und parkt vor dem Restaurant. Der Trainer schickt die Jungspieler einmal um den Rasen. Der Wind schüttelt den Pappelflaum von den Bäumen. Ein Mensch sammelt Müll mit einem spitzen Stock.
An den Spieltagen ist es lebendiger. Die Fußballväter bringen ihre Fußballsöhne ins Stadion, um ihnen das Team zu zeigen, an das sie sich emotional binden sollen. Zu diesen Anlässen sind die Tribünen voll, und die jungen und die alten Männer saugen Sonnenblumenkerne ein und würgen graue Haufen auf den Boden aus wie Papageien. Die Fußballfans, die nur an Spieltagen kommen, um ihr Team zu unterstützen, lieben Fußball mehr als ich, aber sie wissen nichts über das echte Stadionleben, wenn es fad ist, wenn niemand da ist, wenn nur trainiert wird und die Walze zum Einsatz kommt. Wenn ein paar Gestalten brüllen und den Schiedsrichter und alle, die etwas auf dem Feld versuchen, brutal kritisieren. An den Spieltagen sehe ich seit Jahren anderen Kindern zu, wie sie sich bemühen, den Code zu knacken, wie sie schnell klatschen, wenn ihr Vater lächelt, und spucken, wenn er die Stirn runzelt. Das sind die schönsten Tage für die Fußballsöhne. Da lernen sie über das Wir und dass sie nur in einer Gruppe laut sein können. Und dass sie nur wahrgenommen werden, wenn sie für das Team singen, klatschen, Blödsinn reden und wenn sie sich fürs Team prügeln. Sie versuchen alle gleich zu sein. Sie haben ihre Choreos und Chants, sie sind ein Tanzverein und ein Singverein. Ihre Songs sind schlecht, voller Hass. Der Hass treibt das Fußballgeschäft an. Diesen Hass nennen sie Liebe.
Wie die gelbe Träne auf einem Cover einer Gesundheitszeitschrift eigentlich für Harn steht, so steht die Fußballliebe der Fußballsöhne oft für ihre komplizierte Beziehung zum eigenen Vater. Slobodan Marković ist mein Vater. Er hat mich hierher gebracht. Über die Liebe habe ich nichts zu sagen. Sie ist das Unsicherste und das Gebrechlichste auf der ganzen Welt. Aber Slobodan Marković ist kein typischer Fußballfan. Im Gegenteil, er würde das Normale und das Typische keine Sekunde aushalten, er würde sterben, wenn er typisch sein müsste.
Der Mann ist ein hedonistischer Exzentriker, ein Unikum, eine Ausnahmeerscheinung, auch im Stadion. Er brüllt keine Lieder und hält nicht zu einem Team. Er kommt ins Stadion besonders gerne, wenn es gar keine Spiele gibt. Er feuert die Nachwuchsmannschaft an. Je unwichtiger das Match, desto genauer schaut Slobodan Marković zu. Ihm geht es um kleine Leute und deren Aufstieg im Sport und über den Sport hinaus, eine Möglichkeit, die es im Fußball und im Sozialismus gleichermaßen gibt.
Ich höre jetzt ein lautes Pfeifen. Die Trainingseinheit ist fertig. Die wenigen zahnlosen Kritiker schreien von der Tribüne SCHÄMT EUCH, MEINE MUTTER SPIELT BESSEREN FUSSBALL, ZURÜCK AUF DIE BAUERNHÖFE und begeben sich zum Restaurant. Wir machen an dieser Stelle eine Werbepause.
Socken und Strumpfhosen Udarnik. Der Name, der garantiert, dass Sie nichts falsch gemacht haben: Panonka. BMW zu fahren ist ein wahres Vergnügen. Kasko mit Zitronengeschmack. Das Bonbon für echte Fahrer. Alles, was ich habe, trage ich bei mir: Mayonnaise Dijamant. Eric Clapton, vier Stunden Musik, PGP-RTB. Eis Cremissimo mmmmmhm. Zehn Minuten täglich auf einem extrem kleinen Raum und alle werden es bemerken: Baucheliminator. Baucheliminator, garantierte Zufriedenheit, sichere Investition. Friseur Stevan, modern und attraktiv, genau für Ihr Gesicht.
Wie ein Löwe, der sich seine Pfote in der Käfigtür eingezwickt hat, brüllt mein leerer Magen. Vom Restaurant her riecht es nach Grill. Ich sitze allein in der prallen Sonne. Eine verletzte Taube schleppt sich zu meinem Ende der Tribüne und trippelt hinter meinen Füßen vorbei. Sie findet einen Schattenplatz und setzt sich hin. Mir ist langweilig. Das ist ein bisschen wenig Handlung für meine Begriffe. Ich muss diese Lage überwinden. Hey, Leute, wir wollen eines Tages den Nobelpreis bekommen! Nur weil nichts passiert, heißt das nicht, dass der Kommentar langweilig sein muss. Eine gute Kommentatorin glänzt genau in solchen Momenten. Da drüben im Restaurant schimpft jemand: „Ich schlachte dich wie ein Schwein!“ Ich halte mir die Ohren zu. Für mich ist es unmöglich, dem Schimpfen auch nur zuzuhören. Slobodan Marković hat stets seinen Kollegen und Hobbymitspielern und irgendwelchen Personen verboten, vor mir zu schimpfen. Selbstmörderisch ging dieser schlaksige, braungebrannte Mann auf die Schimpfenden zu. Einmal bat er eine große tobende Fangruppe, sich gewählter auszudrücken, da seine kleine Tochter anwesend sei. Zuerst kassierte er dafür allgemeine Verblüffung. Die hätten ihn zerfleischen können. Ihm war das aber wichtiger als unsere beiden Leben, und er sagte:
„Kollege, ich bitte dich. Meine Tochter!“
Die Typen haben uns schließlich nur ausgelacht, wir haben überlebt. Jetzt sitze ich hier im leeren Stadion und weiß nicht, wann ich abgeholt werde. Slobodan Marković hat mich zwar zum Stadion mitgenommen, aber er selbst ist nicht geblieben. Er musste plötzlich jemandem etwas überreichen oder ein Wettticket ausfüllen oder Geld abholen, ich werde nicht so genau informiert.
Schön. Schöne Hintergrundinformationen. Schon wirkt die Geschichte frischer. Barbiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii, Barbi Marković, das ist ja unglaublich, im ersten Kapitel, in der 6. Leseminute so ein Treffer. Keine hat so viel gemacht. Meine Güte. Klasse geschrieben. Wie schön ist das denn?! Barbi Marković, eiskalt. Die Einzige, die über Fußball anders erzählt. Sensationell. Groß. Im Nachhinein durch das Erzählen so zu punkten, dort, wo man im Leben verloren hat.
Marković, der Slobodan Marković, der vor einigen Jahren unter Sozialdruck der anderen Eltern geraten ist, mich für ein kleines, unbeabsichtigtes Verbrechen zu „bestrafen“. Und wir erinnern uns,
