Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Informationen, Bilder und Nachrichten prasseln auf allen Kanälen auf uns ein. Wie können wir sinnvoll und vernünftig mit dieser Realität umgehen? Kann Spiritualität zu einem besseren Umgang mit der Informationsflut befähigen? Lässt sich diesen Herausforderungen der digitalen Welt mit etwas so Traditionellem wie "geistlichen Übungen" begegnen? Junge Menschen erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen und zeigen, wie man ganz praktisch und konkret experimentieren und üben kann.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Stefan Hofmann (Hg.)
Posts, Tweets und Fakenews
Wie leben mit der Informationsflut?
Ignatianische Impulse
Herausgegeben von Stefan Kiechle SJ, Willi Lambert SJ und Stefan Hofmann SJ Band 89
Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.
Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.
Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.
Stefan Hofmann (Hg.)
Posts, Tweets und Fakenews
Wie lebenmit der Informationsflut?
echter
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
© 2020 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN
978-3-429-05552-3
978-3-429-05115-0 (PDF)
978-3-429-06501-0 (ePub)
Inhalt
Vorwort
Mein Handy, meine Freiheit und …
(Bianca Maier)
»Die Straße nach Bethlehem sehen« – Kostbare Informationen
(Nicolas Conrads, Marie Raßmann)
Die Chance des »Mehr«. Ein Barkeeper über das Verkosten
(Interview mit Reinhard Pohorec)
Geistlicher Umgang mit äußeren und inneren Bildern
(Christian Modemann)
Echt jetzt, schon wieder? In Zeiten von Covid-19
(Stefan Hofmann)
Was suchst du eigentlich?
(Isabelle Allmendinger)
Gegensteuern – Jesus am See
(Moritz Kuhlmann)
Wie ein Wüstentag den Alltag verändern kann
(Gerald Baumgartner)
Gut informiert. Vorschläge für den Umgang mit News und Fake News
(Hernán Rojas)
Weniger ist mehr – auch wenn’s um Wissen geht?!?
(Bernadette Krogger)
Mitteilung von beiden Seiten
(Bernhard und Clarissa Pohorec)
Wie eine Tagung Freude bereiten kann
(Georg Fischer)
Eine Geh–Übung. Wahrnehmen und hingeben
(Stefan Hofmann)
Schlusswort
Anmerkungen
Autorenangaben
Vorwort
Kein Netzempfang? Kann das sein? Was soll ich jetzt machen? – Solche Irritationen sind heute Jung und Alt bekannt. Mit großer Selbstverständlichkeit sind wir fast ohne Unterbrechung online und immer zu erreichen. Die Nutzung von Smartphones und Online-Streamingdiensten hat in Deutschland in den vergangenen Jahren nochmals um 30 bis 50 Prozent zugelegt. Der Konsum von Fernseh- und Radiosendungen ging im gleichen Zeitraum kaum zurück.1 In den Zeiten der Corona-Einschränkungen hat sich diese Entwicklung noch einmal verschärft. Angesichts der Fülle von Informationen und Bildern, die wir täglich über diverse Medien konsumieren, hat sich längst der Begriff der Informationsflut eingebürgert.
Das Bild spricht für sich: Die Informationen überfluten uns. Viele fragen nach Strategien zu ihrer Bewältigung und zum guten Umgang mit dieser Herausforderung. Problematisch erscheint einerseits die Qualität der Informationen. Seriöse Tageszeitungen erreichen den digitalen Konsumenten oft nicht so leicht wie jene, die über die sozialen Medien News oder Fakenews streuen. Problematisch kann allerdings auch unser Umgang mit den einprasselnden Informationen werden: Eine Studie zur Handynutzung unter Jugendlichen ergab, dass fast jeder vierte Jugendliche das Handy mit ins Bett nimmt. Schlafdefizit ist nicht selten die Folge.2 Generell gilt als erwiesen, dass wir auch als Gesellschaft immer schneller von einem Thema zum anderen springen. Durch die mediale Informationsflut und unseren Umgang mit ihr ist die Aufmerksamkeitsspanne, die wir für ein bestimmtes Thema aufbringen, merklich zurückgegangen.3
Unsere modernen Kommunikationsmittel bieten viele Möglichkeiten. Nicht zuletzt gestatten sie uns eine nie geahnte Verbundenheit mit Bekannten und Freundinnen und Freunden weltweit. Dieses Buch möchte sowohl die Chancen als auch die Herausforderungen dieser Möglichkeiten und der damit gegebenen Informationsfülle reflektieren. Nicht wenige der Autorinnen und Autoren schlagen praktische Tipps und konkrete Übungen für den Alltag vor. Sie berichten über verbreitete Erfahrungen und bewährte Strategien im Umgang mit den Medien und ihren Nachrichten. Immer handelt es sich um Übungen, die die Autoren selbst als hilfreich erleben und bewusst praktizieren. Über diese Alltagsnähe sollen die Beiträge des Buches bewusst Spiritualität erschließen. Eine gute Spiritualität kann viel dazu beitragen, dass wir erfüllt und dankbar leben – auch im Hinblick auf unseren Umgang mit den vielen Nachrichten und den medialen Triggern. Die positiven und negativen Erfahrungen im Umgang mit den Medien können uns zur Einübung von Spiritualität und Lebenskunst herausfordern. Weshalb sollte uns ein gut reflektierter und geistesgegenwärtiger Konsum von Informationen nicht auch eine tiefere Gottverbundenheit ermöglichen?
Globale Verbundenheit, Aufmerksamkeitsverlust, Pornographie, Sprachverkrümmung, soziale Beschleunigung, Cyber-Grooming … – das Thema Informationsflut und soziale Medien weckt schnell viele Assoziationen. Dieses Buch greift nicht alle erwartbaren Themen auf. Es soll die unterschiedlichen Informations- bzw. Kommunikationskanäle wie die vielen Nachrichten-Apps und Messenger-Dienste auch nicht als solche beschreiben. Es präsentiert vielmehr die reflektierte Erfahrung jüngerer Menschen und will seinerseits zum Sammeln von Erfahrungen und zur Kultivierung des Umgangs mit diesen Medien anregen. Von den bisherigen Ignatianischen Impulsen unterscheidet es sich, insofern es sich an jüngere Leserinnen und Leser richtet. Allerdings können sicher alle Nutzer der modernen Medien davon profitieren. Die Informationsflut erreicht heute Jung und Alt.
Für eine gewinnbringende Lektüre empfiehlt sich zu guter Letzt ein Lesetipp: Am Fruchtbarsten scheint mir jene Form des Lesens zu sein, die hier und da auch innehalten kann, um achtsam auf sich selbst zu reflektieren. Vielleicht entdecken Sie sogar eine Übung, die Sie für eine Woche, für einen Monat oder für eine Fastenzeit selbst ausprobieren möchten. Wer ausprobiert und übt, sammelt selbst Erfahrungen, die neue Wege möglich machen.
Am besten, wir lassen die Autorinnen und Autoren selbst zu Wort kommen. Die meisten von ihnen sind zwischen zweiundzwanzig und vierundvierzig Jahre alt. Gerne danke ich auch an dieser Stelle für ihre wertvollen Impulse und ihr Zeugnis.
Stefan Hofmann SJ
Mein Handy, meine Freiheit und … Gott
(Bianca Maier)
Ich trug mein Handy immer bei mir. Kam eine Nachricht, sah ich sofort nach. Auch wenn ich in einer Sitzung war, stellte ich mein Handy nie aus oder in den Flugmodus, sondern nur auf lautlos. Es könnte ja jemand anrufen, was ich sonst nicht wüsste, oder per Nachricht eine dringende Frage an mich haben. Da passierte es schon mal, dass ich deswegen eine wichtige Frage in der Sitzung verpasste und nicht wusste, worum es ging. Mein Handy bekam noch dazu ein Problem mit WhatsApp: Erst wenn ich das Programm öffnete, zeigte es an, dass es neue Nachrichten gab. Deshalb machte ich es noch öfter auf als vorher. Vor kurzem habe ich dann in meinem Handy ein Feature entdeckt, das mir zeigt, wie oft ich mein Handy am Tag/in der Woche entsperre und welche Programme ich wie lange auf dem Bildschirm habe. Ich war wirklich schockiert: Ich verbrachte fünfmal mehr Zeit in den Social Media, als ich dachte. Das hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass ich von meinem Handy abhängig geworden bin. Ich wollte wieder frei werden. Daher beschloss ich, handyfreie Zonen einzurichten. Kein Handy während der Gebetszeiten. Kein Handy, wenn ich mit anderen zusammen bin. Ich schaltete die Pop-up-Benachrichtigungen aus und sehe nur noch zweimal pro Tag nach, was es Neues gibt. Es war anfangs gar nicht so einfach. Aber jetzt fühle ich mich freier und sehe, dass ich dadurch auch aufmerksamer gegenüber den Leuten um mich herum geworden bin.
Ignatius nennt diese Haltung der (inneren) Freiheit in seinem Text »Prinzip und Fundament« auch Indifferenz (vgl. EB 23). Es bedeutet, sich von den Dingen nicht einsperren und sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen, sondern sie in richtigem Maße zu benutzen. Denn alles Geschaffene auf der Erde soll mir auf dem Weg zu meinem Ziel helfen. Und das Ziel eines jeden Menschen ist nach Ignatius, Gott zu loben, ihn zu ehren und ihm zu dienen. Man könnte auch sagen, Gott immer näher zu kommen. Hilft mir etwas nicht dabei, so soll ich mich davon trennen. Ich vergleiche es gerne mit der Haltung der offenen Hände. Die Hände offenhalten: sich nichts nehmen und das, was ich in den Händen halte, abgeben. Im tiefen Vertrauen darauf, dass Gott, mein liebender Vater, mir alles gibt, was ich brauche (vgl. Lk 12,30). Mit der Gewissheit, dass Gott für mich nur das Beste will.
Ein weiterer Aspekt der Indifferenz ist der einer gewissen Hierarchie zwischen den Dingen, mir und Gott. Ich stehe nicht auf derselben Ebene wie die Dinge. Sie sind für mich geschaffen. Wie Jesus sagt: »Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat« (Mk 2,27). Die Dinge stehen also nicht über mir, so dass sie mich beherrschen sollen, sondern ich stehe über den Dingen. Der Einzige, der über mir steht, ist Gott. Er hat mich geschaffen. Und mein Lebensziel ist es, ihm nahe zu sein. Zwischen Gott und mir steht also nichts. Falls sich etwas zwischen Gott und mich drängen möchte, habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich lasse es zu oder ich verhindere es. Lasse ich zu, dass sich etwas zwischen mich und Gott stellt, so wird es mir bald die Sicht auf Gott nehmen. Auch wenn es anfangs eine winzige Sache ist, so wird sie – meist unbemerkt – immer größer, bis ich am Ende mein Ziel (Gott) aus den Augen verloren habe. Es ist wie ein winziger Stein, den man beim Wandern auf einmal im Schuh hat. Meist hat man keine Lust, anzuhalten und den Schuh auszuziehen, um den Stein herauszuschütteln. Man geht lieber mit dem Stein im Schuh weiter, auch wenn es ein bisschen unbequem ist und manchmal auch richtig wehtun kann. Erst wenn man am Ende der Wanderung seinen Fuß betrachtet, merkt man, wie viele Spuren und auch Wunden dieser winzige Stein hinterlassen hat. So ist es auch mit Dingen (oder Beziehungen), die ich zwischen mich und Gott kommen lasse. Am Anfang spüre ich noch, dass es etwas unbequem ist und nicht so, wie es sein sollte. Aber irgendwann ignoriere ich dieses unangenehme Gefühl. Es fehlt die Motivation, etwas dagegen zu tun. Und so schlimm scheint es ja nun auch wieder nicht zu sein. So war es bei mir mit dem Handy während der Gebetszeit: Am Anfang las ich die Nachrichten nur, die ich bekommen hatte, ohne darauf zu antworten. Ich spürte, dass das nicht ganz okay war, aber ich tat nichts dagegen. Danach fing ich an, die Nachrichten zu beantworten. Nur ein Smiley … Bald wurde daraus ein Satz. Und irgendwann nahm es so viel Platz ein, dass nicht mehr viel von meiner Gebetszeit übrigblieb. Ich wurde ja immer wieder abgelenkt. Oder besser: Ich ließ mich immer wieder ablenken. Je größer ich die Sache zwischen Gott und mir werden lasse, desto schwieriger wird es, sie wegzuschaffen. Dennoch ist es nie zu spät, damit anzufangen – und Gott kann uns ja auch dabei helfen. In jedem Falle muss ich Stellung beziehen, dafür oder dagegen. Wenn ich nichts tue und vermeintlich keine Stellung beziehe, tue ich es dennoch, da ich die Sache weiterhin an ihrem Platz (wachsen) lasse. Beziehe ich Stellung gegen die Sache und für Gott, braucht es jedoch radikale Taten (in meinem Fall: handyfreie Zonen). Mache ich Kompromisse (Handy nur auf lautlos stellen), stutze ich die Dinge nur zurecht, aber ich schaffe sie nicht aus dem Weg. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder weiterwachsen.
Es soll also nichts zwischen Gott und mir stehen. Er soll der »Erstbediente« in meinem Leben sein. Dadurch bin ich in einer Haltung der Indifferenz gegenüber allen Dingen. Ich benutze das, was Gott mir gibt, in Dankbarkeit dafür, dass er es mir gegeben hat. Und gleichzeitig lasse ich ihm die Freiheit, mir diese Dinge wieder zu nehmen. Ich habe meine Hände also nicht zu Fäusten zusammengeballt, sondern halte sie Gott offen hin.
Damit es nicht so abstrakt erscheint, stelle ich fünf Schritte vor, die dabei helfen können, in der Freiheit (nicht nur) in Bezug auf Handy und Medien zu wachsen:
1. Sehen, wo ich nicht frei bin. Jeder von uns hat so seine »Nur schnell«-Fallen: »Ich sehe nur schnell nach, was meine Freunde Neues gepostet haben.« »Ich schaue mir nur schnell diesen einen Teil der Serie an.« Aus den geplanten »Nur schnell fünf Minuten« wird in Windeseile eine Stunde. Nur allzu schnell bin ich im Datennetz gefangen und nicht mehr frei.
Wahrscheinlich habe ich mehr als einen »Freiheitsräuber«. In diesem Falle ist es besser, einen nach dem anderen auszumerzen. Will ich zu viel auf einmal, verliere ich schnell die Motivation und am Ende mache ich gar nichts mehr. Also besser langsam, Schritt für Schritt. Ich kann auch Gott bitten, mir zu zeigen, womit ich anfangen soll.
2. Über die Beziehung zu meinem Freiheitsräuber nachdenken. Welches Ziel verfolge ich damit? Warum schaue ich ständig nach, was meine Freunde posten? Gibt es mir das Gefühl, informiert zu sein, nichts zu verpassen? Oder steckt dahinter vielleicht Neugier, eine Gier nach Neuem?
3. Überprüfen, ob dieses Ziel wirklich erreicht wird. Ich schaue ein Video an, um mich zu entspannen. Die »Nur-schnell«-Falle hat jedoch zugeschnappt und ich habe eine Stunde verloren. Ich bin sauer auf mich selbst, weil ich so viel Zeit verschwendet habe. Am Ende bin ich noch angespannter als vorher. Mein ursprüngliches Ziel habe ich also nicht erreicht.
