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März 1982 : Journalist Tom Friedemann wartet in Basel auf den Intercity. Er möchte zurück in die Bundeshauptstadt Bonn. Der Zug kann nicht pünktlich losfahren. Die Basler-Polizei sucht nach Dieben und Schmuggler. Als der Intercity endlich fahren darf, kommt es erneut zu einem Zwischenfall: Toms Tischnachbar im Speisewagen liegt mit einem Herzinfarkt auf der Toilette. Notfall! Der Zug muss am Bahnhof in Lahr anhalten. Der Journalist fährt im Rettungswagen mit ins Krankenhaus. Dort lernt er den todkranken kauzigen Legionär André Pleichach kennen. Pleichach schenkt ihm mit den Worten "die Zeit ist das, was bald geschieht" eine wertvolle, mystisch anmutende Armbanduhr. Das Zifferblatt ist schwarz wie die Nacht. Die Uhr zeigt weder Stunden noch Minuten an. Langsam begreift der Journalist, warum Pleichach ausgerechnet ihm die Uhr schenkte: Der Legionär ist sein Vater. Tom wird zum Medium der mysteriösen Uhr. Sie rechnet auf und zieht ab. 20.440 Tage beträgt Toms Zeitkontingent. In 56 Jahren endet sein Leben. Wer Tom die linke Hand reicht, kennt anschließend seinen Todestag. Damit macht er sich nicht nur Freunde. Er wird verfolgt, gejagt und gehasst. Fremdenlegionäre und Stasi-Agenten wollen dem gewieften Journalisten die Lebensuhr und Kommandant Pleichachs illegales Millionen-Erbe abjagen. Sie sind dem Tod geweiht, was sie zu spät begreifen. Es kommt zu irren Verkettungen tragischer, teilweiser skurriler Ereignisse. Tom zieht von Bonn nach Würzburg. Dort lernt er seinen bisher unbekannten Halbbruder Marcel kennen ...... Kaum vorstellbar, aber zum Greifen nah: Eine Uhr zeigt keine Stunden und keine Minuten, sondern nur noch Tage an. Genau die Anzahl an Tagen, die uns noch bleiben. Glücklicherweise macht der Autor dank seiner Suggestivgaben, seinem Gespür für Spannung und nicht zuletzt seinem Faible für verschiedene Lebenseinstellungen aus seiner Fantasie eine verrückte Geschichte. Autor Rudolf F. Thomas hat Freude daran, die Realität mit der gewünschten Wirklichkeit zu vermischen. Beim Lesen stellt sich jeder die Frage nach der eigenen Lebenszeit. Was wäre, wenn ich wüsste ....? Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor hat er einen fabelhaften Blick für Themen, Probleme und Motive. Seine Geschichte im Umgang mit der Lebenszeit wechselt immer wieder zwischen Irrsinn und Wahrheit hin und her. Das Buch ist einzigartig lebendig. Spannend ist es allemal. Die Charaktere der Roman-Figuren faszinieren durch ihre unterschiedliche Lebenseinstellung. Rudolf F. Thomas gelingt mit »Pleichach« ein atemberaubender Roman. Die geschickte Erzählkomposition, der exzentrische Charakter der Roman-Figur Tom Friedemann und die zwielichtigen Geheimnisse seines Vaters ziehen die Leser in die Geschichte. Trotz der vielen Konflikte strotzt der Roman vor italienischem Flair und einer südländischen Leichtigkeit. Wer in der Reihe bereits »Morgenlatten« von Rudolf F. Thomas verschlungen hat, wird »Pleichach« nicht mehr aus der Hand geben.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2022
Die Zeit trennt nicht nur, sie eint auch.
Rudolf F. Thomas
PLEICHACH
Die Zeit ist das, was bald geschieht
© 2022 Rudolf F. Thomas
ISBN Softcover:
978-3-347-71143-3
ISBN Hardcover:
978-3-347-71144-0
ISBN E-Book:
978-3-347-71148-8
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich.
Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.
Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Gestaltung Buchcover: Sibel Vay, Würzburg
Prolog
André Pleichach ist Kommandant in der Légion étrangère. Journalist Tom Friedemann begegnet dem todkranken Mann infolge einer Bahnfahrt im Jahr 1982 in einer Klinik. Pleichach schenkt dem jungen Journalisten mit den Worten "die Zeit ist das, was bald geschieht" eine geheimnisvolle Uhr. Tom wird zu ihrem Medium.
Die Uhr zeigt weder Minuten noch Stunden an. Sie rechnet auf und zieht ab. 20.440 Tage beträgt Toms Zeitkontingent. In 56 Jahren endet sein Leben. Wer ihm die linke Hand reicht, kennt anschließend seinen Todestag. Die Lebensuhr verleiht ihm Macht. Fremdenlegionäre wollen in Zusammenarbeit mit Stasi-Agenten dem gewieften Journalisten die Lebensuhr und das hinterlassene illegale Vermögen von Pleichach abjagen. Sie sind dem Tod geweiht, was sie zu spät begreifen.
Autor Rudolf F. Thomas hat spürbar Freude daran, die Realität mit der gewünschten Wirklichkeit zu vermischen. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor hat er einen fabelhaften Blick für Themen, Probleme und Motive. Seine Geschichte im Umgang mit der Lebenszeit wechselt immer wieder zwischen Irrsinn und Wahrheit hin und her. Das Buch ist einzigartig lebendig. Spannend ist es sowieso. Die Roman-Figuren faszinieren durch ihre unterschiedliche Lebenseinstellung.
1.
Dienstag, 23. März 1982
Es ist wieder einer der Tage, an dem sich, so der Eindruck, mehr Menschen auf dem Bahnsteig versammeln als Basel Einwohner hat. Tom mag kein Gedränge. Vom Intercity, der ihn vom Badischen Bahnhof in Basel nach Bonn bringen soll, ist nichts zu sehen. Sehr auffällig ist die Präsenz der Polizei. Sie kontrolliert die Ein- und Ausgänge. Der Grund für den breit angelegten Einsatz ist ein Raubüberfall. Die Opfer sind zwei Juweliere aus Antwerpen. Nachts wurden sie auf offener Straße im Stadtteil St. Johann überfallen und ausgeraubt. Alles bis auf die Unterhosen haben die Ganoven mitgehen lassen.
Ein Zwei-Meter großer blonder Mann stürmt mit riesigen Schritten auf Tom zu, als wolle er über ihn herfallen. Jetzt stellt ihm der Hüne seinen rollbaren Handkoffer direkt vor die Füße. Mit strengem Blick mustert Tom den gut und gern einen Kopf größeren aufdringlichen Kerl. Der sieht ihn nicht. Jetzt reicht es dem Journalisten:
„Hätten Sie die Güte, Ihren Koffer hier wegzunehmen?“ Der geschniegelte, sehr aufdringlich nach Old Spice duftende große Blonde merkt nichts. Er ist sehr hektisch und hört wohl schlecht. Vielleicht versteht er kein Deutsch? So wie der Kerl aussieht, könnte er Niederländer oder Skandinavier sein. „Was treibt ein ungehobelter bleicher Wikinger auf der vornehmen Uhren- und Schmuckmesse?“, fragt sich Tom. Mit seinem linken Fuß rollt er den fremden Koffer einen Schritt von sich weg.
„So sorry“, stammelt der Blonde und zieht dabei sein Gepäck näher an sich heran.
„Geht doch“, grummelt Tom.
Endlich fährt der Intercity am Bahnsteig ein. Tom blickt in Richtung Speisewagen. Sofort läuft er auf ihn zu. Die Türen gehen auf, Schweizer Polizisten treten heraus: „Ausweis- und Gepäckkontrolle“ ruft einer im typischen Baseldeutsch durch ein schrill klingendes Megafon. Der Blonde packt rasch seinen Rollkoffer und schaut wie gebannt in Richtung Ausgang. Dort stehen Polizisten. Die scheinen ihn zu irritieren, denn er stellt seinen Koffer wieder ab und schleicht sich auf leisen Sohlen zwischen den wartenden Reisenden davon. „Mit dem stimmt etwas nicht“, ist Tom überzeugt.
„Ihren Ausweis bitte“, fordert ihn ein Polizist auf.
„Bitteschön!“
„Was machen Sie in Basel?“
„Ich war auf der Messe.“
„Und warum waren Sie dort?“
„Nur wegen den hübschen Damen.“ Der Polizist fühlt sich verschaukelt: „Wollen Sie mich verarschen?“
„Iwo, niemals. Ich bin Journalist und berichte über Uhren. Genauer gesagt, über die internationale Uhrenindustrie.“ Tom zeigt dem Beamten seinen Presseausweis und die Messekarte.
„Gehört Ihnen der Koffer?“
„Nein, der gehört einem sehr langen, etwas ungehobelten blonden Herrn, der in diese Richtung verduftet ist.“
„Wie schaut der Mann aus, können Sie die Person näher beschreiben?“
„Etwa Zwei-Meter groß, hellblond, dunkelblauer Anzug, scheußlich gelbgestreifte Krawatte, braune Schuhe. Er riecht streng nach Old Spice. Vermutlich ist der Typ Skandinavier oder Russe vielleicht auch Niederländer?“
Der Polizist ruft einen Kollegen zu sich, der den verdächtigen Rollkoffer vorsichtig öffnen soll. Von den Reisenden fordert er mehr Abstand.
Für Tom ist die Situation nicht neu. Seit die RAF ihr Unwesen treibt, ist er bestimmt schon zehn Mal in Polizeikontrollen geraten. Der Koffer ist jetzt offen. Auf der einen Seite ist er mit Zigarettenschachteln bepackt. Auf der anderen Innenseite sind fein säuberlich Uhren befestigt.
„Ha ein ambulanter Händler“, rutscht es dem Journalisten raus. Über den Spruch kann der Polizist nicht lachen. Seine Miene verfinstert sich.
„Ein Schmuggler und Steuerbetrüger ist der Kerl“, meint er trocken. „Es müssen sofort zwei Zollbeamte her: Ein Deutscher und einer von uns.“ Der Bahnhof Baden in Basel wird von der Deutschen Bundesbahn verwaltet. Warum? Ein Staatsvertrag von 1852 regelt den Durchgangsbahnhof im Grenzgebiet. Eine pünktliche Abfahrt ist nicht mehr möglich. Tom schaut sich auf dem Bahnsteig um. Ein Kaffee wäre jetzt in seinem Sinn. Zu viel Getümmel: keine Chance auf eine Tasse.
Aus seinem Aktenkoffer holt er eine kleine Pocketkamera heraus. Vielleicht gibt der Schmuggler eine gute Story für eine Lokalzeitung her? Der Auslöser der kleinen Kamera ist etwas laut, also wartet er bis durch den Lautsprecher eine Ansage erfolgt: „Die Abfahrt des Intercitys nach Köln über Freiburg …“. Genau in dem Moment tritt er näher an den Koffer des Schmugglers heran und riskiert ein paar Schnellschüsse. Glück gehabt, keiner der Beamten hat ihn bemerkt. „Man weiß ja nie, für was sie eines Tages gut sind.“
Voraussichtlich um weitere fünfzehn Minuten verzögert sich die Abfahrt des Zuges. Die Verspätung passt dem Journalisten überhaupt nicht. Er geht auf den Polizisten zu:
„Herr Polizei-Hauptmann, benötigen Sie mich noch?“
„Sie bleiben als Zeuge hier, bis wir den Schmuggler gefasst haben.“
„Gütiger, ich muss dringend nach Bonn.“
„Wer ist der Gütiger?“ Tom muss lachen. Dem Schweizer Polizisten gefällt das nicht: „Warum lachen Sie? Die Sachlage ist ernst, sehr ernst sogar.“
„Das ist mir schon klar! Mit Verlaub, Sie klingen wie der Emil.“
„Auch das noch! Der ist Komiker und ich bin Polizist. Überhaupt ist der Emil Luzerner und ich bin Basler, und zwar direkt aus Iselin.“
„Jetzt weiß ich Bescheid: Sie sind ein heimattreuer Patriot.
Was mache ich, wenn ihre Kollegen den Herrn Schmuggler nicht fassen?“
„Das ist nahezu ausgeschlossen! Glauben Sie mir, der Holländer ist ganz schnell in Gewahrsam.“
„Der Schmuggler ist Holländer?“
„Ja ein Säuniggel.“
„Was ist der?“
„Ich übersetze ein Schweinehund.“
Tom schüttelt lachend den Kopf: „Säuniggel!“ Die Schweizer mit ihrer direkten Art sind für ihn klar im Vorteil. Zu Hause muss er immer überlegen, was er sagt, wie er es sagt und vor allem, was er schreibt. Im Lauf der Jahre hat er sich in seinem Kopf eine Wortwaage als gedankliche Hilfsbrücke für all seine Äußerungen eingebaut. Er blickt auf die Bahnhofsuhr und hofft jetzt auf eine weitere Verzögerung der Abfahrt.
Die zahlreichen Fahrgäste wirken genervt. Nach sechs langen Messetagen dürfen sie sich jetzt auch noch gelangweilt auf dem kalten Bahnsteig die Füße plattstehen. Ein paar perfekt gekleidete hübsche Damen ziehen die Blicke auf sich: „Ja, die Schmuckmesse war in jeder Hinsicht ein Augenschmaus.“
Tom schlendert am Bahnsteig entlang zum Speisewagen. Vor dem Einstieg bleibt er stehen. Die Tür ist offen. Ein Kellner unterhält sich mit einem Polizisten.
„Entschuldigen Sie“, unterbricht Tom das Gespräch, „kann ich bei Ihnen einen Tisch reservieren?“
„Eher nicht! Wir reservieren nur für ganz wichtige Fahrgäste.“
„Ich bin Journalist und benötige ein klitzekleines Tischlein, auf dem ich schreiben kann.“
„Hm, da kann ich Ihnen nur so weit helfen, indem ich Sie vielleicht zu einem anderen Reisenden dazusetze.“
„Das wäre wunderbar. Mein Dank ereilt Sie im Voraus.“
Tom beobachtet, wie der Polizei-Hauptmann lautstark in sein Funkgerät spricht. Sogleich läuft er im Stechschritt zu ihm. Der Polizist beendet das Funkgespräch.
„Haben Sie jetzt den Säuniggel?“
„Natürlich! Der wird jetzt hergebracht. Dann bestätigen Sie als unser Zeuge den Mann. Ihre Anschrift benötige ich noch.“ Tom reicht ihm seine Visitenkarte.
„Sie haben ja nur Vornamen.“
„Tja, für einen Nachnamen reichte auf der Geburtsurkunde der Platz nicht aus.“
„Humor haben Sie ja, Herr Journalist.“
Zwei Polizisten haben dem Holländer Handschellen verpasst. Sie packen ihn am Schlafittchen und zerren ihn zum PolizeiHauptmann. “Gab es die Armbänder auf der Schmuckmesse?“ Der Scherz gefällt dem Schmuggler überhaupt nicht. Er rastet aus. Wutentbrannt versucht er Tom umzurennen. Der macht einen Schritt zur Seite. Dadurch landet der Schmuggler flach wie eine Flunder auf dem Boden. Mit den hinter seinem Rükken gefesselten Armen kommt er ohne Hilfe nicht mehr hoch.
Die Polizisten packen den baumlangen Kerl und richten ihn mit einem Ruck wieder auf. Der große Blonde flucht auf Niederländisch etwas von „haar Klotzakken“ und „zu vuile Nazis.“ Tom amüsiert sich darüber. „Er ist Schmuggler und die anderen sind Nazis. So einfach ist das für den Kerl.“ Die Polizisten finden die Beleidigungen des Holländers gar nicht lustig. Sie ziehen an den Handschellen seine Arme nach oben, bis er vor Schmerzen aufschreit.
Der Polizei-Hauptmann schaut dem Gezerre seelenruhig zu. Plötzlich ertönt aus dem Lautsprecher der Hinweis, dass der Intercity in fünfzehn Minuten abfährt.
„Herr Polizei-Hauptmann, mein Zug rollt gleich los und ich muss zwingend mitfahren. Also, was muss ich jetzt noch tun? Der Mann ist der besagte Holländer und der Koffer gehört ihm.“
„Gut, dann unterschreiben Sie hier das Zeugenprotokoll.“ Tom staunt: „Sie haben bereits ein Protokoll?“
„Herr Journalist, hier ist Basler und nicht das lahme Berner Oberland. Dort würden Sie für das Protokoll eine Woche oder noch länger benötigen.“
Tom grinst sichtlich erleichtert. Endlich kommt er hier weg. Er liest das Protokoll durch und unterschreibt.
„Bitteschön Herr Polizei-Hauptmann, noch eine Frage: Können Sie mir eine Kopie des Protokolls faxen? Die Nummer steht auf meiner Visitenkarte.“
„Sie sind sehr korrekt. Ich muss erst prüfen, ob das mit dem Fernkopierer nach Deutschland funktioniert. Falls nicht, dann erhalten Sie es mit der Post.“
„Großartig, ich verabschiede mich und wünsche eine gute Zeit.“
„Wenn Sie wieder einmal in Basel sind, so kommen Sie ruhig bei uns auf dem Polizeirevier vorbei.“
„Das mache ich gerne - auf Wiedersehen.“
Tom nimmt sein Gepäck und geht zum Speisewagen. Die Tische sind allesamt besetzt bis auf einen, an dem nur ein Gast sitzt, der in eine Zeitung starrt.
„Guten Tag ist bei Ihnen noch frei?“ Der Mann schaut auf:
„Ja, bitte nehmen Sie Platz, vorausgesetzt Sie sind der Herr, der sich mit dem Kellner abgesprochen hat?“
„Ja genau, der Herr bin ich.“
Zufrieden legt Tom seinen Aktenkoffer ab und zieht sein Jackett aus. Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, steht schon der Kellner am Tisch.
„Nochmals vielen Dank für Ihre Reservierung. Ich hätte gerne ein Kännchen Kaffee. Dazu ein Mineralwasser und ein Paar Frankfurter mit Mayonnaise, dafür ohne Senf. Haben Sie ein Vanilleeis?“ Der Tischnachbar blickt leicht schmunzelnd über den Zeitungsrand.
„Mayonnaise und Vanilleeis ist eher ungewöhnlich.“
„Aber in der Farbe ähnlich“, kontert Tom gelassen.
„Hauptsache es schmeckt Ihnen. Waren Sie in Basel auf der Uhrenmesse?“
„Ja!“
„Wie ein Juwelier oder Uhrenmacher sehen Sie nicht aus.“
„Bin ich auch nicht.“
„Verraten Sie mir, was Sie beruflich machen?“
„Ich bin Journalist.“ Jetzt legt der Tischnachbar die Zeitung zur Seite und holt tief Luft. Als er zu einer Antwort ansetzt, unterbricht ihn der Kellner: „Ein Paar Frankfurter ohne Senf, dafür mit Mayonnaise. Ein farbloses Mineralwasser und ein heißer Kaffee. Das Vanilleeis bringe ich gleich noch.“
„Stört es Sie beim Essen, wenn ich weiterspreche?“, fragt der Tischnachbar höflich.
„Keineswegs!“
„Ich habe so eben einen Artikel über Privatbanken gelesen. Ihr Kollege malt ein sehr oberflächliches Bild des Niedergangs. Schwarzmalen können Journalisten aber selbst Verantwortung übernehmen, wollen sie nicht.“
„Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Sind Sie bei einer Bank?“
„Sieht man das?“
„Nein sehen nicht, aber ich höre es. Erklären Sie mir bitte mal, wo Sie als Banker Verantwortung tragen?“
Der grauhaarige Tischnachbar bläst die Backen auf. Tom mustert ihn näher: Unter seinem dunkelblauen Anzug trägt er ein weißes Hemd mit Manschettenknöpfen. Auf seiner dezent gestreiften, etwas zu hellblauen Krawatte ruht ein überproportionales Doppelkinn. Sein fleischiges Gesicht rundet ihn ab, obwohl er in der Statur nicht fettleibig ist. Dennoch steht für Tom fest, der Typ passt in jede Metzgerei.
„Wohin fahren Sie, Herr Journalist?“
„Nach Bonn, Herr Banker und Sie?“
„Zunächst bis Mainz und dann steige ich nach Frankfurt um.“
„Darf ich raten, Volksbank?“
„Woran sehen Sie das?“
„An Ihrem Terminbuch.“ Tom deutet auf das in Leder geprägte Markenzeichen.
„Wie heißt die Zeitung, für die Sie arbeiten?“
„Für keine.“
„Machen Sie es mir nicht so schwer.“
„Wochenzeitschrift.“
„Etwa hier“ ruft der Banker und greift dabei in seinen Aktenkoffer, aus dem er das Wirtschaftsmagazin herausholt.
„Genau! Ich sehe, Sie sind belesen.“
„Mein Beruf erfordert einen gewissen Informationsvorsprung.“
„Verstehen Sie alles, was in unserem Wirtschaftsmagazin steht?“
„Gehört Arroganz zu Ihren Aufgaben junger Mann?“
„Gewissermaßen schon! Fakt ist, dass die meisten Käufer gerne mit unserem kompetenten Wirtschaftsmagazin in der Hand spazieren gehen, nur um so zu tun, als ob.“
Der Banker kneift die Augen zusammen und signalisiert, „so spricht niemand mit mir“. Tom registriert das Zeichen. Ihm ist klar, der Mann ist in der Bank-Hierarchie ganz oben angesiedelt. Das reizt ihn umso mehr: „Ihre Körpersprache sagt mir, Sie wären irgendein wichtiger Vorstand.“
„Ich sage ja, Sie sind ganz schön überheblich. Verraten Sie mir, wie alt Sie sind?“
„Das bringt uns zwar nicht wesentlich weiter, aber wenn es Ihnen hilft, ich bin älter als ich aussehe.“
„Sie kokettieren schon jetzt mit Ihrem Alter. Egal, sehen Sie, ich bin Mitte fünfzig und Vorstandsvorsitzender der DZ Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank. Haben Sie von uns schon einmal gehört?“
„Gleichstand: Sie kokettieren mit Hierarchie. Sie sind also der mächtige Big Boss der DZ-Bank. Sozusagen die Mutter der Genossenschaften. In jedem Dorf eine kleine Raiffeisenbank. Aus meiner Sicht zu ländlich, zu bäuerlich und irgendwie von gestern.“
„Von gestern. Wie kommen Sie darauf?“
„Strukturelle Veränderungen bedeuten für Ihre viele kleine Banken, junge Leute begehen Landflucht. Ergo bleiben die Alten als Platzhalter im Dorf. Und weil dem so ist, werden die kleinen Raiffeisenbanken bald schließen müssen. Im ersten Schritt wird in ländlichen Regionen fusioniert. Später werden die schwachen Bänklein unter die Dächlein der großen Volksbanken schlupfen. “
Der Bankmann ist rot angelaufen: „Woher haben Sie denn Ihre Erkenntnisse?“
„Aus unserem Wirtschaftsmagazin. Ich sagte doch lesen und verstehen hilft.“
Tom vertilgt mit reichlich Mayonnaise genüsslich die Frankfurter. An seinen knappen Worten über die Zukunft der Raiffeisenbanken hat der Banker offenbar zu kauen.
„Wann haben Sie das gelesen?“, will er wissen. Er wirkt sehr gereizt. Wieder bläst er die Backen auf, um Dampf abzulassen.
„Ich meine, es war im vergangenen November.“
„Wenn ich in Frankfurt bin, werde ich nachschauen. Wir archivieren alles, was über Volks- und Raiffeisenbanken geschrieben wurde.“
„Ja machen Sie das“, bestärkt ihn Tom, „übrigens sollten Sie auch die Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung berücksichtigen.“
„Wie meinen Sie das?“
„Na ja, in fünf bis zehn Jahren stehen auf allen Schreibtischen sogenannte Personal-Computer. Die sorgen für gravierende Veränderungen im Bankgeschäft.“
„Das müssen Sie mir erklären.“
„Muss ich zwar nicht, aber ich helfe Ihnen, wo ich kann. Computer ersetzen nach und nach Ihre Gelder zählenden Kassenwarte. Und wenn sich die Entwicklung so rasant fortsetzt, dann werden in naher Zukunft Computer untereinander kommunizieren. Haben Sie in Ihrer Zentrale in Frankfurt ein FaxGerät oder einen Fernkopierer?“
„Mal langsam, Computer kommunizieren untereinander? Und was ist denn ein Fax-Gerät?“
„Lieber Herr Bankvorstand, ich komme gerne zu Ihnen in die DZ-Bank und halte gegen Zahlung eines angemessenen Honorars einen Vortrag.“
„Den traue ich Ihnen auch zu. Allerdings, so vermute ich, werden Sie meine Kollegen mit Ihren Thesen mehr provozieren als motivieren.“
„Die Gefahr besteht immer, wenn sich Menschen mit der Zukunft konfrontiert sehen. Aber die Zeit lässt sich nicht aufhalten. Sie bestimmt, was bald geschieht, Herr Vorstand.“ Dem Banker steht bereits der Schweiß auf der Stirn.
„Sind Sie auch noch Philosoph oder ein Hellseher, Herr Journalist? Ich muss mal die Toilette aufsuchen, darf ich Ihnen meinen Aktenkoffer anvertrauen?“
„Selbstverständlich.“
Der Banker verlässt eilig den Speisewagen. Auf dem Tisch liegt sein Terminbuch. Tom möchte zu gern einen Blick hinein riskieren. Aus dem dicken Terminbuch ragen viele Spickzettel heraus. Er wird immer neugieriger. „Einerseits“, so vermutet er, „befinden sich direkt vor meinen Augen hochinteressante Notizen und Adressen. Andererseits wäre es oberpeinlich, wenn ich beim Schnüffeln erwischt werde. Röntgenaugen müsste ich haben.“ Er stiert weiter hoch konzentriert auf das Terminbuch.
„Sesam öffne dich“, ruft er plötzlich so laut, dass sich einige Gäste etwas pikiert nach ihm umdrehen. Der Kellner kommt an den Tisch und fragt, „haben Sie noch einen Wunsch?“ Tom bestellt eine Cola.
Der Banker lässt lange auf sich warten. Aus dem Lautsprecher ertönt die blecherne Stimme des Zugführers: „Meine Damen und Herren in wenigen Minuten erreichen wir Freiburg. Sie haben Anschluss …“ Vom Bankvorstand ist noch immer nichts zu sehen. Bei der Einfahrt in den Bahnhof schaut Tom zum Fenster raus. Am Bahnsteig stehen nur wenige Fahrgäste. Der Aufenthalt ist von kurzer Dauer. Laut ertönt die Pfeife des Zugführers und schon setzt der Intercity die Fahrt fort. „Langsam mache ich mir Gedanken. Habe ich dem Banken-Boss so zugesetzt?“ Der Kellner bringt die Cola.
Tom bittet ihn, er möge auf seine Sachen aufpassen, damit er nach dem Banker sehen kann. Dafür zeigt der Kellner Verständnis. Der junge Journalist klopft an die Toilettentür - keine Antwort! Jetzt trommelt er mit beiden Fäusten an die Tür. Wieder nichts zu hören. „Hier stimmt etwas nicht.“ Er geht zur Küche und fragt, ob jemand einen Schlüssel für die Toilettentür hat? „Der Schaffner und der Zugführer“ ruft einer, der sich sofort auf die Socken macht. Tom klopft wieder an die Tür des Aborts. Kein Widerhall! Endlich kommt der Zugführer.
Vorsichtig öffnet er die Klotür. Kaum hat er sie einen Spalt offen, ruft er aufgeregt nach einem Arzt. Tom hält nichts mehr zurück. Forsch drängt er sich in die Toilette, was dem Zugführer nicht gefällt. „Ich kenne den Herrn Degenhardt. Wir sitzen im Speisewagen an einem Tisch“ macht er mit strenger Mine überzeugend deutlich.
„Was halten Sie von Wiederbelebung?“, pflaumt er in Richtung Bahnbeamter. Der ruft zu Tom, „packen Sie lieber mit an, wir müssen ihn aus der engen Toilette herausholen.“
„Gibt es hier eine Liege oder eine Bahre?“, fragt Tom.
„Ich bin Augenarzt“, sagt ein älterer Herr, der geradewegs in die Toilette wollte. Sofort beugt er sich über den Banker.
„Der Mann atmet noch, hat aber einen schwachen Puls. Vermutlich hat er einen Herzinfarkt. Der Zug muss dringend am nächsten Bahnhof halten. Verständigen Sie dort einen Notarzt“, fordert der Doktor vom Zugführer.
„In wenigen Minuten sind wir in Lahr. Ich nehme sofort Verbindung mit dem Fahrdienstleiter in Lahr auf.“
Der Zugführer eilt davon. Tom folgt seinem journalistischen Instinkt. Schnell läuft er zurück in den Speisewagen. Dort schnappt er sich den Aktenkoffer des Bankers. Das pralle Terminbuch steckt er zu seinen eigenen Unterlagen. Beim Kellner zahlt er die Zeche. Mantel und Jackett des Herrn Degenhardt nimmt er mit. Am Bahnsteig in Lahr steht bereits der Notarzt. Zusammen mit zwei Sanitätern wird der Bankchef in den Rettungswagen geladen. Tom steigt mit ein, als wäre er ein Angehöriger.
Im Krankenhaus füllt er ein Aufnahmeformular aus. Name und Adresse hat er von einem Ausweis der DZ-Bank, den er im Aktenkoffer fand. Heinz Degenhardt ist vierundfünfzig Jahre und wohnt in Königstein im Taunus. „Wo sonst?“, denkt Tom. Er geht zur Telefonzelle. Ziemlich schnell meldet sich eine weibliche Stimme:
„Guten Tag, ich bin Tom Friedemann. Spreche ich mit Frau Degenhardt?“
„Ja, warum, wer sind Sie?“
„Frau Degenhardt, ich rufe Sie aus Lahr an, genau genommen aus dem Krankenhaus. Ihr Mann Heinz wurde hier so eben eingeliefert.“
„Wie bitte? Mein Mann ist doch in Basel, wieso ist er in Lahr? Wo ist das überhaupt?“
„Frau Degenhardt, Ihr Mann ist auf der Rückfahrt nach Frankfurt im Zug erkrankt. Bitte rufen Sie in der Klinik an! Ich gebe Ihnen die Rufnummer, haben Sie etwas zu schreiben?“
„Ein Moment bitte - so jetzt höre ich.“ Tom spricht die Telefonnummer langsam und deutlich.
„Frau Degenhardt, ich rufe Sie in etwa zwanzig Minuten wieder an, geht das in Ordnung?“
„Ja, rufen Sie mich an, bis dann.“
Er schaut auf die Uhr, geht an die Pforte und stellt das Gepäck ab. Mit halbem Ohr hört er, wie der Pförtner mit Frau Degenhardt telefoniert. Er nimmt sich derweil das Terminbuch vor. Gezielt sucht er nach Namen, die ihm etwas sagen. Tatsächlich findet er einige Bosse der deutschen Wirtschaft mitsamt deren Telefonnummern.
„Das hier ist eine Goldader“, freut er sich. Fleißig schreibt er Namen und Rufnummern ab. Auch Restaurants im Taunus, im Rheingau, in Wiesbaden und in Frankfurt notiert er. Die zwanzig Minuten vergehen wie im Flug. Höchste Zeit, um wieder anzurufen.
„Frau Degenhardt, wie wollen Sie jetzt verfahren?“
„Der Chauffeur fährt mich nach Lahr ins Krankenhaus. Ich muss nur noch ein paar Sachen einpacken. Es würde mich freuen, wenn ich Sie dort antreffe. Offenbar haben Sie meinem Mann sehr geholfen.“
„Das geht schon in Ordnung. Ich bleibe über Nacht in Lahr. Wann werden Sie hier eintreffen?“
„Ungefähr in vier Stunden. Ich komme direkt in die Klinik. Wenn Sie bitte so freundlich wären und bei der Volksbank in Lahr anrufen. Der Direktor soll sich um die Zimmerreservierungen kümmern.“
„Die Reservierung werde ich sofort veranlassen. Wir haben jetzt sechzehn Uhr. Etwa um einundzwanzig Uhr bin ich dann in der Klinik.“
„Das müsste von der Zeit her klappen. Sollte es unterwegs Verzögerungen geben, so rufe ich vom Auto aus im Krankenhaus an, damit Sie informiert sind.“
„Gut Frau Degenhardt, dann wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt.“
Tom sucht im Telefonbuch die Rufnummer der Volksbank Lahr. Er verlangt sofort nach dem Bankdirektor. Die Bankangestellte will wissen, um was es geht. „Ich rufe im Auftrag von Heinz Degenhardt von der DZ-Bank Frankfurt an. Also stellen Sie mich jetzt sofort durch“, fordert er im Befehlston.
Es dauert … Endlich ist der Direktor am Apparat. Die Situation erfasst er nur schwerfällig. Seine Rückfragen nerven gewaltig. Nach drei Wiederholungen hat er endlich kapiert, was los ist. Er verspricht, sich um alles zu kümmern. Tom fragt ihn nach der Adresse des Hotels und nach dem Weg dorthin.
Es ist Zeit, um in Bonn anzurufen. Seinem leitenden Redakteur Robert schildert er, warum er in Lahr ist. „Das ist wieder typisch. Kannst du nirgendwo herumspazieren, ohne dass dir wichtige Leute über die Füße stolpern Weg?“ Tom lacht nur:
„Morgen werde ich, wenn nichts dazwischen kommt in der Redaktion auftauchen.“
„Mal sehen“, ruft sein Chef ins Telefon, „wem du bis dahin noch begegnest? Lahr, gibt es das überhaupt? Wir sehen uns morgen in Bonn.“
Tom, obwohl noch jung, zählt in der angegrauten Bonner Journalistenszene zu den ersten Adressen. Sein Chefredakteur in Düsseldorf hält große Stücke auf ihn. Robert, sein Bonner Redaktionsleiter, lässt ihn gewähren. Er weiß, sein junger Kollege kennt keine Furcht vor großen Namen. Tom ist fachlich überaus kompetent. Zudem liefert er erstklassige, recherchesichere Storys und Interviews ab. Entsprechend groß ist die Resonanz bei der Leserschaft. Bei den älteren Redakteuren ist er anerkannt, aber nicht besonders beliebt. Einigen ist er zu arrogant und zu exzentrisch. Tom ist das egal. Er geht liebend gern andere Wege. Wenn Kollegen die Hauptstraßen nehmen, dann läuft er alleine durch die Seitenstraßen. Fahren die Redakteure liebend gern mit dem Auto, so bevorzugt er auf weiten Strecken die Bundesbahn. Dort im Speisewagen lernt er jedes Mal wichtige Leute kennen. Nein - genau betrachtet laufen sie ihm direkt in die Arme.
Trifft sich abends im noblen Bonner-Presseklub die selbst ernannte Elite des bundesdeutschen Journalismus, dann ist Tom anderswo unterwegs. In welchen Hinterzimmern sich Politiker mit Lobbyisten ein Stelldichein geben, weiß Tom, bevor es andere Journalisten wissen. Seit einiger Zeit spitzt er die Ohren, wenn von der SPD Abgeordnete die Köpfe zusammenstecken und geheimnisvoll tuscheln. Bereits mehrere Wochen beschleicht ihn das Gefühl, es ist bei den Sozis, einiges im Busch. Bundeskanzler Helmut Schmidt verliert allmählich seine Hausmacht.
Vor der Klinik steigt Tom in ein Taxi. Im Hotel spricht ihn die Rezeptionistin direkt mit seinem Namen an.
„Donnerwetter“, denkt er, „die Dame ist aber auf zack.“ Er ist beeindruckt und lobt sie entsprechend. Drei Zimmer auf der gleichen Etage wurden von der Volksbank Lahr reserviert. Ein Hoteldiener führt ihn durch die Räume. Das ruhigste Zimmer ist jetzt seins: „Wer, zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Er prüft die Matratze. Diese hier scheint ziemlich neu, nicht durchgelegen. Der Hoteldiener ist überrascht, als Tom auch noch das Bettlaken abzieht: „Ich mag weder weiche noch versiffte Matelas“, macht er ihm klar. Auf dem Etikett steht Schlaraffia. Daumen hoch, alles okay.
Kaum hat er die Reisetasche ausgepackt, schon greift er zum Telefon. Er will sich mal bei seiner Frau melden. Die Ehe läuft nicht besonders. Zu viele Streitgespräche, Diskussionen um jede Kleinigkeit. Es geht immer um das Thema Umzug. Tom möchte am liebsten nach Düsseldorf ziehen. Dort am Rhein gefällt es ihm. Die lebenslustigen Menschen der pulsierenden, etwas vornehmen Großstadt wirken auf ihn inspirieren. Von der Idee ist seine Frau überhaupt nicht begeistert. Sie hat sich nämlich heimlich Würzburg ausgesucht.
„Ausgerechnet die Stadt mit den meisten Kirchen. Dazu einen Stadtkern, in dem mich in Stein gehauene Gestalten an jeder Ecke mit einer Waffe in der Hand bedrohen“, gibt er zu bedenken. Seine Frau sieht das anders. Ihre Argumente sind gut durchdacht, überzeugen ihn aber trotzdem nicht.
„Ich komme bereits am Freitag nach Hause, dann können wir über alles sprechen.“ Den Worten nach ist Brigitte erfreut. Der Klang ihrer Stimme gibt ihm jedoch zu denken. Worte können lügen, die Stimme dagegen nicht. In Tom läuten nach dem Gespräch die Armglocken.
Plötzlich unterbricht das Telefon seine Gedanken. Die nette Rezeptionistin ist am anderen Ende der Leitung: „Entschuldigen Sie, Herr Bankdirektor Meiser lässt fragen, ob Sie ins Restaurant kommen?“
„Selbstverständlich“, antwortet Tom, „komme ich runter.“ Der Hoteldiener geleitet ihn zum Restaurant. An einem Tisch sitzt Herr Meiser, der sofort aufsteht und ihn überschwänglich freundlich begrüßt:
„Sie haben also unseren Vorstand Herr Degenhardt gerettet?“
„Ja sieht so aus! Ich weiß noch nicht, wie es ihm geht. Er hat vermutlich in einer misslichen Situation sich einen Herzinfarkt eingehandelt.“
„Warum misslich?“
„Im Zug auf der abgesperrten Toilette sollte man, wenn es irgendwie geht, nicht aus den Latschen kippen.“
„Das behandeln Sie aber diskret, oder?“
„Mein Herr, ich arbeite beim führenden deutschen Wirtschaftsmagazin und nicht bei einem Schmierblatt. Kennen Sie Herrn Degenhardt näher?“
„Nur von gewissen Tagungen in Frankfurt.“
„Dann ist Ihnen Frau Degenhardt nicht persönlich bekannt?“
„Nein, ich habe sie noch nie gesehen, aber das wird sich heute Abend ändern.“
Der Bankdirektor ist Tom nicht sympathisch. Er schätzt ihn auf Ende vierzig. In seinem Nadelstreifenanzug wirkt er aalglatt. Dann trägt er auch noch so ein blau-gestreiftes Oberhemd, bei dem sich der Kragen und die Manschetten weiß absetzen. Bitte, wie scheußlich ist das? Die dunkelblaue Raiffeisenkrawatte ist die absolute Krönung der Peinlichkeit. Sein „Eau de Toilette“ riecht ganz furchtbar aufdringlich nach Moschus. Das ist definitiv zu viel. Er entschließt sich für einen höflichen, aber beschleunigten Abgang. „Der Volksbanker“ ist Tom überzeugt, „macht hier den brunftigen Platzhirsch, bis gnädige Frau Degenhardt eintrifft.“
„Sie müssen mich entschuldigen, aber ich bin mit einem Kollegen von der hiesigen Lokalzeitung verabredet. Wir sehen uns später.“ Tom hat nur ein Ziel: „Schnell weg!“ Verwirrung beim eitlen Bankdirektor. Er wurde zum Platzhalter degradiert.
Im Foyer blickt Tom auf seine Kienzle Armbanduhr, die ihm einst sein verstorbener Opa Otto zur Kommunion schenkte. Es ist erst achtzehn Uhr. Noch Zeit genug, um etwas zu unternehmen. Er fragt die junge Rezeptionistin, wie weit es zur Lokalzeitung ist? Ein paar Minuten zu Fuß. Sie erklärt ihm den Weg. Tom macht sich auf die Socken. Am Gebäude hängen Schaukästen. Jeder kann hier kostenlos die Zeitung lesen. Schnurstracks geht er in die Redaktion. Dort sitzt eine junge Frau an einer Kugelkopfschreibmaschine von Olivetti. Wahrscheinlich eine Volontärin. Zwei Tische weiter steht ein etwas älterer Redakteur auf und fragt, „suchen Sie jemanden?“
„Nein, ich bin hier einfach locker hereinspaziert, um zu schauen, wie Sie arbeiten. Entschuldigen Sie bitte, ich bin Tom Friedemann vom Wirtschaftsmagazin.“
„Ich bin Rüdiger Kern, was verschlägt Sie nach Lahr?“
„Ach, das ist eine lange Geschichte. Ich war einige Tage in Basel und jetzt besuche ich einen Bekannten hier im Krankenhaus. Da ich etwas Zeit habe, bin ich bei Ihnen reingeschneit. Ab und an fehlt mir der vertraute Stallgeruch einer Lokalredaktion.“
„Wo waren Sie vor dem Wirtschaftsmagazin?“
„In Dortmund, Mannheim, Bad Mergentheim und in der Fechterhochburg Tauberbischofsheim.“
„Vermutlich beim Mannheimer-Morgen?“
„Ja nach den Ruhr-Nachrichten. In Mannheim habe ich viel gelernt.“
„Sieht ganz danach aus, immerhin sind Sie beim großen Wirtschaftsmagazin.“
„Dort in Düsseldorf geht es gemessen an einer Lokalredaktion eher ruhiger zu. Ich bin in Bonn, bei uns ist deutlich mehr Leben in der Bude. Haben Sie Interesse an einer Schmugglergeschichte in Basel?“
„Unser Gebiet ist das nicht, aber vielleicht interessieren sich die Kollegen in Weil dafür? Was ist in Basel los?“
Tom erzählt von seinem Erlebnis mit dem holländischen Schmuggler und der Basler Polizei. Er macht den Kollegen auf die deutsche Verwaltung des Bahnhofs Baden aufmerksam. Der zeigt sich überrascht:
„Die Bundesbahn verwaltet in Basel den Bahnhof? Davon habe ich noch nie etwas gehört.“
„Schreiben Sie, wenn Sie wollen, die Telefonnummer von der Polizei in Basel auf. Dem Hauptmann können Sie von mir einen schönen Gruß ausrichten, dann wird der geschmeidig. Vermutlich ist der Holländer kein Einzeltäter. Der gehört garantiert zu einer Schmugglerbande. So wie ich das sehe, haben Sie mit dem Holländer und dem Bahnhof zwei richtig schöne Geschichten. Übrigens habe ich auch ein paar Bilder geschossen.“
„Interessant, wie kann ich Sie erreichen?“
„Entschuldigung, ich habe natürlich für Sie eine Visitenkarte, bitte …“
„ Dankeschön! Sobald ich weiß, was die Kollegen in Weil mit den Informationen anfangen, werde ich Sie anrufen. Da fällt mir ein, meine Kollegin Kerstin Keller volontierte auch in Mannheim.“
„Keller? Die Dame sagt mir nichts. Sie erreichen mich morgen Vormittag im Hotel Eisberg, sonst in Bonn. Können Sie mir bitte ein Taxi rufen?“
Tom verabschiedet sich freundlich. Auf der Straße steht das Taxi bereit. „Zum Krankenhaus bitte“. Aus dem Autoradio schallt „Skandal im Sperrbezirk, Skandal um Rosi“. „Jetzt besingt die bayrische Band schon die Nutten“, denkt Tom. Dem Taxifahrer gefällt der Hit, der zurzeit, so der allgemeine Eindruck, überall ertönt. Die Fahrt kostet drei Deutsche Mark. Tom gibt mit den Worten „für die flotte Musik“, dem Taxifahrer zusätzlich Trinkgeld. An der Klinik-Rezeption fragt er, ob bereits Frau Degenhardt eingetroffen sei? Nein. Es ist halb neun. Kann also noch dauern.
Er geht wieder raus ins Grüne und setzt sich, trotz der Kälte, auf eine Parkbank. Seit Tagen hat es nur vier bis sechs Grad. Von beginnenden Frühling keine Spur. Tom hält es auf der Bank nicht lange aus. Er geht wieder ins Krankenhaus, obwohl er den Geruch von Pfefferminztee abscheulich findet. „Wer mag davon gesunden?“, fragt er sich. Warten, davon ist er überzeugt, macht alt und müde, stiehlt zudem kostbare Zeit.
„Mindestens acht Tage im Jahr verschwinden“, so seine Rechnung, „sinnlos durch fremd verursachte Warterei. Das sind pro Tag dreißig Minuten. In zehn Jahren ergeben das achtzig Tage. Und in fünfzig Jahren mehr als ein ganzes Lebensjahr. Ein Irrsinn! Jeden Tag lauert irgendwo ein Dieb, der einem allein durch seine Unpünktlichkeit wertvolle Zeit stiehlt.“
Während Tom in Gedanken vor sich hin rechnet, kommt eine Dame im Eiltempo durch die Drehtür herein.
„Zeit ist gleich Geschwindigkeit durch Beschleunigung“, stellt er fest. Ihre hohen Absätze klingen auf dem kargen Steinboden wie Hammerschläge auf einem Amboss.
„Die beschlägt die Pferde noch selbst“, spottet Tom leise. Er schaut ihr hinterher und taxiert sie: Sie ist eher klein, schlank und wohl sehr energisch, wie ihre Gangart vermuten lässt. Für ihn kein Grund, um aufzustehen. „Wenn die etwas von mir will, dann muss sie sich schon hierher bequemen.“
Und tatsächlich kommt die Frau zielgerichtet auf ihn zu. Tom steht jetzt auf „sie sind bestimmt Frau Degenhardt.“
Etwas unsicher antwortet sie, „ja genau!“
„Hatten Sie den Umständen entsprechend eine angenehme Fahrt?“
„Zumindest gab es keine gravierenden Zwischenfälle bis auf einen Stau. Dadurch sind wir in Frankfurt später herausgekommen, als ich ursprünglich wollte. Begleiten Sie mich zu meinem Mann?“ Sie macht einen verlegenen Eindruck.
„Gerne, wo müssen wir denn hin?“
„In den dritten Stock, Zimmer 309.“
„Nehmen wir den Aufzug?“ Frau Degenhardt nickt ihm zu und senkt dabei den Kopf. Tom denkt, was hat sie denn? Kann sie meinem Blick nicht standhalten? Vor Zimmer 309 bleibt er stehen. Er lässt Frau Degenhardt den Vortritt und hält sich dezent zurück. „Schon wieder warten“, murmelt er leise. Auf dem Flur ist niemand zu sehen. Irgendwie ist es ihm zu still. An der Wand steht ein Speisewagen mit Teekannen. „Pfeffer-minz“ schießt es ihm buchstäblich durch die Nase in den Kopf. Am Ende des Flurs erkennt er im gedimmten Licht schemenhaft ein Fenster. Beim Näherkommen erkennt er eine angelehnte Balkontüre. Draußen steht ein mittelgroßer sehr dürrer Mann im Bademantel der eine Zigarette raucht.
„Ist es hier nicht zu kalt?“, meint Tom.
„Ich merke schon lange nichts mehr. Was führt dich zur späten Stunde zu mir?“
„Ein Krankenbesuch! Im Moment ist die Ehefrau bei ihrem Mann und da wollte ich nicht stören.“
„Da schau ein junger Mann mit Anstand. Heutzutage gibt es nur noch aufgeregte schnippische junge Leute mit Kopfhörer und so einem albernen kleinen Kasten in der Hand. Die sind taub. Sie hören nicht, was man ihnen sagt.“
„Sie meinen den Walkman?“
„Wie der Apparat heißt, will ich gar nicht wissen. Der neumodische Quatsch kommt bestimmt aus Amerika, wie anderer sinnloser Kram auch.“
„Nee, der Walkman kommt aus Japan.“
„Die Kamikazes sind sowieso komplett verrückt.“
„Darf ich fragen, warum Sie hier im Hospital sind?“
„Weil es mit mir zu Ende geht. Meine Lebensuhr sagt, ich lebe nur noch fünf Tage. Krebs nennt sich das Tierchen, das mich von innen her auffrisst.“
„Und wo sitzt das Biest?“, will Tom wissen.
„Es fühlt sich in meiner Lunge besonders wohl.“
„Ihr Sarkasmus ist beachtlich.“
„Was soll ich machen, etwa Selbstmord? Der endet auch mit dem Tod. Ich weiß seit vielen Jahren, wann ich das Zeitliche segnen muss. Durch die Raucherei hat sich mein Zeitkontingent erheblich reduziert. Rauchst du auch?“
„Nein, ich habe keine Lust, auf den Tod zu warten.“
„Säufst du wenigstens?“
„Selten, wirklich ganz selten.“
„Bist du wenigstens hinter den Weibern her?“
„Ich bin hinter der Zeit her, denn die läuft ungefragt weiter. Außerdem bin ich verheiratet.“
„Kann es sein, dass du langweilig bist?“ Der Krebspatient lacht dabei aus vollem Hals. Gar nicht gut: Es folgt ein aus der Tiefe der Bronchien ausgelöster Hustenanfall.
Minutenlang beruhigt er sich nicht. Zwischendurch spuckt er in ein großes Taschentuch Blut. Ein ekelhafter Zustand. Die Bronchien oder die Lungen geben wohl sonst nichts mehr her. Langsam beruhigt er sich wieder. Irgendwie beschleicht Tom das Gefühl, die Stimme schon einmal gehört zu haben: „Der markante französische Akzent ist bei mir noch im Ohr.“ Er mustert den Patienten näher: „Wo bin ich dem begegnet?“
„Siehst du das Krabbeltierchen hat sich wieder gemeldet.“
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir reingehen“, schlägt Tom vor. Wortlos folgt ihm der Patient.
