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Ascan, einst Akademiker und Teil der Arbeitsgesellschaft, spürt, wie er selbst und seine Umwelt Stück für Stück zerfallen. Es ist eine unbequeme Reise, die ihn an so manchen apokalyptischen Ruinen unserer postmodernen Gesellschaft vorbeiführt – eine Reise, die ihn tief ins Innere seiner Selbstzweifel führt. Eine Reise, nach der Ascan bei seiner Rückkehr die einst so glitzernde Schutzverkleidung, die den Fetisch Vergangenheit umgab, devastiert vorfindet. Ein literarisch verdichtetes Kammerspiel über Stillstand, Scham und den langen Schatten einer Gesellschaft, die ihre eigenen Aussteiger nicht mehr versteht.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die nicht mehr Gebrauchten werden von den gerade noch Gebrauchten, werden von den gerade noch Geduldeten in den dafür eingerichteten Institutionen gebrochen und somit restlos entwertet.
Dieser Satz ging Ascan nicht mehr aus dem Kopf. Ähnlich einem Songfetzen, wo man weder den gesamten Text kennt, noch sich an den Interpreten erinnern kann, ihn aber dennoch im Geiste dauernd abspielt, verhielt es sich mit diesem Satz. Im Gegensatz zu solchen Songfetzen jedoch, die in den überwiegenden Fällen gleichzeitig mit einer positiven Emotion abgerufen werden, fehlte das hier völlig. Das gedankliche Abspulen dieses Satzes erfolgte ohne jede Emotion - weder eine positive noch eine negative wollte dabei aufkommen. Da sich auch sonst keine Sinneseindrücke, etwa Gerüche, Farben, Bilder, Hintergrundgeräusche oder Gefühle dabei einstellen wollten, war Ascan besonders erpicht, für sich ’ne befriedigende Antwort zu finden. Liegt beim Playback eines Songfetzens in der Regel die größte Anstrengung und Hoffnung auf Wiedererkennung beim Refrain, lagen hier für Ascan die Signalwörter bei gebrochen und restlosentwertet. An dieser Stelle setzte die Hirnmarter ein. Würde ihm der Kontext einfallen, indem er diesen Satz wahrnahm, wäre es ihm ein Leichtes, diesen Satz für ihn zu dechiffrieren. Zu dechiffrieren nicht nur in Bezug auf den Verfasser oder die Verfasserin hin, wobei letztere ihm ohnehin nicht als plausibel erschien, sondern diesen Satz vor allem zu dechiffrieren auf seine Intention hin. Dann ergibt das Eine ohnehin das Andere oder vice versa, sagte er sich immer in diesen Momenten. Dann werde ich auch all den verwehten Menschen ansichtig, murmelte er sein Selbstgespräch abrundet leise in sich hinein. Ja, dann lerne ich all die Leute kennen, die man versucht aus der Geschichte zu verdammen. In diesen Augenblicken war das Gesicht von Ascan aber von Furcht entstellt. Ascan war hier aber in einer entmutigenden Situation gefangen. Ihm war es nicht möglich, seine Informationsreize sinnvoll abzuführen. Wusste er doch nicht, ob er diesen ihn beschäftigenden Satz irgendwo gelesen hatte. Oder er von ihm im TV wahrgenommen und in weiterer Folge abgespeichert wurde, beziehungsweise es sich dabei um eines dieser akustischen Partikelchen handelte, die osmotisch, ohne eigenes Zutun bis ins Gedächtnis vordringen und sich dort einnisten. Genauso gut konnte es auch sein, dass in einem direkten Gespräch, einer Diskussion oder einer Gesprächsrunde, der ich beiwohnte, dieser Satz gefallen ist, kam er ins Grübeln. Für diesen Fall wäre es für Ascan auch nicht so sehr von Interesse, wer diesen Satz aussprach und somit der Verfasser sei, eine Verfasserin käme für diese Konstellation ohnehin nicht infrage, sondern worum es inhaltlich bei diesem Diskurs ging. Also, ob sie über die Profitmaximierung in den Schwellenländern sprachen oder es um die sogenannten Gastarbeiter ging, also die Arbeitsimmigranten auf deutschem Boden. Jenem Boden, der längst ein europäischer war, und der in den Augen von Ascan zusehends drohte, sich in eine undefinierbare globalisierte Masse zu verwandeln. In eine trübe Masse, wo nichts Deutsches, nichts Europäisches mehr gedeiht und das Bestehende nach und nach versiegte. Oder war es eine im launigen Ton vorgetragene Verwunderung über die Bedürfnisse japanischer Pornokonsumenten, versuchte er sich wieder beim Sinnieren in seinem Erinnerungssystem einzurichten. Jener Pornokonsumenten, wo aufgrund der tradierten und unreflektierten Befolgung fremdbestimmter Leistungsvorgaben der Sexualtrieb, hier war sich Ascan absolut sicher, eine Schramme in diese verhängnisvolle Richtung abbekam. Darüber amüsiert verharrte Ascan bei seiner Suche nach dem Ursprung bei dieser möglichen Variante des Gesprächsinhaltes immer eine Weile, bevor er jedes Mal zum Schluss kam, diese Variante sei mit einer beinahe hundertprozentigen Sicherheit auszuschließen. Daran würde ich mich bestimmt erinnern, rief er sich streng zur Ordnung und schüttelte dabei ungläubig den Kopf.
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Somit wäre dieses Sinnieren über die Quelle des in Ascan seinem Gehirn auf Playback abgespeicherten Satzes erst gar nicht zustande gekommen, wird sich vermutlich der Außenstehende sagen. Dass dies dennoch unentwegt geschah, ortete Ascan in einer offensichtlichen Amnesie, an Demenz wollte er aufgrund seines Alters und der damit verbundenen Konsequenzen erst gar nicht denken. Wartete er doch noch immer darauf, dass auch sein Leben beginnt, lebenswert zu werden. Wartete er denn noch immer darauf, einen Ort zu finden, wo er bleiben durfte. Der Gedanke, vom Leiden, vom Nichtpartizipieren, vom Verzicht, vom Erdulden müssen direkt ins Siechtum überzuwechseln, war für ihn eine genauso grausame Vorstellung, als die, nochmals geboren zu werden und dieses bisherige Leben nochmals durchleben zu müssen. Den Wunsch nach einem Sommer, der bleibt, wagte er in solchen Momenten gar nicht erst zu äußern. Nicht einmal sich selbst gegenüber. Bei Fremden käme er ohnehin nie auf den Gedanken, über Gefühle zu sprechen. Nein, es musste sich hier um 'ne Amnesie handeln, war er sich sicher. Wobei ihm dennoch rätselhaft blieb, was der Auslöser dieser Amnesie gewesen sein mochte. Weder hatte er einen Unfall, noch eine Meningitis oder einen Hirnschlag, wodurch diese hätte ausgelöst werden können. Auch das bisschen Kiffen, das ohnehin nur mehr sporadisch erfolgte, konnte hier nicht in Betracht gezogen werden. Alkohol? Als er sich diese Frage selbst stellte, musste er dabei lachen. Sein Trinkverhalten verortete er mehr in Richtung gesunder Ernährung als gesundheitsschädlichen Verhaltens. Trank er doch ohnehin nur Bier und Whiskey, bei letzterem nur Bourbon, das zwar täglich, aber wohl dosiert. Weit weg vom Delirium, selbst Räusche, in jüngeren Jahren zumindest am Wochenende integraler Bestandteil, hatten Seltenheitswert. Einen Seltenheitswert wie interessante Frauenbekanntschaften, von gutem Sex erst gar nicht zu sprechen. Nicht dass er sich bewusst davon abgewandt oder die Lust und das Interesse daran verloren hätte, es ergab sich nur nicht mehr. So wie sich vieles nicht mehr ergab und noch nie Erlebtes und heiß Ersehntes sich nicht einstellen wollte. So einfach war das. Gegenwärtiges zu genießen, um die Zeit damit zu überbrücken, gab es nicht. Ascan, so schien es, hatte sich im Leben ohne Illusion eingerichtet. Es hätte ein abgedimmter Rückzugsraum werden können, gäbe es da nicht die reichlich vorhanden Ereignisse, die Vergangenes nicht vergangen sein ließen, sondern diese Vergangenheit ihm immer von Neuem zum Verzerr vorsetzten. Ereignisse, die all die negativen Begebenheiten in seinem Leben wieder ins Bewusstsein holten. Ereignisse, die sich im heutigen Licht beinahe als Vorboten, als Ankündigungen seines nunmehrigen Status quo ausnehmen. Weit zurückliegende Ereignisse, sobald man sie wieder ins Bewusstsein geholt werden, kein heiteres Dahinvegetieren mehr erlauben. Mit den Jahren gewann er eine Klarheit, diese Dinge zu sehen und für ihn richtig einzuordnen.
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Der Rausch war für ihn nie das Ziel gewesen, sondern immer nur eine mehr oder weniger in Kauf genommene Begleiterscheinung eines gepflegten Abhängens mit Freunden. Männer, die das Trinken nicht vertrugen, also weinerliches, aggressives oder sonstiges peinliches Verhalten an den Tag beziehungsweise an die Nacht legten, waren ihm immer ein Gräuel gewesen, störten sie ihn doch in seiner Lieblingsbeschäftigung, dem gemütlichen Abhängen. Hier wünschte sich Ascan immer ein striktes Alkoholverbot für diese Menschen. Wenn schon nicht der Umwelt zuliebe, dann wenigsten zu ihrem Selbstschutz, vertraute er in seiner Sturm-und-Drangzeit einmal einen Kneipenwirt an.
Insgeheim, hier brach wieder der Germane, der Preuße, der hehre Deutsche im Sinne Nietzsches durch, wünschte sich Ascan, diese Menschen mögen aus dem Genpool entfernt werden. Das auszusprechen war schwierig, ohne in die Nähe der Braunen gerückt zu werden, darüber war er sich bewusst. Und das wollte Ascan, der überzeugte Antifaschist und Antiklerikale nun wirklich nicht. Ascan wollte nicht, dass er ein Übel bekämpft und dabei von den Nutznießern selbst als Übel gesehen wird. Indem etwa die mentale Faulheit der Nutznießer ihre Augen von diesen Gendefekten ab und zu ihm hinwenden würde. Dafür war ihm dieses Problem der Weicheier doch zu unbedeutend, um breit zu sein, sich dafür solches Ungemach einzuhandeln. So bekundete er dies zumindest einmal einem befreundeten Plattenhändler, als dieser ihn anfauchte; Acan, mit derartigen Sprüchen wirst du dich nicht lange halten können, so sehr du dich auch bemühst, das Thema im Schutzanzug der Ironie zu betreten. So oder so, damit verkommst du unweigerlich zum Miethirn der Nazis. Selbst das abschwächende Argument von Ascan, die Nazis hätten nicht alles falsch gemacht, ließ er nicht gelten. Das ist mir zu trivial, Ascan, darauf kommt es nicht an! Wenn ich dich so reden höre, meldet sich bei mir die Sorge, dass du dich hier in etwas verrennst. Ich sagte es bereits, auf dieser Höhe kannst du dich nicht lange halten. Ascan fühlte sich daraufhin veranlasst, zu einer langen Erklärung auszuholen, um dabei zu erklären, dass man ihnen gerade damit zu unrecht ein Genie unterstelle. Der Plattenhändler ließ ihn sprechen und unterdrückte sein Gähnen. Im Grunde wollte Ascan dabei darauf aufmerksam machen, dass Allgemeingültiges seine Gültigkeit behält, gleich, ob sich die Nazis daran bedienten oder nicht. Es wurde nicht von diesen hervorgebracht, sondern die Qualität, die Güte wurde auch von ihnen erkannt und geschätzt. Als der Plattenhändler «wo ist denn hier der Unterschied» dazwischenfuhr, war es für Ascan an der Zeit, seine Ausführungen zu beenden. Er musste zum wiederholten Male einsehen, intellektuelle Diskurse, so bescheiden konnte das Niveau gar nicht sein, die meisten Menschen überfordert oder zumindest schrecklich langweilten. Diesen Befund auf die gesamte Bevölkerung zu induzieren, hielt Ascan durchaus für zulässig. Er, so Ascan etwas pikiert das Thema abrundend, würde es gerne sehen, wenn man Möglichkeiten fände, derartige Menschen, also Weicheier, die keinen Alkohol vertragen, davon zu überzeugen, selbst dafür zu sorgen, ihre Defekte zu korrigieren. Ja, sie sollen selbst dafür sorgen, dass sie die Umwelt durch ihre Defizite nicht mehr über Gebühr belästigen. Sie sollen gefälligst selbst die Sache in die Hand zu nehmen. Gerade in der Gesellschaft von Menschen wie dem Plattenhändler, also in der Gesellschaft von Menschen, die sich opportunistisch in metaphysischen Fragen verhielten, gefiel er sich in der Rolle des aufgeklärten Humanisten. Witzchristen, wie Ascan sie boshaft nannte. Damit weckte er auch bei dem sich bereits abgewandten Plattenhändler die Neugierde. Was meinst du damit, wollte er an jenem grauen Novembernachmittag von Ascan wissen. Sag bloß, du hast ne humane Lösung für die Eindämmung der Idioten. Nein, so könne man das nicht sagen, erwiderte Ascan in einem Tonfall, der sein Wohlbehagen signalisierte, war er damit ja wieder im Spiel. Das wäre ein zu großes Wort, zudem liegt mir nicht an der großen Weltverbesserung, da diese ohnehin nicht gelingt, sondern ich würde schon über kleine punktuelle Verbesserungen erfreut sein. Und um eine solche handle es sich denn auch hier, wie er auf Bescheidenheit bedacht hinzufügte. Da die Frauen ohnehin meist den Kürzeren ziehen und heutzutage, objektiv betrachtet, vielerorts mit einer Doppelt- und Dreifachbelastung konfrontiert sind, die es ihnen immer weniger erlaubt, Weib zu sein, fasse ich bei meinem Lösungsansatz die Männer ins Auge. Diesen Satz ließ Ascan innerlich nochmals nachklingen, und die damit entstandene Pause war dazu angetan, die Neugierde des Plattenhändlers zu steigern. Insgeheim musste ich es mir eingestehen, dass es mit den Frauen aus vielerlei Gründen erfolgversprechender wäre, setzte Ascan nach ner Weile fort. Aber ich hatte mich nun einmal für die Männer entschieden, wies er in apodiktischer Weise nochmals darauf hin. Verstehe, sagte der Plattenhändler im etwas spöttischen Ton. Ascan, der große Verehrer der Frauen, möchte das Problem von der Männerseite her in Angriff nehmen.
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Wobei, Frauenverehrer in seiner universellen Bedeutung auf Ascan nicht zutraf. Er hatte auch nichts gemein mit jener Art von nachlässigem männlichen Südvolk, das sich ganz unabhängig vom Aussehen und Intellekt an die weiblichen Touristen aus dem Norden anschmiegt. Nein, das war seine Sache nicht. Ascan war angetan von Frauen, genauer gesagt, von einem Frauentypus, der immer rarer wurde. Es waren Frauen, die mittlerweile so rar waren, wie etwa eine Vinylscheibe von Blaze Foley oder die zweite LP von David Allan Coe, die ihm die Sinne raubten. Ich liebe Frauen, wahrhafte Frauen, Frauen, für die es sich lohnte, nüchtern zu bleiben, Frauen smooth as Tennessee Whiskey, wie er zu sagen pflegte, wenn er von diesem schon einiges intus hatte. Diese Frauen waren seine große ungestillte Passion. Heute werden, mit Marx gesprochen, viele Frauen durch tradierte Nachtteile plus den neu dazugekommenen Anforderungen immer mehr entweiblicht, war von ihm dabei gelegentlich zu hören. Richtige Frauen sind daher nur mehr ganz oben, also dort, wo man arbeiten lässt, oder ganz unten zu finden. Ganz unten, wo keiner freiwillig hin möchte, wohlgemerkt!. Dort, wo nach Ascan’s Meinung auch keiner gezwungen sein sollte, zu leben, es sei denn, aus freien Stücken. Ein Zustand, der für Ascan skandalös war. Zuerst hinderten die Metaphysiker mit ihren wahnwitzigen und sadistischen Sexualvorstellungen die Frauen, ihr volles Potential der Weiblichkeit zum beiderseitigen Nutzen auszuspielen und auszuleben. Nun, die Metaphysiker sind noch nicht von dieser Welt verschwunden, wie Nietzsche uns es versprochen hatte, kommen die Wirtschaftskriminellen mitsamt ihren wissenschaftlichen Lakaien im Gepäck hinzu und zertreten das erst zart gewachsene Pflänzchen der Zivilisation von Neuem. Lassen für das Gros seiner Landsleute nicht zu, ein Leben des Genusses willen zu führen, frisierte Ascan bei der Ausführung seine Emotionen hoch. Die Eindämmung der Idiotie und der gesellschaftlichen Belästigung möchte ich deshalb hier in die Hände der Verursacher legen. Ihm schwebte vor, Männer davon zu überzeugen, dass Trinken nur jenen von der Natur dazu Ausgewählten zu überlassen. Also jenen Männern, die darin einen Genuss finden und nicht Schwächlingen, die darin ein Mittel sehen, ihren Minderwertigkeitskomplex oder sonstige Schwächen dadurch zu kompensieren. Deshalb plädierte Ascan auch für die nachhaltigere und somit in seinen Augen erstrebenswertere Lösung, nämlich für die Sterilisation. Warum sollen immer die Frauen abtreiben, wenn es einfacher auch geht, wollte Ascan bei derartigen Gelegenheiten sein Argument unterstreichen. Ficken ist ein Menschenrecht, deshalb keine Kastration, stellte er bei diesen Gelegenheiten immer klar. Er sagte das so, als würde er zu einer Ausstellung seiner moralischen Tiefenstruktur einladen. Die ungezügelte und unverantwortliche Reproduktion hingegen sollte allerdings hinterfragt werden, legte er gerne nach. Nazis hin oder her! Als Humanist, der neben Dummheit auch Gewalt und Zwang verabscheut, kommt es mir darauf an, dass dieser Schritt freiwillig, also aus Überzeugung erfolge. Darin, so wurde er nicht müde zu erwähnen, würde die größte intellektuelle Herausforderung liegen. Eine Herausforderung, die von der Zivilisation, die von uns Nordmännern angenommen werden muss. Diese Aufgabe müsste zu bewerkstelligen sein, wenn es sogar der Werbung gelang, dass Menschen für Dinge bezahlen, durch die sie krank werden. Politiker wählen, die sie in der Knechtschaft halten und die paar noch Freien in diese führen, und vieles Sonderbare mehr. Im Gegensatz dazu gab es hier nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen. Kein zusätzliches Kinderleid in finanzschwachen Haushalten, kein Pillenschlucken mehr für die Frauen, ungezügelter Sex ohne negative Begleiterscheinung, das müsste doch bei dieser Kohorte reingehen, fragte Ascan dabei rhetorisch mehr sich selbst als den konsternierten Plattenhändler an jenem Nachmittag. Der Platenhändler war sich vermutlich nicht ganz sicher, ob nicht auch mit ihm ein solches Überzeugungsgespräch geführt werden würde, sollten diese Ideen tatsächlich Realität werden. Sollten Ascan seine Ideen tatsächlich in Gesetzesform gegossen werden, wären Kollateralschäden wohl unvermeidlich, wurde ihm in diesem Moment bewusst, als er bereits zum Lachen ansetzen wollte. Der Plattenhändler war sich auch nicht ganz sicher, ob Ascan ihn hier wohl als Dummy benützte, das konnte man bei ihm nie so genau wissen. Es sich also nur um eines seiner Testgespräche handle, mit dem der Plattenhändler in der Regel eher spielerisch umzugehen pflegte. Probeinterviews, wie Ascan es nannte, wo er bei der Zielgruppe gewisse Ideen auf ihre Sendetauglichkeit und Akzeptanz hin testete. Insgeheim hätte der Plattenhändler ihn am liebsten hinausgeworfen, nahm aber letztlich davon doch Abstand und ließ ihn zu Ende sprechen. Als Incentive, so Ascan, bekämen diese ungehobelten Machos eine verbesserte Kontrolle ihrer Frauen mitgeliefert. Welche Kontrolle, Ascan? Na, du bist vielleicht schwer von Begriff. Nach diesem Eingriff gäbe es für Verhütungsmittel dann wohl nur eine Erklärung. Ich habe bis jetzt zu klein gedacht, das habe ich nun erkannt, beendete er zur Erleichterung des Plattenhändlers seinen Vortrag. Dieser glaubte nämlich erkannt zu haben, dass bei Ascan die letzten Sicherungen durchzuschmelzen beginnen.
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Aber nicht nur vom Plattenhändler auch in seiner anderen männlichen Umgebung erhielt Ascan für diese Ideen nur Kopfschütteln. Obwohl er sie nicht explizit zur Zielgruppe rechnete, zumindest sprach er nicht davon, dürfte bei den einen oder anderen dieser Verdacht das Kopfschütteln in Gang gesetzt haben. Für seine weibliche Umgebung sah er bis jetzt noch keinen Anlass, sie davon in Kenntnis zu setzten, da es sich ja um ein männliches Problem handle, für das er auch ne Lösung für die Männer fand. Zudem wollte er Frauen nicht mit abstrakten Dingen belasten, zumal diese sie ja nicht einmal direkt betrafen. Ganz der Kavalier, war von ihm zu hören; damit möchte ich sie nicht noch zusätzlich, und zudem ganz unnötig, von ihrer Hauptfunktion, dem Frausein, ablenken. Wir wollen ja auch nicht etwas hören über Eierstöcke, Gebärmutterhälse oder sonstige Frauenangelegenheiten, oder? Termin beim Frauenarzt war für mich Information genug, eigentlich schon zuviel an Information. Arzttermin würde mir völlig reichen. Und nun sollte ich mit Frauen über dieses Thema referieren, völlig unsinnig aus meiner Sicht. Die Umstände, die meine Lust beim Abhängen mindern und mein gepflegtes Antrinken stören, und mich erst auf diese Idee brachten, sind ihnen nicht nur bekannt, sondern darunter leiden auch sie. Warum sollte ich dieses Thema dann mit ihnen noch durchgehen, wo es sich um ein reines Männerthema handelt? In der Regel antwortete niemand auf diese Frage. Vielleicht würde mir dabei eine dieser Retrolesben noch damit kommen; als Solidarität sollten sich alle Männer dieser Maßnahme unterziehen. Derartige Diskussionen wären das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Diese könnten mich im Zorn, könnten mich in einer emotionalen Ausnahmesituation dazu verleiten, meine Verbesserungsvorschläge, mein Konzept für eine saubere und lebenswertere Umwelt gänzlich zurückzuziehen. Aber daran denke ich ohnehin nicht, mich mit Frauen über Derartiges zu unterhalten. Ich bin schon froh, unter all den asexuellen Wesen, die meiner Meinung nach von der Gesellschaft immer schneller produziert werden, darunter manchmal eine Frau zu entdecken, mit der es möglich ist, eine gepflegte Konversation von Mann zu Frau zu führen.
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Irritiert war er hingegen von den Reaktionen seiner männlichen Umwelt. Die einen hielten ihn für einen Advokaten der Feministinnen, die anderen, wie der staunende Plattenhändler vor ihm, für einen verkappten Nazi. Bei dieser Spannweite, so tröstete sich Ascan, konnte er nicht falsch liegen. In derartigen Situationen war es für Ascan zum Nietzscheaner werden, hätte er nicht ohnehin einen Großteil der Ansichten des alten Denkers und Nicht-Lebemenschen bereits in sein Herz geschlossen. Ich kann dein Blut beruhigen, Ascan zum Plattenhändler. Wenn mich die einen wegen meines Lösungskonzeptes als Anwalt der Feministen bezeichnen, für dir aber ein Nazi gescholten werde, dürfte ich mich in diesem Punkt in der politischen Mitte befinden. In der politischen Mitte, im Mainstream, vor dem mir ja so graust. Da siehst du wieder, wie schwer es geworden ist, richtig verstanden zu werden. Und weiß die politische Mitte schon von deiner Unterstützung, Ascan? Blöde Frage, natürlich wissen die von meinen Konzepten zu diesem Zeitpunkt noch nichts, wie denn auch. Von dem abgesehen wären diese Politdarsteller wohl auch überfordert damit. Überfordert in jeder Hinsicht: Sowohl was das intellektuelle Moment betrifft, als auch in puncto Kompetenz, die für die Umsetzung einer derartigen Maßnahme gefordert wäre; beträfe es doch das Gros ihrer Klientel, Parteifunktionäre inklusive. Männer, die das Trinken nicht vertrugen und dennoch tranken. Mir wird schon ganz schlecht, jetzt wo du mich daran erinnerst, tauchen all die feisten Bonzenfratzen vor meinem geistigen Auge auf. Männer, die aus Prinzip jede Art Alkohol ablehnten, sind dir, so weit ich weiß, aber auch suspekt. Das ist ein anderes Thema, aber ja, da hast du nicht völlig unrecht. Meine Empfänglichkeit für ihre Präsenz hält sich in Grenzen. Nicht nur einmal konnte ich diese schmallippigen, lustlosen und uninteressanten Subjekte studieren. Etwa wenn sich diese, zufällig oder auch nicht, an meinen Tisch verirrten und ich beruflich mit ihnen zu tun hatte. Es war nicht die Zitronen- oder Orangenpisse, die sie anstatt eines aus natürlichen Zutaten gebrautem Bier tranken, auch Männer wie ich können manchmal nicht zu ihren Stammgetränk greifen und müssen mit einer alkoholfreien Alternative vorlieb nehmen. Nein, es lag an ihrem Wesen. Sie waren in jeder Hinsicht anders als die anderen und alles in allem uninteressant. Vereinzelnd, sobald ein derartiges Subjekt sich bemüßigt fühlte, ohne Aufforderung sprechen zu müssen, waren sie sogar nervig. Für Ascan stellten diese Menschen gemeinsam mit Sportlern und Kinderschändern ne Art Paralleluniversum dar, wo keiner so genau wusste, warum diese Subjekte auf der Erde ihre Kreise zogen. Auch ne Gruppe, wie er gerne halb im Scherz zu sagen pflegte, wo noch Optimierungspotential drinnen wäre. Wo man aus den einen oder anderen noch ordentlichen Bürger machen könnte.
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So wie der Rausch oder die vollkommene Trunkenheit nie das Ziel war, wenn er mit Freunden in der Kneipe gemütlich abhing und dem Gerstensaft frönte, sondern mehr oder weniger eine in der Regel unausweichliche Konsequenz dieses Tun, verhielt es sich mit Frauen und Sex. Beides wurde mit den Jahren schwieriger für Ascan. Über die Jahre reifte bei ihm die Erkenntnis, es sei immer weniger lohnenswert, die gesamte Energie darin zu investieren. Beim geliebten Trinken, das Kettenrauchen inkludierte, stellte sich im Laufe der Zeit der gefürchtete Kader ein. Galt es früher, sich den nächsten Tag terminfrei zu halten, um ausgiebig schlafen zu können, gegebenenfalls auch, um am Abend wieder fit zu sein, stellte sich mit dem Alter die Situation am nächsten Morgen völlig anders dar. Nicht nur, so schien es Ascan, vertrug der Körper den Alkohol in Strömen immer weniger, der nächste Morgen, früher die Zeit des Tiefschlafes, war geprägt von einem fürchterlichen Kopfweh, das ohne chemische Behandlung bis in die Nachtstunden anhielt. Mit chemischer Behandlung hielt sich dieses zwar in Grenzen, er war deswegen aber auch außer Gefecht gesetzt. Der Tag war futsch, und das ohne den früher so zelebrierten erholsamen Schlaf. Dieser gesunde Schlaf, der Ascan stärkte für eine gesunde Nacht, wo das Spiel vom Neuen begann. Wo die interessanten Menschen wieder Aufstellung nahmen. Aufstellung nahmen, in der heißen Zone der Wirklichkeit. Menschen, die so wie er, den Tag auch dazu nutzen, um den uninteressanten Menschen aus dem Wege zu gehen. All das hat sich schleichend, aber bestimmt und unumkehrbar über die Jahre verändert. Your Ballroom days are over, dieser Songfetzen, geschrieben zu einer Zeit, wo er noch im Kinderwagen lag, schob sich beim Gedanken daran in seine Gehirngänge. Ascan brachte noch nie einen Bissen runter, wenn er dabei etwas Unhygienisches sah oder jemand Unästhetischer ihm gegenübersaß. Ein Umstand, der für viele kein Problem darstellte, da für sie kein unmittelbarer Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme bestand. Für Ascan hingegen war das ein Ding der Unmöglichkeit. Ähnlich verhielt es sich bei ihm mit dem Trinken. Er benötigt dafür ein geeignetes Ambiente und gute Vibes. Lieber Stille als schlechte und laute Musik im Lokal, war immer sein Motto gewesen. Wobei er Musik in Kneipen genau so unnötig hielt wie in Pornofilmen. Sie störte einfach nur. Das Ambiente in seinen Stammkneipen strahlte zwar zu keiner Zeit in den von Ascan geliebten psychedelischen Farben, war aber zeitweise durchwegs von kräftigen Farbtupfern und Schlieren durchzogen. Seit Jahren nun aber musste dieses Ambiente als grau, genauer, als schmutzgrau bezeichnet werden. Innerhalb diesem Grau fiel Ascan ein gemütliches Abhängen und Antrinken immer schwerer. Die Gesichter rund um ihn waren zu Masken erstarrt. Sie haben schon alles gesagt und auch bereits alles gehört. Neues sagen wollten oder konnten sie nicht mehr, auch legten sie keinen Wert darauf, Neues zu hören. Ascan reihte sich, ob er nun wollte oder nicht, gut in diese Galerie der Masken ein. Auch ihm fiel in dieser Gesellschaft nicht mehr viel Neues ein, auch er legte keinen Wert mehr, von diesen Masken etwas Neues, das ohnehin nur alt sein konnte, zu hören. Die einzige Frage, die sich Ascan in solchen Situationen immer stellte, war die, ob es daran lag, dass sich die ökonomischen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren wesentlich zum Schlechteren verändert hatten, oder ob es nur eine normale Begleiterscheinung für alternde Outcasts darstellte. Dabei handelte es sich um ne Frage, die er sich nur selbst stellen konnte, die er an keine dieser Masken richten konnte. Nicht dass die Frage nicht neu für sie wäre, auch darüber reden würden sie sicher wollen, nur eine Antwort könnten sie ihm darauf nicht geben, da war er sich sicher, ohne sie je danach gefragt zu haben. Auch ihm gelang es nicht, die Frage für sich selbst zu beantworten. Für jede Antwort tauchten zwei neue Fragen auf, die die Stringenz der zuvor gegebenen Antwort wieder in Zweifel zogen. Das gleiche graue Bild zeigte sich in puncto Frauen und Sex. Auch hier war Ascan fest davon überzeugt, das Wesen der Frauen zu kennen und was den Sex anlangte, auch dem Nicht- Relevanten, nicht nur davon eine Kenntnis zu haben, sondern seine Gedanken von Erlebten speisen zu können. Erfahrungen, auf die er gerne verzichten könnte.
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Sex ist ne maßlos überschätzte Tätigkeit, wo vermutlich alle Männer gerne das Gehirn auf Stand by schalten, wie er gerne am Stammtisch seine Ausführung begann, wenn dieses Thema von jemandem aufgeworfen wurde. Diese These bezieht sich natürlich nicht auf die Männer aus dem Paralleluniversum, bei denen vermutlich ihr defektes Gehirn erst zu arbeiten beginnt. Eine Stand-by-Stellung des Gehirn kann seriöserweise den Frauen nicht generell unterstellt werden. Das vorgespielte Stöhnen und der vorgespielte Orgasmus gehören nicht nur zum Repertoire von Professionellen, auch der Hausfrau, der Ehefrau, der kurz- oder langjährigen Partnerin sind diese Skills bekannt, um nur von den bekanntesten zu sprechen. Das heißt, Frauen lassen auch das Gehirn beim Sex arbeiten, sie ficken nur, wenn sie auch ficken möchten. Wenn nicht, ficken sie das im Stand-by Modus laufende Gehirn der Männer. Ich muss schon sagen, was Frauen da anstellten, finde ich nicht unwitzig. Witzig auch deshalb, weil dieses alte Spiel immer wieder zu funktionieren schien. Zu funktionieren, wie ein alter Song, der, sobald er am Plattenteller lief, das Herz erfreute. Unbewusst verfeinerte sich sein Blick dabei. So, als würde er eine tiefere Weisheit darin erkennen. Zum Schreien komisch wurde es für Ascan, wenn alkoholbedingt und die ausschließlich männlichen Stimmen am Kneipentisch einen tränengetränkten Ton annahmen. Meist war das der Fall, wenn sie einer Verflossenen nachweinten. Zu allem Überdruss erfolgen derartige Vorträge meist durch Unterbrechung eines anderen, in der Regel meist interessantern Gesprächs. Nicht selten auch, wenn er am Wort war. Das Einzige, was er diesen Menschen in gönnerhaften Momenten zugutehielt, war, dass sie es im Grunde gut meinten. Ihnen mangele es nur an der geistigen Kapazität, es zu modulieren. Erfreuen konnte sich Ascan in diesen Tagen auch über den Umstand, dass Soziologen im Land der aufgehenden Sonne seit Jahren eine Erodierung der unreflektierenden Befolgung des starren Leistungsappells und eine damit hergehende verstärkte Hinwendung zu anderen, nicht selten immateriellen, Werten feststellten. Hier stach Ascan immer wieder die Kultivierung des Geschmackes im Bereich der Musik ins Auge. Neben der allgemein bekannten Begeisterung für klassische Musik war in den letzten Jahren auch ein seriöses Interesse für die Popularmusik, also für Blues, Country und Psychedelic Rock feststellbar, wie Ascan gerne im Kreise unkritischer Konsumenten zu dozieren pflegte. Sie, die Japaner, kaufen nicht nur die Vinylschätze der 1960er Jahre zu Höchstpreise auf, sie sind auch vorne mit dabei, wenn es um seltene Neuauflagen auf Vinyl geht. Ascan fügte dabei gerne hinzu, aufgrund dieser Tatsache hat ihre Vorliebe für Zeichentrickpornos daher etwas Nachsicht verdient. Obwohl ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht kapieren werde, wie man sich damit einen imaginären Fick verpassen kann. Zudem bin ich überzeugt, nein, das rede mich mir nicht ein, dass der Konsument von Zeichentrickpornos in den seltensten Fällen in Personalunion mit dem Musikliebhaber und Kulturbewahrer steht. Abweichungen, wenn überhaupt, nur aus Versehen passieren. Während die Japaner sich mehr und mehr in Richtung Selbstbestimmung entwickelten, lassen sich die einst so stolzen europäischen Bürger mehr und mehr von einer Minorität dieses Joch der sinnlosen Ausbeutung und Entwürdigung umhängen. Es ist zum Kotzen. Ihr, das heißt unser Leben verkommt immer mehr zu einem Zwischenlager für Produkte. Die Macht- und Wutgefühle, die mich durchfluten, wenn ich daran denke, kann ich gar nicht beschreiben. Es ist so, als würde die Zukunft schon hinter uns liegen. Mir kommt es vor, als hätten wir uns hier in Europa in eine Krankheit geflüchtet. Der in unseren Breitengraden zunehmende Konsum von Zeichentrickpornos ist eine von vielen Begleiterscheinungen, wenn zwar der harmloseren Sorte, eines sich seit Jahren vollziehenden Prozesses der geistigen Rückbildung breiter europäischer Schichten. Spätestens hier besann er sich und setzte seine gedankliche Spurensuche nach dem ominösen Satz mit einer für ihn wahrscheinlicheren Varianten fort.
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Vielleicht, so sagte Ascan sich bei diesem Gelegenheiten, fiel dieser mir nicht mehr aus dem Sinn gehende Satz in einer direkt an mich gerichteten Kommunikation. Etwa in Form einer Bitte, eines Vorschlages, einer Ermunterung oder, was ihm plausibler erschien, in Form einer Drohung. Einer Drohung in Form eines energischen Hinweises auf die Rahmenbedingungen, in dem ein Leben jenseits der Obdachlosigkeit nur möglich ist. Womöglich war es eine von diesen bedeutungsschwangeren Illustrationen, die ihm plastisch vor Augen führen sollte, wie zwecklos sein Rudern gegen den Strom war. Wo doch heutzutage Personen wie er selbst beim Schwimmen mit dem Strom kaum mehr im Boot zu halten sind, wie man ihm nicht selten dabei beschied. Ihm mit Bedauern sagte, das der heutige Welt nun einmal ein verrückter Ort sei, den man aber nicht ändern kann. Ascan, Knappheit ist immer ein Herrschaftsgut, bekam er von der wohlmeinenden Umgebung dabei zu hören. Ja, wahrscheinlich vernahm ich diesen Satz aus dem Mund eines dieser sogenannten Leistungsträgers, die mit ihrer veritablen Logorrhoe Bilder von nützlichen Gesellschaftsmitgliedern entwerfen, hielt er bei diesen Gedanken kurz inne. An seinem geistigen Augen diese Typen vorbei, wie sie damit beschäftigt waren, von anderen Gesellschaftsmitgliedern das Bild als Lastenträger zu zeichnen. Er sah sie all die zur emotionalen Inkompetenz erzogenen Leistungsträger vor ihm in Reih und Glied stehen. Jedes Mal, wenn er sie so vor sich stehen sah, vor sich hin grinsend im Glauben, sie seien die Säulen der Gesellschaft, wurde ihm schlecht. Er konnte und wollte nicht verstehen, wie sie so lange fähig waren, sich auf der Höhe eines derartigen Schwindels zu halten. Diese Menschen, die sich selbst als Leistungsträger definierten oder diesen zumindest nacheiferten, wollten Ascan mal in Form einer Ermunterung, mal in Form einer Drohung spüren lassen, dass er mit seiner derzeitigen Lebensführung für niemanden ein Gewinn sei. Wenn er schon als Versager geboren wurde, sei es dennoch seine Pflicht, an einer Entwicklung in Richtung Verwertbarkeit zu arbeiten, so ihr Tenor. Damit leiste er nicht nur einen positiven Beitrag für die Gesellschaft sondern tue sich in erster Linie selbst etwas Gutes, bekam er von diesen Zeitgenossen gerne zu hören. Mal in Form einer Ermunterung, mal in Form einer Drohung. Selbst von seinen Freunden in der Kneipe bekam er immer öfters zu hören: Ascan, du musst erst Geld haben, um träumen zu dürfen! Enttäuscht darüber, dass selbst seine engste Umgebung, zumindest jene in der Kneipe von diesem Gedankenvirus verseucht war, reichte es meist nur zu einem resignierten Grinsen. Erlebe ich hier etwa auch eine Bande rein affirmativer Mietmäuler, die alles bejubeln und widerspruchslos hinnehmen, war meist sein in eine Frage gekleideter Appell. Bereits während des Sprechens war ihm beim Anblick dieser Gesichter klar, dass diese Frage längst beantwortet war. Sie standen genau wie die sogenannten Leistungsträger zwischen den beiden Polen Angst und Gier. Von ihnen wurden sie immer aufs Neue befeuert und dabei ihr Geist vergiftet. Sie fuhren längst das volle Programm der Selbstzerstörung, ohne dass sie sich darüber im Klaren waren. Ascan hatte längst eingesehen, dass er nicht imstande sei, seine Kumpels von diesen falschen Gedanken, bösen Gefühlen und dummem Hass zu erlösen. Während diese aber noch irgendwelche Netze hatten, befand er sich schon lange auf den Weg nach unten. Waren längst all seine Illusionen aufgebraucht und wurde von einer monotonen Litanei ersetzt. Seine urwüchsige Selbstliebe wurde schon längst nicht mehr in den Stand versetzt, die Bedürfnisse auch zu befriedigen. Träfe das tatsächlich zu, bei den Leistungsträgern diesen Satz gehört zu haben, wie konnte sich dann dieser Satz überhaupt in meinem Gedächtnis derart verankern, fragte sich Ascan immer wieder. Auch bei dieser Variante wäre der Sprecher beziehungsweise der Sender der Nachricht von untergeordneter Bedeutung. Nicht ganz bedeutungslos, aber eben von untergeordneter Bedeutung. Zumal es sich dabei nur Personen handeln konnte, für die Ascan entweder nur Verachtung oder Mitleid für ihr naives Gemüt übrig hatte. Mitleid für ihr naives Gemüt, das meist gepaart war mit einer Portion Unterwürfigkeit und Opportunismus einherging. Sollte dieser Satz tatsächlich in einer direkt an ihn gerichteten Kommunikation gefallen sein, musste in sein Grübeln die Beamtenkanaille mit inkludiert werden, ermahnte er sich dabei selbst. Ohne Berücksichtigung dieses Typus, Ascan sprach in diesem Zusammenhang von Menschen zweiter Ordnung, konnte seiner Meinung nach diese Variante nicht in ihrer Totalität untersucht werden. Mit einer Art Rasterfandung versuchte er, diese Variante rasch und zügig durchzugehen. Besser gesagt, sie abzuhacken. Irgendwie spürte er ein Unwohlsein dabei, welches in hohem Maße mitentscheidend dafür war, dass jedes Mal, wenn er diese Variante durchspielte, sich bei ihm Konzentrationsschwächen einstellten. Ginge er diese Variante öffentlich durch, also mit einem oder mehreren Menschen, würde er diese Möglichkeit wirsch als Nonsens zurückweisen. Mit der gleichen Entschlossenheit, wie er sich beim Verlassen der letzten Arbeitsstätte als Lohnsklave schwor, von nun an keine Befehle mehr entgegenzunehmen, verhielt es sich mit Äußerungen von der nun ins Visier genommenen Gruppe. Bei dieser strebte er seit jeher an, diese Subjekte mit all ihren Äußerungen und Handlungen nicht nur nicht an ihm abprallen zu lassen, sondern am besten, sie erst gar nicht erst wahrzunehmen. Regungslos an diesen debilen Sprechmäulern vorbeizugehen, so wie er es auch an bei den diversen Plakatwänden, Marktschreiern, metaphysischen Menschenfischern und vom organisierten Verbrechen abgestellten Bettlern zu tun pflegte. Den Impact bei Null zu halten, wie er im engsten Kreise seines erodierenden Freundeskreises zu sagen pflegte. Das gelang ihm allerdings nicht immer, und dessen war er sich auch durchaus bewusst, wenn er diese für ihn unmögliche Variante für sich durchging. In diesem Für-sich-alleine-sein hat er es in den letzten Jahren ohnehin zu einer stillen Meisterschaft gebracht, allerdings nicht immer ganz freiwillig. Unterm Strich, wie er dabei wieder für sich zu resümieren pflegte, überwogen aber die Vorteile. Vorteile im Sinne einer klaren Sicht auf die Dinge. Entkernung jeder störenden positiven Emotion, die vielfach die Sicht auf die Dinge verstellt oder zumindest in ein mildes Licht setzt. In ein mildes Licht, wo die scharfen Kanten in Form einer optischen Täuschung abgerundet werden. Jene scharfen Kanten, wo ein Anstreifen oder Anrempeln nicht unmittelbar einen großer Schmerz verursacht aber eine chronische Entzündungsreaktion nach sich zieht, infolge derer erst die Perzeption als Opfer, als Verwundeter, als von Schwäche Befallener, als liberaler Ästhet, als für die industrielle Verwertung Untauglicher und schließlich als weit hinter dem Ausgangspunkt Zurückgeworfener gedeiht.
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