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Sam und Moritz, zwei konträre Typen ziehen in den Kampf gegen die seelenzerfressende Umwelt in James City. Jeder auf seine Weise. Während Sam konsequent und von idealisierten Vorstellungen geleitet weder sein Ohr kommerzialisiertem Lärm wie Techno leiht und sich auch weigert, seine Männlichkeit in die Obhut weiblichen Mittelmaßes zu geben, stellt Moritz Gamehill das absolute Gegenteil dar. Ihm ist jeder Selbstzweifel fremd. Unentwegt ist er bemüht, der Welt seine Außergewöhnlichkeit und Grandiosität zu beweisen. Beide wollen nicht einsehen, dass heutzutage Menschen wie sie mit zunehmendem Alter der Wertlosigkeit preisgegeben sind.
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Muss ich denn tatenlos zusehen, wie die Welt an mir vorüberzieht, ohne dabei in irgendeiner Form befriedigend mitpartizipieren zu können, hörte ich Sam nicht nur einmal klagen. Sam gehörte zum Leidwesen seiner Freunde nicht zu jener Spezies von Menschen, die durch Unglück edel werden, sondern wie bei vielen Menschen so oft, einfach nur frustriert. Seine Augen waren nicht mehr imstande, andere Herzen anzustecken. Vielfach hatte ich das Gefühl, als sei sein Ziel, sich und der Umwelt nicht Lust, sondern möglichst viel Unlust zu schaffen. Für den sensitiven Blick bot er eine Erscheinung, die auf der Suche nach einem Pflegeplatz für seine Seele war. Nur wer würde sie in einem solchen Zustand übernehmen, sagte ich mir immer wieder bei diesem Gedanken. Derartiges besprach ich nur mit mir und nicht mit unseren gemeinsamen Freunden, geschweige denn mit Sam. Ich habe noch immer große Lust, ein Ich zu sein, obwohl ich mir natürlich bewusst bin, nicht der größte der Sterblichen zu sein, habe ich ihn noch immer im Ohr. Diese Zurechtweisung erhielten wir von ihm, als in geselliger Runde einer von uns meinte, er solle bei seiner Jagd nach dem Glück die materielle Absicherung, womit nichts anderes gemeint war als der Beruf, nicht ganz aus dem Auge verlieren. Sam stellte bereits in diesen Tagen die Frage, ob man da lang oder doch da lang gehen sollte, nicht mehr. Im Gegensatz zu seinen Altersgenossen, also im Gegensatz zu uns, seinen Freunden und Bekannten, wo in diesem Alter solche Fragen obligatorisch sind. Samuel spürte bereits damals in seinen Jugendjahren, dass alle diese Wege für ihn verbunden sind mit dem Untergang. Er versuchte unentwegt, der wahren Wirklichkeit entgegenzustreben, um letztlich doch nur beim Üben des Sterbens zu verharren. Auch in diesen Tagen, wo das ganze Leben noch vor uns lag, uns nach und nach der Eintritt zu den Genüssen des Lebens geöffnet wurde, hinkte Sam immer etwas nach. Ihm gelang es bereits in dieser adrialindurchtränkten Zeit nicht, seine für ihn typische Angst völlig wegzuzaubern.
Muss ich denn tatenlos zusehen, wie die Welt an mir vorüberzieht, ohne dabei in irgendeiner Form befriedigend mitpartizipieren zu können, hörte ich Sam nicht nur einmal klagen. Sam gehörte zum Leidwesen seiner Freunde nicht zu jener Spezies von Menschen, die durch Unglück edel werden, sondern wie bei vielen Menschen so oft, einfach nur frustriert. Seine Augen waren nicht mehr imstande, andere Herzen anzustecken. Vielfach hatte ich das Gefühl, als sei sein Ziel, sich und der Umwelt nicht Lust, sondern möglichst viel Unlust zu schaffen. Für den sensitiven Blick bot er eine Erscheinung, die auf der Suche nach einem Pflegeplatz für seine Seele war. Nur wer würde sie in einem solchen Zustand übernehmen, sagte ich mir immer wieder bei diesem Gedanken. Derartiges besprach ich nur mit mir und nicht mit unseren gemeinsamen Freunden, geschweige denn mit Sam. Ich habe noch immer große Lust, ein Ich zu sein, obwohl ich mir natürlich bewusst bin, nicht der größte der Sterblichen zu sein, habe ich ihn noch immer im Ohr. Diese Zurechtweisung erhielten wir von ihm, als in geselliger Runde einer von uns meinte, er solle bei seiner Jagd nach dem Glück die materielle Absicherung, womit nichts anderes gemeint war als der Beruf, nicht ganz aus dem Auge verlieren. Sam stellte bereits in diesen Tagen die Frage, ob man da lang oder doch da lang gehen sollte, nicht mehr. Im Gegensatz zu seinen Altersgenossen, also im Gegensatz zu uns, seinen Freunden und Bekannten, wo in diesem Alter solche Fragen obligatorisch sind. Samuel spürte bereits damals in seinen Jugendjahren, dass alle diese Wege für ihn verbunden sind mit dem Untergang. Er versuchte unentwegt, der wahren Wirklichkeit entgegenzustreben, um letztlich doch nur beim Üben des Sterbens zu verharren. Auch in diesen Tagen, wo das ganze Leben noch vor uns lag, uns nach und nach der Eintritt zu den Genüssen des Lebens geöffnet wurde, hinkte Sam immer etwas nach. Ihm gelang es bereits in dieser adrialindurchtränkten Zeit nicht, seine für ihn typische Angst völlig wegzuzaubern.
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Je älter ich werde, desto stärker befällt mich eine merkwürdige Angst. Meine innere Unruhe wird fortlaufend von der Sorge gespeist, wesentliche Dinge im Bereich der Musik, der Literatur oder generell in der Kunst nicht mehr entdecken zu können. Ich habe einfach Angst, nicht mehr fähig zu sein, für diese Dinge die gebührende Zeit und Zuwendung aufbringen zu können. Ach Sam, stoppte ich ihn damals, wenn man dich so reden hört, glaubt man einen Greis kurz vor dem Abgang vor sich zu haben. Was erwartest du von mir, etwa dass ich in dieses Geheul einstimme? Komm, lass uns lieber um die Häuser ziehen, forderte ich ihn auf. Er nahm mein Angebot mit einem ambivalenten Grinsen an. Mit diesem Grinsen, das für ihn so charakteristisch war. Man kann gar nicht wirklich glücklich sein, wenn man die Abgründe nicht kennt. Mit dieser für dieses Alter so typischen Posse, in denen wir uns gefielen, klopfte ich ihm auf die Schulter. Adoleszenzschübe mit all den damit verbundenen Peinlichkeiten weine ich natürlich nicht nach. Im Gegenteil, wenn ich an so Manches mich heute erinnere, wenn eine diese damals inflationär generierten Peinlichkeiten mir von meinem Speichermedium, das uns unter dem Namen Gehirn bekannt ist, zur Betrachtung vorgesetzt wird, geniere ich mich immer wieder. Das ist natürlich nach so vielen Jahren Unsinn, es passiert mir aber dennoch – egal, ob ich mir solche Regungen verbiete oder nicht. Beinahe parallel dazu steigt der Wunsch in mir hoch, bei den dabei Involvierten und Zeugen mögen unwiederbringlich diese Dateien gelöscht sein. Wo uns dieser Ritt durch die Nacht an jenem Abend führte, weiß ich heute nicht mehr. Allerdings, darüber herrscht kein Zweifel, endete er sicher in einem Besäufnis. Heute ist mir bewusst, Sam war bereits in diesen jungen Jahren alles andere als ein in Ruhe gelassener Mensch. War einer, dem es nie gelang, den Schein der Fremdheit ganz abzustreifen. Der Auslöser seiner Angst lag wohl im trivialen Umstand begründet, der auf die meisten Geistesmenschen, Hedonisten, Tagträumer und Kaffeehausphilosophen, kurzum freiheitsliebenden Menschen zutrifft: Ohne materielle Grundlage sind sie in ihrer Existenz bedroht! Nein, von Wasser und Luft können nicht einmal diese Exponate leben, deren Üppigkeit und Exzellenz ohnehin seit Jahren rückläufigen sind. Schlimmer noch, dieser Menschentyp wird zweimal gemordet. Zum einen ist diese Spezies aufgrund seiner Kognition mit dem Angebot des Lebens vertraut. Sie verfügen über ausreichend Phantasie und Ästhetik, um die Verweildauer auf diesem Planeten für sich und die Umwelt angenehm gestalten zu können. Zum anderen fällt es sogar auch jenen Menschen, denen kein Erwartungszauber innewohnt, schwer, mittellos und in totaler Abhängigkeit ein zufriedenes Leben zu führen. Das schwammige und völlig sinnentleerte Etikett glücklich wollen wir uns hier von vorn herein verbieten. Die Wandelgänge seines Denkens blieben mir großteils verborgen. Bei Samuel musste bereits damals ein Schleier zwischen ihm und der Welt gespannt gewesen sein, den wir nicht sahen, er ihn jedoch spürte, wenn er anlief und sich in ihm verfing. Davon war ich auch noch überzeugt, als ich nach all den Jahren wieder nach James City heimkam.
James City ist eine Provinzstadt, weder verschlafen noch aufregend. Durch ihre Durchschnittlichkeit – sowohl was ihre Architektur, Wirtschaft, Infrastruktur und natürlich ihre Bewohner selbst betrifft – entzieht sie sich jeder malerischen Deskription. Nicht einmal für eine Grauzeichnung gibt sie eine ideale Vorlage ab. Dazu fehlt es ihr wiederum an explizit depressiven Konturen. Fehlt es ihr an einer expliziten Depressivität, wie sie etwa in der Musik von Nico verströmt wird. Einer Depressivität, wo der sensitive Ästhet nicht umhin kann, darin erregt und in voller Anspannung seiner Sinne zu baden. Nein, das konnte James City nie bieten – und kann es auch heute nicht. Mit der Zuschreibung Durchschnitt kommt man auch nicht wirklich weiter, muss ich mir bei genauerem Nachdenken eingestehen. Müssten doch für einen solchen Fall wiederum erst die passenden Referenzgrößen gefunden werden. Ein aussichtsloses Unterfangen, das ich nicht bereit bin, in Angriff zu nehmen. Wozu auch? James City entzieht sich dem, was man allgemein unter Charakterisierung, Typologisierung, USP, etc. versteht und in Tourismusprospekten sowie neuerdings virtuell, etwa auf Wikipedia, vorfindet. Nein, nein und abermals nein: James City ist nicht vergleichbar mit der liberalen Bürgerstadt Hamburg, dem Moloch Berlin, dem proletarisch geprägten Ruhrpott, der süddeutschen Metropole München oder dessen benachbartem Ausflugziel für die Kulturschickeria, Salzburg. Auch nicht mit Wien, dieser eigentümlichen Mischung aus Balkan, Residuum deutschen Kulturlebens und standardisierter Allerweltsmetropole. Da auch das Umland von James City, der Landstrich, indem es eingebettet ist, kein spezielles Charakteristikum aufweist, ist auch kein Vergleich mit Siedlungen in den Alpen zulässig, wo etwa das Tirolerische als Trademark weit über den deutschen Sprachraum hinausreicht. Dieser Ort liegt fernab von den Zentren des politischen, kulturellen und intellektuellen Geschehens. Okay, das trifft auch auf andere Provinzkaffs zu, möge der Leser meinen, aber es verhält sich bei James City eben anders. Beschaulichkeit, wie man sie meist in den Städten der Provinz antrifft, sucht man in James City vergeblich. Ein Gefühl, das einen zum Beispiel beim scheußlichen Säuseln der Wiener Klassik beschleicht, Beethoven einmal ausgenommen, trifft man hingegen auf Schritt und Tritt an, wenn nicht gerade die eigene Sensitivität im Pfandhaus liegt. Hier vermisst man die Entfernung zwischen den Niederungen einer Industriestadt und den idealisierten Vorstellungen einer Bürgerstadt. Das, obwohl James City die dumme Aspiration hatte, zivilisiert zu werden. Versucht man den Zugang über die Historie, so stellt sich das Ergebnis auch als bescheiden und wenig befriedigend dar. Kaum ausreichend, um einen Tourismusprospekt zu gestalten. Geschweige denn, einen über, sagen wir, 500 km hinaus reichenden Radius geltenden Bekanntheitsgrad zu erlangen. Das Übliche halt, was viele Volksschulkinder in ihren Dorfchroniken auch lesen und mitunter lernen müssen: Ausgrabungen zeugen von keltischen Siedlungen, die ca. um 300 v. Christus entstanden. Historisch ist noch nicht einwandfrei geklärt, ob sich der heutige Name der Stadt aus dem keltischen oder aus dem römischen, zu dessen Gebiet in der Antike James City gehörte, ableitet. Wie in vielen anderen Städten auch, wechselte im Mittelalter der Besitztitel auf diese Siedlung, der die heutige Stadt zugrunde liegt, zwischen den verschiedenen Herzogtümern. Die Grundmauern eines Klosters und einiger Kirchen wurden in dieser Zeit gelegt. Für den Abschnitt der Neuzeit ist vor allem erwähnenswert, dass im Zuge der Gegenreformation sich der Katholizismus James City einverleibte und bis zum heutigen Tage nicht mehr freigab. Der Atheismus konnte in dieser Stadt nicht einmal im Ansatz Fuß fassen, dafür dürfte dies – wie in anderen europäischen urbanen Räumen auch – dem Islam gelingen. Von der Revolution von 1848 - wie auch später von der 1968- blieb James City verschont. So genannte Persönlichkeiten, also Menschen, die aufgrund ihres Wirkens im Bereich der Kunst, der Ökonomie oder der Politik, in die Geschichte eingingen, brachte James City in dieser Zeit nicht hervor. In der Stadt verweist die eine oder andere an den Hauswänden angebrachte Gedenktafel zwar darauf, dass so manche Persönlichkeit in James City übernachtet hatte, wenn es hoch herging, eine kurze Zeit in dieser Stadt verweilte, konkret Prägendes findet man aber nicht. Gleich einem Zeitraffer lässt sich das 20. Jahrhundert bis herauf in die Gegenwart abhandeln: Hitler und somit der Nationalsozialismus fasste auch in James City Fuß und so manches hat bis heute Bestand. Zum einen ist es die typische Architektur der Wohnbauten, die in dieser Zeit errichtet wurden. Diese Bauten dienten vor allem den Arbeitern, dem in der Zwischenkriegszeit verelendeten Proletariat, als Wohnstätte. Im Grunde tun sie das auch heute noch im hohen Maße, wenn zwar diese Begrifflichkeit nicht mehr verwendet wird. Diese Gebäude zeigen sich heute vielfach generalsaniert im neuen Glanz, so wie sich heute der Pauperismus auch nicht mehr in schäbigen Lumpen präsentiert, sondern bei seinen Routinegängen aufs Arbeitsamt und zum Discounter die Camouflage der globalisierten Billig-Labels trägt. Von diesen, im Volksmund Hiltler-Bauten genannten, Gebäuden werden einige Stadtteile bis heute maßgeblich geprägt. Diese Wohnbauten prägen nicht nur das Erscheinungsbild in einigen Stadtteilen, sie zeichnen auch auf subtile Weise eine Mitverantwortung für einen geistigen Bestand, der vielfach unter der mehr oder weniger dekorierten Fassade schlummert. Frei nach Parsons` Theorem, wonach jede Gesellschaft ein relativ beharrendes, stabiles Gefüge von Elementen sei. Stabilität, dieses Zauberwort, dieser Zufluchtsort war in der Nachkriegszeit für die geschundene Bevölkerung, implizit auch für die sogenannten Täter, die ja meist in Personalunion mit den Gewinnern des Wiederaufbaues standen, ein Synonym für Restauration und Ausschaltung oder wenn nicht möglich, so zumindest deren Minimierung von Antagonismen. Der Wunsch nach Stabilität muss hier natürlich im Sinne einer Multitude gedeutet werden. Ging es doch vorrangig um den Wunsch nach Frieden, Existenzsicherung und Schutz vor Willkür, der mehr oder weniger allen Bevölkerungsgruppen eigen war. Kameradschaftsbünde mit Mitgliedern ohne Kriegserfahrung existierten in diesen Jahren noch nicht. Die Wirklichkeit hatte zumindest in dieser Hinsicht noch keinen Sprung. Kokettierte noch nicht wieder mit dem Abgrund. Hier muss ich nicht erst meine produktive Einbildungskraft befragen, um eine musikalische Deutung vorzunehmen. Natürlich hat hier der artifiziellen Rumpel-Blues eines Captain Beefheart und schon gar nicht erst ein für Kleinkinder gedachter Lärm der White Stripes etwas zu suchen. Nein, die Deutung hat zu erfolgen im Sinne eines Death Letter Blues von Son House oder eines Blind Willie Johnson, wurde uns von Sam apodiktisch verkündet. Zum wiederholten Male ertappte ich Sam dabei, wie er zu allem und jedem einen Bezug zum Blues herzustellen versuchte. Sam halt endlich die Klappe oder besser, bestell die nächste Runde. Die Klappe wirst du ohnehin nicht halten. Dafür, dass wir uns dieses Geschwätz anhören müssen. Selbst ein Idiot wie du muss doch kapieren, dass solche Analogien zu nichts führen. Recht hat er, dachte ich mir, während der junge Heavy-Metal-Fan weiter auf Sam einredete. Irgendwann im letzten Jahr, bevor ich James City für Jahre verlassen sollte, verirrte er sich an unseren Tisch. Fortwährend versuchte er mit der in dieser Szene anscheinend üblichen Fäkalsprache und aufsetzten sexuellen Anspielungen der Servierkraft gegenüber die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ob seine dünne Mähne damals schon fettig war oder dieses ästhetische Verbrechen erst nach dem kurz darauf erfolgten Abbruch seines Studiums der Betriebswirtschaft begangen wurde, weiß ich nicht mehr. Jedoch in diesem Moment, wo er auf Sam einredete und dieser versuchte, ihn zu ignorieren, fiel es mir auf. Ungut, wohlgemerkt! Brandy, Menschen mit einem solch schlechten Musikgeschmack wie du sind nicht in der Lage, an unserem Tisch Präsenz zu markieren. Auch dann nicht, wenn sie im Stile des weibischen Geschreis dieser Trottelbands laut herumkreischen, kam es Sam beinahe emotionslos über die Lippen. Eingebildeter Idiot, schon einmal etwas von Death Metal gehört? Dabei zeigte Brandy die obligate Pommesgabel oder Devil Horn, wie diese infantile Geste in der Szene genannt wird. Ich hatte beim Anblick dieser lächerlichen Gestik das Gefühl, als versuche er sich damit mit den großen Kräften des Universums zu vereinen. Sam ging nicht darauf ein und setzte seine Rede fort. Dabei sah er weder mich noch jemand anderen an, sondern redete mit dem Blick gerade aus auf die Bar weiter, als würde er eine Seminararbeit vortragen.
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Ich mag diesen Vergleich mit dem Süden der USA, konkret mit der dort lebenden schwarzen Bevölkerung, Neger, wie man sie damals nannte, auch nicht besonders. Obwohl fürs Erste, das ist auch der Grund dieser immer wiederkehrenden Gedanken, sich gewisse strukturelle Ähnlichkeiten, wenn schon nicht aufdrängten, so doch zumindest anbieten. Bei näherer Betrachtung gibt es dann doch zu viele gravierende Unterschiede, die derartige Vergleiche der Lächerlichkeit preisgeben, und auf diese Unterschiede kommt es mir an. So exotisch und wesensfremd der Blues für die Bevölkerung Kontinentaleuropas war und immer sein wird, schon der Gedanke an kontinentaleuropäische Bluesbands, gleich ob deutscher oder englischer Zunge, ruft bei mir Brechreiz hervor. Zu unterschiedlich sind auch die Akteure in den zwei Kohorten. Diese Grazie, dieser Stil, diese Würde, von der Kreativität und Musikalität der Afroamerikaner ganz zu schweigen, fehlte den deutschen und auch englischen Brüdern völlig. Wenn zwar nicht im musikalischen Sinne, so doch auf der emotional menschlichen Ebene erkenne ich am ehesten eine Parallele bei jenen Menschen, die sich in den bewegten Jahren des 20. Jahrhunderts den Kommunisten oder dem Widerstand angeschlossen haben. Da aber dieser Typus in keiner Weise Blues oder Rock ’n’ Roll affin im musikalischen Sinn war, und auch für die Beschreibung der überwiegenden Masse des Proletariats nicht tauge, entfällt eine weitere Vertiefung an dieser Stelle. Auch als Selbstschutz werde ich eine derartige Konnotation vermeiden, denn diese von mir geliebte Musik sollte rein bleiben von solcher Einfalt. Habt ihr durchgemacht? Wie lange sitzt ihr schon hier, wahrscheinlich seit Mittag, wenn ich diesen Idioten höre, fuhr mich Brandy an und drehte dabei die Augen in Richtung Sam. Geht auf Sam, sagte er zur Kellnerin, die in diesem Augenblicke den Biernachschub an den Tisch brachte. Ich sah auf ihre schönen Titten und ließ Brandy Brandy sein. Sam blieb naturgemäß von diesem Zwischenruf unberührt. Er reichte der Kellnerin das leere Glas, zog das volle, neu gebrachte Bier an sich heran, ohne seinen Vortrag zu unterbrechen. Bevor ich meinen historisch-soziologischen Streifzug durch James City abschließe, möchte ich nur mehr die Frage der zukünftigen Gliederung der Gesellschaft, kurzum, die Machtaufteilung im Kontext einer sich abzeichnenden bipolaren Welt, um die es ja damals ging, kurz streifen, hatte ich ihn im rechten Ohr, ans linke drang Lärm vom Flipperautomat herüber. Mittlerweile hatte sich das Lokal gefüllt, es war ja bereits 10:00 Uhr am Abend und Sam und ich saßen, wie vom Heavy Metal Fan vermutet, tatsächlich seit Mittag hier. Überflüssig zu erwähnen, dass sich niemand am Tisch jetzt weder für die Geschichte von James City noch für die des Blues interessierte. Der kommt heute nicht mehr zur Besinnung, sagte Brandy, ohne Sam dabei anzusehen, stand mit dem Bier in der Hand auf und ging hinüber zu dem Tisch, wo gerade drei junge Girls Platz genommen hatten. Ich winkte die Kellnerin herbei, beglich meine offenen Biere und verließ die Kneipe. Objektiv betrachtet hatten diese Menschen nichts weiter zu verlieren, als ihre sprichwörtlichen Ketten. Durch die damals vorherrschende Gesellschaftsstruktur waren Menschen, die in diese Stände hineingeboren waren, nicht als Individuen in vollem Sinne zu betrachten, belehrte Sam gerade die beiden noch am Tisch Verbliebenen, die bereits gelangweilt in Richtung des Tisches von Brandy mit den Girls hinüberschauten bei meiner Verabschiedung. Sam unterbrach auch hier nicht, sondern hob nur die Hand zum Abschied. In dieser Lebensphase musste Sam nicht erst eine Haltung erwerben, eine solche hatte er längst erworben. Was in dieser Zeit allmählich zu reifen begann, war eine Art Vorahnung, die sich später mit all seiner unliebsamen Konsequenz materialisieren sollte. Heute, wenn ich die Sache genauerer betrachte, wird mir klar, bereits damals fiel diese Verahnung mit dem Beginn der Erfüllung zusammen. Darüber kann ich heute, wo mir sein späterer Werdegang bekannt ist, leicht reden. Aber es stimmte, beim genauen Hinschauen hätte man das bereits damals ahnen können. Aber wer schaut in den jungen Jahren schon so genau hin. Und selbst wenn, es war Sam bereits in diesen jungen Jahren nicht mehr möglich, seine Haltung zu ändern, ihn zu ändern. Ich kann meinem Leben keinen Normaldrall mehr verpassen, war eine seiner Standardantworten, wenn jemand, bevorzugt Mädchen, versuchten, ihm gut zuzureden. In diesen Tagen war er sich bereits der Unkompatibilität seiner Haltung mit einem angenehmen Leben bewusst – von einem glücklichen Leben ganz zu schweigen. Ich fühle mich nur für eine Wanderung auf diesen Weg ausreichend adjustiert, eine andere Route ist für mich nicht wahrnehmbar, sagte er in einer dieser typischen Runden am Kneipentisch einmal zur Schwester des Wirtes. Sie hatte an diesem Tag wieder einmal ausgeholfen. Damals sperrte das Lokal bereits um 11:00 Uhr vormittags auf. Vereinzelt verirrten sich zu Mittag auch noch Beamte herein, die das Lokal wahrscheinlich von früher noch kannten, wo es von einem alten Ehepaar betrieben worden war. Sie bestellten Würstchen oder ne Gulaschsuppe und den danach für diese Ärmelschoner obligaten Kaffee, bevor sie sich wieder in ihre Amtsstuben verdrückten. Neben diesen Gästen war es um diese Zeit und auch am Nachmittag mehr oder weniger still. Mehr als drei, vier Gäste, nennen wir sie mal der leicht verdaulichen Verallgemeinerung willens Bohemiens, waren wochentags nie im Lokal. Erst am Abend füllte sich die Kneipe. Der nunmehrige Wirt hatte gerade das Lokal übernommen, das heißt, er führte es ein knappes Jahr. Da zu dieser Zeit in James City von kultivierten Menschen Kneipen und Cafehäuser noch als Institutionen begriffen wurden, galten natürlich 8 Monate, die Long John das Lokal jetzt führte, beinahe als pränatal. Nur hatte es mit diesem Lokal eine Besonderheit auf sich, wurden doch von Long John weder Namen und Aussehen verändert. Das heißt, sowohl die Inneneinrichtung als auch das über der Eingangstür angebrachte Lokalschild, wo in Schreibschrift eine Neonlampe auf geschweißtem Alugitter montiert war, blieb hängen, wo sie vermutlich seit den späten 1960ern hängte, und flackerte am Abend im matten Gelb den Passanten und Nachtschwärmern den Namen Aquarium entgegen. Davor, das Lokal existierte bereits seit den 1950ern, erledigte das ein Emailschild, welches eindeutig die Passanten am Tage bevorzugte. Heute würde man von einem Szenewirt sprechen, war er es doch, der Erste und meines Wissens bis heute Einzige, der in James City ein Punklokal eröffnete. Long John war zwar kein Punk, sondern ein Junkie aus der Hippiezeit, aber irgendwie ging das zusammen und funktionierte – zumindest ein paar Jahre. Aber Punk und James City wäre ein eigenes Thema. Ein Thema, das sich nicht lohnt, Lebenszeit dafür zu verschwenden. Als mich Sam einmal fragte, was ich von Punk denn halte, antwortete ich kurz und bündig; das würde ich nicht als Existenzform des Lebens bezeichnen. Zu meiner Verwunderung holte Sam nicht zu einem Vortrag über die Folgen einer Bildung eines weitgehend homogenen Bewusstseins aus, sondern grinste und sagte nur, hier gehe ich mit dir d’accord. Das ist eine Art Strategie für Idioten, die Zuflucht im kollektiven Martyrium suchen. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, damals waren – zumindest in James City – sogenannte Modepunks noch unbekannt. Über einige Zwischenstationen und einer erfolgreichen Entziehungskur übernahm Long John dann Jahre später dieses Café, als die alten Pächter in Rente gingen. Das mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Lokal sollte bis zu meinem Weggang aus James City meine Stammkneipe werden. Seine Intention, da inzwischen clean und an der Kunstuni eingeschrieben, war es, wie ich aber erst Jahre später erfuhr, das Lokal als eine Art Künstlercafe zu führen – und keineswegs als Kneipe, zu der es durch Stammgäste wie Sam und Konsorten schließlich wurde. In aller Bescheidenheit muss auch ich mich dazuzählen.
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Von einer alternativen Marschroute, die für mich gangbar wäre, ist mir nichts bekannt. Was ich kenne, sind nur die gut ausgebauten Abkürzungen zur Selbstaufgabe, Abkürzungen zum Aufgehen in der unkritischen Masse. Diese Route willst du mir doch nicht ans Herz legen, meine Liebe, oder etwa doch? Die Frau verdrehte bereits die ganze Zeit über die Augen, während Sam sprach und ihm dann sanft antwortete. Nein, Sam! Das möchte ich nicht. Du hast mich überzeugt, für dich gibt es kein Rezept für ein glückliches Leben. Mit dem Wissen steigt anscheinend bei dir auch das Leiden. Ich wünsche dir und auch uns, so die Schwester des Wirtes mit einer sanften Stimme, die ich von ihr bis dato nicht kannte, weiter, du lebst stets so, dass du was du tust, ohne Grauen wiederholen kannst. Damals wusste ich noch nicht, dass es sich hier um eine leichte Abwandlung von Nietzsche handelt. Ob Sam es wusste, kann ich nicht sagen. Er sah sie dabei grinsend an und reichte ihr dann sein leeres Bierglas. In diesem Moment kam Long John, eine 15-Liter-Gulaschkonserve unter dem Arm, bei der Tür herein und bewegte sich an unserem Tisch vorbei in Richtung Abstellraum, der hinter der Bar lag und zugleich als Küche diente. Beim Vorbeigehen entfuhr ihm ein Sam, schon lange nicht mehr gesehen, wie geht’s? Danke Long John, etwas unter mittelbrillant, kam es eben so beiläufig von Sam zurück. Du sollst nicht Sam, sondern uns fragen, wie es geht, schallte es in Richtung Abstellraum, wo der Wirt die Konserve verstaute. Wusstest du, Long John, dass damals nach dem Krieg die Devise in James City war, eine Veränderung herbeizuführen, ohne jedoch etwas Neues einzuführen? Dass es um die Kompilierung des Bestehenden ging, wo der Außenwelt signalisiert wurde, es tut sich etwas, es kommt Bewegung in die von ihr als Bedrohung empfunden Strukturen? Nein, wusste ich nicht, warum? war ein etwas geistesabwesendes Gemurmel vom Abstellraum zu vernehmen. Na, weil man bei der Außenwelt ja schließlich in der Schuld stand, so zumindest wurde es von der Außenwelt gesehen und artikuliert. Dieser Vorgang wurde unter größter Sorgfalt und Bedachtnahme auf die seelische Verwundbarkeit der Staatsbürger durchgeführt. Keinesfalls wollte man damals mit einer Neugestaltung der Gesellschaftsordnung Verunsicherung und Verwirrung stiften. Stabilität war das Losungswort. Ruhe und Ordnung, die freie Übersetzung für die weniger Sprachgeübten, für den einfachen Mann, für die einfache Frau auf der Straße. Sich aus Bekanntem und Vertrautem einen gangbaren Weg bauen, daran wurde gearbeitet. Den Krieg wollte man ja ohnehin nicht, der wurde einem aufgezwungen, und dafür musste man ja ohnehin schwer bezahlen mit den zerbombten Städten und der Vertreibung der Deutschen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa. Warum weißt du das nicht, Long John, wurde die Befragung in dem Abstellraum abgeschlossen. In diesem Moment erschien ein lachender Long John aus der Abstellkammer und stellte sich wie gewohnt hinter den Tresen und zapfte sich einen kleinen Schluck Bier. Nachdem er einen Schluck gemacht hatte, stützte er sich wie ein Pfaffe auf der Kanzel mit beiden Händen ab und sagte an unseren Tisch, den sogenannten Einsertisch, gewandt, wie sollte ich. Ich habe es nicht so gut wie ihr, ich musste die dringenden Einkäufe erledigen, damit der Laden läuft, während ihr hier die ganze Zeit über von Sam Nachhilfe erhalten habt. Ich muss mich wohl oder übel damit abfinden, dumm zu sterben. Die ganze Runde hielt sich den Bauch und auch Sam musste lachen. Zwischenbilanz, ich übergebe, stand seine Schwester vom Tisch auf und bewegte sich zum Tressen, wo ihr Long John die schwarze, bereits stark abgewetzte Kellnerbrieftasche reichte. Als Long John sah, wie alle brav bei seiner Schwester zahlten und keiner anschreiben ließ, kam er mit dem Tablett in der Hand, das mit sechs Bourbons bestückt war, auf uns zu. Geht aufs Haus, ihr braven Schüler! Schon war er wieder verschwunden hinter dem Tresen. Wir kippten den Whiskey und ließen Long John hochleben. Die anderen machten dann einen Abgang, Sam und ich blieben sitzen. Diese ihm oft ans Herz gelegte Abkürzungen wollte er schon damals nicht nehmen; heute wäre es ihm ohnehin nicht mehr möglich, selbst wenn er wollte.
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