Pine Ridge statt Pina Colada - Katja Etzkorn - E-Book

Pine Ridge statt Pina Colada E-Book

Katja Etzkorn

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Beschreibung

Die junge Chirurgin Sannah hat einige Schicksalsschläge hinter sich und sucht nach neuen Perspektiven. Sie braucht eine Atempause von ihrem anstrengenden Job und beschließt, im Auftrag einer Hilfsorganisation für drei Monate auf die Pine Ridge Reservation zu gehen, um eine Foto-Dokumentation zu machen. Josh White Cloud, bei dem sie untergebracht wird, entpuppt sich als wortkarger Einsiedler, der die junge Frau aus Deutschland misstrauisch beäugt. Als Pferdezüchter und Leiter des Horsemanship-Projektes zur Drogenprävention für Kinder und Jugendliche, fühlt er sich bei seiner Arbeit gestört und versucht ihr aus dem Weg zu gehen. Nur Sannahs Talent, mit Pferden umzugehen, und ihre unaufdringliche Art scheinen langsam seine raue Schale zu durchdringen. Aber auch Sannah ist weit davon entfernt, ihr Herz an den Nächstbesten zu verlieren. Sie ist schockiert von den Lebensumständen auf der Reservation und bleibt ganz bewusst auf Distanz. Doch dann scheint sich eine uralte Vision von Joshs Großmutter zu bewahrheiten, die mit Sannahs eigener Familiengeschichte eng verknüpft ist. Ist sie die Frau aus dem ewigen Eis? Verpackt in eine Liebesgeschichte, die alle Facetten einer modernen Beziehung beleuchtet, möchte dieser Roman den Leser in eine Welt entführen, die weitab des amerikanischen Traums existiert.

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Seitenzahl: 860

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Pine RidgestattPina Colada

RomanvonKatja Etzkorn

Impressum

Pine Ridge statt Pina Colada, Katja Etzkorn

TraumFänger Verlag Hohenthann, 2018

1. Auflage eBook April 2021

eBook ISBN 978-3-948878-12-2

Lektorat: Michael Krämer

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Adobe Stock

© ginettigino (Pferde), © Erica Guilane-Nachez (Inuit)

Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,

Hohenthann

Printed in Germany

Inhalt

Licht am Ende des Tunnels

Gerüchteküche

Cowboys und Kuhfladen

Schlangen und Fohlen

Reisefieber

Eisberg voraus

Tauwetter

Märchenstunde

Schlaflos

Erkenntnisse

Schweigen

Brot und Spiele

Luftschlösser

Donnervogel

Geduld ist eine Tugend

Tyler

Geister der Vergangenheit

Büffel und Maisbrei

Klapperschlangen küsst man nicht

Am seidenen Faden

Elch

Taté Sápa

Powwow

Micínkshi

Abschiede

Tiwáhe mitáwa kin

Frisch gefallener Schnee

O du fröhliche

Zukunft

Nomen est omen

Countdown

Alles oder nichts

Anyu

Die siebte Generation

Epilog

Licht am Ende des Tunnels

Frustriert zog sich Sannah die OP-Mütze vom Kopf. In den letzten drei Stunden hatte sie darum gekämpft, das Leben eines jungen Motorradfahrers zu retten, der nach einer wilden Hasenjagd auf der Autobahn an der Leitplanke gelandet war. Vergebens. Seine Verletzungen waren zu schwer gewesen, der Blutverlust zu hoch. Das Team hatte alles Menschenmögliche versucht, doch nun endete ein junges Leben hier auf ihrem OP-Tisch. „Shit“, fluchte Sannah. „Zeitpunkt des Todes zehn Uhr fünfzig“, verkündete der Anästhesist. Die OP-Schwester schaltete den enervierenden Dauerton, der den Herzstillstand des Patienten signalisierte, ab. Sannah warf ihr einen dankbaren Blick zu. Sie zog die Gummihandschuhe aus und überließ es dem Assistenzarzt, die Wunde zu schließen. Die Handschuhe warf sie in einen Eimer und drückte dann die Tür zum Vorraum auf. Eigentlich hatte sie schon seit drei Stunden Feierabend, aber danach fragte nicht mal sie selbst, geschweige denn jemand anders. Im Umkleideraum zog sie den OP-Kittel aus und warf ihn samt Mütze in einen Sammelbehälter.

Sannah riss den Mundschutz ab und begann sich Hände und Arme zu waschen. Sie schöpfte sich Wasser ins Gesicht und blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Eine widerspenstige Strähne ihres schwarzen Haars fiel in ihr schmales, ebenmäßiges Gesicht. Ihre dunkelbraunen, mandelförmigen Augen waren groß und nach dem Nachtdienst mit dunklen Ringen umrandet. Die geraden Augenbrauen und die hohen Wangenknochen ließen ihr Gesicht ernst, fast streng wirken. Nur die vollen Lippen milderten diesen Eindruck ein wenig ab. Alles ein Erbe ihres Großvaters, einem Kalaaleq, den es seinerzeit von Grönland über Dänemark nach Hamburg verschlagen hatte. Sannah stützte sich mit den Händen auf das Waschbecken und ließ den Kopf hängen. Sie hatte im Laufe ihres Berufslebens als Unfallchirurgin gelernt, emotional Abstand zu halten und nicht alles an sich heranzulassen, aber gerade bei jungen Menschen fiel es ihr immer noch schwer. Nicht zuletzt, weil es ihr die eigene Vergänglichkeit vor Augen führte. Der Patient war jünger als sie gewesen, und nun war sein Leben vorbei.

„Raus hier!“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Nur schnell raus hier.“ Sannah schlüpfte aus den Gummilatschen, in denen man Schweißfüße bekam, und zog Hemd und Hose aus. Die Tür flog auf, und Jonas, der Anästhesist, kam herein. Er hatte ein bemerkenswertes Talent dafür entwickelt, immer dann im Umkleideraum zu erscheinen, wenn Sannah in Unterwäsche dastand. Sie warf ihm einen genervten Blick zu. Er hob die Hände, um seine Unschuld zu beteuern, und grinste jungenhaft. Während er selbst begann sich aus seinen OP-Klamotten zu schälen, beeilte Sannah sich Jeans und Pulli anzuziehen. Als sie auch ihre Schuhe anhatte, trat sie wütend gegen den Schrank.

„Hey“, sagte Jonas tröstend. „Nimm es nicht so schwer. Bei diesem massiven Trauma war nichts mehr zu machen, das weißt du so gut wie ich. Wir sind eben nur Halbgötter“, beendete er sarkastisch seinen Satz.

„Ich denke über eine Umschulung nach. Kennst du einen Job, der Spaß macht?“, fragte sie desillusioniert.

„Klar!“ Wieder blitzte dieses jungenhafte Grinsen über sein Gesicht. „Weihnachtsmann. Einen Tag arbeiten, dreihundert vierundsechzig Tage frei und der Chef weit weg.“ Sannah rang sich zu einem halbherzigen Lächeln durch.

„Also nichts für mich. Ich bin eine Frau.“

Jonas machte ein erstauntes Gesicht. „Ehrlich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“

Sie warf ihm mit gespielter Entrüstung ihr Handtuch an den Kopf und musste nun doch schmunzeln. Das Leben ging weiter. Sie mochte seinen Humor und seine lockere Art. Gerade in solchen Augenblicken wie diesem. Trotzdem ignorierte sie seinen Hundeblick. Kollegen waren für Sannah tabu, und das wusste auch er. Der kurze Augenblick verging, und sie informierte den wartenden Beamten über den Tod des jungen Mannes. Bisher hatte man noch keine Angehörigen ausfindig machen können, und so blieb die traurige Pflicht an ihm, den Angehörigen die Nachricht zu überbringen. Sannah war erleichtert darüber.

Auf dem Weg zum Auto genoss sie die ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings auf der Haut und verfluchte gleichzeitig ihren Dienstplan. Es versprach ein schöner Tag zu werden, und sie konnte ihn nicht nutzen. Nach ihrem Nachtdienst war sie völlig ausgelaugt und brauchte Schlaf. Während der Fahrt nach Hause grübelte Sannah über ihr Leben nach. Der Dauerfrust der letzten beiden Jahre machte ihr zu schaffen. Sie liebte ihren Beruf, aber an Tagen wie diesem wurde ihr manchmal alles zu viel. Schon als Kind war sie ehrgeizig gewesen und hatte sich selbst hohe Ziele gesteckt. Unterstützt von ihren Eltern und Lehrern hatte sie zwei Klassen übersprungen und fand sich als „Baby“ auf dem Gymnasium wieder. Trotzdem war die Schule die Hölle für Sannah gewesen. Bedingt durch den Altersunterschied fand sie keine Freunde in ihrer Klasse. Niemand wollte mit dem jüngeren, aber altklugen Mädchen etwas zu tun haben. Die Hänseleien waren verletzend gewesen, und so zog sie den Stoff nur um so verbissener durch. Abitur mit siebzehn und Bestnoten. Das Studium und die Facharztausbildung absolvierte sie in Minimalzeit. Nun war sie neunundzwanzig und steckte in einer Sackgasse. Sie hatte alles erreicht. Oder fehlten ihr einfach nur neue Herausforderungen? Aber welche?

„Du brauchst dringend einen Mann!“, dozierte Annegret, ihre Freundin aus Studienzeiten, immer, wenn die beiden Zeit fanden sich auf ein Glas Wein zu treffen. „Oder wenigstens hin und wieder mal Sex!“

Sannah verdrehte im Geiste die Augen, wenn dieser Spruch kam. Sollte sie etwa den erstbesten Kerl an der Krawatte ins Schlafzimmer zerren? Ihr limbisches System, zuständig für das Mixen von aphrodisierenden Hormoncocktails und die damit verbundene geistige Umnachtung in puncto Männer, lag schockgefrostet als Eismumie in ihrem Oberstübchen. Eine Tür weiter, im präfrontalen Kortex, hatte Fräulein Rottenmeier das Zepter an sich gerissen und regierte mit eiserner Selbstdisziplin, Askese und verkniffenen Mundwinkeln. Eine baldige Änderung dieses Zustandes war nicht in Sicht. Sannah verbrachte den Großteil des Tages in der Klinik. Abends hatte sie dann keine Lust mehr, sich in Schale zu schmeißen und auszugehen. Und alleine schon mal gar nicht. Sie kam sich dann immer vor wie bestellt und nicht abgeholt. Männer und alles, was mit ihnen zusammenhing, waren nicht die Lösung, sondern das Problem. Ein Kollege kam auch nicht in Frage. Ihre letzte Beziehung mit einem Kollegen endete in einer hässlichen Scheidung. Das Trennungsjahr eingerechnet hatte ihre Ehe gerade mal drei Jahre gedauert.

‚So viel zum Bund fürs Leben‘, dachte sie bitter. Wieder Sackgasse, oder war das alles nur Jammern auf hohem Niveau? Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, um auf andere Gedanken zu kommen. Sannah parkte vor ihrer kleinen Jugendstilvilla in einem der teuren Randbezirke Hamburgs mit Blick auf die Elbe. Nach den heutigen Immobilienpreisen war das Haus ein Vermögen wert, aber für Sannah noch viel kostbarer. Es war ihr Elternhaus. Hier war sie aufgewachsen und bis zum Unfalltod ihrer Eltern immer glücklich gewesen. Hierher war sie nach dem Scheitern ihrer Ehe geflüchtet und hatte sich eingeigelt. Sie besaß alles, was man sich nur wünschen konnte, aber dafür hatte sie einen hohen Preis zahlen müssen.

Sie stieg aus dem Auto und lief die kleine Treppe hoch, fischte die Post aus dem Briefkasten und schloss die Tür auf. Im Flur legte sie ihre Jacke auf einen Stuhl und nahm die Post mit in die Küche. Sie setzte Wasser für einen Tee auf und sah flüchtig die Briefe durch. Eine Karte von Annegret war dabei aus irgendeinem Allinclusive-Club samt Spa am Mittelmeer mit dem etwas protzig klingenden Namen Villa Palma. Sannah grinste. Ihre Freundin ließ es mal wieder krachen! Nächste Woche würde sie sich von Annes Urlaubseroberungen berichten lassen. Ein Brief von dem Förderverein, für den sie monatlich spendete, fiel ihr ins Auge. Es ging um ein Horsemanship-Projekt für Kinder und Jugendliche in der Pine Ridge Reservation in South Dakota. Alkohol und Drogenmissbrauch waren dort ein großes Problem. Durch den Umgang mit Pferden versuchte man, die Kinder von Drogen fernzuhalten und sie gleichzeitig ihrer alten Kultur wieder näherzubringen. Sannah wusste aus eigener Erfahrung, wie positiv sich Pferde auf die Entwicklung von Kindern auswirkten. Wenn man etwas von diesen schönen Tieren lernen konnte, dann Respekt, Verantwortung und Geduld. Geduld und noch mal Geduld. Mal abgesehen davon, dass man dann sowieso keine Zeit mehr hatte, auf dumme Ideen zu kommen. Der Verein suchte jemanden, der drei Monate Zeit erübrigen konnte, um die Arbeit dort zu dokumentieren. Man wollte den Spendern gern zeigen, wofür die Spenden verwendet wurden, und sie an den Fortschritten der Kinder teilhaben lassen. Eine Unterbringung auf der Ranch sei kein Problem, die Kosten dafür musste man allerdings selber tragen.

Sannah war fasziniert von dieser Idee. Sie liebte Pferde, es wäre eine Art von Urlaub, in dem sie sich nicht wie bestellt und nicht abgeholt fühlen würde. Sie hätte eine sinnvolle Aufgabe, und es wäre der Tapetenwechsel, den sie so dringend brauchte. Aber drei Monate waren eine verdammt lange Zeit. Sie schlürfte ihren Tee und öffnete einen Brief von der Personalabteilung. Man machte sie darauf aufmerksam, dass ihr Resturlaub aus dem Vorjahr bald verfallen würde. Sannah war wie elektrisiert. Mit dem Resturlaub, den angehäuften Überstunden und einem Teil ihres diesjährigen Urlaubsanspruches könnte sie drei Monate zusammenbekommen. Blieb nur die Frage, ob man ihr das auch bewilligen würde. Entschlossen griff sie zum Telefon und rief die Personalabteilung an. Angespannt lauschte sie dem Klingelton und wartete darauf, dass sich jemand am anderen Ende an den Hörer bequemte.

„Personalabteilung, Jansen“, ertönte es mit einem unfreundlichen Unterton.

„Susannah Hammeken, guten Tag, Herr Jansen. Ich habe gerade Ihr Schreiben bezüglich meines Resturlaubs erhalten.“

„Dr. Hammeken“, antwortete Jansen nun bedeutend freundlicher – bei den Ärzten wurde immer geschleimt. „Worum geht es denn?“

Sannah zögerte einen Moment. „Das kommt jetzt etwas aus heiterem Himmel“, begann sie. „Ich würde gerne meinen Resturlaub, die Überstunden und einen Teil meines diesjährigen Urlaubs zusammenlegen und am Stück nehmen.“ Die Stille am anderen Ende der Leitung ließ nichts Gutes erahnen. Offenbar sammelte „Feldwebel“ Jansen gerade seine Truppen in Form von Vorschriften und Dienstanweisungen. Sannahs Kampfbereitschaft stieg. „Von wie viel Urlaub sprechen wir denn da?“, kam es schließlich misstrauisch von Jansen zurück. Sannah verdrehte die Augen. Sie hasste Jansens überhebliche Art, in der ersten Person Plural zu sprechen. Sie fragte ihre Patienten schließlich auch nicht: Wie geht es uns denn? Haben wir heute schon Stuhlgang gehabt?

„Drei Monate“, antwortete sie höflich, aber bestimmt. Sie wollte nicht kampflos vor Feldwebel Jansen die Waffen strecken. Der Stuhlgang der ersten Person Plural folgte prompt.

„Drei Monate?“, tönte Jansen nun deutlich lauter durch den Hörer, damit auch alle in der Abteilung mitbekamen, wie dekadent diese Halbgötter waren. „Na, wenn wir uns das denn leisten können.“ Jansen lief zur Höchstform auf. „ Aber ich kann Ihnen sagen, Frau Dr. Hammeken“, er machte eine Pause, um sicherzugehen, dass auch alle den Namen verstanden hatten. „Ein derart langer Urlaub ist bei uns nicht üblich. Das müssten Sie schon mit dem Chefarzt besprechen. Sollte sich Dr. Schröder damit einverstanden erklären, werden wir Ihren Urlaubsanspruch prüfen.“ Jansens Stimme triefte nur so von Schadenfreude.

Sannah kochte vor Wut, ließ sich aber nichts anmerken. Die erste Runde ging an den Papier fressenden Amtsschimmel.

Sie nahm noch einen Schluck Tee, rief im Büro ihres Chefs an und vereinbarte einen Termin für den nächsten Tag. Als sie abends unter der Dusche stand, ließ sie sich das heiße Wasser wohlig über die Schultern laufen und legte sich einen Schlachtplan für das bevorstehende Gespräch mit ihrem Chef zurecht. Priv. Doz. Dr. Dr. Hartmut Schröder, Chefarzt der Chirurgie. Er verlangte viel, auch von sich selbst, schätzte Einsatzbereitschaft und Professionalität und sah sich gern als väterlichen Förderer, solange niemand Mist baute. Was allerdings manchmal dazu führte, dass er seine ganze Abteilung behandelte wie einen Haufen unmündiger Teenager.

Sannah beschloss, genau dort anzusetzen. Sachliche Argumente, eine kleine Portion Kindchenschema und einen winzigen Hauch Sexappeal. Zufrieden drehte sie das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Nach dem Abtrocknen fiel sie in ihr Bett. ‚Endlich Licht am Ende des Tunnels‘, dachte sie und schlief ein.

Am nächsten Morgen erwachte Sannah zum ersten Mal seit langem ausgeruht und frisch, hatte von Pferden geträumt und fühlte sich geradezu euphorisch. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihre spontan getroffene Entscheidung die richtige war. Das bevorstehende Gespräch mit Dr. Schröder versetzte ihr nur einen mäßigen Dämpfer. Entspannt gönnte sie sich ein ausgiebiges Frühstück und genoss das Gezwitscher der Vögel in ihrem Garten. Nach dem Nachtdienst hatte sie einen Tag frei, und der Termin war erst am Nachmittag; sie konnte sich also Zeit lassen. Was wohl Anne von ihren Reiseplänen halten würde? Sannah erschrak, sie machte Pläne und hatte vor lauter Begeisterung darüber noch nicht einmal mit dem Verein telefoniert. Was, wenn ihr jemand zuvorgekommen war? Sie griff zum Telefon. Nach dem Gespräch lehnte sie sich beruhigt zurück. Es hatte sich bisher noch niemand gemeldet, und die Dame am Telefon war erfreut zu hören, dass sich nun doch jemand finden würde. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Sannah am späten Nachmittag noch einmal anrufen sollte. Ein paar Vorabinformationen hatte sie auch schon bekommen. Die Ranch, auf der alles stattfinden sollte, lebte von Pferdezucht und der Ausbildung von Jungpferden. Reitunterricht fand, wegen der strengen Winter in South Dakota, nur in den Sommermonaten statt. Sie würde ein Zimmer im Wohnhaus beziehen und dort auch verpflegt werden. Das Ganze für dreißig Dollar pro Tag. ‚Selbstkostenpreis‘, dachte Sannah. Dafür bekam man hier gerade mal ein Abendessen. Sie gönnte sich eine weitere Tasse Kaffee und träumte ein wenig vor sich hin.

Am frühen Nachmittag lief sie die Treppe hinauf und durchforstete ihren Kleiderschrank nach einem passenden Outfit. Sie entschied sich für ein dunkelblaues Etuikleid mit dazugehörendem Gehrock. Erzkonservativ. High-Heels sorgten für den winzigen Hauch Sexappeal und betonten ihre schlanken Beine. Ein Paar für den hanseatischen Stil obligatorische Perlenohrringe rundeten das Bild ab. Fertig war die Karriere-Barbie. Zufrieden betrachtete sie ihre Auswahl. Sannah konnte umwerfend aussehen, für den täglichen Weg zur Arbeit machte sie sich diese Mühe allerdings nicht. Aber heute ging es um die Wurst. Es galt ein Bündnis mit „General“ Schröder zu schmieden um dann mit fliegenden Fahnen die Personalabteilung zu stürmen. Sie schlüpfte in ihr Kleid und legte etwas Make-up auf. Eine helle Tagescreme ließ ihren dunklen Teint etwas blasser erscheinen, brauner Lidschatten und Mascara betonten ihre ohnehin schon ausdrucksvollen Augen, und ein farbloses Lippgloss vervollständigte die Kriegsbemalung. Ihr knapp schulterlanges Haar umrahmte ihr Gesicht. Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild. ‚Das würde Schröder gefallen‘, dachte Sannah. Sie suchte ihre Überstundenabrechnung aus einem Ordner und machte sich auf den Weg in die Klinik.

Vor Dr. Schröders Büro atmete sie noch mal tief durch und straffte die Schultern, bevor sie anklopfte. Sie betrat das Vorzimmer des Chefs. Es roch nach Kaffee und seinem markanten Aftershave.

„Hallo, Dr. Hammeken“, wurde sie von der Sekretärin begrüßt.

„Sie können gleich hineingehen, der Chef ist schon da.“

Sannah lächelte dankbar und klopfte pro forma noch mal am Türrahmen zu Schröders Büro.

„Susannah, kommen Sie rein.“ Schröder hatte sich hinter seinem Schreibtisch, dem Bollwerk der Macht, verschanzt und lehnte selbstzufrieden in seinem Sessel. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte er lächelnd und deutete auf einen Stuhl.

Während Sannah auf dem angebotenen Stuhl Platz nahm, glitt sein Blick wohlwollend über ihre schlanke Gestalt.

„Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen“, begann sie.

„Ich will Sie auch nicht lange aufhalten. Wie Sie sicher wissen, hatte ich in den letzten zwei Jahren einige persönliche Schicksalsschläge zu bewältigen.“

Schröder nickte und wurde ernst. Das war ihm nicht entgangen. Erst die Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann und kurze Zeit später der Verlust ihrer Eltern. Er hatte damals befürchtet, sie würde unter dieser Belastung zusammenbrechen. Aber sie hatte durchgehalten und sich zurück an die Oberfläche gekämpft. Dafür zollte er ihr Respekt und Hochachtung.

„Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, um nicht darüber nachdenken zu müssen“, fuhr sie fort. „Das hat mir bislang auch geholfen, aber jetzt brauche ich dringend eine Auszeit, um durchzuatmen und den Kopf freizubekommen.“

Schröders Gesichtsausdruck wurde nun besorgt, er unterbrach sie aber nicht.

„Die Personalabteilung forderte mich auf, meinen Resturlaub des vergangenen Jahres zu nehmen, und ich würde gern noch meine Überstunden und einen Teil meines diesjährigen Urlaubsanspruches dranhängen. Kurz: ich hätte gern drei Monate Urlaub.“ ‚So, nun war es raus‘, dachte sie erleichtert.

Dr. Schröder entspannte sich sichtlich und lachte kurz auf. „Jagen Sie mir nie wieder so einen Schrecken ein, Susannah. Ich hatte gerade befürchtet, Sie würden mir gleich Ihre Kündigung auf den Tisch legen.“

Sannah lächelte verlegen. „Tut mir leid, wenn ich diesen Eindruck vermittelt habe. Nach dem Gespräch mit Herrn Jansen war ich etwas angespannt.“

Schröder nickte und verdrehte dabei die Augen. Feldwebel Jansen war im ganzen Haus berüchtigt. „Nehmen Sie sich so viel Urlaub wie nötig“, sagte er mit dem üblichen väterlichen Unterton. „Aber tun Sie mir noch einen Gefallen. Nächste Woche fängt ein neuer Kollege an, und es wäre mir sehr wichtig, dass Sie ihn noch einarbeiten, bevor Sie in den Flieger steigen. Halten Sie noch einen Monat durch?“

Sannah machte eine beruhigende Handbewegung und nickte eifrig. „Natürlich, kein Problem“, versicherte sie.

Schröder erhob sich von seinem Sessel und begleitete Sannah ins Vorzimmer.

„Den Jansen überlassen Sie mal getrost mir. Um den werden wir uns schon kümmern“, äffte er den Personalchef nach.

„Vielen Dank für Ihr Verständnis“, sagte sie und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

„Lassen Sie noch Ihre Überstundenabrechnung hier“, meinte Schröder und bat seine Sekretärin, bei Jansen anzurufen.

„Wo soll´s überhaupt hingehen?“, fragte er Sannah.

„Nach South Dakota“, antwortete sie.

„Was in aller Welt wollen Sie da denn? Da gibt es doch nur Gras und Himmel.“

Sie strahlte ihren Chef an. „Genau! Ist das nicht toll?“ Auf dem Weg nach Hause jubelte Sannah. Nicht nur, dass ihren Plänen nun nichts mehr im Wege stand, Dr. Schröder hatte ihr auch die Schlacht mit Jansen abgenommen. Das war mehr als sie gehofft hatte. Zu Hause angekommen, gab sie dem Verein grünes Licht und man einigte sich schnell auf einen Reisetermin. Alle weiteren Einzelheiten würde man ihr per Post zusenden. Sie bestellte sich ein Abendessen beim Chinesen, schließlich musste der Triumph gefeiert werden. Während Sannah auf das Essen wartete, suchte sie im Internet die passenden Flugverbindungen raus, füllte das ESTA Online-Formular für ein Touristenvisum aus und buchte die Flüge. Fertig, nun gab es kein Zurück mehr. Sie brauchte nur noch den Koffer packen.

Gerüchteküche

Die nächste Woche verlief recht ereignislos. Der neue Kollege war nett und kompetent, so dass seine Einarbeitung gute Fortschritte machte. Sannah traf in der Kantine auf Jonas, der sein überladenes Tablett in ihre Richtung balancierte und sich neben ihr auf einen Stuhl fallen ließ. „Hallo Gasmann. Gab es bei euch mal wieder nichts zu essen?“, begrüßte sie ihn fröhlich. Jonas lebte immer noch in seiner alten Studenten-WG. Der Immobilienmarkt in Hamburg war katastrophal, bezahlbare Wohnungen kaum zu bekommen. Da er weder Lust noch Zeit hatte, einen Maklertermin mit fünfzig anderen Interessenten zu absolvieren, war er einfach in seiner WG geblieben und mittlerweile der amtierende Dinosaurier.

Jonas sah sie überrascht an. „Machst du jetzt doch die Umschulung zum Weihnachtsmann, oder haben sie dir nur neue Batterien eingebaut?“, fragte er und grinste mit seinem jungenhaften Charme. „Letzte Woche hast du noch Trübsal geblasen, und jetzt strahlst du wie ein Honigkuchenpferd.“

„Ich habe bald Urlaub“, erklärte sie erfreut.

Jonas begann sich mit seinem Nudelauflauf zu beschäftigen. Er kaute mit vollen Backen.

„Deswegen habe ich auch einen Anschlag auf dich vor“, kündigte sie an.

„Ich soll mit?“, nuschelte er und zwinkerte ihr zu.

Sie grinste schief. „Nein, du sollst bei mir einziehen“, konterte sie.

Jonas verschluckte sich fast und grinste sie breit an. „Einziehen? Weißt du, Süße, ich wollte dich ja erst mal zum Essen einladen und abwarten, wie es sich so zwischen uns entwickelt. Aber wenn du es so eilig hast, dass ich zu dir ziehe, bitte!“ Er hob ergeben seine Hände. „Verfüge über mich!“

Jetzt war es Sannah, die sich fast verschluckte. Fürsorglich klopfte ihr Jonas auf den Rücken und registrierte amüsiert, dass ihr Gespräch etliche neugierige Zuhörer gefunden hatte. Binnen einer halben Stunde würde die Gerüchteküche brodeln.

Er stopfte sich unbeeindruckt die nächste Ladung Auflauf in den Mund.

„Du wohnst doch immer noch in deinem kleinen WG-Zimmer“, fuhr Sannah fort. „Ich dachte, du passt ein bisschen auf mein Häuschen auf, gießt die Blumen und machst den Briefkasten leer. Dafür hättest du endlich mal genug Auslauf und ab und an ein Vollbad“, entgegnete sie mit einem kleinen boshaften Lächeln.

Jonas nahm nun den Nachtisch in Angriff. Vanillecreme, eine Krönung der chemischen Lebensmittelindustrie. Die Konsistenz erinnerte Sannah stark an Bauschaum. Zwischen zwei vollen Löffeln antwortete er: „Deine Topfpflanzen und ich werden in den drei Wochen viel Spaß haben.“

„Drei Monate“, verbesserte Sannah.

„Drei Monate?“, fragte er erstaunt. „Wo willst du denn hin? Zum Nordpol?“

Sie lachte. „Nein, auf eine Ranch in South Dakota. Heißt das also ja? Du spielst den Housesitter?“

„Na klar!“, meinte Jonas. „Wer weiß, ob ich je wieder die Gelegenheit erhalten werde, deine heiligen Hallen zu betreten. Außerdem bin ich es ja gewohnt, dass du meine Illusionen zerstörst“, jammerte er mit gespielter Leidensmiene.

Sie sah ihn erstaunt an. „Was denn für Illusionen?“

„Nun“, erläuterte Jonas sein Kopfkino. „Als du Urlaub gesagt hast, stellte ich mir vor, dass du deinen Luxuskörper in einen knappen Bikini steckst und dich lasziv an irgendeinem Tropenstrand aalst. Stattdessen habe ich jetzt das Bild von dir in derben Stiefeln und Kuhfladen vor meinem geistigen Auge. Bikini gefiel mir besser!“ Er grinste anzüglich.

Sannah stand auf und musterte ihn mit leichter Missbilligung. Dann beugte sie sich zu ihm herunter. „Bei mir läuft auch gerade Kopfkino. Dein muskulöser Body in einer eng anliegenden Badehose.“ Sie machte eine künstlerische Pause und schnurrte verführerisch: „Am Nordpol!“ Lachend verließ sie die Kantine und ließ Jonas frierend zurück.

Nach Dienstschluss beeilte sich Sannah noch, zum nahegelegenen Supermarkt zu fahren. Annegret war aus dem Urlaub zurück, und Sannah freute sich auf einen Mädelsabend. Vorher musste sie allerdings noch dringend ihre Weinvorräte aufstocken und etwas zu essen besorgen. Es war Freitagabend, und es konnte durchaus eine lange Nacht werden, je nachdem, was Anne so alles zu berichten hatte. Von ihren eigenen neuen Plänen ganz zu schweigen. Sie lief durch die Gänge und lud eine Kiste Rotwein in ihren Einkaufswagen, dazu noch Käse, Baguettes, Oliven und Knabberkram. Als sie an der Tiefkühltheke stand, dachte sie über Eiscreme nach.

„Nein“, entschied sie. Eiscreme gab es traditionell nur bei Liebeskummer, und der stand zum Glück nicht an.

„Ich mag Walnuss“, tönte es über ihre Schulter. Es war Jonas. Er stand, beladen mit einer Wochenration Pizza, hinter ihr und warf erleichtert seinen Einkauf in ihren Wagen. „Hatte keinen Euro für den Wagen, und meine Hände frieren gleich ab“, erklärte er.

„Und ich dachte, du akklimatisierst dich schon mal für die Arktis“, gab Sannah zurück.

Er warf ihr wieder seinen Dackelblick zu. „Bin ich auch zu deiner Party eingeladen?“, fragte er, nachdem sein Blick über ihre Einkäufe geschweift war.

„Sollte zwar ein Mädelsabend werden, aber warum nicht? Dann lernst du auch mal Anne kennen“, stimmte sie zu.

Jonas strahlte sie an. Gemeinsam zogen sie weiter durch die Gänge, und Jonas komplettierte seinen Einkauf noch mit einer üppigen Auswahl an Süßigkeiten.

„Für die WG!“, versicherte er, als er ihren Blick sah.

Als sie sich in Richtung Kasse begaben, lief ihnen eine der OP-Schwestern über den Weg. Sie sah die beiden mit wissendem Blick an und grüßte eine Spur zu freundlich. Die Gerüchteküche hatte Überstunden gemacht. Auch Sannah waren die Zuhörer in der Kantine nicht entgangen.

„Wieso habe ich gerade das Gefühl, einen Kinderwagen zu schieben?“, murmelte sie Jonas zu und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.

„Weil am Montag unsere Verlobungsanzeige am schwarzen Brett hängt“, raunte er zurück. Er legte ihr demonstrativ den Arm um die Schultern und fragte laut und deutlich: „Ob die hier auch Ringe verkaufen, Schatz?“

Um Sannahs Fassung war es geschehen. Sie schüttelte sich vor Lachen, und die Schwester verschwand schnell um die Ecke des nächsten Gangs. Spätestens morgen früh würden in der Gerüchteküche die Sicherungen herausknallen.

Auf dem Parkplatz luden sie ihre Einkäufe gutgelaunt in Sannahs Auto. Jonas, der wie üblich zu Fuß unterwegs war, setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Wann kommt denn Annegret?“, wollte Jonas wissen.

„Ich denke so gegen acht“, sagte Sannah. „Sie ist heute erst aus dem Urlaub zurückgekommen und hat sich bestimmt noch ein bisschen hingelegt.“

„Und dann schmeißt ihr noch am gleichen Tag eine Party?“, fragte Jonas erstaunt.

„Na klar!“, bestätigte sie. „Urlaubserinnerungen müssen erzählt werden, solange sie frisch sind.“ Die pikanten Details würden allerdings erst zur Sprache kommen, wenn Jonas wieder weg war. Das behielt sie aber für sich.

„Dann nehme ich mir für deine Urlaubsparty wohl besser gleich eine ganze Woche frei“, stellte Jonas fest. „Wie bist du eigentlich auf den Ranch-Aufenthalt gekommen?“

Sannah winkte ab. „Erzähle ich euch nachher! Anne weiß noch nichts davon. Sie wird mich heute sicher noch ins Kreuzverhör nehmen und mir den Prozess machen.“

„Anwältin?“, fragte Jonas.

Sie nickte. „Für Familien- und Eherecht, war damals echt hilfreich“, meinte sie verbittert.

Jonas schluckte trocken. Sannahs Ehe war ein sehr sensibles Thema, das in der Klinik möglichst vermieden wurde. Sannahs Exmann Markus war ebenfalls ein Kollege gewesen. Selbstbewusst und egozentrisch hatte er die deutlich jüngere Sannah um den Finger gewickelt. Die Hochzeit folgte schnell, nicht zuletzt, weil er sich davon finanzielle Vorteile versprach. Ihr Vater war ein erfolgreicher Immobilienmakler für die oberen Zehntausend der Hamburger Gesellschaft. Mit der Treue nahm es Markus nicht so genau, aber davon bemerkte Sannah zunächst nichts und hatte sich wie ein Opferlamm zur Schlachtbank führen lassen. Anfangs war noch alles gut, aber nach und nach kochte auch hier die Gerüchteküche hoch. Markus hatte mehrere Affären, und zwar so offensichtlich, dass auch Sannah nicht mehr die Augen davor verschließen konnte. Immer häufiger kam sie verheult zum Dienst, und ihre Kollegen mutmaßten, dass er sie auch schlagen würde. Eines Abends wurde daraus traurige Gewissheit, als sie mit Hämatomen, Platzwunden und einer schweren Gehirnerschütterung in der Notaufnahme eingeliefert wurde. Die Klinikleitung hatte Markus daraufhin fristlos gekündigt, und Sannah reichte die Scheidung ein. Jonas konnte nur zu gut verstehen, dass sie seitdem nichts von Männern im Allgemeinen und Kollegen im Besonderen wissen wollte. Er hatte das immer respektiert und ihr hilfreich zur Seite gestanden.

Bei Sannah angekommen, sah Jonas zum ersten Mal ihre kleine Villa. Sie war alt, mit verspielten Details, Gauben und Bogenfenstern. Eine kurze Treppe führte zur Eingangstür mit Schnitzereien und geschliffenem Glaseinsatz. Rosensträucher säumten den Weg und einen Großteil des Gartens. Idyllisch unter Kastanien gelegen, wirkte sie wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen, das die Zeit verträumt hatte. Jonas lächelte, dieses Haus passte zu Sannah. Sie luden die Einkäufe aus dem Auto, und Jonas folgte ihr in die Küche. Sie deutete auf eine Tür, hinter der sich der Tiefkühler verbarg. Er räumte seine Pizzen ein, während sie den Teekessel auf den alten Gasherd stellte.

„Hast du Lust auf eine kleine Führung?“, bot sie an.

„Führung ist wohl der richtige Ausdruck“, meinte er fasziniert.

„Ich komme mir vor wie im Museum.“

Die Decken waren hoch, mit Stuck verziert. Die Böden bestanden aus Eichenholzdielen und in Flur, Küche und Bad aus weißen und schwarzen Steinfliesen. Die Badewanne hatte sogar noch Füße in Form von Löwenpfoten. Alle Räume waren liebevoll mit Antiquitäten möbliert. Jonas fühlte sich in eine andere Zeit versetzt. Im Wohnzimmer stand ein alter Flügel mit gedrechselten Beinen und geschnitzter Notenablage. Überall standen Tiffany-Lampen und tauchten die Räume in ein gedämpftes, behagliches Licht.

Jonas deutete auf den Flügel. „Darf ich?“, fragte er vorsichtig. Sannah nickte nur stumm und strich mit ihren Fingern zärtlich über den schwarzen Lack. Jonas setzte sich und begann zu spielen. Als die melancholische Melodie von Claire de Lune durch die Räume schwebte, stiegen Tränen in ihre Augen, die seltsam entrückt in die Ferne blickten. Der scharfe Pfiff des Wasserkessels riss Sannah aus ihren Erinnerungen.

Nachdem sie gemeinsam das Abendessen vorbereitet hatten, saßen sie mit einer Tasse Tee vor dem Kamin, der wohlige Wärme verbreitete. Sannah hatte zu ihrer fröhlichen Art zurückgefunden.

„Ich wusste gar nicht, das du so gut spielst“, sagte sie lächelnd. Jonas blickte betrübt zu Boden. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich dich damit zum Weinen bringe, hätte ich es gelassen.“

Sannah schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut. Der Flügel gehörte meiner Mutter. Seit ihrem Tod hat niemand mehr darauf gespielt. Es war schön, ihn wieder zu hören.“

Cowboys und Kuhfladen

Es klingelte an der Tür. „Jetzt geht es rund!“, rief sie gut gelaunt. Annegret stürmte, sonnengebräunt und eingehüllt in eine Wolke Parfum, durch die Tür. Annegret Marquardt, genannt Anne, war der Prototyp einer Karriere-Barbie: Groß, blond, attraktiv, erfolgreich, energisch und mit allen Wassern gewaschen, ließ sie sich kein X für ein U vormachen. Aber sie hatte auch eine verborgene Seite. Fürsorglich, mütterlich und stets besorgt wachte sie über die Menschen, die ihr lieb und teuer waren. Während Sannahs Scheidung hatte Annegret für sie gekämpft wie eine Löwenmutter um ihr Junges. Sie hatte Markus vor Gericht in der Luft zerfetzt und bluten lassen.

Stürmisch drückte sie Sannah an sich. „Ach, Süße, ist das schön dich zu sehen. Das nächste Mal musst du mitkommen. Es war todlangweilig. Nur Rentner und Quallen.“

„Nein, danke!“, wehrte Sannah lachend ab. „Ich habe andere Pläne.“

Annegret warf ihren Mantel auf den Stuhl und machte ein erstauntes Gesicht. „Habe ich in der kurzen Zeit etwas verpasst?“ In diesem Moment kam Jonas grinsend um die Ecke, und sie hob erstaunt die Augenbrauen.

„Wie es scheint, habe ich tatsächlich etwas verpasst“, stellte sie fest, lächelte gefährlich und musterte Jonas von oben bis unten. Er hielt ihrem Blick amüsiert stand.

„Das ist Jonas. Mein Kollege!“, sagte Sannah mit Nachdruck.

„Geht ihr doch schon mal ins Wohnzimmer! Ich hole das Essen.“

Während des Essens berichtete Annegret von ihren Urlaubserlebnissen. Schrill, bunt und wortgewandt schilderte sie ihre Kämpfe mit Quallen und älteren Herrschaften, die bereits morgens um sechs die Liegestühle am Pool mit Handtüchern besetzten. Sannah und Jonas lachten Tränen, als sie berichtete, wie sie den Handtüchern den Garaus bereitet hatte.

Nach dem Essen erklärte sich Jonas freiwillig bereit, den Abwasch zu machen, und verschwand in der Küche.

„Erklärst du mir jetzt mal, was hier los ist?“, fragte Annegret mit vielsagendem Blick.

Sannah machte ein unschuldiges Gesicht. „Nichts ist los. Jonas ist mir beim Einkaufen zugelaufen. Er war schon halb erfroren, da hab ich ihn mitgenommen“, schilderte sie kichernd und erntete einen strafenden Blick von ihrer Freundin.

„Er ist ein lieber Kollege“, fügte Sannah hinzu.

„Ist er Kollege McDreamy oder Kollege McSexy?“, hinterfragte Annegret mit einem vielsagenden Grinsen, schenkte Wein nach und lümmelte sich aufs Sofa.

„Weder noch“, antwortete Sannah bestimmt.

„Schade, ich hatte gehofft, du hättest endlich mal einen netten Kerl kennengelernt und würdest wieder anfangen zu leben“, resümierte Annegret enttäuscht.

Sannah verdrehte die Augen. Da war er wieder, der Spruch. Diesmal in der Variante Nr. 256.

Jonas war mit dem Abwasch fertig und kam mit einer Schüssel voll Schokolade und Toffees wieder ins Wohnzimmer. Sannah schenkte ihm ein dankbares Lächeln, nicht nur für die geleistete Hausarbeit, sondern vor allem, weil er sie davor bewahrte, dass Anne dieses leidige Thema noch weiter vertiefen konnte. Dafür ließ er die nächste Bombe platzen.

„Jetzt erzähl doch mal von deinen Urlaubsplänen!“, forderte er Sannah auf, während er anfing Schokolade zu futtern.

Annegret riss begeistert die Augen auf. „Du willst in Urlaub fahren? Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Endlich hörst du mal auf meinen Rat“, jubelte sie. „Wo willst du hin?“

Sannah nahm einen Schluck Wein. „Ich fahre für drei Monate auf eine Ranch in South Dakota.“

Annegret entgleisten die Gesichtszüge. Sie hatte Mühe sich wieder zu sammeln. „Aha, und ich nehme mal an, dieser charmante Mensch“, sie deutete auf Jonas, „ist dein behandelnder Ohrenarzt?“

„Wieso Ohrenarzt?“, fragte Sannah irritiert.

„Weil ich dir drei Wochen Villa Palma empfohlen habe und nicht drei Monate Valla Pampa!“

Jonas fing schallend an zu lachen und ließ dabei fast die Schüssel mit der Schokolade fallen. Annegret rettete sie mit beherztem Griff und machte sich über die Toffees her.

„Um die Handtuch-Brigade in ihre Schranken zu weisen?“, verteidigte sich Sannah. „Nein, danke! Du hast selber gesagt, es war langweilig. Nur Rentner und Quallen.“

Jonas rang nach Luft. „Kein großer Unterschied zu Cowboys und Kuhfladen“, bemerkte er lachend. Bei dem Wort „Cowboys“ wurde Annegret hellhörig. Sie kannte Sannahs Vorliebe für Pferdeställe. Während der Studienzeit hatte sie oft genug ihre liebe Not gehabt, Sannah vom Misthaufen wegzuzerren oder sie aus dem Sattel zu bekommen.

„Wenn man auf Dreck und Schweiß steht“, meinte sie und grinste schalkhaft in Sannahs Richtung.

Sannah betrachtete die beiden anderen auf dem Sofa. Da saß sie nun, die Rentner-auf-Qualle-Fraktion. Süßigkeiten futternd, mit der gleichen gespannten Haltung, gemeinsam die Schüssel haltend. Sie musste grinsen. Die zwei waren sich offensichtlich einig. „Was zum Teufel willst du da?“, fragte Jonas.

Annegret klopfte ihm zustimmend auf den Schenkel, was Jonas mit einem Lächeln quittierte.

‚Fehlt nur noch, dass er gleich Männchen macht‘, dachte Sannah amüsiert.

„McSweety und ich sind einer Meinung“, bestätigte Annegret.

„Was willst du da? Dort laufen lauter Hinterwäldler mit Waffen herum und schießen auf alles, was sich bewegt“, gab sie mit besorgter Miene zu bedenken.

„Ich werde in der Pine Ridge Reservation eine Fotodokumentation machen. Kann, mit ein bisschen Glück, ab und zu mal reiten und mir die Gegend ansehen, und wenn ich zurück bin, halte ich einen Vortrag für den Spendenverein“, erklärte Sannah sachlich.

„Mein Gott, Sannah, redest du etwa von einem Indianer-Reservat?“, rief Annegret entsetzt. „Weißt du überhaupt, was für katastrophale Zustände dort herrschen?“

„Natürlich weiß ich das“, erwiderte Sannah ruhig. „Die Arbeitslosenquote liegt bei rund achtzig Prozent, mehr als drei Viertel der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Sie kämpfen mit Alkohol- und Drogenproblemen und leiden, bedingt durch billige und schlechte Nahrung, an Diabetes. Die Selbstmordrate ist viermal höher als der normale Durchschnitt, die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfzig Jahren und die Säuglingssterblichkeit ist ebenfalls deutlich höher als normal. Von den teilweise menschenunwürdigen Wohnbedingungen ganz zu schweigen. Immer wieder erfrieren in den harten Wintern einige Menschen, weil sie nicht genug Geld für das nötige Gas zum Heizen aufbringen können. Das ist nicht nur katastrophal, das ist auch beschämend für ein Land, das so arrogant ist, sich selbst die Nummer eins zu nennen“, ereiferte sie sich. „Ich würde nie in den USA einfach nur Urlaub machen wollen, aber dort in Pine Ridge kann ich meinen Beitrag leisten und etwas Sinnvolles tun.“

Annegret schwieg betroffen. Sannah wusste offensichtlich nur zu gut, worauf sie sich eingelassen hatte.

„Ist das dieses Horsemanship-Projekt, von dem du mal erzählt hast?“, brach Jonas das Schweigen.

Sannah nickte.

„Finde ich super! Ist genau dein Ding!“, meinte er.

Sannah lächelte ihn dankbar an.

Nach dem hitzigen Gespräch verabschiedete sich Jonas und rief sich ein Taxi.

„Jetzt schon?“, maulte Annegret enttäuscht.

Er nickte. „Ich habe Wochenenddienst. Wenn man seine Patienten wohlbehalten schlafen legen will, sollte man selbst ausgeschlafen sein.“ Er gab Sannah einen Kuss auf die Wange. „Danke für den schönen Abend, wir sehen uns am Montag.“ Dann gab er auch Annegret einen Kuss. „Hat mich sehr gefreut dich kennenzulernen. Wir sehen uns, wenn wir die junge Dame in ihren Flieger setzten.“ Jonas griff noch mal beherzt in die Schokoladenschüssel. „Wegzehrung!“ Er grinste und verschwand.

Nachdem Jonas gegangen war, machten es sich die Frauen gemütlich. Sie lümmelten vor dem Kamin und reduzierten die Bestände an Knabberkram und Wein. Ganz wie in alten Studentenzeiten. „Jetzt mal ehrlich“, bohrte Anne neugierig nach. „Da läuft wirklich nichts zwischen dir und ihm?“

Sannah warf ein paar Erdnüsse ein und schüttelte den Kopf. „Nein, da läuft gar nichts. Ich weiß, was du jetzt sagen willst, er ist lieb und süß, er sieht gut aus, hat Charme und Humor. Aber es funkt nicht bei mir. Ich bekomme keine weichen Knie. Er ist einfach nicht mein Typ.“

„Du hast doch überhaupt keinen Typ. Jedenfalls keinen klar erkennbaren“, stichelte Annegret.

Sannah schmiss ihr zur Strafe ein Kissen an den Kopf. „Dafür ist dein Typ umso klarer erkennbar. Eine Kreuzung aus Antonio Banderas und Schwarzenegger. Gern auch mit gut gefüllter Badehose und Brusthaar-Toupet mit eingewebtem Goldkettchen“, frotzelte Sannah lachend zurück.

„Besser als nichts!“, stellte Anne kichernd fest. „Du würdest deinen Ritter in glänzender Rüstung ja nicht mal erkennen, wenn er dir laut scheppernd vor die Füße fällt!“

Schlangen und Fohlen

Zur gleichen Zeit saß Joshua White Cloud auf seiner Veranda und trank Kaffee. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt und starrte missmutig auf seine Stiefel. Nachdem er die Post durchgesehen hatte, näherte sich seine Laune dem Gefrierpunkt. Sie würden eine Frau schicken. Ausgerechnet. Bald würde eine Susannah Sowieso auf der Ranch auftauchen und seinen Frieden stören. Insgeheim hatte er gehofft, dass niemand im vielbeschäftigten Deutschland Zeit und Mühe investieren würde, um hierher zu kommen. Doch da hatte Josh sich offenbar getäuscht. Susannah. Er assoziierte diesen Namen automatisch mit einer biederen Hausfrau Mitte fünfzig, blond und im doppelten Sinne blauäugig. Sie würde den ganzen Tag, mit Kamera bewaffnet und in ungeeigneten Schuhen, hinter ihm herrennen und ihn mit diesem schrecklichen Akzent nerven. Tolle Aussichten. Mal abgesehen davon, dass Frauen ohnehin nur Ärger mit sich brachten.

Josh klassifizierte Frauen in zwei Kategorien: in die rötlichen Kornnattern, die zwar harmlos waren, aber eine echte Plage werden konnten, und die zwar unauffälligeren, aber dafür umso gefährlicheren Klapperschlangen. Letztere schlugen erst gewaltigen Krach und bissen dann zu, wenn man dumm genug war, ihnen nicht aus dem Weg zu gehen. Ihr Gift verursachte unerträgliche Schmerzen und bleibende Narben. Beide Arten wollte er nicht im Haus haben. Am liebsten hätte er die ganze Sache abgeblasen, aber den Kindern zuliebe tat er es nicht. Er wollte die Spender nicht verärgern. Das Projekt, das er im Bereich Manderson White Horse Creek betreute, war auf die Spenden angewiesen. Er bot für die Horsemanship kostenlosen Reitunterricht an. Leider hatte er keine Reithalle, sodass dies nur in den schneefreien Monaten möglich war. Es gab mehrere solcher Zentren über die ganze Reservation verteilt. Im Winter bastelte er mit den Kindern oder lehrte sie die alten Traditionen seines Volkes. Er arbeitete gern mit den Kids, nicht nur weil er hoffte, sie damit von den Drogen fernhalten zu können, sondern auch, weil er etwas weitergeben wollte, das für seine Vorfahren selbstverständlich gewesen war: die Liebe zu Pferden. Früher waren Pferde aus dem traditionellen Leben der Lakota nicht wegzudenken gewesen. Sein Volk hatte sie als Packtier, für die Jagd und für den Krieg genutzt. Ein Krieger hatte eine enge Bindung zu seinem Pferd, es war ein Teil seiner Familie. Er musste sich in jeder Situation auf sein Pferd verlassen können, oder er war tot. Diese Bindung entstand durch jahrelange geduldige Arbeit. Nur so bildeten sich gegenseitiges Vertrauen und Respekt. Ein solches Pferd war kostbar. Heutzutage nannte man es Horsemanship. Viele wollten es lernen, doch nur sehr wenige beherrschten diese Kunst. Josh hatte sich über die Grenzen des Reservates hinweg einen Namen gemacht. Etliche Kunden von außerhalb brachten ihm ihre Tiere zur Ausbildung und nahmen nicht selten selbst Unterricht. Davon konnte er ganz gut leben und sich seinen Traum von der eigenen Pferdezucht erfüllen. Diese Tiere waren sein Leben, seine Arbeit und seine Familie. Mehr brauchte er nicht. Sein Blick wanderte von den Stiefeln hinüber zur Weide, wo die ersten Fohlen des Jahres zwischen ihren Müttern herumtollten. Sein Ärger verflog, und er lächelte.

Reisefieber

Die letzten drei Wochen vor Sannahs Abreise vergingen wie im Flug. Sie brauchte dringend noch neue Stiefel zum Reiten, ihre alten fielen fast auseinander. In ihrem Schlafzimmer stapelten sich die Sachen für den Koffer. Die Auswahl würde schwierig werden, sie durfte ja nur zwanzig Kilo mitnehmen. Sannah beschloss, auf alles zu verzichten, was sie auch vor Ort kaufen konnte. Im Internet hatte sie einen Sprachführer für Lakota entdeckt und bestellt. Sie bildete sich nicht ein, diese Sprache in so kurzer Zeit lernen zu können, aber für ein paar Höflichkeitsfloskeln würde es schon reichen. Praktischerweise enthielt das Buch auch ein paar Benimmregeln. Jonas würde sich am Vorabend einquartieren, damit sie ihm noch einige Dinge erklären konnte. Mit jedem Tag steigerte sich ihre Vorfreude, und sie konnte es gar nicht abwarten endlich aufzubrechen.

Als Jonas schließlich mit Sack und Pack vor der Tür stand, flatterte sie herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Er sah sich dieses Schauspiel eine Weile lang an, dann drückte er sie in ihren Sessel.

„Jetzt komm mal wieder runter, du benimmst dich ja schlimmer als meine Schwester vor ihrer Hochzeit“, mahnte er.

Sannah grinste schief. „Wenn das der Vorabend meiner Hochzeit wäre, säße ich jetzt im nächsten Flieger zum Südpol“, versicherte sie ihm glaubhaft.

„Wie wäre es mit Abendessen?“, wechselte er das Thema. „Mir hängt der Magen in den Kniekehlen.“

Sie kochten zusammen. Nach dem Abendessen hatte sich Sannahs Aufregung auf ein Normalmaß reduziert. Sie packte die restlichen Sachen in ihren Koffer, während Jonas sich im Gästezimmer häuslich einrichtete. Danach gönnten sie sich noch ein Glas Wein vor dem Kamin.

„Du wirst mir fehlen“, sagte Jonas.

„Und was genau wird dir fehlen? Meine Hektik oder meine schlechte Laune in den letzten Monaten?“, spottete sie.

„Alles“, antwortete er lakonisch. „Drei Monate sind eine lange Zeit.“

Fräulein Rottenmeier, die Stimme der Vernunft in ihrem Oberstübchen, prüfte mit kritischem Blick den Thermostaten der Kühlkammer nebenan. Alles im grünen Bereich, stellte sie beruhigt fest. „Es ist gut, dass ich hier rauskomme“, erklärte Sannah ernst. „Hier im Haus werde ich ständig an meine Eltern erinnert, und in der Klinik erinnert mich alles an Markus. Ist doch kein Wunder, dass ich kurz vorm Durchdrehen war. Ich konnte nie abschalten. Deswegen bin ich mir nicht mal sicher, ob drei Monate überhaupt reichen. Aber es ist ein Anfang. Ich muss endlich neu anfangen, wenn ich wieder auf die Füße kommen will, das ist mir jetzt erst klar geworden.“ Sie lächelte traurig. „Ihr werdet mir auch fehlen, du und Anne, aber drei Monate sind schnell vorbei und dann kann ich mich darauf freuen, euch wiederzusehen. Abgesehen davon, wird Anne schon dafür sorgen, dass dir nicht langweilig wird“, stellte sie lachend fest.

Jonas schmunzelte. „Sie ist ziemlich schräg“, meinte er.

„Manchmal“, erwiderte Sannah. „Aber sie ist auch einer der warmherzigsten Menschen, die ich kenne. Als ich damals mit dem Studium angefangen habe, fühlte ich mich völlig verloren in der Uni. Sie hat mich in der Mensa aufgelesen und unter ihre Fittiche genommen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“ Sannah konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Ab ins Bett mit dir, junge Dame!“, befahl Jonas. „Du hast zwei anstrengende Tage vor dir.“

„Ja, Papa“, entgegnete sie schelmisch.

Am nächsten Morgen wurde es dann doch wieder hektisch. Annegret erschien zur verabredeten Zeit mit frischen Brötchen und werkelte in der Küche herum. Sannah lief kopflos durch das Haus und suchte ihre Handtasche, und Jonas hatte seine liebe Müh‘ und Not, den aufgeregten Hühnerstall in geordnete Bahnen zu lenken. Zu guter Letzt saßen dann doch alle Hühner abgefüttert, samt Handtasche und Koffer, im Auto. Vor Sannah lagen drei Flüge und zwei Reisetage. Hamburg – Frankfurt, Frankfurt – Denver, eine Übernachtung in Denver und von dort aus noch ein Flug nach Rapid City. Anschließend noch eine etwa zweistündige Fahrt mit dem Auto. Sannah hatte sich online am Flughafen in Rapid einen Langzeitmietwagen reservieren lassen. Irgendwann am späten Nachmittag Ortszeit würde sie dann ihr Ziel erreichen. Annegret nahm das zum Anlass, noch einmal darauf hinzuweisen, dass mehr Valla Pampa kaum noch möglich sei.

„Da ist man ja schneller am Amazonas!“, meckerte sie.

„Wenn du nicht gleich Ruhe gibst, setze ich dich vorher noch kurz da ab!“, drohte Jonas grinsend und erntete einen dankbaren Blick von Sannah im Spiegel. Als Kleinste war sie auf die Rückbank verbannt worden.

Am Flughafen Fuhlsbüttel angekommen, ging dann alles ziemlich schnell.

Begleitet von Annegrets Besorgnis – „Pass auf dich auf und tue nichts Unüberlegtes!“ – und begleitet von Jonas‘ unerschütterlichem Optimismus –„Viel Spaß beim Ausreiten!“ –, verschwand Sannah in der Abflughalle.

„Nun ist sie weg“, stellte Jonas fest.

Annegret trocknete ein paar Abschiedstränen. „Hoffentlich geht alles gut“, meinte sie seufzend.

Jonas legte tröstend einen Arm um ihre Schulter. „Na klar! Sie wird eine Menge Spaß haben und auf andere Gedanken kommen. Das wird ihr guttun. Mittagessen bei mir?“, fragte er und grinste wieder mit seinem jungenhaften Charme.

„Gern“, sagte Annegret.

Zwei Tage später erreichte Sannah Rapid City. In Denver hatte sie schon Geld umgetauscht und musste jetzt nur noch den Mietwagen abholen. Sie hatte sich für einen keinen Geländewagen entschieden, man konnte ja nie wissen. Der Papierkram war schnell erledigt, und sie verfrachtete ihr Gepäck in den Kofferraum. Straßenkarte und Wegbeschreibung legte sie sicherheitshalber auf den Beifahrersitz, für den Fall, dass das Navi den Dienst versagte. Sannah atmete noch mal tief durch und fuhr los. Rechts von ihr lagen die Black Hills, links konnte man in weiter Ferne die Badlands erahnen. Die weite Landschaft zog in großen, wellenförmigen Hügeln aus Gras an ihr vorbei. Immer wieder unterbrochen von schroffen Felsen und kleinen Baumgruppen. Nach einer Weile tauchte ein Diner am Straßenrand auf. Sannah war müde und beschloss einen Kaffee zu trinken. Das Diner sah etwas heruntergekommen aus, auf dem staubigen Parkplatz standen ein paar Autos, hauptsächlich die hier üblichen Trucks. Sie parkte und stieg aus. Das Diner bestand aus einem langgezogenen Raum. Vorne war eine Art Tresen, weiter hinten befanden sich Tische und gepolsterte Sitzbänke. Hinter dem Tresen stand eine ältere, rundliche Frau und lächelte Sannah freundlich an. Am anderen Ende des Tresens saßen zwei Männer mittleren Alters in schmuddeligen Jeans und mit der obligatorischen Baseballmütze auf dem Kopf. Einer von ihnen pfiff anzüglich, als Sannah den Raum betrat. Hillbillys mit einem IQ knapp über dem Gefrierpunkt, lautete ihr Urteil und würdigte die Typen keines Blickes.

„Hallo“, sagte sie zur Kellnerin. „Einen Kaffee, bitte.“ Sannahs Englisch war fließend und akzentfrei.

„Gern“, antwortete die Frau und goss den Kaffee in eine Tasse. Sie schob Sannah noch Milch und Zucker zu. „Bei Ihrer Figur können Sie sich das leisten“, meinte sie lächelnd.

„Oh ja, Baby. Das kann sie!“, grölte es vom andere Ende des Tresens herüber. Sannah reagierte sicherheitshalber nicht, stufte die Tresen-Bewohner aber um einige zehntausend Jahre zurück. ‚Neandertaler‘, dachte sie boshaft.

„Halt die Klappe, Jack!“, schimpfte die Kellnerin und hielt Sannah solidarisch die Hand hin. „Ich bin Molly“, stellte sie sich vor und lächelte. Sannah ergriff die angebotene Hand.

„Hallo Molly, ich bin Sannah“, erwiderte sie freundlich.

„Auf dem Weg nach Pine Ridge?“, wollte Molly nun wissen. Sannah schlürfte ihren Kaffee und nickte.

„Ja, noch etwa eineinhalb Stunden, dann hab ich es geschafft.“

„Muss hart sein, nach Hause zu kommen, wenn man es aus der Rez raus geschafft hat“, meinte Molly mit mitleidigem Blick.

Sannah sah sie irritiert an. Es dauerte einen Moment, bevor sie begriff. Ihre schwarzen Haare, die braunen Augen und ihr dunkler Teint. Molly hielt sie für eine Lakota. Eine, die es geschafft hatte, sich ein Leben außerhalb der Reservation aufzubauen. Da Sannah keine Lust hatte diesen Irrtum aufzuklären, weil das nur weitere Fragen nach sich gezogen hätte, antwortete sie ausweichend: „Ich freue mich darauf, endlich mal wieder zu reiten.“

Molly gab sich damit zufrieden. Sannah trank ihren Kaffee aus und zahlte. „Schönen Tag noch, Molly“, wünschte sie.

„Gute Fahrt“, grüßte Molly zurück.

„Die würde ich nicht von der Bettkante schubsen“, grölte einer der Neandertaler sabbernd. Sannah drehte die evolutionäre Schraube um eine weitere Milliarde zurück. ‚Einzeller‘, dachte sie jetzt und wendete sich zum Gehen.

Die andere Amöbe lachte. „Träum‘ weiter, Jack. Die Kerle von der Rez würden dich nicht mal in ihre Nähe lassen.“

Na, das ließ ja hoffen. Sannah beeilte sich, zum Auto zu kommen und war froh, dass die Einzeller ihr nicht folgten.

Kurze Zeit später passierte sie ein Schild mit der Aufschrift „ENTERING PINE RIDGE INDIAN RESERVATION LAND OF THE OGLALA SIOUX.“ Durch Kaffee und Amöben wieder hellwach, bewältigte Sannah den Rest der Fahrt problemlos. Nur die Zufahrt zur Ranch hätte sie um ein Haar verpasst. Unkraut und Schlaglöcher stritten um die besten Plätze auf der Schotterpiste. Sie war heilfroh über den Geländewagen. Die Zufahrt nahm und nahm kein Ende. Nur die Stromleitung, die neben der Zufahrt an verwitterten Holzmasten hing, verriet ihr, dass irgendwo in der Nähe ein Haus sein musste. In der Umgebung wand sich ein kleiner Creek mäanderförmig durch die Landschaft. Deswegen blieb ihr größtenteils die Sicht durch Bäume und Büsche versperrt. Hinter einer Anhöhe tauchten endlich ein paar Gebäude auf. Das musste die Ranch sein. Im Norden durch eine schroffe Felsformation begrenzt, im Osten und Süden durch die Büsche und Bäume, lag sie versteckt, wie in einer Senke. Nur nach Westen war der Blick frei auf die offene, wogende Graslandschaft. Das Wohnhaus war alt und verwittert. Die Farbe blätterte ab, aber es war allem Anschein nach heil, was hier nicht selbstverständlich war. Auch die große Veranda und der verwilderte Garten waren ungewöhnlich. Die meisten Häuser, die Sannah auf ihrer Fahrt gesehen hatte, waren sogenannte Mobile Homes oder recht baufällige Holzhäuser, die mit Autowracks umstellt waren statt Garten. Bei der Wasserknappheit im Hochsommer wuchs hier ohnehin nicht viel. Hin und wieder sah man einen kleinen Gemüsegarten oder ein Feld, das bewirtschaftet wurde. Neben dem Wohnhaus war ein Hofplatz, dahinter lagen Stallgebäude und ein eingezäunter Reitplatz. Die Stallgebäude waren jüngeren Datums, doch niemand hatte sich die Mühe gemacht sie zu streichen. Hinter den Gebäuden lagen, nach Westen gelegen, die Weiden, auf denen etliche Pferde in der Sonne standen und grasten. Beim Anblick der Pferde schlug Sannahs Herz schneller vor Freude. Bis auf die Pferde wirkte die Ranch allerdings wie ausgestorben. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Nur ein Truck parkte auf dem Hof. Sannah stellte ihr Auto daneben ab, stieg aus und sah sich um.

Eisberg voraus

Josh saß im Schatten seiner Veranda und beobachtete irritiert die junge Frau, die aus dem Wagen stieg. Das konnte unmöglich der angekündigte Besuch aus Deutschland sein. Aus der näheren Umgebung kam sie aber auch nicht. Er kannte hier jeden und hatte sie noch nie gesehen. Weil sich am Haus nichts rührte, ging die Frau erst einmal zu den Stallgebäuden.

„Mr. White Cloud?“, rief sie fragend. Kein Akzent. Josh konnte nun nicht länger in seiner dunklen Ecke sitzen bleiben und ging widerwillig auf sie zu.

Sannah hörte seine Schritte auf der Veranda und drehte sich um. Der Mann, der auf sie zukam, war gut und gern eins neunzig groß. Er trug Jeans, Stiefel und ein schmutziges Unterhemd. Die langen schwarzen Haare waren zum Zopf zusammengebunden, ein paar Strähnen wehten in sein schmales, kantiges Gesicht. Er bewegte sich mit der Eleganz einer Raubkatze auf sie zu und fixierte sie mit seinen schwarzen Augen. Sein Gesichtsausdruck war finster, und Sannah verspürte das Bedürfnis wegzulaufen. ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘, dachte sie und lächelte, als er vor ihr stehen blieb.

„Mr. White Cloud? Ich bin Sannah Hammeken.“ Die Worte blieben ihr fast im Halse stecken. Offensichtlich war sie diesem Eisberg nicht willkommen.

Josh musterte die Fremde skeptisch. Sie hatten ihm keine blonde Kornnatter geschickt, sondern eine dunkle Klapperschlange. Noch schlimmer. Nur mit den Schuhen hatte er recht behalten, stellte er fest, als sein Blick auf ihre weißen Turnschuhe fiel. „Josh“, sagte er knapp und drückte ebenso kurz, aber fest ihre Hand.

Beim Anblick seiner Oberarme musste Sannah unweigerlich an Anne denken. Er war groß, dunkel und muskelbepackt bis zu den Ohren. Brusthaartoupet und Goldkettchen fehlten, aber das gab schlimmstenfalls Abzüge in der B-Note. Annes limbisches System würde Tango tanzen, Hormon-Cocktails mixen und einen spontanen Eisprung auslösen. Annes Ritter in glänzender Rüstung war ihr soeben, laut scheppernd, vor die Füße geknallt – nur halt im schmuddeligen Feinripp.

Sie verkniff sich ein Grinsen. Bevor das Schweigen peinlich wurde, deutete Josh mit vorgeschobener Unterlippe und Kinn auf das Wohnhaus. ‚Duckface‘, dachte sie, als sie seine merkwürdige Art, auf etwas zu zeigen, bemerkte.

„Dein Zimmer ist die Treppe hoch rechts. Ich muss jetzt die Pferde von der Weide holen“, stellte er fest, um einen Grund zu haben, ihr aus dem Weg zu gehen.

„Darf ich mit?“, bat sie mit großen Augen.

Er zögerte sichtlich. „Wenn du willst“, brummte er mürrisch. Dann und wann verirrten sich Touristen für eine Reitstunde auf seinen Hof und stellten meist die gleiche Frage. Die wenigsten schafften es überhaupt auf ein ungesatteltes Pferd und wenn doch, waren sie nach den ersten Galoppsprüngen wieder unten. Josh lief wortlos an ihr vorbei und verschwand im Stall. Als er wieder herauskam, drückte er ihr Zaumzeug in die Hand und deutete, wieder mit der Unterlippe, auf eine braune Stute, die auf der kleinen Weide direkt neben dem Stall stand.

Sannahs Enttäuschung über den eisigen Empfang wich der Vorfreude auf einen Ausritt. Sie kletterte unter dem Zaun durch und kraulte der Stute den Hals. Das Zaumzeug hielt sie locker mit zwei Fingern über den Kopf des Pferdes und wartete geduldig, bis die Stute freiwillig das metallene Mundstück ins Maul nahm. Danach streifte sie sanft das Kopfstück über die Ohren, legte die Zügel um den Hals und führte es zum Paddock.

Josh beobachtete sie dabei, und ihm gefiel, was er sah. Er schwang sich auf sein Pferd und fragte von oben herab: „Schaffst du es allein rauf?“

Sannah ärgerte sich über seine überhebliche Art. Sie hatte jahrelang auf diese Weise ihr eigenes Pferd von der Weide geholt und würde sich jetzt sicher keine Blöße geben. Sie antwortete ihm nicht, nahm Schwung und saß oben, nicht so elegant wie Josh, aber immerhin.

Josh wendete sein Pferd und jagte im Galopp davon. Die Weide war riesig, und die Herde stand am anderen Ende; als Josh in Sichtweite kam, stoppte er sein Pferd und drehte sich um. Er hatte nicht erwartet, Sannah hinter sich zu sehen, aber sie hatte aufgeholt und kam kurz hinter ihm zum Stehen. Sie war ganz offensichtlich in ihrem Element. Der Wind hatte ihr Haar zerzaust, die Wangen waren gerötet von dem scharfen Ritt, ihre großen Augen leuchteten und sie strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Anblick raubte Josh den Atem, und er sammelte sich für einen Moment. „Reite ruhig an die Herde heran“, erklärte er ihr. „Passe dich ihrem Tempo an, und flankiere sie nur. Wenn du hektisch wirst, werden sie es auch, und wir bekommen heute kein Pferd in den Paddock.“

Sannah nickte wortlos. Josh ritt langsam durch die Herde auf die andere Seite. Gemächlich setzten sich die Tiere in Bewegung. Zurück ging es nun deutlich langsamer. Sannah genoss das Bild, das sich ihr bot. Etwa zwanzig Pferde trotteten über einen Ozean aus Gras, der sich grenzenlos bis an den Horizont zu erstrecken schien. Der ewige Wind strich über die Plains, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten, die auf dem wogenden Gras ein Eigenleben entwickelten. Postkartenkitsch. Sannah seufzte glücklich. Genau dafür war sie hergekommen. Sie sah hinüber zu Josh, der sie nicht weiter beachtete. Er saß völlig entspannt auf seinem Pferd und ließ die Beine baumeln. Seine Aufmerksamkeit galt den Pferden. Nach einer Weile erreichten sie den Paddock. Sannah ließ sich vom Pferd rutschen und klopfte der kleinen Stute den Hals.

„Wie heißt sie?“, wollte sie wissen.

„Kimimila“ – Schmetterling, kam es knapp zurück.

‚Wie redselig‘, dachte Sannah. Und zum Lachen geht er bestimmt in den Keller! Sie brachte Kimimila zurück auf die kleine Weide. Als sie das Zaumzeug in den Stall bringen wollte, nahm Josh es ihr ab und drückte ihr einen Schlauch in die Hand. Er deutete auf die Tränke, vor der sich die Pferde versammelt hatten.

„Sie haben Durst“, brummte er, und für einen Moment huschte die Andeutung eines Lächelns über sein Gesicht, als Sannah etwas entgeistert mit dem Schlauch zur Tränke stapfte. Josh hatte beschlossen, die kleine Klapperschlange ein bisschen zu ärgern. Während sie die Tränke füllte, kümmerte er sich um seine Pferde. Josh bewegte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen den großen Tieren und sprach mit dunkler, sanfter Stimme zu ihnen. Es war fast, als würden sie ihm andächtig lauschen, während er die Hufe kontrollierte, ihnen die Augen sauberwischte und nach kleinen Blessuren sah. Jedes Pferd wartete geduldig, bis es an die Reihe kam, begrüßte ihn freudig und schnaubte zufrieden. Über allem lag eine unglaubliche Ruhe und Harmonie. Josh strahlte diese Ruhe aus.

Völlig gebannt starrte Sannah auf die Szene, die sich vor ihr abspielte. Sie begriff, dass dieser Mann vielleicht keine Menschen mochte, aber seine Tiere liebte er dafür umso mehr. Sannah füllte unaufgefordert auch die Tränke auf der kleinen Weide, brachte den Schlauch zurück und drehte das Wasser ab. Etwas unschlüssig, was nun zu tun sei, blieb sie am Stall stehen. Josh klopfte sich notdürftig den Dreck von der Hose und lief, wie üblich wortlos, an ihr vorbei in Richtung ihres Autos. Er knallte die Heckklappe auf, hob ihren Koffer heraus und trug ihn auf die Veranda. Dort blieb er mit missmutigem Gesicht stehen und wartete. Sannah beeilte sich hinterherzukommen. ‚Hellsehen stand nicht in der Stellenbeschreibung‘, dachte sie gereizt. Vor der Tür angekommen, hielt sie es für höflich, die dreckigen Schuhe auszuziehen, und erntete dafür prompt einen Rüffel von Josh.

„Wenn du deine Schuhe hier stehen lässt, solltest du sie morgen früh gründlich ausschütteln.“

„Warum?“, fragte sie ahnungslos.

„Wegen der Taranteln“, sagte er trocken. „Für Schlangen sind deine Schuhe zu klein“, fügte er hinzu, als er amüsiert ihren entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte. Er öffnete die Fliegengittertür, Sannah ging hinein und stand in der Küche, die nahtlos ins Wohnzimmer überging. Dort war sogar ein Kamin, aus Natursteinen gemauert.

Josh ließ ihr keine Zeit sich umzusehen. „Die Treppe hoch und dann rechts“, wiederholte er knapp seine Wegbeschreibung. Sie lief die Stufen hinauf, während er mit Kennerblick ihr Hinterteil begutachtete. Diamantklapperschlange, lautete sein Urteil, als sie oben angekommen waren. Er stellte ihren Koffer ins Zimmer.

„Danke“, sagte Sannah und versuchte es noch mal mit einem Lächeln, doch es verwandelte sich in Schneeflocken, noch ehe es den Eisberg erreicht hatte.

Josh deutete mit unbeweglicher Miene auf eine Tür neben ihrem Zimmer. „Dort ist das Bad. Wenn du duschen möchtest, mach es bitte jetzt. Ich werde das Essen in den Ofen schieben und würde nach dem Essen selbst gern duschen. Der Boiler braucht eine Weile, bis das Wasser wieder heiß ist.“

Sannah nickte.

Josh lief die Treppe hinunter und verschwand in der Küche. Die Tatsache, dass Josh sich um das Essen kümmerte, verriet ihr, dass wohl keine Mrs. White Cloud auftauchen würde, um die wortkarge Eiszeit etwas aufzutauen. Sie suchte sich ein Handtuch aus dem Koffer und kramte Duschgel und Shampoo-Fläschchen von dem Hotel in Denver aus der Handtasche. Im Badezimmer bestätigte sich ihre Vermutung. Auf der Ablage über dem Waschbecken befand sich Zahnpasta, eine Zahnbürste, Rasierschaum, Deo und ein Rasierer. In einem kleinen Regal lag noch eine Haarbürste. Kein Anzeichen eines weiblichen Wesens. Sie war allein mit diesem Eisberg. Beklommen schlüpfte Sannah aus ihren dreckigen Klamotten und drehte das Wasser auf.

Josh hatte unterdessen Tiefkühllasagne in den Ofen geschoben, saß nun auf der Veranda und trank kalten Kaffee vom Vormittag. Seine Laune hatte sich etwas gebessert. Sannah war nicht so schlimm, wie er anfangs befürchtet hatte. Dieser schreckliche Akzent war ihm erspart geblieben, außerdem redete sie ohnehin nicht viel. Beim Reiten hatte sie sich recht geschickt angestellt. Um ehrlich zu sein: Sie war die Erste, die es überhaupt geschafft hatte, beim gestreckten Galopp über die Weide oben zu bleiben. Aber trotz allem war sie eine Klapperschlange und keine Kornnatter, wenn auch nur eine kleine. Er grinste, „Sintéchla cik‘ala“ bedeutete „kleine Klapperschlange“ in der Sprache seines Volkes. Ein passender Spitzname. Ihr Anblick auf dem Pferd ging ihm durch den Kopf. Er beschloss, sie weiter auf Abstand zu halten. Schöne Klapperschlangen waren, seines Erachtens, besonders gefährlich.