Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach seiner Scheidung will Griffin nur eins: neu anfangen. Sein Sohn ist aus dem Haus, das Verhältnis zur Ex entspannt – aber mit Mitte vierzig wieder Single zu sein, ist schwieriger als gedacht. Zum Glück hat er Heath, seinen besten Freund, der ihn ins Datingleben zurückkatapultieren will. Alles läuft nach Plan – bis eine einzige Nacht alles verändert. Was als harmlose Hilfe unter Freunden beginnt, wirft plötzlich Fragen auf, denen sich keiner von beiden stellen will. Je mehr Zeit sie zusammen verbringen, desto schwerer wird es, die Finger voneinander zu lassen. Beide behaupten, keine Beziehung zu wollen – doch es geht längst um mehr als nur ein bisschen Spaß. Was, wenn der Mensch, den man immer nur als besten Freund gesehen hat, plötzlich derjenige ist, auf den man schon sein ganzes Leben lang gewartet hat?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
SAXON JAMES
PLATONIC RULEBOOK
DER CLUB DER GESCHIEDENEN MÄNNER 2
Aus dem Englischen von Anne Sommerfeld
Über das Buch
Nach seiner Scheidung will Griffin nur eins: neu anfangen. Sein Sohn ist aus dem Haus, das Verhältnis zur Ex entspannt – aber mit Mitte vierzig wieder Single zu sein, ist schwieriger als gedacht. Zum Glück hat er Heath, seinen besten Freund, der ihn ins Datingleben zurückkatapultieren will. Alles läuft nach Plan – bis eine einzige Nacht alles verändert.
Was als harmlose Hilfe unter Freunden beginnt, wirft plötzlich Fragen auf, denen sich keiner von beiden stellen will. Je mehr Zeit sie zusammen verbringen, desto schwerer wird es, die Finger voneinander zu lassen. Beide behaupten, keine Beziehung zu wollen – doch es geht längst um mehr als nur ein bisschen Spaß.
Was, wenn der Mensch, den man immer nur als besten Freund gesehen hat, plötzlich derjenige ist, auf den man schon sein ganzes Leben lang gewartet hat?
Über die Autorin
Die australische Autorin Saxon James schreibt über queere Charaktere. Ihre Bücher umfassen eine breite Spanne – von Young Adult bis zu Unterhaltungsliteratur für Erwachsene ist alles dabei. Eins haben jedoch ihre Bücher gemeinsam: Immer geht es um die Liebe in all ihren wunderbaren Facetten.
Wenn sie nicht gerade schreibt, gönnt sich Saxon jede Menge Kaffee und Schokolade bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen.
Die englische Ausgabe erschien 2022 unter dem Titel »Platonic Rulebook« bei May Books.
Deutsche Erstausgabe November 2025
© der Originalausgabe 2022: Saxon James
© für die deutschsprachige Ausgabe 2025:
Second Chances Verlag, Inh. Jeannette Bauroth,
Hammergasse 7–9, 98587 Steinbach-Hallenberg
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an
Published by arrangement with Bold Type Agency Pty Ltd, Australia
via Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen oder
auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten
mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Die Nutzung des Inhalts für Text und Data Mining
im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.
Umschlaggestaltung: Ronja Forleo
Lektorat: Sarah Nierwitzki
Korrektorat: Second Chances VerlagSatz & Layout: Second Chances Verlag
Druck: Bookpress, Olsztyn, Polen
ISBN Klappenbroschur: 978-3-98906-108-8
ISBN E-Book: 978-3-98906-107-1
Auch als Hörbuch erhältlich!
www.second-chances-verlag.de
Saxon James
Über die Autorin
Impressum
Prolog
Kapitel 1
CGM-Gruppenchat
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
CGM-Gruppenchat
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
CGM-Gruppenchat
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
CGM-Gruppenchat
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
CGM-Gruppenchat
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Danksagung
GRIFF
Obwohl ich achtzehn Jahre Zeit hatte, mich für diesen Moment zu wappnen, bin ich immer noch nicht bereit.
Bereit, aus dem Auto zu steigen, klar. In der Theorie klang es großartig, eine Woche lang von Massachusetts nach Kalifornien zu fahren, allerdings zögert es das Unvermeidliche nur hinaus.
Poppy und ich wollten Felix eine letzte Familienerinnerung schenken, eine gemeinschaftliche Verabschiedung zum College, denn sobald er das erste Mal wieder nach Hause kommt, erzählen wir ihm von unserer Scheidung, und ich habe keine Ahnung, wie er das aufnehmen wird.
Ich liebe meinen Sohn unendlich, aber er neigt dazu, die Dinge unnötig aufzubauschen.
Als wir die Franklin University erreichen, liegt ein tonnenschwerer Stein in meinem Magen, der es mühelos mit dem Kloß in meinem Hals aufnehmen könnte.
Felix verbringt das erste Semester im Wohnheim, und seine Sachen in sein Zimmer zu schleppen, gibt der ganzen Situation ein Gefühl von Endgültigkeit.
In den letzten achtzehn Jahren waren er und Poppy ständig um mich herum. Ich habe sie geliebt und auf sie aufgepasst. Jeden Morgen bin ich im Kreise meiner Familie aufgewacht und abends mit dem Wissen ins Bett gegangen, dass es ihnen gut geht.
Aber sobald wir von hier verschwinden, setze ich mich in ein Flugzeug zurück nach Kilborough, während Poppy mit dem Auto fährt. Obwohl wir uns in Sachen Trennung einig sind, wollte sie bei meinem Auszug nicht dabei sein, und dafür bin ich dankbar.
Sie geht schon mal zum Auto, und ich halte an Felix’ Zimmertür inne. Er beugt sich über einen Karton, offensichtlich auf der Suche nach etwas, und als er aufsieht, bemerkt er, wie ich ihn beobachte.
»Dad …«, sagt er warnend.
Ich hebe eine Hand. »Mir geht’s gut.«
»Tut es nicht. Du weinst gleich. Und dann weine ich. Wir hatten einen Deal.«
Den hatten wir. Deshalb zwinge ich mich zu einem Lächeln, obwohl der Kloß in meinem Hals immer weiter anschwillt. Ich bin nicht nah am Wasser gebaut. Damit meine ich nicht, dass Männer meiner Meinung nach nicht weinen sollten oder so was – es gibt einfach nicht viele Dinge, die mir spontan Tränen in die Augen treiben –, aber heute … ist alles ein wenig zu viel.
Felix ist erwachsen, und am selben Tag endet meine Ehe.
Nichts davon sollte mich überraschen, und trotzdem … ist es jetzt so.
»Nein, keine Tränen«, erwidere ich.
Felix schnappt nach Luft und deutet auf mich. »Deine Augen glänzen.«
»Nö.«
»Und deine Stimme hat so gezittert.«
Ich schnaube. »Das bildest du dir nur ein, Kleiner.«
Das Lächeln auf seinem Gesicht verblasst und seine Unterlippe bebt. »Dad …«
Erneut hebe ich die Hand. »Verflucht noch mal, Fe.«
»Du verfluchst mich? Ich verfluche dich, alter Mann.« Und im Gegensatz zu mir ist Felix durchaus nah am Wasser gebaut. Er steht auf, marschiert auf mich zu und umarmt mich fest.
Sofort schließe ich die Arme um ihn, während ich feuchte Tränen auf meiner Schulter spüre. »Nur fürs Protokoll: Keiner von uns weint.«
Er schnieft. »Das ist nur eine Allergie.«
»Natürlich.« Er hat keine Allergie.
»Heuschnupfen.«
»Offensichtlich.«
»Du und Mom werdet froh sein, wenn ich euch nicht mehr auf den Wecker gehe.«
Meine Brust zieht sich zusammen, und ich überlege zum wiederholten Mal, wie es ihm damit gehen wird, dass wir es ihm verheimlicht haben. Die Scheidung liegt nun schon lange auf dem Tisch. Poppy und ich haben es mit Therapie versucht, um unsere Ehe zu retten, doch sie hat uns nur aufgezeigt, dass unsere Liebe füreinander einfach nicht für das Aufrechterhalten einer Beziehung ausreicht. In den letzten Jahren haben wir unsere Trennung vor Felix geheim gehalten. Wir wollten es ihm erst sagen, wenn wir uns tatsächlich scheiden lassen und es sicher durchziehen.
»Darf ich mitmachen?«
Ich werfe einen Blick über Felix’ Kopf zu Poppy, die uns beobachtet. Wir lösen uns lange genug voneinander, um sie in unsere Umarmung zu ziehen.
»Mein kleiner Junge ist jetzt erwachsen«, sagt sie. Im Gegensatz zu unseren Stimmen klingt ihre fest. Poppy ist wie immer stets praktisch veranlagt und allzu optimistisch. »Aber du hast trotzdem nicht die Erlaubnis, jemanden zu schwängern.«
»Okay, okay.« Felix zieht sich zurück und dreht sich hastig von uns weg. »Ich glaube, das war alles.«
»Jap.« Poppy zeigt auf den Karton, den sie gerade mitgebracht hat. »Das war der letzte.«
»In Ordnung.« Ich schiebe die Hände in die Hosentaschen. Hinter uns laufen Leute durch den Flur, und ich betrachte das leere Bett auf der anderen Seite des Zimmers. Felix hat in den letzten Wochen mit seinem Mitbewohner gechattet, aber er ist offensichtlich noch nicht aufgetaucht.
»Kommst du klar?«, frage ich ihn.
»Also bitte.« Er winkt ab. »Gib mir ein paar Tage, dann habe ich so viele Freunde, dass ich vergesse, zu Hause anzurufen.«
»Wag es ja nicht«, antworten Poppy und ich synchron und lächeln uns flüchtig an.
»Und wenn ich dann anrufe … Wer war noch mal Dad?« Felix versucht schon immer, sich mit Sarkasmus aufzuheitern.
Ich drücke ihm einen Kuss auf seinen Lockenkopf. »Hab Spaß, und sag uns, wenn du irgendwas brauchst.«
Poppy drückt ihn noch einmal. »Du wohnst jetzt am anderen Ende des Landes. Wenn du so weit weg bist, kann ich dich nicht mehr so einfach beschützen.«
»Ich schaff das schon.«
»Das wird er«, stimme ich mit fester Stimme zu. Und ich glaube daran. Felix ist vielleicht klein und etwas dramatisch, aber er kann sich bewähren und musste bisher noch nie beschützt werden.
Wir gehen widerwillig, ehe Poppy mich zum Flughafen fährt und noch mit mir Mittag isst. Wir sind beide etwas bedrückt, in Gedanken darüber versunken, was wir zusammen hatten und was als Nächstes kommt.
Nach dem Essen atmet sie langgezogen aus. »Es wird seltsam sein, in ein halb leeres Haus zurückzukommen.«
»Ich weiß. Ich versuche immer noch, es wirklich zu begreifen.« Ich zögere einen Moment. »Es ist auf jeden Fall die richtige Entscheidung, oder?«
»Ja. Wir haben viel durchgemacht und es … na ja, wir haben ein paar Monate zum Ausprobieren, aber ich denke, wir wissen beide, dass es vorbei ist.«
Ich drehe den Ehering an meinem Finger. »Ich hab nicht damit gerechnet, dass es so schwer wird.«
Sie lacht. »Werd jetzt bloß nicht emotional. Sonst will ich dich noch behalten.«
Ich lache wenig überzeugend, und sie nimmt meine Hand.
»Du bist ein Gewohnheitstier, Griff, aber das wird schon. Du warst ein großartiger Ehemann, aber wir sind sehr jung zusammengekommen. Jetzt können wir uns unterstützen, was auch immer als Nächstes kommt. Außerdem weißt du doch, dass Heath in jeder Situation hinter dir steht.«
»Stimmt.« Ich drücke ihre Hand. »Es wird etwas dauern, bis ich mich dran gewöhnt habe.«
»Das wird es. Und es fängt jetzt an.« Mit einem traurigen Lächeln zieht sie mir langsam den Ring vom Finger.
»Irgendwann musste es ja passieren.«
»Und es würde mich sehr überraschen, wenn Heath nicht schon am Flughafen auf dich wartet, damit er dich an deinem ersten Abend als Junggeselle ausführen kann.«
Etwas verunsichert fahre ich mir mit einer Hand durch die Haare. Will ich unbedingt wieder flachgelegt werden? O ja. Es ist viel zu lange her, seit ich mit jemand anderem als meiner Hand Sex hatte. Das Problem ist, dass ich außer Poppy niemand anderen hatte. Seit Monaten liege ich meinen Freunden damit in den Ohren, das Singleleben nicht erwarten zu können, jeden Abend einen anderen Mann oder eine andere Frau in mein Bett zu holen, und jetzt, da es so weit ist … habe ich keine Ahnung, was zum Teufel ich tun soll.
Wie lernt man sich denn heutzutage kennen? Gehen wir aus? Treffen wir uns in einer Bar? Bin ich zu alt für Clubs oder Apps?
»Eine Sache noch«, sagt Poppy.
Ich lege den Kopf schräg.
»Ich will, dass du Magnolia Ridge bekommst.«
»Moment mal … Was?«
Wir haben vor fünfzehn Jahren ein altes Motel gekauft und zu einer luxuriösen Unterkunft umgebaut. Obwohl ich gern behaupten würde, es gemeinsam mit Poppy zu führen, übernehmen sie und mein bester Freund Heath die Leitung, während ich eher der Mann fürs Grobe bin. Einfache Reparaturarbeiten, Wartung, Gartenarbeit. Von Buchhaltung habe ich keine Ahnung. Das ist … schlecht.
»Warum?«, frage ich, sobald ich verstanden habe, was sie meint.
»Es war deine Idee und dein Traum. Und ja, ich bin gut darin, aber ich möchte mir etwas Zeit nehmen und herausfinden, was ich will.«
Das ist verständlich, trotzdem trifft es mich unerwartet.
»Du musst nicht so panisch gucken. Ich zeig dir alles, was du wissen musst, und Heath geht auch nicht weg. Ihr seid doch sowieso unzertrennlich – da könnt ihr das Geschäft auch zusammen leiten. Abgesehen davon bin ich ja noch da, aber eher als … stille Teilhaberin.«
»Du willst also weiterhin das Geld, aber keine Verantwortung mehr?«, frage ich unwillkürlich.
Poppys Gesichtszüge verhärten sich. »Sieh es eher als den Urlaub, den ich nie genommen habe. Wir besprechen die Einzelheiten, sobald sich alles beruhigt hat, aber ich möchte mich zurückziehen. Wie das genau aussieht, finden wir schon heraus.«
»Okay.« Mir schwirrt noch immer der Kopf, aber was soll ich sonst sagen?
Langsam muss ich auch los, und wir stehen widerwillig auf.
Poppy umarmt mich. »Ich liebe dich, Griff.«
»Ich dich auch.«
Wir lösen uns voneinander, und sie sieht mich mit einem frechen Ausdruck an. »Morgen um die Zeit fragst du dich bestimmt schon: Wer war noch mal Poppy?«
»Ich bin nicht Felix.«
»Nein, aber ihr seid euch sehr ähnlich.«
Ich denke an den knapp eins achtzig großen Hitzkopf, den wir gerade abgesetzt haben. »Ähnlich?«
»Keiner von euch mag Veränderungen, auch wenn sie besser sind.«
»Wie gut, dass wir dich haben, um uns einen kleinen Schubs zu geben.«
»Hattet«, korrigiert sie mich. »Du wirst dich selbst schubsen müssen.«
»Richtig.«
»Mach’s gut, Griff. Ich möchte nicht, dass du da bist, wenn ich nach Hause komme.«
Ich lache über ihren Scherz, doch wir wissen beide, dass es durchaus passieren könnte. Es stimmt, dass ich eingefahren bin, aber nun ist es an der Zeit für eine Veränderung. Ich muss nur den Mut dafür aufbringen.
HEATH
»Sie haben lange im Magnolia Ridge gearbeitet«, sagt Marcos. Lose hält er ein Blatt Papier zwischen den Fingerspitzen. »Warum gerade jetzt diese Veränderung?«
Warum gerade jetzt? Ich hasse Bewerbungsgespräche ist wahrscheinlich nicht die Antwort, die er hören will.
Es klingt einfach traurig, mit dreiundvierzig seit zwanzig Jahren denselben Job ohne weitere Karriereaussichten erledigt zu haben. Außerdem klingt es morbide, wenn ich ihm erzähle, dass ich dadurch näher bei Mom bin und Dad vor seinem Tod versprochen habe, auf sie aufzupassen. Aber wenn ich ihm gestehe, dass ich nur so lange in der Magnolia Ridge geblieben bin, weil ich meinen besten Freund nicht verlassen wollte, klingt das schlicht und ergreifend erbärmlich.
Hm … für welche herausragende Antwort entscheide ich mich?
»Es ist der richtige Zeitpunkt für etwas Neues.«
Marcos notiert etwas auf seinem Zettel. »Na ja, Sie haben tatsächlich viel Erfahrung. Und, wenn ich das bemerken darf, erledigen Sie viel mehr, als man von einem Gästemanager normalerweise erwartet.«
Hoffentlich kauft er mir mein Gewinner-Lächeln ab. »Ich nehme die Dinge gern in die Hand.« Bin ich für mein Gehalt lächerlich überqualifiziert? Ja, zweifellos. Aber bevor Dad vor ein paar Monaten starb, wollte ich nirgendwo sonst auf der Welt sein. Ich übernehme mehr, weil ich es will, sonst würde ich mich langweilen.
Marcos steht auf und ich folge hastig seinem Beispiel.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.« Er schüttelt mir die Hand. »Ich wollte Sie unbedingt treffen und habe ein gutes Gefühl.«
»Danke. Hoffentlich höre ich bald von Ihnen.«
Marcos lächelt. »Wir arbeiten gerade an einigen Dingen – im Hintergrund, kein Grund zur Sorge –, deshalb könnte es ein wenig dauern, aber ich melde mich auf jeden Fall bei Ihnen.«
»Wunderbar.«
Ich verlasse das Premier Hotel, und obwohl ich weiß, dass ich dieses Bewerbungsgespräch gerockt habe, fühle ich mich nicht wohl dabei. Wenn ich nach Southbridge und damit näher zu Mom ziehe, reduziere ich meine Fahrtzeit gewaltig. Ich könnte auch gleich bei ihr einziehen, damit ich mich um sie kümmern kann, wenn sie älter wird … aber das bedeutet, dass ich mein altes Leben zurücklasse.
Ich habe Freunde und eine Vergangenheit in Kilborough. Ich liebe es dort. Es liegt nah genug an Springfield, um auszugehen und etwas zu trinken, jemanden aufzureißen oder ins Fitnessstudio zu gehen, trotzdem weit genug entfernt von allem, um das Kleinstadtleben perfekt zu machen. Selbst während der Touristensaison verliert die Stadt ihre heimelige Atmosphäre nicht.
Southbridge ist sicher toll. Aber dort gibt es weder meine Wohnung noch mein Leben. Und Griff gibt es dort auch nicht.
Ihn zu verlassen, wird am schwersten. Seit unserer ersten Begegnung sind wir beste Freunde, und obwohl wir uns jeden Tag auf der Arbeit sehen, treffen wir uns auch sehr häufig am Wochenende.
Zumindest, bis ich angefangen habe, Mom an den Wochenenden zu besuchen.
Irgendwie vermisse ich ihn, auch wenn ich ihn immer noch ständig sehe.
Allerdings war Griff im vergangenen Jahr nicht er selbst. Als würde er in einer grauen Leere feststecken und darauf warten, wieder zu leben. Und heute ist dieser Tag – hoffe ich.
Griff kommt heute aus Kalifornien zurück, wo er Felix am College abgesetzt hat, und die Trennung von Poppy beginnt. Obwohl sie schon seit … fast einem Jahr nicht mehr zusammen sind? Zumindest offiziell. Er hatte noch keine Möglichkeit, die Trennung zu genießen.
Ich werde ihn daran erinnern, dass die Scheidung nichts weiter ist als sein nächster Schritt. Und ich werde definitiv an seiner Seite stehen, um ihm zu helfen … Zumindest, bis ich von diesem Job höre.
Ich stöhne. Wieder spüre ich diesen vertrauten Riss, der sich in mir auftut. Griff braucht mich, um seine Scheidung durchzustehen. Mom braucht mich, damit sie nicht allein ist, und je älter sie wird, desto schwieriger wird es für sie, alltägliche Dinge zu bewältigen. Ich habe es Dad versprochen. Es war eines der letzten Dinge, über die wir gesprochen haben.
Trotzdem bin ich noch hin- und hergerissen. Selbstsüchtig …
Ich versuche, die Stimme zu ignorieren. Ich bin nicht selbstsüchtig … meistens. Aber diese Unschlüssigkeit ändert meine Ansicht darüber, wer ich tief in meinem Inneren bin, wenn ich zu bequem bin, um etwa eine Stunde weiter wegzuziehen.
Ich bemühe mich. Ich habe mich für den Job beworben, hatte ein Vorstellungsgespräch und leite die nötigen Schritte ein, um mein Versprechen zu halten und auf Mom aufzupassen. Meine Eltern waren immer großartig, und ich hatte die beste Kindheit. Dafür zu sorgen, dass sich Mom nicht allein fühlt, ist das Mindeste, was ich tun kann.
Ich steige in mein Auto. Mir bleibt noch genug Zeit, um zum Flughafen zu fahren, bevor Griff landet.
Es hat keinen Sinn, mir über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Wenn Marcos absagt, ist das Problem gelöst. Wenn er zusagt, ist es ein Zeichen des Universums, nach Southbridge zu ziehen.
Er wird zusagen.
Dieser Gedanke ist ganz und gar nicht ermutigend.
Griff: Es ist erledigt. Einfach so. Zwanzig Jahre vorbei.
Art: Falsch. Diese zwanzig Jahre waren nur der erste Akt. Jetzt kann Griff 2.0 auftauchen.
Payne: Das klingt nach Cyborg.
Griff: Hey, wenn ich einen Roboterarm hätte, würde ich zumindest für Gesprächsstoff sorgen.
Orson: Ich ignoriere jetzt mal diese seltsame Überleitung. Wie geht’s dir?
Griff: Ich bin … verwirrt? Trauriger, als ich erwartet habe, aber vielleicht denke ich auch nur, dass ich mich so fühlen müsste? Objektiv betrachtet gibt es nichts, worüber ich traurig sein müsste.
Orson: Es ist eine große Veränderung. Das Gefühlschaos ist verständlich.
Payne: Denkst du immer noch, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast?
Griff: Definitiv. Deshalb ist die Traurigkeit so seltsam. Es wird wohl Zeit, dass ich mich flachlegen lasse! Was hat Beau später vor? ;p
Payne: Keine Witze mehr über Beau.
Orson: Du musst deine Gefühle nicht kleinreden. Lass dir Zeit.
Art: Hör nicht auf sie! Du hattest recht! Zeit, dich flachlegen zu lassen!
GRIFF
Es gibt zwei Arten von Fluggästen. Diejenigen, die kaum bemerken, dass wir sechs Kilometer von festem Boden entfernt sind, und diejenigen, die sich dieser Tatsache nur allzu bewusst sind.
Ich gehöre zur ersten Kategorie. Der Mann neben mir eindeutig in die zweite. Den Geruch von Erbrochenem werde ich wohl nie wieder los.
Als ich das Abfluggate verlasse und mich nach Heath umsehe, will ich nur noch nach Hause, eine lange Dusche nehmen, und dann so viel fernsehen, wie ich ertrage. Ich bin jemand, der nicht gut darin ist, lange stillzusitzen, aber ich kann sehr gut den Kopf in den Sand stecken, und je länger ich nicht an den nächsten Schritt denken muss, desto besser.
Wenn ich zu sehr an die Zukunft denke, bekomme ich Angst bei der Erkenntnis, dass ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich tue. In meinem Leben gab es so viele selbst auferlegte Regeln, die in direkter Verbindung zu meiner Familie standen, doch da ich nun solo unterwegs bin, schwirrt mir beim Gedanken an all diese Freiheit der Kopf. Ich reibe mir über die Stirn, da sich Kopfschmerzen ankündigen, und versuche, mein Unwohlsein abzuschütteln.
Ein vertrauter, lauter Pfiff schrillt durch die Luft. »He, Griff.«
Ich drehe mich zu der Stimme um und entdecke Heath mit erhobener Hand. Nicht, dass das nötig wäre. Heath ist größer als der Durchschnittstyp, schlank und hat hellbraune Haare, die mit seiner Haut harmonieren.
Wenn man ihn ansieht, denkt man sofort: herausgeputzt.
Wenn man mich ansieht, denkt man: unzivilisierter Höhlenmensch.
Heath trägt ein Hemd und hält sein Handy in der einen Hand, während er die andere in der Hosentasche vergraben hat.
»Warst du auf der Arbeit?«, frage ich.
»Jap. Ich war heute Vormittag da und hab Michelle die Nachmittagsschicht überlassen, damit ich Mom besuchen und deine traurige Gestalt abholen kann.«
»Und meine traurige Gestalt dankt dir. Wie geht’s deiner Mom?« Es ist immer noch schwer zu glauben, dass sein Dad tot ist. Ich stand seinen Eltern nicht übertrieben nah, doch sie waren während unserer Highschoolzeit eine Konstante.
»Ihr geht’s ziemlich gut. Meistens ist sie sie selbst, aber sie vermisst ihn, weißt du?«
»Das kann ich mir nicht mal vorstellen.« Selbst nach der Trennung wäre es schrecklich, Poppy zu verlieren, und Heath … Es würde sich anfühlen, als würde ein Teil von mir plötzlich nicht mehr existieren.
»Lassen wir das.« Heath legt einen Arm um meine Schultern und führt mich zum Ausgang, wobei mir sein süßliches Parfüm in die Nase steigt. »Ich hoffe, du hast unterwegs genug geschlafen.«
»Du weißt doch, dass es nicht so ist.« Ich habe ihm die ganze letzte Woche Nachrichten geschrieben. »Warum?«
»Ich hab für heute Abend etwas geplant.«
Ich lächle gezwungen. Poppy hatte recht, und ob sie nur gut geraten hat, weil sie Heath gut kennt, oder er es ihr erzählt hat, weiß ich nicht, aber es ist auch egal. Ich hätte wissen müssen, dass es so kommt.
»Nicht heute. Vielleicht morgen«, erwidere ich.
»O Großer, du hast nicht wirklich eine Wahl.«
»Was muss ich tun, um aus der Nummer rauszukommen? Soll ich dir zusätzliche freie Tage geben? Willst du Magnolia Ridge übernehmen? Sag es einfach, und es gehört dir.«
»Ich soll dein Baby übernehmen?« Heath klingt verwirrt.
Ich winke die Frage ab. »Wir reden später darüber. Jetzt werde ich erst mal nach Hause fahren und abschalten.«
»Das ist ein toller Plan.«
»Ich weiß.«
»Schade nur, dass ich das nicht zulassen kann.«
Ich schüttle seinen Arm ab. »Es war ein langer Tag.«
»Sicher, aber Pech gehabt.« Bevor ich antworten kann, hebt er die Hände. »Lass es nicht am Boten aus.«
»Boten? Ich dachte, du hast das geplant?«
»Wortklauberei. Ich will damit sagen: All deine Freunde warten im Killer Brew und sind sicher sauer, wenn du es nicht zu deinem Junggesellendebüt schaffst.«
Ich lege den Kopf in den Nacken. »Das hast du nicht getan.«
»O doch. Offensichtlich.«
Ich versuche, ihm einen weiteren, wenig begeisterten Blick zuzuwerfen, doch der entlockt ihm nur ein Grinsen. Unwillkürlich erwidere ich es.
»Griff, wir sind seit der Highschool befreundet. Es ist zwecklos, jetzt überrascht zu tun.«
Tja, damit hat er recht. In beruflicher Hinsicht ist Heath ein absoluter Profi. Deshalb unterstützt er Poppy so intensiv auf geschäftlicher Ebene, dabei ist er eigentlich ein Aufreißer, der das Leben nicht ernst nimmt.
Heath führt mich über den Parkplatz zu seinem Auto. Zwanzig Minuten später sind wir unterwegs nach Kilborough und lassen Hartford hinter uns. Entspannt auf dem Beifahrersitz seines BMW M2 überlege ich, ob es an der Zeit ist, mir die Haare zu färben und ebenfalls einen Sportwagen zu kaufen. Ist diese Scheidung der Beginn meiner Midlife-Crisis? Wird Felix das vermuten?
Ich erhasche im Seitenspiegel einen Blick auf mich selbst und mag nicht, was ich sehe. Klar, ich wirke nicht wie ein alter Mann, aber so langsam zeigen sich die ersten grauen Haare, die Fältchen an Augen und Mundwinkeln kommen deutlicher zum Vorschein, und ich wirke … müde. Dabei ist die zusätzliche Belastung noch nicht mal mit einberechnet.
»Ich kann dich von hier aus denken hören«, sagt Heath.
Natürlich tut er das. Ich drehe mich zu ihm, um herauszufinden, wie er mit dreiundvierzig im Vergleich zu mir aussieht. Seine einzigen grauen Haare zeigen sich an den Schläfen. Er ist fit. Attraktiv. Er sieht nicht müde aus.
Es ist offensichtlich, warum er nie Probleme hat, jemanden aufzureißen.
»Darf ich mich wenigstens erst zu Hause umziehen?« Es ist schon nach sieben, und ich fürchte, dass er mich zwingt, in Klamotten auszugehen, die nach Flugzeugerbrochenem riechen.
»Ich bin so großzügig, dass du sogar duschen darfst.«
»Was du sicher nur mir zuliebe erlaubst und nicht, weil du nicht den ganzen Abend meinen Gestank ertragen willst.«
Er rümpft die Nase. »Ich wollte nichts sagen, aber was ist das, Kumpel?«
»Mehr als sechs Stunden auf einem saulangen Flug.«
»Nun, ja, du musst auf jeden Fall duschen. Wenn du so riechst, will niemand in deiner Nähe sein.«
Die Art, wie er niemand sagt, weckt mein Misstrauen. »Wen hast du denn alles eingeladen?«
»Äh, du weißt schon … die üblichen Verdächtigen.«
Ich brumme. »Zum Beispiel?«
»Ein paar Typen aus der Highschool, deine geschiedenen Freunde …« Er senkt die Stimme zu einem Flüstern. »Ein paar heiße Typen aus dem Fitnessstudio in Springfield.«
Und da haben wir es.
»Was?«, fragt er. Ohne die große Sonnenbrille könnte ich sicher den beleidigten Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen. »Du hast doch gesagt, dass du jemanden flachlegen willst.«
Ich spare mir eine Antwort, da ich nicht weiß, was ich ihm sagen soll. Ja, ich habe es im Grunde jedem erzählt, der zugehört hat, und es waren nicht nur leere Worte. Ich sehne mich nach der längst überfälligen Nähe zu einem anderen Menschen. Poppy und ich haben uns nie bewusst dafür entschieden, keinen Sex mehr zu haben, doch wir waren uns einig, mit niemandem auszugehen, solange wir noch zusammenwohnten. Hauptsächlich, damit Felix keine Gerüchte aufschnappt, aber auch, um uns zu ersparen, unseren Ex mit jemand anderem zu sehen.
Wir legen einen Zwischenstopp an meinem bald alten Haus ein, und ich lasse mir Zeit beim Fertigmachen. Obwohl ich den Großteil der Leute in der Bar kenne, droht die Nervosität, mich zu überwältigen. Ich schmeiße gern solche Partys, da Art sie liebt. Wenn sie jedoch für mich stattfinden, mache ich lieber einen Rückzug.
Gegen halb neun erreichen wir das Killer Brew, wo selbst für einen Wochentag viel los ist. Schlurfend folge ich Heath in die große Brauerei aus Holz und Stahl, wobei ich mir überlege, wie krank ich mich wohl stellen muss, um aus der Nummer rauszukommen. Doch bevor ich mir etwas einfallen lassen kann, legt Heath eine Hand in meinen Nacken und führt mich zur Treppe hinter der Bar.
Allein seine Anwesenheit ist eine dauerhafte Quelle von Geborgenheit. Sie hilft mir, Selbstbewusstsein vorzutäuschen.
»Du kannst jetzt aufhören, dir in die Hose zu machen.«
»Wenn du noch nicht auf einer Party warst, um deine Scheidung zu feiern, darfst du keine Tipps geben.«
Er lässt meinen Nacken los und knufft meine Schulter. »Ich bin nicht leichtsinnig genug, um zu heiraten, also muss ich mir keine Sorgen machen.«
»Traust du dich, Poppy zu sagen, dass sie eine leichtsinnige Entscheidung war?«
»Was … Nein, das ist …«
Sein Stammeln bringt mich zum Lachen. »Pass auf, es klingt fast so, als hättest du Angst vor ihr.«
»Weil sie nun mal beängstigend ist.«
»Mhm.« Poppy ist winzig. Von ihr hat Felix seine Größe und Statur.
»Tu nicht so, als hättest du keine Angst«, sagt er. »Wir wissen, wer in eurer Beziehung die Hosen anhatte.«
Auf halbem Weg zum Zwischengeschoss, wo Art unsere Treffen und Partys abhält, bleibe ich stehen. Da ihm die Brauerei gehört, kann er frei entscheiden, was auch immer hier passiert. Ich höre bereits die lauten Gespräche der Leute über mir und verspüre erneut das Gefühl absoluter Überforderung.
»Griffin.« Heath drückt meine Schulter. »Alles gut. Ich bin hier.«
Ich atme die Beklemmung aus. »Ja, ich weiß.«
»Je eher du dich wieder ins Getümmel stürzt, desto leichter wird es.«
Ich lächle ihn flüchtig an. »Klingt fast, als wüsstest du, dass ich nervös bin.«
»Nervös? Du? Niemals.« Er klopft mir auf den Rücken. »Na komm, alter Holzfäller. Ich bin ja schon froh, dass du dein Flanellhemd zu Hause gelassen hast.«
Ich zeige ihm den Mittelfinger, denn ich trage nicht immer Flanell. Vielen Dank auch. Die Hemden sind nun mal praktisch, wenn ich mir den ganzen Tag die Hände schmutzig mache.
Sobald wir zu meinem Junggesellendebüt stoßen, bricht Jubel aus. Ich hebe eine Hand und versuche, mich nicht unter all der Aufmerksamkeit wegzuducken.
»Der Tag ist gekommen«, verkündet mein guter Freund Art de Almeida und kommt auf uns zu. Er umarmt mich grob, ehe er einen Arm um meine Schultern legt und mit der anderen Hand auf die versammelten Gäste deutet. »Du weißt, wie man die Leute warten lässt.«
Meine Wangen werden heiß. »Ich wusste nicht, dass es eine feste Uhrzeit gibt.«
»Ich meine im letzten Jahr, du Mistkerl. Wie fühlt es sich an? Endlich gehörst du zur A-Liga. Du bist frei, kannst deine Flügel ausbreiten, und in den nächsten Lebensabschnitt aufsteigen.«
Manchmal würde ich das Leben gern so wie Art sehen. Andererseits wünsche ich mir teilweise auch, dass er etwas leiser spricht, um mit seiner hippiemäßigen Lebenseinstellung keine Aufmerksamkeit zu erregen.
»Es fühlt sich … seltsam an.«
»Verständlich. Willst du es immer noch?«
»Ja.« Ich räuspere mich. »Bei dem Teil bin ich sicher.« Auch wenn es nach wie vor Momente gibt, in denen ich unschlüssig bin, liegt es nicht daran, dass ich weiterhin verheiratet sein möchte. Die Scheidung ist die kluge Entscheidung.
»Also.« Art stupst mich an. »Fällt dir einer dieser Typen ins Auge? Kommst du endlich in den Genuss eines Schwanzes?«
»Du weißt, dass ich nicht wählerisch bin.« Seit ich mir mit Anfang zwanzig meiner Bisexualität bewusst war, bin ich mehr oder weniger geoutet, aber Poppy war meine einzige Partnerin. Für mich sind Männer und Frauen gleichrangig attraktiv. Mein Ziel ist es nicht, eine Liste mit Körperteilen abzuhaken, die ich berühren will. Ich will einfach nur Sex haben. Ungezwungenen Sex. Solange die Person in Ordnung ist und ich mich zu ihr hingezogen fühle, ist alles andere unwichtig.
Glaube ich.
Da ich zu schnell in diese Situation geraten bin, die auch etwas zu viel ist, hatte ich noch keine Zeit, herauszufinden, wo ich eigentlich stehe. Der Gedanke an einen fremden Schwanz schüchtert mich ein, ebenso aber auch die Vorstellung einer fremden Vulva. Wenn man das ganze Leben nur mit einer einzigen Person zusammen war, ist es schwer, sich vorzustellen, diese Dinge mit jemand anderem zu tun. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, so viel Unterstützung aus meinem Freundeskreis zu bekommen. Gerade durchlebe ich eine schwierige Phase, doch ich werde sie überstehen. Vielleicht bin ich nicht für schnelle Aufrisse gemacht, oder vielleicht bin ich nicht daran gewöhnt, weil ich noch nie welche hatte.
Aber ich werde es versuchen.
Denn das Letzte, was ich will, ist, in eine weitere Beziehung zu stolpern.
HEATH
Griffin dreht durch. Genau nach Plan.
Ich stürze den Rest meines Biers hinunter und beobachte ihn mit seinen Freunden. In den letzten Wochen hat er immer häufiger über die Scheidung gesprochen, und ich wusste, dass er damit nur seine Nervosität überspielen wollte, denn im Moment kann er sich kaum zusammenreißen.
Zum hundertsten Mal werfe ich einen Blick auf die Uhr, noch immer unsicher, ob ich hätte herkommen sollen. Ich wusste die ganze Zeit, dass es Griff schwerfallen würde, aber ich weiß auch, dass es an seiner Angewohnheit liegt, sich zu sehr den Kopf zu zerbrechen. Hätte ich ihn vom Haken gelassen, würde es Wochen dauern, bevor er genug Mut hat, um das Haus zu verlassen.
Sobald ich die Aufmerksamkeit des süßen Barkeepers habe, bestelle ich noch zwei Bier. Er arbeitet seit ein paar Monaten hier und ist eine echte Augenweide. Schlanke Muskeln, die kurzen Haare zu einem Dutt zusammengebunden, dazu ein schelmisches Lächeln. Außerdem flirtet er hemmungslos, aber ich weiß aus Erfahrung, dass dieses Flirten zu nichts führt, wenn man keine Brüste hat.
»Bitte schön, Süßer«, sagt er und schiebt mir die Drinks zu. Wirklich schade, dass er nicht in meinem Team spielt, denn diese Stimme erregt jedes Mal mein Interesse.
Ich reiche ihm das Geld und schmunzle über sein Selbstbewusstsein. »Behalt den Rest.«
Anschließend gehe ich zu Griff. Mein Plan sieht vor, für ihn da zu sein, wenn er mich braucht, aber nicht als Stützräder herzuhalten. Ich möchte ihm Raum geben, ihn dann erinnern, dass ich hier bin, und das Ganze wiederholen. Er ist ein erwachsener Mann, allerdings hinreißend naiv.
Ich würde diesen Mann mit meinem Leben beschützen.
Das Problem ist: Poppy hat ihm alles abgenommen. Sie ist ein Wirbelwind. Jemand, der nicht stillhalten kann, für den keine Herausforderung zu groß ist. Sie führt das Geschäft mit militärischer Präzision und schafft es trotzdem, sich um all die Dinge im Haushalt zu kümmern, die ein Familienleben mit sich bringt. Manchmal tat sie mir aufgrund von Griffs mangelnder Hilfe im Haushalt oder beim Kochen leid, aber sie hat mir verraten, dass sie die Kontrolle nicht abgeben kann.
Und ich dachte, dass Griff übertreibt, als er meinte, nichts richtig machen zu können.
Tja, dafür wird er jetzt bezahlen.
Ich stupse ihn am Ellbogen an und reiche ihm das Bier. Er sieht mich mit seinen strahlend blauen Augen an und süße Erleichterung breitet sich auf seinem Gesicht aus. Meine Lippen zucken. Ich bin seit der Highschool für ihn da, und mittlerweile können wir im Grunde ohne Worte kommunizieren.
Gott sei Dank bist du wieder da, verrät mir sein Blick. Hilfe.
Ich hebe eine Braue. Hör auf zu schmollen, du Riesenbaby.
Er lächelt mich beinahe an, ehe er die Augen verdreht und sich abwendet.
»Ich bin echt überrascht, dass du hier bist«, sagt Payne Walker. »Ich dachte, du würdest vom Flughafen aus direkt in einen Club fahren. Den ersten Aufriss hinter dich bringen.« Er ist das neueste Mitglied ihres Geschiedenen-Clubs und erst vor ein paar Monaten zurück in die Stadt gezogen. Der Typ ist Sex auf zwei Beinen, und wären Beau und er nicht so schnell zusammengekommen, hätte ich definitiv versucht, mit ihm zu schlafen.
»Alles zu seiner Zeit«, erwidert Griff. »Außerdem hast du dir Beau geschnappt; jetzt muss ich meine Ansprüche senken.« Er legt den Kopf schief und richtet seine Aufmerksamkeit auf den Blonden an Paynes Seite. »Es sei denn, du willst deine anheben.«
Ah, anscheinend zeigt sich jetzt der freche Griff. Ich schnaube in mein Bier, als Payne Beau hastig an sich zieht. Er muss sich keine Sorgen machen, aber süß ist es schon, dass er das denkt.
»Lass das verliebte Pärchen in Ruhe«, mahnt Orson. Ich weiß nicht viel über ihn, doch Griff mag ihn sehr. Wäre er nicht hetero, würde ich womöglich versuchen, sie zu verkuppeln.
»Sie sind nur unseretwegen verliebt«, sagt Griff. »Sie könnten sich wenigstens mit einem Dreier bei mir bedanken.«
»Den Teil ignoriere ich jetzt.« Orson reißt die Augen auf. »Aber du hast nicht unrecht. Payne hat viel zu lange auf dem Schlauch gestanden.«
Payne brummt. »Ich hatte gerade meinen Ex verlassen.«
»Was würde Art sagen?«, fragt Orson und streicht über seine grau melierten Bartstoppeln. »Für Liebe ist Zeit bedeutungslos.«
»Wow«, wirft Beau ein. »Ihr raucht hier wirklich die guten Sachen, oder?«
»Art mischt sie in sein Bier«, antworte ich.
»Und dann müssen wir es als Teil unserer Aufnahme in den CGM trinken«, fügt Payne hinzu.
Ich stupse Griff an. »Wurdest du schon offiziell aufgenommen?«
»Nicht ganz. Vielleicht ist das mein Problem. Ich brauche einen Schluck von Arts Zaubertrank, um mich in einen rücksichtslosen Aufreißer zu verwandeln.«
»Kein Aufreißer«, sagt Payne und hebt die Hand.
Orson würgt. »Und, o Mann. Sprich nie wieder von Arts Zaubertrank. Nie wieder.«
»Was ist mit meinem Zaubertrank?«
Ich lache, denn natürlich taucht Art im unpassendsten Moment auf. Unerschütterliches Selbstbewusstsein umgibt ihn in einem drei Meter großen Radius. Er ist groß und einnehmend, mit einem versauten Mundwerk und einem Ruf so enorm wie sein Ego.
»Himmel«, murmelt Griff leise. »Es war nichts.«
»Griff meinte nur, dass er deinen Zaubertrank trinken will«, stichle ich. Denn, hey, wenn Griff zwanglosen Sex will, wäre Art der perfekte Kandidat. Er ist die wandelnde Definition von Ungebundenheit.
»Kann ich ihm nicht verübeln«, erwidert Art. »Jeder will meinen Trank, aber du musst dich anstellen, Kumpel. Meine nächsten Wochenenden sind schon voll.«
Griffs Augen weiten sich. »Erst mal müssen alle aufhören, Trank zu sagen …«
»Trank«, werfe ich ein.
»Du hast damit angefangen«, stellt Orson klar.
»Zweitens, nein danke, Art. Unangenehm ist nichts für mich. Und drittens, wie findet man jemanden? Also, gibt’s da eine App, oder kommen die Leute her, oder …«
Art zuckt mit den Schultern. »Alles. Wir haben Touristensaison – du hättest dir keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um Single zu sein. Und da Halloween vor der Tür steht, wird es hier bald einen Haufen neue Leute geben. Außerdem hast du einen großen Vorteil. Dir gehört der Laden, in dem die meisten Gäste absteigen – wenn du darunter niemanden zum Aufreißen findest, werde ich ernsthaft an deinen Fähigkeiten zweifeln.«
Griff sieht empört aus. »Ich kann nicht mit den Gästen schlafen.«
»Warum nicht?« Ich hebe mein Bier und versuche, ein Lächeln zu verbergen. »Ich hab’s getan.«
»Du hast was?«
»Ich bin der Gästemanager.« Ich zwinkere ihm zu. »Steht alles in der Jobbeschreibung.«
Griff stöhnt und hofft wahrscheinlich, dass ich nur Witze mache. Tue ich aber nicht. Zumindest hatte ich nie Sex auf der Arbeit. Ich habe meine Aufrisse immer mit nach Hause genommen, immerhin habe ich gewisse Standards.
Ich vermisse die Tage dieser begrenzten Verantwortung.
Da Griff von seinen Freunden umringt ist, ziehe ich mich wieder in den Hintergrund zurück. Ich unterhalte mich mit einigen der Typen aus dem Fitnessstudio, die ich eingeladen habe, überlege mir, welcher von ihnen gut zu Griff passen könnte, und schlendere dann zu meinem Freund Leif. Sein Partner ist auch Mitglied im Club der geschiedenen Männer, und dass sie sich angeschmachtet haben, hat mich beinahe umgebracht. Zum Glück haben sie sich zusammengerauft und sind miteinander ausgegangen.
Wir unterhalten uns ein paar Minuten, ehe ich mich erneut nach Griff umsehe, jedoch feststelle, dass er weg ist.
Mist.
Die Chancen stehen fünfzig-fünfzig, dass er abgehauen ist. Was bedeutet, es besteht eine Fünfzig-fünfzig-Chance, mich selbst anzumeckern, weil ich ihn aus den Augen gelassen habe.
Ich entschuldige mich und suche nach ihm. Höchstwahrscheinlich brauchte er einfach nur eine Pause, also sehe ich zuerst auf der Toilette nach, ehe ich in den Flur schlüpfe, der zu Arts Büro führt. Als ich in den dunklen Raum spähe und Griffs Umriss vor dem großen Fenster entdecke, atme ich erleichtert auf.
Leise schließe ich die Tür hinter mir und stelle mich neben ihn. Einen Augenblick lang sagt keiner von uns etwas, obwohl er meine Anwesenheit bemerkt.
»Erinnerst du dich, als wir uns auf der Highschool vorgestellt haben, aufs College zu gehen, zusammen eine Wohnung zu suchen und dann eine wilde Zeit zu haben?«
Mit verengten Augen versuche ich herauszufinden, welchen Moment er meint. Früher lagen wir oft auf der Wiese hinter seinem Haus und haben uns die Zukunft ausgemalt: dass wir immer zusammen sein würden und sich nichts änderte. Der Gedanke, dass das fast so gekommen ist, ist beruhigend. In seiner Nähe zu sein, gibt mir Halt.
»Schon. Worauf willst du hinaus?«
Er dreht den Kopf, um mich anzusehen, und zum ersten Mal an diesem Abend lächelt er aufrichtig. »Es ist ungefähr fünfundzwanzig Jahre zu spät, aber das ist unsere Chance.«
»Du willst, dass wir zusammenziehen?«
Verwirrung löst das Lächeln auf seinem Gesicht ab. »Nein, ich meine die wilde Zeit. Ich habe Angst und bin nervös, aber du hast dauernd Dates, Art legt ständig jemanden flach … Ich bin nicht hässlich, oder? Deshalb versuche ich, mich davon zu überzeugen, dass ich das auch haben kann.«
»Natürlich kannst du das.«
Griff ist vielleicht nicht der Typ, der mich anzieht, aber er ist heiß. Groß, mit muskulösen Armen, die ich hin und wieder gern um mich spüre, zusammen mit einem verletzlichen Blick und einem normalerweise entspannten Wesen.
»Wirst du nun sentimental?«, frage ich.
Er brummt, ehe er mir meine Worte von vorhin zurückspielt: »Kannst du jetzt wirklich noch überrascht tun?«
»Ich glaube nicht, dass mich irgendetwas überrascht, was du tust.«
»Oh, tja, das werde ich mir merken.«
Ich lache leise. »Du schaffst das schon, das ist dir klar, oder?«
»Ja. Aber du weißt, dass ich nur schwer mit Veränderungen klarkomme.«
»O ja.« Ich streiche über seinen Rücken. »Du musst dich etwas entspannen.«
»Das ist der Plan. Klar, viele meiner Gefühle sind gerade zu groß, um sie jetzt zu analysieren, aber da ist auch Aufregung.«
»Gut. Wir regeln alles, und sobald du dich ans Single-Dasein gewöhnt hast, wirst du dich prächtig amüsieren.«
Er nickt. »Natürlich.«
»Solange du dich nicht in die erste Person verliebst, in die du deinen Schwanz steckst.«
»Leck mich.« Griff vergräbt kurz das Gesicht in der Hand – ein deutliches Zeichen dafür, dass er verlegen ist. Aber was Ehefrauen angeht, hat er sich eine gute ausgesucht, und dafür muss er sich nicht schämen.
