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Liselotte Meyer-Fröhlich (1923–2014) war eine markante bürgerliche Frauenrechtlerin Zürichs, deren unerschrockene Art weit über die Kantonsgrenze hinaus wirkte. Die Juristin übernahm in den 1960er-bis 1980er-Jahren wichtige gesellschaftliche Funktionen und politische Ämter, insbesondere als Präsidentin der Zürcher Frauenzentrale und der Maternité Inselhof Triemli, als Gemeinde-und Kantonsrätin und als Stiftungsrätin des Frauenhauses Zürich. Ihr bewegtes Leben erscheint nun in einem Buch, verfasst von Personen aus ihrem privaten Umfeld sowie Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, die sich an die frühe Kämpferin für das Frauenstimmrecht erinnern. Lebendig werden ihre politischen Anliegen, Leistungen und (Miss-)Erfolge geschildert. Hervor tritt eine liberale, lebensbejahende Frau, die geschickt Allianzen zur Erreichung ihrer Ziele zu bilden wusste. Mit Beiträgen von Claudia und Christian Depuoz-Mantovani, Franziska Frey-Wettstein, Esther Girsberger, Andrea Gisler, Verena von Hammerstein-Rordorf, Isabelle Meier Meyer, Laura S. Meyer, Peter C. Meyer, Beat von Rechenberg, Lisbeth Sippel und Christoph Wehrli.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Peter C. Meyer (Hrsg.)
Politische Brücken bauenLiselotte Meyer-Fröhlich
Pionierin für Frauenrechte
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015 (ISBN 978-3-03810-096-6) Redaktion: Esther Girsberger Lektorat: Regula Walser, Zürich Titelgestaltung: GYSIN [Konzept+Gestaltung], Chur Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts. ISBN E-Book 978-3-03810-123-9 www.nzz-libro.ch
Vorwort
01| Liselotte Meyer-Fröhlich: Herkunft, Lebenslauf und Erinnerungen
Peter C. Meyer
Dieter von Schulthess erinnert sich
02| Spannungen in der Modernisierung. Frauenpolitik im Kontext des Wandels von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren
Christoph Wehrli
Moritz Leuenberger erinnert sich
03| Der 5MC – Der Klub von fünf Freundinnen aus der Sekundarschulzeit
Verena von Hammerstein-Rordorf
Margrit und Jacob Schmidheiny erinnern sich
Bildteil
04| Liselotte Meyer-Fröhlich – Erinnerungen an meine politische Gotte
Franziska Frey-Wettstein
Ernst Homberger erinnert sich
05| Liberal – beharrlich – kameradschaftlich
Interview von Esther Girsberger mit Claudia und Christian Depuoz
Regine Aeppli erinnert sich
06| Liselotte Meyer-Fröhlich in der Zürcher Frauenzentrale
Andrea Gisler
Felix Gutzwiller erinnert sich
07| Zähe Kämpferin für junge, unverheiratete Mütter
Isabelle Meier
Susanne Bernasconi-Aeppli erinnert sich
08| Das erste Frauenhaus in Zürich – eine Herzensangelegenheit von Liselotte Meyer-Fröhlich
Lisbeth Sippel
Marianne de Mestral erinnert sich
09| Liselotte auf Reisen mit Anwälten
Beat von Rechenberg
Anton Schaller erinnert sich
10| Liselotte Meyer-Fröhlich als Grossmami
Laura S.Meyer
Anhang
Autorinnen und Autoren
Bildnachweis
Vorwort
Die alten Zürcher Familien seien humorlos, engstirnig, schwierige Fragen tabuisierend, konservativ, neurotisch und lebensfeindlich. So zumindest schildert Fritz Zorn in seinem 1977 erschienenen, viel beachteten Buch Mars die bürgerlichen Verhältnisse Zürichs.
Liselotte Meyer-Fröhlich war eine Repräsentantin der alten Zürcher Familien. War sie also typisch für das Zürcher Gross- und Bildungsbürgertum, wie es Fritz Zorn beschreibt? Ich bin aufgrund vielfältiger Beobachtungen und Erfahrungen überzeugt, dass diese Stereotype falsch sind. Die Stärken des Zürcher Bürgertums liegen meines Erachtens gerade darin, dass es offen, interessiert und heterogen ist, weil es seit seiner Entstehung im Mittelalter Neues aufnimmt und kreativ assimiliert. Neben dem Opernhaus hat Zürich Dada und das Cabaret Voltaire, neben dem Sechseläuten die Street Parade. Hinter dem gediegenen Rathaus stand vorübergehend ein rostiger Hafenkran aus Rostock. In der Nähe der traditionsbewussten Confiserie Sprüngli hat sich der europäische Google-Hauptsitz niedergelassen.
Liselotte Meyer-Fröhlich verkörperte genau diese Zürcher Offenheit, Lebendigkeit und Widersprüchlichkeit. Eigenschaften, die Neues bewirken oder zumindest zulassen, die Spass machen und zukunftsweisend sind.
Es ist deshalb auch unmöglich, die freisinnige Politikerin Liselotte Meyer-Fröhlich einzuordnen. Sie war weder eine Linke noch eine Grossbürgerin vom Zürichberg, weder Feministin noch Suffragette, auch wenn sie vielleicht von all dem etwas hatte. Liselotte Meyer-Fröhlich war aber in allererster Linie äusserst vielseitig. Sie hatte Ecken und Kanten, ging offen auf jeden Menschenschlag zu. Sie hatte viele Freunde und Verehrerinnen aus allen Schichten, verärgerte aber auch manche Repräsentanten, die stur und unbeweglich waren.
Genau diese Vielfältigkeit zeigen die verschiedenen Beiträge dieses Buches über Liselotte Meyer-Fröhlich. Sie umfassen subjektive Erinnerungen und Anekdoten sowie sehr persönliche, ja intime Erzählungen. Geschildert wird eine fröhliche, engagierte und beliebte Frau mit Macken, die über sich selber schallend lachen konnte. Beschrieben wird eine Persönlichkeit, die hartnäckig ihre Ziele und Überzeugungen vertrat, die frech über andere lachen konnte und dadurch ab und zu auf sanfte Gemüter beleidigend oder gar elitär wirken konnte. Das Buch beschreibt aber auch eine Frau, die Kritik selbstironisch annehmen konnte, eine Frau, die nicht beleidigend wirkte und schon gar nicht nachtragend war.
Subjektiv und erlebnisbasiert sind die Beiträge von Verena von Hammerstein-Rordorf über den Mädchenklub der Sekundarschulzeit, das Interview mit Claudia und Christian Depuoz über Erinnerungen und Anekdoten aus dem Gemeinderat sowie die Schilderungen von Franziska Frey-Wettstein aus ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Liselotte Meyer-Fröhlich in der Freisinnigen Partei, im Verein Inselhof und im Gemeinderat. Beat von Rechenberg schildert seine Erlebnisse mit Liselotte auf den Reisen der Zürcher Rechtsanwälte, an denen sie noch als über 80-Jährige freudig und unternehmenslustig teilnahm.
Die Publikation enthält aber auch objektiv-historische Analysen über den zeitgeschichtlichen Kontext und über die politischen und sozialen Leistungen der Protagonistin. Diese Beiträge befassen sich mit den sozialen und politischen Aktivitäten von Liselotte Meyer-Fröhlich in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. So beschreibt Isabelle Meier den hartnäckigen Kampf Liselotte Meyer-Fröhlichs als Präsidentin des Trägervereins Inselhof für die Maternité Triemli. Andrea Gisler blickt auf die Leistungen von Liselotte Meyer-Fröhlich als Präsidentin der Zürcher Frauenzentrale zurück. Der Bericht von Lisbeth Sippel über die Unterstützung des Frauenhauses ist geprägt durch einen stark historisch-dokumentarischen, objektiven Charakter. Der Beitrag von Christoph Wehrli schliesslich analysiert den gesellschaftlichen und politischen Kontext, in dem die Protagonistin tätig war.
In meinem eigenen Beitrag als Sohn von Liselotte Meyer-Fröhlich zeige ich als Erstes ihre familiäre Herkunft auf. Wir sind Nachkommen alter Zürcher Familien, deren die Stadt in Museen gedenkt und denen sie Strassen gewidmet hat: die Fröhlichstrasse im Stadtquartier Seefeld und die Conrad-Ferdinand-Meyer-Strasse in Zürich-Enge. Der Hauptteil meines Beitrags sowie der Beitrag von Enkelin Laura Meyer enthalten sehr persönliche Erlebnisse und Schilderungen des Privatlebens von Liselotte Meyer-Fröhlich, die sie spürbar und menschlich fassbar machen. Ihre Vitalität, ihre Lebensfreude sowie die liebevolle urgrosselterliche, grosselterliche und elterliche Förderung der Nachkommen macht das Buch zur Antithese der Abrechnung von Fritz Zorn mit dem vermeintlich lebensfeindlichen Zürcher Bürgertum.
Die zehn Beiträge werden bereichert durch neun kurze Erinnerungstexte prominenter Zeitzeugen, die erläutern, wie stark Liselotte Meyer-Fröhlich von vielen Menschen beachtet, geachtet und zum Vorbild wurde.
01
Liselotte Meyer-Fröhlich:Herkunft, Lebenslauf und Erinnerungen
Peter C.Meyer
Ein Leben in gemeinnützigem Einsatz für Frau, Mutter und Kind
Es leben wohl nur noch wenige Zeitgenossinnen, die eine Niederlage von drei bis vier Frauenstimmrechtsabstimmungen ertragen mussten. Diese Enttäuschungen prägten die Jugendzeit von Liselotte Meyer-Fröhlich und machten sie wütend auf das «Volk» der Männer. Es brauchte viel Zeit und Überwindung, den Volkswillen als oberste Macht positiv anzuerkennen. Dass die Abstimmung «gleiche Rechte für Mann und Frau» (deren befürwortendes Komitee Meyer-Fröhlich präsidierte) und das neue Eherecht (in dessen befürwortendem Komitee Meyer-Fröhlich mitarbeitete) positiv abschlossen, immerhin über zehn Jahre nach dem Erreichen des Frauenstimmrechtes, versöhnte Meyer-Fröhlich mit der Politik.
Nach dem abgeschlossenen Jusstudium, ihrer Heirat mit Rechtsanwalt Dr. Hans Meyer und der Geburt von zwei Buben setzte sich Meyer-Fröhlich in unermüdlichem Einsatz für Frau, Mutter und Kind ein. Sie präsidierte während zwanzig Jahren die Maternité Inselhof Triemli, der eine Schwesternschule für Mütter und Säuglinge, ein Mütterheim, ein Kinderheim und eine Krippe angegliedert waren. Gleichzeitig leitete sie die Zürcher Frauenzentrale, den Dachverband der kantonalzürcherischen Frauenorganisationen, deren Zweck es ist, die Frauen zu fördern, weiterzubilden in Fragen der Schulung, Wirtschaft und Politik (Unterstützung bei der Wahl in politische Gremien). Dazu kamen Mitarbeit bei der Stiftung «Frauenhaus», dreissig Jahre Mitarbeit bei der Eingliederungsstätte «Appisberg» in Männedorf mit Übernahme des Betriebspräsidiums etc.
Dann kam unweigerlich die Politik dazu. Vorgeschlagen von der Freisinnigen Frauengruppe, wurde Meyer-Fröhlich in den Gemeinderat von Zürich gewählt und anschliessend in den Kantonsrat. Der politische Höhepunkt war das Präsidium der gemeinderätlichen Geschäftsprüfungs-Kommission (GKP) als erste Frau. In den 1970er- und 1980er-Jahren vertrat Meyer-Fröhlich in den Parlamenten neben den Anliegen der Frauen auch Fragen zu Gesundheit, Schulproblemen und sozialen Anliegen.
Jetzt ist ihr Leben ruhiger geworden. Ihre grosse Familie mit drei Urenkeln bedeuten ihr Abwechslung und Freude.1
Diesen Text (wörtliche, ungekürzte Abschrift) hat meine Mutter Liselotte Meyer-Fröhlich am 8.Mai 2012 im Hinblick auf ihren 90.Geburtstag verfasst. Ich verstehe ihren Text als rückblickende Übersicht über ihr politisch-soziales Leben.
Herkunft: Familien Fröhlich und Gut
Für die Geburt meiner Mutter Liselotte Meyer-Fröhlich am 9.Juli 1922 in Zürich reisten ihre Eltern Hans «Daddy» Fröhlich (1887–1979) und Elisabeth «Lisa» Fröhlich-Gut (1897–1928) aus Bombay an, wo ihr Vater als Kaufmann für eine britische Firma im Baumwollhandel arbeitete. Kurz nach der Geburt kehrte die kleine Familie gleich wieder zurück nach Indien; dies war damals eine dreiwöchige Reise mit Eisenbahn und Dampfschiff.
Familie Fröhlich
Der Grossvater von Liselotte, Johannes Fröhlich (1855–1911), zog von Bülach nach Zürich und wurde Waisenrat und Leiter des Zürcher Waisenhauses, das an der Urania im Stadtzentrum stand, dort wo sich heute das Hauptquartier der Stadtpolizei befindet. Die Grossmutter (meine Urgrossmutter) Bertha Fröhlich-Meyer (1863–1952), «Grossmüetti» genannt, lebte nach dem frühen Tod ihres Mannes noch 41Jahre als Witwe und hatte eine grosse Bedeutung im Leben meiner Mutter, weil sie als gestrenge Haushaltsvorsteherin von 1928 bis 1947 den Haushalt dominierte, in dem Liselotte lebte. Liselotte hatte überwiegend schlechte Erinnerungen an sie. Johannes und Bertha Fröhlich hatten zwei Kinder: Hans (1887–1979), den Vater von Liselotte, und Bertha, «Tanti» genannt (1889–1981), die nach dem frühen Tod von Liselottes Mutter Lisa als Mutterersatz einsprang und ein Leben lang die Familie ihres Bruders einschliesslich seiner Enkel (also auch mich) betreute und umsorgte.2
Über die Vorfahren der Familie Fröhlich ist zwar wenig bekannt, aber es gibt immerhin einen prominenten Vorfahren, nach dem in der Stadt Zürich eine Strasse im Seefeld benannt ist und von dem ein grosses Ölgemälde im Schweizerischen Landesmuseum hängt: Wilhelm Fröhlich (1504–1562), der trotz Zwinglis Reislaufverbot als Söldnerführer in französische Dienste trat, sehr erfolgreich für die Franzosen kämpfte und Oberst wurde. 1556 wurde er vom französischen König in den Adelsstand erhoben. Als Söldnerführer verlor er das Zürcher Bürgerrecht und zog nach Bülach, dem Bürgerort der Familie Fröhlich vom 16. bis zum 19.Jahrhundert. Im Landesmuseum hängt das Porträt von Wilhelm Fröhlich (1549 von Hans Asper gemalt) in der Dauerausstellung «Geschichte der Schweiz» im Teil über die wirtschaftliche Entwicklung. Hier wird dargestellt, woher in der Schweiz das Geld für die frühe Industrialisierung und die erfolgreichen Banken kam. Ein wesentlicher Faktor waren die Erträge aus dem Söldnerdienst, und dafür wird im Museum exemplarisch der Söldneroberst Fröhlich gezeigt.
Abenteuer, Unternehmertum und internationale Mobilität sind typische Merkmale der Fröhlich-Männer: vom Söldneroberst in Frankreich zum Baumwollhändler in Indien zum Bruder von Liselotte, Hans Fröhlich (1924–2006), der als Dipl. Ing. Agronom ETH 1952 in die USA auswanderte, dann aber 1970 mit seiner Familie nach Zürich zurückkehrte und bis zu seiner Pensionierung in leitender Stellung in der Firma Maag in Dielsdorf arbeitete. Hans war gesellig, fröhlich, reiselustig und hatte, wie sein Vater, immer viel zu erzählen von Erlebnissen im Ausland. Mein Vater Hans Meyer-Fröhlich führte ihn in die Zunft zur Saffran ein, wo er sich wohlfühlte, an keinem Anlass fehlte und neue Kontakte knüpfen konnte, die während der 18Jahre in den USA etwas verloren gegangen waren.
Hans Fröhlich heiratete 1953 Gerda Peter und hatte mit ihr zwei Kinder: Silvia (1955–2006) und Hans (geb. 1958). Hans heiratete die Perserin Navideh Azali (geb. 1960), mit der er vier Kinder aufzog: Roxana (geb. 1988), Shayan (geb. 1991), Mandana (geb. 1995) und Taraneh (geb. 1996).
Familie Gut
Liselottes Mutter Lisa (1897–1928) war das erste Kind aus der zweiten Ehe von Friedrich Gut (1853–1916) mit Elisabeth Weiss. Mit seiner ersten Ehefrau Wilhelmina Gut-Müller hatte Friedrich Gut fünf Kinder. Wilhelmina starb kurz nach der Geburt des fünften Kindes an Kindbettfieber.
Friedrich Guts Bruder, Rudolf Gut,hatte zwei Kinder: Rudolf und Lina «Tante Lineli», die den Arzt Jakob Berchtold von Uster heiratete. Lina und Jakob Berchtold-Gut wiederum hatten drei Söhne. Der jüngste Sohn, Hans Berchtold (1918–1962), wurde ein Studienkollege und enger Freund von meinen Eltern Hans und Liselotte Meyer-Fröhlich und mein Götti; von ihm wird noch die Rede sein.
Friedrich Gut wuchs in Volketswil auf, kam nach Zürich und wurde erfolgreicher Textilunternehmer im Gross- und Detailhandel. In Zürich baute er 1912 ein stattliches Haus an der Walchestrasse 9, in dem die Familie wohnte und ein Textilladengeschäft führte. Die drei jüngeren Geschwister von Lisa waren: 3
■ Max Gut-Glaser (1898–1988) wurde Mathematiker und Physiker, Lehrer am Realgymnasium Zürichberg und Titularprofessor für Mathematik an der Universität Zürich und hatte zwei Kinder: Charlotte «Lotti» (geb. 1948)4 und Martin (1946 –2013), die beide in Naturwissenschaften promoviert haben.
■ Klara Gut (1899–1986), «Tante Clärli»5 blieb ledig, kinderlos und glücklich dabei. Sie war allseits beliebt, kommunikativ und die zentrale integrative Person der Familie Gut. Ich habe sie noch in bester Erinnerung. Tante Clärli führte als erfolgreiche Geschäftsfrau zuerst einen eigenen Kleiderladen im Vaterhaus an der Walchestrasse 9, später wurde sie Filialleiterin des Kleidergeschäfts Kofler im Zentrum von Luzern. Hier wohnte sie dann auch bis zu ihrem Tod in einem prächtigen Haus an der Gesegnetmattstrasse 16, wo wir sie ab und zu besuchten. Tante Clärli war gut befreundet mit Hans «Daddy» Fröhlich, dem ab 1928 verwitweten Vater von Liselotte. An der Hochzeit von Hans und Liselotte 1947 traten Vater Hans Fröhlich und Clärli zusammen auf; auf einigen Fotos sind die beiden denn auch als hübsches und fröhliches Paar erkennbar (Bild 11). Aber Clärli wollte selbstständig bleiben. Dass Daddy um sie, die jüngere Schwester seiner verstorbenen Ehefrau Lisa, geworben hatte, ist nur meiner Phantasie entsprungen, Belege dafür habe ich keine, abgesehen von den Fotos. Clärli wurde 87Jahre alt. Ich mag mich gut an ihr Begräbnis im Friedhof Sihlfeld erinnern. Clärli war ganz gegen Pfarrer und Religion und wollte explizit keine Abdankung. Meine Mutter Liselotte hat dann aber bei der Urnenbeisetzung eine berührende Ansprache gehalten; offenbar war sie von der Familie Gut dazu auserkoren worden, oder vielmehr wollte oder konnte das niemand anders, auch kein männlicher Verwandter.
■ Werner Gut (1900–1983) übernahm die Textilfirma (Produktion und Verkauf) seines Vaters und wurde erfolgreicher Geschäftsmann. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Anfang der 1940er-Jahre Oberst und Kommandant des Gebirgsregiments 12 der Schweizer Armee. Werner war der Götti von Liselotte, aber er hatte keine enge Beziehung zu ihr.
Liselotte hatte in der weitverzweigten Familie Gut eigentlich nur zu Tante Clärli einen engeren Kontakt. Seit Clärlis Tod 1986 hatte sie und habe auch ich praktisch keinen Kontakt mehr zur Gut-Verwandtschaft.
Als Kleinkind in Indien
Liselottes Familie wohnte in einer grossen Villa in Bombay, mit einem «Dienstmädchen» aus der Schweiz und zahlreichen Inderinnen und Indern, die als Dienstpersonal angestellt waren. Mehrere indische Angestellte kümmerten sich um die kleine Liselotte, zum Beispiel der «treue Rama», «ihre Ayah» und die indische «Nurse Davies» (siehe Bild 2).
In der heissen, feuchten Monsunzeit von Juli bis Oktober zogen die Fröhlichs jeweils in ein stattliches Ferienhaus nach Nasik im Landesinneren. Für die Geburt von Liselottes Bruder Hans im Juni 1924 reiste die Familie wiederum nach Zürich, dann gleich wieder zurück nach Bombay. Als kleines Mädchen lebte Liselotte im Alltag vor allem mit indischen Kindern und indischem Personal zusammen, sodass sie bald besser Hindi als Schweizerdeutsch sprechen konnte.
Mutter Lisa hatte gemäss den Normen der indischen Gesellschaft wenig Hausarbeit zu leisten, da dies die Aufgabe der zahlreichen Dienerinnen und Diener war (siehe Bild 5). In einem Brief aus Bombay an ihre Mutter in Zürich beschreibt sie ihren indischen Alltag, der wohl etwas langweilig war. Sie hatte zum Beispiel von ihrem Mann gezeichnete «reizende Motivli auf die Kakihösli» von Liselotte gestickt und fast jeden Tag Tennis gespielt, trotz grösster Hitze. Sie schreibt wörtlich: «Ich arbeite so viel ich mag und kann jeden Tag spazieren fahren und habe ein so gesundes, liebes Kindli, das mir ungeheuer viel Freude macht.» An Wochenenden und in den Ferien war die Familie zusammen und vergnügte sich öfter am Strand (siehe Bilder 3 und 4).
Schulzeit in Meilen am Zürichsee
Im Jahr 1927, als Liselotte fünfjährig und ihr jüngerer Bruder dreijährig war, zog die Familie in die Schweiz zurück und lebte zuerst ein Jahr in Klosters. Mutter Lisa Fröhlich-Gut starb 1928 an einer Angina, die damals nicht wirksam behandelt werden konnte. Liselotte war also erst sechsjährig, als sie Halbwaise wurde und de facto Vollwaise, weil ihr Vater in Indien geblieben war, wo er bis 1936 arbeitete. Liselotte und ihr Bruder wurden vom «Grossmüetti», ihrer strengen Grossmutter, und vom «Tanti», der Schwester ihres Vaters, erzogen (siehe Bild 7). Der Vater kam nur ab und zu auf Besuch in die Schweiz. Bild 6 zeigt die Familie bei einem Besuch des Vaters. Liselotte liebte den Ort, wo sie wohnten, den sogenannten Schynhuet in Obermeilen, direkt am See, und hatte ihn stets in bester Erinnerung. Die Natur und die Freundschaft mit anderen Kindern konnten die fehlende Elternliebe teilweise ersetzen. Die Familie blieb bis 1937 in Obermeilen, wo Liselotte die Primar- und die Sekundarschule besuchte (vergleiche den Beitrag ihrer Schulfreundin Verena von Hammerstein-Rordorf in diesem Buch).
Meine Mutter bewunderte und liebte ihren abenteuerlichen, unternehmungslustigen, fröhlichen und auch kreativen Vater, auch wenn sie in ihrem Leben immer wieder lange Zeit von ihm getrennt war. Ihr liebster Aufenthaltsort war das von ihrem Vater im Jahr 1940 gebaute Chalet Fröhlich in Braunwald, wo sie, wie ihr Vater und ihr späterer Mann Hans, Bergtouren machte (aber ohne weibliches Vorbild) und Skifahren ging. Ihre Dissertation hat sie ihrem Vater gewidmet.6
Gymnasium und Studium in Zürich
1937 zog die Familie an die Streulistrasse unterhalb des Klusplatzes im Zürcher Stadtkreis 7. Der Kreis 7, der Zürichberg, blieb bis zu Liselottes Lebensende ihr Wohnort und das Lebenszentrum. Sie besuchte das Gymnasium der städtischen Töchterschule Hohe Promenade, die im 19.Jahrhundert von der Stadt Zürich gegründet worden war, weil die kantonalen Gymnasien den Knaben vorbehalten waren. Von den Maturandinnen ihrer Klasse begannen 13 ein Studium, aber nur 5 oder 6 schlossen es ab. Zu ihnen gehörte Liselotte; sie studierte von 1942 bis 1947 Jus an der Universität Zürich und schloss mit dem Doktortitel ab; damals der einzig mögliche Universitätsabschluss.
Zusammen mit Liselotte begannen an der Universität etwa 100Studierende ein Jus-Studium im Hauptfach, davon nur etwa 5Prozent Frauen. Als 88-Jährige erinnerte sich Liselotte in einem längeren Interview noch sehr genau an diese Zeit. Das Interview wurde von einer Studentin im Jahr 2010 im Rahmen einer Proseminararbeit durchgeführt.7 Liselotte erhielt nicht nur die fertiggestellte Arbeit, sondern auch das methodisch sorgfältig verfasste Transkript, in dem die Antworten wörtlich wiedergegeben sind. Im Interview äusserte sich Liselotte ausführlich zum Studium und zu ihren Erfahrungen in der Politik.
Die Studentinnen wurden von einigen Professoren und Studenten nicht wirklich ernst genommen. Dazu Liselotte:
«Man ist von vielen Studenten so begrüsst worden: So Liselotte, suchst du einen Mann, einen Akademiker? Einem, der das immer wieder zu mir gesagt hat, er ist dann Professor geworden an der juristischen Fakultät, habe ich geantwortet: ‹Hör zu, ich schliesse vor dir ab.› Und ich habe vor ihm abgeschlossen … Wobei ich mit cum laude und er mit summa cum laude … Aber ich hätte das summa gar nicht gebraucht, ich wollte einfach abschliessen.»8
Diese Haltung behielt Liselotte bei: effizient studieren, keine akademischen Lorbeeren, aber noch viel anderes daneben. Sie war kein Kind von Traurigkeit! Das Studium bestand damals primär aus Vorlesungen, deren Besuch nicht obligatorisch war, jedenfalls nicht überprüft wurde. Es gab bis zum Schluss des Studiums weder Zwischenprüfungen noch irgendwelche Leistungskontrollen.
Liselotte hatte das Studium in allerbester Erinnerung. Sie hat mir manchmal gesagt, das sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen, wobei es eben nicht nur ums Studieren ging, sondern um eine optimale Gestaltung der grossen studentischen Freiheiten, die damals riesig waren. Dazu Liselotte im genannten Interview:
«Am Schluss war es dann ein ‹Sauchrampf› gewesen. Dann musste man alles innert eines Jahres ‹duredrucke› … Zuerst die schriftlichen, dann die mündlichen Prüfungen. Das war ein Krampf. Aber vorher da hatten wir es wunderschön, dann ging man halt baden oder Ski fahren oder in Genf9 gingen wir Tennis spielen.»10
Liselotte war meist eine fröhliche Optimistin, hat aber auch viele schwere Zeiten durchgestanden. Das Leben damals war keineswegs ein unbeschwertes Luxusleben. Sie hat in der Jugend und im Studium die Zeiten der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre und den Zweiten Weltkrieg erlebt. Aus dieser Zeit stammt auch ihre sprichwörtliche Sparsamkeit, gestärkt durch die zwinglianisch-protestantische Ethik des Zürcher Bürgertums.
Im Zweiten Weltkrieg war Liselotte im freiwilligen Landdienst und im militärischen Frauenhilfsdienst (FHD) tätig, während ihr Freund Hans Meyer, mein Vater, als Leutnant im Aktivdienst der Schweizer Armee diente. Der Krieg war eine harte, aber doch auch fröhliche Zeit (siehe Bild 8). Liselotte blieb dem FHD und ihren Dienstkameradinnen der Funkerkompanie 7 bis zum Ende ihres Lebens verbunden (siehe Bild 18). Im Urlaub traf sie so oft wie möglich ihren Freund. Viele Fotos zeigen die beiden als fröhliches Soldatenpaar in Uniform (siehe Bild 9), denn damals wurde die Uniform selbstverständlich auch im Urlaub getragen. Die Zeit des Aktivdiensts und das Leben während des Zweiten Weltkriegs haben sie zeitlebens geprägt.
Im Jahr 1947 beendete Liselotte als 24-Jährige ihr Studium mit einer Dissertation mit dem Titel Das Delikt der Aussetzung im schweizerischen Strafrecht und erwarb damit ihren Doktortitel. Eine beeindruckende Leistung, wenn wir bedenken, in welch kurzer Zeit sie, bei gleichzeitigem freiwilligen Engagement im Landdienst und im militärischen Frauenhilfsdienst, ihr Studium absolviert hat.
Ihre Dissertation ist auch inhaltlich interessant. Sie analysiert darin das Delikt der Aussetzung und kommt in ihren Schlussfolgerungen zu einem Postulat: Sie fordert einen neuen Artikel für das Schweizerische Strafgesetzbuch. Ein Zitat aus den Schlussfolgerungen der Dissertation weist bereits auf ihr späteres sozialpolitisches Engagement hin:
«Alle diese Erwägungen rufen dringend nach einem Lebens- und Gesundheitsgefährdungsdelikt. Selbstverständlich darf ein solcher Tatbestand sich nur auf krasse Fälle beschränken.11
Der von mir vorgeschlagene Artikel würde lauten: Wer einen Menschen wissentlich und gewissenlos einer Gefahr für das Leben oder einer schweren Gefahr für die Gesundheit aussetzt, wird mit Zuchthaus bis zu drei Jahren oder mit Gefängnis bestraft. Hat der Täter für das Opfer zu sorgen oder steht es unter seiner Obhut, so ist die Strafe Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängnis nicht unter einem Monat.»12
Liselotte ging es dabei nicht darum, möglichst viele Menschen ins Zuchthaus oder ins Gefängnis zu bringen, sondern sie wollte, dass die ethische Verpflichtung der Fürsorge und Solidarität gesetzlich festgelegt wird und dass die Menschen von verantwortungslosem Handeln abgehalten werden. In der Dissertation wird die ethische Grundhaltung von Liselotte deutlich: ein lebenslanges Engagement für die Schwachen, Hilflosen und Rechtlosen.
Liebe im und nach dem Zweiten Weltkrieg
Liselotte hatte zwar nicht studiert, um einen Mann zu finden – aber sie fand ihn trotzdem unter den Jus-Studenten. Ab ihrer Konfirmation 1939 bis Ende 1958 schrieb sie regelmässig und ausführlich Tagebuch. Elf Tagebücher sind erhalten und liegen mir vor.13 Besonders amüsant sind die Einträge in den Jahren 1942/43, als sie das Gymnasium mit der Matur abschloss, volljährig wurde, das Studium begann, einen Tanzkurs besuchte, oft an Anlässe ging, an denen am Schluss getanzt wurde, manchmal die ganze Nacht durch, wie sie offensichtlich von einigen Männern umworben wurde, dann meinen Vater kennenlernte und ihm fortan für den Rest ihres Lebens treu blieb.14 Die Zeiten waren allerdings hart. Nachdem Fleisch und Schokolade bereits rationiert waren, wurde in der Schweiz, gemäss Tagebuch vom 16.Oktober 1942, die Rationierung von «Brot, Zwieback, Guetzli und Milch» eingeführt. Am 7.November 1942 schrieb Liselotte, die immer am Weltgeschehen interessiert war: «Landung der Amerikaner und Engländer in Marokko und Algerien! Das haben die Deutschen nicht gespannt. Ha, jetzt wird es vorwärtsgehen!!»
