Post-COVID-Syndrom und Long-COVID -  - E-Book

Post-COVID-Syndrom und Long-COVID E-Book

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Beschreibung

Die Pandemie hat Deutschland fest im Griff, und es deutet sich auch nach Aussagen der WHO an, dass Covid-19 als eigenständiges Krankheitsbild insbesondere auch mit Post-COVID-oder Long-COVID-Symptomen weiterhin existieren wird. Nach dem Motto „Das normale Leben ist jetzt“ müssen wir dies akzeptieren und Strategien nicht nur für die Behandlung im akuten Krankheitsverlauf, sondern auch weit darüber hinaus entwickeln. Die Herausgeber beschäftigen sich seit Beginn der Pandemie mit der Rehabilitation von Patienten nach COVID-19-Infektion. Es wurde schnell klar: Genesen heißt noch lange nicht gesund. Wie hoch die Dunkelziffer derer ist, die nach überstandener Infektion noch weiterhin Beschwerden haben und nicht arbeitsfähig sind, ist bislang absolut unklar. Mittlerweile steht fest, dass nicht nur zwischen Infizierten, Gestorbenen und Genesenen unterschieden werden darf. Vielmehr besteht die Notwendigkeit darin, die Gruppe der Genesenen weiter zu differenzieren und jeweils spezifischen Therapieansätzen zuordnen zu können. Dieses Buch soll einen Überblick über Krankheitsspektrum, Verlauf und Prognose der akuten Coronavirus SARS-CoV-2-Infektion geben, aber auch das Post-COVID-Syndrom näher beleuchten, indem auf unterschiedliche Organbeteiligungen und –störungen eingegangen wird und therapeutische Konzepte und Optionen erläutert werden.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jördis Frommhold | Per O. Schüller (Hrsg.)

Post-COVID-Syndrom und Long-COVID

Diagnostik, Therapie und Verlauf

mit Beiträgen von

C. Allwang | C. Altmann | C. Apfelbacher | T. Bahmer | U. Behrends | P. Berlit | B. Besteher | M. Binneböse | S. Brandenburg | S. Brüggemann | R. Deck | T. Frank | M. Gehring | D.A. Gilan | C. Gogoll | L. Golenia | V. Harth | D. Hattesohl | H. Heytens | M. Hörold | C. Kraft-Bauersachs | A.J. Küng | A.M. Kunzler | C. Lehmann | K. Lieb | S. Lindner | M. Lose | A.A. Mahabadi | L. Maier | U. Merle | F. Merten | C. Mühlhausen | M.U. Müller | A. Nebe | A. Nienhaus | M.T. Pawlik | E.M.J. Peters | T. Platz | T. Rassaf | N. Reimers | H. Renz-Polster | G.G.U. Rohde | M. Rutsch | C. Scheibenbogen | P.O. Schüller | F. Steger | A. Steinmetz | T. Trefzer | D. Vilser | M. Walter | S. Weinbrenner | D. Wolff

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Das Herausgeber-Team

Dr. med. Jördis Frommhold

Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien

MEDIAN Klinik Heiligendamm

Kinderstrand 1

18209 Heiligendamm

Dr. med. Per Otto Schüller

Abteilung für Kardiologie und Pneumologie

MEDIAN Klinik Flechtingen

Parkstraße 1

39345 Flechtingen

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstraße 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN: 978-3-95466-772-7 (eBook: PDF)

ISBN: 978-3-95466-773-4 (ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2023

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden.

Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Projektmanagement: Viola Schmitt, Berlin

Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout, Satz und Herstellung: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

Geleitwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das COVID-19-Virus war für uns von Anfang an sowohl große Sorge, Verpflichtung als auch auch Chance.

Anfang Februar 2020 waren wir alle besorgt, welche Auswirkungen das hochansteckende Virus in Deutschland zeigen würde. Die Bilder aus China, aber auch aus Bergamo in Italien und bald auch anderen europäischen Ländern, waren erschütternd und machten deutlich: Die Bekämpfung des Virus wird eine existenzielle Herausforderung. Klar war aber auch, dass MEDIAN als einer der größten Gesundheitsdienstleister in Deutschland mit über 12% Marktanteil in der Rehabilitation eine besondere Verpflichtung zur Bewältigung der bevorstehenden Herausforderungen übernehmen würde.

Während es noch vielfach Überlegungen gab, die Reha-Kliniken wie Hotels zu schließen, überlegte MEDIAN an erster Stelle, der erwarteten Flut an Menschen, die am COVID-19-Virus erkranken würden, medizinische Versorgung anbieten zu können: Wie kann beispielsweise eine Klinik für orthopädische oder psychosomatische Rehabilitation als Reservekrankenhaus dienen, welche Reha-Nachsorgen benötigen COVID-Erkrankte, die nach langen Intensivaufenthalten überlebt hatten? Zu diesen Fragen entwickelte MEDIAN als Gruppe bereits Anfang März 2020 Lösungsansätze und baute Vernetzungen zu den lokal gebildeten Krisenstäben auf.

Aber auch die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten sowie unserer Mitarbeitenden vor einer Ansteckung mit dem Virus musste gewährleistet sein. Schon Anfang März hatte der Krisenstab zu COVID-19 Hygienekonzepte auf Basis der verfügbaren Informationen und Erkenntnisse entwickelt. Als erstes Klinikunternehmen in Deutschland stellten wir ausreichend Schutzausrüstung zur Verfügung, um bereits Anfang April 2020 eine flächendeckende Maskenpflicht für Patientinnen, Patienten und Mitarbeitende einzuführen.

Dank der hervorragenden Leistungsfähigkeit der deutschen Krankenhauslandschaft und einer zu diesem Zeitpunkt richtigen, konsequenten Eindämmungspolitik blieb die befürchtete Patientenflut glücklicherweise aus. Es wurde klar, dass die Rehabilitation sich vor allem auf eine Nachsorge akut behandelter COVID-19-Patienten konzentrieren musste. Geführt durch die Sprecher der großen Medical Boards entwickelten Chefärztinnen und Chefärzte von MEDIAN bereits im März erste Angebote für eine integrierte somatisch-psychologische Post-COVID-Rehabilitation. Der erste Post-COVID-Patient trat am 14. April 2020 in unserer Klinik in Heiligendamm seine Behandlung an. Weitere Behandlungskonzepte wurden entwickelt, um auch die rein psychischen Beeinträchtigungen und Suchtfolgen, die eine Erkrankung, aber auch der erste Lockdown mit sich brachten, zu behandeln.

Im Laufe der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2020 zeichnete sich ein neues Krankheitsbild ab: Long-COVID, das zunächst gar nicht als solches erkannt, aber dann bald ein Massenphänomen wurde. Auch hier konnte MEDIAN rasch Konzepte zur Behandlung der vielfältigen Long-COVID-Symptome anbieten, die neurologische, kardiologische aber auch psychosomatische Aspekte der Erkrankung adressierten.

Von Anfang an war MEDIAN wichtig, die gewonnenen Erkenntnisse der eigenen Einrichtungen mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen zu teilen: Behandlungskonzepte, interne Leitlinien, Fallstudien und Forschungsergebnisse wurden jederzeit allgemein zugänglich gemacht, um noch mehr Patienten helfen zu können.

Zentral für die Entwicklung der Behandlungskonzepte waren auch die Medical Boards, in denen MEDIAN die Expertise der unterschiedlichen Fachrichtungen bündelt. Eigens für die Entwicklung von Behandlungskonzepten wurde das interdisziplinäre Medical Board Long-COVID von MEDIAN aufgesetzt. In diesem Gremium werden seitdem die laufend neuen Impulse und Erkenntnisse gebündelt und Behandlungsergebnisse analysiert. So werden zum Beispiel einzelne Fälle vorgestellt und besprochen – einen dieser Fälle finden Sie auch in diesem Buch.

Nach wie vor bin ich beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der unsere Chefärztinnen und Chefärzte, aber auch die Mitarbeitenden in der Pflege und in der Therapie sowie in der Verwaltung die Herausforderung annahmen. Innerhalb von nur sechs Wochen hatten sie unsere Einrichtungen nicht nur zu einem sicheren Ort für Patienten und Mitarbeitende gemacht, sondern auch neue Behandlungskonzepte und sogar einen eigenen Score für die kontinuierliche Messung des Behandlungserfolgs von Post- und Long-COVID entwickelt.

Dieses Buch ist das erste Fachbuch zu Post- und Long-COVID, das die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten zwei Jahre zusammenträgt und für die Praxis bereitstellt. Vieles davon kommt von den MEDIAN Chefärztinnen und -ärzten, welche in der Behandlung von inzwischen 7.150 Patienten (Stand August 2022) einen reichen Erfahrungsschatz aufgebaut haben, den wir im vorliegenden Buch teilen möchten.

COVID-19 wird uns noch lange beschäftigen. Aber dank der inzwischen gewonnenen Erkenntnisse, der entwickelten Impfstoffe, der effektiven Ansätze zur Akutbehandlung und last but not least den wirksamen Rehabilitationsangeboten hat eine COVID-19-Infektion deutlich an Schrecken verloren.

Die Forschung zur COVID-19-Erkrankung dauert an und wir werden uns immer wieder an neue Varianten des Coronavirus anpassen müssen. Aus diesem Grund ist das vorliegende Buch so wichtig, damit alle Akteure von den bisher erlangten Erkenntnissen profitieren können.

Jetzt ist es an der Politik, den Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen und jedem einzelnen von uns, wieder zu mehr Normalität zurückzufinden.

André M. Schmidt

Berlin im Oktober 2022

Vorwort

Auch Monate nach ihrer akuten Coronainfektion leiden zahlreiche Menschen unter Spätfolgen von COVID-19. Eine aktuelle Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO spricht sogar von 17 Millionen Long-COVID-Betroffenen in Europa! Diese neuartige Volkskrankheit kann weitreichende gesundheitliche und ökonomische Auswirkungen für jeden Einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft haben. Eine effiziente, interdisziplinäre und transsektorale Versorgung der Betroffenen und ein gesamtgesellschaftlicher Umgang mit der Erkrankung sind daher unerlässlich.

Vor diesem Hintergrund wurde das vorliegende erste Lehrbuch über das Post-COVID-Syndrom und Long-COVID von einem fachübergreifenden Experten-Team erarbeitet. Das Buch richtet sich an alle Akteure im Gesundheitswesen, die mit der Behandlung von Long-COVID-Betroffenen befasst sind. Ziel dieses Buches ist es, den Lesenden einen Überblick über das Krankheitsbild zu geben, indem auf unterschiedliche Organbeteiligungen und -störungen eingegangen wird und therapeutische Konzepte und Optionen erläutert werden.

Den Autorinnen und Autoren ist es gelungen, ein hochaktuelles und lehrreiches disziplinübergreifendes Kompendium über die Langzeitfolgen einer COVID-19-Infektion zu erstellen. Hervorzuheben sind die verschiedenen Blickwinkel in diesem Lehrbuch auf dieses neuartige Krankheitsbild. Neben den gehaltvollen medizinischen Ausführungen zur Diagnostik, den Symptomkonstellationen und verschiedenen Behandlungskonzepten beinhaltet das Buch einen lohnenswerten Blick in die Geschichte von Seuchen und Pandemien sowie eine epidemiologische und virologische Einordnung. Äußerst praxisrelevant sind die Hinweise für Patienten, sozialmedizinische Aspekte sowie Ausführungen zum Zugang zur Post-COVID-Rehabilitation.

Bei aller Ernsthaftigkeit mussten wir bei der Lektüre des Buches auch wiederholt schmunzeln, als wir beispielsweise lernten, dass lockdownbedingt in China ein Date schon mal ungeplant mehrere Tage dauerte und in einem Gesundheitsamt Coronabefunde nicht gezählt, sondern gewogen wurden. Hoffnungsvoll stimmt uns, dass von einigen Autorinnen und Autoren die Pandemie auch als riesige Chance für unser Gesundheitssystem angesehen wird.

Wichtige Punkte und Hintergrundinformationen sind in dem Werk hervorgehoben und gesondert zusammengefasst.

Bedanken möchten wir uns bei all denjenigen, die mit Hinweisen und Kommentaren zur Verwirklichung des Buches beigetragen haben. Ein besonderer Dank gebührt Frau Viola Schmitt und Frau Charlyn Maaß des MWV-Verlags, die das Projekt durch wirkungsvolle und tatkräftige Unterstützung erst realisiert haben.

Wir wünschen Ihnen eine interessante und lehrreiche Lektüre!

Jördis Frommhold

Per O. Schüller

Heiligendamm, Flechtingen im Oktober 2022

Inhalt

IBasiswissen

1Ein lohnenswerter Blick in die Geschichte für ein Verständnis COVID-19 – vor allem für deren psychosozialen FolgenFlorian Steger

2Epidemiologie: Zahlen, Daten, Fakten zur COVID-19-Pandemie – Häufigkeit, Schweregrad und VerteilungMercedes Rutsch und Ruth Deck

3Versorgungsforschung: Versorgung von Post-COVID-19-Patienten in DeutschlandDoreen Wolff, Heike Heytens, Madlen Hörold und Christian Apfelbacher

IIInfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2

1Das Coronavirus SARS-CoV-2: eine virologische EinordnungClara Lehmann

2Symptomatik der akuten Coronavirus SARS-CoV-2-InfektionGernot G.U. Rohde

3Verlauf und Prognose der Infektion mit Coronavirus SARS-CoV-2 – ambulante vs. stationäre VerläufeThomas Bahmer

IIIPost-COVID-Syndrom und Long-COVID – Symptome und Krankheitsverlauf

1„Genesen, aber nicht gesund“ – wie präsentiert sich der Long-COVID-Patient?Per Schüller und Laura Golenia

2Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom und BelastungsintoleranzHerbert Renz-Polster, Daniel Hattesohl, Uta Behrends und Carmen Scheibenbogen

3Post-COVID-Syndrom – Neurologische ManifestationenPeter Berlit

4Symptomkonstellation psychiatrisch-psychosomatische StörungenBianca Besteher, Tamara Frank, Marius Binneböse, Christine Allwang und Martin Walter

5Symptomkonstellation internistische Störungen (Herz-Kreislauf-System, Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen)Alexander James Küng, Tienush Rassaf und Amir Abbas Mahabadi

6Das Pädiatrische Post-COVID-SyndromDaniel Vilser

IVTherapiekonzepte Post-COVID-Syndrom und Long-COVID

1Behandlungskonzept bei neurologischen und kognitiven Einschränkungen infolge Long-/ Post-COVID-19Thomas Platz

2Erklärungs- und Therapiekonzepte psychischer Störungen in Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2 Infektion – Infekt überstanden heißt noch nicht bewältigt!Eva Milena Johanne Peters

3Therapiekonzepte internistischer AspekteChristoph Altmann

4Diagnostik und Therapie des Long-/Post-COVID-Syndroms – aktuelle Versorgungsrealität und interdisziplinäre TherapiekonzepteAnke Steinmetz

5Hyperbare Sauerstofftherapie bei Post-COVID-SyndromMichael T. Pawlik

VAdministration, Organisation und Mangagement

1Post-COVID-AmbulanzUta Merle

2Vom Antrag zur Reha: Zugang zur Post-COVID-Rehabilitation der RentenversicherungSusanne Weinbrenner, Silke Brüggemann, Maren Lose und Tanja Trefzer

3Sozialmedizinische Aspekte und berufliche WiedereingliederungAngelika Nebe, Christina Kraft-Bauersachs, Maren Gehring und Susanne Weinbrenner

4COVID-19 – Arbeitsfähigkeit und Fehlzeiten bei Beschäftigten im GesundheitswesenAlbert Nienhaus, Natalie Reimers und Volker Harth

5COVID-19-Erkrankungen nach Infektion am Arbeitsplatz und ihre Folgen – aus Sicht der gesetzlichen UnfallversicherungStephan Brandenburg

6Hinweise für PatientenChristian Gogoll

7Hart aber unfair: Wie Corona das gesellschaftliche Nervensystem angreiftMartin U. Müller

8Der Megatrend Gesundheit im Zeitalter der Post-Pandemie: Holistic Health in resilienten GesellschaftenCorinna Mühlhausen

9Psychische Folgen, Resilienz und Bewältigung des Post-COVID-Syndroms aus psychiatrisch-psychologischer SichtSaskia Lindner, Angela M. Kunzler, Donya Gilan und Klaus Lieb

10Reha vorbei – und dann? Digitale Nachsorge bei Post-COVID-PatientenLara Maier und Frank Merten

I

Basiswissen

1Ein lohnenswerter Blick in die Geschichte für ein Verständnis COVID-19 – vor allem für deren psychosozialen Folgen*Florian Steger

Im Peloponnesischen Krieg war die Landmacht Athen von der Seemacht Sparta in starke Bedrängnis gebracht worden. In seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges berichtet der antike Geschichtsschreiber Thukydides – hier in der Übersetzung von Peter Landmann:

„Gleich mit Sommers Beginn fielen die Peloponnesier und ihre Verbündeten mit zwei Dritteln ihrer Macht, wie das erstemal, in Attika ein […] und verwüsteten das Land.“ (Th. II 47,2)

430 v. Chr. stellte dann die Seuche die Polis Athen vor eine zusätzliche harte Prüfung:

„Sie waren noch nicht viele Tage in Attika, als in Athen zum ersten Male die Seuche ausbrach. [...] [von] nirgends wurde eine solche Pest, ein solches Hinsterben der Menschen berichtet.“ (Th. II 47,3)

Der Einmarsch der Peloponnesier in Attika wird also in direkte Verbindung zu dem Ausbruch der Epidemie in Athen gesetzt. Die – modern gesprochen – massive Ausbreitung einer Infektionskette wird mit einer parallel sich ereignenden kriegerischen Auseinandersetzung verglichen. Man kann generell feststellen, dass bei der Beschreibung von Infektionen Sprache und Bilder verwendet werden, die an kriegerische Auseinandersetzungen gemahnen.

Die gesamte Landbevölkerung war nach Athen gebracht worden, sodass zu all dieser Not in der Stadt auch noch die Masse der Menschen von außen kam. Eine menschliche Tragödie trat zunehmend vor Augen. Draußen verödete das Land und drinnen in der Stadt konnten nicht einmal mehr die geschulten Ärzte helfen. Ein Bild, das in der Seuchengeschichte über die Jahre immer wieder vor Augen tritt, wenn eine überwältigende Bedrohungssituation eintritt.

Und erinnern wir uns an die ersten Tage der rezenten Pandemie, wussten wir selbst auch nicht wirklich, was zu tun ist. Nur wenige hatten sich bisher mit Coronaviren, speziell mit SARS-CoV-2 beschäftigt. Und noch weniger hatten klinische Erfahrungen mit SARS-CoV-2 gesammelt. Hier haben wir in Windeseile vieles gelernt, auf den Weg gebracht und mittlerweile auch vorangebracht. Man denke nur an die Impfstoffentwicklung, die gerade aus medizinhistorischer Perspektive ultrarasant verlief – und insofern muss man sich auch nicht wundern, wenn es hier und da noch klemmt. In der Summe sind wir aber doch enorm weit in der Pandemie gekommen. Und in diesem Zusammenhang ist es richtig, von Schicksalskontingenz zu sprechen. Wir Menschen sind eben nicht auf jedes Naturereignis gut vorbereitet. Wir müssen anerkennen, dass die Natur eine enorme Durchdringungskraft hat. Und wir sind gut beraten, mehr Ressourcen in die Prävention zu stecken.

In Athen raffte die Seuche alle dahin. Im Angesicht dieser aussichtslosen Situation und der tödlichen Seuche kam es zu Verwahrlosung, zur Sittenlosigkeit der Gesellschaft, kurzum zum sittlich-moralischen Verfall, dem der politische folgte. Und auch diese Beschreibung des Thukydides mutet enorm modern an, blickt man historisch auf Seuchenereignisse. Die psychosozialen Folgen sind gleich und hier sind die Bürgerinnen und Bürger wie auch der Staat sehr gefordert, sich als Zivilgesellschaft unter Beweis zu stellen. Camus beschreibt ähnliche Folgen in Die Pest. Erinnern wir uns an die vielen Bilder aus der ganzen Welt, die wir in den letzten beiden Jahren der Pandemie gesehen haben, kommt einem manche Erinnerung, die an Thukydides’ Schilderung erinnern.

Existenzielle Bedrohungen durch Seuchen sind in der Geschichte schon lange beschrieben. So breitete sich die Justinianische Pest ab dem Jahr 541 n. Chr. pandemisch über das gesamte Mittelmeergebiet aus, dauerte zwei Jahrhunderte und hatte für viele Menschen den Tod zur Konsequenz. Der Geschichtsschreiber Prokop von Caesarea (ca. 500–560) erlebte ähnlich wie zuvor Thukydides dieses Geschehen in Konstantinopel selbst und kann als Zeitzeuge – hier in der Übersetzung von Otto Veh – herangezogen werden:

„Damals brach eine Seuche aus, die fast die gesamte Menschheit dahingerafft hätte […]. Für dieses Unglück jedoch kann man einen Grund weder nennen noch ausdenken, außer man sucht ihn bei Gott. Denn die Heimsuchung beschränkte sich nicht auf einen bestimmten Teil der Erde oder auf gewisse Menschen und dauerte auch nicht bloß über eine Jahreszeit hin […], sie umfaßte vielmehr die ganze Erde, schädigte alle Menschenleben […]. Dabei überging sie auf ihrem Schreckenszuge niemand, sondern dehnte sich auf ihrem Wege bis zu den äußersten Grenzen der bewohnten Erde aus, so als fürchtete sie, es könnte ihr einer ihrer Winkel verborgen bleiben. […] Im zweiten Jahre aber und zwar mitten im Frühling erreichte sie Byzanz, wo auch ich mich damals aufhielt.“ (Procop. II 22,9)

Folgt man den Schilderungen Prokops, fallen viele Parallelen zu den thukydideischen Schilderungen auf, insbesondere auch bei den psychosozialen Folgen, die auch in Anbetracht der rezenten Pandemie erstaunlich zeitlos anmuten. Thukydides beschreibt wie Prokop die Verbreitung der Seuche in Athen sachlich und klar als Augenzeuge und selbst Betroffener:

„[…] ich will nur schildern, wie es war; nur die Merkmale, an denen man sie am ehesten wiedererkennen könnte, um dann Bescheid zu wissen, wenn sie je noch einmal hereinbrechen sollte, die will ich darstellen, der ich selbst krank war und selbst andere leiden sah.“ (Th. II 48,3)

Der Geschichtsschreiber verbindet mit seiner Schilderung also auch das präventive Ziel, gerüstet zu sein für künftige Bedrohungen durch Seuchen. Geschichte schreiben, um zu erinnern, Medizingeschichte schreiben, um Präventionsarbeit zu leisten. Diese Funktion hatte Medizingeschichte übrigens lange Zeit, dass man tatsächlich Medizingeschichte als ein großes Reservoir von Erfahrungen und Lösungsoptionen betrachtet. Und, um nicht missverstanden zu werden, damit sei nicht einmal mehr behauptet, man lerne aus der Medizingeschichte für die rezente medizinische Versorgung und Praxis – das ist sicherlich schief und in der Sache auch zu einfach gedacht. Zu viele Kontexte sind zu berücksichtigen, zu stark sind solche Erfahrungen von den historischen und sozialen Begebenheiten, von den Kontexten geprägt. Wohl ist aber ein Gedanke dran – und dies zeigt ja auch die lange Tradition, aus der Medizingeschichte für die rezenten Fragen der Medizin etwas schöpfen zu wollen. Verstehen wir die Medizingeschichte als facettenreiches Potenzial von Erfahrungen, lohnt sich in der Tat ein Blick zurück für ein Verständnis von heute und morgen. Dies kann man gerade beim Umgang mit Infektionsgeschehen immer wieder eindrücklich vor Augen führen.

In seinem Werk hatte Thukydides zuvor Perikles einen Lobpreis auf die Großmacht Athen singen lassen (Th. II 35–46). Dem folgt nun mit der Seuchenschilderung eine heftige Zäsur, die Peripetie vom perikleischen Athen zur Katastrophe. So schnell sind Wohlstand und Prosperität auf der einen und Leid sowie Bedrohung auf der anderen Seite beieinander; auch dies erinnert an die rezente Pandemie, erinnert man sich vor allem an die ersten Tage, dann aber auch die Wochen des Infektionsgeschehens.

Dabei beschrieb Thukydides auch die Idee, dass von den Erkrankten eine Ansteckungsgefahr ausging, sogar für die Tiere – und dies, ohne dass auch nur irgendeiner etwas von Mikroerregern ahnte:

„[…] und insbesondre war dies ein klares Zeichen, daß sie etwas anderes war als alles Herkömmliche: die Vögel nämlich und die Tiere, die an Leichen gehn, rührten entweder die vielen Unbegrabenen nicht an, oder sie fraßen und gingen dann ein. Zum Beweis: es wurde ein deutliches Schwinden solcher Vögel beobachtet; man sah sie weder sonst noch bei irgendeinem Fraß, wogegen die Hunde Spürsinn zeigten für die Wirkungen wegen der Lebensgemeinschaft.“ ( Th. II 50,2)

Diese Zeilen sind erstaunlich modern, auch in Anbetracht des Ausbruchgeschehens der rezenten Pandemie. Bis heute diskutieren wir die Herkunft des Virus und dessen Weitergabe. Wir beobachten die Infektion, auch bei Tieren, und diskutieren, welche Implikationen dies für uns selbst hat. Als ich selbst zu Beginn der Pandemie den Thukydides wieder in die Hand nahm und diesen Text las, begann ich zunehmend die Tierwelt und die Auswirkungen für die Tiere zu beobachten. Und plötzlich hatte ich auch den Eindruck, dass ich nur noch wenig Vögel sah – der Eindruck trügte allerdings, die Bilder verschwammen wohl auch bei mir und brauchen ein Korrektiv.

Aber auch für die Menschen, gerade für die, welche sich um die Erkrankten kümmerten, bestand Lebensgefahr, so lesen wir bei Thukydides:

„Nicht nur die Ärzte waren mit ihrer Behandlung zunächst machtlos gegen die unbekannte Krankheit, ja, da sie am meisten damit zu tun hatten, starben sie auch am ehesten selbst […].“ (Th. II 47,4)

Und auch dieser beobachtete Zusammenhang ist bemerkenswert, immerhin muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass damals weder Infektionserreger bekannt waren noch ein klinisch evidentes Wissen über Infektionsketten bestand. Man kann daran einmal mehr erkennen, wie wichtig – auch heute – eine exakte Beobachtung der Geschehnisse ist. Man kann von solchen Beschreibungen viel lernen. Die Seuche brach zum ersten Mal im Sommer 430 aus und ging bis zum Sommer 428. Sie kehrte im Winter 427/426 wieder und hielt dann bis zum Winter 426/425 an. Die demografischen Folgen von damals abzuschätzen, ist äußerst schwierig, hierzu gibt es schlichtweg nur wenig oder gar keine Zeugnisse. Insofern sollte man sich hier eher zurückhalten.

Heute sind wir von den vielen Daten regelrecht überwältigt; man kann sagen, dass wir auf all dieses Zahlenwerk nahezu konditioniert sind. Man vermisst dabei allerdings ab und an doch einen kritischen Umgang mit den vielen Kennzahlen, die alle interpretiert werden müssen. Manch einer schnappt eine Kennzahl auf und argumentiert, ohne sich Gedanken über die Aussagekraft dieser Kennzahl gemacht zu haben. Zudem liegt ein gefährliches Potenzial in den scheinbar so exakten Zahlen. Dies ist in der Pandemie bei den unzähligen Diskussionen immer wieder frappierend vor Augen getreten. Wissen scheint Sicherheit zu versprechen, allerdings muss man sich über die Fragilität oder die Belastbarkeit bestimmten Wissens schon auch Gedanken machen, um dies einordnen zu können. Christian Drosten hat hier mit seinem Podcast im NDR eine pädagogische Meisterleistung vollbracht. Schade, dass dies nun vorüber ist. Wir sollten generell solche Formate viel mehr – auch unabhängig von der Pandemie – vorsehen. Das Expertenwissen kritisch zu diskutieren und in die breite Öffentlichkeit zu tragen, um die Bürgerinnen und Bürger erst einmal zu befähigen, sich aktiv an den öffentlichen Diskussionen angemessen beteiligten zu können, sich reflektiert eine Meinung zu bilden, ist eine ganz besonders wichtige Aufgabe, wie wir dies in der Pandemie gelernt haben.

Gegen die Ansteckung ergriff man bei der Seuche von 1348, die von den Chronisten des 16. Jahrhunderts als „Schwarze[r] Tod“ bezeichnet wurde, Quarantänemaßnahmen. Seit 1374 wurde diese zuerst in Reggio Emilia für zehn Tage und dann seit 1383 in Marseille für 40 Tage angeordnet; Letzteres entspricht auch dem Begriff quarantaine de jours. Darüber liest man auch bei Boccaccio in seinem Decameron (Wigand et al. 2020). Entsprechend wurden die Schiffsrouten kritisch verfolgt. Schiffe mit an der Pest Erkrankten mussten eine spezielle Flagge hissen und durften nicht anlegen. Bei Thukydides lesen wir:

„Weder die Heilkundigen, die Ärzte, konnten helfen noch die Götter: „[…] auch jede andre menschliche Kunst versagte: alle Bittgänge zu den Tempeln, Weissagungen und was sie dergleichen anwandten, half alles nichts, und schließlich ließen sie davon ab und ergaben sich in ihr Unglück.“ (Th. II 47,4)

Dass Götter bei gesundheitlicher Bedrohung um Hilfe angerufen wurden, war lange Zeit verbreitet. Manch einer sucht noch heute, dann vielleicht eher bei dem einen Gott, sein Heil. Man spricht hier von theurgischen Krankheitsmodellen: Götter schicken Krankheiten und Götter können nach einer Versöhnung durch Opfergaben auch Heilungen herbeiführen. Der eine oder andere mag sich vielleicht an die Wallfahrten nach Lourdes und die dort stattgehabten Wunderheilungen erinnert fühlen.

Im ersten Gesang der Ilias erfahren wir von einem Frevel des Agamemnon gegen Apollon, der schließlich zu einer Seuche im Lager der Achaier geführt hatte, als sie Troja belagerten. Der Gott hatte die Seuche als Strafe durch Pfeile gesandt und musste besänftigt werden. Hiervon lesen wir in der Ilias in der Übersetzung von Heinrich Voß:

„Fern von den Schiffen setzt er sich nun und schnellte den Pfeil ab, / Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen. / Maultiere nur erlegt’ er zuerst und hurtige Hunde, / Dann aber gegen sie selbst die bitteren Pfeile gerichtet, / Traf er, und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge. / Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes […]. Nicht wird jener die schreckliche Hand abziehn vom Verderben, / Bis man zurück dem Vater das freudigblickende Mägdlein / Hingibt, frei, ohne Entgelt und mit heiliger Festhekatombe / Heim gen Chrysa entführt. Das möcht ihn vielleicht uns versöhnen“ (Hom. Il. I 48–53 und 97–100).

Nach den Opfergaben und erfolgter Versöhnung war zu erwarten, dass die Seuche wieder wich. Die Menschen verstanden solche Seuchen also noch meist als Strafen der Götter, also schicksalhafte Ereignisse, die letztlich von der Gunst der Götter abhingen. In den folgenden Jahrhunderten wurde häufig aus Angst oder Verzweiflung von einem Teil der Bevölkerung weiterhin an metaphysischen Ursachen für Krankheiten festgehalten, was auch zur Pflege von Heilkulten, u.a. des Asklepios-Kults, führte (Steger 2016).

Nur langsam kamen in den zeitgenössischen medizinischen Lehrbüchern, zuerst in den hippokratischen Schriften, natürliche Erklärungsversuche auf (Brodersen 2022). Man suchte nun durch Analogie von Beobachtungen der Natur auf den menschlichen Organismus zu schließen. Gesundheit und Krankheit wurden zunehmend als natürliche Phänomene zu verstehen gesucht, entsprechend wurde sich auf Suche nach natürlichen Ursachen begeben.

Die Gesunden hielten sich von den Erkrankten fern, und nur die bereits Genesenen – heute würden wir sagen die Immunisierten – wagten sich an die Betroffenen heran. Thukydides beschreibe, wie die Kranken im Stich gelassen wurden und mit der Krankheit allein waren:

„Wenn sie nämlich in der Angst einander mieden, so verdarben sie in der Einsamkeit, und manches Haus wurde leer, da keiner zu pflegen kam; gingen sie aber hin, so holten sie sich den Tod, grad die, die Charakter zeigen wollten – diese hätten sich geschämt, sich zu schonen, und besuchten ihre Freunde […]. Am meisten hatten immer noch die Geretteten Mitleid mit den Sterbenden und Leidenden, weil sie alles vorauswußten und selbst nichts mehr zu fürchten hatten; denn zweimal packte es den gleichen nicht, wenigstens nicht tödlich. Diese wurden glücklich gepriesen von den andern und hatten auch selbst seit der Überfreude dieses Tages eine hoffnungsvolle Leichtigkeit für alle Zukunft, als könne sie keine andere Krankheit je mehr umbringen.“ (Th. II 51,6)

Der koreanisch-deutsche Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han (2020) vertritt in seinem Werk Palliativgesellschaft die zentrale These einer Daueranästhesierung unserer Gesellschaft, also einer palliativen Demokratie, welche eine schmerzhafte Auseinandersetzung nicht mehr suche. Nun lässt sich über diese These trefflich streiten. Wenn Han aber im Kapitel Ethik des Schmerzes Folgendes über die Folgen der Pandemie ausführt, kann man dem nur zustimmen:

„In Zeiten der Pandemie rückt das Leiden anderer noch mehr in die Ferne. Es löst sich in Fallzahlen auf. Die Menschen sterben einsam auf den Intensivstationen, ohne jede menschliche Zuwendung. Nähe bedeutet Ansteckung. Social Distancing verschärft den Empathieverlust. Es schlägt in mentale Distanzierung um. Der andere ist nun ein möglicher Virusträger, von dem es Abstand zu halten gilt. Social Distancing avanciert zu einem Akt sozialer Distinktion.“

Entsprechend liest man auch in einer „Pflegeethische[n] Reflexion der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19“ (https://www.aem-online.de/​fileadmin/​user_upload/​2020_05_12_Pflegeethische_Reflexion_Papier.pdf) der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) die Zuspitzung, dass vonseiten der Pflege die physische Präsenz ein enorm hohes Gut darstellt. Soziale Isolation und Deprivation werden als Gefahren der sozialen Distanzierung thematisiert. Es wird eine würdevolle Begleitung pflegebedürftiger Menschen im Spannungsfeld von Infektionsgefahr, leiblicher Nähe und Lebensqualität gefordert.

Um es auf eine Kurzformel zu bringen: Physical Distancing, aber bitte kein Social Distancing!

Thukydides schildert plastisch wie in einer medizinischen Fachschrift die Symptome der Erkrankten – und einmal mehr ist man erstaunt von der Plastizität und Exaktheit seiner genauen Beobachtungen:

„Wer schon vorher ein Leiden hatte, dem ging es immer über in dieses, die andern aber befiel ohne irgendeinen Grund plötzlich aus heiler Haut zuerst eine starke Hitze im Kopf und Rötung und Entzündung der Augen, und innen war sogleich alles, Schlund und Zunge, blutigrot, und der Atem, der herauskam, war sonderbar und übelriechend. Dann entwickelte sich daraus ein Niesen und Heiserkeit, und ziemlich rasch stieg danach das Leiden in die Brust nieder mit starkem Husten. Wenn es sich sodann auf den Magen warf, drehte es ihn um, und es folgten Entleerungen der Galle auf all die Arten, für die die Ärzte Namen haben, und zwar unter großen Qualen, und die meisten bekamen dann einen leeren Schlucken, verbunden mit einem heftigen Krampf, der bei einigen alsbald nachließ, bei andern auch erst viel später. Wenn man von außen anfaßte, war der Körper nicht besonders heiß, noch auch bleich, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen und bedeckt von einem dichten Flor kleiner Blasen und Geschwüre; aber innerlich war die Glut so stark, daß man selbst die aller dünnsten Kleider und Musselindecken abwarf und es nicht anders aushielt als nackt und sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätte. Viele von denen, die keine Pflege hatten, taten das auch, in die Brunnen, vor dem unstillbaren Durst. Es war kein Unterschied, ob man viel oder weniger trank. Und die ganze Zeit quälte man sich in der hilflosen Unrast und Schlaflosigkeit. Solang die Krankheit auf ihrer Höhe stand, fiel auch der Körper nicht zusammen, sondern widerstand den Schmerzen über Erwarten. Entweder gingen daher die meisten am neunten oder siebten Tag zugrunde an der inneren Hitze, ohne ganz entkräftet zu sein, oder sie kamen darüber weg, und dann stieg das Leiden tiefer hinab in die Bauchhöhle und bewirkte dort ein starkes Schwären, wozu noch ein wäßriger Durchfall auftrat, so daß die meisten später an diesem starben, vor Erschöpfung. Denn das Übel durchlief von oben her, vom Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte, den ganzen Körper, und hatte einer das Schlimmste überstanden, so zeigte sich das am Befall seiner Gliedmaßen: denn nun schlug es sich auf Schamteile, Finger und Zehen, und viele entrannen mit deren Verlust, manche auch dem der Augen. Andere hatten beim ersten Aufstehen rein alle Erinnerung verloren und kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr.“ (Th. II 49,8)

Bei dieser Schilderung wird man unweigerlich an humoralpathologische Vorstellungen erinnert, also an die ersten in den hippokratischen Schriften vereinten systematischen Bemühungen, fern der Götter natürliche Erklärungen für Krankheitsgeschehen anzunehmen (Steger 2021). Thukydides ist von den Theorien der zeitgenössischen Medizin beeinflusst. Ein Gleichgewicht, eine Eukrasie, der vier Säfte Blut, Schleim, Galle, schwarze Galle gewährt demnach Gesundheit; das Überwiegen eines der Säfte, eine Dyskrasie, führt zur Krankheit. Hinzu treten Primärqualitäten wie feucht, trocken, kalt, heiß, die mit den Säften korrespondieren. Von diesen ausgehend wurden dann entsprechend dem Grundsatz „contraria contrariis“ bestimmte therapeutische Maßnahmen ergriffen. Überwiegen also der Schleim und damit das Feuchte und Kalte, sind Wärme und Trockenheit das therapeutische Ziel. Und wenn zu viel Blut vorhanden war und damit das Warme und Feuchte dominierte, wird therapeutisch Trockenheit und Kälte angestrebt. So wählte man dann beispielsweise Phytopharmaka mit entsprechenden Wirkungen aus. Bei Infektionen wurden die Atemluft des Erkrankten und Luftverunreinigungen, sogenannte Miasmata, diskutiert. Bei der Seuche von 1348 wurden deshalb Schutzkleidung und Pestmasken mit wohlriechenden Substanzen in deren Nase eingesetzt. Auf die Idee, dass konkrete Erreger die Seuchen verursachten, kam man lange Zeit nicht, auch wenn beispielsweise der frühneuzeitliche Arzt Girolamo Fracastoro mit seiner Idee der „Krankheitssamen“ den richtigen Weg einschlug. Es vergingen aber immerhin mehr als zwei Jahrtausende, bis man der Pest etwas effektiv entgegenzusetzen hatte. 1894 entdeckte der Schweizer Biologe Alexandre Yersin den nach ihm benannten Erreger der Pest, das Bakterium Yersinia pestis. In der Folge wurde die Infektionskette beschrieben. Heute kann man Antibiotika geben und den Gefährdeten eine präventive Impfung anbieten. Gegenüber retrospektiver Diagnostik ist Zurückhaltung geboten, zu wenig weiß man über Details und zu sehr geht man von heutiger Sicht und modernen Begrifflichkeiten aus. So ist auch die Verwendung des Begriffs „Pest“ für die Attische Seuche problematisch. Denn heute wird darunter eine Infektionskrankheit durch das gramnegative Stäbchenbakterium Yersinia pestis verstanden; durch die Bezeichnung als Pest könnte aber leicht geschlossen werden, bei der Seuche um 430 handle es sich tatsächlich um die heute so verstandene Krankheit. Das wissen wir aber nicht. Insofern ist man gut beraten, sich hier schon allein bei der Terminologie zurückzuhalten.

Was die Therapie angeht, hatte man in Athen wenig zur Hand, so lesen wir bei Thukydides:

„Die einen starben, wenn man sie liegen ließ, die andern auch bei der besten Pflege. Und ein sicheres Heilmittel wurde eigentlich nicht gefunden, das man zur Hilfe hätte anwenden müssen – was dem einen genützt hatte, das schadete einem andern – auch erwies sich keine Art von Körper nach seiner Kraft oder Schwäche als gefeit dagegen, sondern alle raffte es weg, auch die noch so gesund gelebt hatten.“ (Th. II 51,3)

Mittlerweile hat sich hier schon ein gewisser Fortschritt eingestellt, aber letztlich hatten wir auch heute bei der Covid-19-Pandemie lange Zeit gar kein Therapeutikum zur Hand. Bei den Vakzinen waren wir zwar letztlich unglaublich schnell, wenngleich große Erwartungen bald auch wieder getrübt wurden. Wir arbeiten auf Hochtouren daran, und es wird immer besser, muss es auch, denn noch immer ist die Pandemie nicht im Griff.

Bei der Frage nach dem Ausgangspunkt der Seuche hält sich Thukydides – wie auch schon im Methodenkapitel (Th. I 22,4) und in der Pathologie des Staates (Th. III 82,2) – weise zurück:

„[…] auch die Meinung aufkam, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen (denn Quellwasser gab es dort damals noch nicht). Später gelangte sie auch in die obere Stadt, und da starben die Menschen nun erst recht dahin. Mag nun jeder darüber sagen, Arzt oder Laie, was seiner Meinung nach wahrscheinlich der Ursprung davon war und welchen Ursachen er eine Wirkung bis in solche Tiefe zutraut; ich will nur schildern, wie es war […].“ (Th. II 48,3)

Das erinnert einmal mehr an moderne Diskussionen, die in absurde und gefährliche Verschwörungstheorien münden. Wie viele solch absurder Theorien wir ertragen mussten, weiß jeder, der Zeitzeuge unserer Pandemie ist. Ein erschreckendes Anthropologikon, dass wir Menschen immer wieder solche Verschwörungstheorien befeuern und damit diese unsägliche Tradition aufrechterhalten. Viel zielführender wäre es, in einem solidarischen Kraftakt unsere ganze Energie in die Überwindung der Pandemie zu stecken.

Thukydides beschreibt die bedrückenden sozialen Folgen. Plötzlich war der Glanz der Großmacht Athen getrübt. Mit den Spartanern drang die Seuche ein. Der Verfall wurde eingeleitet:

„Denn die unfaßbare Natur der Krankheit überfiel jeden mit einer Wucht über Menschenmaß […].“ (Th. II 50,1)

Die Bürgerinnen und Bürger waren – so beschreibt es Thukydides – von Mutlosigkeit, Verzweiflung und Angst vor Ansteckung gezeichnet:

„Das Allerärgste an dem Übel war die Mutlosigkeit, sobald sich einer krank fühlte (denn sie überließen sich sofort der Verzweiflung, so daß sie sich innerlich viel zu schnell selbst aufgaben und keinen Widerstand leisteten), und dann, daß sie bei der Pflege einer am andern sich ansteckten und wie die Schafe hinsanken; daher kam hauptsächlich das große Sterben.“ (Th. II 51,4)

Letztlich fällt auch der Staatsmann Perikles – nach schweren innenpolitischen Anfeindungen – in doppelter Hinsicht der Seuche zum Opfer.

Abstand zu halten wurde schon bei der Attischen Seuche als probates Mittel eingesetzt, sich nicht anzustecken. Und dies ist bemerkenswert, bleibt das Gebot des Abstandhaltens doch bis zum heutigen Tag das Mittel der ersten Wahl im Umgang mit der aktuellen Pandemie. Doch damit fehlte es in Athen zugleich an Zuwendung und Fürsorge dem Nächsten gegenüber. Es kam eben doch zunehmend zu einem Social Distancing. Einzig die Genesenen, welche die Krankheit bereits überstanden hatten, waren bereit zu helfen.

Bei Thukydides lesen wir, wie sich unter den Bürgerinnen und Bürgern die Sittenlosigkeit ausbreite und die Gesetze missachtet wurden:

„Alle Bräuche verwirrten sich, die sie sonst bei der Bestattung beobachteten; jeder begrub, wie er konnte. Viele vergaßen alle Scham bei der Beisetzung, aus Mangel am Nötigsten, nachdem ihnen schon so viele vorher gestorben waren: die legten ihren Leichnam auf einen fremden Scheiterhaufen und zündeten ihn schnell an, bevor die wiederkamen, die ihn geschichtet, andre warfen auf eine schon brennende Leiche die, die sie brachten, oben darüber und gingen wieder. Überhaupt kam in der Stadt die Sittenlosigkeit erst mit dieser Seuche richtig auf. Denn mancher wagte jetzt leichter seinem Gelüst zu folgen, das er bisher unterdrückte, da man in so enger Kehr die Reichen, plötzlich Sterbenden, tauschen sah mit den früher Besitzlosen, die miteins deren Gut zu eigen hatten, so daß sie sich im Recht fühlten, rasch jedem Genuß zu frönen und zu schwelgen, da Leib und Geld ja gleicherweise nur für den einen Tag seien. Sich vorauszuquälen um ein erwähltes Ziel war keiner mehr willig bei der Ungewißheit, ob man nicht, eh man’s erreiche, umgekommen sei; aber alle Lust im Augenblick und was, gleichviel woher, dafür Gewinn versprach, das hieß nun ehrenvoll und brauchbar. Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz; für jenes kamen sie zum Schluß, es sei gleich, fromm zu sein oder nicht, nachdem sie alle ohne Unterschied hinsterben sahen, und für seine Vergehen gedachte keiner den Prozeß noch zu erleben und die entsprechende Strafe zu zahlen; viel schwerer hänge die über ihnen, zu der sie bereits verurteilt seien, und bevor die auf sie niederfalle, sei es nur recht, vom Leben noch etwas zu genießen.“ (Th. II 53,4)

Der sittlich-moralische Verfall war unaufhaltsam geworden. Und auch dieser Verfall ist uns in Anbetracht der rezenten Pandemie nicht unbekannt. Gerade bei einer globalen Betrachtung der Folgen dieser Pandemie sind erschreckende psychosoziale Folgen zu beschreiben. Hier darf man sich nicht trügen lassen von einer nationalen Perspektive, vielmehr sind die globalen Dimensionen, welche die Pandemie hat, noch zu wenig öffentlich diskutiert. Immer wieder keimt eine Diskussion über die ungleiche Verteilung der Vakzine auf, diese müsste ernster und lösungsorientierter geführt werden. Vielmehr müssten aber die generellen Folgen der Pandemie in einer globalen Betrachtung öffentlich diskutiert werden.

Umso mehr darf also in Zeiten der Pandemie mit Covid-19 keiner allein gelassen werden, also Physical aber nicht Social Distancing. Zur Eindämmung der Infektion wurde auf das effektive Gebot des Abstandhaltens zurückgegriffen. Um diesen Abstand durchzusetzen, sind Rechtfertigung und Verhältnismäßigkeit geboten, immerhin werden hier Freiheitsrechte eingeschränkt, was auch nicht ohne öffentlichen Widerstand bleibt.

Wie schwer es fällt, in den 1940er-Jahren in der algerischen Stadt Oran diesen ungeheuerlichen Schritt zu tun, beschreibt Albert Camus in Die Pest mit einem langen Spannungsbogen, der schließlich in dem Zäsur setzenden Telegramm endet:

„Pestzustand erklären, Stadt schließen“.

Und ebenso unaufgeregt schließen sich die folgenreichen Worte an:

„Man kann sagen, daß von diesem Augenblick an die Pest uns alle betraf […] und es war unmöglich, auf Einzelfälle Rücksicht zu nehmen.“

Das ist eine bittere Einsicht, wenn das Gemeinwohl dem Individualwohl überwiegen soll.

Und wohin das führen kann, zeigen aktuelle Entwicklungen in Polen und Ungarn (Orzechowski et al. 2021): Die Freiheitsrechte während der Covid-19-Pandemie wurden stark eingeschränkt. Dabei wird deutlich, wie stark solche Entscheidungen von politischen Interessen getragen werden. Der Infektionsschutz wird hier rasch zum Argument für politische Interessen, wenn Grundrechte eingeschränkt werden. Das stiefmütterlich vernachlässigte Gesundheitssystem wird nun in seiner desolaten Situation ganz und gar augenfällig. Hinzu tritt ein politisch mitbestimmter Zugang zum Gesundheitswesen, der beispielsweise für Migrantinnen und Migranten verschlossen bleibt.

Aber auch ganz allgemein sind kranke und pflegebedürftige Menschen in Deutschland während der ersten Monate der Pandemie schlechter versorgt worden. Es liegen mittlerweile Daten vor, die zeigen, dass durch die Umsetzung politisch verordneter restriktiver Maßnahmen – zumindest in Teilen – keine angemessene Gesundheitsversorgung kranker Menschen mehr stattfinden konnte. Hierzu zählen Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen, deren Therapien nicht weitergeführt werden konnten bzw. wurden. Elektive Eingriffe wurden zurückgestellt, Chemo-, Radio- und palliative Therapie fanden später oder unregelmäßig statt. Viele Operationen wurden abgesetzt. Auch die Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen während der Pandemie gibt Anlass zur Sorge. Daneben sind Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen zu nennen, die zum Teil aus Angst vor Ansteckung gar nicht oder zu spät versorgt wurden. Aber auch einfache Zahnbehandlungen wurden durch politische Vorgaben nur eingeschränkt durchgeführt. Nicht zuletzt ist auch an psychische Störungen zu denken, die neu aufgetreten sind oder sich verschlechtert haben während eines eingeschränkten medizinischen Versorgungsangebots. Die Konsequenzen dieser inadäquaten medizinischen Versorgung dürften schwer wiegen.

Covid-19 hat einen enormen Impuls in der Forschung gesetzt, der politisch stark gefordert und gefördert wird. Forschung am Menschen ist aber immer unter den gleichen Standards und Prinzipien zu verantworten. Hier ist zu allererst der Probandenschutz zu nennen, dann eine angemessene Risiko-Nutzen-Analyse und freilich auch ein sozial verantwortliches Handeln für die Gemeinschaft. Spätestens seit 2002 ist mit SARS, Ebola und nun SARS-CoV-2 eine Diskussion aufgekommen, die davor warnt, in Zeiten der epi- oder pandemischen Gefährdung die Standards von Forschung am Menschen zu verändern. Entsprechend wurden Papiere von WHO, FDA (Food and Drug Administration), EMA (European Medicines Agency) oder dem Nuffield Council on Bioethics auf den Weg gebracht, die davor warnen, bei einem übergreifenden Infektionsgeschehen die Ansprüche an Forschung am Menschen zu senken. Und dennoch, blickt man auf die Covid-19-Pandemie, geschah genau dies. Die Ethikkommissionen in Deutschland wurden zur Mäßigung gerufen, und die Versorgungssicherstellungsverordnung wurde entsprechend adaptiert (https://www.gesetze-im-internet.de/medbvsv/BJNR614700020.html). Andrerseits wurden Aufsätze zu früh und ohne kritische Reviews – sogar in den besten internationalen Journalen – publiziert und dabei die Standards der Guten Wissenschaftlichen Praxis gefährdet (Bramstedt 2020). Schon im April 2020 gab es diesbezüglich ein kritisches Statement des European Network of Research Integrity Offices zu Forschung in Zeiten der COVID-19-Pandemie (ENRIO 2020):

„The COVID-19 pandemic is challenging for our everyday lives. In these times it is important to ensure that research ethics and research integrity standards remain in rapidly developing research projects and publications to the COVID-19 pandemic, on a pan European level.“

Und doch muss in einer modernen Zivilgesellschaft bei aller Wahrung öffentlicher Interessen und Güter der Einzelne in seiner Individualität geschützt und gewürdigt werden. Keinesfalls darf Mensch gegen Menschen aufgerechnet werden. Das wäre ein schwerer Verstoß gegen unsere Verfassung. Selbst wenn Ressourcen knapp sind, ist jedes Menschenleben in gleicher Weise qua Menschsein zu achten und zu würdigen. Denn wozu anderes Verhalten führen kann, zeigt uns eindrücklich Thukydides.

Literatur

AEM – Akademie für Ethik in der Medizin (2020) Pflegeethische Reflexion der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19. URL: https://www.aem-online.de/fileadmin/user_upload/2020_05_12_Pflegeethische_Reflexion_Papier.pdf (abgerufen 11.04.2022)

Bramstedt KA (2020) The carnage of substandard research during the COVID-19 pandemic: a call for quality. Journal of Medical Ethics 46, 803–807

Brodersen K (Hrsg.) (2022) Hippokrates: Sämtliche Werke. Mit einer Einführung von Florian Steger. wbg Edition Darmstadt

Bundesamt für Justiz (2020) Verordnung zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Produkten des medizinischen Bedarfs bei der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Epidemie (Medizinischer Bedarf Versorgungssicherstellungsverordnung – MedBVSV). URL: https://www.gesetze-im-internet.de/medbvsv/BJNR614700020.html (abgerufen am 11.04.2022)

ENRIO – The European Network of Research Integrity Offices VZW (2020) COVID-19 – The importance of research ethics and research integrity standards during the pandemic. URL: http://www.enrio.eu/news-activities/covid-19-the-importance-of-research-ethics-and-research-integrity-standards-during-the-pandemic/ (abgerufen am 11.04.2022)

Han BC (2020) Palliativgesellschaft Schmerz heute. Matthes & Seitz Berlin

Orzechowski M, Schochow M, Steger F (2021) Balancing public health and civil liberties in times of pandemic. Journal of Public Health Policy 42, 145–153

Steger F (2021) Antike Medizin. Eine Einführung und Quellensammlung. 81–133. Hiersemann Stuttgart

Steger F (2020) Ein wertvoller Blick in die Antike für heute. Von der Attischen Seuche in Zeiten der Pandemie COVID-19. In: Antike Welt 4, 58–62

Steger F (2016) Asklepios. Medizin und Kult. Franz Steiner Stuttgart

Wigand M, Becker T, Steger F (2020) Psychosocial reactions to plagues in the cultural history of medicine: a medical humanities approach. Journal of Nervous and Mental Disease 208, 443–444

* Wesentliche Grundlage dieses Beitrags ist folgende von mir publizierte Arbeit: Florian Steger (2020) Ein wertvoller Blick in die Antike für heute. Von der Attischen Seuche in Zeiten der Pandemie COVID-19. In: Antike Welt 4, 58–62. Der ursprüngliche Text wurde überarbeitet und erweitert.

2Epidemiologie: Zahlen, Daten, Fakten zur COVID-19-Pandemie – Häufigkeit, Schweregrad und VerteilungMercedes Rutsch und Ruth Deck

2.1COVID-19 in Zahlen

2.1.1Inzidenz, Prävalenz und Letalität

Zwei Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie meldet die WHO weltweit 260 Millionen Ansteckungen mit dem Virus SARS-CoV-2 und über 5,1 Millionen Todesfälle (Stand 30.11.2021) im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung (WHO 2021). In Deutschland sind nachweislich 5,9 Millionen Menschen an COVID-19 erkrankt (RKI 2021) und seit Beginn der Pandemie veröffentlicht das deutsche Meldesystem täglich die Inzidenz für das gesamte Bundesgebiet.

Die Inzidenz gibt an, wie viele Menschen in einer gegebenen Population während eines definierten Zeitraums neu erkrankt sind. Gängig ist es, die neu erkrankten Personen je 100.000 Einwohner:innen anzugeben. Aktuell werden die Fälle einer Woche als sogenannte 7-Tage-Inzidenz gemeldet. Im Falle von COVID-19 schwankt die Inzidenz regional sowie im zeitlichen Verlauf stark.

Das Meldesystem erfasst jedoch nicht alle Infizierten, da nur laborbestätigte Fälle eingeschlossen werden und Erkrankte mit asymptomatischen Verläufen die Infektion möglicherweise nicht bemerken und keinen Test veranlassen. Demzufolge ist von einer Untererfassung der täglich veröffentlichten Inzidenz auszugehen. In ersten seroepidemiologischen Studien, die Antikörper in der Bevölkerung untersuchen, bestätigte sich für Hotspots der ersten Welle sowie im Sommer 2020 eine Untererfassung des Faktors vier bis sechs (RKI 2021). Studien aus dem Herbst 2020 zeigen eine niedrigere Untererfassung vom Faktor zwei. Grund hierfür kann die Teststrategie in Verbindung mit der Arbeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes sein. Für Deutschland lassen sich bislang vier „Wellen“ identifizieren, in denen die Inzidenz besonders hoch war: von März bis Mai 2020, Oktober bis Februar 2021, März bis Juni 2021 und die vierte Welle, die seit dem Herbst 2021 anhält.

Der bereits beschriebene wellenförmige Pandemieverlauf, der sich durch eine geringere Inzidenz im Sommer und steigende Infektionszahl in den Herbst- und Wintermonaten auszeichnet, kann durch mehrere Faktoren erklärt werden. Zunächst ist das Virus gegenüber Hitze und UV-Strahlung weniger resistent, wohingegen in einer kühlen Umgebungstemperatur die Aerosolpartikel länger überleben. Außerdem finden im Sommer Aktivitäten häufiger im Freien statt und das Lüften von Klassenzimmern, Büros oder Restaurants ist einfacher zu realisieren. Im Herbst und Winter hingegen werden Aktivitäten vornehmlich in Innenräume verlagert. Dort kann sich SARS-CoV-2 insbesondere in Form von Aerosolen, leicht von Mensch zu Mensch übertragen. Die Ansteckungsgefahr wird durch das Tragen von medizinischen Masken, Lüften oder Luftfiltern und das Einhalten eines Mindestabstands verringert.

Genauso wie bei der Inzidenz verläuft auch die Prävalenz von COVID-19 zeitlich sowie zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen nicht linear.

Unter der Prävalenz versteht man die Häufigkeit des Vorliegens einer Krankheit oder eines Symptoms zu einem bestimmten Zeitpunkt oder während eines definierten Zeitintervalls (z.B. ein Jahr).

Menschen im höheren Alter waren besonders in der ersten Phase der Pandemie durch ihre altersbedingte Vulnerabilität stark betroffen. In den folgenden Monaten konnte mithilfe diverser Schutzmaßnahmen und der Priorisierung in der Impfreihenfolge die Prävalenz bei den Hochaltrigen verringert werden. Im Zusammenhang mit der Rückkehr zum Präsenzunterricht an Universitäten und Schulen stieg die Prävalenz unter Jüngeren. Wie bei der Inzidenz sind auch hier saisonale Muster sowie Zusammenhänge zu Öffnungs- und Kontaktbeschränkungsmaßnahmen erkennbar.

Da eine Infektion mit SARS-CoV-2 tödlich verlaufen kann, ist zuletzt ein Blick auf die Letalität notwendig.

Die Letalität ermittelt die „Tödlichkeit“ einer Erkrankung, indem sie die an einer Erkrankung Verstorbenen ohne definierte Zeitspanne ins Verhältnis zu den an der Erkrankung Betroffenen setzt. Sie gibt sozusagen an, wie wahrscheinlich es ist, an einer Erkrankung zu sterben, wenn man erkrankt. Die Mortalität („Sterblichkeit“) hingegen gibt die Todesfälle innerhalb einer festgelegten Zeitspanne an und bezieht sich auf die gesamte Population.

In den vergangenen zwei Jahren starben in Deutschland mehr als 102.000 Menschen im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung (Stand 02.12.21). Während in der ersten Welle die Letalität noch bei 6,2% lag, versterben aufgrund verschiedener Schutzmaßnahmen aktuell 1,8% (Stand 23.11.21) der COVID-19-Infizierten (RKI 2021). Zu beachten ist, dass die Wahrscheinlichkeit an einer COVID-19-Erkrankung zu sterben unter anderem vom Alter und bestehenden Vorerkrankungen abhängig ist (s. Abschnitt 2.2). Mit steigendem Alter (ab circa 50 bis 60 Jahre) erhöht sich die Wahrscheinlichkeit an einer COVID-19-Erkrankung zu sterben. Demzufolge überrascht es nicht, dass 86% der in Deutschland Verstorbenen 70 Jahre oder älter waren und der Altersmedian unter den Verstorbenen bei 82 Jahren lag.

In den ersten zwölf Monaten der Pandemie wurde eine Übersterblichkeit von 7,5% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum dokumentiert (DESTATIS 2021). Das bedeutet eine Zunahme von 71.000 Todesfällen und steht bei 47.860 Fällen im direkten Zusammenhang mit COVID-19. Die Gesamtzahl übermittelter Todesfälle im Jahr 2020 haben Forschende als Grundlage genutzt, um die verlorenen Lebensjahre aufgrund eines vorzeitigen Todes („Years of Life Lost“, YLL) zu berechnen (Rommel et al. 2021a). Demzufolge gingen im Jahr 2020 circa 305.641 Lebensjahre aufgrund von COVID-19 verloren. Ob jemand an COVID-19 verstirbt, hängt mit dem Krankheitsverlauf und der Krankheitsschwere zusammen.

2.1.2Krankheitsschwere

Der Krankheitsverlauf von COVID-19 reicht von asymptomatischen Infektionen über Betroffene, die eine schwere Lungenentzündung entwickeln bis hin zu Personen, die infolge der Erkrankung sterben. Generell wird zwischen einem milden, moderaten, schweren und kritischen Verlauf unterschieden. Betroffene, die einen milden oder moderaten Verlauf haben, entwickeln keine Pneumonie, werden nicht hospitalisiert und versterben nicht. Jedoch ist ein unkritischer Verlauf kein Garant, von möglichen Spätfolgen verschont zu bleiben (s. Abschnitt 2.1.4). Ein Krankheitsverlauf wird als schwer definiert, sobald eine Krankenhauseinweisung erforderlich ist. Bei kritischen Verläufen werden die Patient:innen auf eine Intensivstation verlegt und/oder beatmet.

Ein überwiegender Teil der Erkrankten hat einen milden bis moderaten Verlauf (circa 77%). Circa 10% der übermittelten COVID-19-Infektionen durchlaufen einen schweren oder kritischen Verlauf und werden hospitalisiert, von denen wiederum 26% sterben (Schilling et al. 2021). Über alle Krankheitsschwergrade hinweg liegt die Letalität bei 1,8%. Zu bedenken ist, dass die hier angegeben Daten aus dem Analysezeitraum KW 05/2020 bis KW 08/2021 stammen, in dieser Zeit stand noch kein Impfstoff zur Verfügung, der das Auftreten schwerer Verläufe minimiert.

2.1.3Symptomatik

Die COVID-19-Erkrankung ist gekennzeichnet durch ein breites und unspezifisches Symptomspektrum, sodass sie nicht als reine Atemwegsinfektion, sondern als Multiorganerkrankung verstanden werden muss. Die Symptome können unabhängig von der Krankheitsschwere über Monate andauern und einen linearen Verlauf verlassen. Dazu zählen neurologische oder gastrointestinale Symptome, Herz-Kreislauf-Erkrankungen/-Symptome, Nierenerkrankungen, dermatologische Manifestationen, PIMS, Hyperinflammationssyndrom und Co-Infektionen. Die häufigsten, aber auch weitere Symptome sind Tabelle 1 zu entnehmen.

Tab. 1 Symptome einer akuten COVID-19-Erkrankung und Häufigkeitsverteilung (in Anlehnug an Schilling et al. 2021)

Symptom (Mehrfachnennung möglich)Häufigkeit (in %) Husten 41 Schnupfen 29 Fieber 27 Halsschmerzen 21 Störung des Geschmackssinns 18 Störung des Geruchssinns 16 Dyspnoe 4,8 Durchfall 4,7 Pneumonie 1,5 ARDS 0,8

Weitere Symptome: Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Konjunktivitis, Hautausschlag, Lymphknotenschwellung, Apathie und Somnolenz

(Vgl. RKI 2021, URL: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html)

2.1.4Long-COVID

Die aktuellen Studien lassen bislang keine verlässlichen Aussagen darüber zu, wie viele Menschen tatsächlich von Long-COVID betroffen sind, wodurch langanhaltende Symptome begünstigt und wie sie behandelt werden können (RKI 2021). Die Evidenz ist sowohl in der methodischen Herangehensweise der Studien (Befragungen per App vs. papierbasierte Fragebögen inkl. ärztliche Untersuchung), den gewählten Messzeitpunkten als auch in den berichteten Ergebnissen zu Prävalenzen von Long-COVID sehr heterogen.

Generell geht man davon aus, dass 10% (Sudre et al. 2020) bis 30% (Augustin et al. 2021) der an COVID-19-Erkrankten von langanhaltenden Symptomen betroffenen sind. Teilweise kommen einige Forschende auch zu dem Ergebnis, dass sogar mehr als 50% der Betroffenen an persistierenden Symptomen leiden (Blomberg et al. 2021). In der letztgenannten Untersuchung werden Residualsymptome wie Fatigue (30%), Geschmacks- und/oder Geruchsverlust (27%), Konzentrationsstörungen (19%), Gedächtnisstörungen (18%) und Dyspnoe (15%) berichtet. Da die Krankheitsfolgen sehr vielseitig sind, beschrieb das King’s College London grob zwei verschiedene Symptomgruppen (Sudre et al. 2020). Jene, die eher respiratorische Symptome wie Husten, Kurzatmigkeit, Fatigue und Kopfschmerzen beklagen. Dem gegenüber stehen multisystemische Symptome, die sich über den gesamten Körper verteilen, vom Gehirn über das Herz bis hin zum Darm.

Zwar sind Personen jeden Alters von Long-COVID betroffen, jedoch leiden ältere Menschen häufiger an langanhaltenden Symptomen. Während noch 10% der 18- bis 49-Jährigen von Long-COVID betroffen sind, steigt diese Rate bei den über 70-Jährigen auf 22% an. In der unteren Altersgruppe sind Frauen stärker von Long-COVID betroffen, genauso wie Menschen mit einem überdurchschnittlichen BMI (Sudre et al. 2020). Außerdem wird beobachtet, dass eine höhere Anzahl von Symptomen in der ersten Krankheitswoche die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Long-COVID erhöht. Weitere Prädiktoren für das Auftreten von Long-COVID sind bislang noch nicht hinreichend erforscht, jedoch kann über generelle Risikofaktoren für eine SARS-CoV-2-Erkrankung sowie für einen schweren Verlauf berichtet werden.

2.2Risikofaktoren

Merke

Risikofaktoren tragen sowohl dazu bei, dass gewisse Personengruppen eine besonders hohe Disposition aufweisen, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, als auch einen schweren Verlauf zu durchleben.

2.2.1Alter und Geschlecht

Sowohl das Alter als auch das Geschlecht spielen eine entscheidende Rolle im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion. So besitzen Frauen im erwerbsfähigen Alter ein höheres Risiko zu erkranken, da sie im Gesundheits- und Sozialwesen die Mehrheit der Beschäftigten ausmachen und hier einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind (Sobotka et al. 2020).

Das Risiko, in einer definierten Altersgruppe zu erkranken, variierte im zeitlichen Verlauf. Zu Beginn der Pandemie waren vor allem die Älteren in Alten- und Pflegeheimen betroffen, da sie besonders vulnerabel sind und eine räumliche Isolation nur schwer zu realisieren war. Außerdem gab es zu dieser Zeit noch keine Impfungen. Mit dem Wiedereröffnen der Schulen, Universitäten und Freizeitangeboten kehrte sich diese Entwicklung um und beschleunigte das Infektionsgeschehen bei den Jüngeren.

Aber nicht nur wer, sondern auch wie schwer jemand erkrankt, ist vom Alter und dem Geschlecht abhängig. Während Frauen häufiger von Long-COVID betroffen sind (Augustin et al. 2021), durchlaufen Männer öfter einen schweren Verlauf. Die Risikobewertung hinsichtlich des Geschlechts liegt bei den 45- bis 49-Jährigen am weitesten auseinander. In dieser Altersgruppe liegt das Risiko für einen schweren Verlauf unter Männern bei 45% und unter Frauen bei 35%. Da Männer sowohl häufiger schwer erkranken als auch vor dem 60. Lebensjahr infolge der Erkrankung sterben, ist der Anteil verlorener Lebensjahre unter Männern höher. Ähnlich klare Befunde sind für den Zusammenhang zwischen Alter und einem schweren Verlauf zu finden. Ab einem Alter von etwa 50 bis 60 Jahren steigt das Risiko stetig schwer zu erkranken (RKI 2021). Das Lebensalter ist der Hauptrisikofaktor für eine Hospitalisierung und das Versterben im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 (Rommel et al. 2021b). Während bei den 20- bis 24-Jährigen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 21% ein schwerer Verlauf zu erwarten ist, steigt dieser Wert bei den 45- bis 49-Jährigen und 60- bis 64-Jährigen um jeweils 20% bzw. 40%. Der Grund für einen schweren Verlauf kann einerseits das schlechter reagierende Immunsystem (Immunresistenz) sein, aber auch bestehende Vorerkrankungen, von denen ältere Personen häufiger betroffen sind.

Merke

Die beschriebenen Risikofaktoren sind nicht voneinander isoliert zu betrachten, sondern stehen miteinander in Beziehung, fördern und hemmen einander. So stehen Vorerkrankungen mit dem Alter eines Menschen in Beziehung, genauso wie der sozioökonomische Status Einfluss auf den Wohnort und die Wohnverhältnisse besitzt.

2.2.2Vorerkrankungen

Das Vorbestehen einer Erkrankung kann das Risiko für einen schweren Verlauf und in dessen Folge für eine Hospitalisierung oder das Versterben erhöhen (Rommel et al. 2021b). Zu diesen Vorerkrankungen zählen u.a. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (z.B. koronare Herzerkrankung und Bluthochdruck), chronische Lungenerkrankungen, chronische Leber- und Nierenerkrankungen (insbesondere bei Dialysepflichtigkeit), neurologische und psychiatrische Erkrankungen (z.B. Demenz), Diabetes mellitus, Krebserkrankungen, ein geschwächtes Immunsystem, Adipositas oder das Downsyndrom/Trisomie 21 (RKI 2021). Einige dieser chronischen Erkrankungen sowie Multimorbidität stehen im Zusammenhang mit dem Alter eines Menschen. Im hohen Alter steigt das Risiko, an einer chronischen Krankheit zu leiden, signifikant. Die deutsche Demografie verstärkt diese Faktoren, sodass etwa 36,5 Millionen Deutsche ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf aufweisen, was 51,9% der über 15-Jährigen entspricht (Rommel et al. 2021b).

Chronische Erkrankungen hängen stark vom sozioökonomischen Status der Betroffenen ab (https://health-inequalities.eu/de/health-inequalities/; Wachtler et al. 2020). Da Vorerkrankungen die Krankheitsschwere einer COVID-19-Infektion beeinflussen, sind benachteiligte Bevölkerungsgruppen besonders stark betroffen. Darüber hinaus sind mit dem sozioökonomischen Status lebensstilbezogene Risikofaktoren assoziiert. Dazu gehören Bewegungsmangel, Rauchen, Übergewicht/Adipositas, die mit einem schweren Verlauf der Corona-Erkrankung verbunden sind. Menschen, die einer niedrigen Einkommensgruppe angehören, sind in verschiedenen Settings mit geringen Möglichkeiten des Abstandhaltens (Arbeitsplatz, Wohnraum, Freizeitgestaltung) einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt.

2.2.3Wohnort/ Region

Das Infektionsgeschehen verläuft in den unterschiedlichen Bundesgebieten sehr heterogen. Um Erkenntnisse zu regionalen Aspekten zu sammeln, haben Forschende die Meldedaten von Infektionszahlen mit dem GISD (German Index of Socioeconomic Deprivation) verknüpft.

Der German Index of Socioeconomic Deprivation gibt den regionalen sozioökonomischen Unterschied auf räumlicher Ebene an. Hierzu werden acht verschiedene Indikatoren in die Betrachtung einbezogen, die sich auf die drei Kerndimensionen Bildung, Beruf und Einkommen beziehen. Regionen mit höherer sozioökonomischer Deprivation weisen ein geringeres Bildungs- und Einkommensniveau auf und sind von einer geringeren Lebenserwartung, höherer Sterblichkeit und einer Kumulation an Gesundheitsrisiken geprägt.