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Positive Demenzpflege E-Book

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Beschreibung

Wenn Menschen an einer Demenz erkranken, wird dies gemeinhin als beängstigende, traumatisierende und stigmatisierende Erfahrung beschrieben. Diesen Annahmen stellen die Herausgeber Forschungsergebnisse und Fallstudien von demenzkranken Menschen entgegen. Sie zeigen, dass sich positive psychologische Konzepte, wie Hoffnung, Humor, Kreativität, Resilienz, Spiritualität, persönliches Wachstum und Weisheit mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbinden lassen und sie für Betroffene genutzt werden können, um zu einem besseren Leben mit Demenz beizutragen. Die AutorInnen konnten in ihrer früheren systematischen Literaturanalyse "Living positively with dementia" belegen, dass - manche Menschen trotz einer Demenzerkrankung positiv leben - manche Menschen mit einer Demenz "kleine Geschenke" im Leben mit einer Demenz erfahren - die bisherige Forschung diesen positiven Aspekte vielfach übersehen hat - ein positives Leben mit einer Demenz gefördert durch Akzeptanz, Selbstbestimmung und in-Beziehung-sein (relatedness) sowie durch positive psychologische Konzepte, wie persönliche Stärken (Ressourcen), Hoffnung und Humor - eine persönliche Entwicklung und persönliches Wachstum trotz Demenz möglich sein kann. Das Fachbuch fasst somit erstmalig und fähigkeitenorientiert den Nutzen der Ansätze der positiver Psychologie für ein gutes Leben mit und trotz Demenz zusammen.

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Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Positive Demenzpflege

Chris Clarke, Emma Wolverson

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Chris Clarke, Emma Wolverson

Positive Demenzpflege

Fähigkeitenorientierte Ansätze Positiver Psychologie und Pflege für Menschen mit Demenz

Aus dem Englischen von Sabine Umlauf-Beck

Deutschsprachige Ausgabe herausgegeben von Stefanie Becker und Jürgen Georg

Dr. Chris Clarke, Berater, Psychologe, Dozent und Forscher, University of Hull, GB.

Dr. Emma Wolverson, Klinische Psychologin, Dozentin und Forscherin, University of Hull, GB.

Dr. Stefanie Becker (dt. Hrsg.), Psychologin, Gerontologin, Geschäftsleiterin von Alzheimer Schweiz.

Jürgen Georg (dt. Hrsg.), RN, Cert. Ed. MScN, Pflegefachmann, -dozent, -wissenschaftler, Programmleiter: Pflege/Dementia Care beim Hogrefe Verlag in Bern.

 

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z.Hd.: Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Jürgen Georg, Martina Kasper

Bearbeitung: Martina Kasper

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Martin Glauser, Uttigen

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Fotos Innenteil: Jürgen Georg, Schüpfen

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten

Printed in Germany

Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Originaltitel lautet „Positive Psychology Approaches to Dementia“ von Chris Clarke und Emma Wolverson.

© 2016 by Jessica Kingsley Publishers, London.

 

1. Auflage 2019

© 2019 Hogrefe Verlag, Bern

 

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95801-9)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75801-5)

ISBN 978-3-456-85801-2

http://doi.org/10.1024/85801-000

Nutzungsbedingungen

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Diese Bestimmungen gelten gegebenenfalls auch für zum E-Book gehörende Audio­dateien.

Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhalt
Geleitwort zur deutschsprachigen Ausgabe
Geleitwort
Danksagung
Einführung
1 Altern, Gesundheit und Positive Psychologie
1.1 Einleitung
1.2 Einführung in die Positive Psychologie
1.3 Schlüsselmodelle der Positiven Psychologie
1.3.1 Values in Action (VIA)
1.3.2 PERMA-Modell
1.3.3 Fünf Bereiche Positiver Funktionalität (DPF-5)
1.4 Positive Psychologie im Alter
1.4.1 Emotionsregulation im höheren Lebensalter
1.5 Gerotranszendenz
1.6 Bewältigung und Wohlbefinden förderndes Umfeld
1.7 Positive Psychologie und chronische Krankheit
1.8 Erhalt von Wohlbefinden bei älteren Menschen
1.8.1 Resilienz
1.8.2 Optimismus und positive Erwartungshaltung
1.8.3 Selbstwirksamkeit
1.9 Fazit
1.10 Literatur
2 Der Ansatz der Positiven Psychologie bei Demenz
2.1 Demenz aus der Perspektive von Krankheit
2.2 Vom krankheitsbasierten zum positiven psychologischen Ansatz
2.2.1 Die person-zentrierte Perspektive
2.2.2 Verbindungen zur Positiven Psychologie
2.2.3 Die Macht der Sprache
2.3 Ein gutes Leben mit Demenz
2.4 Gelebte Erfahrungen mit Demenz: Belege für positive psychologische Konzeptionen
2.5 Positive Psychologie und Demenz: Vorbehalte und Möglichkeiten
2.6 Zusammenfassung: Ein positiver person-zentrierter Ansatz bei Demenz
2.7 Literatur
3 Wohlbefinden bei Demenz
3.1 Wohlbefinden: Beitrag zur Positiven Psychologie
3.2 Wohlbefinden im Alter und bei chronischer Krankheit
3.3 Wohlbefinden und Lebensqualität bei Demenz
3.4 Messmethoden
3.5 Faktoren mit Auswirkungen auf die Bewertung der Lebensqualität bei Demenz
3.6 Gelebte Erfahrungen
3.6.1 Selbstsein und Identität
3.6.2 Zielverfolgung und Zugehörigkeit
3.6.3 Sinnerleben und Freude
3.7 Programme und Interventionen
3.8 Zusammenfassung
3.9 Literatur
4 Hoffnung und Demenz
4.1 Definition von Hoffnung in der Gesundheitsversorgung
4.2 Hoffnung im Alter
4.3 Hoffnung bei Krankheit
4.3.1 Hoffnung auf ein Heilmittel
4.3.2 Hoffnung, die über Heilung hinausgeht
4.4 Zu hoffen wagen bei Demenz
4.5 Was ist Hoffnung für Menschen mit Demenz?
4.6 Zusammenfassung
4.7 Literatur
5 Humor und Demenz
5.1 Wesen und Funktion von Humor
5.2 Humor und Gesundheit
5.2.1 Psychische Gesundheit
5.2.2 Physische Gesundheit
5.3 Humor im Alter
5.4 Humor und Demenz
5.5 Die Bedeutung von Humor bei Demenz in Paarbeziehungen: Ergebnisse einer qualitativen Studie
5.6 Zusammenfassung
5.7 Literatur
6 Resilienz und ein gutes Leben mit Demenz
6.1 Erfolgreiches Altern
6.2 Resilienz-Modell und Instrumente zur Messung von Resilienz
6.3 Resilienz und Alter
6.4 Resilienz und Demenz
6.5 Resilienz und Demenz: eine Studie
6.5.1 Methodik
6.5.2 Ergebnisse
6.6 Auswirkungen auf die Praxis
6.7 Zusammenfassung
6.8 Literatur
7 Wachstum
7.1 Was ist Wachstum?
7.2 Lebenslanges Wachstum
7.3 Wachstum älterer Menschen
7.4 Wachstum durch Krisen
7.4.1 Wachstum durch Krankheit
7.5 Wachstum bei Demenz möglich?
7.5.1 Ergebnisse und Auswirkungen der Studie
7.6 Zusammenfassung
7.7 Literatur
8 Kreativität und Demenz
8.1 Einführung
8.2 Was ist Kreativität?
8.2.1 Der kreative Prozess
8.2.2 Der kreative Mensch
8.2.3 Das Produkt
8.3 Kreativität und Alter
8.4 Warum Kreativität für Menschen mit Demenz?
8.5 Der Moment
8.6 Flow
8.7 Beispiele kreativ-künstlerischer Aktivität
8.7.1 Die Elderflowers und der Humor
8.7.2 Heather Hill und der Tanz
8.7.3 Ian McQueen und die Dichtung
8.8 Wertschätzung von Kreativität
8.9 Instrumente zur Beurteilung der Wirkung von Kreativität
8.10 Zusammenfassung
8.11 Hilfreiche Websites
8.12 Literatur
9 Spiritualität und Weisheit
9.1 Die Entdeckung der Person mit Demenz
9.2 Spiritualität
9.3 Weisheit
9.4 Kreativer Ausdruck
9.5 Religion
9.6 Demenz und Spiritualität
9.7 Von der Belanglosigkeit zur Spiritualität
9.8 Literatur
10 Positive Psychologie und beziehungsorientierte Betreuung bei Demenz
10.1 Einführung
10.2 Positive Psychologie, Beziehungen und Altern
10.3 Positive Psychologie, Beziehungen und Demenz
10.4 Interdependenz: Schaffen einer bereichernden Umgebung
10.5 Anreicherung der Demenzerfahrung: Ein zeitlicher Ansatz
10.6 Literatur
11 Positive Erfahrungen in der Demenzbetreuung
11.1 Positive Emotionen unter schwierigen Umständen
11.2 Positive Aspekte der Betreuung von älteren und chronisch kranken Menschen
11.3 Kann die Betreuung von Menschen mit Demenz eine positive Erfahrung sein?
11.3.1 Theoretische Modelle der Demenzbetreuung
11.3.2 Besteht eine Verbindung zwischen positiven und negativen Betreuungsaspekten?
11.3.3 Welche Rolle spielen PBA für die Betreuungserfahrung?
11.3.4 Sind Interventionen zur Förderung von PBA sinnvoll?
11.3.5 Haben PBA Auswirkungen auf die Betreuungsergebnisse für die Person mit Demenz?
11.4 Zusammenfassung
11.5 Literatur
12 Wege zu einer Positiven Psychologie bei Demenz – ein Gesamtüberblick
12.1 Überblick
12.2 Gefahren
12.3 Entwicklung eines Modells zur Anwendung der Positiven Psychologie bei Demenz
12.3.1 Ein allumfassendes, prozessbasiertes Konzept
12.3.2 Bereiche der positiven Funktionalität bei Demenz
12.4 Definition und Messung von Wohlbefinden bei Demenz – Bewusstseinsverschiebung
12.4.1 Lebensqualität
12.4.2 Derzeitige Anwendung von Messinstrumenten der Positiven Psychologie
12.4.3 Mögliche Wege für die Zukunft
12.5 Auswirkungen auf die klinische Praxis bei Demenz
12.6 Auswirkungen auf die öffentliche Politik und den Diskurs um Demenz
12.7 Literatur
13 Positive, fähigkeitenorientierte Pflege von Menschen mit Demenz
13.1 Definition
13.2 Hintergründe
13.2.1 Fähigkeitenansatz und die Grundstrukturen des Menschlichen
13.2.2 Das Positive – Tugenden, Stärken und Ressourcen
13.3 Modell der positiven, fähigkeitenorientierten Pflege von Menschen mit Demenz
13.4 Grundkonzepte einer positiven Pflege von Menschen mit Demenz
13.5 Fähigkeitenorientiertes Assessment
13.6 Fähigkeitenorientierte Pflegephänomene
13.7 Fähigkeitenorientiert Intervenieren
13.8 Ausblick
13.9 Literatur
Anmerkung
Autorenverzeichnis
Dementia-Care Programm des Hogrefe Verlags
Sachwortverzeichnis

Geleitwort zur deutschsprachigen Ausgabe

Ich bin froh um dieses Buch. Ich bin froh um die Perspektive, die es einnimmt. Ich bin froh um die Deutlichkeit mit der die Autorinnen und Autoren darlegen, dass Menschen im Laufe ihres Lebens stetig lernen, wachsen und sich entwickeln und dass eben Menschen mit Demenz hier keine Ausnahme bilden müssen. Und nicht zuletzt bin ich froh darüber, dass sie überzeugend auf die Möglichkeit verweisen, dass die Prozesse und Interventionen, die Wachstum im Kontext einer signifikanten, lebensverändernden und -bestimmenden Erkrankung unterstützen, auch auf eine Krankheit wie Demenz anwendbar sind. Diese Sichtweise ergänzt die heute leider noch immer meist einseitige Fokussierung auf Abbau, Verluste und Defizite, die mit einer Demenzerkrankung verbunden werden. Und es ist ganz gezielt hier von „ergänzen“ die Rede. Denn der Ansatz der Positiven Psychologie negiert die mit einer Demenzerkrankung verbundenen Belastungen und Ängste in keiner Weise. Vielmehr soll ganz bewusst der Blick auf Wachstumserfahrungen im Angesicht einer Demenzerkrankung gelenkt werden und so das, was das Leben im Allgemeinen ausmacht, auch für die Erfahrung eines Lebens mit Demenz für gültig erklärt werden.

Noch immer gehört die Diagnose „Demenz“ zu den am meisten gefürchteten von Menschen über 65 Jahren. Aber selbst wenn schon viel zur Entstigmatisierung von Demenzerkrankungen erreicht werden konnte, viele Länder (darunter auch die Schweiz) nationale Demenzstrategien oder -pläne in Kraft gesetzt haben, konnten dennoch mehr als 30 Jahre Informations-, Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit von Patienten- und Angehörigenorganisationen weltweit die Angst vor Demenz nicht grundsätzlich eliminieren. Die Sorge vor dem „Verlust von Persönlichkeit“, vor Abhängigkeit und – wie leider auch in den Medien häufig zu lesen – „Siechtum“ ist noch immer weit verbreitet. Die Autorinnen und Autoren des Buches bringen es auf den Punkt, wenn sie feststellen „Im Grunde schätzen wir die Qualitäten von Demenzkranken nicht wert, weil wir Menschen mit Demenz selbst nicht wertschätzen: Wir behandeln sie als Problem, als Unannehmlichkeit und sogar als Platzverschwendung, weshalb wir unsere begrenzten Ressourcen für die Entdeckung eines Heilmittels zur Beseitigung der Demenz selbst verwenden“.

Eine solche, in der Öffentlichkeit vertretene ausschliesslich krankheitsfokussierte Auslegung von Demenz hat negative Klischees und stigmatisierende soziale Prozesse gefördert. Solche einseitig negativen Meinungen stehen jedoch in diametralem Gegensatz zu vielfältigen positiven Erfahrungen die Menschen mit einer Demenzerkrankung, deren Angehörige oder auch Pflegefachpersonen, die in der täglichen Arbeit mit Demenzerkrankten im Kontakt sind, häufig berichten.

Immer häufiger finden sich in den letzten Jahren Berichte in denen Betreuende von Menschen mit Demenz (im privaten oder auch im professionellen Kontext) davon berichten, dass ihnen die Auseinandersetzung mit der Demenzerkrankung die Chance bot, durch ihre Erfahrungen zu lernen, zu entdecken, neu zu bewerten und Sinn zu finden. Warum sollte dies dann nicht auch möglich sein bei denjenigen, die von der Diagnose „Demenz“ direkt betroffen sind, also den Demenzerkrankten selbst? Hierfür sucht der Ansatz der Positiven Psychologie Antworten zu finden.

Positive Psychologie stellt somit einen Ansatz dar, der Menschen mit Demenz aus ihrer „Verbannung“ eines vermeintlich ausschliesslich durch Verluste und Defizite gekennzeichneten Daseins zurück, mitten ins Leben holt, indem sie uns einen Zugang zu den positiven Seiten einer Demenzerkrankung ermöglicht. Dies jedoch nicht in einseitiger oder gar beschönigender Weise, sondern in voller Anerkennung der Belastungen, Ängste und Sorgen, die mit einer Demenzdiagnose einhergehen. Sie bietet den Blick auf „die andere Seite der Medaille“ und stellt dadurch eine Balance zu den einseitig negativen Sichtweisen und Bewertungen her. In besonderer Weise bietet sie damit vor allem auch einen theoretischen Verständnisrahmen, der die Bedeutung positiver Erlebnisse und Erfahrungen persönlichen Wachstums von Menschen mit Demenz gerade aufgrund oder trotz ihrer Diagnose bei gleichzeitiger Verlusterfahrung ins Scheinwerferlicht rückt. Positive Psychologie ermöglicht es somit Interventionen abzuleiten, die Menschen mit Demenz darin unterstützen, ihr Personsein und ihre Lebensqualität zu bewahren, Sinnerleben, Zukunftsorientierung und auch persönliches Wachstum zu erfahren. Dabei stellt das (soziale, gesellschaftliche) Umfeld einen wichtigen Hintergrund, der Ermöglichungsstrukturen schafft, damit Wachstumserfahrungen und Wohlbefinden erlebt werden können.

Positive Psychologie gibt dem, was landläufig als „Wertschätzung des Hier und Jetzt“ bekannt ist, für ein Leben mit einer Demenzdiagnose grosse Bedeutung. Sie anerkennt, dass es zentral für die Auseinandersetzung und Bewältigung eines Lebens mit Demenz ist, die Diagnose als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren, wobei sie das Bewahren von Hoffnung als zentral für diese Akzeptanz beschreibt. Dies ermöglicht es den Erkrankten, sich auf den Erhalt eines sinngebenden und zielgerichteten Lebens zu konzentrieren, anstatt ausschliesslich auf ihrer Krankheit und die damit verbundenen Verlust und Einschränkungen zu fokussieren.

Wenn es uns gelingt eine Person mit Demenz für das zu respektieren, was sie einmal war und besonders auch für das, was sie trotz aller krankheitsbedingten Symptome immer noch ist, sowie für das, was sie werden kann, dann – und erst dann – begegnen wir ihr auf Augenhöhe. Eine Voraussetzung für den würdevollen und wertschätzenden Umgang mit Menschen mit Demenz, den Kitwood 2019 in seinem person-zentrierten Ansatz bereits vor fast 30 Jahren beschrieb und der damals einen ersten bedeutenden Paradigmenwechsel in der Betrachtung eines Menschen mit Demenz auslöste.

Die Autorinnen und Autoren legen dar, dass es ganz wesentlich noch an Theorien und Forschungsstudien zur Beschreibung und Erklärung von Wachstum bei Menschen mit Demenz mangelt. Diese sind jedoch essentiell, um zu verstehen, wie und unter welchen BedingungenWachstum im Kontext von Demenz gefördert werden kann, inwieweit es auf kognitiver Fähigkeit beruht und wie es mit Wohlbefinden von Menschen mit Demenz verbunden werden kann. Die Positive Psychologie weist auch darauf hin, dass man mit der Annahme, dass Demenz auf subjektiver Ebene nur mit Verlust und Abbau verbunden ist, vorsichtig sein muss und wir nicht unsere eigenen Ängsten auf das Erleben der Erkrankten projizieren dürfen. Vielmehr gilt es, sie selbst direkt nach ihren subjektiven Erfahrungen von Wachstum fragen und diese auch als „real“ und „gültig“ anzuerkennen. Die häufiger werdenden Beispiele in denen Menschen mit Demenz sich selbst zu Wort melden stimmt mich zuversichtlich, dass ihre Stimmen lauter und ihre Anliegen zukünftig besser gehört werden.

Ich bin froh um dieses Buch. Ich bin froh um die Perspektive, die es einnimmt. Ich bin froh um die Deutlichkeit mit der die Autorinnen und Autoren darlegen, dass Menschen im Laufe ihres Lebens stetig lernen, wachsen und sich entwickeln und dass Menschen mit Demenz hier keine Ausnahme bilden.

Dr. Stefanie Becker, Alzheimer Schweiz, Juli 2019

Literatur

Kitwood, T. (2019). Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. (8. Aufl.) Bern: Hogrefe.

Geleitwort

Seit über zwanzig Jahren lebe ich nun mit Demenz. Während dieser Zeit konnte ich feststellen, dass man sich allmählich wegbewegt hat von den negativen Darstellungen, in denen die Stimmen derjenigen mit realen Erfahrungen ausgeschlossen waren. Dieses neue, von Chris Clarke und Emma Wolverson herausgegebene Buch verschafft unserer Stimme nun mit Macht Gehör und deckt einfühlsam und verständnisvoll auf, was uns wirklich ein Gefühl von Wohlbefinden beschert.

Hätte es dieses Buch und diese Art zu denken schon gegeben, als bei mir die Diagnose Demenz gestellt wurde, wie anders wären meine Erfahrungen gewesen! Es war ein Kampf, sich angesichts des Unglaubens, dass ich sprechen konnte und mein Leben sogar zielgerichtet und sinngebend war, Gehör zu verschaffen. Die Hoffnung auf einen noch positiveren gesellschaftlichen Diskurs über ein gutes Leben mit Demenz ist groß und diese Arbeit leistet dazu einen außerordentlich wichtigen Beitrag. Jede Phase auf unserer Reise, die wir nach Erhalt der Diagnose antreten, kann durch die Positive Psychologie bereichert werden mit dem Ziel, uns Wohlbefinden zu ermöglichen. Wir können uns weiterentwickeln von einem Leben in demenzfreundlichen Gemeinschaften hin zu einem Leben in demenzpositiven Gemeinschaften, die uns dabei unterstützen, Sinn in unserem Leben zu finden und uns selbst zu verwirklichen.

Die Herausgeber dieses Buches geben einen kritischen Überblick über den aktuellen Zustand der theoretischen und empirischen Forschung in Hinblick auf das Potenzial der Positiven Psychologie, eudämonistisches Wohlbefinden von Menschen mit Demenz zu verbessern. Dabei weisen sie behutsam auf Lücken hin und führen starke Argumente für spannende und zukunftsweisende Wege bei der Entwicklung eines soliden positiv-psychologischen Modells an, das für uns alle, die wir gut mit Demenz leben, und für die Menschen, die uns betreuen, von großer Bedeutung ist.

Die Kapitel dieses hilfreichen Buches richten das Augenmerk auf positive Ergebnisse und treten damit dem vorherrschenden biomedizinischen Diskurs von Negativität und Verlust, der Demenz umgibt und zu Stigmatisierung und Angst geführt hat, entgegen. Anstelle des Versuchs, lediglich die sogenannten medizinischen Symptome der Demenz wie Depression und Angst zu minimieren, machen die psychosozialen Interventionen große Hoffnung auf eine Zunahme positiver Erfahrungen.

Bei der Analyse der bisher durchgeführten qualitativen und quantitativen Studien ermittelten die Herausgeber dieses Buches einen Bedarf an weiteren Studien, die sich auf ein solides theoretisches Gerüst stützen. Dieses würde Studien zu Aspekten von persönlichen Eigenschaften, sozialem Umfeld und psychosozialen Prozessen untermauern. Was genau ist notwendig, damit wir uns positiv entwickeln, wachsen und Resilienz im Angesicht einer Demenz zeigen können? Wie kann unser Wohlbefinden gemessen, prognostiziert, erhalten und gefördert werden?

Für mich war es beruhigend festzustellen, dass die Meinungen in diesem Buch ausgewogen und detailliert dargelegt werden und dass davor gewarnt wird, Negativität zu ignorieren oder denjenigen von uns Schuld zuzuweisen, die nicht über die Erfahrung von Demenz hinausgehen oder an dieser Erfahrung wachsen können. Diese Ausgewogenheit zeigt sich an der deutlichen Diskussion darüber, wie aus dem Wechselspiel zwischen positiven und negativen Aspekten unseres Lebens Wohlbefinden entstehen kann, wobei sogar negative Erfahrungen zu Resilienz und Wachstum führen können.

In einer systematischen Analyse der Studien werden die positiven Erfahrungen und Merkmale, die dem Personsein bei Demenz zugrunde liegen, untersucht. Zudem werden die Forschungsarbeiten besprochen, welche sich mit der wechselseitigen Abhängigkeit und Gegenseitigkeit in Beziehungen sowie mit der Notwendigkeit einer beziehungszentrierten Betreuung beschäftigen, da diese Themen sowohl diejenigen von uns mit Demenz als auch diejenigen, die uns betreuen, bei dem Erlangen von Wohlbefinden unterstützen. Auch hier findet sich wieder eine willkommene Gegendarstellung zu Begriffen wie „Belastung“ und „Stress“, an deren Stelle die Entdeckung positiver Aspekte von Betreuung rückt.

Diese wichtige Arbeit ist eine solide und sorgfältige Analyse des gegenwärtigen Verständnisses von Positiver Psychologie und ihres Potenzials bei Demenz. Sie rückt das Bild von Demenz in ein anderes Licht und richtet das Augenmerk auf ein gutes Leben damit, wie dies durch viele von uns, die wir Experten in gelebter Erfahrung sind, bewiesen wird. Am wichtigsten dabei ist, dass sie ein Wegweiser für weitere Arbeiten auf der Suche nach einer Verbesserung unserer Fähigkeit ist, die Positive Psychologie zu nutzen, um gut mit Demenz zu leben.

Die Positive Psychologie könnte und sollte bei der Entwicklung von Strategien, Programmen und Hilfsangeboten für Menschen mit Demenz an vorderster Front stehen. Vorrangig hierbei ist die Notwendigkeit, unseren gelebten Erfahrungen Gehör zu schenken und sich darauf zu konzentrieren, was für diejenigen von uns, die wir unser Bestes für ein gutes Leben mit Demenz geben, wirklich zählt in unserem Bemühen, ungeachtet des Stigmas und der Ängste der heutigen Gesellschaft eine Balance zu finden zwischen positiven und negativen Erfahrungen. Trotz des Lebens mit Demenz erleben wir wirkliche sinngebende Momente von Flow, Kreativität, Humor, Spiritualität, Verbundenheit und sogar von Weisheit, Wachstum und Transzendenz. Wir haben das Gefühl, voranzukommen und im Jetzt leben zu können.

Dieses Buch lehrt uns, was es heißt, Mensch zu sein und ein Leben zu leben, das trotz, durch und mit Demenz zielgerichtet und sinngebend ist. Die Positive Psychologie verändert die Sichtweise fundamental, weil sie uns mit neuen Augen betrachtet – die Welt hat sich seit Erhalt meiner Diagnose vor all den vielen Jahren wirklich auf ihrer Achse verschoben! Wir bewegen uns weg von der biomedizinischen Perspektive, die den Verlust, die Symptome und die Krankheit in den Vordergrund stellt, weg davon, uns negativ als Leidende oder Opfer abzustempeln. Jetzt können wir aufstehen als Überlebende mit der Hoffnung auf ein bedeutsames, sinngebendes Leben, in dem wir mit Unterstützung der Positiven Psychologie Wohlbefinden erfahren können.

Die Klarheit der Argumente in diesem Buch und die eindeutige Weise, in der es den Weg weist in eine Zukunft der Positivität und des guten Lebens mit Demenz, geben mir große Hoffnung für all diejenigen, bei denen heute und in Zukunft Demenz diagnostiziert wird. Neue Horizonte des Wohlbefindens, Wachstums und der Transformation haben sich eröffnet. Wir können Sinn finden in dem Chaos des Lebens und andere inspirieren, weil wir uns positiv entwickeln und gut mit Demenz leben.

Da ich die Transformation eines Lebens, das durch die Diagnose Demenz unterbrochen wurde, durchlebt habe, finde ich Inspiration in der Positiven Psychologie. Sie birgt das Versprechen, uns und die Menschen, die uns betreuen, dabei zu unterstützen, eine hilfreiche Balance zu finden zwischen Positivität und Negativität für ein Leben in Wohlbefinden und eine gute Bewältigung der Realität von Abbau und Tod.

Ich wage auf eine Gesellschaft zu hoffen und an eine Gesellschaft zu glauben, die diejenigen von uns, die gut mit Demenz leben, nicht mehr länger ausschließt, fürchtet und stigmatisiert.

Christine Bryden

März 2016

Literatur

Bryden, C. (2012). Who will I be when I die?. London: Jessica Kingsley Publishers.

Bryden, C. (2005). Dancing with dementia. London: Jessica Kingsley Publishers.

Bryden, C. (2011). Mein Tanz mit der Demenz. Bern: Hogrefe Verlag.

Bryden, C. (2015). Nothing about us, without us!. London: Jessica Kingsley Publishers.

Bryden, C. (2016). Nichts über uns, ohne uns!. Bern: Hogrefe Verlag.

Bryden, C. (2015). Before I Forget. Melbourne: Penguin Books Australia

Danksagung

Unsere Autoren haben wahrhaft herausragende und inspirierende Kapitel geschrieben, wobei jedes für sich Anerkennung verdient. Ihrem wohlmeinenden und umsichtigen Engagement verdanken wir die Entstehung dieses Buches.

Etliche Mitglieder meiner Familie sowie Freunde, Kollegen und auch meine geschätzte Mitherausgeberin haben wesentlich dazu beigetragen, dass mein Einsatz für dieses Buch nicht nachgelassen hat und die Vision, auf der es beruht, wachgehalten wurde. Jedem von ihnen bin ich zutiefst dankbar.

Inspiration für dieses Buch waren die gelebten Erfahrungen von Menschen mit Demenz, wobei einer von ihnen hierbei besonders zu erwähnen ist: Harold Walter „Nobby“ Clarke, ein kreativer, humorvoller und großherziger Herr mit Demenz, der sein Leben unbeirrt weiterlebte.

Chris Clarke

 

Ich schätze mich glücklich, von einigen wirklich inspirierenden Menschen aus der Praxis beraten worden zu sein, die mich gelehrt haben, überall Stärken und Möglichkeiten zu sehen. Dabei möchte ich mich ganz besonders bei Esme, Peter, Janet und Karen bedanken.

Ebenso möchte ich meiner wunderbaren Familie und hier insbesondere Eddy, Charlotte Rose und unserem „Neuzugang“ danken, die mein Leben mit so viel Liebe, Humor, Hoffnung und Freude bereichert haben.

In Gedenken an Eileen – eine bemerkenswerte Frau.

Emma Wolverson

 

Gemeinsam möchten wir zudem den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe Butterflies Memory Loss Support Group unter der Leitung von June Cooke (siehe www.butterflies.org.uk) danken und ihnen unsere Hochachtung aussprechen, denn sie haben mit bewundernswertem Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen themenorientierte Illustrationen geschaffen, die alle Kapitel dieses Buches einleiten. Des Weiteren danken wir Tricia Boulton (www.facetphotography.co.uk) für ihre Bereitschaft, ihre Sachkenntnis einzubringen, damit aus diesen Illustrationen wunderschöne Bilder entstehen.

Einführung

Es wäre typisch, ein Buch über Demenz mit der Beschreibung der vielen Probleme und Belastungen, die Menschen, Gesundheitssystemen und der Gesellschaft aufgebürdet werden, zu beginnen. Wie die Leser wissen, begegnen uns überall auf der Welt immer mehr Menschen mit Demenz, da wir immer älter werden. Dabei stehen wir möglicherweise bedeutenden Herausforderungen gegenüber, die unser Wohlbefinden, unser Identitätsgefühl und die Kontinuität enger Beziehungen betreffen. Entscheidungsträger und diejenigen, die im Gesundheits- und Sozialbereich arbeiten, müssen strategisch auf Demenz reagieren und sie als eine Priorität der öffentlichen Gesundheit sowie als gesellschaftlich und ökonomisch signifikant und dringlich betrachten.

Dieses Buch mit einer negativen und problematisierenden Darstellung von Demenz zu beginnen, würde jedoch seinem zentralen Ziel widersprechen: die psychischen Bedingungen und Erfahrungen zu erkunden, die es ermöglichen können, nicht einfach nur mit Demenz zuleben, sondern positivdamitzuleben. Auch wenn Demenz stigmatisiert und gefürchtet bleibt und einfach zu beschreiben ist mit den Begriffen Verlust, Abbau und Krankheit, ist dieses Buch der Versuch, eine alternative, positive Perspektive vorzustellen, die die wirklichen Erfahrungen eines Lebens mit Demenz widerspiegelt.

Warum aber ein Buch erstellen, das sich damit beschäftigt und eine solche Perspektive fördert? Es ist einfach, skeptisch gegenüber dem Gedanken von Wohlbefinden und von positiven persönlichen und sozialen Erfahrungen zu sein, wenn man von einem Leben mit Demenz spricht. Auch ist es vielleicht einfach davon auszugehen – wie dies viele vormals getan haben – dass die Veränderungen in den kognitiven, sozialen und funktionellen Fähigkeiten bei Demenz authentische Erfahrungen von Wohlbefinden stark einschränken, wenn nicht ausschließen. Eine natürliche Sorge ist eventuell auch, dass wir die negativen Erfahrungen und den Kampf der Menschen entkräften, wenn wir das Augenmerk auf die Möglichkeit solcher Erfahrungen lenken.

All diese Punkte dürfen wir nicht ignorieren oder unterbewerten. Um die Möglichkeit eines positiven Lebens mit Demenz zu betrachten, müssen wir zunächst den Einfluss der biomedizinischen Diskurse von Verlust und Krankheit, die Demenz in der Regel begleiten, erkennen. Diese Diskurse implizieren, dass Demenz automatisch den Lebensalltag eines Menschen dominiert und sich verheerend darauf auswirkt. Deshalb werden Menschen mit Demenz selten gefragt, ob (und auf welche Weise) sie noch immer Glück, Freude, Liebe, Hoffnung, Humor, Wachstum und Spiritualität erleben. Die Annahme, dass sie diese Art von Erfahrungen nicht machen und nicht machen können, besteht daher weiterhin.

Ob ein Leben mit Demenz – auf subjektiver Ebene – das Ausmaß an Leid einschließt, das vielleicht angenommen wird, ist bis jetzt noch ziemlich unklar und in den letzten Jahren wurde zunehmend über positive Erfahrungen von Menschen, die mit Demenz leben, berichtet. Dies fiel zeitlich mit einer Neubewertung der Bedeutung von offenen Studien zu den realen Erfahrungen von Menschen zusammen, welche auf phänomenologischen und konstruktionistischen Sichtweisen und qualitativen Forschungsmethoden basieren. Gleichzeitig werden heute zunehmend Prinzipien und Konstrukte aus dem Bereich der Positiven Psychologie genutzt, um zu verstehen, wie Menschen erfolgreich altern und positiv auf widrige Umstände infolge langfristiger Gesundheitsprobleme reagieren können. Die sogenannte zweite Welle der Positiven Psychologie ist sehr bedeutsam hier, da sie sich damit beschäftigt, inwieweit positive und negative Bedingungen zusammenspielen und kontextuell bestimmt sind.

Positive Prozesse und Erfahrungen mit Demenz zu dokumentieren und zu verstehen, hat bedeutende Auswirkungen auf die Verbesserung konzeptueller Darstellungen von Wohlbefinden und Lebensqualität sowie auf eine Neukontextualisierung und Destigmatisierung von Demenz.

Da die meisten Menschen erst in höherem Alter mit Demenz konfrontiert werden, richtet dieses Buch das Hauptaugenmerk darauf, wie positive Erfahrungen im Kontext des Alterns und der demenzassoziierten Veränderungen und Herausforderungen gemacht werden. Wir hoffen, dass dieses Buch nicht als bedeutungslos für jüngere Menschen mit Demenz in ihrem Versuch, gut zu leben, betrachtet wird, aber wir erkennen auch, dass dies ganz eigene spezifische Themen und Herausforderungen beinhaltet, die gesondert behandelt werden sollten.

Die Kapitel 1 und 2 dieses Buches geben einen Überblick über die Hintergründe und Motive für eine kontextbezogene, auf der Positiven Psychologie basierende Herangehensweise, um die positiven Erfahrungen von älteren Menschen mit Demenz besser zu verstehen. In Kapitel 1 führt Elspeth Stirling uns in die Positive Psychologie mit ihren zentralen Prinzipien und Modellen ein. Sie steckt den Rahmen für die nachfolgenden Kapitel, indem sie uns mit positiv-psychologischen Aspekten des Alterns (wie positive entwicklungsbedingte Veränderungen in der Persönlichkeit und der Emotionsregulation) vertraut macht und aufzeigt, inwiefern positive Bedingungen und Erfahrungen (wie Resilienz und Optimismus) zu Adaption und Wohlbefinden bei chronischer Krankheit führen können. Da sie aufzeigt, dass wir ein Leben mit Demenz konzeptuell ähnlich erfassen können wie ein gutes Leben mit einer chronischen Krankheit im Kontext des Alterns, können wir die nachfolgenden Kapitel dieses Buches besser verstehen.

In Kapitel 2 beschreiben wir gemeinsam mit Esme Moniz-Cook den Hintergrund für eine positive, person-zentrierte Herangehensweise an ein Verständnis von Wohlbefinden bei Demenz. Dazu stellen wir die Ergebnisse einer systematischen Prüfung der Fachliteratur zu positiven Erfahrungen mit Demenz vor und betrachten, inwieweit eine kontextbezogene, positive und person-zentrierte Herangehensweise ein alternatives Modell zu negativen Diskursen, die Demenz traditionell begleiten, sein kann.

Die nachfolgenden Kapitel untersuchen verschiedene Konstrukte oder Themen der Positiven Psychologie und ihre mögliche Anwendbarkeit, damit wir besser verstehen, was ein gutes Leben mit Demenz bedeutet. Jedes Kapitel wird durch eine Illustration eingeleitet, die der kreativen Arbeit der Demenz-Selbsthilfegruppe und -Interessenvertretung Butterflies in Kingston upon Hull (Großbritannien) entstammt und das Thema des Kapitels veranschaulicht.

In Kapitel 3 beschreibt Alison Phinney wichtige Konzepte von Wohlbefinden und Lebensqualität bei Demenz, wobei sie besonders hervorhebt, dass wir nicht alle Aspekte von Wohlbefinden vollständig kennen müssen, wenn wir versuchen, Lebensqualität zu beurteilen. In den Kapiteln 4 und 5 beschreiben wir, wie Hoffnung und Humor zu Wohlbefinden bei Demenz beitragen können und zeigen auf, dass diesbezügliche persönliche Erfahrungen bei Demenz verschiedene Bedeutungen und einen unterschiedlichen Stellenwert haben können. In Kapitel 6 beschäftigt sich Phyllis Braudy Harris mit dem Thema „Resilienz“. Sie geht der Frage nach, warum dieses vieles umfassende Konzept eine Alternative zu eng gefassten Modellen erfolgreichen Alterns ist und eine integrativere Herangehensweise ermöglicht, um zu verstehen, wie Menschen mit Demenz trotz der verschiedenen demenzbedingten Herausforderungen persönliche und soziale Potenziale nutzen und Wohlbefinden erhalten können.

In Kapitel 7 stellen sich Kirsty Patterson und Emma Wolverson der schwierigen Frage, ob persönliches Wachstum, das Menschen im Alter und aufgrund von gesundheits- oder traumabedingten Krisen erreichen können, auch für Menschen mit Demenz möglich ist. Dabei wird die vielleicht umstrittene Möglichkeit untersucht, aufgrund der Demenz persönlich verändernde Erfahrungen zu machen, die wiederum zum Erleben neuer und anderer Formen von Wohlbefinden führen. Kapitel 8 und 9 behandeln die wichtigen Konstrukte von Kreativität (John Killick), Spiritualität und Weisheit (Andrew Norris und Bob Woods). Dabei erkunden die Autoren, in welcher Weise Erfahrungen in jedem dieser Bereiche bei Demenz nicht nur möglich sind, sondern potenziell eine Schlüsselrolle spielen bei der Erhaltung von Identität, Personsein und Wohlbefinden.

Die Kapitel 10 und 11 erweitern den Blickwinkel des Buches und erläutern, in welcher Weise die Positive Psychologie auf Beziehungen im Rahmen der Demenzbetreuung und auf das Verständnis positiver Betreuungserfahrungen angewandt werden kann. Bei ihrer Analyse der Anwendung eines „Senses Framework“ (zu Deutsch etwa „Gefühlsgerüst“) auf eine erfüllende, beziehungsbasierte Betreuung bei Demenz illustrieren Tony Ryan und Mike Nolan in Kapitel 10, inwieweit das Wohlbefinden eines Menschen mit Demenz untrennbar verknüpft ist mit der psychischen Gesundheit nicht nur von betreuenden Angehörigen und von Betreuungspersonal, sondern auch von ganzen Institutionen. In Kapitel 11 zeigt Catherine Quinn auf, dass positive Aspekte der Betreuung individuelle Erfahrungen von Sinnfindung, Verbundenheit und Wachstum einschließen können, was eventuell wiederum mit der Qualität der Betreuung durch Angehörige assoziiert ist.

Die Liste der in diesem Buch vorgestellten Konstrukte und Themen ist keineswegs vollständig. In vielerlei Hinsicht handelt es sich bei der Positiven Psychologie in Zusammenhang mit Demenz um ein aufstrebendes Forschungsgebiet und es sind – wie von uns in Kapitel 12 gefordert – viele weitere Studien vonnöten, um zu ermitteln, wie verschiedene Aspekte von Wohlbefinden bei Demenz erlebt und bestmöglich gefördert werden können. In diesem letzten Kapitel schlagen wir auf einer Metaebene versuchsweise ein erstes Modell zur Konzeptualisierung positiver Erfahrungen und Ergebnisse bei Demenz vor. Wir diskutieren zudem einige der Auswirkungen, die eine kontextbezogene positiv-psychologische Herangehensweise an Wohlbefinden bei Demenz auf den klinischen Bereich und die Politik haben könnte.

Unsere eigenen Erfahrungen mit der Konzeption und Herausgabe dieses Buches und der Untersuchung positiver Erfahrungen und Emotionen bei Demenz zeigen die Dialektik dieser Thematik auf. Auf der einen Seite wurden wir dadurch inspiriert, dass eine Neudefinition der Herausforderungen und Verluste in Zusammenhang mit Demenz einhergehen kann mit Erfahrungen von Hoffnung, Humor, Resilienz, Sinnfindung und Verbundenheit oder diese sogar fördern, wenn Menschen ihr Wohlbefinden erhalten wollen. Auf der anderen Seite darf niemals vergessen werden, dass nicht jede Person, die mit Demenz lebt, solche positiven Erfahrungen macht. Dies zu erwarten wäre kontraproduktiv und würde wahrscheinlich zu weiteren negativen Erfahrungen führen.

Auch wenn wir und unsere Autoren in diesem Buch ganz bewusst das Ziel einer „Gegendarstellung“ von Demenz verfolgt haben, wäre es falsch, gelebte Erfahrungen mit Demenz auf irgendeine Art von dichotome Rhetorik zu reduzieren. Die Realität unser aller Leben ist natürlich deutlich komplexer und beinhaltet ein Wechselspiel zwischen positiven und negativen Emotionen und Erfahrungen, die subjektiv und kontextabhängig definiert werden, und wir glauben, dass dies vielleicht noch stärker gilt für Menschen mit Demenz.

Gleichzeitig richtet dieses Buch absichtlich den Fokus auf alltägliche Begebenheiten im Leben von Menschen mit Demenz, die Anlass zum Staunen geben. Es stellt diese Begebenheiten positiv heraus als eine Reaktion auf nihilistische und andersartige Diskurse, die erfolgreich das vollständige Spektrum menschlicher Erfahrungen verdecken. Wie Jon McGregor in seinem Roman IfNobodySpeaksofRemarkableThings (2002) (deutscher Titel: NachdemRegen) hervorhebt, „… es passieren ständig bemerkenswerte Dinge, direkt vor unseren Augen, aber unsere Augen sind, als wären Wolken vor der Sonne, und unser Leben ist blasser und ärmer, wenn wir die Dinge nicht als das erkennen, was sie wirklich sind“ (McGregor, 2002: 239).

Im Grunde genommen spricht dieses Buch darüber, auf welche Weise Menschen mit Demenz nicht nur trotz, sondern auch wegen ihrer Demenz weiterhin „bemerkenswerte Dinge“ erleben und erreichen können.

Chris Clarke und Emma WolversonJuli 2016

Literatur

McGregor, J. (2002). If Nobody Speaks of Remarkable Things. London: Bloomsbury.

McGregor, J. (2006). Nach dem Regen. Stuttgart: Klett-Cotta.

1 Altern, Gesundheit und Positive Psychologie

Elspeth Stirling

Von der Mauer aus, auf der wir in jungen Jahren sitzen, betrachten wir das Leben durch unseren Zeitfilter – unfähig, durch ihn hindurch in das spätere Leben zu blicken und herablassend voraussetzend, dass da nichts ist außer dem Verlust dessen, was wir jetzt wertschätzen. Von der Mauer aus, auf der wir in unserem späteren Leben sitzen, haben wir einen ganz anderen Blick. Wir erfahren Befreiung, Transzendenz, Verbundenheit und Transformation in der neuen Landschaft, die sich vor uns eröffnet. Wir begegnen ganz anderen Herausforderungen als bisher in unserem Leben und sind erfüllt von Erfahrungen der Gegenseitigkeit, des Vertrauens, der Demut, der Klarheit und der Dringlichkeit.

Elspeth Stirling

1.1 Einleitung

Alt werden ist in den letzten Jahrzehnten zumindest in den Teilen der Welt, die als „entwickelt“ bezeichnet werden, die Norm geworden (Rosling, 2013). Gleichzeitig gilt Glück zunehmend als Maß für sozialen Fortschritt und als Ziel der öffentlichen Politik (Helliwell/Layard/Sachs, 2015). Zwar ist dies nicht allgemeingültig, doch wird trotz einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, Herausforderungen zu begegnen, die das Leben verändern, zunehmend über Erfahrungen eines guten Lebens bis ins hohe Alter und über die Bewahrung von Sinngebung und Wohlbefinden berichtet (siehe z.B. Kok et al., 2015). Als Gruppe können ältere Menschen ihre Emotionen tendenziell besser regulieren und empfinden mehr Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit als jüngere Menschen. Da die Möglichkeit guten Alterns zunehmend anerkannt und gefördert wird, ist die öffentliche Wahrnehmung höheren Alters nicht mehr so häufig überschattet von negativen oder unveränderlichen Klischees.

Das sich schnell erweiternde Feld der Positiven Psychologie bietet Perspektiven, konzeptuelle Modelle und empirische Ergebnisse, die sehr wichtig sind für das Verständnis, wie Menschen im Alter gut leben und gesundheitlichen Problemen verschiedener Art begegnen können. Sie zu nutzen, um besser zu verstehen, wie Menschen trotz objektiver Widrigkeiten wie Krankheit gut altern können, ist daher zentraler Fokus dieses Kapitels. Beschrieben werden maßgebliche Sichtweisen und Modelle der Positiven Psychologie sowie ihre konzeptuellen Wurzeln. Zudem gehen wir der Frage nach, wie diese dazu beitragen können, psychische Entwicklung und Wohlbefinden in Hinblick auf Altern und Gesundheit besser zu verstehen. Die Positive Psychologie ist wichtig, damit wir einen tieferen Einblick in die Erfahrung von Sinnerleben und Bedeutsamkeit im höheren Alter und bei Krankheit erhalten. Sie kann daher erheblich zur Entwicklung psychosozialer Interventionen mit dem Ziel der Erhaltung und Verbesserung von Wohlbefinden im Kontext altersassoziierter physischer und psychischer Herausforderungen beitragen.

1.2 Einführung in die Positive Psychologie

Ärzte, Ärztinnen und Wissenschaftler, die sich mit Menschen aller Altersgruppen beschäftigen, haben bereits vor einigen Jahrzehnten die Notwendigkeit eines neuen wissenschaftlichen Paradigmas erkannt, um sich aus den Fesseln krankheitsbasierter und krankheitsfokussierter Berichte über leidvolle Erfahrungen von Menschen zu befreien. Die Positive Psychologie ist der Wissenschaftsbereich, der sich mit der Untersuchung und dem theoretischen Hintergrund positiver Funktionalität und Wohlbefindens in individuellen, zwischenmenschlichen, organisatorischen und gesellschaftlichen Bereichen beschäftigt (Rusk/Waters, 2014).

Seligman (1999) gilt weithin als derjenige, der das Forschungsgebiet der Positiven Psychologie als Antithese zur traditionellen Dominanz von Pathologie und Negativität in der etablierten Psychologie eingeführt hat. Die Positive Psychologie widmet sich daher ganz bewusst den menschlichen Stärken und Tugenden, positiven subjektiven Erfahrungen sowie den grundlegenden Eigenschaften und der Messung von Wohlbefinden. Außerdem beschäftigt sie sich zunehmend mit den sozialen und umfeldassoziierten Bedingungen, die positive Erfahrungen und Wohlbefinden ermöglichen. Sie geht grundsätzlich davon aus, dass Menschen an und für sich motiviert sind, ihre psychischen Stärken zu entwickeln und ihr Leben lang nach positiven Gefühlen und Sinnhaftigkeit in ihren Tätigkeiten, Erfahrungen und sozialen Beziehungen streben.

Die Positive Psychologie ist ein nicht-pathologischer und pathologisierender Ansatz. Menschliches Leid ist auf einer Ebene mit normalen Erfahrungen zu betrachten und damit verknüpft, in welchem Ausmaß das soziale und physische Umfeld Menschen die Chance bietet, die eigenen Stärken zu nutzen und authentische optimale Erfahrungen zu machen. Gleichzeitig eröffnen neuere Betrachtungsweisen (siehe z.B. Wong, 2011) die Möglichkeit eines Nebeneinanders und einer Interaktion von positiven und negativen Erfahrungen und Emotionen – eine Position, die von großer Bedeutung ist für das Verständnis von Wohlbefinden bei Krisen und Krankheit (z.B. Aspinwall/Tedeschi, 2010). Ein zentraler Motor in der stetigen Weiterentwicklung der angewandten Positiven Psychologie ist die Notwendigkeit, die Prozesse positiver Funktionalität zu verstehen, welche ganz selbstverständlich nach durchlebten Krisen einsetzen (Seligman, 2005). Ziel ist hierbei, dieses Wissen anzuwenden, um Menschen zu helfen, auch in Krisenzeiten optimale oder „über die Ausgangswerte (oder Ausgangslage) hinausgehende Erfahrungen oder Erlebnisse zu ermöglichen (Keyes/Lopez, 2005).

Bei der Positiven Psychologie geht es nicht darum, Menschen zu einem positiven Denken zu bringen. Die meisten Menschen kennen populistische Mantren, die uns quasi befehlen, positiv zu denken und vorgeben, eine Garantie für gute Gesundheit, positive Beziehungen und Erfolg zu sein. Ernst zu nehmende Einwände gegen diese sogenannte „Tyrannei des Positiven“ lauten, dass sie die Unterdrückung negativer Gefühle und Erfahrungen sowie die Leugnung wirklichen Leids beinhaltet und dass sie in beängstigender Weise falsche Hoffnungen weckt und Opfer für ihr Schicksal verantwortlich macht (Aspinwall/Tedeschi, 2010). Stattdessen erkennen moderne Strömungen der Positiven Psychologie (z.B. Lomas/Ivtzan, 2015) ein dialektisches oder dynamisches Wechselspiel zwischen positiven und negativen psychischen Prozessen und Resultaten an und arbeiten damit. Sie versuchen herauszufinden, wie Menschen Wege finden können, sogar im Kontext von Veränderung und Problemen, mit denen sie im Laufe ihres Lebens konfrontiert werden, zu gedeihen. Zu wachsen, zu gedeihen, menschlich „aufzublühen“ (engl.: to flourish) heißt, gut zu leben und optimal zu funktionieren oder ein optimales Funktionsniveau zu erreichen, was durch positive Gefühle, positive Beziehungen, Bewältigung, Wachstum und Resilienz gekennzeichnet ist (siehe Fredrickson/Losada, 2005). Gedeihen und Wachstum (engl. flourishing) ist jedoch nicht außerhalb des Kontextes zu betrachten und bedeutet nicht, in naiver Weise negative Erfahrungen und Gefühle zu verleugnen. Die Frage, was Menschen zum Wachsen und Entwickeln befähigt, erfordert folglich ein vollständiges, bewusstes Verstehen des Kontextes und Einflusses der Leidenswege und Prozesse, die einer adaptiven Funktionalität bei widrigen Umständen zugrunde liegen. Die Erfahrungen und Prozesse (sowohl die positiven als auch – möglicherweise – die negativen), die Wohlbefinden fördern, verstehen zu wollen, verlangt also eine kontextbezogene Herangehensweise.

Dabei stehen den Menschen verschiedene Kontextebenen zur Verfügung, innerhalb derer sie Wege finden können, trotz widriger Umstände zu gedeihen, zu wachsen und sich zu entwickeln. Zu den persönlichen und sozialen Kontexten zählen möglicherweise Faktoren wie Bewältigungsstrategien, Persönlichkeit, kognitive Fähigkeiten, Lebensphase, Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen, wahrgenommene soziale Unterstützung und sozioökonomischer Status. Da sie in einer Wechselbeziehung zueinanderstehen, beeinflussen sie unsere Fähigkeit, im Alter Wohlbefinden zu erhalten und zu verbessern.

Wie Lomas (2016) es beschreibt, gestalten und beeinflussen persönliche und soziale Kontexte die Bedeutungen unserer Erfahrungen, in dem Maß, dass das, was in einem Kontext (zeitlich oder räumlich) vielleicht negativ erscheint (z.B. Trauma), in einem anderen Kontext positiv sein oder werden kann (z.B. Wachstum durch Veränderung).

Der soziale Kontext von Wohlbefinden ist ein Bereich, der in der positiv-psychologischen Fachliteratur bisher ziemlich vernachlässigt wurde. Jedoch kann nicht genug betont werden, wie wichtig unsere Beziehungen und Verbindungen zu einer Gemeinschaft und zur Gesellschaft sind, damit unsere Fähigkeit zu gedeihen entwickelt und gefördert wird. Diesbezüglich bedeutend ist das Konzept der sogenannten Aufwertung der sozialen Rolle (Social Role Valorisation, SRV), welches das Augenmerk darauf richtet, in welcher Weise ein Leben mit persönlich bedeutsamen Menschen positive subjektive Erfahrungen fördert und mehr Möglichkeiten für die Entwicklung positiver Kompetenzen bietet. Durch die Konzeption als wichtig empfundener sozialer Rollen, die von Mitgliedern der Gemeinschaft unterstützt werden, können marginalisierte Menschen vor einem „Teufelskreis“ von Beeinträchtigung und verinnerlichter Stigmatisierung geschützt werden. Die SRV ist seit Langem attraktiv für diejenigen, die Hilfsangebote im Gesundheits- und Sozialbereich bereitstellen, weil sie eine stabile theoretische Basis bietet, die keinen Raum lässt für Opferbeschuldigung (Victim blaming) oder die Verleugnung von Leid (Flynn/Lemay, 1999; Wolfensberger, 2000). Weniger offensichtlich ist, dass SRV und Positive Psychologie enge Verbündete sind, weil beide ihr Augenmerk auf das Verständnis der komplexen Prozesse zwischen Mensch und Umfeld richten, die positiven Erfahrungen und Kompetenzen zugrunde liegen. Beide untersuchen, wie Menschen natürlich wachsen und gedeihen können, wobei die SRV ganz besonders die starke Bedeutung der Wertschätzung innerhalb der Gesellschaft betont, welche Wohlbefinden fördert und Schutz bietet in Zeiten der Krise oder Marginalisierung. Das Fachgebiet der Positiven Psychologie ist auch in einem sozialen Kontext von Ethik und Werten zu betrachten, in dem konträre Meinungen vorherrschen, insbesondere, was strittige Fragen in Zusammenhang mit dem Alter anbelangt wie die Bereitstellung und Finanzierung von Pflege, die Ausgrenzung älterer Menschen und das Recht zu sterben. Es ist hilfreich klarzustellen, dass die Positive Psychologie als empirische Methode nicht unbedingt ethische oder wertebezogene Fragen zu beantworten hat. Diese werden letztendlich von der Gesellschaft und nicht von der Wissenschaft beantwortet. Eine typische Wertefrage ist beispielsweise: „Wird dieses Ereignis für persönlich bedeutsame Menschen dieser Gesellschaft weithin als wünschenswert erachtet?“ Eine typische Ethikfrage lautet: „Wird dieses Ereignis in dieser Gesellschaft generell als unbedenklich erachtet?“ Im Gegensatz dazu lautet eine typische empirische Frage: „Ist dieses Ereignis (oder dieser Prozess) in Hinblick auf die Person, die das erklärte Ergebnis erzielt, effektiv?“ Die Positive Psychologie beschäftigt sich in der Regel mit der letzten Kategorie von Fragen und untersucht, inwiefern Kriterien wie Hoffnung, Resilienz und Nächstenliebe zu positiv wirksamen Resultaten für das Wohlbefinden von Einzelnen, Gruppen und Gesellschaften beitragen (Linley/Joseph, 2004). Trotzdem sollte offen eingeräumt werden, dass der Sichtweise der Positiven Psychologie eine Werteposition inhärent ist: Von der persönlichen bis hin zur sozialen Ebene ihrer Anwendung werden Wohlbefinden, bestmögliche Erfahrungen sowie persönliche und bürgerliche Tugenden als für den Einzelnen und die Gesellschaft wertvoll erachtet. Somit ist die Positive Psychologie keine wertefreie Sichtweise; doch ist sie auch nicht normativ in Hinblick darauf, wie Menschen in ihrem Leben Wohlbefinden und Sinnfindung erreichen sollten (Linley/Joseph, 2004).

Eine kontextbezogene, praktische, positiv-psychologische Herangehensweise muss auch den Kontext des Umfelds berücksichtigen, in dem persönliches und kollektives Wohlbefinden erlebt wird. Während ich dieses Kapitel schreibe, gibt es Krisen in unserem sozialen und physischen Umfeld; Menschen und Institutionen überall auf der Welt werden zunehmend dazu angehalten, die eigenen gewohnten Verhaltensweisen radikal und positiv zu verändern. Die zukünftige Sicherheit allen Lebens hängt von der Fähigkeit des Menschen ab, die sich weltweit ändernden Bedingungen wie Klimawandel, globale Erwärmung, Ressourcenverknappung, Bevölkerungswachstum, Massenmigration und soziale Ungleichheit zu erkennen, sich darauf einzustellen und die Situation zu verbessern. Wie von Helliwell, Layard und Sachs (2015: 5) angemerkt, können auf dieser Ebene menschliches Glück, soziopolitische Stabilität und das ökologische Wohl des Planeten als miteinander verknüpft betrachtet werden:

Die Konzepte von Glück und Wohlbefinden tragen höchstwahrscheinlich dazu bei, den Fortschritt hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu lenken. […] [Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen] wurden entwickelt, um Länder dabei zu unterstützen, einvernehmlich ökonomische, soziale und umweltassoziierte Ziele und dadurch mehr Wohlbefinden für die jetzigen und zukünftigen Generationen zu erreichen.

Die Positive Psychologie hat viel zu bieten, wenn es darum geht zu verstehen, wie sich menschliches Wachsen und Gedeihen in einem schwierigen Umfeld entwickelt. Heute verfügen wir über statistische Daten, die einen Zeitraum von fünfzig Jahren umfassen und zeigen, dass die Menschen zunehmend richtungweisende Ziele in Hinblick auf soziales Wohlbefinden und Glück wertschätzen (Rosling, 2013). Insbesondere ein gesundes Leben, empfundene soziale Unterstützung, Vertrauen, Großmut, die Freiheit Lebensentscheidungen zu treffen, Fairness und das Umfeld gelten als zentral für persönliches Wohlbefinden. Interessanterweise ist das Einkommen zwar wichtig, steht aber nicht an erster Stelle. Menschen scheinen mehr Wohlbefinden wahrzunehmen, wenn sie sich als Teil eines sinngebenden Ganzen empfinden, für das sie gemeinsam Verantwortung tragen. All diese Punkte bilden die Basis für Glück und eine gute Krisenbewältigung.

1.3 Schlüsselmodelle der Positiven Psychologie

In den letzten Jahren wurden beachtliche Versuche unternommen, umfassende Konzepte dazu zu entwickeln, wie positive Zustände und Erfahrungen erreicht und erhalten werden können. Hilfreich ist an dieser Stelle, drei dieser Modelle vorzustellen, um näher zu untersuchen, inwiefern sich eine positiv-psychologische Perspektive eignet, unsere Kenntnisse über Wohlbefinden im Prozess des Alterns und in Beziehung zu Gesundheit zu erweitern.

1.3.1 Values in Action (VIA)

Dieses von Peterson und Seligman (2004) vorgestellte Modell umfasst 24 Charakterstärken oder positive persönliche Eigenschaften, die in sechs Tugendbereiche – für alle Kulturen geltende moralische Werte – unterteilt werden. Die Tugenden umspannen Weisheit und Wissen (wie Kreativität und Neugier), Mut (wie Ausdauer und Enthusiasmus), Menschlichkeit (wie Liebe und Freundlichkeit), Gerechtigkeit (wie Fairness und Teamarbeit), Mäßigung (wie Versöhnlichkeit) und Transzendenz, wozu Charakterstärken wie Humor, Hoffnung und Dankbarkeit zählen, „um Verbindungen zum größeren Universum herzustellen und Sinnerleben zu ermöglichen“ (Peterson/Park, 2009: 27). Bei diesem Modell führen Charakterstärken und Tugenden zu positiven subjektiven Erfahrungen und Wachstum, wobei die Erkenntnisse eine starke Verbindung zwischen Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und spezifischen Charakterstärken einschließlich Liebe, Hoffnung, Dankbarkeit, Neugier und Enthusiasmus stützen (Peterson/Park, 2009). Das VIA-Modell kann auch Ziele für Interventionen (zum Aufbau und zur Kultivierung von Stärken) umfassen, die als individuelle innere Ressourcen konzeptioniert sind. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Charakterstärken aus Krisen und Verlusten entstehen (z.B. Schueller et al., 2014), was den Wert eines dialektischen Verständnisses positiver Erfahrungen widerspiegelt. Dieses Modell misszuverstehen könnte jedoch dazu führen, denjenigen Schuld zuzuweisen, die nach Krisenerfahrungen keine spezifische Charakterstärke entwickelt haben.

1.3.2 PERMA-Modell

Das von Seligman et al. vorgeschlagene PERMA-Modell (siehe Seligman, 2011) beinhaltet fünf messbare Dimensionen des Wohlbefindens: positive Emotionen, Engagement in Aktivitäten (Flow), Relationships (positive Beziehungen), Meaning (Sinnerleben und eine Verbindung zu etwas Größerem als mir selbst) und Accomplishment (Zielerreichung). [PERMA, Abk. für Positive Emotion, Engagement, Relationshios, Meaning, Accomplishment, Anm. d. Red.] Diese Dimensionen werden primär als positive Resultate dargestellt, die zusammen einen Zustand des Wachstums und Gedeihens (engl.: Flourishing) ausmachen. Empirische Arbeit unterstützt diesen multidimensionalen Ansatz zur Definition von Wohlbefinden und zeigt, dass diese Dimensionen trennbar sind (z.B. Kern et al., 2015). Das PERMA-Modell hat den Vorteil, dass soziale Faktoren und Beziehungen mit individuellen inneren Ressourcen verknüpft werden, um Wohlbefinden zu definieren. Zudem liefert es einen alles umspannenden Rahmen für die Messung von Wohlbefinden und „Flourishing“ im Sinne von Wachsen und Gedeihen. Wird es jedoch missverstanden oder außerhalb des Kontextes betrachtet, könnte es als „geistloses Mantra“ zur Erlangung von Glück aufgefasst werden.

1.3.3 Fünf Bereiche Positiver Funktionalität (DPF-5)

Dieses 2014 von Rusk und Waters vorgestellte Modell ist eine systembasierte Methode, um die Prozesse, die positive psychosoziale Funktionalität unterstützen, zu verstehen. Es wurde empirisch aus einer Clusteranalyse abgeleitet, die unter Bedingungen durchgeführt wurde, welche häufig bei Publikationen im Bereich Positive Psychologie vorzufinden sind. Die entstandenen Cluster wurden als Bereiche interpretiert, die sich darauf beziehen, wie Menschen funktionieren, um Wohlbefinden zu erreichen. Sie umfassen:

Aufmerksamkeit und Bewusstsein für positive Aspekte von Informationen; dies bezieht sich auch auf AchtsamkeitVerständnis und Bewältigung von Krisen aufgrund der Vorhersage zukünftiger Möglichkeiten; dies bezieht sich auf wichtige Konstrukte wie Erwartung, Hoffnung, posttraumatisches Wachstum und ResilienzEmotionen, die genutzt werden, um das zu verstehen, was im Umfeld passiertZiele und Gewohnheiten, die selektiv durch individuelle Werte beeinflusst werdenTugenden und Beziehungen, die das individuelle prosoziale Verhalten, Uneigennützigkeit, Dankbarkeit, Empathie und Versöhnlichkeit beeinflussen.

Die in diesem Modell beschriebenen Bereiche bilden zusammen ein komplexes dynamisches System, in dem jeder Bereich mit den anderen interagiert und diese beeinflusst – eine Konzeption, die mit den verfügbaren Erkenntnissen zu positiven Erfahrungen und positiver Funktionalität korrelieren. So können beispielsweise positive Emotionen die Aufmerksamkeit erhöhen, und die Voraussage zukünftiger Möglichkeiten kann flexibles Handeln und Beziehungen verbessern. In diesem System kommt es zu sich gegenseitig verstärkenden positiven Interaktionen zwischen Bereichen, die eine Aufwärtsspirale allgemeinen gesteigerten Wohlbefindens bewirken (Frederickson, 2004). Auch wenn es sich bei DPF-5 um ein stark konzeptuelles Modell handelt, gibt es wichtige empirisch gewonnene Einblicke in die Prozesse, die persönlichem Wachstum, Wohlbefinden und positiven subjektiven Erfahrungen zugrunde liegen und zeigt, wie sich Menschen in diesen Erfahrungen unterscheiden können

1.4 Positive Psychologie im Alter

Besonders viele Vorurteile gegenüber dem Alter existieren in älteren „entwickelten“ Gesellschaften. Mit älteren Menschen wird dort in einer Weise umgegangen, die für andere Gruppen [z.B. Menschen mit Behinderungen. Anm. d. Red.] lange Zeit als unakzeptabel galt. Solche Gesellschaften bedienen sich der Technologie in ihrem Streben nach einem „perfekten individuellen und ewigen Leben“. In diesem Kontext gilt Altern als „Maschinenversagen“, was eine nicht mehr mögliche technische Reparatur impliziert. Dies, so kann argumentiert werden, unterstützt die Leugnung des Todes, fördert unbewusste, defensive, eugenische Maßnahmen (Verheimlichen) und die Forderung des Abtretens gebrechlicher alter Menschen (Smith, 2003; Sudnow, 1967). Als ein Resultat davon ist in solchen Gesellschaften Angst wahrscheinlich das Gefühl, welches mit dem Gedanken an das Altern am häufigsten verbunden ist, wobei sich dieses Muster nicht weltweit wiederfindet. Wenn wir die Menschen danach fragen, welche Erfahrungen sie tatsächlich gemacht haben und positive Erfahrungen und Bewältigung wissenschaftlich untersuchen, dann gewinnen wir vollkommen andere Erkenntnisse – einer Realität, dass Entwicklung in höherem Alter eine wohltuende Klarheit hinsichtlich der Werte und eine erfreuliche Vielfalt an Erfahrungen und Kompetenzen mit sich bringt.

Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass die meisten Menschen entgegen populärer Annahmen das Alter positiv erleben (Diener/Suh, 1998; Williamson, 2005) und es liegen immer mehr Hinweise darauf vor, dass verschiedene messbare positive Faktoren wie Wohlbefinden, Emotionsregulation und Lebenszufriedenheit im Alter besser bewertet werden (Tornstam, 2011; Urry/Gross, 2010). Zudem sind die eindeutigsten Verbindungen zwischen Glück