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Eine Anthologie der Vielfalt und weiblichen Perspektiven Seit einem Jahrzehnt ist das Kollektiv »10 nach 8« (bei ZEIT ONLINE) ein unverzichtbarer Teil der deutschsprachigen Medienlandschaft. Was als Gegenpol zu patriarchalen Diskursen begann, hat sich zu einer vielseitigen Plattform entwickelt, auf der über 600 weibliche und nonbinäre Perspektiven Gehör fanden. Hier begegnen wir nicht nur Schriftsteller*innen und Journalist*innen, sondern auch Wissenschaftler* innen, Künstler*innen und Unternehmer*innen, deren Geschichten von Alltagserfahrungen bis hin zu globalen Themen wie Flucht, Krieg und Diskriminierung reichen. Einige dieser Stimmen sind in ihren Heimatländern verstummt oder finden kaum Gehör, und genau hier werden ihre Perspektiven lebendig. Gemeinsam schaffen sie ein eindringliches Bild der Vielfalt ihrer Erfahrungen und laden uns ein, die Welt mit ihren Augen zu sehen. »10 nach 8« hat ein feministisches Juwel geschaffen, das über das Digitale hinaus nun auch als Buch zum greifbaren Diskurs wird. Eine Einladung zum Mitdenken, Hinterfragen und Verändern. »Ein feministisches Juwel in der Medienlandschaft« Simone Schmollack, TAZ
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Über das Buch
Seit einem Jahrzehnt bietet das Kollektiv »10 nach 8« bei ZEIT ONLINE eine Plattform für weibliche und nonbinäre Autor:innen und stellt sich gegen patriarchale Strukturen. Die Anthologie präsentiert eine Auswahl wichtiger Texte, die aktuelle Themen wie Flucht, Krieg, Sexismus und den täglichen Kampf um Gleichberechtigung beleuchten. Besonders jene, die in ihren Heimatländern zum Schweigen gebracht wurden, finden hier Gehör. Diese Sammlung ist ein Aufruf für eine gerechtere und vielfältigere Welt!
»Ein feministisches Juwel in der Medienlandschaft«
Simone Schmollack, taz
Über Elisabeth Wellershaus und Caroline Kraft
Elisabeth Wellershaus ist Autorin, Journalistin und Kolumnistin. Ihre Texte erscheinen in verschiedensten Print und Onlinemedien und Anthologien. 2023 erschien ihr Buch »Wo die Fremde beginnt« bei C.H.Beck, das für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert wurde. Sie ist Mitglied der Redaktion von »10 nach 8«.
Caroline Kraft ist seit mehr als 15 Jahren im Literaturbetrieb tätig. Zusammen mit Susann Brückner betrieb sie den Podcast »endlich. Wir reden über den Tod«, aus dem ihr gemeinsames Buch, der Spiegel-Bestseller »endlich. Über Trauer reden«, entstand. Krafts Kolumne »Schluss jetzt« erschien in der taz. Sie ist Mitglied der Redaktion von »10 nach 8«.
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leykam:seit 1585
Caroline Kraft Elisabeth Wellershaus (Hg.)
Texte zurfeministischenGegenwart
Wir benutzen in diesem Buch die Begriffe Frauen und Autorinnen für alle weiblich sozialisierten Personen sowie solche, die sich selbst als weiblich, nonbinär, trans oder inter definieren.
Caroline Kraft Elisabeth Wellershaus VORWORT
Aiki Mira DER SCHREIBENDE KÖRPER
Daniela Dröscher DEN WEG DER ELTERN VERLASSEN
Tanja Raich DIESES MAL HABE ICH IHN ANGESCHRIEN
Adelja Vjarba EIN FRÜHLINGSTAG IN BELARUS
Annika Reich SEGEN TO GO
Nermina Kukić BRIEF AN TITO
Marny Garcia Mommertz DAS VERGESSEN MEINER GROSSMUTTER
Catherine Newmark KÖRPERBESCHIMPFUNG ALS KAMPFMITTEL
Lin Hierse DIE POSTMIGRANTISCHE ICH-MÜDIGKEIT
Nino Haratischwili BÖSE MÄRCHEN FÜR MÄDCHEN
Aylin Karadeniz ALS ICH EINMAL GANZ KURZ DEUTSCHE WAR
Marion Detjen DIE ARBEIT AN DEN GURKEN
Elisabeth Wellershaus MEIN AFRO, MEIN KOPF
Annett Gröschner MA IST AUF REISEN
Lina Muzur ALLES MUSS RAUS
Elke Bredereck DER OSTEN LÄSST MICH NICHT LOS
Lena Gorelik ICH HABE MICH NIE ALS RUSSIN BEZEICHNET
Didem Ozan UND WIEDER RUFEN SIE: „AUSLÄNDER RAUS!“
Dilek Güngör WIE UNS DIE SPRACHE ABHANDENKAM
Hella Dietz IN DEN ABGRUND SCHAUEN
Caroline Kraft FÜR WEN LEBEN, WENN NICHT FÜR KINDER?
Lina Atfah DER WEIHNACHTSMANN WÄSCHT JETZT DIE TOTEN
Fatin Abbas NIEMALS EINE BÜRGERIN
Sahar Delijani ICH WURDE IN DIESEN WIDERSTAND HINEINGEBOREN
Caroline Assad DER FALL IST LEIDER ALLES ANDERE ALS KLAR
Nargis VOR VERSCHLOSSENEN TÜREN
Karosh Taha MEINE IMAGINATION IST DAS MÄCHTIGSTE, WAS ICH HABE
Heike-Melba Fendel GETRENNTE LEUTE
Maria Popov WENN HELLA VON SINNEN NICHT DEINE HELDIN IST, GEHST DU LEER AUS
Teresa Koloma Beck EIN WIR IST NIEMALS SELBSTVERSTÄNDLICH
BIOGRAFIEN DER BEITRAGENDEN
EIN WIR IST NIEMALS SELBSTVERSTÄNDLICH
Wir schreiben über das Sterben unserer Eltern, über die Haare, die wir verlieren, über utopische Körper, sexuelle Gewalt, unsere Sucht nach Ebay-Kleinanzeigen, das Leben in Diktaturen, die Sehnsucht nach Umarmungen, Zugehörigkeit, Krieg, Liebe — die großen und ganz kleinen Dinge. Denn seit zehn Jahren gibt es einen Ort, an dem wir das Politische und Persönliche hemmungslos miteinander verbinden können.
Als 10 nach 8 entstand, sah die Medienwelt noch etwas anders aus. Und wir wollten uns wehren: gegen das Ungleichgewicht in der öffentlichen Debatte, wo vor allem Männer darüber bestimmten, welche Geschichten und Inhalte gehört wurden. Eine Kolumne, die von einer ausschließlich weiblichen Redaktion betreut wurde, in der ausschließlich Frauen schrieben, und zwar worüber und wie sie wollten — das glich damals einer kleinen Revolution. Es war die Zeit vor #MeToo, in der Podiumsdiskussionen fast ausschließlich mit Männern besetzt waren und fast nur männliche Experten zu den großen gesellschaftspolitischen Themen befragt wurden. Bei 10 nach 8 wurde nicht über Wissenschaftlerinnen, Sozialarbeiterinnen oder Extremsportlerinnen geschrieben — sondern von ihnen selbst. Knapp 600 Gastautorinnen haben bereits über 1.500 Texte für unsere Kolumne geschrieben — von der Literaturpreisträgerin bis zur Newcomerin, von der Gymnasiastin bis zur Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.
Ursprünglich wollten wir das zehnjährige Bestehen der Kolumne und ihre feministische Kraft mit diesem Buch feiern. Doch je mehr Texte wir lasen, desto stärker wurde der Wunsch, die gesellschaftlichen Veränderungen zu reflektieren, die sich in den vergangenen Jahren vollzogen haben. Denn es geht uns nicht nur darum, dass weibliche Perspektiven gehört werden, sondern auch welche.
Es ist kein Zufall, dass viele unserer Texte mit einem Ich beginnen oder enden. Einem schreibenden, nachdenklichen, kritischen, tastenden Ich, das nach Verbindung sucht. Das sich in dem Wissen in die Welt schreibt, dass ein Wir niemals selbstverständlich ist.
2021 schickte Teresa Koloma Beck uns einen Text, der später genau diesen Gedanken im Titel trug. Ihre Fragen nach Gemeinschaft berührten uns beim Lesen unmittelbar. Vielleicht war es die Deutlichkeit, mit der sie erklärte, dass unsere Vorstellungen vom Wir porös geworden waren. Vielleicht die Isolation, in die unsere Gesellschaft durch Covid-19 geschlittert war und in der ein Wir schmerzlich vermisst wurde. Jedenfalls leuchtete uns ein: Die Verflechtung von Komplexität, Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Hoffnung begleitet jedes Wir.
Wenn rund 600 Autorinnen aus aller Welt über zehn Jahre aus persönlichen, künstlerischen und politischen Perspektiven schreiben, entsteht ein schwindelerregend vielfältiges Bild von Gesellschaft, deren Heterogenität in der deutschen Medienlandschaft noch immer unterrepräsentiert ist. Diese Autorinnenschaft stellt sich dem viel beschworenen Wir der aktuellen Diskurse bewusst entgegen und sucht nach fluideren Formen von Gemeinschaft. In diesem Buch begegnen sich Beiträge von Autorinnen wie Caroline Assad, Lin Hierse oder Lena Gorelik, die einem Wir auf der Spur sind, das immer öfter über Identitätsdebatten und Exklusionsreflexe stolpert. Texte von Aylin Karadeniz oder Didem Ozan, die kulturalistische oder gar völkische Wir-Gedanken herausfordern. Und Beiträge aus Ländern wie Afghanistan, Kuba, Iran oder Syrien, wo die Schicksale der Autorinnen auch von politischen Verstrickungen mit Europa erzählen — und damit kontinuierlich neue Vorstellungen eines Wir kreiert werden.
Es bleibt ein ständiger und mühsamer Versuch: Verbindungen aufzuzeigen und Verbundenheit herzustellen. Er lässt sich aus dem leisen Briefwechsel zwischen Karosh Taha und einer anonymen afghanischen Autorin herauslesen, in dem beide von geschlossenen Buchhandlungen erzählen. Und auf magische Weise treten daneben auch Texte miteinander in Dialog, die ganz unabhängig voneinander entstanden sind: wenn Elke Bredereck davon erzählt, wie sie die Betonwände ihrer Heimatstadt in der ehemaligen DDR nicht loslassen und Lina Muzur ihrer Verkaufsobsession bis ins Jugoslawien der Sechzigerjahre folgt. Wenn Daniela Dröscher davon schreibt, was es heißt, die Klasse ihrer Eltern zu verlassen, und Heike-Melba Fendel beim letzten Treffen mit ihrem Vater das Reihenhaus in den Sinn kommt, in dem sie aufgewachsen ist. Wenn Nino Haratischwili über Schönheitsnormen schreibt, Catherine Newmark über Körperbeschimpfung bei Frauen und Tanja Raich über sexualisierte Gewalt im Alltag.
Doch im Laufe der Arbeit an diesem Buch wurden uns auch die Begrenzungen unseres Kollektivs bewusst. Warum gab es in zehn Jahren nicht viel mehr Texte, die von der Vielschichtigkeit queerer oder behinderter Lebensrealitäten erzählen? Warum nicht mehr Autorinnen aus Ländern südlich des Äquators? Diese Fragen drängen sich heute mehr denn je auf, und es ist wichtig, nach zehn Jahren innezuhalten und sie an die Oberfläche zu holen. Die Arbeit an diesem Buch wird dadurch auch zu einer Bestandsaufnahme: Wo stehen wir, wo können wir uns als Kollektiv verändern, welche Forderungen stellt die feministische Gegenwart heute an uns?
Ein zentrales Anliegen von 10 nach 8 bleibt es, Themen Raum zu geben, die in der schnelllebigen Medienwelt zu kurz kommen, die sich dem Aktualitätsdruck und der Klickbarkeit widersetzen. Immer wieder entstehen aus den Kolumnentexten auch Bücher — wie bei Dilek Güngör, deren Text „Wie uns die Sprache abhandenkam“ zum Einstieg in ihren Roman „Vater und ich“ wurde.
Die Texte in diesem Band spannen einen weiten zeitlichen Bogen, in dem sich Begriffe, Debatten und Allianzen verschoben, Konflikte aufgelöst und neu konstruiert haben. Sahar Delijani blickt zurück in die 1980er-Jahre, als sie in einem Teheraner Gefängnis geboren wurde, und knüpft damit unmittelbar an die Gegenwart im heutigen Iran an. Auch Maria Popovs Suche nach queeren Vorbildern in der Popkultur, die im Jahr 2004 ansetzt, erscheint uns in Zeiten, in denen queere Literatur aus US-Schulbibliotheken entfernt und queere AGs in Bayerischen Schulen verboten werden, relevanter denn je.
Vielfalt zu zeigen ist bei alldem kein Selbstzweck. Wer gehört dazu? Wer wird gehört? Das sind Fragen, die eine immer größere Rolle spielen, nicht nur in Deutschland. Angesichts populistischer und rechtsextremer Bedrohungen braucht es Räume, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Positionen sichtbar werden. Unsere Hoffnung ist, dass 10 nach 8 ein solcher Ort sein kann.
2. Februar 2024
Mein Körper schreibt. Er hat Narben von Operationen, von Krankheiten und Unfällen. Hitzewallungen, Migräne und Muskelverspannung. Adrenalinanstieg und Cortisolausschüttung. Mein alternder, kranker Körper schreibt täglich.
Als Kind hinterließ das Schreiben eine harte Schwiele genau dort, wo der Stift auflag. Heute arbeite ich als Science-Fiction-Autor:in. In Essays, Kurzgeschichten und Romanen entwerfe ich Zukünfte — queer, politisch, utopisch. Ich habe das Gefühl, dass wir, konfrontiert mit Krisen aus Kriegen, Klimakollaps und Pandemie, mehr denn je utopisches Denken brauchen. Und das professionelle Schreiben verformt meinen Körper heute weiter: Wirbelsäulenverkrümmung, Brustmuskelverkürzung. Schultern, die nach vorn gebeugt sind. Ein Körper mit eingeklappten Flügeln. Und Schmerzen.
Um zu schreiben, sind wir auf unsere Körper angewiesen, reflektieren sie oft aber erst, wenn sie sich nicht so verhalten, wie wir und die Gesellschaft es von ihnen fordern. Wenn sie zum Beispiel krank werden. Dann demonstrieren sie uns ihre Materialität, erinnern uns, dass sie mehr sind als gesellschaftliche Konstruktionen.
Virginia Woolf setzte sich mit dieser Materialität auseinander und zeigte, wie auch ein widersprechender Körper zur Befreiung werden kann. In ihrem Essay „On Being Ill“ stellte sie fest, dass Krankheit ihr eine Pause von gesellschaftlichen Pflichten ermöglichte — und gerade dadurch ein tieferes, viszerales Verständnis von Texten: „In der Krankheit […] verströmen Worte ihren Duft und kräuseln sich wie Blätter und überraschen uns mit Licht und Schatten.“
Wie das Alter und die Entfernung der Gebärmutter das Schreiben verändern, fragte sich die Autorin Ursula K. Le Guin in „Old Body, Not Writing“. Fiel es ihr mit einem jungen, unversehrten Körper leicht, beim Schreiben in andere zu schlüpfen, war sie später gezwungen, das auf „radikalere und vollständigere Weise“ zu tun. Ihren sterblichen, sich verändernden Körper schrieb Le Guin in ihre Texte ein und ließ ihr Schreiben durch ihn verändern.
Was aber, wenn sich der eigene Körper gegen das Leben selbst wendet? Für mich bedeutete die Diagnose Brustkrebs, in und mit einem Körper weiterzuleben, der an unserem gemeinsamen Tod arbeitet. Mit dieser vielleicht radikalsten Form des körperlichen Einspruchs setzte sich die Dichterin Audre Lorde auseinander und versuchte in ihren „Cancer Journals“ dafür eine Sprache zu finden. Die Sprache überlebte, sie nicht.
Seit ich professionell schreibe, singe ich beim Joggen. Das ist mein Versuch, die eigene Stimme unter hoher körperlicher Anstrengung zu trainieren. Wenn wir singen, werden im Körper schmerzhemmende Stoffe ausgeschüttet, die zusätzliche Belastung beschleunigt diesen Effekt. Runner’s High. Euphorie und Rauschzustand. Es ist meine Illusion, einem anderen, unerreichbaren Körper ein Stück näher zu kommen: schmerzfrei, fluide-beweglich, unendlich. Das Resultat eines sich selbst disziplinierenden Körpers, das sich utopisch anfühlt.
Auch beim Schreiben wird meine Disziplin belohnt. Tiefe Konzentration. Flow. Der eigenen Existenz nicht mehr bewusst, nur der Wörter und wie sie klingen, Rhythmen bilden, verbinden, Syntax. Im Schreiben fließt mein Körper über vor Verlangen, ist zum Platzen voll mit zahllosen Vorstellungen von dem, was sein könnte. Den schreibenden Körper verstehe ich daher immer auch als trans* Körper, als eine sehnsuchtsvolle Ausrichtung auf das Werden. Ein schreibender Körper ist ein utopischer Körper, weil er zum Ort wird, an dem Utopien entstehen. Nichtorte, die wir im Schreiben bereisen.
Das plötzliche Stechen einer schlecht verheilten Narbe. Das Pochen an der Schläfe. Wenn mein Körper mir Grenzen setzt, Einspruch erhebt, erscheint er mir brutal real, reißt er mich doch heraus aus dem Anderswo des Schreibens und wirft mich zurück auf meine vergängliche Materialität, auf das kurze Hier und das noch kürzere Jetzt.
Wir können versuchen, uns von unseren versehrten Körpern wegzuschreiben. Wir können aber auch wie Woolf, Le Guin und Lorde zusammen mit ihnen das Schreiben neu erfahren. Der tödliche Einspruch kann so zu einem neuen Bewegen von Sprache werden.
Le Guin benennt in ihrem Essay die doppelte Angst, die ein sterblicher Körper in Bezug auf unser Schreiben auslösen kann: Angst davor zu sterben, bevor wir fertig werden. Angst davor, dass es uns umbringt, fertig zu werden. Das kenne ich. Wenn ich als junger Mensch mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert wurde, überkam mich manchmal die Angst, einen Text, der zu Hause auf mich wartete, nicht fertig schreiben zu können. Mein junger Körper wusste bereits, was Schreiben mir bedeutet. Der Gedanke, dass Schreiben mich umbringt, kommt mir erst, seitdem ich versuche, vom Schreiben zu leben. Denn die Bedingungen, unter denen diese Erwerbsarbeit stattfindet, sind prekär. Die Notwendigkeit, neben der Schreibarbeit noch anderen Lohnarbeiten und Care-Arbeiten nachzugehen. Selbst das professionelle Schreiben findet oft in der Freizeit statt, an Wochenenden, Feiertagen, Feierabenden und Nächten. Genau zu der Zeit, in der eigentlich zwischenmenschliches Leben passiert: Beziehungen, Erinnerungen, Zukünfte. Kaum davon leben zu können, bedeutet auch, dass Schreibarbeit immer noch viel zu oft das Privileg einer Klasse bleibt, die sich das Schreiben leisten kann.
Sonnenaufgang im Körper. Die Hitze der Antihormontherapie? Nein. Scham verbrennt mein Gesicht.
Ich schäme mich gegenüber meiner postmigrantischen Familie, zu der Frauen gehören, die alleinerziehend sind, in aufreibenden sozialen Berufen ihre Existenz bestreiten und Sorgearbeit für die eigenen Eltern leisten. Wenn ich an sie denke und daran, dass ich die Möglichkeit habe, einer Tätigkeit nachzugehen, von der ich kaum leben kann, bleibt mir die Luft weg.
Postchemo Polyneuropathie: Nervenschmerzen in Händen und Füßen. Fingerkuppen fließen wie aufgeschnittene Kabel über mit Spannung, wollen über die Tastatur neue Verbindungen herstellen. Unbekannte Welten, neue Identitäten und soziale Ordnungen. Gerade für marginalisierte, alternde, versehrte, queere, postmigrantische Körper sind utopische Zukünfte überlebenswichtig. Zukünfte für alle schreiben — das war immer mein Ziel als Science-Fiction-Autor:in.
Aber das reicht nicht. Nicht solange unsere Utopien unter prekären und klassistischen Produktionsverhältnissen geschrieben werden, die auf körperlicher Disziplinierung beruhen, und — was besonders schwer wiegt — bestimmte Körper von vorneherein ausschließen. Nicht Zukünfte für alle schreiben, sondern alle Körper am Schreiben beteiligen — das ist vielleicht die größere, die erstrebenswertere Utopie.
14. Februar 2020
Letztens hörte ich von einer Frage, bei der ich sofort laut loslachen musste: „How to break up with your parents?“ Wie man sich von seinen Eltern trennen kann? Natürlich gar nicht, wollte ich entgegnen. Kinder und Eltern bleiben aufeinander bezogen, ihr Leben lang. Selbst dann noch, wenn es zum offenen Bruch zwischen ihnen kommt. Das allerdings passiert immer häufiger. Von ihren Eltern entfremdete Erwachsene bevölkern die Therapiezimmer, die „verlassenen Eltern“ wiederum gründen Selbsthilfegruppen. Es ist aufschlussreich, sich diese Tendenz einmal nicht allein durch eine psychologische, sondern eine soziologische Brille anzusehen. Also nicht nur zu fragen, wie jede:r Einzelne mit dieser Entfremdung umgehen kann, sondern auch, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn in der Familie als der kleinsten sozialen Einheit die Entfremdung zwischen den Generationen den Normalzustand und nicht die Ausnahme darstellt.
In meinem Fall betrifft die Entfremdung vor allem das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater. Ich hatte immer Scheu davor, sie als solche zu benennen, denn ich fühlte mich seltsam schuldig ihm gegenüber. Verräterisch gar. Erst seit ich angefangen habe, über das Thema zu schreiben, entwickeln wir beide ein Bewusstsein dafür, dass die Entfremdung zwischen uns auch einem doppelten Milieuwechsel geschuldet ist.
Ich entstamme einer klassischen westdeutschen Mittelschichtsfamilie der Achtzigerjahre. Geldsorgen hatten wir nie, auch von Bildungsferne kann keine Rede sein, doch bin ich die erste Künstlerin (und auch die erste Akademikerin) meiner Familie. Mein Vater ist selbst ein Aufsteigerkind. Seine Eltern waren noch Kleinbauern, er selbst hat als Maschinenbautechniker den ersten „sauberen Beruf“ seiner Familie ausgeübt.
Das Verhältnis der vier Kapitalsorten, die laut dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu über unsere gesellschaftliche Stellung entscheiden — ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital —, gerät im Falle eines Milieuwechsels gehörig durcheinander. Als Heranwachsende habe ich das kulturelle Kapital in meiner Familie vermisst, das ökonomische für sekundär erklärt. Für meinen Vater ist und bleibt das bis heute radikal unerklärlich. Eine Zeit lang glich jedes Gespräch über den Wert und Sinn unseres jeweiligen Tuns einer Operation am offenen Herzen.
Die Beziehung zwischen uns kann exemplarisch stehen für viele andere Eltern-Kind-Beziehungen, und die Entfremdung ist sicherlich nicht allein auf die Differenz von Kunst versus Wirtschaft beschränkt. Auch die Tochter eines Verkäufers, die zur Ärztin aufsteigt, kann sie verspüren, oder der Sohn einer Vorstandsvorsitzenden, der beschließt, Gärtner zu werden. Ein Milieuwechsel kann zu dem führen, was der Psychoanalytiker Léon Wurmser Seelenblindheit nennt: dass also zwischen Eltern und Kindern kein oder kaum noch ein tieferes Verständnis für das Innenleben des jeweils anderen existiert.
Als kürzlich „Toni Erdmann“ in der ARD lief, war ich dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen dankbar. Im Zentrum des Films steht eine Vater-Tochter-Beziehung: Der Vater ist Lehrer und ein verschrobener 68er, die Tochter eine karriereorientierte Beraterin. Um seine Tochter aus den Klauen dieses feindlichen Umfelds zu retten, scheut der Vater keinen Slapstick, keine Fraggles-Perücke, kein Vampirgebiss und auch kein zaunhohes Zottelkostüm. Mein Vater war sichtlich bewegt von dem Film. Durch diese Geschichte, sagte er mir, sei ihm klar geworden, „was zwischen uns steht“. Nur dass in unserem Fall die Rollen vertauscht sind. Ich bin der Hippie im Zottelkostüm, und mein Vater ist derjenige, der versucht, mich vor den zeitweiligen Anökonomien meines Berufes zu retten: „Willst du nicht doch lieber Lehrerin werden?“
Mit zunehmendem Alter und auch seit ich selbst Kinder habe, verstehe ich seine Hilflosigkeit gegenüber meinem Milieu, an das er mich gefühltermaßen verloren hat. Es ist eine Welt, die er nur teilweise versteht und in der er mich entsprechend auch nicht beschützen kann. Es war immer klar, dass ich studieren würde. Meine Liaison mit dem literarischen Schreiben hielt er lange Zeit für „eine Phase“. Er fürchtete sich davor — auch weil es mich von ihm entfernte. Als Studierende stand ich vor einem Paradox: Ich sollte den Aufstieg fortschreiben und eine höhere Bildung erlangen als er selbst. Zugleich aber vermittelte mir mein Vater immer, ich solle mich keinesfalls allzu weit von meiner Herkunft entfernen. Nicht „abgehoben“ werden, am besten im Dorf wohnen bleiben. Kurz: Ich sollte bleiben wie er selbst. Daraus ergab sich für mich lange ein unauflöslicher Zwiespalt: „Wenn ich bleibe wie mein Vater, kann ich nicht schreiben. Und wenn ich schreibe, verrate ich ihn.“
Es verlangt Heranwachsenden einiges an Kraft ab, gegen dieses Gefühl des Verrats am eigenen Weg festzuhalten. Der Konflikt ist ein lebenslanger. Zeitlebens bleibt die Zerrissenheit zwischen dem Ich der Herkunft und dem gewordenen Ich der Gegenwart. Man kann das Dilemma vermutlich nicht loswerden. Aber man kann es in das eigene Handeln und Fühlen integrieren. Die Integration verläuft über einen schmalen Grat: zwischen Dankbarkeit und Undankbarkeit.
Mich überrascht immer wieder, wie verbreitet die Vorstellung ist, dass man als Kind seinen Eltern dankbar zu sein habe für das, was sie einem ermöglicht haben. Denn diese Vorstellung, Dankbarkeit zu schulden, enthält ja zugleich die Forderung, das Mitgegebene „in Ehren“ zu halten. Sich nicht davon abzuwenden. Ich gelobe hiermit feierlich: Ich werde das meinen eigenen Kindern nie, niemals abverlangen. Es ist nicht so, dass ich meinen Eltern nicht für vieles dankbar wäre. Für sehr vieles sogar. Aber alles in mir protestiert dagegen, Dankbarkeit als meine Kindespflicht anzuerkennen, also dankbar sein zu müssen. Auch mein Vater verwahrt sich dagegen. „Nichts zu danken“ ist ein geflügeltes Wort von ihm. Lange Zeit dachte ich, dass er mich trotzdem insgeheim als undankbar empfände. Dabei war er vor allem eines: besorgt, weil ich es mir „so schwer mache“, wo ich es doch „besser haben“ sollte als er selbst.
Ich glaube, dieses implizite Gebot der Dankbarkeit führt dazu, dass aus der notwendigen Emanzipation von den Eltern so häufig eine lebenslang belastende Entfremdung wird. Es ist ein mächtiges, uraltes, biblisches Gebot, das letztlich auf der Idee einer kindlichen Urschuld beruht, also der Schuld, die eigene Existenz den Eltern zu verdanken. Kein Kind aber hat sich freiwillig in die Welt begeben.
