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Können Menschen überhaupt Bücher verfassen? Es ist eine Frage, die sich Chris bislang nie gestellt hat. Schließlich ist er in einer automatisierten Welt aufgewachsen, in der magische Kontinente und effektgeladene Blockbuster am Laufband produziert werden. Von jedermann. Aus dem Komfort der heimischen Stube.
Doch eine robuste Content-Pipeline zu bauen, die den Unwettern des Internets standzuhalten vermag, ist eine Kunst für sich. Eine Kunst, die Chris in seinen Jahren als Content-Creator gemeistert hat.
Eines Tages sieht er sich allerdings vor einer Herausforderung, die sich weder mit Algorithmen noch roher Rechengewalt bezwingen lässt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Klotz Van Ziegelstein
Marc Cuny
c/o Postflex #7876
Emsdettener Str. 10
48268 Greven
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Er schloss die Lider, atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete, war die Zahl immer noch da. »Und auf die Daten ist wirklich Verlass?« Eine überflüssige Frage. Er wusste, dass die Zahl auf dem Bildschirm das destillierte Reinprodukt einer Maschinerie hunderter Prognose- und Verifikationsalgorithmen war. Alle relevanten und alle potenziell relevanten Faktoren waren berücksichtigt. »Das Modell hat den historisch höchsten Fehlerquotienten als Basis. Möchten Sie die Berechnungen mit einem aktuelleren Datensatz wiederholen?«
»Lass gut sein.«
Er ließ sich in den Klappstuhl zurücksinken. Der einzige Einrichtungsgegenstand, der den Hängebildschirmen seine vier Wände streitig machte. Aber ein Einrichtungsgegenstand, der sich sehen ließ: die S-Klasse von Uni-Rover, mit einem Rahmen aus flexiblem Raketenstahl und eingebauter Ladestation. Seine Augen kamen erneut auf der Zahl zur Ruhe: 73. Das war der unheilschwangere Prozentwert, der über ihn hereinzubrechen drohte. Der exakte Durchmesser des Lochs, das Anfang nächsten Monats in seinem Umsatz klaffen würde.
Im Grunde hätte er diese Entwicklung vorhersehen müssen. Der spezifische Industriesektor, in dem er sein Imperium errichtet hatte, war für seine wechselnden Trendwellen berüchtigt. Wer zu keinen rapiden Kurskorrekturen fähig war, wurde aus dem Markt gespült. Und nur wenige Kapitäne waren rapider als er. Er spürte es jeweils in den Knochen, wenn ein Stimmungsumschwung des digitalen Ozeans bevorstand. Wie ein alter Seebär.
Mit diesem Umschwung hatte er allerdings nicht gerechnet. War er selbst Opfer des Hypes geworden? Schließlich hatte er diese Content-Nische nicht nur als Produzent bedient, sondern auch eifrig konsumiert. Wenn ihn jemand vor einer Woche zu Sword & Boardrooms Fantasy befragt hätte, wäre die Antwort eine leidenschaftliche Beschreibung einer tiefen und äußerst ergiebigen Goldmiene gewesen. Nun war die Goldmiene allem Anschein nach bereits leergeräumt. Blieb nur noch eines zu tun.
Seine Hand tastete im Transportkarton neben der Lehne, bis sie gegen Metall stieß. Noch vier Dosen. Keine schlechte Ausgangslage für eine Hustle-Woche. »Computer, ich brauche aktuelle Community-Daten. Suchanfragen, angesagte Streams, Diskussionen. Das Übliche.« Seine Hand kehrte mit einer Dose aus dem Karton zurück. Das fahle Monitorlicht strich über das Suppenlogo auf der Aluminiumhülle. Über dem dampfenden Eintopf war der Name des Herstellers in klotzigen Buchstaben aufgedruckt: GRIND.
»Auswertung läuft. Bitte haben Sie Geduld.« Die Computerstimme klang noch immer entspannt, ungeachtet der Arbeit, die er ihr soeben aufgebürdet hatte. Auf dem linken Monitor erschienen neue Diagramme. Für ein ungeübtes Auge wären die verschachtelten Linien und Wort-Cluster so aussagekräftig gewesen wie das Tageshoroskop der Omnisuchmaschine. Doch sein Auge erkannte die Andeutung eines Trends. Das erste Zucken der nächsten Welle im Datenstrom.
»Wie es aussieht, steht eine Rückkehr der liebestollen Weltraumvampire bevor.« Der Dosenverschluss ergab sich seinen Fingern mit einem wütenden Zischen. Er schlürfte den Nahrungsbrei in einem Zug herunter. Den Erdbeergeschmack nahm er nur am Rande wahr.
»Ran ans Werk. Wir müssen eine Content-Pipeline geraderücken.«
Sein bürgerlicher Name war Chris. Wobei, ganz korrekt war das nicht. Denn das Wort bürgerlich implizierte das Vorhandensein eines Staatsapparats, der in dieser Form nicht mehr existierte. Chris war zumindest das, was im Namensfeld seiner CorpLink-ID stand. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann ihn zuletzt jemand so angesprochen hatte. Im Netz war er ausschließlich unter seinen Pseudonymen bekannt.
Für die Leser seiner Pandemic Punk Romane war er der unnahbare A. Wilson. Wofür das A stand? Darüber hatte er sich bis dahin keine Gedanken gemacht und seine Leser offensichtlich auch nicht. Die Abonnenten seiner Cozy War Crime Animationsfranchises kannten ihn als Martin Hartmann, der trotz seiner wortkargen Natur stets ein freundliches Lächeln und einen skandalfreien Lebenslauf vorzuweisen hatte. Und in der Sword & Boardrooms Szene war er als J. R. Anderson aufgetreten. Zweifellos seine blasierteste Persona, deren Arroganz in der Regel jedoch weniger heftig diskutiert wurde als der Cliffhanger ihres jüngsten Geniestreichs.
Einen Chris gab es im Grunde nicht. Nur die fabrizierten Helden, welche die drei Säulen seines Content-Imperiums stützten. Natürlich hatten die Helden nicht den gleichen Status inne, da seinen Pseudonymen nicht der gleiche Erfolg beschieden war.
Er starrte auf den mittleren Bildschirm, der voll und ganz J. R. Anderson gewidmet war. Dem Eisbären, der alle seine Rivalen verjagt hatte und nun auf einer schmelzenden Scholle festsaß. 16 Buchreihen zu je 84 Bänden. Darauf basierend 5 Streaming-Serien und sogar eine Trilogie im Format der Leinwandära, mit einem der heiß begehrten Datensätze aus den Hollywood-Archiven. Ein Rechencluster unermüdlicher KI-Soldaten, das über die Grenzen des Möglichen hinaus optimiert war und Neuseeland auf der Stromverbrauchsskala zu überholen drohte, hatte diesen Virtuosen geschaffen.
