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Vergebliche Liebesmüh', aber Liebesmüh' immerhin: diese EINE Festschrift für den emeritierten Klagenfurter Universitätsprofessor Werner Wintersteiner (geb. 1951, freilich in Wien). Denn keine Poetik, und sei sie eine noch so umfassende, reichte aus, um Person und Schaffen in allen Facetten zu würdigen. Von Herausgeber_innenseite in drei Teilen angeordnet, berührt der Band dennoch dessen zentrale berufliche Tätigkeitsfelder: Politische Bildung und Friedenserziehung – Literaturwissenschaft (ästhetisch, poetisch) – Literaturdidaktik. Im Zeichen des Widerständigen der Literatur und ihrer Lehre finden sich hier in der Hauptsache Beiträge aus der Feder von Freund_innen und Wegbegleiter_innen versammelt: Menschen, die Werner Wintersteiner geprägt haben und die er mit seinem Tun und Schreiben beeinflusst hat, greifen direkt oder indirekt seine Anregungen auf und laden ihm zum Dank und zur Ehre zum Weiterdenken und Weitermachen ein.
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Artur R. Boelderl, Ursula Esterl, Nicola Mitterer (Hg.)
Poetik des Widerstands
Eine Festschrift für Werner Wintersteiner
ide-extra
Eine deutschdidaktische Publikationsreihe
Herausgegeben von
Ulf Abraham, Stefan Krammer, Markus Pissarek, Annemarie Saxalber-Tetter, Anja Wildemann und Werner Wintersteiner
Band 22
Artur R. Boelderl, Ursula Esterl, Nicola Mitterer (Hg.)
Eine Festschrift für Werner Wintersteiner
»Bei dem Unternehmen, welches wir jetzt gemeinschaftlich beginnen, ist nichts so schwer als der Anfang« (Johann Gottlieb Fichte)
ARTURR. BOELDERL, URSULA ESTERL, NICOLA MITTERER: (K)ein Editorial
I. »Geh aber nun und grüße« (Friedrich Hölderlin)
MARLIES KRAINZ-DÜRR: Von Fernfahrerinnen und Fernfahrern!
KONRAD KRAINER: Von Akrostichon bis Zungenbrecher: Werner Wintersteiner Wirkt
URSULA ESTERL: Die ide – über die Poetik des Widerständigen eines deutschdidaktischen Fachjournals
MARKUS PISSAREK: Ein Vakuum
II. »Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht« (Ingeborg Bachmann)
DIETMAR LARCHER: Zwischen Farce und Tragödie. Poetik des Widerstands im Jahr 1968
HANS KARL PETERLINI: Und die Antwort, mein Freund ... Liedtexte gegen Krieg, Hass und Gewalt, für Frieden und Gerechtigkeit – eine Spurensuche in der Perspektive der Friedensbildung
CLAUDIA BRUNNER: Ringen um Gewaltfreiheit mit Judith Butler
WOLFGANG HACKL: Poetik des Widerstands: Ingeborg Bachmann und der Kalte Krieg
III. »Nicht meine Stimme singt allein: es klingt« (Rainer Maria Rilke)
ödöns stör (för wörnör)
SABINE FUCHS: Poesie in Bildern. Interpretation mit Farbe. Ernst-Jandl-Bilder
HEIDI RÖSCH: Poetik der Verschiedenheit oder doch Poetik der Vielfalt? Werner Wintersteiners Standardwerk aus (literatur-)didaktischer Perspektive
HAJNALKA NAGY: EntGeg(n)en. Kontrapunktische Lektüren als Strategie des Verlernens
GERHARD HÄRLE: Topographien der Leidenschaft. Der Liebesdiskurs Ingeborg Bachmanns zwischen Exotismus und Transkulturalität
NICOLA MITTERER: Unterhaltungen mit Menschenkind und Goethes Märchen. Literarische Betrachtungen, einem Mangel an Zeit letztlich doch nicht zum Opfer gefallen
ALAIN DAVID: Büchner mit Levinas
ULF ABRAHAM: Nicht jede Welt hat so viel Glück
IV. »Ich habe immer versucht zu denken und zu unterrichten, indem ich einen Fuß innerhalb des Systems hatte und einen außerhalb« (Paulo Freire)
ARTUR R., BOELDERL: Lituraderridaktik. Vom Widerstand des Textes in Theorie und Praxis eines dekonstruktiven Literaturunterrichts
STEFAN KRAMMER: Fiktionen des Lehrens und Lernens. Oder: Was Literatur alles über den Deutschunterricht weiß
MARLIES BREUSS: Literatur, Schule und Widerstand. Gedanken einer pensionierten Deutschlehrerin als kleiner Beitrag zu einer Poetik des Widerstands
GERHARD RUPP: Politische Werte-Erziehung im Deutschunterricht
SABINE ZELGER: Welt in Bewegung? Welt in Erstarrung! Überlegungen zu Experiment und Brauchtum im Literaturunterricht
GREGOR CHUDOBA: Spiel-, Potenzial- und Lernräume. Ein Gedankenspiel zu förderlichen Umgebungen in der tertiären Bildung
INGELORE OOMEN-WELKE: Das Banale ist das Produktive. Vom Apfel der Erkenntnis zur Praxis der Mehrsprachigkeit
V. »Der freundlichernst den Menschen zugetan« (Friedrich Hölderlin)
BETTY A. REARDON: Werner Wintersteiner: Peace Educator and Friend
Erziehung reisst die Welt aus dem Krieg. Sondermarke anlässlich des dritten Kongresses des Weltverbandes der Pädagogischen Vereinigungen 1929 in Genf
Autorinnen und Autoren
Contrairement à la croyance reçue, il y a moins de désordre dans la nature que dans l’humanité. L’ordre naturel est dominé beaucoup plus fortement par l’homéostasie, la régulation, la programmation. C’est l’ordre humain qui se déploie sous le signe du désordre. (Morin 1973, S. 123)
It was the bear who began it. Said,
I’m getting out from under.
I am not Bear, l’Ours, Ursus, Bär
or any other syllables
you’ve pinned on me.
[…]
I’m not your coat, rug, glass-eyed trophy head,
Plush bedtime toy, and that’s not me
In outer space with my spangled cub.
I’m not your totem; I refuse
To dance in your circuses; you cannot carve
My soul in stone.
I follow suit, said the lion,
vacating his coats of arms
and movie logos; and the eagle said, Get me off this flag.
(Atwood 2006, S. 77 ff.)
Will ich in mein Gärtlein gehn,
Will mein Zwieblein gießen,
Steht ein bucklig Männlein da,
Fängt als an zu niesen.
[…]
Wenn ich an mein Bänklein knie,
Will ein bißlein beten,
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu reden:
Liebes Kindlein, ach ich bitt,
Bet’ fürs bucklicht Männlein mit!
(Des Knaben Wunderhorn)
Um das vielseitige Schaffen Werner Wintersteiners in all seinen Facetten zu würdigen, reichte eine Festschrift nicht aus. Auch keine (ganze) Poetik im Übrigen; es brauchte dazu der Rhetorik und der Politik. Und um beim fruchtlosen Versuch einer solchen Würdigung in nicht einer, nicht zwei, sondern also mindestens drei Festschriften auch Person (um die er selbst nie viel Aufhebens machen noch von anderen gemacht wissen wollte) und Persönlichkeit Werner Wintersteiners Rechnung zu tragen, wäre jede noch so elaborierte Form von Fest-(Druck-)Schrift vergebliche Liebesmüh’.
So verdankt sich diese eine Festschrift – aber diese immerhin! – der beherzten Überwindung vielfältiger Formen des Widerstands, was unter anderem bedingt, dass sie weder zu einem runden Geburtstag noch anlässlich der Pensionierung ihres Adressaten erscheint, sondern gleichsam antizyklisch; einzig sein Rückzug aus der Zeitschrift ide. informationen zur deutschdidaktik könnte als Anlass in Anspruch genommen werden. Dass ihr Fokus auf der Deutsch- und insbesondere Literaturdidaktik liegt, bringt eine nicht etwa im erwähnten facettenreichen Wirken Werner Wintersteiners liegende, wohl aber in der fachlichen Qualifikation wie institutionellen Verortung der drei Herausgeber_innen wurzelnde Einschränkung des Themenspektrums zum Ausdruck; gleichwohl verweist die disziplinübergreifend angelegte Mehrzahl der Beiträge in unterschiedlicher Explizitheit auch auf Werner Wintersteiners Engagement in der Friedenspädagogik und der Global Citizenship Education. Dem trägt grosso modo auch die von den Herausgeber_innen (angesichts der erwähnten Überschneidungen freilich tentativ) vorgenommene Ordnung des Bandes in drei Hauptkapitel Rechnung, die Wintersteiners zentrale berufliche Tätigkeitsfelder abbildet: Politische Bildung und Friedenserziehung, Literaturwissenschaft (ästhetisch, poetisch) und Literaturdidaktik.
Unter den Beiträger_innen zu dieser Festschrift finden sich von Werner Wintersteiner selbst benannte Freund_innen und Wegbegleiter_innen, Menschen, die ihn geprägt haben und die er mit seinem Tun und Schreiben beeinflusst hat, oder solche, die mit diesen in Verbindung stehen. Selbst der Titel Poetik des Widerstands geht auf einen von ihm selbst gemachten Vorschlag zurück. Und welcher andere Titel brächte die Programmatik der vorliegenden Festschrift besser und ansprechender zum Ausdruck? Er bezeichnet in genitivischer ›harter Fügung‹ jenes »unmögliche« Desiderat der umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit, die Werner Wintersteiner in den Jahren seiner Tätigkeit an der Universität Klagenfurt geleistet hat: Innerhalb der Literaturdidaktik waren seine Forschungsschwerpunkte sowohl der Etablierung einer »transkulturellen« Ausrichtung dieser traditionell in nationalen Kategorien befangenen Disziplin als auch der Forschung an der Schnittstelle zwischen Literatur und Politik verpflichtet. Immer trachtete er danach, diese konkret ausgerichteten und auch gesellschaftlich zur Wirksamkeit geführten Konzepte in eine Theorie einzubetten, die sich an der Frage entzündet, inwiefern Widerstand entweder als unumgänglicher Bestandteil jede Form von Literatur präge, oder aber andererseits aus der Verbindung bestimmter (politischer) Anliegen und deren literarischer Darstellung erwachse. Keine Festschrift wird diese Frage erschöpfend klären können, und diese will bestimmt gar nicht erst den Eindruck erwecken, sie wollte es. Es war uns ein Anliegen, im Rahmen der damit pointierten thematischen Vorgabe einen möglichst abwechslungsreichen Band zu gestalten. Daher hatten die Autor_innen die Möglichkeit, unterschiedliche Textarten zu wählen, und so finden sich klassische wissenschaftliche Aufsätze neben zum Teil sehr persönlich gehaltenen Essays. Allen hier versammelten Beiträgen ist jedoch gemein, dass sie – teils in transdisziplinärer, teils auch in künstlerischer Weise – diese herausfordernde Wendung von der »Poetik des Widerstands« begrifflich zu fassen und mit Inhalten zu füllen versuchen. Viele der Texte greifen dabei Theoriebausteine Werner Wintersteiners auf, und auch in diesem Sinne soll der Band nicht nur ein Weiterdenken, sondern auch eine Neuinterpretation und Zusammenführung bestehender Denkansätze sein.
Als »Poetik der Vielfalt« oder »Poetik der Verschiedenheit«, die eine solcherart inter- und transdisziplinäre »Poetik des Widerstands« ipso facto zu sein hat, verbietet sie (und verbietet sich) zugleich eine das Uneinheitliche und Heterogene der einzelnen Beiträge post festum hermeneutisch abschleifende und in einen künstlichen, vermeintlich übergreifenden Zusammenhang stellende Vorstellung derselben, die über diese bewusst allgemein und unspezifisch gehaltenen einführenden Worte der Herausgeber_innen hinausginge. Stattdessen sind die Leser_innen herzlich eingeladen, selbst ihre Vertrautheits-, aber auch Fremdheitserfahrungen im Wege ihrer jeweiligen Lektüren zu machen. Damit, so unsere Überzeugung, geben die unterschiedlichen Stimmen der Beiträger_innen zu dieser Festschrift am beredsten Zeugnis von der großen Wertschätzung gegenüber dem Wissenschaftler und dem Menschen Werner Wintersteiner.
Für die Gestaltung des Covers wurde uns von Florjan Lipuš eine Manuskriptseite aus Boštjanov let / Boštjans Flug (Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv) überlassen, wofür wir uns herzlich bedanken möchten.
Des Weiteren danken wir dem StudienVerlag, namentlich Markus Hatzer und Franz Kurz, für die Unterstützung bei der Produktion dieser Publikation. Besonderer Dank gilt selbstverständlich allen Autorinnen und Autoren, die zum Gelingen dieser Festschrift beigetragen haben.
Artur R. Boelderl, Ursula Esterl und Nicola Mitterer
ATWOOD, MARGARET (2006): The Tent. London: Bloomsbury.
MORIN, EDGAR (1973): Le paradigme perdu: La nature humaine. Paris: Seuil.
Lieber Werner,
unsere Lebenswege haben sich über all die Jahre immer wieder gekreuzt. Im Studium der Germanistik in Wien, als ich Dich aus der Ferne als attraktiven, eloquenten und politisch engagierten Studenten (oder gar Studienrichtungsvertreter?) heimlich bewunderte. Im Lehrgang »Politische Bildung« haben wir später gemeinsam und mit grünen Haaren gegen den Referenten protestiert und im Lehrgangsteam PFL-Deutsch – nun selbst Referent/innen – durfte ich viele Jahre mit Dir zusammenarbeiten. In diesem Lehrgang sind Persönlichkeiten zusammengekommen, die mit Lust und Witz Lernanlässe gestaltet haben, von denen Teilnehmer/innen noch heute erzählen. Ich habe niemals mehr in einem so anregenden, chaotischen und bissig-liebevollen Team gearbeitet, die Planungssitzungen auf der Alm von Dietmar Larcher mit viel Marillenkuchen und Fernfahrerschnaps waren legendär und nicht minder produktiv. Ein Produkt – den ide-extra-Sonderband Deutschunterricht (1994) der von Dir (neu)gegründeten Fachdidaktikzeitschrift ide. informationen zur deutschdidaktik – hat kein Geringerer als Ulf Abraham umfangreich würdigend rezensiert. Mut und die Bereitschaft, kognitive Dissonanzen auszuhalten, hat er uns damals, 1995, attestiert.
Mut hattest Du immer! Und die Bereitschaft, kognitive Dissonanzen nicht nur auszuhalten, sondern damit zu spielen, auch.
Und manchmal warst Du einfach Deiner Zeit voraus.
Am Versuch, Friedenserziehung in der Lehrer/innenbildung zu verankern und einen Lehrgang anzubieten, sind wir gemeinsam grandios gescheitert. Von Frieden wollte in den 1990er Jahren niemand etwas hören, dabei war das Wort »Gutmensch« noch gar nicht erfunden. Du hast Dich nicht entmutigen lassen und Deine Ideen dann in einem anderen Kontext umsetzen können, einer ist heute aktueller denn je. Ich bin stolz, mit der PH Kärnten an dem von Dir ins Leben gerufenen Masterlehrgang »Global Citzenship Education« beteiligt zu sein.
Du bist immer ein »global citizen« gewesen. Ich bin neugierig, wohin es Dich treiben wird, und hoffe, dass unsere Wege sich noch oft kreuzen werden!
Marlies Krainz-Dürr
WWW ist nicht nur eine Abkürzung für das World Wide Web, es bezieht sich auch auf das Wirken von Werner Wintersteiner, vernetzt mit vielen weiteren W-Wörtern wie Widerstand, Wissenschaft oder Wortgewandtheit.
Dieser Beitrag ist in sechs Teile gegliedert, wobei die Sechs überhaupt eine besondere Bedeutung für Werner Wintersteiner (WW) zu haben scheint.
1966
Rede Erziehung nach Auschwitz von Theodor W. (!) Adorno (von WW oft in Lehrveranstaltungen verwendet) mit der Passage »Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht«.
1976
Beendigung des Lehramsstudiums für Germanistik und Romanistik an der Universität Wien, Anstellung als Vertragslehrer in Kärnten; Start der Zeitschrift ide – informationen zur deutschdidaktik (die WW zu einer »echten didaktischen Zeitschrift« umbaute; Saxer 2011, S. 93).
1986
Halbe Dienstzuteilung von der HLW Klagenfurt an das Zentrum für Schulversuche des BMUK und Mitarbeit am Fortbildungsprogramm »Pädagogik und Fachdidaktik für LehrerInnen« (PFL).
1996
Ernennung zum Professor (Bundeslehrer L1) auf eine Planstelle des BMWF am Institut für Germanistik der AAU.
2006
Bewerbung auf eine Professur für Literaturdidaktik an der AAU (Dienstantritt im Mai des folgenden Jahres).
2016
Übertritt in den Ruhestand und Abschiedsvorlesung Wir [und die] Barbaren.Literatur als Analyse der gesellschaftlichen Realität.
1998
Promotion zum Dr. phil. mit der Dissertation Pädagogik des Anderen. Bausteine für eine Friedenspädagogik in der Postmoderne an der AAU.
2003
Erlangung der Lehrbefugnis als Universitätsdozent für das Fach »Didaktik der deutschen Sprache und Literatur« an der AAU.
2006
Aufbau des Instituts für Deutschdidaktik (AECC, Austrian Educational Competence Centre, seit 2017 eine eigenständige Abteilung am Institut für GermanistikAECC) an der AAU.
2007
Übernahme der Professur für Literaturdidaktik an der AAU. 2010 Friedrich-Preis der gleichnamigen Stiftung (von Erhard Friedrich).2 2020 Festschrift Poetik des Widerstands für WW.
Im Kapitel Fernfahrer und Fernstudien. Über die Arbeit eines Leitungsteams findet man im Teilkapitel »Schnaps-Ideen« des Buchs zu den Hochschullehrgängen »Pädagogik und Fachdidaktik für LehrerInnen« (PFL) folgende Reflexionen zur Qualität von Fortbildungs-Vorbereitungen:
Ein wichtiger Grundstein für eine solide Lehrerfortbildung ist die Qualität des Leitungsteams. Es muß sich seiner Verantwortung bewußt sein. Im Idealfall entsteht eine homogene Gruppe, die ihre Aufgabe sehr ernst nimmt. Man trifft sich in regelmäßigen, relativ kurzen Abständen, um die Seminare in aller Ruhe und zeitgerecht zu planen. […] Schriftliche Fixierung des gemeinsamen Plans, eine klare Kompetenzaufteilung und eine genaue Vorbereitung jedes Teammitglieds für den eigenen Bereich, am besten schriftlich, das sind die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg. […] Manchmal hört man auch von anderen Seminaren: Deren Team bildet, wie schon von weitem sichtbar, einen chaotischen Haufen. Mit langer Verspätung treffen die Mitglieder auf einem sehr verkehrsungünstig gelegenen Treffpunkt ein. Oder war gar kein genauer Zeitpunkt ausgemacht? Die Zeit drängt, doch sie beginnen zu plaudern statt zu planen. Tratschgeschichten werden erzählt, man fällt ziemlich erbarmungslos über abwesende KollegInnen her. Bereits am Vormittag wird Schnaps getrunken, einen, den angeblich italienische Fernfahrer (!) bevorzugen. Unter allgemeinem Geblödel bequemt man sich schließlich doch, zur Tagesordnung überzugehen. Leider haben einige ihre Unterlagen vergessen, andere können sich an nichts mehr erinnern. Sie hätten sich verpflichtet, bis heute […]? Die »Planung« ist eine ziemlich unstrukturierte Diskussion. Nur allzu oft kommt man vom Hundertsten ins Tausendste. Wenn man nicht gerade wieder in »G’schichterln« abgleitet, erfindet man zur allgemeinen Heiterkeit bombastische Wortschöpfungen. Schon hat ein anderer den Ball aufgenommen und doziert über die Gefahr des »Zitronismus«. Wie soll da je ein anständiges Seminar draus werden? (Wintersteiner 1996, S. 152 f.)
Es wird sodann die These vertreten (ebd., S. 153), dass der zweite Weg »die einzig sinnvolle Methode einer Seminarplanung ist. Ihre wesentlichsten Voraussetzungen sind auch heute noch überall in Mitteleuropa zu haben: Schnaps, Sonnenschein (ersatzweise ein Sparherd), ausreichend O2 sowie ab und zu etwas Marillenkuchen«.
PFL-Deutsch war und ist ein Riesenerfolg und wird – 1982 startend – noch immer angeboten.
In den Miniaturen zu Werner Wintersteiners 60. Geburtstag (Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik/Österreichisches Kompetenzzentrum für
Deutschdidaktik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt 2011) findet sich auffällig so manches Akrostichon. Dies ist wohl ein Indikator, dass der Beschriebene ein wortgewandter Mensch ist, der Poesie und Vielfältigkeit – in Kombination und reichem Maße – besitzt.
So wird zum Beispiel W E R N E R folgend beschrieben (ebd.):
W issend, worauf es ankommt
E ngagiert,
R eich an Erfahrung,
N icht nur als Didaktiker.
E cht cool –
R ichtig Wintersteiner eben …
(Glaboniat, S. 38)
W ise
E xpert
R eader
N etworker
E uropean
R esearcher
(Uranga Arakistain, S. 104)
W enn ich an den Werner denke
E cht
R eut mich
N ichts
E rst
R echt
(Vitouch, S. 105)
Zungenbrecher gibt es – auch verwendet im Deutschunterricht – viele, auch zu W-Wörtern wie etwa jenen zu den Wiener Waschweibern (1905)3:
Wir Wiener Waschweiber würden weiße Wäsche waschen, wenn wir wüßten, wo warmes Wasser wär.
Etwas erweitert hat dies das Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Universität Potsdam4 zu:
Wir Wiener Waschweiber würden weiße Wäsche waschen, wenn wir wüssten, wo wirklich weiches, warmes Waschwasser wäre.
Auf Werner Wintersteiner umgemünzt könnte der Zungenbrecher – um auch einen eigenen Beitrag zur Poesie herzustellen – lauten:
Wir widerständige Wissenschaftswerker würden wunderbare Weisheiten wirken, wenn wir wüssten, wo wirklich wahre Welten wären.
Werner Wintersteiner ist in vielerlei Hinsicht zu danken.
Hier eine kleine Auswahl:
• Für seine Begleitung von Studierenden bis hin zu qualitätsvollen Dissertationen und erfolgreichen Weiterbildungsabschlüssen.
• Für seine vielfältigen Beiträge zur Deutschdidaktik und Friedenspädagogik in Forschung und Lehre.
• Für seine Beiträge zur Verbreitung von neuem Wissen, zum Beispiel im Rahmen der bereits über 40 Jahre existierenden Zeitschrift ide. informationen zur deutschdidaktik.
• Für seine Gründungsaktivitäten wie das AECC Deutschdidaktik oder das Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
• Für seine Flexibilität, inter- und transdisziplinäre, interinstitutionelle, interfakultäre und interuniversitäre Diskurse zu pflegen und dabei kreative und kritische Beiträge zu entwickeln und weiterzuentwickeln.
• Für seine Kollegialität, seine unbändige Schaffenskraft und noch vieles mehr.
1 Der folgende Text ist großteils eine Verschriftlichung meines Inputs anlässlich der Abschiedsvorlesung von Werner Wintersteiner am 18. November 2016 in Klagenfurt, in meiner Funktion als Dekan der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt sowie als ehemaliger Kollege Werners an der Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe (HLW Klagenfurt) in den 1980er Jahren.
2 »Der Preisträger engagiert sich als lehrender und forschender Fachdidaktiker an der Universität Klagenfurt für eine Neuformation der Literaturdidaktik als gesellschaftlich verantwortliche Wissenschaft, die dem interkulturellen Charakter literarischen Lernens und der kulturwissenschaftlichen Friedensforschung verpflichtet ist. Mit Werner Wintersteiner wurde der Autor zahlreicher wissenschaftlicher Studien, der Herausgeber der maßgeblichen österreichischen deutschdidaktischen Zeitschrift IDE und schließlich der aktive Bildungspolitiker und Friedenspädagoge für sein außerordentlich produktives Schaffen geehrt.« (https://erhard-friedrichstiftung.de/der-friedrich-preis/ [Zugriff: 31.8.2019]).
3https://www.volksliederarchiv.de/lexikon/macht-auf-das-tor/ [Zugriff: 31.8.2019].
4https://www.uni-potsdam.de/fileadmin01/projects/zelb/Dokumente/Sprecherziehung/12_Zungenbrecher.pdf [Zugriff: 31.8.2019].
SAXER, ROBERT (2011): Dreimal was Neues. In: Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik; Österreichisches Kompetenzzentrum für Deutschdidaktik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfut (Hg.): Miniaturen. Werner Wintersteiner zum 60. Geburtstag. Klagenfurt: Drava, S. 92–94.
WINTERSTEINER, WERNER (1996): Fernfahrer und Fernstudien. Über die Arbeit eines Leitungsteams. In: Krainer, Konrad; Posch, Peter (Hg.): Lehrerfortbildung zwischen Prozessen und Produkten. Hochschullehrgänge »Pädagogik und Fachdidaktik für LehrerInnen (PFL): Konzepte, Erfahrungen und Reflexionen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 151–165.
DERS. (1999): Pädagogik des Anderen. Bausteine für eine Friedenspädagogik in der Postmoderne. Münster: Agenda.
ZENTRUM FÜR FRIEDENSFORSCHUNG UND FRIEDENSPÄDAGOGIK; ÖSTERREICHISCHES KOMPETENZZENTRUM FÜR DEUTSCHDIDAKTIK AN DER ALPEN-ADRIA-UNIVERSITÄT KLAGENFURT (Hg., 2011): Miniaturen. Werner Wintersteiner zum 60. Geburtstag. Klagenfurt: Drava.
Mir war es immer wichtig, dass die IDE nicht einfach gefällt, sondern sich etwas »Kratzbürstiges« erhält: Bildung durch produktive Irritation. Die IDE will die Fachwissenschaftler_innen mit den Konzepten der Didaktik konfrontieren, die Didaktik muss sich nicht nur an den Erfordernissen der Praxis, sondern auch an den Standards der Literatur-, Sprach- oder Medienwissenschaft messen lassen, und Lehrkräften in der Schule wird ein ganz schönes Maß an elaborierter Reflexion zugemutet. Kein Wunder, dass dieser Komplexitätsanspruch die Zeitschrift immer wieder auch in Widerspruch zu Verengungen der Perspektive innerhalb der Fachdidaktik selbst gebracht hat. Für mich ein weiterer Hinweis für die Notwendigkeit dieses Journals. (Werner Wintersteiner)
Dieses Statement, das Werner Wintersteiner über sein Verständnis der ide für die neue, grundlegend überarbeitete Website der Fachzeitschrift ide. informationen zur deutschdidaktik verfasst hat, hat mich in der Nacht (wann sonst?) des 28. Juli 2019 per Mail erreicht und ist auch online nachzulesen.1 Es hat mich endgültig davon überzeugt, dass die ide in einer Festschrift für Werner Wintersteiner, die noch dazu den Titel Poetik des Widerstands trägt, nicht fehlen darf. Denn die Widerständigkeit, oder »produktive Irritation«, wie es Werner Wintersteiner nennt, das »Kratzbürstige« ist ein Markenzeichen dieser Zeitschrift, die – noch?, ja! Und unbedingt auch künftig! – sehr deutlich seine Handschrift trägt.
Es wird ein sehr persönlicher Blick, mit dem ich versuche, Werner Wintersteiners Zugang zur Zeitschrift und seine Bedeutung für sie nachzuzeichnen. Es soll ein Rückblick werden auf ihr Entstehen und Wachsen, ihr Selbstverständnis, ja sogar ihre Existenzberechtigung, die Werner nicht nur einmal in Frage gestellt und mich damit immer wieder sehr unsanft und zugegebenermaßen auch ein wenig verstörend aus meiner Komfortzone geholt hat. Es ist wohl genau dies, was sein Verständnis von diesem Medium und damit die Zeitschrift selbst geprägt hat – man darf und muss alles denken (dürfen), selbst wenn es zur Auflösung führen würde. Die Existenzberechtigung ist nur gegeben, solange man etwas zu sagen und – idealiter – zu verändern hat, wachrütteln und konstruktiv in Frage stellen kann. Und so war und ist man immer auf der Suche nach Themen, die noch nicht in allen didaktischen und pädagogischen Medien aufgegriffen wurden, verschließt sich
aber auch aktuellen, bildungspolitisch breit diskutierten Inhalten nicht, immer mit dem Vorsatz, dabei ebenfalls ungewöhnliche Wege zu gehen. Die ide verschreibt sich – anders als stärker praxisorientiert oder rein fachwissenschaftlich ausgerichtete deutschdidaktische Zeitschriften – einem kulturwissenschaftlichen Ansatz, greift aber auch andere Zugänge und unterschiedliche methodische Herangehensweisen auf und bietet Platz für kontroverse Diskussionen.
Im Folgenden sollen Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Zeitschrift geboten, ihr Selbstverständnis erläutert und ihre Ansprüche vorgestellt werden.2
Die Zeitschrift informationen zur deutschdidaktik (damals noch nicht die ide) wurde 1976 – also vor mehr als 40 Jahren – am damals jüngsten Institut für Germanistik des deutschsprachigen Raumes, an der »Universität für Bildungswissenschaften« (wie sie damals hieß) in Klagenfurt gegründet. Von Anfang an wurde von den Herausgebern (es waren anfangs nur Männer) das Ziel verfolgt, Theorie und Praxis zu verbinden. So lautet der Untertitel bis heute Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule. Man strebte eine sinnvolle Arbeitsteilung und einen regen Austausch zwischen universitärer Fachdidaktik und Pädagogik auf der einen Seite und schulischer Praxis auf der anderen Seite an. Darauf verweist auch der Titel des Basisbeitrags von Dietmar Larcher (damals Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Klagenfurt und ehemaliger Deutschlehrer) Schützengraben. Das Verhältnis von Praktikern und Theoretikern des Unterrichts (1976) (vgl. Wintersteiner 2007b, S. 173). Die (fach-)didaktische und pädagogische Landschaft hat sich seither sehr stark verändert, Brücken zu bauen bleibt weiterhin das große Anliegen der ide. Die Kooperation ist insofern wichtig, als die Praxis die kritische Reflexion der Wissenschaft braucht und die Wissenschaft sich in der Praxis bewähren muss. »Diesen Dialog unter Gleichberechtigten zu führen, bleibt eine permanente Aufgabe, auf die sich die universitäre Didaktik gerade in Zeiten von Evaluationen, Tests und Messungen besinnen muss.« (Ebd., S. 174)
1976 war die Zeit eines Booms der Pädagogik und Didaktik, und so wurde die ide als bibliographisches Referenzorgan gegründet, mit dem Ziel, durch eine möglichst vollständige bibliographische Erfassung, durch kritische Rezensionen und einige (wenige) Überblicksbeiträge zur Orientierung in der Fülle der didaktischen Neuerscheinungen zu verhelfen. Gegründet wurde die Zeitschrift informationen zur deutschdidaktik (IzD) von Bernhard Doppler, redaktionell tätig waren von Anfang an auch Robert Saxer und der langjährige Bibliograph der Zeitschrift Friedrich Janshoff (alle damals beschäftigt am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt). In der deutschdidaktischen Szene wurde dieses Konzept sehr begrüßt, eine Einflussnahme auf die österreichische Schulwirklichkeit konnte dadurch jedoch nicht erreicht werden. Als Werner Wintersteiner im Jahr 1988 die Herausgabe der ide übernahm, schlug er ein völlig neues Konzept vor: Er wollte eine Zeitschrift herausbringen, »die sich jeweils einem Schwerpunktthema theoretisch und praktisch widmet und dieses möglichst gründlich von vielen Seiten beleuchtet:
Einleitungsartikel, thematische Beiträge, Unterrichtsmodelle und Berichte aus der Schulpraxis sowie eine weiterführende Bibliographie« (ebd.).
Der Name wurde beibehalten, die neue Abkürzung ide und das seit damals unveränderte Logo prägten das Bild der Zeitschrift und markierten die Erneuerung; das Layout, professionell betreut von Marlies Ulbing – ihr von Anfang an vorhandenes Engagement für die Zeitschrift zeigte sich unter anderem darin, dass sie als eine der Ersten einen der vier (!) Computer zu nutzen lernte, die die Universität Klagenfurt in den 1980er Jahren erstand –, wurde nach und nach verbessert und modernisiert, behält aber seinen Wiedererkennungswert, wozu auch Walter Oberhauser, der die ide bereits seit dem Jahr 2001 grafisch betreut, maßgeblich beiträgt. Seit dem Jahr 1994 wird die Zeitschrift im StudienVerlag in Innsbruck veröffentlicht. Das Redaktions- und Herausgeber_innenteam wurde in den 1990er Jahren durch die leider viel zu früh verstorbene Eva Maria Rastner verstärkt. Gemeinsam mit Werner Wintersteiner hat sie bis ins Jahr 2006, dem dreißigsten Jahr der ide – das zugleich einen Abschied, nämlich den von Eva, und einen Neubeginn, nämlich den des Austrian Educational Competence Centers/AECC Deutschdidaktik, dessen Gründer und erster Leiter Werner Wintersteiner war und aus dem das Institut für Deutschdidaktik (2010) und später die Abteilung für Fachdidaktik am Institut für GermanistikAECC (2017) hervorgegangen ist, bedeutete –, die ide geprägt. Die meisten bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen Hefte wurden von den beiden, manchmal mit Unterstützung weiterer Kolleg_innen der Universität Klagenfurt, herausgegeben.
Werner Wintersteiner nahm die Vergrößerung des deutschdidaktischen Teams zum Anlass, die Aufgaben rund um die ide neu zu verteilen. Damals wurde auch ich mit der Redaktion der Zeitschrift betraut. Es war ein sehr turbulenter Einstieg so knapp nach dem Tod von Eva Maria Rastner und eine große Herausforderung, die ich ausgestattet mit relativ wenigen Informationen und einer Tasche voller Publikationen, die »unbedingt zu rezensieren« wären, sowie unerschütterlicher Zuversicht seitens Werner Wintersteiners übernommen habe. Im Jahr 2007 durfte ich bereits mein erstes eigenes Themenheft herausgeben; etwas unsicher und unerfahren wählte ich als damalige Mitarbeiterin des ebenfalls gerade in Gründung befindlichen SchreibCenters der Klagenfurter Uni das Thema Kultur des Schreibens (1/2007) und fragte vorsichtig bei den Autor_innen an, deren Publikationen ich gerade gelesen hatte (u. a. Ulf Abraham, Michael Becker-Mrotzek, Gerd Bräuer, Gundel Mattenklott, Hanspeter Ortner). Die Antworten kamen rasch, freundlich, wertschätzend der ide gegenüber und verbunden mit einer Zusage, was mich mit Freude und einem ersten Erahnen des Stellenwerts der ide in der deutschdidaktischen Forschungslandschaft auch über Österreichs Grenzen hinaus erfüllte.
Mit der Zeitschrift verfolgte Werner Wintersteiner aber noch ein weiteres Ziel – nämlich den Aufbau einer deutschdidaktischen Szene in Österreich. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Etablierung eines wissenschaftlichen Beirats für die ide, bestehend aus jenen Personen, die sich an österreichischen Universitäten und Pädagogischen Akademien, später zu Pädagogischen Hochschulen umgebaut, mit dem Unterrichtsfach Deutsch beschäftigten, Wissenschaftler_innen und reflektierte Praktiker_innen, die zumeist auch in der Lehrer_innen-Aus-, -Fort- und -Weiterbildung tätig waren. Gemeinsam mit Eva Maria Rastner baute er einen Beirat auf, »der für die Entwicklung der Zeitschrift von unschätzbarer Bedeutung ist und sich immer mehr zu einer Keimzelle eines wissenschaftlichen Netzwerks Deutschdidaktik in Österreich weiterentwickelt« (Wintersteiner 2007b, S. 174).
Werner Wintersteiners Einschätzung aus dem Jahr 2007 wurde im letzten Jahrzehnt bestätigt. Hatte er im Jahr 2007 noch die erste und einzige Professur für Deutschdidaktik in Österreich inne, so gibt es nun Professuren an nahezu allen österreichischen Universitäten und auch an den Pädagogischen Hochschulen wurden neue Hochschulprofessuren eingerichtet, die Forschung und Lehre wirkungsvoll verbinden. Aus dem wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift, der nach wie vor eine wichtige Einrichtung für die Qualitätskontrolle der ide ist, hat sich das 2012 gegründete »Österreichische Forum Deutschdidaktik« (ÖFDD), der Dachverband der Deutschdidaktik in Österreich, entwickelt.
Eine breiter aufgestellte und besser verankerte Deutschdidaktik hat es Werner Wintersteiner ab 2006 ermöglicht, sich allmählich ein wenig aus der Zeitschrift zurückzuziehen, der Kreis der Herausgeber_innen wurde erweitert: in einem ersten Schritt um Mitarbeiter_innen des AECC Deutschdidaktik, dann auch um Mitglieder aus dem wissenschaftlichen Fachbeirat der Zeitschrift, gelegentlich unterstützt von Gastherausgeber_innen mit ausgewiesener Expertise für das jeweilige Themenheft. Auch die Herausgeberschaft der Zeitschrift, die über das AECC Deutschdidaktik und die »Arbeitsgemeinschaft für Deutschdidaktik« fest an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt verankert ist, sollte nicht mehr nur an die Person Werner Wintersteiners gebunden bleiben. Ab 2014 wurde ich Mitherausgeberin, in den Jahren 2018 bzw. 2019 wurde das Herausgeber_innen-Team noch um Markus Pissarek und Nicola Mitterer (beide AECC Deutschdidaktik) erweitert. Werner zieht sich zu unserem großen Bedauern allmählich ganz aus der Zeitschrift zurück, steht uns jedoch glücklicherweise immer noch als Ansprechpartner zur Seite.
Dadurch, dass die einzelnen, viermal jährlich erscheinenden Themenhefte der Zeitschrift von unterschiedlichen Herausgeber_innen betreut werden, von denen jedoch zumindest immer eine Person aus dem AECC Deutschdidaktik oder dem wissenschaftlichen Beirat der ide kommen muss, zeigen sich innerhalb der vorgegebenen Rahmung doch immer auch unterschiedliche Präferenzen, was das Verhältnis von Theorie und Praxis betrifft. – Es wäre wohl nicht die ide, wenn jedes Themenheft identisch aufgebaut wäre. »Erwartbar ist, dass einem in jedem ide-Heft Unerwartetes begegnet«, kommentiert Thomas Zabka in seinen Grußworten anlässlich des 40. Geburtstages der Zeitschrift deren Charakter (Zabka 2016, S. 120) – und er führt weiter aus: »Nicht die Einheitlichkeit der Verwendbarkeit, sondern die Vielfalt der Zugänge zum Gegenstand bilden offensichtlich das Grundprinzip der Beitragsauswahl.« (Ebd., S. 121) Ein schöneres Kompliment könnte ein kritischer Leser der Zeitschrift nicht machen als jenes, ihr Konzept zu verstehen und zu schätzen. Das Dogma der ide ist wohl, »dass es kein Dogma gibt« (Wintersteiner 2016, S. 119 f.).
Die meist langjährige Verbundenheit der Themenheft-Herausgeber_innen mit der Zeitschrift und ihrem Selbstverständnis soll gewährleisten, dass die ide ihrer Linie treu bleibt und die Qualitätskriterien der Zeitschrift eingehalten werden. Unterschiedliche Zugänge lassen die ide aus unserer Sicht bunter und vielfältiger werden, bergen aber auch Konfliktpotential, wenn es darum geht zu definieren, wie die ide denn nun (wirklich) sei oder festzustellen: »So ist die ide einfach nicht.« Diskussionen und Reflexionen zum Selbstverständnis der ide und zu ihrer Legitimation sind daher eine regelmäßig wiederkehrende Maßnahme zur Qualitätskontrolle, wie im Folgenden dargelegt wird.
Für die ide wurden bereits zu ihrer Neugründung drei Grundsätze aufgestellt, denen sich die Zeitschrift nach wie vor verpflichtet fühlt: kritisch, engagiert, offen (Wintersteiner 1987, unveröffentlichtes Dokument; zit. nach Wintersteiner 2007b, S. 174):
• Kritisch: systematische Auseinandersetzung mit einer (teilweise überholten) österreichischen Schulrealität und ihren Konsequenzen für die Deutschdidaktik.
• Engagiert: auch zu brisanten Fragen und wunden Punkten Stellung beziehen, Kontroversen nicht scheuen.
• Offen: neben der universitären Didaktik alle Schultypen einbeziehen; auch an außerschulische Weiterbildung denken; auch Fachleute anderer Disziplinen und qualifizierte Laien zu Wort kommen lassen.
Mit diesem Konzept konnte man Lehrerinnen und Lehrern in der Schule ein attraktives Angebot vorlegen, das zur Reflexion des eigenen Unterrichts einlud und zugleich zahlreiche Impulse zur methodischen und fachdidaktischen Weiterentwicklung setzte. Darüber hinaus verfolgte die ide aber auch immer schon das Ziel, den Didaktiker_innen an den Universitäten Denkanstöße zu geben. Es sollte sowohl Neues aus der fachdidaktischen bzw. fachdidaktisch relevanten Forschung vorgestellt als auch die Fachdidaktik selbst weiterentwickelt werden, wie Ulf Abraham in seinem Beitrag anlässlich des 30-jährigen Bestehens der ide konstatiert. Im Zuge seiner kritischen Bestandsaufnahme der deutschdidaktischen Zeitschriftenlandschaft identifiziert er drei grundlegende Ausrichtungen: (1) Neues aus der Forschung vorstellen – (2) Fachdidaktik vermitteln – (3) Fachdidaktik entwickeln. Die ide verortet er ebenso wie Praxis Deutsch in den Bereichen 1 und 3 (vgl. Abraham 2007, S. 164 f.).
Insbesondere die Weiterentwicklung der Deutschdidaktik als »praktische Wissenschaft« (Wintersteiner 2007a) war und ist Werner Wintersteiner ein besonderes Anliegen und so wollte und will die Zeitschrift zu einem permanenten Dialog und Austausch einladen, indem sie eine Plattform für Fachdidaktiker_innen und andere Expert_innen zur Verfügung stellt. Sie soll(te) »der österreichischen Deutschdidaktik ein eigenes Gesicht [] geben, sie […] sichtbar innerhalb der Deutschdidaktik im deutschsprachigen Raum [machen], aber auch gegenüber der Germanistik, die sich lange Zeit schwer getan hat, die Didaktik als eigenständigen Bereich zu akzeptieren« (Wintersteiner 2007b, S. 175). Dabei verfolgt die ide ein bewusst anspruchsvolles Konzept, das auch die Leser_innen fordert, da die profunde Auseinandersetzung mit den einzelnen Thematiken sich nicht mit der oft gewünschten niederschwelligen Darbietung in Einklang bringen lässt. Das Wie der Umsetzung methodischer Fragen ist in der ide nie losgelöst von Überlegungen zum Warum und Wozu, darüber hinaus genießt die gesellschaftliche Begründung von Unterrichtsinhalten einen hohen Stellenwert.
Blickt man aus heutiger Sicht auf die Grundsätze von 1987, so könnte man konstatieren, dass sie immer noch gelten, bei kritischer Betrachtung aber wohl nicht mehr ganz so kompromisslos wie ursprünglich intendiert umgesetzt werden. Kritisch ja, aber möglicherweise etwas konsensorientierter. Es ist uns daran gelegen, Vielfalt in fachdidaktischer Forschung und schulischer Wirklichkeit abzubilden und diese kontrovers, aus verschiedenen Blickwinkeln darzulegen, nicht alle Entwicklungen werden gutgeheißen, einige davon lassen sich aber auch nicht ignorieren, auch sie erhalten Platz in der ide. Dazu kommt, dass uns durchaus bewusst ist, dass Lehrer_innen heute im Spannungsfeld von Kompetenzorientierung und einer deutlich gestiegenen Anzahl an Überprüfungen von Schüler_innen-Leistungen immer mehr unter Druck geraten sind, und wir fühlen uns auch deren Bedürfnissen nach Orientierung im Rahmen dessen, was für sie selbst noch machbar bzw. notwendig scheint, verpflichtet. Eine kritische Auseinandersetzung mit (deutsch-) didaktischen Themen und Entwicklungen beinhaltet eben auch die Möglichkeit, sich selbst auf Basis einer umfassenden Information aus verschiedenen Perspektiven eine Meinung bilden zu können, wobei es den Grundlagenbeiträgen nach wie vor zukommt, Orientierung zu schaffen und etwaige Bruchlinien aufzuzeigen. Die Rubrik »Kommentar«, mitunter auch als »Debatte« angelegt, greift auch heute noch brisante bildungspolitische Fragestellungen auf und bietet den jeweiligen Autor_innen eine Plattform für kritische Stellungnahmen.
Engagiert: Ja, dies ist nach wie vor ein von allen getragener Anspruch der ide. Es ist uns daran gelegen, fachdidaktische Forschung weiterzuentwickeln, Theorie und Praxis zusammenzudenken, aktuelle und künftige Fragestellungen aufzugreifen. Und offen? Ja, auch das zählt weiterhin zu den Leitlinien der ide, die Palette an Autor_innen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, aus Unterrichtspraxis und anderen beruflichen Umfeldern, an differenzierten Zugängen und Sichtweisen ist nach wie vor groß, größer sogar als in den Anfängen der ide, was nicht zuletzt dem stark gewachsenen Interesse an fachdidaktischer Forschung geschuldet ist. Der Anspruch, unterschiedliche Schularten von der Primar- bis zur Sekundarstufe II zu berücksichtigen, ist ambitioniert, nicht in jedem Jahrgang gelingt es, alle Schulformen gleich in den Blick zu nehmen, der Hauptfokus bleibt auf den Sekundarstufen.
Die Offenheit zeigt sich immer auch in der Wahl der Themenschwerpunkte für die einzelnen Hefte. Von Anfang an war den Herausgeber_innen daran gelegen, auch jene Fragen und Themen aufzunehmen, die in der Lehrer_innen-Ausbildung zu kurz kommen und denen auch in der schulischen Wirklichkeit oft zu wenig Platz eingeräumt wurde und zum Teil immer noch wird, wie zum Beispiel Kinder- und Jugendliteratur (Heft 1/1988; der erste Band nach dem neuen Konzept), Politische Bildung (Heft 2/1988), Friedenserziehung sowie Medienerziehung. Die Auseinandersetzung mit Interkulturalität und Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht kann als Pionierleistung der ide gesehen werden (regelmäßig thematisiert ab 1992) (vgl. Wintersteiner 2007b, S. 177). Mit diesen Schwerpunktsetzungen zeigte Werner Wintersteiner Weitsicht und sein Gespür für didaktische Entwicklungen: Kinder- und Jugendliteratur sowie Medienerziehung sind in der neuen Lehrer_innen-Ausbildung sowie in den gerade entstehenden Curricula von Primarstufe und Sekundarstufe I gut verankert, Interkulturalität und Mehrsprachigkeit sind in den sprachlich und kulturell heterogenen Klassenzimmern von heute aktueller denn je. Diese Thematik war Werner Wintersteiner – insbesondere in Verbindung mit Friedenserziehung und Politischer Bildung – bis zum (vorläufig) letzten von ihm (mit)herausgegebenen Themenheft »Menschen gehen.« Flucht und Ankommen (1/2017, gem. mit Sabine Zelger) ein zentrales Anliegen.
Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den drei Kerngebieten der Deutschdidaktik – Sprachdidaktik, Literaturdidaktik und Mediendidaktik – herzustellen, war immer das erklärte Ziel der
Lieber Werner,
die Beiträge in der Festschrift legen Zeugnis davon ab, wie vielfältig Dein Schaffen war und in wie vielen Bereichen Deine kreative Energie gewirkt hat.
Du hast unser Fach, die Deutschdidaktik, entscheidend geprägt, in Österreich überhaupt erst etabliert und zugleich transformiert. Deine Handschrift begegnet einem heute in vielen Kontexten: der deutschdidaktischen Publizistik generell, der Literaturdidaktik, der Bildungspolitik und -administration, der Friedensforschung, der Professionalisierung des Lehrberufs… Und fängt man an, eine solche kategoriale Liste zu eröffnen, weiß man gar nicht, wo man enden könnte, ohne Wichtiges wegzulassen.
Am meisten fällt mir mit Blick auf Deine Schriften und Initiativen auf, dass Du tatsächlich Deiner Zeit, über das Feld der Deutschdidaktik und der Lehrerbildung hinaus, bemerkenswert oft eine Phase voraus warst. Ich bewundere mit Blick ins ide-Archiv Dein vorausschauendes Gespür und Deine Sensorik dafür, was die prägenden Themen der Zukunft sein könnten und werden. Aus meiner (bayerischen) Sicht warst Du immer DIE Stimme aus Österreich, lange Zeit hast Du die ide sogar mehr oder weniger alleine gestemmt. Eine unglaubliche Leistung, die einen fassungslos zurücklässt, wenn man die Jahrgänge durchsieht. Obwohl schon seit 1988 an der Universität wirkend, hast Du erst 2007 den Ruf auf die erste österreichische Professur für Deutschdidaktik erhalten. In der Dekade bis zu Deiner Emeritierung hast Du weiterhin publiziert, initiiert und inspiriert, als müsstest Du all die fehlenden Professuren an den anderen Standorten vertreten, die Du strategisch stets mitbedacht und für die Du Dich eingesetzt hast.
Letztlich warst Du in Deinem Wirken auch dem bundesdeutschen Diskurs häufig einen Schritt voraus. Wie folgerichtig also, dass Du 2010 den prominenten und hochdotierten Erhard-Friedrich-Preis für Deutschdidaktik erhalten hast. Es entspricht Deiner Handschrift, dass Du ihn mit einer kontroversen und herausfordernden Rede zu den »Paradoxien literarischer Bildung« entgegennahmst und damit eine lebhafte Debatte im anderen wichtigen Organ der Deutschdidaktik (des SDD) losgetreten hast.
Leider kann ich hier nicht wie so viele andere ein dem »Fernfahrerschnaps« gewachsenes Erlebnis mit Dir teilen, da sich unsere Zeiten in Klagenfurt nicht mehr überschnitten haben. Die Erzählungen davon machen mich neidisch. Für die direkten Begegnungen mit Dir, Deine Offenheit, Großzügigkeit und Unterstützung bin ich sehr dankbar. Mit Dir zusammenarbeiten zu dürfen, war sicherlich ein Privileg und selten langweilig. Die große Wertschätzung Dir gegenüber begegnet einem in allen Netzwerken, die Du aufgebaut und hinterlassen hast, Deinem Team an der Universität Klagenfurt, der Pädagogischen Hochschule Kärnten, dem ide-Beirat, der ARGE Deutschdidaktik, dem ÖFDD, PFL, IMST…
Es entspricht Deiner Handschrift, dass in »Deinen« Netzwerken unter einem weiten Begriff der Deutschdidaktik, welcher auch politische und pädagogische Kriterien subsumiert, das Grundsätzliche auch immer wieder in Frage gestellt werden darf und muss, gemeinsam ausgehandelt wird, worum es nun gehen soll, und es Dir nach wie vor ein Anliegen ist, dass sich dieser lebhafte Diskurs über Deine Zeit hinaus fortsetzt. Dir war immer wichtig, Lehrkräfte aller Schultypen, die KollegInnen der Pädagogischen Hochschulen und der Universitäten, möglichst aus allen Regionen Österreichs, zusammenzubringen und ihre Stimmen prägend wirken zu lassen.
Vielleicht ist es ein Paradox, dass jemand, der noch da ist, ein Vakuum hinterlassen kann. Es saugt noch, aber wir geben uns Mühe.
Markus Pissarek
Im Folgenden beschreibe ich Widerstand, wie er von mir im Jahr 1968 erlebt wurde1 und wie ich ihn heute, 50 Jahre danach, auf der Folie von Poetik, Ästhetischer Theorie und Kulturanthropologie zu interpretieren für möglich halte. Damals wäre mir eine theoretisch fundierte Deutung der Ereignisse gar nicht möglich gewesen, obwohl mir nach einem Literaturstudium solche Theorien durchaus hätten vertraut sein müssen, wäre die damalige Germanistik an der Universität Innsbruck auf der Höhe der Zeit gewesen. Zudem fehlten mir schlicht und einfach Hintergrundinformationen, die den Kontext aufhellen hätten können, und erst recht fehlte mir eine Theorie der gesellschaftlichen Veränderung. Mein Horizont war begrenzt durch hohes Kalkgebirge im Norden, noch höheres Urgestein im Süden des Tiroler Oberlandes. Ich war damals Lehrer am Aufbaugymnasium des Zisterzienserstiftes Stams. Das uralte Stift Stams, das quasi als Talsperre das Inntal, meine und all der anderen Lehrer Horizonte blockierte, war der Ort unseres pädagogischen Waltens. Eine pädagogische Idylle in tiefer Provinz, für die Insassen des Internats, also unsere Schüler, ein Panoptikum im Sinne Foucaults.
Juni 1968, ein Uhr. Erschöpfte Lehrer sitzen im Konferenzzimmer, unter ihnen auch zwei Mönche. Plötzlich tritt der Pater Direktor ins Zimmer und verkündet mit Grabesstimme, dass sich in Wien Schreckliches ereigne, wie er eben im Radio vernommen habe. Es sei so unappetitlich, dass es ihm nicht möglich sei, das alles zu wiederholen. Die Lehrer sind erstaunt und stürzen nun selbst ans Radio und an den Fernseher. Da sei im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Wiener Universität eine unfassbare Provokation passiert, sagt der Sprecher. Vier Männer, die angeblich Künstler seien, hätten sich vorne hingestellt, in das Publikum uriniert, dann defäkiert, schließlich masturbiert, dies alles unter Absingen der österreichischen Bundeshymne! Seiner aufgeregten Stimme ist zu entnehmen, dass dieses Sittlichkeitsverbrechen, das von der Polizei viel zu spät unterbrochen worden sei, seine Begriffe von Wohlanständigkeit zutiefst verletzt haben musste.
Die Lehrer im Raum erblassen, blicken sich stumm an, schütteln die Köpfe, verstehen die Welt nicht mehr. Einer von ihnen, nämlich ich, hat gerade im Deutschunterricht mit seinen Schülern angeregt über Kafkas Jäger Gracchus diskutiert, die Geschichte eines Untoten, dessen Leiche in einem Boot über den Gardasee fährt. Dass die Untoten vielleicht wir, die Lehrer im Konferenzzimmer des Stiftsgymnasiums, sein könnten, daran hatte ich nicht gedacht.
Als ich diese Nachricht höre, gehe ich, innerlich verzweifelt, in die Kirche und bete. Ich ahne, dass das Ende der bürgerlichen Welt gekommen ist. Vor meinen Augen versinkt gerade etwas, und das macht mir Angst. Parallelen zu Kafka erkenne ich nicht. Die schwachsinnige Bezeichnung »Uni-Ferkelei« für diese Performance, Wortprägung des sich selbst als »Staberl« bezeichnenden Herrn Nimmerrichter in der Kronenzeitung, trifft überhaupt nicht auf das zu, was mich, den idealistischen Junglehrer, erschüttert. Ich spüre vielmehr, dass nicht die Grenzen des guten Geschmacks, sondern die kulturellen Selbstverständlichkeiten jener Gesellschaft, in die ich hineinsozialisiert wurde, gesprengt worden sind. Unwiderruflich.
50 Jahre später wird diese Aktion von 1968 unter dem Titel »Kunst und Revolution« als künstlerischer Akt des Wiener Aktionismus verstanden. Die Beteiligten, Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel und Oswald Wiener wurden damals, nach ihrer Verhaftung, ausgerechnet von Heinrich Gross, dem berüchtigten NS-Arzt vom Spiegelgrund, der an der Ermordung behinderter Kinder führend beteiligt war, zwangspsychiatriert und anschließend zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Für Brus hatte der Staatsanwalt sogar acht Jahre Gefängnis beantragt. Heute sind die Aktionisten von damals bekannte Künstler, ihre Aktion von ’68 ging in die Kunstgeschichte ein und ist als DVD erhältlich, im Internet finden sich zahlreiche Informationen zu diesem Provokationstheater von einst. Die aufschlussreichste, von der ich erst vor Kurzem Kenntnis erhielt, stammt von Peter Weibel, einem der Beteiligten, seit vielen Jahren international tätig als Künstler und Lehrender, weltweit anerkannte Autorität für digitale Kunst.
Weibel schildert den Hergang wie folgt:
Otto Muehl eröffnete »den Vortrag«, wie das Plakat zur Veranstaltung harmlos versprach, mit einer Beschimpfung des eben ermordeten Robert Kennedy und seines Clans. Peter Weibel setzte im gleichen Stil mit einer Rede fort, die den damaligen Finanzminister Stephan Koren zum Ziel seiner schwarzen Polemik hatte und deren Lautstärke vom Publikum und dessen Lautstärke gesteuert werden konnte. In diesem Lärm stellte sich Günter Brus nackt auf den Vortragstisch, schnitt sich mit einer Rasierklinge an der Brust, urinierte und trank seinen Urin, schiss auf den Boden, sang die Bundeshymne, verschmierte sich den Kot am Leibe, steckte seinen Finger in den Rachen, erbrach. Während er flach auf dem Pult lag und Onanierbewegungen ausführte, hielt Oswald Wiener schon einige Zeit und auch von der folgenden Aktion Otto Muehls unbeirrt seinen wegen des Lärms trotz drahtlosen Mikrophons unhörbaren Vortrag über Sprache und Bewusstsein unter Bezug auf kybernetische Modelle, die er an die Tafel zeichnete. Unterdessen peitschte Muehl einen Masochisten namens Laurids, der sich freiwillig zur Verfügung gestellt hatte und der später einen erotischen Text verlas. Dann simulierten Muehls Mannen eine Ejakulation mit überschäumenden Bierflaschen und urinierten wetthalber um die größte Weite. Dazwischen hielt Franz Kaltenbäck eine obsessive Rede über Information und Sprache, und Weibel eine buchstäblich flammende Rede – sein rechter ausgestreckter Arm war präpariert und brannte –, eine Brandrede zur Lenin’schen Frage »Was tun?«. (Weibel 1979, S. 57 f.; zit. nach Raunig 2017, S. 284 f.)
Dieses Ereignis, von den Akteuren selbst als Akt des Widerstands gegen autoritäre Tendenzen und erstarrte Strukturen des gesellschaftlichen Systems gedacht, lässt sich heute, aus der Distanz, als geradezu klassische Realisierung des Bachtin’schen Konzepts der Karnevalisierung verstehen, also eine in die Literatur und Kunst transferierte volkstümliche Lachkultur, deren Prinzip aus der Verkehrung ins Gegenteil besteht (Bachtin 1987). Sheckels verweist darauf, dass Bachtins Karnevalisierung vor allem den Körper und seine Intimfunktionen als Medium nutzt (Sheckels 2006, S. 35). Durch das Überschreiten der sozialen Codes sei die Karnevalisierung der verkrusteten Strukturen, also ihre Problematisierung und radikale Kritik, möglich. Dieses Konzept, das der US-amerikanischen Version des Aktionstheaters zugrunde liegt, also sowohl dem Happening als auch dem Fluxus, jener Kunstrichtungen, die sich gegen die Verdinglichung von Kunst wandten und Aktionismus als die künstlerische Tätigkeit sahen, war, wie man heute weiß, für die Akteure der Performance an der Wiener Uni inspirierende Quelle. Sie handelten keineswegs spontan, sondern hatten seit dem Beginn der Sechzigerjahre, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, innerhalb dieses künstlerischen Paradigmas experimentiert.
Was den in dieser Aktion zentralen Aspekt des Körpers als Medium der Kunst betrifft, könnte man mit dem aus der Kultur- und Sozialanthropologie stammenden Konzept des Embodiment den für die braven Bürger besonders anstößigen Teil der Performance deuten. Kashanipour, die sich in einer umfassenden Studie mit der Körpererfahrung von Life Models auseinandergesetzt hat,2 zeigt anhand der Unterscheidung von nakedness and nudity auf, wie Körper erst durch den Blick des Betrachters zu jenem Skandalon werden, das dem naiv Erschreckenden als beschämende bzw. unverschämte Nacktheit erscheint.3 Dieser Blick des Betrachters, ein Konzentrat der herrschenden Normen des Erlaubten und Tabuisierten, im bürgerlichen Österreich des Jahres 1968 noch immer in den unbefragten kulturellen Selbstverständlichkeiten der autoritären Regimes vom Austrofaschismus bis zum Nationalsozialismus befangen, konnte mit dem, was er hier sah, nicht zu Rande kommen. Panik war die Reaktion.
Davon ahnte ich damals nichts, war ich doch selbst von dieser rückwärtsgewandten Ästhetik geprägt. Ich spürte bloß, dass ich den Boden unter den Füßen verlor. Ich sah den Abgrund, das schwarze Loch, in dem ich samt der mir vertrauten Welt versinken würde. Nun kam mir Kafka doch endlich in den Sinn, eben jener Kafka, der im Mittelpunkt meiner Diskussion mit den Schülern gestanden war. Ich war schon seit meiner ersten Begegnung mit ihm magisch angezogen von seiner dunklen Sicht der Welt, mich zugleich in der Sicherheit wiegend, dass seine Strafkolonie nichts mit meiner, mit unserer Wirklichkeit zu tun habe. Doch nun stand einer nackt im Hörsaal 1 der Philosophischen Fakultät von Österreichs größter und wichtigster Universität und vollzog eben dieses kafkaeske Folterritual an sich selbst. Und niemand stürzte herbei, um ihn zu unterbrechen. Bei Kafka gab es immer, in allen seinen Geschichten, den großen Anderen, den Vater, den Folterer, der sein Opfer verurteilte oder quälte. Doch der hier, der machte das an sich selbst.
An der Universität in Frankfurt am Main fand ein Dreivierteljahr später, inszeniert von den 68ern, ein Happening statt, das der Wiener Performance, was den Einsatz des Körpers betraf, zumindest an der Oberfläche nicht ganz unähnlich war, obwohl es nicht als Performancekunst, sondern schlicht als possenhafte Inszenierung von Widerstand intendiert war. Der Startheoretiker der Kritischen Theorie, Übervater der ’68er-Generation, Theodor W. Adorno, wurde zur Zielscheibe einer studentischen Protestaktion, der die künstlerische Ambition der Wiener Aktionisten fehlte.
Dem Lehrer D. des Stiftsgymnasiums Stams, dessen Welt zusammengebrochen war, war es im Jahr zuvor weniger schlecht ergangen als dem Meister der Kritischen Theorie, der später sein sozialwissenschaftlicher Kompass werden sollte. Denn Adorno wurde persönlich in eine Farce auf seine Kosten integriert, wider seinen Willen. Er war Zielscheibe und Medium zugleich. Das berüchtigte Busenattentat im Hörsaal VI der Frankfurter Universität, das ihn direkt attackierte, sollte sein Ende sein, sein Ende als Guru der ’68er-Revolte, sein Ende als Lehrender, sein Ende als lebendiger Mensch. Ein klassischer Vatermord.
Hier der Bericht dazu in der Frankfurter Rundschau:
In dem Moment […] treten drei Studentinnen in Lederjacken auf ihn zu. Sie umringen ihn, versuchen ihn zu küssen und reißen sich die Jacken auf: Darunter kommen ihre Brüste zum Vorschein. […] Geschockt greift der Sozialphilosoph seine Aktentasche, hält sie sich schützend vors Gesicht und läuft in Tränen aufgelöst aus dem Hörsaal. Hinter sich vernimmt er Johlen und Gelächter. […]
Es war die letzte Vorlesung, die Theodor W. Adorno in seinem Leben gehalten hat. Wenige Wochen später stirbt er im Urlaub in der Schweiz an einem Herzinfarkt. (Lemhöfer 2008)
Das keineswegs intendierte, aber trotzdem durchschimmernde poetologische Fundament dieser als Trauerspiel endenden Farce liefert Adorno selbst in seinem Versuch, das Endspiel zu verstehen (1958), einem Text, den er elf Jahre vor diesem, seinem eigenen Endspiel verfasst hatte. Dort deutet er Becketts absurdes Drama als Variation zu Kafka, auf dessen künstlerisches Mittel, die Sachlichkeit, die den Sinn von Kultur tilgt. »Je weniger Geschehnisse als an sich sinnvoll supponiert werden können, umso mehr wird die Idee der ästhetischen Gestalt als einer Einheit von Erscheinendem und Gemeintem zur Illusion.« (Adorno 1958, S. 282) Am Schluss seines Aufsatzes zitiert er aus Becketts Stück: »HAMM: Es wird das Ende sein, und ich werde mich fragen, durch was es wohl herbeigeführt wurde, und ich werde auch fragen, durch was es wohl […]« (Beckett; zit. nach Adorno 1958, S. 320). Und dann Adornos vorausschauendes Vermächtnis, den eigenen Untergang in diesem missglückten Akt des Widerstands prophetisch deutend, indem er über Inhalt und Form von Becketts Endspiel seine eigene Erfahrung des Todes vorwegnimmt: »In ihm verschwindet der Unterschied zwischen der absoluten Herrschaft, der Hölle, in der Zeit gänzlich in den Raum gebannt ist, in der schlechterdings nichts sich mehr ändert, – und dem messianischen Zustand, an dem alles an seiner rechten Stelle wäre. Das letzte Absurde ist, dass die Ruhe des Nichts und die von Versöhnung nicht auseinander sich kennen lassen.« (Adorno 1958, S. 321)
Adornos dunkle Deutung von Becketts absurdem Drama lässt im Leser Ahnungen aufsteigen, dass damit nicht nur das eigene Endspiel inhaltlich und formal vorausgesehen wird, sondern dass es sich wie eine schwarze Vision von Vergeblichkeit jeglichen Widerstands lesen lässt, der sich gegen die hegemoniale Macht einer aus den Fugen geratenen Welt richtet. Aus der Farce ist endgültig Tragödie geworden.
Damals, 1968, gab es freilich auch eine andere, sehr viel größere Widerstandsbewegung, die wir, die biederen Bildungsbürger, im Konferenzzimmer des Stiftsgymnasiums Stams mit großer Sympathie verfolgten. Sie betraf ja nicht uns, wir waren bloß Widerstandsvoyeure. Es handelte sich um den Prager Frühling von 1968, also diesen Versuch, die noch immer stalinistischen Strukturen von Staat und Gesellschaft zu liberalisieren und zu demokratisieren. Ganz am Anfang, in der Vorund Frühgeschichte dieses Demokratisierungsexperiments, stand bezeichnenderweise Kafka. Dem Prager Germanisten Eduard Goldstücker war es gelungen, 1963 eine Kafkakonferenz im Schloss Liblice zu veranstalten. Das galt als Sensation, denn Kafka war in den Staaten des Ostblocks verboten. Diese Kafkakonferenz leitete einen Prozess der kulturellen Öffnung ein, die letztlich den Prager Frühling überhaupt möglich machte. Ich war 1964 in Prag und erhielt von Prager Freunden zu meiner großen Freude den Tagungsband als Geschenk (Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaft 1966).4 Endlich, so hörte ich die erleichterten Freunde, sei es wieder möglich, über Kafka öffentlich zu sprechen, nicht allzu laut zwar, aber immerhin.
1967 und 1968 war es dann soweit, dass offener Widerstand gegen die Repressionen des Systems geleistet wurde. Die studentische Jugend, der die Revolte an westlichen Universitäten bekannt war, engagierte sich begeistert bei dem politischen Experiment der Entwicklung eines »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Wir, die Biedermänner im Tiroler Stiftsgymnasium, entdeckten plötzlich unsere Sympathie für den Kommunismus, freilich nur für den tschechischen, der ja zum Glück auch in seiner demokratisierten Form nie nach Österreich überschwappen würde. Es war uns, trotz unserer politischen Ahnungslosigkeit, durchaus bewusst, dass dies eine mutige Aktion des Widerstandes gegen die Zentralgewalt in Moskau war, die schon 1956 in Ungarn keinen Zentimeter von ihrer brutalen Unterdrückungsstrategie gegen die Vasallenstaaten abgerückt war. Das versprach Spannung für uns Voyeure, die einen richtigen Politkrimi beobachten konnten.
Doch bald stellte sich heraus, dass dieser politische Prozess nicht nach dem Skript von Kriminalromanen ablaufen würde, wo am Ende immer das Gute siegt. Es zeigte sich immer deutlicher, dass hier ein klassisches Drama gespielt wurde, ganz nach der Poetik des Aristoteles.
Zuerst die Exposition. Studenten protestieren gegen die teuren Mieten in den Studentenheimen. Der Staats- und Parteichef Antonín Novotný lässt die Proteste gewaltsam niederschlagen. Die Sowjetunion verspricht ihm keine Hilfe. Er solle alleine mit seinen Problemen fertig werden. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei setzt ihn ab und bestimmt einen neuen Staatschef.
Nun beginnt die steigende Handlung. Dem neuen Staats- und Parteichef Alexander Dubček gelingt es nämlich, ein Reformprogramm einzuleiten, das liberale Wirtschaftsreformen, einen echten Rechtsstaat, Meinungs- und Informationsfreiheit, eine Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit verspricht. Alles scheint zunächst gut zu laufen. Doch dann lädt Moskau schon im März 1968 zu einer Konferenz, die wenig Gutes verheißt: Die Lage in der Tschechoslowakei wird mit Vertretern des Warschauer Pakts, der Sowjetunion und vier treuer Vasallenstaaten, besprochen. Dies, nachdem Dubčeks Vorgänger im Amt nach Moskau gepilgert war, um dort die tschechoslowakische Regierung anzuschwärzen, die angeblich eine Konterrevolution plane.
Die Peripetie, der Umschwung zum tragischen Ende, ist nicht aufzuhalten. Sie erfolgt, als die »Warschauer Fünf« (Sowjetunion und die treuen Vasallen Bulgarien, Ungarn, Polen, DDR) offen mit dem Einmarsch drohen. Jetzt kann es nicht mehr gut gehen, das wissen auch wir, die Sympathisanten in sicherer Entfernung. Wir fiebern mit und wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich zumindest die wichtigsten Anliegen dieses mutigen Landes im Widerstand gegen die übermächtige Zentralgewalt trotz alledem realisieren lassen.
Es gibt in diesem Drama auch den Moment der letzten Spannung, ein Aufflackern von Hoffnung. Denn im Juli 1968 erhält Prag einen Brief aus Warschau, der als Teil der Breschnew-Doktrin verstanden wird. Darin wird erklärt, dass »wir« – wer immer dieses Wir auch sein mag, man unterstellt, es sei Breschnew – uns nicht einmischen wollen. Aber wenn, heißt es dann jedoch gleich im Nachsatz, wenn also »feindliche Kräfte« – wer auch immer, auf jeden Fall ein Nicht-Wir – das Land von seinem sozialistischen Weg abbringen würden, dann sei dieses »Wir« leider gezwungen, einzugreifen. In unserer politischen Naivität dachten wir, es sei noch nicht alles verloren für unsere mutigen Prager Helden, die wir wie die Protagonisten eines Schillerdramas bewunderten. Dubček als Don Carlos vielleicht, oder eher Marquis Posa.
Doch es sollte anders kommen. Wie im klassischen Drama musste alles zur Katastrophe hindrängen. Anfang August übersiedelte ich mit meiner Familie in die USA, um dort an einer Universität Deutsch zu lehren. Wir hatten ein eigenes Haus und – zum ersten Mal in unserem Leben – einen eigenen Fernsehapparat. Jeden Abend verbrachte ich vor diesem Gerät, um zu erfahren, was in der Tschechoslowakei passieren würde. Doch es war wenig zu erfahren, die Nachrichten befassten sich nur mit den USA, als würde die Welt jenseits der Grenzen nicht existieren. Das änderte sich schlagartig am 21. August 1968. Denn nun kamen die Panzer der »befreundeten« Staaten, um den unterdrückten Volksmassen der ČSSR gegen die konterrevolutionären Kräfte beizustehen, wie die offizielle Sprachregelung aus Moskau hieß. Womit die guten Freunde nicht gerechnet hatten, war der Widerstand, den diese Volksmassen gegen die selbstlose Hilfe leisteten. Was nun folgte, wurde legendär: Gewaltloser Widerstand nach dem literarischen Vorbild des braven Soldaten Schwejk, der mit List und widerborstiger Unterwürfigkeit dem Unterdrückungsapparat des Militärs entgegentrat. Jaroslav Hašek, der geniale Anarchist, Dadaist avant la lettre, der jedem Tschechen eng Vertraute, war post mortem der Agent provocateur dieses Widerstands. Die Prager Studentenschaft war auf den Straßen und war aktiv im Sinne Hašeks.5 Man wechselte die Straßenschilder aus und vertauschte die Wegweiser, man zeichnete große Schilder mit Karikaturen,6 in denen die Invasoren mit den Hitlertruppen des Jahres 1938 verglichen wurden, man erkletterte Panzer und riskierte wagemutige Aktionen, obwohl einige der gewaltlos protestierenden Studenten erschossen wurden. Es war freilich nur mehr Ausdruck der Verzweiflung. Die Katastrophe war eingetreten. Ich saß vor dem Fernsehapparat und erstarrte.
Katharsis war diese Tragödie für mich, den Zuschauer. Ich wurde durch dieses Ereignis politisiert, zugleich aber auch immunisiert gegen den Panzerkommunismus des Moskauer Zuschnitts. An meiner Universität in den USA wurde ich, da man annahm, ich sei als Österreicher ein Experte für die politische Situation in der Tschechoslowakei, zu abendlichen Diskussionen mit Politologen eingeladen, und obwohl ich nur wenig erzählen konnte, war das doch ungleich mehr als die minimalen Informationen, die man in den USA selbst in akademischen Kreisen hatte. Eines Tages wurde angekündigt, dass ein Augenzeuge des sowjetischen Einmarschs in Prag ein Referat über seine Erlebnisse halten würde. Ich ging natürlich hin. Zu meinem Erstaunen erzählte der Mann voll Begeisterung, wie rasch die Sowjets und ihre Verbündeten mit dem Widerstand fertig wurden und wie gut geordnet sie die Stadt Prag okkupierten. Er zweifelte, ob das der Armee der USA auch so gut gelungen wäre. An dieser Stelle stand ich auf und verließ wütend den Raum.
Das war der Anfang vom Ende meiner politischen Tumbheit. Ich begann endlich, kritisch zu denken und politisch zu handeln. Eine Rückkehr in die gemütliche Naivität der Klosterschule war nicht mehr möglich, auch wenn ich sie zunächst antreten musste. Aber so bald wie möglich bewarb ich mich erfolgreich um eine Stelle an der Universität Innsbruck, wo damals ein hochpolitischer Wind von links wehte. Über die vielen studentischen Aktivitäten im Widerstand gegen den politischen Granit des herrschenden Systems, die häufig nach dem Muster von Bachtins Karnevalisierung inszeniert wurden, ließe sich ein Buch schreiben. Es wäre lebendiger und optimistischer als alles, was ich hier sagen kann. Ich bleibe jedoch bei meinen oben beschriebenen Erfahrungen als politischer Voyeur und bei meinen dunkelschwarzen Deutungen dieser Aktionen des Widerstands.
Kafka lieferte das Skript zu allen drei, davon bin ich überzeugt. Er war kein politischer Autor, aber durch seine dunklen Gemälde des Schreckens autoritärer Herrschaft, des Gefühls der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Gewalt des Systems, diesem Grundthema seiner Erzählungen und Romane, hat er artikuliert, was in allen drei Aktionen latent mitschwingt: ein schmerzhaftes Gefühl der Vergeblichkeit. Er lieferte eine Anatomie des Lebens als Subalterner in einem autoritären System.
Das Gemeinsame dieser Widerstandsaktionen sehe ich unter der Oberfläche verborgen – ein Gemeinsames, das sie mit Kafka verbindet: Es ist diese Poetik des Leidens. Menschliches Leiden hat eine Bedeutung, die über jene »Krankheitserscheinungen, welche die Psychoanalyse aufgedeckt zu haben glaubt« (Kafka 1966, S. 188), hinausgeht. Es macht uns klar, dass wir alle in einem Gefängnis leben und von übermächtigen Vaterfiguren in Gestalt von Systemen bedroht werden. Ihnen entkommt man letztlich nicht.
Adorno hatte in den Minima Moralia (2003), dieser moralischen Hausapotheke für die ethischen Standards der Gebildeten, das berühmte Diktum formuliert, dass es »kein richtiges Leben im falschen« gibt (Adorno 2003, S. 43). Versteht man das wörtlich, paralysiert man sich selbst. Widerstand wird zwecklos. Ich lese es als Dystopie, als Warnung vor der bedenklichen Entwicklung der gegenwärtigen Gesellschaft. Gerade deshalb halte ich Widerstand für den notwendigen Versuch, an der Utopie vom wahren Leben festzuhalten, wie falsch das gegenwärtige auch sein mag.
Kafka und Adorno schärfen den Blick. Doch die Anweisung, wie heute zu handeln sei, können sie für das digitale Zeitalter der sozialen Medien nicht geben. Das wollten sie auch damals, für ihre Zeit, auf keinen Fall, denn es wäre ihrer Vorstellung von Literatur bzw. Philosophie zuwider gelaufen.7 Die Poetik des Widerstands, so glaube ich ihre Schriften deuten zu können, müssen die Handelnden jeder gesellschaftlichen Formation und jeder Epoche jeweils selbst erfinden.
1 Ich war in keines der hier geschilderten Ereignisse direkt involviert, habe aber jedes als leibliche Erfahrung miterlebt. Vermutlich ist es nicht zu weit hergeholt, wenn ich für mich die Rolle des teilnehmenden Beobachters, wie sie in der Anthropologie definiert wird, in Anspruch nehme. »[…] it [ethnographic research; D. L.] has always meant the attempt to understand another life world using the self – as much of it as possible – as the instrument of knowing.« (Ortner 2006, S. 42)
2 Kashanipour 2016, S. 156 ff. Darin wird die Theorie des Embodiment von Csordas ausführlich erläutert und ihre Bedeutung für das künstlerische Feld erörtert.
3 Wie sich das anthropologisch deuten lässt, wird aus dem folgenden Zitat besonders deutlich: »[…] [The body; D. L.]) may become objectified through processes of reflection, in which embodiment generates various meanings of nakedness, nudity and the shades in-between.« (Kashanipour 2016, S. 157)
4 Warum das Buch, das ich 1964 als Geschenk erhielt, das Veröffentlichungsdatum 1966 trägt, entzieht sich meiner Kenntnis.
5 Jaroslav Hašek war nicht nur der geniale Autor des tschechischen Nationalepos, sondern auch der Gründer und Spiritus Rector der »Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze«, die sich zum Ziel setzte, die Wahlkampf-Parolen der Parteien zu persiflieren. Ein Unternehmen ganz im Bachtin’schen Sinne der Karnevalisierung. Bei manchen Versammlungen dieser Partei war Kafka anwesend.
6 Keine Dokumentation dieser Karikaturen, sondern eine Sammlung eigener Beiträge des berühmten Prager Karikaturisten Steiger enthält Steiger 1968.
7 In einem Interview im Spiegel
