Piraten der Karibik - Alexandre Olivier Exquemelin - E-Book

Piraten der Karibik E-Book

Alexandre Olivier Exquemelin

4,6

Beschreibung

Alexandre Olivier Exquemelin ist der Autor des vorliegenden Buches, das 1678 im holländischen Original unter dem Titel "Americaensche Zee-Rovers" erstmalig veröffentlicht wurde. Mitte des 17. Jahrhunderts fuhr er als Bediensteter mit der "Westindien-Kompagnie" nach Tortuga, wo er nach der Versklavung als Freibeuter anheuerte und unter anderem mit dem berühmten Piraten Henry Morgan auf Kaperfahrt ging. Exquemelin berichtet aus erster Hand vom spannenden Piratenleben und vermittelt dem Leser einen realistischen Eindruck in die Welt der Piraten sowie Wissenswerter über Flora und Fauna auf den Karibikinseln. Dieses E-Book behält den zeitgenössischen Charakter der Ursprungsfassung bei und beschreibt eindrucksvoll anhand zahlreicher Bilder, die unter anderem auch als Vorlagen für aktuelle Piratenfilme dienten, das harte und brutale Leben der Freibeuter. Das Vorwort stammt von Rolf-Peter Baacke, der ein ausgewiesener Kenner der Kulturgeschichte der Piraten ist.

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Piratender Karibik

Alexandre Olivier Exquemelin

Piratender Karibik

IMPRESSUM

HEEL Verlag GmbHGut Pottscheidt53639 KönigswinterTel.: (0 22 23) 92 30-0Fax: (0 22 23) 92 30-13E-Mail: [email protected]: www.heel-verlag.de

  2007 HEEL Verlag GmbH, Königswinter

Reprint von: „Die amerikanischen Seeräuber – Ein Flibustierbuch ausdem XVII. Jahrhundert“ von A. O. Exquemelin

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks, der Wiedergabe in jeder Form und der Übersetzung in andere Sprachen, behält sich der Herausgeber vor. Es ist ohne schriftliche Genehmigung des Verlages nicht erlaubt, das Buch und Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer bzw. mechanischer Systeme zu speichern, systematisch auszuwerten oder zu verbreiten.

Lektorat: Christine Birnbaum

Satz: Grafikbüro Schumacher

Printed in: Finidr, Czech Republic

– Alle Rechte vorbehalten –

ISBN 978-3-89880-853-8

INHALTSVERZEICHNIS

Piraticae Americae oderder Amerikanische Seeräuber

BEGLEITWORT VON PETER BAACKE

ERSTER TEIL

DAS ERSTE KAPITEL

Abreise des Reisebeschreibers nach dem westlichen Teil von Amerika im Dienste der Französisch-Westindischen Kompagnie. Rencontre auf See mit einem englischen Kriegsschiff. Ankunft auf der Insel Tortuga.

DAS ZWEITE KAPITEL

Beschreibung der Insel Tortuga. Derselben Gewächse und Früchte. Wie die Franzosen dahin gekommen und zweimal durch die Spanier wieder ausgetrieben worden sind. Und wie der Reisebeschreiber dort dreimal verkauft wurde.

DAS DRITTE KAPITEL

Beschreibung der großen und berühmten Insel Española.

DAS VIERTE KAPITEL

Von den Früchten, Blumen und Tieren, die auf der Insel Española gefunden werden.

DAS FÜNFTE KAPITEL

Von allerhand Getier, das auf der Insel Española gefunden wird, wie auch von mancherlei Vogelarten und von den französischen Bukanieren und Pflanzern allda.

DAS SECHSTE KAPITEL

Handelt von den Seeräubern.

DAS SIEBENTE KAPITEL

Wie die Seeräuber ihre Schiffe ausrüsten, und ihre Lebensart untereinander.

ZWEITER TEIL

DAS ERSTE KAPITEL

Aufkommen des berühmten Seeräubers Francois Lolonois und der Anfang seiner Räubereien.

DAS ZWEITE KAPITEL

Lolonois equipiert eine Flotte, um an der spanischen Küste von Amerika zu landen.

DAS DRITTE KAPITEL

Neue Anstalten von Lolonois, um die Stadt St. Jago de Leon und Nicaragua einzunehmen, allwo er in großem Elende stirbt.

DAS VIERTE KAPITEL

Der Engländer Johann Morgan; seine Herkunft, seine ersten Räubereien und sein Aufstieg.

DAS FÜNFTE KAPITEL

Morgan will die Insel S. Catalina als Piratennest halten, allein es gelingt ihm nicht. Landung in Puerto del Principe und Einnahme dieser Stadt.

DAS SECHSTE KAPITEL

Morgan beschließt, die Stadt Puerto Belo anzugreifen, rüstet seine Flotte und erobert die Stadt mit geringer Streitkraft.

DAS SIEBENTE KAPITEL

Bericht von der Einnahme der Stadt Maracaibo, so an der Küste von Nueva Venezuela liegt, weiters von den Räubereien in dem Maracaibosee und der Zerstörung dreier spanischer Schiffe, so die Räuber am Entkommen hatten verhindern wollen.

DRITTER TEIL

DAS ERSTE KAPITEL

Morgan kommt auf die Insel Española, um eine neue Flotte auszurüsten und damit zum Raub auf die spanische Küste zu gehen.

DAS ZWEITE KAPITEL

Erzählung von der Einnahme des Städtleins Rio de la Hache und dem Wichtigsten, was daselbst vorgefallen ist.

DAS DRITTE KAPITEL

Morgans Abfahrt mit seiner Flotte von der Insel Española und Einnahme der Insel Santa Catalina.

DAS VIERTE KAPITEL

Erzählung der Einnahme des Kastells San Lorenzo de Chagre durch vierhundert Mann, so von Morgan vorausgeschickt worden.

DAS FÜNFTE KAPITEL

Morgan zieht vom Kastell Rio de Chagre mit zwölfhundert Mann aus, in der Absicht, Panama einzunehmen.

DAS SECHSTE KAPITEL

Morgan schickt etliche Fahrzeuge auf Raub in die Südsee aus. Einäscherung der Stadt Panama und Raubzüge durch das ganze Land.

DAS SIEBENTE KAPITEL

Der Reisebeschreiber nimmt seinen Weg längs der Küste von Costa Rica und erzählt, was daselbst vorgefallen, als auch was er daselbst beobachtet hat.

DAS ACHTE KAPITEL

Ankunft des Schreibers dieser Historie am Cap Gracias a Dios. Wie die Räuber mit den daselbst wohnenden Indianern Handel treiben. Lebensart dieser Indianer. Abfahrt von da. Ankunft auf der Insel de los Pinos und Rückkehr nach Jamaika.

DAS NEUNTE KAPITEL

Erzählung eines Schiffbruchs, erlitten von Monsieur Bertrand d´Ogeron, Gouverneur der Insel Tortuga. Wie er samt seinem Volk in der Spanier Hände gefallen; durch welche List er sein Leben salviert. Er unternimmt einen Anschlag auf Puerto Rico, sein Volk zu erlösen, so ihm aber mißlingt. Grausamkeiten der Spanier, an den französischen Gefangenen verübt.

WÖRTERBUCH UND ANMERKUNGEN

BEGLEITWORTVON PETER BAACKE

Für einen kurzen Augenblick in der europäischen Geschichte, während der Renaissance, schienen sich neue Horizonte zu erschließen, die für viele auch von der Hoffnung getragen wurden, ein freieres und humaneres Leben auf diesen Planeten zu verwirklichen.

„Alles ist möglich. Nichts sollte verschmäht werden. Nichts ist unmöglich. Die Möglichkeiten, die wir leugnen, sind nur die Möglichkeiten, die wir außer Acht lassen.“

So zitiert Carlos Fuentes – in seinem bekannten kulturgeschichtlichen Essay Der vergrabene Spiegel. Die Geschichte der hispanischen Welt – den Renaissancegeist mit den Gedanken von Marsilio Fincino. Eingedenk des tatsächlichen Verlaufes der Historie, könnte man hier mit Brecht sagen: „Aber die Umstände, die Umstände (!) sie waren nicht so.“ Die Erfindung einer neuen Welt ist nicht gerade ein simples Unterfangen, die Entdeckung der Neuen Welt ist ein tragischer Fakt der Geschichte dieses Planeten, durchsetzt mit den Geschichten der Piraten und vieler anderer.

Asien ist nicht Amerika, aber 1492 ahnte Kolumbus nicht und wusste es nicht bis an sein Lebensende, dass er die „Neue Welt“ (wieder-)entdeckt hatte. Genauer gesagt einen Teil dieser Welt, nämlich die Bahama-Insel „Guanahania“, die er in Besitz für die spanische Krone nahm, wie viele nachfolgende Inseln und Landstriche der Karibischen-See, und er nannte diese erste Insel „San Salvador“.

Carlos Fuentes schreibt: „Getrieben von Mut, Ruhmsucht, dem Abenteuer der Entdeckung, der Begierde nach Gold und der Pflicht, das Evangelium zu verbreiten, ließ er (Kolumbus) Europa sich selbst im Spiegel des Goldenen Zeitalters und des Edlen Wilden sehen. Denn die Männer und Frauen auf diesen Inseln waren friedlich, unschuldig und geblendet von Glasperlen und roten Hauben.“

Ruhmsucht und Gold und alles was man damit assoziiert, bestimmten denn auch weiterhin die Geschichte der Karibik. Grausamkeit gepaart mit Tollkühnheit, Wagemut und Verzweiflung, Tod und Untergang waren die Wegbegleiter und Nachfolger des merkantil orientierten „Entdeckers“ Kolumbus. In seinem Bordbuch hat er seine epochale Landnahme am Donnerstag den 11. und 12. Oktober 1492 dokumentiert: „Ich blieb weiterhin auf west-südwestlichen Kurs. Wir hatten stark unter hohen Seegang zuleiden, mehr als jemals auf unserer ganzen Fahrt.“

Es scheint so, als wollte sich das Meer, die Naturgewalt der Neuankömmlinge erwehren. Aber nach anstrengenden 66 Tagen und diversen Unbill, bis hin zur Fast-Meuterei der Mannschaften, waren jetzt alle Mannen begierig nach den ersten Zeichen vom neuen Land, auch um endlich der ersehnten „Schätze“ habhaft zu werden.

Kolumbus berichtet von diesem so folgenschweren Tag weiter: „Die Leute der KaravellePinta erspähten ein Rohr und einen Stock, fischten dann noch einen zweiten Stock heraus, der anscheinend mit einem scharfen Eisen bearbeitet worden war; (...) Auch die Mannschaft der Nina sichtete Anzeichen nahen Landes und den Ast eines Dornbusches, der rote Früchte trug. Diese Vorboten versetzten alle in gehobene, freudvolle Stimmung.(...) Als erster erspähte dieses Land ein Matrose, der Rodrigo da Triana hieß.(...) Um zwei Uhr morgens kam das Land in Sicht, von dem wir etwa 8 Seemeilen entfernt waren.“

Am Freitagmorgen, den 12. Oktober 1492 ging Kolumbus an Land, lakonisch fast nebensächlich schreibt er: „Dort (auf der Insel) erblickten wir also gleich nackte Eingeborene.(...) Unseren Blicken bot sich eine Landschaft dar, die mit grün leuchtenden Bäumen bepflanzt und reich an Gewässer und allerhand Früchten war.“

Als geübter Seefahrer und Händler schätzte Kolumbus sofort ab, was dieses neue Eiland für einen Nutzen für ihn haben könnte: Frischwasser, Holz und Früchte, alles sehr nützlich nach langer entbehrungsreicher Seefahrt und für eine mögliche Rückfahrt auch. Seine Betrachtungen über die Inselbewohner sind die eines Machtmenschens, sie orientieren sich vor allem an seinem Vorteil und ob es eventuelle Gefahren zu bedenken gibt. So schreibt Kolumbus weiter: „Sie führen keine Waffen mit sich, die ihnen nicht einmal bekannt sind, ich zeigte ihnen die Schwerter und da sie sie aus Unkenntnis bei der Schneide an fasten, so schnitten sie sich.(...) Im allgemeinen haben sie einen schönen Wuchs und anmutige Bewegungen.“

Gegen die in den Kriegen Europas entwickelten Waffen und deren brutalen Einsatz hatten die Einwohner der Karibik und des amerikanischen Kontinents nichts entgegenzusetzen. Auch wenn schon einige Jahre nach der ersten Landung der Spanier unüberhörbare Kritik laut wurde an dem Gemetzel und Morden im Namen des Goldes und der Kirche. Am deutlichsten vorgetragen von Las Casas in seinem „Kurz gefassten Bericht von der Verwüstung der Westindischen Ländern“, 1552. Hier berichtet Las Casas, der als Bischof seit 1502 in den spanischen Kolonien lebte, von der Ausrottung der Indianer durch die Konquistadoren, es ist die Dokumentation eines Völkermordes von ungeheuerlichen Ausmaßen, eine Sammlung menschlicher Monstrositäten geleitet von der Gier und begleitet von dem Wort des „Herrn“.

„Die Insel Hispaniola war es, wo die Christen (...) zuerst landeten. Hier ging das Metzeln und Würgen unter jenen unglücklichen Leuten an. Sie war die erste (Insel) welche verheert und entvölkert wurde. Die Christen fingen damit an, das sie den Indianern ihre Weiber und Kinder entrissen, sich ihrer bedienten, und sie misshandelten.“

Zwar merkten die Indianer schnell, das diese angeblichen „Götter“ keine vom Himmel gesandten seien konnten, doch ihr Widerstand, ihre Waffen und Strategien waren zu schwach, denen der sogenannten Zivilisation aus Spanien vollkommen unterlegen und die Hilfestellung der wenigen human eingestellten Europäer reichte nicht für das überleben der Edlen Wilden.

Das Buch von Las Casa hatte dennoch eine sensationelle Wirkung – da es besonders von den vielen Feinden Spaniens benutzt wurde, um deren durch Papst Alexander XI. verliehene Monopolposition in der Neuen Welt zu erschüttern. Dieses Buch spielte eine entscheidende Rolle in der Rivalität zwischen Spanien und England, Frankreich und Holland um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts. Der Hass auf die Spanier im Karibischen-Raum speiste sich aus deren Verhalten, ihr brutal verteidigtes Handelsmonopol und den grausamen und unmenschlichen Umgang mit den Indianer und Angehörigen anderer Nationen. Dieser Hass war der bittere Wegbegleiter der Entwicklung im Karibischen Meer und seiner Anrainer und war lebendig und manifest bis weit über das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hinaus, wie dies auch aus den Beschreibungen von Exquemelin zu ersehen ist.

Seit seiner ersten Drucklegung im Jahr 1678 in Amsterdam, bei Jan ten Hoorn, galt das Buch: „DE AMERICAENSCHE ZEE-ROOVERS. Behlsende een Partinent Verhael van alle de Roverye. En Onmemselycke Vreetheeden die de Engelsche en Franse Roovers Tegens de Spanijaerden in America Gepleeght Hebben“, von Alexander Oliver Exquemelin, als authentische Quelle ersten Ranges für die Kulturgeschichte des Piratenwesens in der Karibik des siebzehnten Jahrhunderts. Im Jahr 1679 erschien eine erste deutsche Übersetzung, 1682 und 1684 erschienen zwei spanische Übertragungen. „Den großen Erfolg hatten aber erst die englische und französische Ausgabe: The Buccaneers of America ... by John Esquemeling 1684-85, und Histoire des avanturies flibustiers ... par Alexandre Olivier Oexmelin, Paris 1686“, vermeldet Hans Kauder in seiner Ausgabe des Buches von 1926.

In der Einleitung seiner wohl ältesten deutschen zusammenfassenden Darstellung der „Geschichte der Flibustier“, von 1803 (Tübingen), schreibt J. W. Archenholz, vormals Hauptmann in Königlich. Preußischen Dienst: „Besonders hat man hier als Quellen die in drei verschiedenen Sprachen am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, kunstlos abgefassten Erzählungen dreier Mitgenossen benutzt: Des Engländers Basil Ringrose, des Holländers Joseph Esquemeling, und des (...) Franzosen Ravenau de Lussan. Jeder erzählt die gefährlichen Abenteuer seiner abgesonderten, bald größeren, bald kleineren, mehr oder weniger vermischten Gesellschaft, und überhaupt was er selbst (sic!) gesehen und erlebt hatte.“

Fast alle Publikationen zum Thema Piraterie in der Karibik und darüber hinaus verzeichnen den auch Exquemelins Schrift als herausragende Quelle. So auch Phillip Gosse in seinem als Standartwerk zu bezeichnenden Buch zur Kulturgeschichte der Seeräuber: „The History of Piracy“, aus dem Jahre 1932, (London, New York, Toronto). Gosse nennt Exquemelin den eigentlichen Historiker der amerikanischen Seeräuber. Die erste englische Ausgabe der Bucaniers von 1684 war wie oben schon kurz angeführtäußerst erfolgreich beim Publikum und erschien unter dem Titel: „Bucaniers of America: or, a true accaount of the most remarkable assault commited of the late years upon the coast of West-Idies, by the Bucaniers of Jamaica and Tortuga, Both English and French.“ Auf Grund des Erfolges dieser Ausgabe wurde schon drei Monate später eine erweiterte Ausgabe in zwei Bänden aufgelegt. Diese beiden Bände sind heute absolute Raritäten und erzielen im Handel Höchstpreise. Der zweite Band hat den Titel: „Bucaniers of America. The second Volum. Containing The Dangerous voyage and Bold Attempts of Captain Bartholomew Sharp, and other; performd upon the Coast of the South Sea, for the space of two yaers, etc. From the Original Journal of the said Voyage. Written By Mr.Basil Ringrose, Gent. who was all allong present at these transaction.“

Diese beiden ultimativen Zeitzeugen, Exquemelin und Ringrose, verdanken ihre Popularität sicher auch den schaurigen Darstellungen von Folter, Mord und drastischen Ausschweifungen. Doch diese Ereignisse waren Tatsachen und stehen neben den oft unglaublichen seemännischen und militärischen Taten der Seeräuber jener Tage. In seinen Schriften legt der Zeitgenosse William Dampier beredtes Zeugnis ab von Entbehrung aller Art, aber auch von den enormen Leistungen der Piraten und Freibeuter, die auf Grund ihres Lebenswandels immer auch Arbeiter, Militär, Entdecker und Seemänner zugleich waren. (Vergleiche u.a.: William Dampier: „Freibeuter 1683–1691. Das abenteuerliche Tagebuch eines Weltumseglers und Pirat.“ 1977 Stuttgart-Wien-Bern.)

Archenholz beurteilt die Ambivalenz des Piratendasein als Militär und Historiker aus seiner Zeit heraus: „Man siehet Menschen handeln, die mit sehr geringen Mitteln außerordentliche Wirkungen hervorbringen, und unglaubliche Kräfte entwickeln; Menschen, deren großer Unternehmungsgeist, unbezwingbarer Mut, Tätigkeit, Geduld im Leiden, Entsagung von Bedürfnissen, Verspottung aller Gefahren, und Verachtung des Todes, Bewunderung verdienen, während ihre Laster, ihre Verbrechen, Grausamkeiten und Gräuel aller Art, uns mit Abscheu und Grausen erfüllen.“

Die anhaltende Faszination des Piraten-Phänomens geht genau von dieser hier zitierten Ambivalenz und der romantischen Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens aus. Aber es kommen nicht nur Schwarze oder Weiße Flaggen, sondern wie die Geschichte zeigt, immer beide oder alle möglichen Spielarten dazwischen zum Einsatz.

In seinem Buch: „Unter schwarzer Flagge“, versucht David Cordingly „Legenden und Wirklichkeit des Piratenlebens“ (1995, Zürich.) zu entwirren und Klar-Schiff, mit den Tatsachen, Mythen und Einschätzungen zu machen. Über Exquemelin schreibt er: „Den anschaulichsten Bericht über die Unternehmungen der Bukanier bietet das bemerkenswerte Buch Die amerikanischen Seeräuber. (...)Es enthält bluttriefende Schauergeschichten von Überfällen, Folterungen und Plünderungen, aber auch ausführliche Beschreibungen der Landschaft West-Indiens, seiner Fauna und Flora. (...) Er lebte über zwölf Jahre bei ihnen und war Zeuge vieler Überfälle. Sorgfältige Vergleiche seiner Schilderungen mit spanischen Dokumenten aus jener Zeit haben gezeigt, dass die meisten Fakten stimmen, wenngleich er häufig Ortsnamen und Daten verwechselt.(Siehe auch: Peter Earle: „The Sack of Panama“. 1981, London).

Bei dem unsteten Lebensumständen und der wohl nicht täglich vorhandenen Möglichkeit, immer und überall, ob auf See oder an Land, genaue Aufzeichnungen anzufertigen, ist es doch sehr erstaunlich, dass eine solche Fülle an Fakten und Atmosphäre aus jener Zeit von Exquemeling festgehalten werden konnten.

Über den Autor Alexandre Olivier Exquemelin – wir finden in der Literatur auch die Schreibweisen John Esquemeling, Alexander Olivier Oexmelin auch Joseph Esquemelin oder Squemelin – ist außer seinen im Buch enthaltenen Selbstzeugnissen, er fuhr bei den Bukaniern als Wundarzt mit, wenig bekannt.

In Jan Rogozinskis „Pirates! An A–Z Enzyclopedia“ von 1995, finden wir die Angaben, das Exquemelin 1645 in der Stadt Honfleur an der französischen Westküste geboren wurde, das Sterbejahr wird mit 1700 angegeben. 1666 schiffte er sich nach der Insel Tortuga ein und kam dort am 7. Juli 1666 an. 1669 ging er zu den Bukaniern und fuhr als Wundarzt mit ihnen. 1676 kehrte er nach Europa zurück.

Im Zunftbuch Der Wundärzte (1597–1734) in den Stadtarchiven von Amsterdam ist im Jahr 1679 ein gewisser Exquemelin aus Hornfleur (Frankreich) erwähnt, der dort sein Zunftexamen bestanden hat, also ein Jahr nach seiner Buchveröffentlichung. 1697 ist er nochmals mit den Franzosen in der Karibik und nimmt am Überfall auf Cartagena teil. Zu erwähnen ist, das Exquemelin zu den Hugenotten gehörte, die in einer erbitterten, geschichtlich bedingten Feindschaft zur katholischen Kirche, insbesondere gegen Spanien, standen. Dies erhellt auch seine Ansiedlung in Amsterdam und erklärt seine Haltung in der Karibik, rekrutierten sich doch viele Bukanier aus den von Spanien unmenschlich verfolgten Hugenotte, die das spanische Handelsmonopol, das von der katholischen Kirche sanktioniert war, deutlich in Frage stellten. Im Handel, Schmuggel etc. waren die Hugenotten neben den Engländern und Holländern absolut unerwünschte Konkurrenten in der Neuen Welt.

Der Kampf Spaniens um die Vorherrschaft in allen Bereichen, sowohl in Europa als auch in der Neuen Welt, waren die entscheidenden Bedingungen für die Piratenunternehmungen auch in der Karibik. Die Verquickung von Staat- und Markmacht, illustriert Goethes fast schon geflügeltes Wort aufs Trefflichste:

„Krieg, Handel und PiraterieDreieinig sind sie, Nicht zu trennen.“

Der Handel ist eng verknüpft mit den Interessen der Fahne, also denen der Staaten. Und Räuber – ob zu Lande oder zur See – folgen dem Handel. Der Pirat ist vor allem ein exzellenter Seemann, Krieger, Entdecker, aber auch Händler (Schmuggler) mit allen Kompetenzen und Konsequenzen. Ein harter, geschickter, ausdauernder und vielseitiger Unternehmer.

Der schottische Seeräuber William Paterson gründete die Bank of England (1694), um seine in der Karibik erbeuteten Goldwerte sicherer anzulegen als es bis dahin bei den als Bankiers waltenden Juwelieren möglich war. Der Pirat ist dem Meer auf Gedeih und Verderben verbunden wie der Nomade der Wüste, Häfen sind nur Oasen auf seiner nomadisierenden Seefahrt. Hier auf Freier See kann er sich fast immer der staatlichen Kontrolle entziehen, hier lebt er nach seinen eigenen Regeln. Exquemelins Piraten-Buch war in seiner Zeit ein Bestseller, und sein Einfluss auf das Bild vom Piraten der Neuzeit in Literatur, Malerei, Musik, Comic und im Film, hallt bis heute – ob dieses Thema nun sachlich oder trivial be- oder verarbeitet wurde – unverkennbar nach.

Neben dem Augenzeugbericht von Exquemelin ist unbedingt noch ein anderes Buch zu nennen, das zwar offensichtlich seine Berichte aus zweiter Hand hat und nacherzählt was andere sahen und taten, aber sein Einfluss ist ebenfalls hoch einzuschätzen.

1724 erscheint in London A General History of the Robberies and Murders of the mostnotorius Pyrates, and thier Policies, Discipline and Goverment, From thier first RISE an SETTELMENT in the Island of Providence, in 1717 to the preient Year 1724. With The remarkable ACTION and ADVENTURES of the two Femal Pyrates, Mary Read and Anne Bonny unter der Autorenschaft eines gewissen Captain Charles Johnson. Zahlreiche Auflagen erscheinen, beide Bücher erfreuen ein großes Publikum und regelmäßig tauchen sie als Reverenz-Werke auf, wenn in den nachfolgenden drei Jahrhunderten Seeraub – Seeräuber – Bukanier – Filibuster – der Korsar im Mittelpunkt eines Werkes stehen.

Besonders reizvoll ist, dass Captain Johnson als der berühmte Robinson-Schriftsteller Daniel Defoe identifiziert wurde, doch diese Theorie scheint, nach neuesten literatur-historischen Untersuchungen, nicht mehr haltbar. Die Identität des Captain Johnson ist weiterhin ungeklärt und bleibt ein unentdecktes Geheimnis der Piraten-Kulturgeschichte.

Das anhaltend allgemeine Interesse am Leben und den Taten der Piraten und ihrer Geschichte(n) spiegelt sich im gegenwärtigen Boom dieses Themas, sowohl in der Trivial als auch in der Hochkultur, wider. Namen von Autoren, die heute selbst schon als Legenden erscheinen, würden in einer Aufzählung, in einer Bibliografie selbst einen dicken Wälzer ergeben. Doch einige seien hier, ohne Wertung, stellvertretend genannt, Seeräuber finden sich neben den oben genannten Autoren in den Werken von: Tobias Georg Smollet, James Fenimor Cooper, Edgar Allen Poe, Jack London, Harriet Beecher Stowe, Walter Scott, Lord Byron, R.M. Ballantynes und natürlich bei Robert Louis Stevenson, Herrmann Melville auch bei John Steinbeck, Frederick Marryat, Frantisek Behounek, Wilhelm Raabe, Friedrich Gerstäcker, Gustav Freytag, Otfried von Hanstein auch bei Alfred Sternbeck und vielen, vielen ungezählten anderen Autoren.

Eine Filmografie würde hier jeden Rahmen sprengen, aber einer sei hier wegen seiner irrwitzigen Storys und seiner aktuellen Gegenwärtigkeit genannt: Der Fluch der Karibik, dieser wilde Film-Cocktail gemixt aus Versatzstücken der Historie der Seeräuber und den ironischen Zitaten aus Piratenfilm aller Zeiten, begeistert in phantastisch-surreal überhöhten Bildern und romantisch verklärten Protagonisten, die auf grausamste Weise unterhalten.

Dieser Karibik-Fluch hat uns eine unübersehbare Flut von Piraten-Krims-Krams beschert. Totenköpfe wohin man schaut, als Fahnen jeder Größe, auf T-Shirt ebenso wie auf Tanga-Slips und als Schmuck und Accessoire sowieso. Mit dem Vermerk Nur für kurze Zeit bietet ein großer Tüten-Suppen-Hersteller für echte Piraten-Kerle eine Piraten-Suppe (4 Teller), in zwanzig Minuten servierfertig, an.

Weit, weit entfernt sind wir heute von der Welt des Exquemelin, und doch treffen wir ihn auch in unserer literarischen Gegenwart wieder. Die bedeutende mexikanische Autorin Carmen Boullosa führt uns in ihren Roman Son vacas, somos puercos von 1991 noch einmal intensiv in die Welt des siebzehnten Jahrhunderts, in die Karibik:

Ob ich es gesehen habe? Alles habe ich gesehen. Nicht umsonst habe ich die Augen von J. Smeeks, dem manche den Namen Oexmelin zuschreiben und der sich selbst, um keine Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken, in der Öffentlichkeit Exquemelin nennt, Alexander Oliver Exquemelin, obzwar mein richtiger Name Jean Smeeks lautet bzw. „Le Trepanateur“ – „Schädelbohrer“ – (...) Ob ich es gehört habe? Ich habe alles gehört, denn ich habe auch Ohren von Smeeks. Gemeinsam werden Augen und Ohren nun mit mir beginnen, die Geschichte von Smeeks im Karibischen Meer zu erzählen und von jenen, mit denen zusammen ich Abenteuer bestand ...

Am Anfang seiner, Exquemelins, Reise stand eine Sehnsucht, die nach einem besseren Leben, besser als das in dem von Kriegen verwirrten Europa, möglich war.

Es lockten ihn das freie Leben, das, wie er gehört hatte, diese Männer führten, ohne Ehefrauen und Kinder, wild in den Wäldern umherstreifend, manchmal ein Jahr, manchmal zwei, in Begleitung eines anderen Bukaniers, der ihnen beisteht, wenn sie krank werden, und mit dem sie alles teilen. Freud und Leid und alles, was sie besitzen.

Carmen Boullosa fährt fort und lässt einen mitreisenden Jungen, der in besonderer Beziehung zu Exquemelin steht und in Wahrheit eine verkleidete junge Frau ist, die der Prostitution in Europa entfliehen will, die Absicht und das vorgenommene Ziel der Reise ergänzen, das so wohl für viele steht, die damals Europa den Rücken kehrten: ... in den Ländern, in die wir fahren, habe ich sagen hören, gibt es kein Dein und Mein, sondern dort ist alles unser, und niemand verlangt die Losung, die Türen werden nicht mit Schlössern und Ketten verhängt, weil alle Brüder von allen sind. Habe ich sagen hören. Und das einzige Gesetz soll die Loyalität zu den Brüdern sein, doch um einer zu werden, darf man nicht schwach, feig oder eine Frau sein. Und obwohl ich eine bin, werde ich sehen, wie ich Teil dieses Lebens sein kann, denn dies ist das bessere Leben.

Diese Vorstellung eines freien, besseren und unabhängigen Lebens lässt viele auf die Reise zu den Sehnsuchts-Inseln gehen, immer wieder. In Boullossas Roman und wie oft im wirklichen Leben, zerschellen diese Visionen an der vorgefundenen Realität auch in der Neuen Welt. Hier war die Alte Welt mit ihren Machtstrukturen und allen Schatten ihrer Zivilisation schon angekommen und es war eine Frage der Zeit, wann sie alles beherrschen würde. Nur für einen Wimpernschlag in der Zeitgeschichte war das Leben der Bukanier, der Piraten und Flibustier eine Möglichkeit, sich zu entziehen. Sie sind ein aufregender, schillernder Augenaufschlag der so vielsprachigen Geschichte der Karibik.

August 2007

PIRATICAE AMERICAE ODER DER AMERIKANISCHE SEERÄUBERERSTER TEIL

Enthaltend die genaue und wahrhaftige Erzählung aller der vornehmsten Räubereien und unmenschlichen Grausamkeiten, welche die englischen und französischen Räuber wider die Spanier in Amerika verübt haben

Beschrieben durch

A.O. Exquemelin

Der selbst allen diesen Räubereien durch Not beigewohnt hat

DAS ERSTE KAPITEL

Abreise des Reisebeschreibers nach dem westlichen Teil von Amerika im Dienste der Französisch-Westindischen Kompagnie. Rencontre auf See mit einem englischen Kriegsschiff. Ankunft auf der Insel Tortuga.

Im Jahre 1666 am 2. Mai verreisten wir aus Havre de Grâce mit dem Schiff St. Johann (gehörig der Französisch-Westindischen Kompagnie), montiert mit achtundzwanzig Kanonen, zwanzig Schiffsleuten und zweihundertzwanzig Reisenden, sowohl Angestellte der Kompagnie als auch freie Personen mit ihren Dienern. Wir kamen zunächst unter dem Kap von Barfleur zu ankern, um uns allda mit noch sieben anderen der Kompagnie gehörigen Schiffen zu konjungieren, die von Dieppe zu uns stoßen sollten, samt einem Kriegsschiff, montiert mit siebenunddreißig Kanonen und zweihundertfünfzig Mann.

Zwei Schiffe waren nach Senegal beordert, fünf nach den Karibischen Inseln, wir aber nach der Insel Tortuga. Auch gesellten sich zu uns noch ungefähr zwanzig Neufundland-Fahrer nebst einigen holländischen Schiffen, die nach Rochelle, Nantes und St. Martin wollten, so daß wir zusammen eine Flotte von an dreißig Schiffen zählten. Und wir machten alle klar zum Gefecht, da wir Nachricht hatten, daß vier englische Fregatten (jede von sechzig Kanonen) bei der Insel Ornay auf uns kreuzten.

Nachdem unser Kommandeur, der Ritter de Sourdis, seine Orders gegeben, gingen wir unter Segel mit gutem Wind und bei nebligem Wetter, das uns wohl zu statten kam, da wir von den Englischen nicht gesehen wurden. Wir segelten, um den Feind zu meiden, dicht unter der französischen Küste und stießen auf ein flämisch Schiff von Ostende, dessen Schiffer unserem Kommandeur klagte, er sei am selbigen Morgen von einem französischen Seeräuber geplündert worden. Sogleich machte das Kriegsschiff auf diesen Jagd, konnte ihn aber nicht einholen. Die französischen Bauern waren die ganze Küste entlang in Alarm, weil sie uns für Englische hielten und besorgten, daß wir landen möchten. Wir ließen zwar unsere Flagge wehen, der sie aber wenig trauten. Hierauf ankerten wir auf der Reede von Conquet in der Bretagne (bei der Insel Quessant) daselbst Erfrischungen und süßes Wasser einzunehmen.

Nachdem wir uns daselbst mit allem Notwendigen versehen, verfolgten wir unsere Reise, gewillt durch das Ras de Fonteneau zu passieren, da wir uns den Sorlingues von wegen der englischen Kreuzer nicht zu nahen wagten. Dieses Ras ist ein sehr starker Strom, der durch eine große Menge Klippen hinstreicht. Er wird genannt das Ras und ist gelegen am Eingang des Busens von Frankreich auf 48 Grad 10 Minuten nördlicher Breite. Es ist ein sehr gefährlicher Weg, zumal die Klippen teils unter Wasser stehen, teils darüber hinausragen. Darum sind alle diejenigen, so auf unserem Schiffe waren und diesen Weg noch niemals passiert hatten, getauft worden auf folgende Manier.

Der Oberbootsmann des Schiffes verkleidet sich mit einem langen Rock und einer wunderlichen Mütze auf seinem Haupte, mit einem hölzernen Schwert in der rechten und einen Topf mit Schwärze in der linken Hand. Auch sein Gesicht ist geschwärzt, um den Hals hat er eine große Krause von Pflöcken und anderem Schiffsgerät. Alle, die noch niemals da durchpassiert, müssen vor ihm niederknien, und er macht einem jeden ein Kreuz auf die Stirn, und mit seinem hölzernen Schwert gibt er ihm einen Streich in den Nacken; hierauf werden sie von anderen, die dazu bestellt sind, mit Wasser begossen, und obendrein müssen sie noch eine Flasche Wein oder Branntwein zu dem großen Mast hinbringen. Der aber, so nichts hat, ist davon befreit. Ja auch das Schiff, wenn es noch nicht hier durchpassiert ist, muss bezahlen. Nachdem dies alles geschehen, holt man, was von Wein und Branntwein bei dem Mast sich findet, und teilt es um und um aus.

Die Holländer werden vor diesen Klippen gleichfalls getauft und nicht minder vor den Klippen, die Barlingos genannt sind und dicht an der Küste von Portugal liegen auf 39 Grad 40 Minuten nördlicher Breite. Es sind überaus gefährliche Klippen, denn sie können bei Nacht nicht wohl gesehen werden von wegen des hohen Landes. Die Manier dieses Taufens ist bei den Holländern ganz anders wie bei den Franzosen; denn wenn bei ihnen einer getauft wird, muß er zu dreien Malen von der großen Ras gleichsam wie ein Übeltäter ins Wasser fallen, und so sie ihm auf dem Schiff günstig sind, lassen sie ihn bis zum Achter des Schiffs schleppen. Es ist eine nicht geringe Ehre, seiner Hoheit dem Prinzen von Oranien oder dem Kapitän zu Ehren außer den vorigen drei Malen noch einmal hinabzufallen. Der erste, der fällt, kriegt einen Kanonenschuß zu seinen Ehren und das Wehe der Flagge; die nicht fallen wollen, sind gehalten, zwölf Stüber zu bezahlen; so er aber ein Offizier ist, muß er einen halben Reichstaler geben. Sind es Passagieren, müssen sie so viel geben, als man von ihnen fordern mag. Wenn das Schiff noch niemals durchpassiert ist, muß der Schiffsherr ein Oxhoft Wein geben, andernfalls dürfen sie die Galionsfigur vom Schiff absägen, ohne daß der Schiffsherr oder Kapitän etwas dawider haben kann. Alles was man gibt, wird dem Oberbootsmann eingehändigt, der es in Verwahrung hält, bis er in einen Hafen kommt, wo er Wein dafür kauft und dem sämtlichen Schiffsvolk austeilt. Niemand von beiden Nationen kann Rede stehen, warum sie dieses tun, als daß sie sagen, es sei ein alter Brauch bei den Seeleuten. Einige sagen, es haben Kaiser Karl V so verordnet, allein in seinen Verordnungen ist nirgends etwas davon zu finden. Dieses habe ich beiläufig und nur um der Seeleute Zeremonien zu gedenken hier aufgeschrieben, nunmehr aber wollen wir unsere Reise verfolgen.

Nachdem wir das Ras passiert hatten, bekamen wir einen sehr günstigen Wind bis an das Kap Finis Terrae, wo wir einen schweren Sturm erlitten und voneinander gerieten. Dieser Sturm währte acht Tage. Es war ein unglaubliches Elend zu sehen, wie auf unserem Schiff die Menschen durch die See von Steuerbord an Backbord gespült wurden, und hatten die Kraft nicht sich aufzurichten, so seekrank waren sie. Die Matrosen mußten bei ihrer Arbeit mit Füßen auf sie treten. Danach bekamen wir wieder gut und bequem Wetter und verfolgten unseren Kurs so glücklich, dass wir unter den Zirkel, genannt Tropicus Cancri, gelangten. Dies ist ein von den Sternguckern imaginierter Zirkel, welcher gleichsam eine Grenzscheide der Sonne auf ihrem Wege nach dem Norden hin ist, und liegt in der Höhe von 23 Grad 30 Minuten nördlich der Linie. Wir wurden da wieder getauft auf die Manier, die ich oben erzählt habe, dieweil die Franzosen allzeit unter der Linie unter dem Tropico Cancri und unter dem Tropico Capricorni zu taufen pflegen. Hier hatten wir nun sehr guten Wind, der uns auch hochnötig war, weil wir Mangel an Wasser hatten, und des Tages auf die Person nicht mehr als zwei Trinkgläslein kamen.

Wir bekamen (ungefähr auf der Höhe von Barbados) ein englisch Königsschiff in Sicht, das jagte uns nach mit vierundzwanzig Stücken. Als es aber sah, daß es keinen Vorteil über uns hatte, lief es von uns ab. Wir jedoch folgten ihm, und schossen nach ihm mit unseren Achtpfündern. Weil es aber besser besegelt war als wir, mußten wir es endlich lassen.

Hierauf nahmen wir unseren Kurs fort und bekamen die Insel Martinique in Sicht. Wir taten alles was wir konnten, um auf die Rede von St. Peter zu kommen, wurden aber durch einen schweren Sturm daran gehindert, daher wir nach Guadeloupe zu steuern gewillt waren, jedoch der Sturm widerstand uns so heftig, daß wir auch dahin nicht kommen konnten; mußten deswegen endlich allein nach der Insel Tortuga, wohin wir eigentlich beordert waren. Wir liefen längs der Küste von Puerto Rico hin, welches eine sehr schöne und lustige Insel ist, bedeckt mit schönen Bäumen bis zu den höchsten Gipfeln der Berge hinauf. Danach bekamen wir die Insel Española in Sicht, die wir nachgehend beschreiben wollen. Wir segelten ebenmäßig an der Küste hin, bis wir endlich die Insel Tortuga, just auf den 7. Juli selbigen Jahres erreichten und auf der ganzen Reise nicht einen einzigen Mann verloren hatten. Die Güter der Kompagnie wurden hier ausgeladen und bald darauf das Schiff mit einigen Passagieren nach Cul de Sac geführt.

DAS ZWEITE KAPITEL

Beschreibung der Insel Tortuga. Derselben Gewächse und Früchte. Wie die Franzosen dahin gekommen und zweimal durch die Spanier wieder ausgetrieben worden sind. Und wie der Reisebeschreiber dort dreimal verkauft wurde.

Die Insel Tortuga liegt an der Nordseite der großen und berühmten Insel Española ungefähr zwei Meilen von ihr auf der Höhe von 20 Graden 30 Minuten nördlicher Breite und hat ungefähr sechzehn Meilen in der Runde. Sie hat den Namen Tortuga bekommen, dieweil sie an Gestalt einer Schildkröte gleicht, die von den Spaniern Tortuga genannt wird. Sie ist voller Felsenspitzen, doch gleichwohl bedeckt mit großen Bäumen, die aus den Felsen hervorwachsen, da doch ganz und gar keine Erde zu sehen ist und die Wurzeln auf dem Steine bloßliegen. Die Nordseite ist unbewohnt und sehr unwirtlich, zumal weder Hafen noch Strand da ist, ausgenommen einige geringe Plätze zwischen den Klippen. Also ist die Südseite allein bewohnt und hat nur einen Hafen, wo die Schiffe ankommen können. Das Land, so es bewohnt ist, ist in Quartiere geteilt, die werden also benannt: La Basse Terre ist das vornehmste von wegen des Hafens, der Ort heißt Cayone, und hier leben die reichsten Pflanzer der Insel. Le Mil-Plantage ist noch neu und sehr fruchtbar an Tabak, desgleichen Le Ringot, diese Plätze liegen am Westende der Insel. In La Montagne sind die ersten Plantagen, die auf der Insel Tortuga angelegt sind. Der Hafen ist sehr gut, von einem Riff geschützt, es sind zwei Eingänge dahinein zu segeln. Darinnen können Schiffe mit siebzig Stücken liegen, und ist ein sehr schöner Sandgrund da.

Was die Gewächse der Insel Tortuga anbelangt, so wächst viel schönes Holz allda, als Stockfischholz, Sandelholz, rot, weiß und gelb. Das gelbe Sandelholz wird von den Einwohnern Bois de Chandelle, das ist Kerzenholz, genannt, weil es so hell brennt als eine Kerze und ihnen zu Fackeln dient, wenn sie des Nachts fischen gehen. Da wächst auch Lignum Sanctum, welches in diesen Landen Pockholz genannt wird. Die Bäume, die das Gummi Elemi tragen, werden hier in großer Menge gefunden, desgleichen auch die Chinawurzel, doch ist sie so gut nicht als die ostindische; sie ist ganz weich und weiß und die wilden Schweine finden da nichts anderes zu fressen als diese Chinawurzel. Man findet dort auch das Kraut, Aloe genannt, und viele andere Arzneikräuter und Holzgewächse mehr, wie auch überaus taugliches Holz, Schiffe und Häuser daraus zu bauen.

Man findet hier allerlei Früchte, wie man sie auch auf den Karaibischen Inseln hat, als Magniot, Patates, Igniamos, Wassermelonen, spanische Melonen, Goyaves, Bananen, Bacovens, Paquayes, Carosoles, Mamains, Ananas, Acajou-Äpfel und mancherlei anderer Früchte in großer Menge, die ich aber alle zu nennen und den Leser damit aufzuhalten, unnötig erachte. Auch gibt es da eine sehr große Menge Palmenbäumen, aus denen man Wein macht und mit deren Blättern man Häuser deckt.

Dies Land hat viel wilde Schweine, aber das Jagen mit Hunden ist verboten, um sie nicht auszurotten. Der Grund ist, weil die Insel klein ist, und, so man unvermutet von einem Feind überallen würde, man sich in den Busch retirieren und von der Jagd leben soll. Jedoch ist die Jagd daselbst sehr gefährlich wegen der allzu vielen Klippen, welche alle mit kleinem Gebüsch überachsen sind, also dass man ehe man sichs versieht hinabstürzt; wie denn auf dergleichen Weise viele Personen verloren gegangen. Man hat auch viele Totengerippe gefunden, jedoch daraus nicht urteilen können, ob sie längst oder neulich umgekommen.

Zu einer gewissen Zeit des Jahres kommen wilde Tauben in solch großer Menge, dass die Einwohner reichlich davon leben können und gar kein anderes Fleisch brauchen. Nachdem aber diese zeit verlaufen ist, sind sie nicht mehr gut zu Nahrung, weil sie von einem gewissen sehr bittern Samen, den sie fressen, ganz mager und bitter werden. Am Gestade findet man eine große Menge von See- und Landkrabben, die sehr groß und gut zu essen sind. Die Sklaven und Bedienten essen sie unmäßig, sie sind von sehr gutem Geschmack, dabei aber dem Gesicht sehr schädlich; denn wer sei des öftern ißt, wird schwindelig, so daß alles sich mit ihm umdreht, und er ungefähr eine Viertelstunde nichts sehen kann.

Die Franzosen, nachdem sie eine Kolonie auf der Insel St. Christoph gepflanzt (1625) und dort ziemlich stark geworden waren, haben einige Schiffe ausgerüstet, welche sie westwärts sandten, etwas neues zu entdecken. Die liefen also an der Küste der Insel Española an. Allda an Land gekommen, haben sie dieselbe sehr fruchtbar befunden und sehr reich an allerhand wilden Tieren und Stieren, Kühen, Schweinen und Pferden. Da sie aber sahen, daß sie ohne einen gewissen und sichern Zufluchtsort dort wenig Nutzen haben würden (zumal die Insel Española von der spanischen Nation wohl bewohnt war) hielten sie es für ratsam die Insel Tortuga einzunehmen. Das taten sie denn auch, die zehn oder zwölf Spanier die darauf waren, verjagten sie, und blieben dort ungefähr ein halbes Jahr, ohne daß jemand sie störte. Inzwischen fuhren sie mit ihren Kanoes über nach dem großen Land und holten viel Volks herüber und begannen schließlich auf der Insel Tortuga den Feldbau. Weil aber die Spanier dies endlich inne wurden, rüsteten sie einige Fahrzeuge aus und kamen, um Tortuga wieder einzunehmen, was ihnen auch sehr wohl glückte; denn sobald die Franzosen sahen, flohen sie mit ihrer Habe in den Busch und fuhren die darauffolgende Nacht mit ihren Kanoes nach der Insel Española. Und sie hatten den Vorteil, dass sie nicht beschwert waren mit Weib und Kind, sodaß ein jeder buschwärts laufen und sich Nahrung suchen konnte; auch gab ein jeder Bescheid an seine Genossen, um den Spaniern ja keine Zeit zu lassen, auf der Insel einige Fortification zu bauen.

Indessen setzten die Spanier sogleich über in der Absicht, die Franzosen aus den Wäldern zu vertreiben oder sie darinnen Hungers sterben zu lassen, wie sie es mit den Indianern getan. Allein es wollte ihnen nicht glücken, weil die Franzosen mit Kraut und Lot, auch mit guten Feuerrohren allzu wohl versehen waren. Ja diese nahmen zu einer Zeit die Gelegenheit inne, da die Mehrzahl der Spanier nach der großen Insel übergefahren war, mit ihrem Gewehr und Volk die Franzosen aufzusuchen, kehrten mit ihren Kanoes wieder nach Tortuga zurück, jagten alle Spanier, so sie noch da waren, wieder davon, verhinderten auch die anderen wiederzukommen und blieben so der Insel Meister.

Nachdem nun so die Franzosen wiederum der Insel Meister waren, schickten sie zum Gouverneur oder General von St. Christoph um Hilfe und baten, ihnen einen Gouverneur zu senden, um das Volk besser unter Gehorsam zu bringen, und allda eine Kolonie zu pflanzen. Der General, dem solches gefiel, gab von Stund an Order ein Schiff, das auf der Reede lag, klar zu machen und sandte ihnen als Gouverneur von Tortuga Monsieur Levasseur mit viel Volk und allerhand Notdurft. Sobald dieser Gouverneur angekommen, ließ er oben auf einen Felsen ein Fort aufwerfen, wodurch er den Hafen vor feindlichen Schiffen sicherte. Dieses Fort ist inaccessibel, oder so gelegen, daß man nicht dazu kommen kann, außer von einer Seite, wo jedoch nicht mehr als zwei Personen nebeneinander gehen können. Mitten in demselben ist eine Höhle in dem Felsen, die zu einem Munitionshaus dient und überdies ist da eine bequeme Gelegenheit eine Batterie anzulegen. Der Gouverneur ließ auf das Fort ein Haus bauen, pflanzte zwei metallne Stücke darauf und gebrauchte eine Leiter, um hinaufzusteigen. In dem Fort ist ein Quell süßen Wassers, genug, täglich tausend Menschen zu tränken, es kann auch nicht abgeschnitten werden, denn es kommt aus dem Felsen, rund um das Fort sind Plantagen, die sind sehr fruchtbar an Tabak und anderen Früchten. Nachdem die Franzosen hier ihre Kolonie gepflanzt hatten und ziemlich stark geworden waren, begann ein jeder, sein Heil zu versuchen. Einige fuhren hinüber nach der großen Insel, um zu jagen und Häute zu bekommen; andere, die solches zu tun nicht Lust oder Neigung hatten, begaben sich auf den Raub und fuhren nach den Küsten der Spanier zum Kapern aus, wie sie noch heutigen Tages tun; die übrigen, so sie Weiber hatten, blieben auf der Insel: einige legten Pflanzungen an und pflanzten Tabak, andere taten anderes, also daß jedweder Gelegenheit zu seinem Unterhalt fand.

Inzwischen konnten die Spanier alles dieses unmöglich mit guten Augen ansehen, weil sie wohl vermuteten, es möchten die Franzosen daselbst immer mächtiger werden, und endlich kommen und sie auch von der großen Insel vertreiben. Sie nahmen daher die Gelegenheit wahr, da eben viele Franzosen auf See und nicht wenige auf der Jagd waren, rüsteten ihre Kanoes aus und landeten zum zweiten Mal auf Tortuga mit Hilfe einiger französischer Gefangener, die sie bei sich hatten. Die Spanier waren achthundert Mann stark; die Franzosen konnten ihnen das Landen nicht verwehren und begaben sich deswegen in das Fort. Der Gouverneur ließ alle Bäume um das Fort niederhauen, um den Feind desto besser zu sehen. Weil nun die Spanier merkten, daß sie ohne Geschütz nichts ausrichten konnten, beratschlagten sie, wie sie ihre Sache aufs beste angreifen möchten. Sie sahen, dass alle die hohen Bäume, die das Fort gedeckt hatten, abgehauen waren, und dieses daher von einem gegenüberliegenden Berg beschlossen werden konnte. So machten sie einen Weg, das Geschütz da hinauf zu bringen. Dieser Berg ist ziemlich hoch und man kann, wenn man droben ist, das ganze Eiland übersehen; oben ist er flach und ringsum felsig, so daß es sehr beschwerlich fällt hinauf zu gelangen, außer auf dem Weg, den die Spanier damals gemacht haben, wie ich im folgenden erzählen will.

Die Spanier hatten viele Sklaven und Arbeitsleute bei sich, sowohl Matates oder Halbblut als Indianer, diese sollten einen Weg durch die Felsen brechen, das Geschütz auf den Berg bringen, und eine Batterie dort aufpflanzen, um das Fort, darin die Franzosen waren, zu beschießen und zur Übergabe zu zwingen. Während die Spanier nun hiermit beschäftigt waren, fanden die Franzosen Mittel, ihren Gefährten solches kundzutun, und um Hilfe anzusuchen, welche sie denn auch erhielten. Die Jäger samt denjenigen, die auf der Kaper waren, schlugen sich zusammen und begannen, nachdem sie zur Nachtzeit gelandet, von der Nordseite her den Berg zu erklimmen, dieweil sie darin sehr wohl geübt waren. Inzwischen hatten die Spanier mit großer Mühe zwei Stücke Geschütz auf den Berg hinaufgezogen, um des anderen Tags das Fort zu kanonieren und wußten von der Franzosen Ankunft nichts. Aber am Morgen, als sie dabei, waren ihr Geschütz in Ordnung zu stellen, kamen die Franzosen hinter ihnen her, und ließen die meisten den Sprung in die Tiefe tun und Hals und Bein brechen; nicht einer ist davongekommen, denn die Übrigen schlugen sie tot, ohne Pardon zu geben. Die anderen Spanier, die unten waren und das Geschrei hörten, merkten, daß es um die oben auf dem Berg nicht wohl stand, liefen an das Gestade und fuhren unverzüglich davon, an der Eroberung der Insel verzweifelnd.

Die Gouverneure der Insel Tortuga sind allezeit auch deren Eigentümer und Herren gewesen bis zum Jahr 1664, wo die Französisch-Westindische Kompagnie sie in Besitz genommen und Monsieur Ogeron zum Gouverneur über sie gesetzt hat. Sie haben eine Kolonie gepflanzt mit Faktoren und Dienern, in der Absicht, mit den Spaniern einen beträchtlichen Handel zu treiben, wie es die Holländer in Curacao tun. Doch ist ihnen solches nicht geglückt. Sie wollten mit fremden Nationen handeln, konnten es doch nicht mit ihrer eigenen. Denn als die Kompagnie ihren Beginn nahm, kaufte ein jeder, sowohl Kaper als Jäger oder Pflanzer, von der Kompagnie, die alles auf Kredit gab, aber wenn es ans Bezahlen ging, ward niemand gefunden. So wurde die Kompagnie genötigt, ihre Faktoren wieder abzuberufen, und gab ihnen Befehl, alles, was sie nur könnten, zu verkaufen; und so sind sie aus der Sache geschieden. Alle Diener der Kompagnie wurden verkauft, einige für zwanzig, andere für dreißig Stück von Achten.

Mir, der ich auch der Kompagnie Diener war, ging es gleichfalls nicht besser, und ich hatte just das Unglück, zum ärgsten Schelm der ganzen Insel zu kommen. Der war damals Untergouverneur oder Generalleutnant und tat mir alles Übel, so er nur erdenken konnte, an, er ließ mich Hunger leiden und wollte mich zwingen, daß ich mich für dreihundert Stück von Achten loskaufen sollte, wo ich doch nicht einmal eines besaß. Endlich fiel ich durch all das erlittene Ungemach in schwere Krankheit, und mein Meister, fürchtend, dass ich sterben möchte, verkaufte mich um den Preis von siebzig Stück von Achten an einen Wunderarzt. Als ich aber wieder gesund ward, hatte ich mich zu bekleiden nichts als ein altes Hemd und ein Paar Unterhosen. Jedoch mein neuer Herr war um vieles besser als der erste, denn er gab mir Kleider und alles was ich von Nöten hatte und, nachdem ich ihm ein Jahr gedient, erbot er sich, mich für hundertfünfzig Stück von Achten freizulassen und solang mit der Bezahlung zu warten, bis ich das Geld gewonnen.

Als ich nun frei war, war ich wie Adam, da er aus den Händen seines Schöpfers kam. Ich hatte nichts. So resolvierte ich denn, mich unter die Kaper und Räuber zu begeben, unter welchen ich auch verblieben bin bis zum Jahr 1672. Ich habe mit ihnen verschiedenen Zügen beigewohnt und viele der vornehmsten Raubstücke ausüben helfen, wie es hiernach beschrieben werden soll. Zuvor aber will ich etwas von der Insel Española erzählen, um dem neugierigen Leser in allem, was in diesem Teil Americae Merkwürdiges vorgefallen, genugzutun.

DAS DRITTE KAPITEL

Beschreibung der großen und berühmten Insel Española.

Die Insel Española erstreckt sich meistenteils von Osten nach Westen auf der Höhe von 17 ½ bis 20 Grad nördlicher Breite. Sie hat ungefähr dreihundert Meilen im Umkreis, einhundertzwanzig in der Länge und ungefähr fünfzig in der Breite, an einigen Stellen auch etwas schmäler. Mit Erzählung der Entdeckung dieser berühmten Insel will ich dem günstigen Leser nicht beschwerlich fallen, weil fast jedermann weiß, daß im Jahr 1492 Christophorus Columbus, von Don Fernando, König von Spanien, ausgesandt, diese Insel entdeckt hat, von welcher Zeit an bis auf die gegenwärtige die Spanier sie besessen haben. Auf dieser Insel sind verschiedene Städte, desgleichen viele schöne Dörfer, alles von den Spaniern erbaut. Die Hauptstadt ist St. Dominik zugeeignet und nach seinem Namen in spanischer Sprache Santo Domingo genannt. Diese Stadt ist an der Südseite der Insel auf der Höhe von 18 Graden und 13 Minuten nördlicher Breite und liegt ungefähr vierzig Meilen Wegs von der Ostseite dieser Insel, genannt Punta de Espada. Die Stadt ist rings ummauert und hat ein starkes Kastell, welches den Hafen beherrscht. Das ist ein schöner Hafen, worin eine große Menge Schiffe liegen können; sie sind da vor allen Winden geschützt außer einem südlichen. Rund um die Stadt sieht man die schönsten Pflanzungen, wo allerhand Früchte nach der Art des Landes wachsen. Der Gouverneur der Insel, welchen sie den Präsidenten nennen, hält sich da auf. Von dieser Stadt aus werden alle Landstädte und Dörfer verproviantiert und unterhalten, denn die Spanier treiben in keinem anderen Seehafen der Insel Handel außer in diesem; der größte Teil des Volks, das dort wohnt, sind Kaufleute und Krämer.

Die Stadt S. Jago Cavallero ist St. Jakob dem Ritter zugeeignet und nach seinem Namen genannt. Sie liegt im Lande offen ohne Mauern ungefähr auf der Höhe von 19 Grad nördlicher Breite. Die Leute, die da wohnen, sind meist Jäger und Pflanzer, zu welchen Beschäftigungen das Land sich sehr wohl eignet, es hat rundum viel schöne Weiden, darauf sowohl zahmes als wildes Vieh sich in großer Menge aufhält, daher dieser Platz sehr viele und schöne Häute liefert.

An der Südseite der Stadt S. Jago liegt ein überaus schönes Dorf, genannt El Cotui oder Nuestra Senora de Alta Gracia, das ist Unsere Liebe Frau vom hohen Segen. Um dieses Dorf sind schöne Landschaften, woher viel Cacao oder Chocolate, Ingwer, Tabak und Talk kommt.

Die Spanier fahren mit ihren Kanoes nach der Insel Savona, um dort zu fischen und Schildkröten zu fangen, die an den Strand kommen, ihre Eier zu legen. Auf dieser Insel ist nichts Beschreibenswürdiges. Sie sind sehr sandig und es gibt viel Franzosen- oder Pockenholz. Die Spanier haben Kühe und Stiere dahin gebracht, um sie zu züchten, nachdem aber die Kaper gekommen, haben diese alle vertilgt.