pilze hats kosmischerweise wenig -  - E-Book

pilze hats kosmischerweise wenig E-Book

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Beschreibung

Schriftsteller, preisgekrönter Hörspielautor, performance artist, Musiker, Schauspieler, Dadaist, Mykologe, Hummelzüchter, Sun Ra-Diskograph, Expressionismusforscher, Nachlaßverwalter und Herausgeber der Werke von Salomo Friedlaender/Mynona - Hartmut Geerken ist kaum zu fassen. Deshalb erscheint zu seinem 70. Geburtstag nicht irgendeine Festschrift, sondern ein buntes, herzhaftes Schriftfest, mit Texten, Fotos, Graphiken von rund fünfzig Freundinnen und Freunden.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zuvor

Schriftfest – denn irgend so eine Festschrift sollte und kann es nicht sein. Ist es auch nicht geworden. Dafür möchten die Herausgeber sich herzlich bei allen bedanken, die spontan zur Feder, zum Pinsel, zur Kamera, in die Tastatur, in die Privatarchive gegriffen haben. Was dabei heraus- und zusammenkam, steht nun in ungefähr der Reihenfolge des Eintreffens. Es wird dem hier Gefeierten helfen, den magischen Tag – 15. Januar 2009 – zu verklären.

Xaver Bayer: tag für hartmut

Bernard Heidsieck: Pour Hartmut Geerken

Edzard Klapp: Handabrieb

Der Dekalog – ein magischer Text?

Helmut Heißenbüttel: Scherz für Hartmut Geerken

Laudatio auf Hartmut Geerken für

Südwärts, Südwärts

zur Überreichung des Karl-Sczuka-Preises 1989

Franz Mon: Vier Wortbilder Mynona – Anonym

Thomas Lehner: (für h. g.)

Eva Züchner: 2 Collagen

Urs Plangg: dem der früh schon 2x durchs Feuer lief

herman de vries: sieh es! hör es! sag es! freu dich!

Ludwig Harig: Hartmut Geerken zum Siebzigsten

Gundi Feyrer: Und stürmisch grasten

Tagebuchbilder

Lukas Cejpek: ZEIT für hartmut geerken

Margret Kreidl: 1 und 2 zum 70er

Mechthild Rausch: Von Phosphor erleuchtet, von Bomben verstört. Der literarische fall-out des Luftkriegs in Hartmut Geerkens

phos

Verena Knümann: an und für hartmut

Valeri Scherstjanoi: Hartmut Geerken wird 70

Wolfgang Bauer: Anderswelt – einmal hin und zurück

Roman Bunka: For Machmut

Grace Yoon: paramykologisch!

Karl Poralla: Biodiversität

Miró

Ätzende Texte

Egon Günther: Hegt Traum Kerne

Interview im Andechser Hof

Rolf Bodenseh: Ganz und garnicht immer denk ich an Dich

Uwe Kammann: Schönes Chaos. Laudatio auf Hartmut Geerken für

Hexenring

zur Überreichung des Karl-Sczuka-Preises 1994

Karl Bruckmaier: Zwergorchen

Alfonso Hüppi: Erinnerungen

Rudie Kagie: A Meeting with Warren Allen Smith

Ulrich Holbein: Hudhud und Hulul reden selten von Adorno

Hartmut Andryczuk: Griechischer Gee

Isolde Ohlbaum: Aus meinem Fotoarchiv

Famoudou Don Moye: oot oot ooot

Klaus Ramm: „hinunter, hinunter, hinunter“. Nachgeschobene Notizen zu

südwärts südwärts

für Hartmut Geerken

Dirk Heißerer: Drei Gedichte

Jeremy Adler: Für Hartmut zum 70.

Wayne Jacob (Michael Ranta): Zum 70. Geburtstag für Hartmut

Bert Noglik: Fünf Texte für Hartmut Geerken

Julia Hadwiger:

„Mit deinen Augen will ich in den Himmel schau’n“ –

Auf Hartmut Geerkens Victor Hadwiger-Fährte

Michael Lentz: Lieber Hartmut

Heide Marie Hagen: Lieber Hartmut

Chris Trent: Many Happy Returns!

Joy Mather: harmut geerken is only 70

Bernhard Hefele: thiebthig jahr (für Hartmut Geerken frei nach Ernst Jandl)

Mohamed Mounir: Widmung

Anton J. Kuchelmeister: Es bleibt viel zu lesen

Sigrid Hauff: Alltäglich

Detlef Thiel: Kolibri im Buchenwald

Xaver Bayer

Bernard Heidsieck

Edzard Klapp

Vorausbemerkung des Herausgebers [ANUBIS Heft Nr. 2, April 19861]:

Frontispiz des Buches „Compaß der Weisen“

Beim folgenden Text handelt es sich, wie der Autor betont wissen will, um ein Stück „synthetischer Archäologie“, um eine Hypothesenanregung, die zwar noch nicht den Charakter des historisch-archäologisch-ideengeschichtlich absolut Gesicherten (sofern es dergleichen überhaupt gibt!) beanspruchen kann, andererseits aber weitaus mehr ist als bloße Spekulation oder frivoles Gehirnjogging. Gewiß, bei den Indizien, die sich durch die Betrachtung des Frontispizes des Compaß der Weisen mit seiner Planetenstruktur zeigen, handelt es sich zunächst eher um eine „Scheinevidenz“ – doch wie gut dem Autor seine Argumentation gelungen ist, davon können Sie sich unschwer selbst überzeugen. Wenn wir die in Esoteriker- und Magierkreisen so gern zitierte aber selten wirklich in ihrer Gänze gelesene Smaragd-Tafel des Hermes Trismegistos lesen, vergessen wir ob ihrer scheinbaren Dichte und Verschlossenheit nur zu oft, daß auch sie auf dem reichen Nährboden abendländischer Tradition fußt und von ihm zehrt. Zu diesen gehört aber auch ganz wesentlich der sogenannte Dekalog, den der Laie eher unter der Bezeichnung „Die zehn Gebote“ kennt. Beide, Smaragdtafel und Dekalog, bergen innere, mithin „esoterisch-mystische“ Strukturen, die durch diesen Aufsatz dankenswerterweise zumindest in einem wesentlichen Punkt zugleich neu beleuchtet und erhellt werden. Über die zum Teil großen Konsequenzen für die Praxis wird sich jeder erfahrene traditionelle Magier seine eigenen Gedanken zu machen wissen.

Fra V. ·. D. ·.

DER DEKALOG – EIN MAGISCHER TEXT ?

„Exerzierreglement für Zivilisten“ sind die 10 Gebote einmal genannt worden [1]. Mit dieser zugespitzten Formulierung ist die von außen her erkennbare Bedeutung des Dekalogtextes wohl recht gut getroffen [2].

Zur Erschließung der Innenseite schlage ich vor, einmal etwas zu tun, was dem Akademiker ein Greuel ist: den Dekalogtext mit dem Text der Tabula Smaragdina in Kontamination zu bringen. Man wird alsbald gewahr, daß es so gut wie keine Entsprechungen gibt – bis auf eine Stelle: jene nämlich, wo die Tabula Smaragdina die Sonne als Vater und den Mond als Mutter bezeichnet. Übertragen wir dies nun auf den Dekalogtext, so liegt es nahe, in Vater und Mutter laut fünftem [3] Gebot etwas anderes zu sehen als die jeweiligen Eltern des jeweiligen Adoranten. „Vater Sonne“ könnte für den unerschöpflichen göttlichen Geist stehen, „Mutter Mond“ für den stets entweder zunehmenden oder sich entleerenden menschlichen Intellekt.

Mir steht ein Bild vor Augen [4]: der zwölfjährige Jesus im Tempel, er hat einen sonnenartigen Nimbus, der ihm ernst und aufmerksam zuhörende Rabbi trägt einen seltsamen Hut, an welchem die Gestalt einer liegenden Mondsichel betont hervortritt. … Gibt es im Kanon des Dekalogtextes weitere Anhaltspunkte, die den skizzierten Ansatz sinnvoll erscheinen lassen ?

Erinnern wir uns, daß Sonne und Mond , Sol und Luna, Schamasch und Sin, nach altorientalischer Überlieferung 2 der 7 „klassischen“ Planetengottheiten sind. Gehen wir davon aus, daß die dem sogenannten 4. – richtig: 5. – Gebot nachfolgenden „Gebote“ in einer wohlüberlegten Aufeinanderfolge angeordnet sind [5]. Um der Vereinfachung willen [6] seien nachfolgend die uns geläufigen Planetennamen beibehalten. So sähen wir ohne weiteres, es gehörten

MARS zum 6. Gebot („Du sollst nicht töten !“),

VENUS zum 7. Gebot („Du sollst nicht ehebrechen !“),

MERKUR zum 8. Gebot („Du sollst nicht stehlen !“).

Ließe man das gelten, dann könnte man auch noch Saturn dem 9. und Jupiter dem 10. Gebot beigesellen: Der mißgünstige Saturn – derart argwöhnisch, daß er sogar die eigenen Kinder frißt – paßt wirklich recht gut zum Verleumdungsverbot, der zeugungsfreudige Jupiter mit seinen andauernden aushäusigen Bettgeschichten [7] denn schließlich zu dem verbleibenden recht komplexen 10. Gebot.

Wenn wir nun in einem vereinfachenden Schema [8] die einzelnen Teil-Elemente der Planetensymbole betrachten:

nämlich und [9] und nach deren Bedeutung fragen, so bleibt nach dem oben Gesagten nur noch das Kreuz zu interpretieren übrig (+). Nach alter esoterischer Überlieferung [10] steht das Kreuz für die Materie. Es könnten demzufolge andeuten:

Materie über Geist [11],

Geist über Materie,

Intellekt über Geist und Materie,

Materie über Intellekt und

Intellekt über Materie.

Soviel zum „Überbau“ über der Basis. Das könnte (wie zu Anmerkung 5 gesagt) als Bestätigung dafür gewertet werden, daß die Reihenfolge einem wohldurchdachten System entspricht und entspringt. In Ermangelung verfügbarer Hardware (d.h. Dokumenten im Klartext) mag aber nach weiterem Evidenzmaterial Ausschau gehalten werden. Die Evidenz, die sich hierzu aufbieten läßt, hängt zunächst einmal mit der Anzahl der klassischen „Planeten“, also der Zahl 7, zusammen:

Als Abraham mit dem Philisterkönig Abimelech auf gute Nachbarschaft anstieß und ihm als Friedenspfand manch gutes Stück Vieh übergab, tat er 7 Lämmer beiseite, um sie besonders feierlich aushändigen zu können [Gen. 21, 28 ff.]: Der Ort des Paktes ist Beer-Seba [Gen. 21, 31]. Seiher streiten die Gelehrten, ob Beer-Seba „Brunnen der Sieben“ oder „Schwurbrunnen“ bedeutet. Es will mir scheinen, als ob die Verfasser jener Textstelle kunstvoll mit der Zweideutigkeit des altsemitischen Verbums für schwören gespielt haben [12]. Denn „schwören“ bedeutet demnach soviel wie „sich besiebenen“, d. h. „sich auf das Zeugnis der Sieben berufen“.

Damit in Einklang steht die betonte Bedeutung der erhobenen Schwurhand: Seit eh und je schreiben die Chiromanten die verschiedenen Planetensymbole den einzelnen Fingern, der Handfläche und der Handkante zu: die Systeme variieren im einzelnen [13]. Ich bin im Besitz von zwei Amulett-Händen aus Kupfer (Mitbringsel aus Israel; sie könnten genausogut aus Marokko sein. …), von denen die eine nebenstehend abgebildet ist.

Jeder Leser dieses Blattes hat zur Genüge weitere Bücher mit einschlägigen Abbildungen zur Hand. Es fällt bei der abgebildeten Kupferhand auf, daß die Handfläche anscheinend (als Ring) die Sonne und (als „Möndchen“) den Mond zeigt. Das erinnert an ein anderes Sonne- /Mond.Symbol, welches jeder kennt: herzuleiten von einer altiranischen Darstellung für Sonne und Mond:

Schütze [14] weist auf den vorchristlichen Ursprung jenes Chi-Rho, des angeblichen Monogramms Christi, hin. Die Paläo-Etymologen werden noch ihre helle Freude daran haben, selbst die indogermanischen Wortwurzeln für „sieben“ (englisch: seven) und für „Schwören“ (englisch: to swear; kann auch bedeuten: fluchen!) auf Übereinstimmungen abzuklopfen. … Was das Fluchen anbelangt: Im Libanon sagt man in den Fällen, wo bei uns die Floskel: „Daß dich der Teufel hol’!“ üblich ist, „… daß dich die Sieben!“ [15] Es leuchtet ein, daß die erhobene Schwuroder Fluch-Hand sich ohne weiteres auf die sieben Planeten-[-Gottheiten] bezieht; auch wenn, nach christlichem Brauch, zwei Finger gebeugt werden [16], ändert sich daran nichts.

Und ebenso, wie die Sieben in der Schwurhand (verborgen) stekken, stecken sie (verborgen) im Dekalog, wie hinreichend klar geworden sein dürfte und noch weiter auszuführen sein wird.

Einiges deutet darauf hin, daß der Dekalogtext in der uns geläufigen Fassung erst im Zusammenhang mit der deuteronomistischen Redaktionsarbeit [während der sogenannten babylonischen Gefangenschaft, d.h. als die jüdische Elite ins Exil verschleppt war] erstellt worden ist [17], das bedeutet, die Deuteronomisten fügten den Dekalogtext als Interpolation der Exodus-Legende ein. Das Deuteronomium [5. Buch Mose] ist wohl erst im oder nach dem babylonischen Exil abgeschlossen worden. Die geistige Elite des Volkes Israel sah sich im Angesicht der Pracht Babylons vor die Notwendigkeit gestellt, ein alternatives Konzept zu der ausgefeilten Siebenzahl altorientalischer Planetengottheiten zu entwickeln: Es ist archäologisch gesichert, daß der Turm von Babel als mesopotamische Zikkura 7 Stufen hatte, von unten nach oben den Planeten in der Reihenfolge ihrer Umlaufzeiten [von außen her gezählt] zugerechnet: zuunterst, 90 m breit, 33 m hoch: die Saturnstufe (belegt mit schwarz engobierten Ziegeln); sodann, 78 m breit, 18 m hoch: die Jupiterstufe (rotbraun oder orange); weiter, 60 m breit, 6 m hoch: die Marsstufe (rot); nunmehr, 51 m breit, 6 m hoch: die Sonnenstufe (goldfarben); darauf, 42 m breit, 6 m hoch: die Venusstufe (gelb-weiß); jetzt, 33 m breit und 6 m hoch: die Merkurstufe (dunkelblau) – und schließlich, zuoberst, 21 m breit, 15 m hoch: das (silberne) Mondhaus, „ein strahlendes Heiligtum … aus glänzend blauglasierten Ziegeln erbaut“, wie es in einem keilschriftlichen Text heißt [18]. Man male sich aus, wie eindrucksvoll ein solcher Tempel göttlichen Abglanzes auf irdische Macht auch auf den zwangsverschleppten, in höhere Verwaltungsdienste gepreßten (jüdischen) Fremdling wirken mußte ! Hier noch den Traum einer beizubehaltenden, ja weitestgehend erst noch zu schaffenden nationalen Identität zu träumen, ja auf Mittel zu seiner Verwirklichung zu sinnen, das mußte an Vermessenheit grenzen. Und doch ist es geglückt ! Wenn man nach dem Grunde fragt, warum gibt es nach all den Wirrnissen der Geschichte immer noch ein jüdisches Volk, so kommt man nicht um das lapidare Eingeständnis herum: weil es die Bibel hat ! [19]

-------

Bis hierher habe ich lediglich aufgezählt, was sich (ausgehend von der – zunächst spielerisch angesetzten – Kontamination am Eingang) bei simplifizierendem Durchdenken mit Zutaten aus dem Schatzhaus des Gedächtnisses sozusagen ohne weiteres von selbst ergibt. Wer an meiner statt ein Schelm wäre, der würde hier einen obskuren fiktiven Text ins Spiel bringen und damit vielleicht zur Hispanisierung argloser Gemüter beitragen. Ich möchte aber unter Verzicht auf jegliches Zaubergerät schlicht vorschlagen: Man möge sich in die Region des Stirnchakras eines strebsamen jüngeren deuteronomistischen Redaktionsmitgliedes begeben. Was geht dort vor ? Er hat vom Plenum den Auftrag erhalten, einen von Geheimnissen strotzenden griffigen Ritualtext auszuarbeiten. Es geht um die Bestätigung einer genuin neuen Theologie. Wer hinfort mit diesem (Dekalog-)-Text arbeitet, soll in jener monotheistischen Vorstellung bestärkt werden. Zauberei und Vielgötterei sollen künftig ein Greuel sein. Wie bekämpft man Zauber am wirksamsten ? Mit Gegenzauber. Wie macht man Gegenzauber am wirksamsten ? Indem man ihn als solchen unkenntlich macht. … Wohlan denn – so wird sich unser Texthersteller gedacht haben –, lasset uns die Alten austilgen: keine Namen, denn Namen könnten sie herbeibeschwören; kein Lobpreis, denn Wortopfer könnten sie erfreuen ! Nein, um die Alten in den Status von „Lost Gods“ [20] zu versetzen, bedarf es ausschließlich der Aufzählung gehörig maskierter negativer Attribute, sollen sie sich doch alle ein für allemal in Grund und Boden ärgern !

(Ob sie sich wirklich geärgert haben ? Ich weiß es nicht, ich stelle mir vor: sie sind, ein wenig verschnupft, höchstsiebt einem anderen, erfahreneren Mitglied des deuteronomistischen Redaktionskollegiums im Traum erschienen und erhielten von ihm folgenden Bescheid: „Um Israels willen, es geht nicht anders ! Seid auf eure amtliche Abschaffung gefaßt. Aber geschieht’s nicht offen, so gerät es geheim. Laßt mich nur machen! Ich will dafür sorgen, daß euch reputierliche Plätze bewahrt bleiben – sofern ihr nur bereit seid, Jahwe zu dienen.“ … Zur Arbeit im Plenum zurückgekehrt, sorgte dann jener aktive Träumer dafür, daß immerhin noch zweien von sieben Alten eine positive Zuschreibung angedieh. Und damit wären wir zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Von einem „Exerzierregiment für Zivilisten“ werden – wie bisher auch – nur noch Banausen reden können.)

Nun wird man mich noch fragen: Und was ist mit den ersten vier Geboten? Nun, ich schlage vor, darin ein Meditationsschema zu sehen – Eingang bitte hinten (wie es sich für bescheidene Menschen gehört):

Das 4. Gebot (halte den Sabbat), das heißt (anknüpfend an die Schöpfungsgeschichte laut Genesis 1): Mach es wie Jahwe am siebenten Tag der Erschaffung der Welt, tu nichts, halte Ruhe!

Das 3. Gebot (du sollst den Namen Gottes nicht mißbräuchlich aufsagen …) – das könnte bedeuten: Wenn du die Ruhe verwirklicht hast, sage nichts, gar nichts (noch nicht einmal den Namen Gottes), das heißt: übe Stille (bzw. Schweigen[21]).

Das 2. Gebot (du sollst dir kein Bildnis machen …) – heißt das nicht: mach dein Gemüt frei von sämtlichen bildlichen und gegenständlichen Vorstellungen? Dann, wenn es dir gelungen ist, nacheinander Ruhe, Stille und Leere zu erreichen, könntest du reif sein für das Erfassen des

1. Gebotes: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat!“

Ein Durchgang (der Zug durch das Schilfmeer; Symbol der Taufe …) ist also bereits bewältigt, eine weitere Passage (über den Jordan) steht noch bevor: ein Land der Verheißung ist dir zugesagt (vgl. das 5. Gebot!). Das Volk, dem der Dekalog gilt, ist also (mit Rückbesinnung auf die Legende der Wanderung durch die Halbinsel Sinai) bereits unterwegs, aber noch nicht am Ziel. Ist darin nicht eine fortwährende positive Utopie enthalten?

Ich möchte noch auf eine linguistische Besonderheit hinweisen: anstelle von „du sollst nicht“ läßt sich auch ebenso korrekt übersetzen: „du brauchst nicht“. Wenn wir uns also ein Schema denken entsprechend dem oben erwähnten arbor philosophica, folgte daraus: den Marsaspekt und die Aspekte von Venus, Merkur, Saturn und Jupiter kannst du getrost außer Betracht lassen; es genügt (vorläufig), wenn du lediglich Vater und Mutter ehrst, d. h. den Mond- und den Sonnenaspekt bedenkst. Es sei schließlich noch auf die kabbalistische Zuschreibung der sieben Planetensymbole zu den einzelnen Sephirot des Lebensbaumes [22] hingewiesen: Der direkte Mittelweg von Malkuth (Erde) zu Kether (Krone) führt über Yesod (Mond) und Tipharet (Sonne). Kann das von ungefähr kommen? Bestätigt dieser Befund nicht vielmehr die Glaubwürdigkeit jener kabbalistischen These, daß ihre (zunächst strikt mündliche) Überlieferung genauso alt sei wie die der uns vertrauten kanonischen schriftlichen Texte?

Anmerkungen

[1] – nach dem Drehbuch von Wolfgang Staudte (nicht in der literarischen Vorlage, dem Roman von Heinrich Mann) zu „Der Untertan“ (DEFA-Film aus den frühen 50er Jahren) aus dem Munde eines pensionierten Majors (laut Roman und Film ein glatzköpfiger Schwätzer); Szene: ausgerechnet anläßlich der Aufnahme eines Simulanten – des „Untertanen“ – in einen Kriegerverein !

[2] – so auch durchgängig die zeitgenössische Kommentarliteratur von Luthers Katechismus bis heute, die hinsichtlich der 10 Gebote nicht von einem (esoterischen) Ritualtext ausgeht, sondern als Normadressaten den Menschen in seinem täglichen Leben ansieht !

[3] Den Lesern wird aus dem christlichen Religionsunterricht erinnerlich sein, daß das Gebot. Vater und Mutter zu ehren, unter laufender Platzziffer 4 rangiert. Dies entspricht der christlichen Zählung, die (um des Kirchenschmucks, ja um der gesamten christlichen bildlichen Kunst willen) das Bilderverbot (Exodus 20,4–6; Deuteronomium 5,8-10) ausklammert, so daß auf das erste Gebot („Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“) als „zweites“ folgt: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen …“ Die dadurch veränderte Zählweise brachte es dann – um die heilige Zehnzahl beizubehalten – mit sich, daß das letzte Gebot („Du sollst nicht begehren …“) willkürlich in zwei, nämlich das „9.“ und das „10.“, aufgespalten wurde. Es geht mir hier aber um die Interpretation einer inneren Textstruktur im Sinne, besser: im mutmaßlichen Sinne, der ursprünglichen Verfasser.

[4] Deckengemälde in der evangelischen Pfarrkirche von Bad Dürkheim-Ungstein im Stil des Spätbarocks. Die verkehrsgünstige Lage des Ortes erleichtert ein gelegentliches Besichtigen (im Pfarramt wäre man für eine Voranmeldung dankbar …). Symbolologen aufgemerkt: dort wartet ein noch nicht allgemein bekannter Schatz !

[7] – die noch heute ganze mythologische Bibliotheken füllen: Ich denke hier nur an Amphitryon: Als A. aus dem Hause ist, hat Zeus (= Jupiter) nichts eiligeres zu tun, als dessen äußere Gestalt anzunehmen und in der trügerischen Maske des Hausherrn dessen Frau auf- und heimzusuchen …

[8] Siehe auch: arbor philosophica / Philosophischer Baum mit Planetensymbolen, Titel-Holzschnitt. Occulta Philosophia von den verborgenen Geheimnussen der heimlichen Goldblumen, Frankfurt a. M. 1613 (Abb. E 3 – Textseite → – in: Der Baum – Symbol und Schicksal des Menschen, Ausstellung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Katalog 1984)

[9] Vgl. auch den Buchdeckel des berühmten Echternacher Evangeliars mit den Grundsymbolen Kreuz + (auf der Erde !), Sonne und Mond …

[10] Siehe Stichwort „Planetenzeichen“ in: Horst E. Miers, Lexikon des Geheimwissens, (Goldmann TB Nr. 11708), 5. Aufl. München 1982, S. 322.

[11] Heute zeichnet man . In alten Handschriften findet sich das urtümlichere . Das mag man in astrologischen Handbüchern nachprüfen und wird es bestätigt finden.

[12] sich besiebenen: vgl. Marcus Cohn, Stichwort „Eid“ I., Jüdisches Lexikon, Bd. 2, Berlin 1928, Sp. 287.

[13] Sehr aufschlußreich: Katalog „Die Hand /Schutz und Schmuck in Nordafrika“ – Ausstellung der Galerie Exler & Co., Frankfurt a. M., 1.–30. Nov. 1981 (48 S. mit vielen Abbildungen, das Literaturverzeichnis umfaßt 27 Titel: mein Exemplar gebe ich aber nicht aus der Hand …)

[14] Alfred Schütze, Mithras-Mysterien und Urchristentum, Stuttgart: Urachhaus 1960, S. 146 f., unter Hinweis auf Rudolf Steiner: danach bezögen sich die sechs Speichen auf die Elohim und die Mondsichel auf Jahwe [?] …

[15] Mündlicher Hinweis des Arabisten Joshua Blum, heute in Hamburg lebend …

[16] – sie sollen für Leib und Seele stehen, die drei gestreckten Finger für Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.

[17] Stichwort „Dekalog“, in: Theologische Real-Enzyklopädie, Bd. 8, S. 411, Zeile 27 ff. (Verf. Lothar Perlitt) und Stichwort „Deuteronomium“ I/3.2, ebd., S. 539, Zeile 14 ff. (Verf. S. Dean McBride jr.)

[18] Nach: H. C. Rawlinson; vgl. dazu Abb. u. Schema S. 34 in: Alfred Läpple, „Die Bibel –für Christen unserer Zeit ausgewählt und neu kommentiert“, München: Delphin-Verlag 1981

[19] Friedrich der Große, der Philosoph auf dem Thron, soll einmal auf die Frage, auf welche Erfahrungen oder Gedanken er seinen Glauben an Gott stütze, geantwortet haben: An Gott glaube er, wenn er einen Grashalm durch die Lupe betrachte und wenn er bedenke, daß es (noch) Juden gebe … (mir erinnerlich aus einem Hinweis von Paul Schempp, meinem Religionslehrer am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart; es war eben jener, dem das Buch von Ernst Bizer gilt (Ein Kampf um die Kirche. Der ’Fall Schempp’ nach den Akten erzählt, Tübingen 1965)

[20] „Lost Gods“ ist der Titel eines vor einigen Jahren erschienenen Buchs von John M. Allegro.

[21] Schweigen vermag scheinbare Widersprüche zu überbrücken und scheinbar Gegensätzliches zu verbinden.

[22] Vgl. den Aufsatz „Der Baum des Lebens“ von Harry Eilenstein, in Unicorn 12, 1985, S. 31.

Helmut Heißenbüttel

Scherz für Hartmut Geerken

Zum 23. Januar 1977

(Lesung Buchhandlung Niedlich, Stuttgart)

1

Also – sagte Hartmut Geerken – werde ich zuerst alle meine Schlachtbeschreibungen vorlesen. – Ehe ich antworten konnte fing ich den Satz den Hartmut Geerken gesagt hatte an zu vergessen und erinnerte mich nicht mehr ob er Schlachten oder Schlachten gesagt hatte das heißt die Schlachten oder das Schlachten das heißt Beschreibungen von Schlachtfeldern Schlachtverläufen zu schlagenden geschlagenen Schlachten Schlachtenschlägern oder Beschreibungen von Schlachthöfen Schlachttieren Schlachtopfern Schlächtern Schlächtermeistern Schlachtfesten aber indem ich nicht mehr genau erinnerte was Hartmut Geerken genau gesagt hatte wurde ich auch unsicher ob ich ihn überhaupt richtig verstanden hatte und er vielleicht sogar Schachtbeschreibungen oder Schluchtbeschreibungen gesagt hatte d. h. Beschreibungen von Schächten Schachteingängen Schachtbeschreitungen Schachtbegehungen Verschachtelungen oder Beschreibungen von Schluchten Schluchtungen Schluchtigem aber vielleicht hatte er auch Schluchzbeschreibungen oder Schluckbeschwerden oder Schachtturniere gesagt und indem ich nun fast völlig vergaß ob er nicht vielleicht etwas ganz anderes gemeint als gesagt hatte das heißt er nicht das was er gesagt hatte vorlesen wollte sondern etwas das sich dahinter versteckte darin verborgen war irgendeine metaphorische oder bildliche Bedeutung das Unterbewußtsein der Sprache die von der Libido geredete Rede die in die Bedeutung der Rede durchschlägt durchdringt wie durchtränkt herausgelesen werden muß aus ihr decodiert entziffert enträtselt und überhaupt wußte ich nun nicht mehr hatte er wirklich von Beschreibungen geredet oder von Bescheidungen Beschneidungen Beschleunigungen Beschönigungen Beseitigungen Beteiligungen Bedeutungen Umdeutungen Andeutungen Überuntervorhinteraufvervorzerdeutungen gesprochen oder gar von Verniedlichungen Verwandlungen Verwendelungen in dieser blitzartig den Höhepunkt erreichenden Kulmination der Verwirrung antwortete ich klar und deutlich: nun gut dann werde ich zunächst über die Anfänge sprechen. –

2

Hartmut Geerken geboren – ja – lebend – ja – wo – ja – wie –ja – äußere Kennzeichen – ja – Beschreibung – ja – schreibend – ja – Schriftsteller – ja – Veröffentlichungen – ja – Musik machend – ja – Schallplatten – ja – Filme – ja – multimedial – ja – Tübingen Kairo Kabul ich lernte ihn kennen über sein Interesse an Mynona Salomo Friedlaender er ist der größte Mynona-Kenner aller Zeiten summa summarum Obduktionsprotokoll – ja –

3

alle Filme die gezeigt werden sind ihm bekannt obwohl er sie noch nie gesehn hat er nimmt in den Filmen jedoch keine Kontinuität wahr obwohl er sie noch nie gesehen hat die Zeit scheint in kleine Stücke geschnitten zu sein Zukunft ist in die Gegenwart eingeflossen wie Tinte in Wasser alles was er sieht und hört ist bekannt obwohl er es noch nie gesehn und gehört hat ein fliegender Körper der nichts hinterlässt keine Spur keine Vergangenheit unheimlich gelacht

4

und dennoch wäre sagt der Kritiker es falsch einem Buch wie diesem die sagt der Kritiker Existenzberechtigung abzusprechen mit dem Argument es sagt der Kritiker habe nichts mitzuteilen denn Literatur die nur sagt der Kritiker noch Ausdruck der Kommunikationsverweigerung und nicht einmal mehr der Intention sagt der Kritiker nach als Mitteilung aufgefasst hat ihre sagt der Kritiker Legitimationsberechtigung sagt der Kritiker verloren aber man muß sich dabei hüten Kommunikation als sagt der Kritiker Ziel mit ihren sagt der Kritiker derzeit akzeptierten Formen zu verwechseln und daraus ein Absolutum zu sagt der Kritiker machen denn sagt der Kritiker die Forderung nach Kommunikation würde dann zum Maßstab einer Zensur der alle Versuche die Grenze des Mitteilbaren abzutasten zum Opfer fielen weil sagt der Kritiker Geerkens Obduktionsprotokoll zu sagt der Kritiker diesen Versuchen gehört hält der Kritiker seine Veröffentlichung für sagt er legitim Lothar Bayer FAZ 2. 9. 76

5

ich versäume nichts das heißt wenn hierin kein Fragment ist und wer glaubt daß er nichts versäumt und hierin ist kein Fragment voll und ganz ist das wenn man nichts versäumt und das ist es wenn man kurz und fristig sagt man versäume nichts das Leben ist voll und ganz ich versäume nichts hierin ist kein Fragment hierin ist mein Leben voll und ganz das Leben eingeklammert und vor der Klammer voll und ganz ist das Leben eingeklammert und vor der Klammer stehe ich steht ich das ist das präzise Geheimnis und es wird sich darum handeln trojanische Pferde ins feindliche Lager der sprechenden Affen zu schmuggeln aber das wird schwierig sein denn die Sonne klagt schon seit einiger Zeit daß sie nur die halbe Erde bescheint

6

Sprech Hartmut Sprech Geerken Sprech Weisen Sprech Spiel Sprech Par Sprech Ti Sprech Tur Partitur politisch linker Text geheimnisvolle Sprechweise so tief wie möglich literarischer Text Kopfstimme kichern Kindertext Kopfstimme schreien religiöser Text monotone Sprechweise murmeln politisch linker Text monotone Sprechweise murmeln politisch rechter Text so hoch wie möglich übernatürliche Sprechweise religiöser Text so hoch wie möglich übernatürliche Sprechweise pornografischer Text von unten so tief wie möglich natürliche Sprechweise kichern lachen husten

7

und ich steh davor und vollziehe im Geiste im Geiste die Zusammenlegung der Zahlen im Geiste ist alles Liebe ist Liebe alles fragt Piär hinter der Apothekentheke wo er grad ein Mittel gegen Hexen mixt und ein schöner japanischer Fontana weiß auf schwarz geschriebenes Haiku die Klodeckel von Hyderabad sind die bequemsten jetzt wärs bald mal wieder an der Zeit über Brustwarzen zu schreiben so ein Buch ist schon ein extremer Exhibitionismus a mans innards kein Unterschied zur akustischen Veräußerung von Innerem die von Sigi sind mir die liebsten die treten förmlich aus sich heraus als ich in den Garten rausging erschrak ein schwarzer Vogel flog auf ohne Anorak und schnurstraks auf die Fensterscheibe zu da gabs ein dumpfes

Laudatio auf Hartmut Geerken für Südwärts, Südwärts zur Überreichung des Karl-Sczuka-Preises 1989

1

Mehrere Male wiederholte, als die Entscheidung sich abzeichnete, dass Hartmut Geerkens Hörspiel Südwärts, Südwärts