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Kann es ein Student mit Datengöttern und Wildmenschen aufnehmen?
Es ist eine Frage, die sich Jimmy King bislang nicht gestellt hat. Bislang hatte er auch ein gemütliches Dasein in den Universitätscontainern. Das ändert sich jedoch, als er durch seine Abschlussprüfung rasselt.
Nun muss der Studienkredit abbezahlt werden und zwar schnell. Die digitale Unterwelt verspricht das schnelle Geld. Aber Jimmy ist nicht als Einziger auf der Jagd. Und er ist bei Weitem nicht der tödlichste Jäger...
Der Auftakt der Neobarbaren-Serie entführt in ein fremdes Berlin, wo der Klimawandel und Nationalstaaten nur noch graue Erinnerung sind. Alles ist hyper-optimiert und hyper-reguliert. Eigentlich dürfte es keine Konflikte mehr geben. Eigentlich gibt es auch keine. Zumindest offiziell...
Steckt genug Barbar in dir, um es mit dem 30. Jahrhundert aufzunehmen?
Stürz dich in den Kampf und beweis es!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
I
Plünderer
Klotz Van Ziegelstein
Marc Cuny
c/o Postflex #7876
Emsdettener Str. 10
48268 Greven
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Selig ist er, der nie das Licht der Zivilisation gesehen hat.
- Berliner Cluster, Jahresstatistik:
Beliebtheit des Schlossherrn: 89%
Biologische Bevölkerung: 12 Millionen
Digitalisierte Bevölkerung (registriert): 92 Millionen
Durchschnittliche IR-Nutzung: 20 Stunden pro Tag
Problematisches Gedankengut: 5%
Erfolgreiche Resozialisierungen: 42
Ausgesprochene Verbannungen: 6
Gerechtigkeitsindex: 4.3
Lichtgilden: 31
Schattengilden (Schätzwert): 29
Akkordstufe: 77
Gleichgewicht: intakt
Kein Stamm ohne Regeln. Und keine Regel ohne das Schwert, das sie durchsetzte. Auch in den Bastionen von Tugend und Technologie war noch immer Blut die verlässlichste Tinte.
Die Armmuskeln des Gefangenen begehrten auf. »Keine Spielchen mehr«, sagte Terbish und verstärkte seinen Griff. »Ihre Götter haben Sie nicht aufgegeben, Kristjan. Es ist nicht weise, von der Gnade zu fliehen.«
Der Ellbogen des Gefangenen drückte gegen seine Jacke. Verzweifelt. Schwach. »Geht das nicht in deinen Schädel? Sie sind nicht meine Götter.«
»Unsterblich und allwissend«, erwiderte Terbish. »Mit Gewalt über alle Seelen, die waren und sind. Ist das nicht die Beschreibung eines Gottes?« Seine Stiefel pflügten durch Pfützen, kappten Rinnsale. Die Überbleibsel des Kunstschauers, der auf diese Nacht angesetzt gewesen war.
Ein Schnauben prallte an seine Jacke, doch die Handgelenke gaben den Kampf gegen den Strick auf.
»Höchstens eines falschen.«
Terbishs Blick wanderte über die vierrädrigen Maschinen, die sich in Reih und Glied zur Ruhe gelegt hatten. Aus den Windschutzscheiben sprangen ihn seine Züge gleich einem Raubtier an. »Falsch oder nicht, die Geisterherren hätten weit größere Opfer von Ihnen verlangen können. Nach der Therapie sind Sie ein geläuterter Mann. Frei, einen neuen Pfad einzuschlagen.«
Der Vorhang zerfranster Strähnen geriet in Bewegung, ein trotziges Augenpaar funkelte auf.
»Du weißt so gut wie ich, dass mich keine Therapie erwartet, Kopfsammler. Die werden mein Hirn durch nen Fleischwolf drehen.«
»Ich weiß nur, dass unsere gemeinsame Reise hier endet.«
Terbish prüfte einmal mehr die Umgebung. Mehr aus Gewohnheit denn wirklichem Erfordernis.
Kristjan hatte keine Verbündeten mehr. Nicht in dieser und in keiner anderen Welt.
Eine leer gefegte Straße schlang sich um den Parkplatz. Die angrenzenden Hausfassaden waren ein Wall, dessen Fenster sich zu schwarzen Schießscharten gewandelt hatten. Lediglich ein Türrahmen war mit Edelsteinlampen verziert. Darüber luden strahlende Buchstaben zu einem Gelage im Fellatio-Corsair ein.
Das Ende des Parkplatzes rückte immer näher. Und mit ihm das Glastor der Zitadelle. Die Bruchstücke Natur zwischen den Trakten erweckten einen Eindruck von Beschaulichkeit. Doch hinter den Sträuchern patrouillierten Hunde, während von den Bäumen aus Vogelgeschwader die Eingänge im Blick behielten. Ein Zeichen, dass die Anlage zu gleichen Teilen Gefängnis und Heilanstalt war.
Die Wachdrohnen schwenkten ihre Kameraaugen wesentlich ungerührter auf die frische Bewegungsquelle, als es menschliche Beobachter getan hätten. Die Schürfwunden in Kristjans Gesicht waren realitätsecht, die Fetzen in seinem Gewand ebenfalls. So realitätsecht, wie es nur die Realität sein konnte. Jedem wäre klar gewesen, dass er nicht von einem Kostümball kam. Andererseits hätte sein Erscheinungsbild wohl derart viele Fragen aufgeworfen, dass die Schockpistole in Terbishs Faust niemandem aufgefallen wäre.
Der Gefangene verkürzte seine Schritte, um das Unvermeidliche hinauszuzögern. Seine Augen waren auf den Haupteingang fixiert, über dem eine Leuchttafel Resozialisierung ankündigte. Schweißflecken hatten sich auf dem Untergewand gebildet.
Terbish suchte die Angst des Entführten zu dämpfen. »Die Monde hinter diesen Wänden werden nicht mehr als ein Staubkorn in der ewigen Steppe sein, die Sie vor sich haben.« Kristjan stieß ein Lachen aus, das zwischen Wut und Verzweiflung schwankte. »Philosophie? Aus dem Mund eines Wilden?« Sein Rücken krümmte sich.
»Wahrlich, der Barbar ist des Barbaren Löschung. Die Neun haben um die Trollkrone gewetteifert, als sie euresgleichen zurückriefen.«
»Denken Sie, die obersten Geister würden sich solche Späße erlauben?«
»Was verstehst du schon von unserer Gesellschaft?«
»Ich verstehe, dass Sie heute Nacht mit dem Kopf auf den Schultern schlafen werden.«
Der Mann erbleichte, aber sein Gang nahm das alte Tempo auf. Offenbar hatten die Worte für eine neue Perspektive gesorgt.
Bei ihrem Eintreten erschallte eine heitere Tonfolge. Der Auftakt zu einem Frontalangriff von Harmonie und Eintracht auf alle Sinne. Tropfenförmige Lampen fluteten den Raum mit warmem Orange, falsches Gras federte unter ihren Schuhen. Hinter dem Empfangstresen rauschten Bilder lächelnder Menschen über die Wand. Jedes Gesicht, das aus den Fleischkliniken in die Welt entlassen worden war, schien Berücksichtigung gefunden zu haben. Lavendelgeruch drängte sich der Nase auf.
Kristjan zog eine Grimasse und hätte wahrscheinlich auf der Stelle kehrtgemacht, wenn ihn Terbish nicht weiter in den Raum bugsiert hätte. Der Tresen war unbesetzt. Aus dem Flur eilte jedoch ein Mann in Weiß heran, begleitet von einer Metalldrohne. Es war ein ihm unbekanntes Modell, doch Terbish nahm von den Poren entlang der Greifarme Notiz. Er ahnte, dass sich in den Löchern Nadeln verbargen.
»Ich möchte einen neuen Patienten melden: Kristjan Enginnsson. Er wird seine Therapie noch heute antreten.«
»Ist das so?«, entfuhr es dem Betreuer. »Er sieht aber eher wie ein Fall fürs Krankenhaus aus.« Etwas in dem Pergamentgesicht rührte an Terbishs Erinnerungen. Sie standen sich nicht zum ersten Mal gegenüber.
Ein weißer Ärmel schob sich vor die Nase. »Und was ist das für ein Gestank?«»Maschinenöl«, antwortete Terbish. »Kristjan hatte ursprünglich eine lange Reise geplant und sich dazu in den Eingeweiden eines Shuttles verkrochen.«
Seine Erklärung scheiterte daran, die Skepsis aus der Gelehrtenmiene zu vertreiben. Terbish grub sein Gedächtnis auf der Suche nach einem Namen um.
»Und woher der plötzliche Sinneswandel?«
»Ich habe ihm geholfen, seine Prioritäten zu überdenken.«
Die zweifelnden Augen sprangen von Terbishs Pistole zum Loch, das in der Jacke des Gefangenen klaffte. Die Ränder waren verkohlt.
Obwohl sich der Seelenheiler um einen gelassenen Auftritt bemühte, waren Terbish die Vorkehrungen der Drohne nicht entgangen. In den Poren der rechten Handfläche hatte es zu funkeln begonnen. Seine Identität mochte den Anwesenden ein Rätsel sein. Seine Herkunft jedoch nicht. Selbst nach all den Jahren schleppte er einen Rest Außenwelt mit sich herum. Einen Abdruck der Wildnis, gegen den die beste Seife und das sauberste Hemd nichts ausrichten konnten.
»Überprüfe die Klinikaufzeichnungen, Gerhard, wenn du mir nicht glaubst. Kristjan sollte auf heute angekündigt worden sein.«
Nun war er auf den richtigen Namen gestoßen. Der Ärmel senkte sich langsam.
»Sind wir uns schon einmal begegnet?«
»Begegnet man dir nicht in jeder Sozialanstalt?«
Der rechte Mundwinkel des Mannes krümmte sich aufwärts. »Es gibt eben keinen besseren Korrektologen als mich auf dem Erdball. Dreihundert Jahre Berufserfahrung holt man so schnell nicht ein.«
Terbish ließ die Pistole in die Schlaufen seines Wehrgehänges gleiten.
»So scheint es.«
Gerhard wandte den Kopf nach hinten, wie wenn die Leere über dem Tresen nach ihm gerufen hätte. Er lauschte mehrere Herzschläge konzentriert. Dann nickte er.
»Kristjan wurde tatsächlich als Prioritätseintritt gemeldet. Von der Schlossherrin persönlich.« Die Drohnenarme zuckten.
»Sechzehn Monate Intensivtherapie.«
Auf die Feststellung folgte Stille. Der Rasen knisterte, als der Heiler sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Das Chromantlitz der Drohne tat sich leichter damit, den darin tobenden Konflikt zu unterdrücken. Pflichtbewusstsein drängte darauf, den Patienten in Gewahrsam zu nehmen. Angst dagegen auf möglichst großen Abstand zu Terbish.
Er erleichterte ihnen die Entscheidung. Ein kurzer Handgriff und der Strick glitt von Kristjans Handgelenken. »Meine Aufgabe ist erledigt«, sagte Terbish im Wegdrehen. »Gute Nacht.« Er konnte beinahe spüren, wie die Anspannung aus der Lobby entwich.
Nun, da auch die letzte trügerische Barriere gegen die Behandlung gefallen war, kehrte die Furcht des Regelbrechers zurück. »Warte! Du kannst mich nicht hier zurücklassen!«»Sie werden überleben«, antwortete Terbish, ohne seine Schritte zu verlangsamen. Die Drohne breitete ihre Arme aus.
»Nein! Ich …«
Die Türautomatik würgte seinen Protest ab. Feuchte Nachtluft ersetzte den Lavendelgeruch. Sofern an diesem Ort überhaupt von Nachtluft die Rede sein konnte.
Ein schwarzer Pfeil stieß aus dem Himmel herab. Im nächsten Herzschlag spürte Terbish den vertrauten Druck auf seiner Schulter. Er schaute zum Falken. Sein Gefieder ließ sich nicht von dem eines echten Vogels unterscheiden. Denn es war echt. So echt wie der Rest des Tiers, herangezüchtet unter den falschen Sonnen dieser Welt und durch Maschinenhexerei umgestaltet.
»Ich könnte mich an Nächte wie diese gewöhnen.«
Der Vogel legte den Kopf schief, erwiderte aber nichts. Auf dem Rückweg fiel Terbish auf, dass die Hunde am Rand des Parkplatzes ausharrten. Ihre Augen folgten ihm. Jemand wollte sicherstellen, dass er die Anlage verließ.
Der Transporter hatte sein Nahen unlängst registriert und auch seine Absichten korrekt eingeschätzt. Noch bevor sich sein Fuß ein letztes Mal gesenkt hatte, glitt die Seitentür auf. Der Einsatz hatte seine Spuren im Innenraum hinterlassen. Klebeband und eine Seilrolle lagen zwischen abgeknickten Bechern auf dem Boden. Vom Wasserspender hing eine Atemmaske.
Sein geflügelter Begleiter stieß sich ab und landete auf der Sitzbank. Ein gewöhnlicher Falke hätte sich nicht auf dem Polster niederlassen können, ohne es mit seinen Krallen aufzuschlitzen. Doch in dieser Welt jagten nur Menschen. Und ihre Schatten.
Er bückte sich ins Innere. Die Seitentür glitt von selbst an ihren alten Platz. Als sich Terbish auf die Rückbank fallen ließ, kamen ihm seine Arme plötzlich schwerer vor. Aber auch in dieser Nacht holte ihn die Müdigkeit nicht ein. Sie würde ihn nie mehr einholen.
»Gute Arbeit.«
Obwohl sie ihren Leib vor Jahrhunderten verlassen hatte, wohnte in der Stimme noch die militärische Strenge des JVK. »Kristjans Einlieferung sollte die Wogen in Ishöll glätten. Wenn man vom Protokoll des Tribunals ausgehen kann, sind seine Gedanken auf eine äußerst gefährliche Schiene eingeschwenkt.«
Die Worte sickerten aus der Fahrzeughaut. Ohne die Wucht echter Überzeugung. Auch in der reinsten Seele fand sich das Herz eines Dämons, wenn man lange genug hinsah. Und die Hüter der Zivilisation hatten nicht weniger als die Ewigkeit, um hinzusehen.
»In der Klinik wird er die richtigen Gedanken bekommen.«
»Das wird er.«
Der Motor erwachte mit einem schläfrigen Ruck. Terbish streifte den Umhang ab. Seine Hände verharrten über den Nieten des Wehrgehänges.
»Wir fahren nicht zurück in den Unterschlupf, oder?«
»Du hast es erraten«, entgegnete die Geisterstimme. »Das Festland ruft. Genauer gesagt Berlin.«
Terbishs Arme sanken herab.
»Was ist geschehen?«
»Es gab einen Überfall auf den Hauptsitz von CortexSync. Dein Flug geht in einer Stunde.«
Nach der Ankündigung schwiegen die Wände und Terbish fühlte, dass der Geist aus ihnen gewichen war. Die Falkenaugen blieben auf ihn fixiert, während der Transporter aus der Parklücke schlich.
Er rutschte zum Fenster. Sein Fußknöchel stieß gegen etwas Hartes. Ein Blick nach unten konfrontierte ihn mit dem Lauf des Sternenspalters. Der Eisenschlund reckte sich unter der Bank hervor, als hätte er dem Gespräch gelauscht.
»Zügle deinen Durst«, raunte Terbish, wohl wissend, dass die Waffe auf dem Kontinent zur Genüge Blut getrunken hatte. Und es mit Freude wieder täte. Bis er der letzte Barbar in den Türmen wäre.
Die Jagd hatte kein Ende.
»Es tut mir außerordentlich leid, Herr King, aber Ihr Fall scheint eindeutig«, sagte die Frau und richtete verlegen ihre Brille. »Advanced Social Management ist ein Pflichtfach Ihres Studiengangs. Und das war Ihr dritter Fehlversuch …«
»… und damit bin ich draußen«, versah Jimmy die Aussage mit dem ernüchternden Schlusspunkt. Der Mangel an Emotionen in seiner Stimme überraschte ihn. Sie klang so teilnahmslos wie der Regen, der sich gegen die Fenster warf. Als hätte er soeben dem Ausschlussgespräch eines anderen Studenten beigewohnt. Als wären nicht zehn seiner eigenen Blutjahre im Nichts verpufft. Und doch bestand kein Zweifel an seiner gegenwärtigen Lage.
Die Beratungs-KI wich seinem Blick mit übermenschlichem Können aus. Immerhin hatte er ein attraktives Modell vorgesetzt bekommen. Blond im Business-Look, mit einem Hauch von Bibliothekarin veredelt. Nicht dass man in diesen Gängen noch auf ein Regal gestoßen wäre. An den Schalthebeln der Freien Universität 6.34 klammerten sich bekanntlich einige Fossile fest, aber auch sie hatten einsehen müssen, dass Wissen in virtuellen Räumen weniger Platz verschwendete als in der Realität.
»Ich bedaure, an Ihrer Situation nichts optimieren zu können. Aber die Bestimmungen der Hochschulallianz lassen wenig Spielraum. Sie werden für die Wirtschaftswissenschaften gesperrt.«
Die Mimik der Frau simulierte Anteilnahme. Unter ihrem Blazer stach der Humus hervor, durch Recyclingtechnologie und den Eifer eines Weltverbesserers in Stuhlform gepresst. Der Eifer hatte weit genug gereicht, um die Sitzgelegenheit auf der ganzen Länge des Konferenztisches zu duplizieren. Ein Sieg für den periodisch wiederkehrenden Nachhaltigkeitskult, der gleich einem schimmelnden Zombie stets dann aus seiner Gruft torkelte, wenn man ihn endgültig für tot erklärt hatte.
Der letzte Auftritt des Zombies lag schon zwei Jahre zurück. Auch damals war die Allianz an vorderster Front dabei gewesen und hatte die technisch orientierten Fakultäten zur Herstellung einiger umweltfreundlich anmutender Kuriositäten animiert. Sobald der Zombie in seine Gruft zurückgeschlurft war, hatte man bei den Projekten den Stecker gezogen.
Jimmys eigener Sessel knirschte launig, als er sich vorbeugte. Dieses Mal hatte die Modewelt den Zombie wachgetrommelt. Und er würde bis zum Ende der Trendwelle bleiben: Bio war in, Synthetik war out.
»Ich schätze, damit ist eigentlich alles gesagt.«
»Es steht Ihnen nach wie vor frei, sich für einen anderen Studiengang anzumelden.«
»Und wieder zehn Jahre in den Sand zu setzen?«
Er ließ sich in den ovalen Sessel zurücksinken. Zwischen seinem Kunstfaserpullover und dem komprimierten Biomaterial kam es seit Beginn der Unterhaltung zu Reibereien.
»Darauf kann ich verzichten.«
Die KI parierte seine Bitterkeit mit einem verständnisvollen Nicken. »Die Entscheidung liegt bei Ihnen, Herr King.« Ihre Stimme hatte in einen neuen Modus gewechselt: Akustische Streicheleinheit. Den Folgeworten wurde die Härte dadurch nicht genommen.
»Ich muss Sie leider darüber informieren, dass mit dem Ausschluss von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Ihr Anrecht auf kognitive Erweiterung verwirkt ist.«
Die Hände von Jimmys Avatar griffen nach der Tischplatte, fanden am Eichenholz jedoch keinen Halt.
»Das heißt?«
»Alle Denkmodule, die Ihnen durch das Studium zugewachsen sind, müssen entfernt werden.« Sie stand auf. »Ein Synchronisierer ist bereits reserviert. Bitte folgen Sie dem Pfeil.«
Jimmy hörte der Frau nur noch mit halbem Ohr zu. Sein Blick ging durch ihren Avatar hindurch, hinaus auf die Ziegeldächer von Schloss Dahlem. Auch dort fand er keinen Halt. Der metallische Horizont entzog ihm die Hausmodule, danach die Fensterrahmen und den Tisch. Die Sachbearbeiterin nahm er sich als Letztes.
Er starrte wieder auf die Blechwand. Seine Finger bohrten in den Lehnen des Biosessels. Das Einzige, was von der IR-Session geblieben war. Er kämpfte sich aus dem Humus, gehemmt durch die schwere Kost, die man ihm aufgetischt hatte.
Auf dem Weg zur Tür steigerte sich sein Tempo. Er wollte fort aus diesem Raum, fort von den Metallwänden, die ihm seinen Traum geraubt hatten.
Vor dem Zimmer warteten drei Studenten auf abgespeckten Editionen des Biosessels. Zwei langhaarige Kerle in engen Röhrenhosen und eine Frau mit pinkem Sweatshirt, auf das der stolze Schriftzug Do your own thing aufgedruckt war.
Das Geräusch der aufschwingenden Tür riss die Kommilitonen aus ihrer Trance. Der Mann auf dem linken Stuhl erhob sich schwankend. »Das ging aber schnell.« Jimmys Achselzucken misslang. Zu schwer war das Gewicht, das sich auf seine Schultern gesenkt hatte.
»Klarer Fall.«
Seine Antwort erreichte die Welt des Mitstudenten nicht mehr. Die Hose schien kurz vor dem Zerreißen, als er den Sitzungsraum betrat. Die anderen beiden sanken nach einem flüchtigen Rundumblick zurück in ihre Träume. Die Frau schloss dabei die Augen. Offenbar ein ruhigerer Trip. Ihr Nachbar musterte den Boden hingegen mit der Euphorie eines Goldgräbers, der nach Jahren fruchtloser Bemühungen auf eine Ader gestoßen war.
Jimmy entfernte sich von den Sitzen. Das geriffelte Blech stimmte unter seinen Air Climbers hohles Gelächter an. Er spürte die Blicke der Deckenkameras im Rücken.
Nummerierte Türen gingen vom Flur ab. Jene, die offen standen, waren Fenster in den Wirtschaftsalltag. Studenten schrien KI-Assistenten über Tische hinweg an, ruderten mit den Armen in der Luft. Börsenkrisen und Absatzeinbrüche, bis ins kleinste Detail durchexerziert.
»Reserven ausschütten!«
»Ladet den verdammten Solow!«
»Bei der unsichtbaren Hand, wo ist das Optimum?«
Ein grüner Pfeil schoss an Jimmy vorbei und blieb über einem Türrahmen hängen. Die Anweisung der Sachbearbeiterin kroch aus dem Abfalleimer seines Gedächtnisses. Am liebsten hätte er den Pfeil ignoriert. Doch ihm war klar, dass er jetzt nicht den Bad Boy raushängen lassen durfte. Die Allianz würde ihn bis in die untersten Kellerstockwerke verfolgen, um ihr Eigentum aus seinem Intellekt zu schneiden.
Er seufzte und stieß die markierte Tür auf. Die Leuchtröhren im Raum waren auf eine niedrigere Stufe heruntergefahren worden. Entlang der Wände warteten Liegevorrichtungen darauf, Besucher in ihre Spinnenarme zu schließen.
Drei Synchronisierer waren schon besetzt. Eine der Frauen warf den Kopf hin und her, die andere murmelte unverständliche Worte.
Der Mann schlummerte wie ein Betonklotz. Tropfen quälten sich von aufgehängten Beuteln in Schläuche.
Jimmy schleifte sich zum Bett, über dem der Pfeil angehalten hatte. Das Summen der Matratzen begleitete ihn. Sie ernteten kein Lob für die bedingungslose Hingabe, mit der sie die Glieder der Lernenden massierten. So weit bestand das Feedback lediglich aus einem versabberten Kinn und verdrehten Augen. Die seligen Gesichter der Auserwählten, die mit Wissen vollgepumpt wurden.
Die Arme des Synchronisierers stürzten sich auf ihn, kaum dass er sich unter sie gelegt hatte. Klammern wurden an seine Finger geheftet, neugierige Linsen über seinem Gesicht in Stellung gebracht. Die Nadel des Infusionsschlauchs drang mit einem heißen Stich in seinen Unterarm ein.
»Sagt nicht, dass ich jetzt nochmal ein Jahrzehnt hier liegen muss.«
Die Reaktion auf seinen Kommentar ließ nicht lange auf sich warten. Die Sachbearbeiterin erschien am Fußende der Liege.
»Seien Sie unbesorgt, Herr King. Desynchronisation ist eine simplere Prozedur. In einigen Stunden werden Sie Ihr altes Selbst sein.«
Jimmy schaute zur Decke. »Wenn das Ganze so simpel ist, warum mich dann durch einen REM jagen? Ich bin vielleicht zu dumm für die Wirtschaftswissenschaften, aber Speicherplatz in meiner Rübe freimachen kann ich selbst.«
Die KI wählte einen vorsichtigeren Ton. »Wenn Sie die Löschfunktion Ihres World Companions verwenden, besteht das Risiko eines Traumas.« Jimmy presste die Arme an die Seiten.
»Genau das, was ich hören wollte.«
Eine Drohne klinkte sich aus der Handfläche eines Greifarms aus und kontrollierte den Sitz der Kabel, ehe sie sich auf seiner Stirn festsaugte. Vom Bett der anderen Studentin trieb entschlossenes Murmeln herüber. Jimmy hätte alles dafür gegeben, mit ihr zu tauschen.
Die Finger einer kühlen Intelligenz griffen nach seinen Gedanken, entrissen ihm die Kontrolle. Die Brille der Sachbearbeiterin schob sich in sein Sichtfeld.
»Die Hochschulallianz wünscht Ihnen auf Ihrem weiteren Lebensweg alles Gute.«
Nina spürte ein Kribbeln im Bauch. Mittlerweile war das Dickicht nicht mehr zu bändigen. Die purpurnen Kissen ihrer Couch waren hinter einer Mauer aus T-Shirts verschwunden, die Fensterscheiben durch erwartungsvolle Gesichter ersetzt worden. Es war der größte Besucheransturm, den ihre Charakterdomain je gesehen hatte.
Sie strich das Abendkleid glatt. Seidige Anmut aus dem Hause Castello. Wer auch immer den Algorithmus für den Schnitt ausgearbeitet hatte, war ein Meister seines Fachs gewesen. Der Stoff betonte ihre Figur, ohne sie zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Genau so, wie sie es sich erhofft hatte. Schließlich waren es nicht ihre weiblichen Reize, die dem Publikum in Erinnerung bleiben sollten.
Nina nahm einen letzten Schluck aus dem Becher, den sie auf dem Tisch bereitgestellt hatte. Dann lockerte sie die Schultern, vergegenwärtigte sich den Text der ersten Strophe.
Der Schaumboden unter ihren Pumps verblasste, ebenso wie die zerwühlte Decke ihrer Schlafnische und der hässliche Buckel der Staubsaugerdrohne. Bis die Improved Reality zu ihrer einzigen Realität geworden war.
Sie stand im Zentrum eines Stadions, dessen Ränge an einem goldenen Sternenhimmel kratzten. Wellen warfen sich über ihre Schuhspitzen, in dem aussichtslosen Bemühen, sie unter die Oberfläche zu ziehen.
Schon für sich genommen war die Bühne ein Augenschmaus: Eine Wasserscheibe, in trägem Flug und von innen heraus erleuchtet. Dass Ninas Avatar nicht darin versank, war lediglich das Tüpfelchen auf einem i, welches von vornherein mit den Naturgesetzen gebrochen hatte. Die Schranken der biologischen Welt galten nicht im Omninet. Hier galten andere Gesetze. Die Gesetze von Ikonen und viralen Trendströmungen.
Obwohl sich das Gewicht tausender Blicke auf sie gesenkt hatte, nahm sich Nina einen Moment Zeit, um den Livestream zu prüfen. Sie wollte sicherstellen, dass die Menge freien Zugang zu ihrem Loft hatte. Seit ihre Karriere ins Rollen geraten war, hatte mehr als ein Neider versucht, sie als Fake hinzustellen.
Nach diesem Auftritt wäre die Echtheit ihrer Stimme bewiesen und der Chor kritischer Stimmen endgültig mundtot gemacht. Rohes Biotalent, selbstbewusst und authentisch vorgetragen. Das wären die Prinzipien, für welche die Ikone Nina Stone stehen würde. Zu diesem Zweck hatte sie auch die IR-Trickkiste ungeöffnet gelassen. Ihre virtuelle Persona war ein schonungsloses Spiegelbild der echten Nina.
Sie holte Luft. Die ersten Töne von Lucys Female Eternity trieben durch das Stadion. Das war der Moment, auf den sie die vergangenen Jahre über hingearbeitet hatte. Der Triumph, den ihr kein Hater würde nehmen können. Sie öffnete den Mund.
Ein Krächzen stieg aus ihrer Kehle. Nina hätte sich beinahe auf die Zunge gebissen, so tief saß der Schock. Sie unternahm einen zweiten Anlauf. Diesmal fanden ihre Stimmbänder die richtige Tonlage, konnten sie aber nicht lange halten.
Ein Raunen lief durch die Menge, Augenbrauen wanderten nach oben. Nina tat alles, um die Macht ihrer Stimme zu wecken, aber selbst nach mehrfachem Räuspern brachte sie keinen anständigen Ton heraus. Das Kleid kam ihr plötzlich enger vor und zu den imaginären Spritzern der Wasserscheibe gesellte sich die reale Kälte von Schweiß.
Nicht der Text war das Problem. Sie hätte die Worte im Schlaf runterleiern können. Ebenso wenig ließen sich Heiserkeit oder ein trockener Hals für den Aussetzer verantwortlich machen. Das Problem war gravierender.
Ihre Stimmbänder hatten vergessen. Das Training, die zurückliegenden Showeinlagen, nichts von dieser Erfahrung war abrufbar. Als ob sie nie zuvor gesungen hätte. Als ob das ihre erste Übungsstunde wäre.
»Eine unangenehme Sache, dieses Lampenfieber, nicht wahr? Es erwischt selbst die Besten der Besten und das in den ungünstigsten Situationen.«
Nina fuhr herum und musste sogleich einen Schmerzensschrei unterdrücken. Ihre virtuelle Hüfte hatte ausreichend Platz für die Drehung gehabt, ihre echte war dagegen in die Kante des Wohnzimmertischs geprallt. Es klirrte. Das Trinkglas war zu Boden gestürzt. Nina blendete das Geräusch aus. Die Scherben waren ihr egal. Das Ziehen in der Seite war ihr egal. Alles war ihr egal angesichts der drohenden Blamage.
»Wer wagt es?«, rief sie zu den Tribünen. »Wer gegen mich hatet, soll gefälligst den Mumm haben, es mir ins Gesicht zu sagen!«
Ein Hüsteln war die Antwort.
»Hier unten, Frau Stone.«
Sie senkte den Blick. Ein Mann war am Rand des schwebenden Pools aufgetaucht. Mit seinem Anzug wirkte er wie ein Geschäftsmann, der sich in die falsche Welt verirrt hatte. Nina zwang ihren Körper zu einer beherrschten Haltung. »Falls Sie wegen Interviews oder Werbeverträgen hier sind, müssen Sie bis zum Ende der Vorstellung warten.«
Der Neuankömmling schlenderte über die Wasserfläche. »Ich fürchte, dieser Vertrag kann nicht bis zu den Memoclips warten.« Wo seine Schuhe auf die Wellen trafen, erstarrten sie zu Eis. Nina betrachtete die Frostspur irritiert. Das war ihre Charakterdomain. Außer ihr hätte niemand in der Lage sein sollen, am Setting herumzupfuschen. Oder hatte sie einen Omninet-Administrator vor sich?
»Ich habe keinen Bedarf an technischer Beratung, vielen Dank.«
»Sind Sie sich da sicher?«
Nina schielte zu den Bankreihen. »Ich bezweifle, dass Sie mir bei dieser Angelegenheit helfen können. Entweder Sie warten bis nachher oder wir sind hier fertig.« Ihr Seitenblick war dem Fremden nicht entgangen.
»Machen Sie sich um den Pöbel mal keine Sorgen. Für ihn sieht das Ganze nach einer Übertragungsstörung aus. Leider keine Seltenheit bei dem aufstrebenden IR-Star, der sich seine unlimitierte Bandbreite erst noch verdienen muss.«
Er lächelte. »Außerdem sind Sie heute wohl mit der falschen Stimme aufgestanden, oder nicht?« Nun, da der Mann auf wenige Armlängen herangekommen war, fielen ihr seine Augen auf. Sogar gemessen am Surrealismus des Omninets hatte das Schwarz etwas Widernatürliches. Zwei Tore in eine dunkle Unterwelt.
Nina war sich plötzlich sicher, dass dieses Geschäft nicht auf die Anpreisung einer Antifaltencreme hinauslaufen würde.
»Was wollen Sie von mir?«
Das Lächeln des Anzugträgers wuchs in die Breite. »Ich will Ihnen helfen.« Eine Woge zerbrach knisternd unter seiner Schuhsohle. »Natürliches Talent ist so eine fragile Blume. Gießt man zu selten, verdorrt es. Und gießt man zu oft, verendet es ebenfalls. Eine Schande, wenn sich Potential nicht entfalten kann.«
Ninas Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Sie hatte die Fäuste geballt. »Was wollen Sie damit sagen?«
Der Mann zupfte an seiner schwarzen Krawatte.
»Lassen Sie mich deutlicher werden: Sie haben am 14. April einen Vertrag mit The Next Stage abgeschlossen, um Ihre Sichtbarkeit zu boosten.«
Ninas Kinn bewegte sich. Für ein vollständiges Nicken reichte es nicht.
»Ich vertrete ein Kollektiv, das signifikante Anteile an The Next Stage hält. Und Ihr rasanter Aufstieg hat uns aufmerksam werden lassen. Es erfüllt uns natürlich immer mit Stolz, wenn der nächste IR-Star durch unsere Infrastruktur hervorgebracht wird.«
»Von was für einem Kollektiv sprechen wir hier?«, fragte Nina. »Sind Sie ein Investor?«
»In gewisser Weise.«
Wieder das Lächeln, diesmal mit unverkennbarer Überlegenheit. »Für Sie ist nur wichtig zu wissen, dass uns genauso an einem reibungslosen Fortgang Ihrer Karriere gelegen ist wie Ihnen.«
Nina ließ ihren Blick über die Ränge schweifen. Die meisten Avatare rutschten auf ihren Plätzen umher, immer mehr ungeduldige Gesichter verschwanden aber auch. Mit jedem leeren Sitz brach ein weiteres Stück aus ihrem Traum. Nina merkte erst jetzt, dass ihre Hände zitterten.
»Sie waren das, nicht wahr? Sie haben etwas mit meiner Stimme gemacht!«
Der Fremde ging bedächtig um sie herum, das Knacken seiner Schritte wurde härter. Bedrohlicher. »Die schönste Stimme der Welt ist nutzlos, wenn die Erfahrung fehlt, von ihr Gebrauch zu machen. Und selbst wenn die Erfahrung vorhanden ist …« Er ließ den Satz unvollendet und tippte sich stattdessen gegen die Schläfe.
»Was für ein unzuverlässiges Speichermedium die Natur dem Menschen doch mitgegeben hat. Es verrottet zusammen mit dem Rest seines Fleisches. Datenverluste sind unvermeidbar. Meine Vorgesetzten möchten Sie vor tragischen Fehlfunktionen dieser Art schützen, Frau Stone.«
Ninas Fuß stieß gegen die Ausläufer des Frostrings, als sie einen Schritt zurück machte. Das Eis klirrte realistisch.
»Was ihr Schutz nennt, nenne ich Erpressung.«
Sie öffnete ein IR-Fenster. »Ich rufe die Polizei.«»Nur zu«, erwiderte der Mann mit einem Schulterzucken. »Ich habe Zeit.« Eine Sanduhr materialisierte sich im Portal. Die Körner liefen einmal komplett von der oberen in die untere Hälfte. Dann drehte sich das Icon. Dann nochmal. Und nochmal. Und nochmal.
Schließlich gab sie auf und wandte sich den Tribünen zu. »Helft mir!« Etliche Avatare waren zu Wachsfiguren erstarrt. Ein sicheres Anzeichen, dass ihre Besitzer anderer Unterhaltung den Vorzug gegeben hatten.
Manche schossen frustrierte Blicke auf die Wasserfläche ab, doch auch sie schienen Ninas Hilfeschrei nicht zu hören.
Sie spürte das Lächeln des Anzugträgers bereits, ehe sie sich umdrehte. Die Gewissheit, trotz des gefüllten Stadions allein mit ihrem Erpresser zu sein, traf sie mit der Wucht eines Hasskommentars.
»Wie lautet die Forderung eures Kollektivs?«
Der Mann schob die Hände übereinander. »Keine Forderung. Ein Angebot. Wir sorgen dafür, dass die heutige Panne ein einmaliges Erlebnis bleibt. Gegen ein kleines Entgelt, versteht sich. Betrachten Sie das Ganze als eine Versicherung.«
»Und wie hoch ist das Entgelt dieser Versicherung?«
»Sechshunderttausend Lifepoints.«
Nina stockte der Atem.
»So viele Statuspunkte habe ich nicht!«
Der Erpresser richtete eine Manschette an seinem Ärmel. »Durch den Verkauf des RW und Ihres Apartments sollten Sie dem Betrag näherkommen.«
»Das Apartment? Und was wird danach aus mir?«
Sie verschränkte die Arme. »Ich gehe nicht zurück in die Wohnregale, das könnt ihr euch gleich abschminken!«
»Auf dem Weg zum Ruhm müssen Opfer gebracht werden.«
Seine gleichgültige Miene war eine einzige Provokation.
»Wisst ihr was? Ihr könnt euch zum Teufel scheren. So lasse ich nicht mit mir umspringen!«
Die Wasserfläche gefror komplett. »Bedauerlich«, sagte der Fremde, weiterhin mit seiner Manschette beschäftigt. »Das Omninet verliert heute ein strahlendes Jungtalent. Aber es wird darüber hinwegkommen. Immerhin stehen genug andere Sternchen in der Schlange.« Er sah hoch und Nina erhielt zum ersten Mal einen Eindruck von dem unversöhnlichen Hass auf dem Grund der Augenschächte.
Sie schluckte ihre Angst herunter. »Ich melde mich in einer Klinik an. Was auch immer ihr in meinem Kopf angerichtet habt, ein Klempner wird es geradebiegen.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Und glauben Sie, dass Sie nach Erhalt der Rechnung nach wie vor bei Castello einkaufen werden?«
»Was habe ich denn von eurem Kollektiv außer Worte?«
Ninas Wut ließ sich nicht länger im Zaum halten. »Welche Garantie habe ich, dass ihr mich in Ruhe lasst?«
»Sie wären schon von selbst auf die Antwort gekommen, wenn Sie Ihre grauen Zellen für etwas anderes als die Pflege Ihres Egos einsetzen würden.«
Seine aschfahlen Hände zogen sich in die Hosentaschen zurück.
»Eine erfolgreiche Gesangskarriere fährt mehr Geld ein als eine gescheiterte. Simple Mathematik.«
Die Augenschächte sogen das Licht aus der Umgebung. »Ich habe nicht gelogen. Unser Kollektiv will Nina Stone am Unterhaltungshimmel sehen. Bis der Stern ausgebrannt ist.« Er kehrte sich ab und strebte dem Rand der Eisfläche entgegen. »Sie finden alle relevanten Zahlungsdaten auf Ihrem WC. Die monatlichen Raten werden automatisch in Abhängigkeit Ihres Erfolges skaliert.«
Vor der Kante hielt er noch einmal inne. »Ihre Gedanken waren nicht völlig auf dem Holzweg, Frau Stone. Das Omninet unterliegt anderen Gesetzen als die Realität.« Er schenkte ihr eine letzte Dosis seines unheimlichen Lächelns.
»Aber es sind nicht die Stars, die diese Gesetze schreiben.«
Sein Avatar löste sich in schwarzen Rauch auf. Und Nina dämmerte jäh, was für ein Geschäftspartner sich ihr soeben aufgezwungen hatte.
Das Stadion zerfiel zu nichts. Hinter den Tribünen empfing ihn die Rasterlandschaft seiner Arbeitsumgebung.
Ein Gedanke beschwor Diagnosegraphen zur Sängerin. Die Kurven bestätigten ihm, was er bereits wusste: Nina Stone würde zahlen.
Sein Blick schweifte durch die Rasterwelt. Auf einem Feld, das sich ebenso im Zentrum wie in der Periphere befinden konnte, war das Innenleben einer Dating-Synapp ausgebreitet. Maschineninstruktionen stapelten sich Zeile für Zeile übereinander, eingerahmt von Absturzberichten und Schnappschüssen des Neuralspeichers.
Die gesamte Simulation wartete darauf, dass er den Seziervorgang fortsetzte.
»Genug von der Welt der Lebenden, Boss?«
Er drehte sich nach links. Eine Schwefelwolke segelte durch das Gittermeer heran. Der Affe am Bug hatte die Pose eines Kapitäns eingenommen.
»Offensichtlich.«
Die Wolke holte zu einer Kurve aus, bevor sie an seiner Schulter andockte.
»Sicher, dass dieser Abstecher keine Zeitverschwendung war?«
»Es ist nie Zeitverschwendung, sich unter die Leute zu mischen.«
Sein Assistent verschränkte die Arme. »Für das Eintreiben von Schutzgeld gibt es Skripte. Falls du das vergessen haben solltest.«
»Ich habe es nicht vergessen.«
Ein weiterer Gedankenbefehl reichte aus, um aus dem IR-Fleisch des Geschäftsmanns in das eines Standardavatars zu schlüpfen.
»Aber aus Daten allein bekomme ich kein Gefühl für dieses Jahr.«
Er manövrierte den neuen Körper zum Programmausschnitt. In den Tiefen seines Bewusstseins erwachte das Softwarebündel der Natur und begann, uralte Befehle auszuspucken. Gleichgültig gegenüber der Frage, ob sie an diesem Ort überhaupt verstanden wurden oder nicht.
Die schablonenhaften Beine interpretierten die Anweisungen korrekt und strampelten in der Leere. Eine Manifestation des Primaten, dessen Denkmuster ihn auch nach dem Tod begleiteten. Möglicherweise würde ihm der Aufstieg in die Ränge der Nephilim jene Instinkte austreiben. Aber bis dahin war es noch eine lange Ewigkeit.
Die Wolke des Affen heftete sich an seine Fersen. »Ich habe an einer Kopie deiner Sitzung weitergearbeitet.« Ein zweites Fenster wurde neben das erste geschnitten. »Hier sind ein paar Instruktionen, die dich interessieren könnten.«
Der Quadratkopf deutete ein Nicken an. »Guter Fund.« Er überflog den Inhalt des Fensters. Die Zeilen, auf die ihn sein Assistent hatte hinweisen wollen, waren rot eingefärbt.
»Wie spät ist es?«
Der Affe fischte eine Kupferuhr aus den Tiefen seines Fells. »Genau 21:52, Boss.«
»Danke, Maimun.«
Nahm man es genau, war der Assistent ein ineffizienter Zusatz. Obwohl die Gilde Mitgliedern seines Rangs enge Schranken aufzwang, bewegten sich seine mentalen Kapazitäten weit über denen eines Fleischdenkers. Er hätte hunderte Aktivitäten parallelisieren können, ohne sich dafür auf den Krückstock eines KI-Helfers stützen zu müssen.
Das Defizit, zu dessen Eindämmung er den Affen hinzugezogen hatte, war ein anderes: Die Anfälligkeit des menschlichen Verstandes für den Wahnsinn, der in der Isolation lauerte.
38 Stunden war es jetzt her, seit er aus der Datenbank geladen worden war. 38 Stunden seit er seinen ersten Gedanken im Jahr 2987 geformt hatte. Sein Blick kam erneut auf den Maschineninstruktionen zur Ruhe. »Zeile 154986 ist interessant. Vielleicht …«
Ein Schatten drängte in sein Sichtfeld. »Betrachte alle deine Aufträge als abgeschlossen, Novize.« Die Rasterlinien krümmten sich unter der zischenden Stimme des Ressourcenverwalters. Wie so oft versuchte er, den Umriss mit dem Blick zu fassen. Doch der Schatten entzog sich ihm stets aufs Neue, verharrte am Rand des Sichtbaren.
»Soll das ein Scherz sein?«
»Der Rat versammelt sich. Du wirst gerufen, Ankaa.«
Der Deckel der Kupferuhr schnappte zu.
»Eine Versammlung? Aus welchem Anlass?«
Die Taktfrequenz seines Bewusstseins erhöhte sich, während er die Codefenster terminierte.
»Das Cluster hat in einen nicht vorberechneten Zustand gewechselt.«
Der Wasserstrahl brach ab. Terbish wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und richtete sich auf. Der Spiegel tat sein Bestes, um die Falten aus seinem Antlitz zu löschen. Doch das Feuer kriegerischer Jugend ließ sich in seinen Augen nicht mehr entfachen.
Er füllte seinen Trinkschlauch, bevor er sich zur Tür wandte. Sein Spiegelbild versank in der Dunkelheit. Bodenlampen wiesen ihm den Rückweg. Immer wieder scherte das rastlose Grün aus, kroch an Türnummern empor.
Hinter den Zahlen blieb es still. Die einzigen Geräusche kamen von den Wänden selbst. Metall, das sich spannte. Klagende Schrauben. Zeichen des Kampfes, den die Maschine mit dem Wind austrug.
Schließlich machten die Lichtstreifen vor der richtigen Nummer Halt. Bei seinem Eintreten erwarteten ihn die Falkenaugen. Der Vogel hatte sich einen Wandhaken zum Hochsitz gewählt, in stiller Aufsicht über den Umhang und das Gewehr. Hinter dem Kolben spähten die Pfeilschäfte hervor.
Terbish entledigte sich des Wehrgehänges und begab sich zum Nachtlager. Die Schaummatte verlor ihre Härte, als er sich auf den Rand setzte. Sein Blick ging zum Fenster. Die Lichtpfeiler der Nordinsel waren zu Strähnen verblasst, geschluckt von einem dunklen Meer.
»Hoffentlich hast du dich nicht zu sehr an die Ruhe gewöhnt.«
Das harte Grün einer Schlachtuniform verdrängte die Wellenkämme aus dem Glas. Die Züge oberhalb des Kragens waren so abgescheuert wie der Stoff. Wolfs Antlitz musste einst in einem Zustand festgefroren sein, der sich einzig als siedend beschreiben ließ. In dieser Nacht kochte jedoch nicht allein das Echo vergessener Offensiven unter der Oberfläche.
»Erzähl mir von diesem Überfall«, sagte Terbish. »Wie ist es den Räubern gelungen, die Mauern von CortexSync zu überwinden?«
»Mit quietschenden Reifen, rauchenden Gewehren und Grüßen aus der Mittelmoderne. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand im Netz Vorarbeit geleistet hat.«
Die Miene des Jagdmeisters war inzwischen angebrannt. »Mehr weiß ich nicht. Der Schlossherr des Clusters hat sich auf den Informationsschlauch gesetzt und darauf bestanden, in die Planung einbezogen zu werden.«
Terbish rutschte näher zum Rand.
»Weshalb?«
Die Orden an Wolfs Brust hoben sich. »Du kennst dieses Pack. Politfluencer.« Er spie das Wort aus wie eine schlechte Mahlzeit.
»Leg jemandem die Zügel einer Bastion und ein paar Denkbooster in die Hand und er wähnt sich gleich als der einzige Gott.«
Die Orden senkten sich zurück auf den Fensterrahmen. »Aber Ludwigs Schmeicheleien dringen in höhere Akkorde vor als meine. Ich habe Befehl, ihn dazuzuschalten.«
»Ab wann?«
»Ab sofort. Es gefällt mir so wenig wie dir, alter Freund.«
Terbishs Blick ging durch die Uniform hindurch. Noch klafften Lücken im Wolkengebirge, ausgehöhlt von den Augen des Himmelsherrn. Es geschah nicht mehr häufig, dass sich Terbish dem Urteil des ewigen Zeltes stellen musste. Diesen Silberaugen ohne Wärme und Vergebung.
»Schon verstanden, Konrad. Wir helfen einem Khan, sich wichtig zu fühlen.« Der Einbezug seines Vornamens nötigte dem Jagdmeister eine Grimasse ab. »Ist dir klar, mit wem wir es hier zu tun haben?«
»Ich weiß nur das, was in den Tunneln die Runde macht. Er ist der beliebteste Schlossherr Europas und wird am Ende dieses Mondes zum Datenhimmel auffahren.«
Wolf nickte. Hinter ihm prallten die Wolkenberge aufeinander. »Verglichen mit Ludwig dem Besonnenen war der Christenmessias ein Halsabschneider. Nach diesem Monat wird sich sein Heiligenschein von Berlin bis Pluto spannen. Verhalte dich entsprechend.«
Neben seiner Schulter glühte ein Rahmen auf. Noch vor Terbishs nächstem Atemzug füllte sich das Bild mit den Kanten eines Thrones. Und den Zügen eines ungeborenen Gottes. Diese Züge besaßen allerdings nichts von der Erhabenheit, die der vorangegangene Wortwechsel heraufbeschworen hatte.
Die Haut hatte die Strahlkraft von Teig, der über den Fußboden gerollt worden war. Den charakteristischen Knotenzopf, in den Medien als der Knoten der Enthaltsamkeit bekannt, hatte der Mann gelöst. Das Haar ergoss sich wie eine Kaskade aus altem Stroh auf seine Schultern. Trotzdem war es ohne Zweifel der Ludwig aus den Tunnelbildern und IR-Gesprächsrunden. Der besonnene König.
Der Jagdmeister preschte mit dem freundlichsten Tonfall vor, den er aus seinem Arsenal militärischer Umgangsformen ausgraben konnte. »Guten Abend, Ludwig. Sie haben den Wunsch geäußert, bei der Jagd mitzuwirken. Ich …«
»Ist er das?«, unterbrach ihn der Mann, den Blick auf Terbish gerichtet. Die dunklen Augenringe sprachen eine eindeutige Sprache. Er hatte auf den Anruf gewartet.
»Jawohl«, erwiderte Wolf, jeden Hinweis auf Ärger in seiner grimmigen Haltung verscharrt. »Terbish Mondkummer, der beste Jäger der Schengenbrigade.«
»Hoffen wir, dass er der Beste ist.«
Ludwigs Stimme klang dünn, aber entschlossen. Er saß in einem Bett weißer Kissen, die Beine überkreuzt. Eine Lehne mit mehr Substanz als das Lichtermeer des Clusters benötigte sein Rücken offensichtlich nicht.
»Ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden«, begann der Politfluencer. »Dazu habe ich oft genug Gelegenheit.«
Ein dritter Bildausschnitt schob sich zwischen ihn und den Jagdmeister. Die Empfangshalle eines Bürogebäudes. Geistergestalten in den einheitlichen Konzernwaffenröcken, die von den Turmmenschen Anzug genannt wurden, flossen durch die Glasfassade oder erschienen mitten im Saal. Von Zeit zu Zeit spien die Drehtüren auch einen echten Menschen aus. Auf den mattschwarzen Bodenplatten prangte das Logo von CortexSync. Das Seitenprofil eines Kopfes, mit einer weißen Sonne unter der Schädeldecke.
»Diese Aufnahme entstand kurz vor Mitternacht.«
Ziersäulen aus Marmor reckten sich zu dem unsichtbaren Betrachter empor. Terbish ging davon aus, dass er den Blickwinkel einer Überwachungskamera eingenommen hatte. Die monotone Szene hätte aus dem Alltag jedes Konzernstammes gegriffen sein können. Wenn nur nicht die Transportwagen gewesen wären, die durch die Frontwand gerast kamen.
Der Geschäftsbetrieb verging in einem Scherbensturm. Uralte Instinkte ließen die Gespenster auseinanderstieben, obwohl sie nichts von den Maschinen zu befürchten hatten. Die Blechschnauzen fegten harmlos durch ihre transparenten Körper hindurch. Das Zusammentreffen mit den real anwesenden Personen nahm hingegen denselben Ausgang wie das eines schwachen Tors mit einem Rammbock.
Eine Säule stoppte die Irrfahrt des ersten Wagens. Der zweite krachte in die Treppe und blieb im verbogenen Geländer hängen. Hinter den Scheiben regte sich nichts. Die Kabinen waren leer. »Eine Vorhut«, murmelte Terbish. Wie um seine Vermutung zu bestätigen, verdrängten zwei neue Sonnen das Logo von CortexSync. Ein Geschwader metallischer Reinigungsdrohnen flog in die Halle und wurde von der Doppelexplosion zurück an die Wand geworfen. Blechstücke bohrten sich in Empfangsschalter und umgekippte Sessel.
Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, war ein dritter Transporter zu erkennen, der bedächtig in die Lobby vorfuhr. Die tanzende Menge auf den Seitenwänden spaltete sich, als die Türen zurückschnellten. Der Maschine entstieg ein Trupp, dem der Sinn nicht nach Feiern stand.
Geländeschuhe zermalmten Splitter, dicke Witterungsjacken verbargen Gesichter unter ihren Kapuzen. »Die Polizei hat ermittelt, dass die Skiausrüstung in Trient gekauft wurde«, merkte der Schlossherr an und strich sein Haar zurück. Die Kraterlandschaft von Wolfs Gesicht geriet in Bewegung. »Dann führt die Spur in die Alpen?«
Ludwig schüttelte den Kopf und musste sich daraufhin weitere Strähnen aus dem Gesicht streichen. Unter ihm hetzten die Angreifer zu den Liften. Ein Quartett eskortierte eine Industriedrohne, deren Rumpf träge über die Treppenstufen schwebte. Einer aus der Gruppe bemerkte die Deckenkamera und zog etwas aus seiner Jacke. Die Übertragung endete abrupt.
»Die Räuber hatten ein klares Ziel. Das Projektarchiv. Es gab keinen Widerstand.«
»Hatte das Gebäude keine Schutzvorrichtungen?«, fragte Terbish. Es klickte, als sich Wolf eine seiner Tabakrollen anzündete. Seine zusammengekniffenen Augen verschwanden hinter einer Rauchwolke. »Die Sache stinkt nach einer Schattengilde. Firmensitze wie der von CortexSync sind Festungen. Bis zum Anschlag vollgestopft mit Laserfallen und Wachdrohnen.«
Der Schlossherr beugte sich vor. »Die Hand der Unterwelt zeigt sich tatsächlich im Hergang der Ereignisse.« Das Räucherwerk am Fuß seines Herrschaftssessels rief alte Erinnerungen wach. Erinnerungen an Schamanen, die bis zum Morgengrauen Bannformeln sangen und Opfergaben auf Altären darreichten.
Terbish holte seine Gedanken zurück in die Gegenwart. Ludwigs Erzählung hatte sich unterdessen weiterbewegt.
»Die Drohnen haben nicht auf die Befehle aus der Überwachungszentrale reagiert. Erst durch einen Systemneustart erlangte das Personal die Kontrolle zurück.«
Wieder löste sich eine Strähne aus seinem Schopf. Diesmal beließ es der Clusterkönig nicht bei einer Handbewegung, sondern fasste die Haare zu einem Knoten zusammen. »Gezielte Sabotage.«
Eine neue Aufnahme besetzte den Platz der Vorgängerin. Dieselbe Schar, nun aber in einem weiß getäfelten Korridor. Fliegende Hände brachten die Industriedrohne vor einer Stahltür in Position. Das Lichtmesser glühte auf.
Szenenwechsel. Rückkehr in die Eingangshalle. Der neue Beobachter glitt langsam über den Tross hinweg. Das Industriemonstrum suchte Terbish zwischen den Kapuzen vergeblich. Im ersten Moment sah es so aus, wie wenn die Räuber das Archiv mit leeren Händen verlassen hätten. Dann jedoch verrutschte der Ärmel eines Vermummten und offenbarte die leuchtende Glaskugel in seiner Hand. Die Fliesen rauschten plötzlich schneller vorbei, die Rückwand schwenkte außer Sicht. Tellerförmige Silhouetten drängten vom Rand ins Bild. Nach der Kurve entluden die Drohnen einen Hagel aus Gummischrott und Schockblitzen. Die Abwehr von CortexSync hatte ihre Fesseln abgestreift.
Drei Räuber kreuzten die Pfade der eisblauen Klingen und sackten zuckend in die Knie. Ein anderer wankte weiter, nachdem ihn eine Schrottsalve an der Schulter getroffen hatte. Bevor er hinter einem Tisch in Deckung gehen konnte, erwischte ihn eine zweite Salve an der Schläfe und riss die Kapuze nach hinten. Sein Oberkörper fiel mit der Wucht eines nassen Sacks auf die Tischplatte. Die Stoffmaske war auch in der Benommenheit ausdruckslos. Eine verspiegelte Brille bedeckte die Augen, wie man sie in den Gebirgsetagen wahrscheinlich zuhauf an begeisterten Köpfen angetroffen hätte.
Das Waffenarsenal der unwillkommenen Gäste stand dem Improvisationsgrad ihrer Kleidung in nichts nach. Flaschenbomben wurden aus den Tiefen der Jacken gefischt und gegen die schwebenden Widersacher geworfen. Manche aus der Gruppe besaßen Schusswaffen, die echten Gewehren nachempfunden waren. Doch der rohe Glanz des Metalls, der schwarze Qualm aus den Patronenkammern, das alles waren Brandzeichen falscher Druckmaschinen und noch falscheren Pulvers.
Für Terbish hielt das Ende der Konfrontation keine Überraschungen bereit. Das Eingreifen der Sicherheitskräfte erfolgte zu spät, um der Bande den Weg zum Fluchtwagen abzuschneiden. Ebenso fehlte ihnen die Feuerkraft, um die Maschine fahruntauglich zu machen. Das Gefecht hatte rein symbolische Natur. Der frustrierte Protest von CortexSync, wonach man die Handlungen der Besucher nicht billigte.
Davon unbeeindruckt kämpften sich die Diebe zum Lieferwagen vor. Selbst die außer Gefecht gesetzten Kameraden wurden mitgeschleift. Der Abzug beinhaltete dieselben Schritte wie die Ankunft, bloß in umgekehrter Reihenfolge. Dass der Gummischrott den Lack zerkratzte, konnte den Dieben egal sein.
Der Transporter rollte aus der Halle und verschwand in der Nacht. Zwischen dem Jagdmeister und dem Schlossherrn gähnte die offene See.
»Was genau wurde gestohlen?«, fragte Terbish in die Stille. Der besonnene König lehnte sich noch näher zur Kamera. Feine Rauchfäden griffen nach seiner Nase. »Das ist ein weiterer Punkt, in dem die Hand der Unterwelt zutage tritt.« Er senkte die Stimme, als ob er fürchtete, von der Stadt unterhalb seiner Warte belauscht zu werden.
»Das Archiv von CortexSync beherbergt viele Schätze. Aber die Raubbande hatte es auf eine ganz bestimmte Beute abgesehen. Ein Projekt mit dem Codenamen Chrono.«
Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. »In der Konzerndatenbank ist Chrono als eine Marketing-KI gelistet. Doch es besteht der Verdacht, dass es sich um etwas weitaus Gefährlicheres handelt: Einen Backup des dunklen Prinzen.«
»Unmöglich«, kam es aus Wolfs Rauchwolke. »Derartige Software zu horten wäre gleichbedeutend damit, Himmel und Hölle auf einen Endzeitkrieg zu sich nach Hause einzuladen. Nicht einmal die Gier des skrupellosesten Managements reicht so weit.«
»Ich nehme Namen wie diesen nicht leichtfertig in den Mund«, beharrte Ludwig nun wieder lauter. »Einer der Neun hat die Dokumente gesichtet.«
Ein roter Punkt glühte in den Schwaden auf, als Wolf an seiner Rolle zog.
»Und wie lange war der Backup in diesem Keller?«
»Vermutungsweise elf Jahre. Aber sein Status war nicht der eines Sammlerstücks. Es gab immer wieder Tests, zum Teil auch in externen Forschungseinrichtungen.«
Ein Schnauben zerfetzte den Dunstschleier. »Wie hat es CortexSync geschafft, das so lange geheim zu halten?«
»Sie wussten selbst nicht darüber Bescheid. Erst durch den Diebstahl ist die Geschäftsleitung auf die Ressourcen aufmerksam geworden, die in das Projekt geflossen sind.«
Der Rauch verzog sich komplett. Das Grau hatte sich in den Zügen des Jagdmeisters niedergeschlagen. »Dann war Chrono nicht das Projekt von CortexSync sondern einer Schattengilde.«
Der Schlossherr warf einen Blick über die Schulter. Doch die Säulen seines Tempels waren noch nicht zum Leben erwacht.
»Wer den Konzern unterwandert hat, ist nebensächlich. Für uns ist relevant, dass der Backup zwischen den Tests in einem Taschenuniversum aufbewahrt wurde. Und genau dieses wurde nun gestohlen.« Terbish sah wieder die Kugel vor sich, mit ihren Adern aus Licht, die in einem eigenen Herzschlag pulsiert hatten. Dem Herzschlag des Dämonenvaters. »Und wer ist nun im Besitz des Universums?«
»Wahrscheinlich die Göttermörder«, antwortete Ludwig und faltete die Hände im Schoß. Eine Bö rüttelte an der Maschine. Durch ihr Wüten sank Terbish in den Schaum. »Das ist der Name eines zerschlagenen Clans.« Er bereute es sofort, seine Überlegungen nicht in zivilisiertere Worte gekleidet zu haben.
Das irritierte Flackern in den Augen des Turmmenschen währte nur für den Bruchteil eines Herzschlags. »Das dachte ich ebenfalls. Aber seit dem vergangenen Sommer scheint die Gruppe wieder aktiv zu sein. Außerdem mehren sich die Zeichen, dass Matt Über die Fäden zieht.«
Neue Bilder trieben durch Terbishs Bewusstsein. Diese stammten aus einer jüngeren Vergangenheit. Die hängenden Maschinenarme einer Lagerhalle, von Gewehrfeuer erhellt. Das Schmatzen eines Messers, das durch Fleisch glitt.
»Matt Über starb durch meine Hand.«
»Und jemand hat ihn zurückgebracht«, erwiderte der Schlossherr. Die ersten Regentropfen landeten auf dem Glas. »Vermutlich derselbe Hintermann, der das Sicherheitssystem von CortexSync neutralisiert hat.«
»Falls sich in diesem Taschenuniversum tatsächlich eine Inkarnation des dunklen Prinzen befindet, werden die Göttermörder nicht weit kommen«, wandte der Jagdmeister ein. »Die ganze Unterwelt wird hinter ihnen her sein. Egal wie mächtig ihre neuen Freunde sind, vor dem Morgengrauen sind sie gelöscht.«
Ludwig vergrub die Faust in einem Kissen. »Sie müssen gar nicht weit kommen. Allein die Tatsache, dass sie den Schatten des Unterweltfürsten in die Welt hinausgetragen haben, ist ein Rezept für Chaos.«
Terbish verfolgte die Bahnen des Regenwassers. »Dieser Überfall passt nicht zu den Göttermördern. Zu waghalsig.«
»Die Beweislage sagt etwas anderes«, widersprach der Mann. »Aber ja, der Überfall passt nicht in ihr Schema. Gerade deshalb bin ich besorgt. Wir können es uns nicht leisten, gefährliche Artefakte wie dieses in den Händen von Terroristen zirkulieren zu lassen.«
Terbishs Verstand belagerte die Frage, ob das glanzlose Auftreten des Schlossherrn echt war oder doch eher Teil eines wohlüberlegten Schauspiels. Er schätzte den Besonnenen als einen typischen Anführer des Turmvolkes ein, der jeden Aspekt seines Lebens unter Kontrolle hatte. Selbst nach einer schlaflosen Woche wäre ein Anrufer zu jeder Tageszeit mit dem perfekten Cluster-König aus den Medien verbunden worden.
Andererseits war Ludwigs Herrschaft über Berlin jung. Die Frucht eines Blitzkriegs, dem eine unbekannte Anzahl Rüstjahre vorausgegangen war. Wahrscheinlich hatte er noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit Dämonenjägern und daher die Vorstellung, Männer von Terbishs Herkunft wären auf solche Illusionen angewiesen. Auf einen König, der aus den Reihen des Fußvolkes stammte.
Die Faust des Politfluencers öffnete sich. »Es gibt Hoffnung. Das Universum wurde zur Lagerung jeweils verriegelt. Zum Schlüssel findet sich allerdings nichts in den Projektaufzeichnungen. Wenn das Glück auf unserer Seite ist, tappen die Göttermörder und ihre Verbündeten diesbezüglich ebenso im Dunklen wie wir.«
»Das kauft uns Zeit, keinen Sieg«, sagte der Jagdmeister mit ungerührter Miene. »Wie lauten die Befehle von oben?« Ludwig stützte die Hände auf die Knie.
»Neutralisation der Göttermörder und ihrer Verbündeten, sofern möglich. Den Backup in Gewahrsam zu nehmen, hat oberste Priorität.«
Aus den Wolken jagte das Grollen des ewigen Tengri heran. Die Scheibe knackte.
»Wenn Chrono und CortexSync noch einmal Schlagzeile machen, dann weil das Taschenuniversum an seinen alten Platz zurückgekehrt ist. Die Bürger sollen sehen, dass wir Sicherheit gewährleisten und Terroristen ihrer gerechten Strafe zuführen.«
Er lehnte sich ein weiteres Mal nach vorne. »Ich habe nach Ihrem besten Jäger verlangt, Oberst Wolf.« Sein Ton erwärmte sich. »Selbstverständlich vertraue ich aber darauf, dass Sie für die Bewältigung dieser Krise von sämtlichen Ressourcen Gebrauch machen, die Ihnen als Schirmherr der Eurozonen zur Verfügung stehen. Beenden Sie, was schon damals hätte beendet sein sollen.«
Der ehemalige Konzernkrieger verschränkte die Arme vor der Brust.
»Die Schengenbrigade wird Sie nicht enttäuschen.«
»Ich nehme Sie beim Wort, Oberst.«
Ludwig schenkte der Kamera sein bestes Lächeln.
»Gute Jagd.«
Einen Lidschlag später war Terbish allein mit dem Jagdmeister. »Hätte nicht gedacht, dass Matt Über noch einmal aufsteht«, sagte Wolf. Seine Finger zerdrückten den Tabakstummel, ehe sie ihn freigaben. Der Punkt verglühte über dem Ozean. »Manche Bastarde müssen wohl zwei Köpfe verlieren, um ihre Lektion zu lernen.« Terbishs Augen wanderten zum Sternenspalter.
»Wenn ich erneut der Henker von Matt Über sein soll, werde ich Ausrüstung brauchen.«
In Wolfs Gesicht vermischte sich der Grimm erstmals mit so etwas wie Freude. »Dein Partner wird dich mit dem Material erwarten. Es sollte auch etwas nach deinem Geschmack dabei sein.« Terbish stemmte sich aus der Matte.
»Mein Partner? Heißt das, ich rücke mit einem Trupp aus?«
»Es heißt, dass du von jetzt an einen Partner hast.«
Terbishs Gesichtsausdruck musste die Umwälzungen in seinem Innern wiedergegeben haben, denn der Konzernsoldat lachte auf. »Mach mal nicht so ein Gesicht. Du gehörst mittlerweile zum älteren Eisen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es dich trifft.«
Das Schwarz aus der Tiefe brach durch die Uniform. »Jäger können nur von Jägern geformt werden. Du kennst die Tradition.«
Das Kratergesicht versank in der Nacht. Terbish harrte an der Scheibe aus. Sein Herzschlag verlangsamte sich und er hatte das Gefühl, auf die Täler seiner Heimat zu blicken. Karg und ohne Ende, besetzt von totem Stein und Gras. Und mit dem ewig blauen Zelt über den Gipfeln. Doch dann kam der nächste Herzschlag und vor ihm öffnete sich einmal mehr der Schlund des Ozeans.
Er legte sich auf die Schaummatte, die Augen zur Decke gerichtet. Tengris Pfeile erhellten die Kabine, während er sich sammelte.
Jimmy stolperte aus der Luke. Jeder Schritt stellte eine Herausforderung dar. Sein Kopf fühlte sich an wie Watte.
»Von wegen simpel. Wenn das hier kein Trauma ist, was dann?«
Ein warmes Lichtviereck am Ende der Kammer versprach Erlösung. Jimmy hielt darauf zu.
Zu beiden Seiten seines Pfades stachen die abgebrochenen Zähne von altem Mauerwerk aus Boden und Decke. Provisorisch montierte Leuchtröhren holten das Notwendigste aus den Schatten, übergingen jedoch tunlichst die Armierungseisen in den entlegeneren Regionen.
Der Löschvorgang hatte Jimmys Wahrnehmung so arg verprügelt wie den Rest seines Denkens. Das Lichtviereck lief zunächst vor ihm davon. Dann stand er plötzlich unter dem Rahmen.
Er drehte sich um. Für einen letzten Blick auf sein altes Leben.
Die Containeranlage hätte zu einer Tetriswelt gehören können, deren Spielergemeinde in der ersten Runde den Exodus angetreten hatte.
Das Logo der Hochschulallianz prangte auf den rot angestrichenen Metallwänden. Zwei gekreuzte Schreibfedern in unschuldigem Weiß, eingeschlossen vom silbernen Rad des Berliner Clusters. Die Mehrheit der Bullaugen war von innen erhellt. Ein Labyrinth metallener Leitern und Treppen stellte die Verbindung zwischen den Containern her. Auf dem Flachdach des vordersten Klotzes lungerte eine Handvoll Kommilitonen herum. Dampf kringelte sich aus ihren Beruhigungstees. Einzelne Fäden scherten aus und streckten sich nach dem Betongewölbe. Keiner erreichte es.
Der Blechkistendschungel verdankte seine Existenz den Auslagerungsbemühungen der Allianz. Die Universitätsgebäude im Dahlem-Turm quollen längst über. Um eine größere Verteilung zu erreichen, hatte man an strategischen Orten mit dem Bau neuer Institutionen begonnen.
Einer dieser Orte war ein leerstehendes Wohnmodul auf Ebene 53 gewesen. Das Bauheer der Allianz hatte ein paar Wände geplättet und im entstandenen Freiraum die Container abgeladen. Eine Übergangslösung bis zum Abschluss der Bauarbeiten.
So hatte der ursprüngliche Plan ausgesehen. Der offiziellen Pressemitteilung zufolge hatten die Projektleiter die Kosten unterschätzt. Ein Statement mit der idealen Mischung aus Krisenmeldung und Verwaltungslangeweile, um den Abbruch des Projekts zu rechtfertigen, ohne den Medien mehr als unspektakuläres Fußnotenmaterial zu liefern. An den Fakten hatte die Formulierung wenig geändert. Der Geldhahn war zugedreht und die Übergangslösung zum definitiven Resultat geworden.
Jimmy versuchte sich auszumalen, wie der fertige Saal ausgesehen hätte. Die Mauerstummel wären unter Parkett verschwunden, die Eisenskulpturen in den Skeletten von Treppen und Galerien aufgegangen. Eine ehrgeizige Vision, die nun ins Reich der Träume verbannt war.
»Das wars«, murmelte Jimmy und trat aus dem Schatten des Durchgangs.
»Game over.«
Bereits nach seinen ersten Metern auf dem Chrombürgersteig hatten ihn sechs Gleitteppiche überholt. Er konnte nicht anders, als ihren Passagieren nachzuschauen. Sie hatten die gerade Haltung von Erfolgsmenschen, deren Rücken durch fette Lifescores und die Lobgesänge einer Anhängerschaft gestützt wurden. Jede Handbewegung dirigierte ein ganzes Orchester an Einnahmequellen und Geschäftskontakten.
Sie kamen aus dem gelobten Land, in dem sich auch Jimmy hatte ansiedeln wollen. Einem Reich über dem passiven Konsum der Masse. Einem Reich der Eigeninitiative und Selbstbestimmung. Doch nun hatte man ihn aus dem gelobten Land verstoßen. Und wo sich einst die Schwingen des Übermenschen befunden hatten, klafften Datenlöcher.
Jimmy ließ den Kopf hängen. Das Smartglas der Straße gewährte ihm Einblick ins Leben von Etage 52. Er konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, über jenen verschwommenen Gestalten zu stehen. Er war schon auf das Feld eines Fußgängerübergangs getreten, als dessen Farbe auf rot wechselte. Fluchend rettete er sich vor den anfahrenden Yolotas zurück auf den Gehweg. Auch nachdem die Kolonne längst über alle Tunnel war, ließ sich das Rot mit dem Verblassen Zeit.
Während er die Straße überquerte, schlug er die Kapuze hoch. An der Tunnelwand bot ihm eine zwielichtige Agentur an, einen Karriereberater vorbeizuschicken. Selten war Jimmy so froh über die Ankunft von Sophie Zens Gesicht gewesen wie heute. Das Lächeln der Mindfluencerin verdrängte alle anderen Werbespotts aus dem Wandabschnitt.
Die Sonnenstreifen an der Decke waren auf die feurige Glut getrimmt, wie sie einer Dämmerung in der alten Welt entsprochen haben musste. Unsichtbare Düsen ahmten einen leichten Nieselregen nach. Für das volle Programm inklusive Nachthimmel wäre der Upgrade auf Improved Reality notwendig gewesen. Doch das Hackfleisch zwischen seinen Ohren fühlte sich noch nicht so an, wie wenn es reif für die Informationsflut aus dem Omninet wäre.
Vielleicht war es auch ganz gut, den Heimweg in der nackten Realität abzuschreiten. Aus diesem Alptraum gäbe es kein Erwachen und keine Flucht. Besser, er gewöhnte sich frühzeitig daran.
Zehn Jahre. Mittlerweile hatte Jimmy den Großteil seiner Zwanziger in den Allianzcontainern verbracht und nichts in den Händen, woraus sich Profit schlagen ließ. Im nächsten Februar bekäme er die dicke Biodrei auf den Rücken und war doch nicht weiter als die Hosenscheißer in den Entfaltungsheimen. Sollte der Tausch von Windeln gegen Hosen die einzige Errungenschaft nach dreißig Jahren Jimmy King sein?
Er trat nach einer zerknüllten Colavega-Dose, worauf diese über das Trottoir trudelte. Die Drohnen von Damians Salatbude dokumentierten sein Tun. Noch fehlte für echten Zorn die Kraft.
Wenn er ehrlich war, hatte er diesen Tag kommen sehen. Bereits in der ersten Prüfungssimulation war Advanced Social Management zu seiner Achillesferse gekürt worden. Das Fach hatte ihm einfach nicht erlaubt, seine Stärken auszuspielen.
Seit dem gescheiterten Anlauf im Master-Studiengang hatte der Revolver an seiner Schläfe gesessen. Beim zweiten Fehlversuch in der Periode des Advanced Master war der Hahn gespannt worden. Und nun, kurz vor dem Grandmaster-Diplom, dem ersehnten Ziel, auf das er all die Jahre hingearbeitet hatte, war die Kugel aus dem Lauf geschossen.
Er bog in eine Seitenmündung. Zwar konnte er die Buchstaben in der Luft nicht sehen, aber er kannte den Namen des Tunnels ohnehin: Honoriusstollen. Ein Name mit viel Pathos, wie sie am Anfang des Millenniums in Mode gekommen waren, als der OC-Kollaps das junge Berliner Cluster zur Identitätssuche inspiriert hatte. Jene Suche hatte einmal mehr zur Ausgrabung des abgenagten Skeletts der Antike geführt.
Jimmys Zuhause entsprach ganz dem Typus des Standardwohnmoduls. Eine nichtssagende Front bestehend aus einem verglasten Eingang und den darüber gestapelten Fensterreihen, fugenlos in die Tunnelwand integriert. Hinter den Scheiben führten erleuchtete Korridore zu den Wohnungstüren. Jimmy näherte sich der Pforte. Das Glas bot ihm die Adresseinträge in einer Tabelle an. Sein rechter Zeigefinger landete nach schlingerndem Sinkflug auf dem fünften Feld:
M. Truthblitz & T. Hardmann, J. King
»Ja?«, meldete sich eine weibliche Stimme. »Ich bin’s«, erwiderte er knapp. Der Enthusiasmus am anderen Ende der Leitung hielt sich in Grenzen. »Ich hab dich fünf Mal zu erreichen versucht, Jimmy. Warum ist dein Status auf abwesend? Bist du zu einem Offer geworden oder was?«
Er kratzte sich auf der Stirn. Seine Haut schimpfte immer noch über die Saugnäpfe der Drohne.
»Damit hast du vielleicht gar nicht mal so Unrecht.«
»Schwing deinen Arsch rauf. Wir müssen reden.«
»Komm mir nicht wieder mit Ausreden! Der Monatsplan hängt in deiner Domain!« Monikas Gesichtszüge beherrschten das Sonnensystem schillernder Werbeanzeigen und Sozialfeeds.
Jimmy blickte verstohlen auf die animierte Omega an seinem Handgelenk, um abzuschätzen, wie lange die Tirade noch andauern würde. Er hatte die nackte Realität nicht mehr ausgehalten, obwohl die IR-Planeten keinen Schutz vor dem strengen Gestirn im Zentrum boten. Fast eine Stunde hatte ihn seine Mitbewohnerin nun schon in der Mangel. Auf Ermüdungserscheinungen wartete er vergeblich.
Monikas Gemütsstatus hing neben ihrem rechten Ohr und hielt auch das Omninet über ihr Befinden auf dem Laufenden.
Mein Mitbewohner treibt mich in den Wahnsinn. Warum benehmen sich so viele Männer wie kleine Kinder?
Der Gedankengang hatte bereits zwanzig Lifepoints und die langatmige Hasstirade eines Followers aus Schweden eingeheimst, in der Misogyne und Faschisten der Suizid nahegelegt wurde.
Seine Hand langte nach der Dose, die er sich aus dem Kühlschrank genommen hatte. Das Logo von Candy Empire war auf die Aluwand gestanzt. Jimmy gönnte sich einen nicht zu knapp bemessenen Schluck. Der Zuckercocktail verklebte seinen Gaumen. Ein Warnicon erinnerte ihn an die schwarze Liste des CMG und den Termin mit Diabetes, der ihm eventuell bevorstand. Er stellte den Softdrink zurück auf den Tisch und versuchte zum wiederholten Mal, sein Plädoyer auf die richtige Schiene zu hieven. »Ich weiß, dass ich die Dinge in diesem Monat ein bisschen habe schleifen lassen. Aber derzeit habe ich ein paar Probleme am Hals. Ein paar große Probleme.«
»Ausreden«, erwiderte Monika. »Jetzt hindert dich auch nichts daran, faul rumzusitzen, oder?« Sie zeigte in Richtung Küche. Durch den türlosen Eingang war das Spülbecken einsehbar, dessen Zustand einem Atomwaffentestgelände ernsthaft Konkurrenz machte.
»Ich kümmere mich gleich darum«, brachte Jimmy mit größtmöglicher Entschlusskraft und Unbestimmtheit zugleich hervor. Der Disput überforderte seine Hirnzellen, die unter der Reststrahlung einer ganz anderen Bombe zu leiden hatten.
»Du bist diese Woche für die Küche zuständig, Jimmy. So steht es im Plan. Nicht wahr, Thomas?«
Der Sitzsack gegenüber von Jimmys eigenem wurde zu einer Formanpassung genötigt, als sich der angeforderte Beistand mobilisierte.
»Es ist so, wie Monika gesagt hat.«
Jimmy würdigte den Beitrag keiner Antwort.
Das blasse Bürohemd von Thomas ergänzte seine ebenso geartete Persönlichkeit ausgezeichnet. Sein Erscheinungsbild hätte auf einer Bewertungsskala durchaus ein Attraktiv erzielt. Die blonden Haare waren umsichtig nach hinten gegelt und die Wangen lagen im Schatten eines Dreitagebartes.
Dagegen erfüllte Jimmy mit seinem ungekämmten Kopfbiotop und den secondhand Klamotten, die ihr Muster erst durch Pulverminze erhalten hatten, ganz die Klischees des heruntergekommenen Studenten. Leider war diese Errungenschaft nicht genug, um seinen Platz in den Containern zu sichern.
Monika stampfte auf. »Wir müssen hier wirklich Regeln zu IR einführen. Das ist unerträglich mit euch!«
