Port Sudan - Olivier Rolin - E-Book

Port Sudan E-Book

Olivier Rolin

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Beschreibung

Viele Jahre lang führt der Erzähler dieses Buchs Frachtschiffe die afrikanische Küste entlang, bevor er in Port Sudan strandet, der größten Hafenstadt am Roten Meer. Dort verdingt er sich als Hafenmeister, obwohl diese Aufgabe eher symbolisch ist, denn nur noch selten löschen Schiffe in diesem verlorenen Teil der Erde ihre Fracht. Seine mageren Einkünfte stammen aus den wenigen Schwarzmarktgeschäften, die ihm die hiesigen Schutzgelderpresser gestatten: ein bisschen Alkohol, ein paar Kathblätter … Eines Tages erreicht ihn ein Brief aus Paris. Sein Freund A. hat sich das Leben genommen, aus Verzweiflung über eine gescheiterte Liebesbeziehung. Am Abend vor seinem Tod wollte A. einen Brief schreiben, "Lieber Freund" waren jedoch die einzigen Worte, die er zu Papier brachte. Zufällig verlässt gerade ein Schiff Port Sudan in Richtung Marseille. Der Erzähler beschließt, nach Frankreich aufzubrechen, um die Botschaft seines Freundes, die vielleicht für immer verloren ist, zu rekonstruieren.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Olivier Rolin

Port Sudan

Roman

Aus dem Französischenvon Holger Fock und Sabine Müller

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel

»Port-Soudan« bei Éditions du Seuil, Paris.

© Éditions du Seuil 1994

© Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2021

Alle Rechte vorbehalten

Covermotiv: Keystone-France / Getty Images

Covergestaltung: Robert Gigler, München

eISBN 978-3-95438-139-5

Für Maline

INHALT

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

ANMERKUNGEN

»Port Sudan ist der einzige Hafen im Sudan, in den große Schiffe mit einer Länge von bis zu 277 m und einem Tiefgang von 11,3 m bei Tankern und 10,5 m bei anderen Schiffen einlaufen können. (…) Von Juli bis September können aus Südost bis West heftige und unvorhersehbare Winde wehen, die bis zu Stärke 8 auf der Beaufort-Skala erreichen. Südwestliche Böen, »Haboobs« genannt, führen Sand und Staub mit sich; die Sichtweite beträgt dann weniger als 100 m und die Temperaturen steigen auf bis zu 52°C. Während dieser Zeit müssen Schiffe, die nicht am Pier liegen, in der Reede an einer Boje festmachen, anstatt vor Anker zu gehen.«

Handbuch für die Seefahrt, Westküste des Roten Meers.Von JAZA’IR nach RAS KASAR.

1

Von A.s Tod habe ich in Port Sudan erfahren. Die Unzuverlässigkeit der Post in diesen Ländern bewirkte, dass mich die Nachricht vom Ableben meines Freundes erst lange Zeit nach seinem Tod erreichte. Ein zerlumpter, von Lepra entstellter Beamter, der einen großen schwarzen Revolver in einem Halfter trug, das mit einem Peitschenriemen aus geflochtenem Büffelleder an seinem Gürtel befestigt war, übergab mir gegen Ende des Tages den Brief. Auf seinem lippenlosen Gesicht mit Ohren wie ein Hahnenkamm lag ein ewiges Grinsen. Als wäre sein Körper eine hämische Fratze aus einem geschnitzten Totentanz. Wie bei fast allen, die in der Stadt überlebten, waren Erpressung und Mord seine Hauptbeschäftigungen. Ich weiß nicht, wie er an das Kuvert kam. Vielleicht hatte er es dem Tod selbst gestohlen.

Ich zittere beim Schreiben dieser Zeilen. Auf dem schlechten Papier des Notizhefts, das ich in Khartum gekauft habe, als mich eine Bande von Polizisten vorgeladen hatte, um mich endlos zu schikanieren und zu bedrohen, entgleitet mir die Kontrolle über die Buchstaben, meine Hand schlingert im Zickzack zwischen den Schreiblinien. Der Schweiß, der von meiner Stirn tropft, besprenkelt das Papier mit glasigen Flecken, in denen sich die Tinte sternförmig ausbreitet und wie ein freigelegter Nerv verzweigt, um dann zarte bläuliche Wolken zu bilden. Werde ich meinen Bericht noch einmal lesen können? Ich weiß es nicht. Ich schreibe diese Zeilen, um irgendwie zu überleben. Ich nehme an, es gibt keinen anderen Grund, um zu schreiben. Ich sage, ich schreibe das auf, doch ich weiß nichts darüber: Was weiß man schon?

Die Sonne war rot und zitterte, als sich meine Hand auf den großen, bebenden Körper von Afrika legte. Im leuchtenden Nebel verschwammen die Flachdächer von Port Sudan, Blechabdeckungen oder nackte Hohlsteinflächen, die mit Wassertanks gespickt waren. Mit diesen Türmchen, deren schwarze Silhouetten sich vor der ultravioletten Dämmerung abhoben, sah die Stadt am Ende des Tages aus wie eine von Wachtürmen umgebene Strafkolonie. Zu Tode gelangweilt trank ich auf meiner Veranda einen geschmuggelten hochprozentigen Anislikör, der von einem der wenigen griechischen Frachter stammte, die vor langer Zeit die sandigen Wellenbrecher des Hafens passiert hatten. Ich muss zugeben, dass dieser Brief, mit dem etwas in meinem Leben zu Ende ging, auf den ersten Blick eine willkommene Abwechslung war.

A. und ich hatten uns vor rund fünfundzwanzig Jahren kennengelernt. Damals teilten wir große, vage Hoffnungen. In ihnen mischte sich die Vorstellung von einer Veränderung der Welt mit der Erwartung eines abenteuerlichen Lebens. Ich werde diese Zeit niemals gering schätzen noch mich denen anschließen, die darüber lachen. Neben vielen ernsten oder heiklen Dingen, die wir in der Folge kennenlernten, kannten wir damals keine Angst, Eifersucht oder Feigheit. Wir glaubten weder an Gott noch den Teufel und die lächerlichen, bürgerlichen Avatare, die er später hatte. Wir waren extrem wagemutig und liebevoll. Das genügte schon, um unsere Jugend nicht zu beleidigen. Dann mussten wir das Ganze beenden. Die Trägheit der Welt behielt die Oberhand, unsere jugendlichen Kräfte erschöpften sich schon an ihr, und wie zu anderen Zeiten verkam der Zauber des Neuanfangs zu Politik, die Zuschauer applaudierten dem nicht mehr zu übersehenden Ausgang des Kampfs. Ich glaube, das letzte Mal, dass ich A. gesehen habe, war an einem Herbsttag. Wir hatten in einer Kneipe am Bahnhof Pont-Cardinet ein Bier getrunken – solange man jung ist, trinkt man Bier. Der Wind wehte die verwelkten Blätter wie blutige Hände in dunkle Pfützen. Möglicherweise haben wir geweint. Später wählte er die Literatur, ich die Schifffahrt. Ich vermute, uns beiden schienen diese nebensächlichen und gewagten Aktivitäten nicht ganz den großen Traum zu verraten, der uns so lange beschäftigt hatte. Wir hatten recht. Es waren schlechte Entscheidungen, Berufe ohne Zukunft. Wir sollten nicht wieder auf die Beine kommen.

Nachdem ich jahrelang verrottendes Frachtgut entlang der Küste Afrikas transportiert hatte, musste ich aufgrund eines gesundheitlichen Rückschlags das Meer gegen das Land eintauschen. Ich strandete in Port Sudan, wo ich durch eine Reihe von Zufällen zunächst das Amt des harbour master ausübte. Als der Hafen beim allgemeinen Schiffbruch des Landes sozusagen mit untergegangen war, vereinigte ich diese nunmehr symbolische Funktion – sie wurde mir übrigens von Banden pittoresker Mörder streitig gemacht, die schnell mal ein Schiff plünderten, wenn der Zufall oder eine Unachtsamkeit es in die Fahrrinne gesteuert hatte – mit der kaum beanspruchenderen Tätigkeit eines Honorarkonsuls der madagassischen Republik. Meine mageren Einkünfte stammten nicht von den Steuern, die ich nicht mehr erhob, und auch nicht von dem Gehalt, das natürlich in einer fast an ein Märchen erinnernden Vergangenheit verschwunden war, sondern aus den verschiedenen kleinen Geschäften, die die Schutzgelderpresser mit ihrer Gier meinem bescheidenen Schwarzhandel gelassen hatten: ein wenig Alkohol in einem Land, in dem er verboten war, ein paar ausgehungerte Kreaturen mit mahagonibraunen Augen, purpurvioletter und straffer Haut, die ich auf Ölkähne verlud und an der vom Kai abgelegenen Seite auf die Schiffe bringen ließ, damit kein blutrünstiger Tartuffe den Zirkus entdeckte, ein paar Kathblätter. Insgesamt nicht viel, aber für mich reichte es. Das vegetative Dasein, auf das sich mein Leben allmählich beschränkte, hatte mich längst von den Nöten bestimmter Bedürfnisse erlöst. Ich wurde geduldet. Ein anderer wäre vielleicht versucht gewesen, mehr zu verlangen.

Obwohl ich immer viel gelesen habe, verstand ich nie viel von Literatur. Das dachte ich zumindest. A.s Bücher, von denen ich einige besaß, erschienen mir schwierig und überspannt. Sie erinnerten mich, ich kann nicht genau sagen, warum, an einen stürmischen Himmel, den man wie einen großen, schattigen Wald am Horizont heraufziehen sieht, wenn die Monsunwinde sich drehen, und der von purpurroten und blauen Blitzen kupferbraun schimmert. Ich glaubte in seinen Büchern den Abscheu und die Traurigkeit zu lesen, die das Leben in der Gesellschaft letztlich immer in uns geweckt hatten, eine gewisse Unfähigkeit, sich an ihre stumpfsinnigen Rituale zu gewöhnen, auch die Sehnsucht nach einer Zeit, die in eine große Zukunft münden würde. Und manchmal dachte ich, während unter einem Sonnenstrahl, der wie die Flamme eines Schweißbrenners aus den Überbleibseln der Nacht emporloderte, die Instrumente aufleuchteten und der Wachmann blinzeln musste, dies würde uns weiterhin über alle Entfernungen auf geheimnisvolle Weise verbinden, weil wir nicht für alles zur Verfügung standen, und dass wir auch im reifen Alter, trotz allem und entgegen allem Anschein, unsere Jugend nicht gänzlich verleugnet hatten. Ich weiß nicht, ob ich das richtig gelesen habe, ob er gewollt hätte, dass ich seine Bücher so verstand. Ich glaubte nicht, dass Bücher, seine ebenso wie Bücher im Allgemeinen, etwas viel Größeres beinhalten können als diese beunruhigende Verweigerung.

Die Verfasserin des Briefes schrieb, sie habe als Haushaltshilfe einige Stunden pro Woche in A.s Haus gearbeitet. Sie hatte meine Adresse unter verstreuten Papieren auf einem Umschlag gefunden. Da das Kuvert offen war, hielt sie sich für befugt, Kenntnis von seinem Inhalt zu nehmen. Es enthielt aber nur ein leeres Blatt Papier, das mit den Worten »Lieber Freund« begann und endete. Diese abgebrochene Nachricht war auf den vorletzten Tag von A.s Leben datiert. Was die Lakonik dem Brief an Wichtigkeit genommen hatte, gaben ihm die Umstände, unter denen er geplant und dann verworfen worden war, in gewisser Weise zurück. Ihr Freund verstarb an einem Montag, schrieb meine Korrespondentin. Sie sagte nicht, er sei »gestorben«, sondern »verstorben«, wie das gemeine Volk und die Bestatter. Sie schrieb das Wort nicht aus, sondern benutzte die im Französischen geläufige Abkürzung »d.c.d.« für das Wort »décédé«, wie man sie auf manchen Dorffriedhöfen sehen kann. Seit einer Weile schon sei es ihm nicht mehr gut gegangen, fügte sie hinzu. Ihre Fürsorge erschien mir edel und rührend. Ich spürte, dass sie zumindest Sympathie für A. gehabt haben musste. Sie teilte mir ihre Adresse in Paris mit, Rue de la Grange-aux-Belles. Ich beschloss, nach Frankreich zurückzukehren und zu versuchen, die Botschaft, die für immer verloren war, zu rekonstruieren. Meine lethargische Unterbeschäftigung im Alltag ließ mir die Muße dazu, außerdem fühlte ich mich zu dieser Art Freundschaftsdienst verpflichtet. Zufällig verließ gerade ein Schiff Port Sudan Richtung Alexandria, Tripolis und Marseille, ich packte also meine Reisetasche und ging an Bord.

2

Ich hatte schon einige Jahre verlernt, wie der Winter ist. Der strahlend weiße Himmel war überwältigend, unter dem Deckel der geschlossenen Wolkendecke dampfte das Meer, manchmal wehte der Wind knirschenden Sand aus der Nubischen Wüste heran, und seine Wirbel über der Stadt ließen die Haut so ledrig werden wie die von Mumien: All das waren meine Lufterscheinungen. Ich sah aus dem Fenster des Zuges, der das Rhônetal hinauffuhr, und beobachtete die traurige Kulisse der Kälte, wie man einem Theaterstück beiwohnt. Zwischen den Furchen der dunklen Erde leuchteten Pfützen wie Münzen im letzten Tageslicht. Durchweichte, von Tieren zertrampelte Wege verloren sich in einer lila und braun schraffierten Ferne. Am Himmel darüber zerrissen graue Wogen, in denen Kolkraben flogen. Anderswo sah man Häuser mit Wasserflecken an den Wänden, Neonlichter flackerten hinter beschlagenen Fensterscheiben, die Parkplätze schäumten unter orangefarbenen Lichtern. Der Schneeregen ließ die anthrazitgrauen Bürgersteige wie geschliffen glänzen, rund um die Straßenlaternen zerplatzten die Tropfen in Perlenspritzer.

Die Haushaltshilfe war eine Person mit einem verbrauchten Gesicht, das weich wie eine alte Seife war. Sie sprach langsam, langatmig, suchte nach Worten, nicht weil sie Schwierigkeiten hatte, sich auszudrücken, sondern um der Genauigkeit willen, wie mir schien. Zu ihrer Zerstreuung hatte sie ein Fernsehgerät und eine Katze. Als ich eintraf, schaltete sie das eine aus und scheuchte die andere ins Treppenhaus: eine Höflichkeit, für die ich ihr dankbar war. Sie schien über die Ankunft eines Fremden aus Port Sudan nicht mehr überrascht zu sein als über den Besuch eines Nachbarn aus dem Treppenhaus. Sie erkundigte sich eher aus Höflichkeit als aus echtem Interesse nach den Annehmlichkeiten und Kuriositäten des Weltteils, in dem ich lebte. Als ich antwortete, dass es eigentlich keine gebe, beharrte sie nicht weiter darauf. Das wundere sie nicht, bemerkte sie sonderbarerweise. Sie schenkte mir ein Glas Wein ein und begann, ohne dass ich sie gefragt hätte, zu erzählen. Anscheinend hatte sie schon lange darauf gewartet, mir dieses verbale Vermächtnis zukommen zu lassen.

Die Haushaltshilfe hatte nur wegen ihrer Kleidung und ihrer Sachen von ihr gewusst. Ihren Namen, ihr Gesicht, ihr Alter kannte sie nicht. Sie konnte allenfalls aus gewissen Anhaltspunkten schließen, dass sie eine sehr junge Frau sein musste. Unter dem Bücherregal waren zum Beispiel viele weiße Tennisschuhe aufgereiht: Eine nicht mehr ganz junge Frau hätte diese ihrer Meinung nach nicht getragen. Sie stellte sich vor, wie die junge Frau den Bürgersteig entlangging und darauf achtete, nicht in die Fugen zwischen den Steinplatten zu treten. Leichtfüßig, ein wenig verträumt und ganz in Anspruch genommen von diesem kindlichen Spiel. Oder wie sie im Sommer am Strand über den weichen und festen Sand lief, dort, wo die Ebbe kleine erstarrte Wellenabdrücke hinterlassen hatte, wie sie mit wehenden Haaren über die glitzernden Bäche sprang, die das Wasser beim Zurückweichen gelassen hatte, und dabei aufpasste, dass sie nicht nass wurde. Dann hielt sie plötzlich inne, die Hände auf dem Rücken, die Augen auf den Boden gerichtet, und vertiefte sich in die Suche nach jenen hellen Perlmuttschuppen, die in der Abendsonne schillerten, jenen kleinen zitronengelben oder apricotfarbenen Schnecken, an deren Bruchstelle sich eine perfekte Spirale zeigt wie die Wendeltreppe eines Turms, in dem Feen wohnen. Oder sie sah, wie die Unbekannte mit einem Fuß auf Zehenspitzen stand, das andere Bein schräg ausstreckte, sich schnell um sich selbst drehte und mit dem anderen Fuß vergnügt Kreise in den Sand zeichnete. Ihr Rock, damals weit und schwarz-weiß kariert, wehte ihr um die Hüften. All das müsse sich zugetragen haben, versicherte mir die Haushaltshilfe, als die tief stehende Sonne die Schatten unendlich dehnte und unter einem Baldachin aus purpurroten Wolken fast den Horizont berührte. Vielleicht galoppierten Pferde den schmalen Streifen unter den Klippen entlang: Dann hätte man das Trommeln ihrer Hufe gehört, unter denen Gischtfontänen aufspritzten, das Schnauben ihrer Nüstern und das langsame Züngeln der Flut, die Rufe der Reiter, die auf die dunkle Linie der Klippen zugehalten hätten. In diesen Momenten (sollte es sie wirklich gegeben haben) müsse A. vollkommen glücklich gewesen sein, meinte die Haushaltshilfe. Danach wären die beiden Hand in Hand zum Abendessen in ein Hotel gegangen, in dessen Speisesaal das letzte Feuer des Sonnenuntergangs hinter den Inseln die Tischdecken rosa färbte.

In Port Sudan folgte die Dämmerung einem unabänderlichen Ritual. Für einen kurzen Moment flammten die Dächer, die lichten Baumkronen, die Palmwedel auf wie von der aufgestauten Hitze des Tages zum Glühen gebracht, und in den Flammen tanzten die grellsten Oxid- und Sulfidfarben. Dieser Paroxysmus schien die Aasgeier rasend zu machen, die sich, nachdem sie geduldig gekreist waren, plötzlich herabstürzten, durcheinanderflogen und zusammenstießen. Scharen von Vögeln zogen über den Himmel, Wirbel aus blutigen Federn legten sich langsam wie ein Rußschleier über die Stadt. Mit ähnlichem Furor gingen die von Krätze überzogenen Hyänenhunde aufeinander los, die das Ufer entlangirrten auf der Suche nach Fischabfällen – und manchmal nach den auseinandergezogen auf den Steinen liegenden, stinkenden Gedärmen eines Ertrunkenen. Man konnte beobachten, wie sie ihre Reißzähne in die Kehle, die Lenden