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Wer ist schon auf die Welt gekommen und hat von Anfang an für sich festgestellt `Ich höre nur Iron Maiden´? Ich zumindest nicht, auch wenn ich Maiden Platten im Kallax stehen habe. Neben anderen. Aber wie bin ich da hingekommen? Warum habe ich nicht nur Maiden Platten, sondern auch ganz viele andere Sachen dort rumstehen? Ich habe in meinem kleinen Zimmer meine Plattenansammlung gefragt. Ein Dialog über Prägungen, Einflüsse, Brüder, Freunde, Zufälle. Ein Kammerspiel auf sechs Quadratmetern über (m)eine musikalische Entwicklung auf dem langen Weg von der Kindheit bis heute.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich vorab kurz etwas klarstellen:
Ich habe dieses Buch zusammengetragen, weil ich wahnsinnig viel Spaß an Musik habe und einfach das Gefühl verspürte, dieses tun zu müssen.
Jetzt ist es aber so, wenn man etwas sehr mag, dann ist es schwierig Objektiv zu bleiben. Erstaunlicherweise gehe ich deshalb das Ganze eher subjektiv an. Die Meisten werden das wohl verstehen. Liebe macht ja bekanntlich blind und manchmal auch etwas blöd, was sich dann doch gerne in einem seltsamen Verhalten äußert und zu nicht auf Anhieb nachvollziehbaren Reaktionen führt. Dann kann es sein, dass sich der Schreiberling in schwelgender Euphorie selbst verliert und Dinge preist oder verteidigt, die eigentlich bei objektiver Betrachtung nicht unbedingt als preisenswert oder gar zur Verteidigung geeignet sind. Man sollte es also tunlichst vermeiden, dieses Buch als eine wissenschaftliche und entsprechend belegte Arbeit anzusehen. Oder gar als ein Produkt objektiver Recherche. Ich bin weder Musikjournalist, noch halte ich mich für einen Alleswisser. Davon bin ich weit entfernt. Ich kann ja nicht einmal ein Instrument spielen, geschweige denn Noten lesen. Es handelt sich hier lediglich um eine Ansammlung von Gedanken, gepaart mit angelesenen Informationen aus Magazinen, Biografien und vielen anderen geschriebenen Quellen. Dazu kommen gesammeltes Wissen, Unwissen, Spekulationen, Gerüchte, Unwahrheiten und anderer zusammengereimter Unsinn aus „Stammtischgesprächen“, deren Wahrheitsgehalt latürnich nich belecht is, un aunich belecht werden kann, wie beispielsweise die Zunge am nächsten Tag nach einem solchen Stammtischabend. Darauf ein kleines `Prost´. Insofern sollte man die hier vereinten Gedanken und Geschichten eher als Katalysator zur Anregung seiner eigenen Ideen, Empfindungen, Erinnerungen und Wissen nehmen, und das Thema Musik einfach genießen. Dabei spielt es auch keine große Rolle, ob man die von mir genannten Bands mag, liebt, vergöttert, hasst, ignoriert oder gar nicht kennt. Ich mag nur einfach Namedropping, aber sie dienen hier wirklich nur als Platzhalter. Das Drumherum ist das Wichtige. Eben alles was Musik ausmacht. Alles was an Musik Spaß macht. Und was ist das aller Schönste an Musik? Richtig. Das Hören. Diskutiert werden kann dann ja wieder am Stammtisch.
”Musik ist das Leben selbst.“
Louis Armstrong (Jazzmusiker 1901 – 1971)
Bevor die Nadel fällt
Wenn ich mich vorstellen darf?
Liebes Tagebuch … Knosti
Regen
Wie kommt´s?
Tagebuch … Flohmarkt
Wellen
Ist der auch schon tot?
Tagebuch … Kellerfund
Instrumente
Die Entdeckung
Sortieren? Sortieren! Sortiert doch wie ihr wollt
Liebes Tagebuch … Birth Control
Wie man auch Musik entdecken kann
Tod
Scheiben sind silber, Vinyl ist schwarz
Liebes Tagebuch … klebt
Gebraucht
Tagebuch … Marken setzen
Wenn das Griffbrett zur Autobahn wird
Die 90er – Das kann doch nicht alles sein?
Warum mag ich das nicht?
Guinness im Finish
Umzug
Lernen und staunen
Mallorca, Vorort von Dänemark?
Tagebuch … Robbie
Rory
Lieblingsalbum?!
Tagebuch … Aalborg
Ist das noch Punkrock?
Im Plattenladen
Straßenmusik
Straßenmusik – Cash only?
Tagebuch … Debbie Harry
Oh, du fröhliche
Tagebuch … John Mayall
AOR
Wie kann man einen `besten Gitarristen´ wählen?
Alles für die Platte
Chromkassetten
Im Schallplattenmuseum
Spekulationen
Lambchop
Is this the End?
Stille
Von leise zu laut, von laut zu leise
Komm gieß mein Glas noch einmal ein - Gute Nacht Volker, wir sehen uns im Salambo
Danksagung
Ich habe keine ernsthafte Plattensammlung. Nein, wirklich nicht. Keine, die ganze Regalwände füllt, so, wie man das gerne in Bildbänden, Fachzeitschriften oder auf Instagram sieht. Altbauten, mit Deckenhöhen von weit über vier Metern und unendlicher Stellfläche. Das Ganze hübsch arrangiert mit passenden Stilmöbeln und einem gemütlich beleuchteten Interior, das zum Verweilen lädt und das Herz des Musikliebhabers hörschlagen lässt. Ich habe es eben alles nur sehr viel kleiner. Das würde der Dielenboden unserer Wohnung auch gar nicht durchhalten und für mich mehr nach einem Streben nach Vollständigkeit aussehen. Ich sammle weder Künstler noch Genres auf Lückenlosigkeit. Ich nenne es lieber eine Ansammlung von Schallplatten, die ich im Laufe meines Lebens nach Lust und Laune gekauft und zusammengetragen habe. Eine Art Fundus meines Lebens. Und wenn ich in meine Regale schaue, dann sehe ich nicht nur schwarzes Vinyl (manchmal natürlich auch buntes), ich sehe bei jeder Platte einen kleinen Abschnitt meines Lebens. Manchmal einen sehr kleinen, nur einen geistigen Husch, manchmal aber auch ganze Szenen, Reisen, Freunde, Erlebnisse. Einfach einen Moment. Und in den meisten Fällen einen guten Moment. Bei fast jeder Platte, die ich aus dem Regal ziehe, kann ich mich noch an den Ort des Kaufs oder anderen Anlass, in dem die Platte den Weg zu mir gefunden hat, erinnern. Ich scheine, also noch nicht ganz dement zu sein, auch wenn ich nicht mehr das Jahr des Kaufs unbedingt benennen könnte. Aber ich kann mir auch keine Geburtstage merken. Insofern ist das nicht weiter schlimm.
Das noch viel Schönere ist, jeder Griff ins Regal löst mit dem Erinnern auch eine emotionale Regung in mir aus. Meine Schallplatten sind wie ein Tagebuch, mit dem ich Erinnerungen abrufen, wachrufen und anhand der Musik mein seelisches Befinden zu bestimmten Zeiten rekapitulieren kann. Und das ist eine bunte Stilmischung durch die unterschiedlichsten Musikrichtungen. Bunt wie die Emotionen des eigenen Ichs. Vom Schulstress, über verliebt sein, nicht mehr verliebt sein, Reisefieber oder den Verlust eines geliebten Menschen/Tieres/Gegenstands. Vom Deltablues, bis zum Thrash-Geballer ist da alles vertreten. Die richtige Musik für den richtigen Moment. Denn seien wir mal ehrlich: Niemand ist auf die Welt gekommen und hat sofort für sich entschieden „Ich höre nur noch Iron Maiden!“ Es gibt bestimmt Menschen, die sich nur Iron Maiden verschrieben haben und das auch zu allen Gelegenheiten hören. Ob beim Abwaschen, beim auf dem Sofaliegen oder beim Sex. Aber auch hier wurde bei aller Konsequenz garantiert bis zu diesem Punkt des Stehenbleibens noch andere Musik gehört. So viel prägenden Einfluss in der eigenen Jugend hat nicht einmal ein großer Bruder - der grundsätzlich natürlich immer den richtigen Geschmack hat. Der Einfluss von außen durch Freunde, Radio oder andere Quellen dürfte einfach zu stark sein, wenn man sich für Musik interessiert. Alles Andere würde auch meine Vorstellungskraft sprengen. Schließlich hat doch jeder irgendwo eine Kuschelrock LP/CD versteckt. Sogar ich, wobei ich betonen möchte, dass ich sie tatsächlich geschenkt bekommen habe. Aber diese Vielfalt macht ja auch die musikalische Prägung aus, den Spaß, sich anderen anzupassen, sich beeinflussen zu lassen, sich plötzlich für gänzlich andere Musikrichtungen zu begeistern, Musik zu entdecken, sich mitziehen zu lassen oder sich von anderen musikalisch abzugrenzen. Einen eigenen Soundtrack fürs Leben zu schaffen. Natürlich kann ich nur für mich sprechen, aber bei mir geht jede neue Lebenssituation mit einer neuen Musik einher. Das heißt nicht, dass ich alles vorher gehörte über Bord werfe, nur eben für diesen Moment etwas zurückstelle. Ist es nicht sowieso das Spannendste, sich mit anderen Musikstilen, Richtungen, Genres auseinanderzusetzen? Diese zu erforschen und aus diesem ganzen Pool seine Vorlieben zu schöpfen? Sich das für einen selbst gut Anfühlende heraus zu destillieren? Ich kenne einige, die vom Thrash-Metal zum Singer/Songwritergenre konvertiert sind. Die Led Zeppelin gegen Techno getauscht haben. Disco gegen HipHop. Aber das ist ja auch das Aufregende, sich auszuprobieren und das zur eigenen Befindlichkeit zu jeder Zeit passende Stück Musik zu finden. Seinem Leben einfach einen passenden Soundtrack zu verpassen. Und wenn man dann Jahre später einen wohligen Schauer spürt, wenn nach langer Zeit dieses besondere, mit eigenen Emotionen aufgeladene Lied mal wieder im Radio oder auf einer Party gespielt wird, einem diese besondere Platte aus dieser Zeit mal wieder in die Hände fällt, dann hat man etwas richtig gemacht. Selbst wenn man sich dabei eingestehen muss, dass dieses Lied oder die LP die Zeit vielleicht nicht ganz so gut überdauert hat, wie es im eigenen Kopf noch immer klingt. Und wenn man ganz ehrlich ist, bei objektiver Betrachtung, mit Verlaub gesagt, dieses Lied eigentlich ganz schön scheiße ist. Solch ein Lied hat bestimmt jeder und wenn es nur `Last Christmas´ ist.
Das war jetzt gemein, es gibt keine schlechte Musik, es gibt nur viel Musik, die ich nicht gerne mag. Anderen ist diese Musik aber wichtig und das ist auch gut so.
Noch etwas anderes, bevor es tatsächlich los geht. Es ist über Schallplatten schon so viel geschrieben worden, da möchte ich mich nicht noch mit den üblichen Floskeln in die Reihe der Schwarzscheibenidealisten einordnen. Ich glaube, „weil es besser klingt“ oder „das hat so was von Vintage“ ist schon zu oft gesagt worden und ist in meinen Ohren auch eher eine Frage des eigenen Geschmacks. Auch, ob der Klang „wärmer“ klingt von einer LP sei mal dahingestellt. Ich habe Schallplatten, da ist das Rauschen und Knacken lauter als die Musik selbst. Das berühmt berüchtigte Lagerfeuer ist hier omnipräsent und schon eher ein Flächenbrand und spendet vielleicht nur daher ein wenig Wärme. Das sind natürlich Dinge, die eine CD nicht so unbedingt zu bieten hat. Der Klang ist schon um einiges sauberer. Für manche klinisch. Und das ist etwas, wo sich dann doch die Geister scheiden. Unfassbar, dass ich mich jetzt hinstelle und Störgeräusche verteidige. Aber man muss sich ja alles schönreden und verteidigen, wenn man etwas sehr mag.
Am Ende muss jeder mit sich selbst ausmachen, wie er es am meisten liebt. Wie er am liebsten Musik hört. Da stelle ich mich nicht zwischen.
Bei einem Umstand muss ich allerdings zugeben, hat die Schallplatte einen erheblichen Vorsprung gegenüber allen anderen Medien. Einen Vorteil, den ich besonders in dem unsäglichen Zeitraum der 90er und 00er Jahre schmerzlich vermisste, als es quasi kein (aktuelles) Vinyl auf dem Markt gab, und jetzt muss ich auch leider ein viel zu häufig genanntes Wort zumindest einmal einwerfen: die Haptik. Es macht schon einen Unterschied, ob man das Plattencover von Pink Floyds `Darkside Of The Moon´ als LP oder eben als kleine CD in den Händen hält. Die Streamingdienstnutzer können dieses Gefühl vermutlich weder/noch nachvollziehen und hören jetzt einfach mal weg. Dieses ikonische Cover erzielt als LP-Cover einfach eine andere Wirkung als auf 12 x 12 Zentimetern im Crystal Case. Wobei dieses außerordentliche Cover lediglich stellvertretend für Unmengen weiterer, wunderschöner Covers auf dieser Welt steht. Willkommen in meiner kleinen Welt der schwarzen Scheiben, auch wenn es eigentlich um Musik geht.
Ich bin verheiratet, habe eine tolle Frau und zwei Kinder, die glücklicherweise aus dem Gröbsten raus sind und mittlerweile aus eigener Kraft den Kühlschrank auf und wieder zu machen können. Die Selbstständigkeit greift bei uns um sich. Nur den Geschirrspüler haben meine Kinder bis heute nicht gefunden. Aber zumindest die Arbeitsfläche darüber. Immerhin. Kann ja noch besser werden. Dazu habe ich einen Job, der unser Leben solide finanziert und habe damit eigentlich alles, was es braucht, um ein ausgeglichenes und grundsätzlich schönes Leben zu führen. Es fehlt nur der Hund, aber ich habe eine Tierhaarallergie. Es kann nicht alles perfekt sein.
Den fehlenden Hund kann ich glücklicherweise besser verkraften als meine Tochter. Die damit wegfallenden Gassirunden zur Entspannung, lernte ich zu kompensieren. Ich habe mir etwas anderes geschaffen, was für Ausgleich und Ruhe sorgen soll. Ich habe einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann. Einen Ort, der mir eine Auszeit von dem täglichen Chaos in unserer Familie bietet. Wo ich die Trumps, Putins und andere Pandemien dieser Welt vor der Tür lassen kann. Ein Raum, wo die Zeit ein wenig langsamer läuft und die Tür die Probleme der Welt für einige Momente von mir fernhalten kann. In diesem Raum habe ich einen kleinen Computer, der mich auf eigenen Wunsch mit der Außenwelt verbindet, einen Plattenspieler, natürlich mit dem dazugehörigen Futter, und einen bequemen Bürostuhl. Mehr braucht es nicht. Mein Panicroom, wenn es mir mal wieder draußen zu viel wird. Meine Ladestation, mein Restroom, mein Rückzugsort. Also ein Ort, um die eigene Mitte neu zu kalibrieren. Ich habe 6 Quadratmeter. 6 Quadratmeter, die mein Leben im Gleichgewicht halten. Über diesen Raum möchte ich ein wenig erzählen. Und wenn ich über diesen Raum erzähle, erzähle ich unweigerlich auch über mich. Das lässt sich nicht verhindern. Tut mir leid.
Der Raum ist Teil einer 4 ½ Zimmer Mietwohnung in Hamburg-Altona. Baujahr 1928. Backstein. Ruhige Wohngegend und recht unaufgeregt. Hier passiert nicht viel, was ich aber auch nicht als besonders störend empfinde. Wenn ich Aufregung möchte, dann gehe ich zur Arbeit oder nach Altona. Da ist immer was los.
Ich habe das ½ hinter der 4. Eben das halbe Zimmer in unserer Wohnung. Eher notgedrungen. Den Kindern war das Zimmer zu klein. Mit Bett, Schrank und Spielzeug kann ich den Einwand irgendwie verstehen. Es hätte zu Engpässen kommen können. Mir fiel das Zimmer zu, da meine Frau irgendwann die Schallplatten nicht mehr um sich haben wollte. Sie standen im Wohnzimmer. In einem Regal, in dem die Bücher weniger, die Platten mehr wurden. Es sind doch einige über die letzten Jahrzehnte zusammengekommen. Ich bin 50 und habe die Platten nicht gezählt. Es ist mir ehrlich gesagt auch nicht wichtig. Aber die Menge reicht scheinbar, um meiner Frau ein Dorn im Auge zu sein, zumindest im Wohnzimmer. Jetzt hat sie wieder mehr Platz für Bücher. Wir haben wohl beide ein kleines Sammelproblem.
Seither hause ich in dem kleinen Zimmer. Schalte ab, denke über Dies und Das nach, höre Musik oder empfange Gäste. Wobei sich die „Gäste“ in den allermeisten Fällen auf eine Person beschränken. 6 qm² sind dann doch nicht viel und reichen nur für einen bescheidenden Salon und wenige Gäste.
Einer dieser gern gesehenen Gäste ist mein Bruder. Etwas älter als ich, ebenfalls von einer nicht zu empfehlenden Sammelleidenschaft beseelt und damit ein fantastischer Gesprächspartner, um die Film-, Funk-, Hörspiel- und Musiklandschaft dieser Welt auszudiskutieren. Da ist nichts aus den letzten 100 Jahren vor uns sicher. Das ist spannend und trägt manchmal auch seltsame Früchte. Nicht immer einstimmig, es kann auch zu kontroversen Auseinandersetzungen kommen. Man kann gut darüber streiten, welche MK-Besetzung von Deep Purple die Beste ist, ob Stan und Ollie (die Bezeichnung Dick und Doof ist bei uns verpönt) in den Kinofilmen oder den Kurzgeschichten besser waren, oder, ob Hans Clarin nicht in Wirklichkeit Hui Buh selbst war und dem Gespenst nicht nur seine Stimme lieh. Aber je später der Abend, desto mehr nähern wir uns doch wieder einander an; auch musikalisch. Am Ende einigen wir uns wie immer auf eine Runde Status Quo, freuen uns über die gute Laune von Francis Rossi und Rick Parfitt und springen mit auf den `Slow Train´, der langsam Fahrt aufnimmt. 7,55 Minuten Einigkeit. Ein Lied für die Ewigkeit.
…
Ich kann das Augenrollen förmlich spüren und nahezu hören, wie das Stöhnen durch den Raum wabert: „Doch nicht diese Drei-Akkord-Fuzzis. Immer dasselbe. Hast du eine, hast du alle Platten!“ So ganz kann ich dem natürlich nicht widersprechen, aber viel größer ist die Bandbreite von AC/DC auch nicht wirklich und da rümpft kaum einer die Nase.
Status Quo bildet seit Ewigkeiten bei uns eine gemeinsame Basis. Und das, obwohl wir eigentlich jeder für sich etwas andere musikalische Vorlieben haben. Mein Bruder ist, lebt, atmet AC/DC. Na sowas. Bis zu Bon Scotts Tod. Danach reduziert sich AC/DC für ihn - wie auch für mich - auf Brian Johnson. Seine Zeit als Sänger der Pubrocker von Geordie ist uns wichtiger. Ansonsten regiert Metal, wobei er allerdings auch in alle anderen Richtungen gerne mal ein Ohr riskiert. Ich hingegen nehme alles, was davor und danach war. Von Robert Johnson bis Rage. Über Led Zeppelin, The Who und Nick Drake, bis The National. Wes Montgomery, Miles Davis und Pat Metheny kommen bei mir vor und natürlich dürfen Bad Religion, Levellers und New Model Army ebenfalls nicht im Regal fehlen. Zu dieser illustren Runde gehören Geordie natürlich auch, genauso wie The Faces und der frühe Rod Stewart. Aber auf Status Quo können wir uns immer einigen, solange nicht gerade `In The Army Now´ drauf ist.
Im „Sounds“, einer nicht mehr existenten Musikpresseinstitution, hat ein leider nicht namentlich genannter Autor – sollte er dieses Lesen und sich wieder erkennen, bitte nicht böse sein - bei der Rezension zu der LP `Blue For You´, das Dasein und die Existenzberechtigung dieser Band sehr gut zusammengefasst. Und da es so schön formuliert ist, nehme ich den Text einfach mal ungeschnitten mit hinein:
Status Quo – Blue for You (Vertigo 6360128) von 1976
”Es bleibt beim musikalischen Status quo ante, also beim vorherigen Zustand: Auf Blue For You, Ihrem 83. LP-Werk, machen Status Quo die gleiche Musik, die sie schon auf ihrer 29. und 37. Platte gemacht haben: Boogie, Boogie und nochmals Boogie! Die, die Band mögen – ich gehöre dazu – werden auch diese LP wieder mögen, und all die anderen, die sie nicht mögen, werden leider wieder etwas von „Teenybopper-Gewichse“ murmeln und abfällig die Nase rümpfen. Über diesen Status quo kann man nur traurig sein, aber da helfen Status Quo drüber hinweg…“
Ich denke, dem ist wenig hinzuzufügen. Außerdem passen die Band, mein Bruder und ich auch gut zusammen. Wir nehmen uns alle nicht all zu ernst. Wer eine Platte als verschriene Drei-Akkord-Rockband aufnimmt, mit dem Titel `In Search Of The Fourth Chord´, der weiß um seinen musikalischen Standpunkt oder eben seinen Status quo.
Dieser kurze Abriss soll dann auch erst einmal genug sein. Ich wollte nur einmal unser Verhältnis zueinander umschreiben. Aber ansonsten verstehen wir uns ganz gut. Vorkommen wird mein Bruder bestimmt später noch einmal.
Zusammengefasst: In diesem Zimmer mit seinen 6 qm finde ich also Zeit, mich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen, als denen, die den täglichen Alltag bestimmen.
Liebes Tagebuch, ich habe Dir etwas tolles zu berichten. Ich habe zum Geburtstag eine Schallplattenwaschmaschine bekommen. Eine Knosti II. Knosti. Komischer Name. Etwas mit diesem Namen hätte ich eher in der Knäckebrotabteilung in meinem Supermarkt erwartet. Aber sie reinigt besser als Knäckebrot. Habe ich getestet. Die Platte an der ich das getestet habe, habe ich dann als besonders rare Fehlpressung bei Ebay verkauft. Der Käufer glaubte mir das aber dann doch nicht und hat sie zurückgeschickt. In dem miserablen Zustand, der spinnt ja. Ist ja völlig kaputt und vollgekrümelt. Überlegte ihn zu verklagen, da die Platte aussah wie mit Knäckebrot gereinigt. Ließ es aber lieber bleiben. Menschen können ja sehr nachtragend sein. Habe die Platte dann an Polydor zurückgeschickt und auf meine Garantie gepocht. Fabrikationsfehler. Mal schauen was passiert.
Die Plattenwaschmaschine – auf Italienisch heißt das Gerät Macchina Lavadischi, was ich als Namen viel schöner finde - macht ihre Arbeit sehr gut. Ein kleines Becken, in die vertikal eine Platte eingespannt wird und mit einer kleinen Kurbel durch eine Reinigungsflüssigkeit und Bürsten gedreht wird. Tolles Spielzeug. Habe gleich meinen gesamten Geburtstag in der Küche verbracht und meine Platten gereinigt. Ich glaube, die Gäste die meine Frau eingeladen hatte, konnten meine Begeisterung nicht so teilen und sind ziemlich früh wieder gegangen. Ich weiß es aber nicht genau. War ja in der Küche.
Meine Frau fand meinen Einsatz nicht so lustig und hat mir schon angedroht, mir nichts handwerkliches mehr zum Geburtstag zu schenken. Zumindest nicht, wenn Gäste erwartet werden. Ich glaube, sie war etwas säuerlich als sie mir das sagte. Da habe ich wohl noch etwas gut zu machen.
Den Abend verbrachte ich alleine in meinem kleinen Zimmer. Wie Michel aus Lönneberga in seinem kleinen Schuppen, wenn er mal wieder etwas falsch angepackt hatte. Gut, dass ich die Putzbrigade auch durch das Hotel California geschickt habe. Tat ihm gut. Die Eagles klangen gleich viel besser...
Ein verregneter Samstagnachmittag. Wir haben keine Termine, ich muss nicht weg, muss mich nicht kümmern. Ich habe tatsächlich mal nichts zu tun. Ich sitze in meinem kleinen Zimmer auf der Fensterbank und beobachte beiläufig die dunklen, eilig über den Himmel getriebenen Wolken. Von meinem Fenster blicke ich in unsere kleine Straße, in der selbst die Autos schnell wirken, die sich an die vorgeschriebenen 30 Km/h halten. Eine wirklich kleine Straße. Es regnet, und das nicht zu knapp. Im Rinnstein werden schon Blätter, Visitenkarten von Autokäufern, die eigentlich an den Seitenscheiben der parkenden Autos hängen sollten, und andere Dinge von den Wassermengen in Richtung des nächsten Gullis getragen. Nur wenige Autos verirren sich heute in unsere Straße. An meinem Fenster liefern sich Regentropfen ein heißes Rennen die Scheibe hinab, bis hinunter zum Fensterrahmen, wo sie sich mit anderen Tropfen zu großen Pfützen vereinen und weiter abfließen. Ein Hundertwasser-Moment. Friedensreich Hundertwasser, der in seiner Kunst, Regentagen ein genießerisches Gefühl zuspricht. Und er hat recht. Man muss sich mal die Zeit nehmen. Ich genieße es. Ein Gefühl der Gemütlichkeit. Es liegt etwas von Reinheit in diesem Moment. Und noch etwas überkommt mich regelmäßig in diesen leider seltenen, ruhigen und gemütlichen Momenten – ich lege eine Reinhard Mey Platte auf. Eigentlich ist es nur ein Lied, das sich mir aufdrängt. Der Rest der Platte passt nicht so recht zum Wetter. `Klempner vom Beruf´ ist zwar ein schönes Lied, aber einfach kein Regenlied. `Komm gieß mein Glas noch einmal ein, mit diesem billigen roten Wein…´ melancholiert es aus meinen alten Boxen. Sehr stimmungsvoll. Ich muss ein kleines Tränchen verdrücken.
Mein Gefühl sagte mir, dieses Lied zu spielen. Mein Gefühl sagte mir, dass dieses Lied die Stimmung noch unterstreichen, hervorheben und mir noch ein bisschen mehr ein gutes Gefühl geben würde. Ein gutes Regenwettergefühl. Eigentlich sollte jeder in solch einem Moment dieses Lied von Reinhard Mey hören. Die Vorstellung finde ich sehr reizvoll. Aber komischerweise lieben nicht alle dieses Lied. Meine Frau zum Beispiel. Wenn ich das Lied auflege, dann macht sie die Tür zu. Und es soll wohl Leute geben, die zwar auch sehr gefühlig sind in besonderen Momenten, aber bei Regen tatsächlich lieber ein anderes Lied laufen lassen. Unfassbar.
Ich unterlege gerne meine Gefühle mit einem passenden Lied, dass mir in den Sinn kommt, sich in meinem Kopf ausbreitet und irgendwie dann auch zur Situation passt. Manche Lieder scheinen für besondere Gelegenheiten geschrieben worden zu sein und erreichen mich häufiger bei bestimmten Gefühligkeiten als andere Lieder. Musikstücke, die man problemlos mit einem passenden Schlagwort belegen kann und damit in Laune-Kategorien verschoben werden (können). `Walking On Sunshine´ von Katarina and the Waves ist so ein gutes Beispiel. Nicht, dass ich dieses Lied besonders schätze, aber es ist für mich der Prototyp eines Gute-Laune-Cabrio-Songs. Oder der Song `Happy´ von Pharrell Williams, Gute-Laune-Ich-Muss-Tanzen-Musik, `Run To The Hills´ von Iron Maiden, Ich-Schreie-Alles-Raus-Musik (eher gute Laune), `Killing In The Name Of´ von Rage Against The Machine, Ich-Schreie-Alles-Raus-Musik (schlechte Laune). Und für jede andere Art von Geschrei (vor Allem im zwischenmenschlichen Bereich) ist Barry White mit seinem gesamten Repertoire zuständig, wo ich jetzt aber nicht näher drauf eingehen möchte. Nun ja. Aber es sind Stücke, auf die sich sehr viele Menschen einigen können und diese Klassifizierung bestimmt unterschreiben würden.
Manchmal schlägt die Musik einem aber auch ein Schnippchen. Vor allem, wenn man sich nur von der Musik leiten lässt und den Text aufgrund der freudigen Euphorie vernachlässigt. Ich gebe zu, dass ich auch zu der Kategorie `Stimme hören ist gut, Texte verstehen muss nicht unbedingt sein´ gehöre. Ich sehe die Stimme mehr als ein Instrument an und höre eher weniger auf die Texte. Daher muss man in manchen Momenten Vorsicht walten lassen, bevor man ein Lied in eine bestimmte Schublade wirft. Augen auf bei der Kategorisierung, rufe ich aus. Nicht bei allen Liedern ist die Stimmung auf Anhieb gut zu erkennen, sind Musik und Text im Einklang. Bei manchen Liedern ist die Einordnung nur auf den ersten Blick einfach und erst ein zweiter Blick offenbart die Diskrepanz zwischen gewählter Tonlage und Text. Denn es gibt Lieder, die laufen unter dem Banner der guten Laune, gehen mit einem flotten Rhythmus in die Beine und lassen einen ausgelassen `Sunday, Bloody Sunday´ mitsingen. Fällt der Pegel der ausgeschütteten Glückshormone wieder ein wenig, dann kann es nicht schaden, auch dem Text etwas Aufmerksamkeit zu widmen. Etwas, was mir wie gesagt nicht so liegt, aber manchmal doch nottut. Denn unter dem Deckmantel der guten Laune verbergen sich manch nachdenkliche Inhalte, wenn nicht sogar traurige oder anklagende, und stehen damit im totalen Kontrast zur Tanzwut schürenden Musik. `Born in the USA´ von Springsteen oder das bereits erwähnte `Sunday, Bloody Sunday´ von U2 sind Klassiker in dieser Sparte. Lieder, die in Melodie und Text einen Widerspruch in sich tragen; wo Missstände oder blutiges Zeitgeschehen in einer hymnischen bis fröhlichen Melodie verpackt vorgetragen werden, ohne die Botschaften zu verharmlosen oder gar ins Lächerliche zu ziehen. Durchaus eine echte Kunst, diesen Spagat zu schaffen. Dazu gehört natürlich auch dass eingangs erwähnte `Run To The Hills´ von Iron Maiden. Immerhin geht es um die Flucht der Südamerikanischen Ureinwohner vor den spanischen Eroberern in die Berge. Ein Rennen auf Leben und Tod. Wenn man um den Inhalt mancher Lieder weiß, ist es schon seltsam, dazu ausgelassen die Beine fliegen zu lassen. Manchmal ist es nicht so schlecht, in manch einen Text doch einmal genauer reinzuhören, es sei denn, man möchte sich die gute Laune nicht verderben lassen. Das sollte jeder für sich selbst wissen. Es soll ja schließlich auch Paare geben, die zu `Every Breath You Take´ von The Police heiraten. Vielleicht werden Texte auch einfach überbewertet.
Ich muss an den Moment denken, an dem mir ein Freund von dieser besagten Hochzeit erzählte und wie obskur er diese Szene damals fand. Der Text beklagt eigentlich in Kurzform, dass sie ihm die Luft zum Atmen nimmt und mit ihrer Zuneigung erdrückt. Ich kann es mir bildlich vorstellen. Vielleicht lief ja auch noch `Still Haven´t Found, What I´m Looking For´ von U2 im weiteren Verlauf der Hochzeit. Oder vielleicht auch `Without You´ von Badfinger (Mariah Carey hat es groß gemacht). Bin gespannt, wie lange die Ehe hält.
Was mich allerdings viel mehr wundert ist, dass die wenig patriotische Hymne `Born In The USA´ bereits mehrfach von angehenden Präsidenten der USA zur Untermalung ihrer Wahlkämpfe genutzt werden sollte. Langsam sollte sich doch der Inhalt des Liedes rumgesprochen haben. Besonders, wenn man der englischen Sprache mächtig ist. Und trotzdem versuchen immer noch Leute dieses Lied für ihre Zwecke auszunutzen. Können die schlecht hören oder können sie den ironischen Unterton nicht erkennen? Hat denen keiner das mal erklärt oder ist es einfach eine fehlende Lernbereitschaft? Wenn man sich ansieht, welche Präsidenten auf das Lied zurückgreifen wollten, dann liegt die Vermutung vielleicht nahe. Bush, Reagan und Trump. Georgie, Ronald and Donald. Nicht unbedingt die Präsidenten mit der besten Vita.
Aber meine Lieblingsgeschichte zu diesem Lied stammt von Max Weinberg, Schlagzeuger der E-Street-Band von Bruce Springsteen, der diese Geschichte einst in einem Interview zum Besten gab. Demnach spielte die Band im ausverkauften Wembley Stadium in London, und er erlebte einen lächelnden Gänsehautmoment hinter seinem Drumkit, als zigtausend Engländer aus voller Inbrunst `Born In The USA´ mitsangen. Der Moment, wenn Publikum, Ort und Text miteinander kollidieren und doch zu einem vereinenden Moment verschmelzen.
Von diesen besonderen Stimmungsliedern für jede Gemütslage gibt es also reichlich und bei denen man bei vielen Menschen eine gemeinsame Schnittmenge in den jeweiligen Gefühlslagen trifft. Da, wo sich alle einig drüber sind, dass dieses bestimmte Lied besonders gut zu einer bestimmten Situation passt.
Aber was ist Regen- und/oder Gewitter-Musik? Was macht sie aus? Gibt es da auch Lieder, auf die sich viele einigen können? `Crying In The Rain´ in der Interpretation von A-ha vielleicht oder das naheliegende `Singin´ In The Rain´? Und bei Gewitter? `Thunderstruck´ von AC/DC? Ein Freund beichtete mir in einer stillen Stunde, dass er bei Gewitter am liebsten von Joe Satriani `The Extremist´ hört. Ein Instrumentalstück mit sehr vielen Saitenanschlägen auf der E-Gitarre. Ein Ranking für die schönsten oder beliebtesten Regenlieder schenke ich mir lieber. Zu subjektiv. Da kann sich jeder gerne einmal hinsetzen und sich seine eigenen Gedanken machen. Zettel, Stift und Regen, und schon kann man sich eine Platte auflegen.
