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Ein Lehr- und Handbuch, verfasst von den angesehensten und erfahrensten Journalist:innen und Expert:innen Österreichs zu allen Mediengattungen in über 50 Beiträgen. Das Buch enthält in zahlreichen leicht verständlich geschriebenen Kapiteln alles zum Thema Journalismus: vom Grundsätzlichen (Was ist Journalismus - und was nicht?) über die verschiedenen Ressorts (von Außenpolitik bis Lokales oder Wissenschaft), die verschiedenen Darstellungsformen (von den Nachrichten bis zum Podcast oder Social Media) und das Thema Journalismus als Beruf (Ethik, Medienrecht, Arbeitsrecht, Journalist:innen als Entrepreneur:innen). Inhaltsverzeichnis 1. Grundlagen · Was ist Journalismus (und was nicht)? (Andreas Koller) · Geschichte und Vorbilder des Journalismus (Armin Thurnher) · Themenfindung (Alexandra Föderl-Schmid) · Online-Recherche-Techniken (Ingrid Brodnig) · Investigative Recherche (Florian Klenk) · Studien lesen (Elke Ziegler) · Journalistisches Schreiben (Stefan Kaltenbrunner) · Konstruktiver Journalismus (Ulrik Haagerup) 2. Ressorts · Innenpolitik (Eva Linsinger) · Außenpolitik (Raimund Löw) · Wirtschaft (Michael Nikbakhsh) · Chronik und Gericht (Petra Pichler) · Lokales (Antonia Gössinger) · Sport (Alina Zellhofer) · Wissenschaft (Klaus Taschwer) · Kultur (Judith Hoffmann) · Medien (Stefan Niggemeier) · Gesellschaft (Angelika Hager) · Fotografie (Matthias Cremer) · Karikatur (Michael Pammesberger) 3. Darstellungsformen · Nachricht und Bericht (Katharina Schell) · Gebauter Beitrag in Radio und TV (Peter Fritz) · Reportagen schreiben (Karin Steinberger) · Reportage in Radio und TV (Andreas Pfeifer) · Porträts schreiben (Christa Zöchling) · Radiofeature und Porträt (Eva Roither) · Interviews führen (Renate Graber) · (Kontroversielle) Interviews in Radio und TV (Armin Wolf) · Diskussion und Streitgespräch (Corinna Milborn) · Advokatorischer Journalismus (Peter Resetarits) · Moderation in Radio und TV (Rainer Hazivar) · Leitartikel und Kommentar (Hans Rauscher) · Analyse in Radio und TV (Raffaela Schaidreiter) · Satire (Christian Nusser) · Glosse und Kolumne (Florian Asamer) · Kritik und Rezension (Sigrid Löffler) · Titel und Teaser (Jonas Vogt) · Redigieren und Schlussredaktion (Bettina Eibel-Steiner) 4. Digitaler Journalismus · Online-Journalismus (Gerold Riedmann) · Multimediale Darstellungsformen (Elisabeth Gamperl) · Podcast (Patrick Stegemann) · Newsletter (Matthias Punz) · Social Media (Melisa Erkurt) · Mobile Reporting (Martin Heller) · Datenjournalismus (Martin Thür/Jakob Weichenberger) · Fact-Checking und Verification (Ingrid Brodnig) · Künstliche Intelligenz im Journalismus (Christina Elmer) 5. Journalismus als Beruf · Redaktionsmanagement (Martin Kotynek) · Journalistische Ethik (Wolfgang Wagner) · Fehlerkultur und Transparenz (Dennis Bühler) · Medien und Recht (Maria Windhager) · Journalistische Selbstkontrolle (Alexander Warzilek) · Arbeitsrecht (Andreas Schmidt/Verena Weilharter) · Medienökonomie (Anita Zielina) · Journalistisches Unternehmertum (Florian Skrabal) · Personal Branding (Richard Gutjahr) · Ausbildungswege (Nikolaus Koller) · Medienlandschaft Österreich (Harald Fidler)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
HERAUSGEGEBEN VONINGRID BRODNIG, FLORIAN KLENK,GABI WALDNER, ARMIN WOLF
PRAKTISCHER JOURNALISMUS
Ein Lehrbuch für den
Berufseinstieg und alle,
die wissen wollen,
wieMEDIENarbeiten
FALTERVERLAG
ISBN 978-3-99166-010-1
© 2024 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0
E: [email protected], [email protected]
W: faltershop.at
Alle Rechte vorbehalten.
Herausgegeben von Ingrid Brodnig, Florian Klenk,
Gabi Waldner, Armin Wolf
Lektorat: Helmut Gutbrunner
Umschlagdesign: Raphael Moser
Grafik und Layout: Raphael Moser
Produktion: Sothany Kim
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Warum dieses Buch? BRODNIG/KLENK/WALDNER/WOLF
Geleitwort HEINZ PÜRER
GRUNDLAGEN
Was ist Journalismus – und was nicht? ANDREAS KOLLER
Journalismus – Geschichte und Vorbilder ARMIN THURNHER
Themenfindung ALEXANDRA FÖDERL-SCHMID
Online-Recherche-Techniken INGRID BRODNIG
Studien lesen ELKE ZIEGLER
Investigativer Journalismus FLORIAN KLENK
Journalistisches Schreiben STEFAN KALTENBRUNNER
Konstruktiver Journalismus ULRIK HAAGERUP
RESSORTS
Innenpolitik EVA LINSINGER
Außenpolitik RAIMUND LÖW
Wirtschaft MICHAEL NIKBAKHSH
Chronik und Gericht PETRA PICHLER
Lokales ANTONIA GÖSSINGER
Sport ALINA ZELLHOFER
Wissenschaft KLAUS TASCHWER
Kultur JUDITH HOFFMANN
Medien STEFAN NIGGEMEIER
Gesellschaft ANGELIKA HAGER
Fotografie MATTHIAS CREMER
Karikatur MICHAEL PAMMESBERGER
DARSTELLUNGSFORMEN
Nachricht und Bericht KATHARINA SCHELL
Gebauter Beitrag in Radio und TV PETER FRITZ
Reportagen schreiben KARIN STEINBERGER
Reportage in Radio und TV ANDREAS PFEIFER
Porträts schreiben CHRISTA ZÖCHLING
Radiofeature und Porträt EVA ROITHER
Interviews führen RENATE GRABER
(Kontroversielle) Interviews in Radio und TV ARMIN WOLF
Streitgespräch und Diskussion CORINNA MILBORN
Advokatorischer Journalismus PETER RESETARITS
Moderation in Radio und TV RAINER HAZIVAR
Leitartikel und Kommentar HANS RAUSCHER
Analyse in Radio und TV RAFFAELA SCHAIDREITER
Satire CHRISTIAN NUSSER
Glosse und Kolumne FLORIAN ASAMER
Kritik und Rezension SIGRID LÖFFLER
Titel und Teaser JONAS VOGT
Redigieren und Schlussredaktion BETTINA EIBEL-STEINER
DIGITALER JOURNALISMUS
Online-Journalismus GEROLD RIEDMANN
Multimediale Darstellungsformen ELISABETH GAMPERL
Podcast PATRICK STEGEMANN
Newsletter MATTHIAS PUNZ
Social Media MELISA ERKURT
Mobile Reporting MARTIN HELLER
Datenjournalismus MARTIN THÜR/JAKOB WEICHENBERGER
Fact-Checking INGRID BRODNIG
Künstliche Intelligenz im Journalismus CHRISTINA ELMER
JOURNALISMUS ALS BERUF
Redaktionsmanagement MARTIN KOTYNEK
Journalistische Ethik WOLFGANG WAGNER
Fehlerkultur und Transparenz DENNIS BÜHLER
Medien und Recht MARIA WINDHAGER
Journalistische Selbstkontrolle ALEXANDER WARZILEK
Arbeitsrecht ANDREAS SCHMIDT / VERENA WEILHARTER
Medienökonomie ANITA ZIELINA
Journalistisches Unternehmertum FLORIAN SKRABAL
Personal Branding RICHARD GUTJAHR
Ausbildungswege NIKOLAUS KOLLER
Medienlandschaft Österreich HARALD FIDLER
Herausgeber:innen und Autor:innen
INGRID BRODNIG, FLORIAN KLENK, GABI WALDNER, ARMIN WOLF
Warum dieses Buch?
Der erste war blau. Danach kamen ein grüner, ein roter und schließlich mehrere in Weiß, einmal war sogar eine CD dabei. Und fast alle, die in Österreich in den 1980er- oder 90er-Jahren im Journalismus begonnen haben, hatten ihn: den „Pürer“.
Der „Pürer“ war ein sehr dickes Buch, sein Titel: „Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen“. „Online“ kam erst später hinzu, das Internet gab es noch nicht, als 1984 die erste Auflage erschien.
Praktisch alles, was damals im heimischen Journalismus Namen und vor allem Rang hatte, hat im „Pürer“ geschrieben. Und sehr, sehr viele, die heute Rang und Namen haben, haben dieses Buch gelesen und mit ihm ihr Handwerk erlernt. Benannt war „der Pürer“ nach seinem Erfinder und Herausgeber Heinz Pürer, dem ersten Geschäftsführer des Kuratoriums für Journalistenausbildung, das lange Zeit die einzige praxisorientierte Ausbildungsstätte für Journalismus in Österreich war.
Jahrzehntelang war „Praktischer Journalismus“ das österreichische Lehrbuch für Menschen, die in den Medienberuf einsteigen wollten. Vor genau vierzig Jahren kam die erste Auflage heraus und vor zwanzig Jahren die bisher letzte. Diesen Klassiker möchten wir jetzt zeitgemäß wiederbeleben.
Die Medienwelt ist heute eine völlig andere, als sie 1984 – und auch 2004 – war. Das zeigt schon das Verhältnis von Autorinnen und Autoren. In der ersten Ausgabe wurden 51 der 53 Beiträge von Männern geschrieben, einer von einem Duo und nur ein Kapitel – über korrekte Sprache – von einer Frau. In diesem Band sind alle Autor:innen neu, und wie in den meisten Redaktionen heute ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen, auch im Team der Herausgeber:innen.
2024 sind Medien, Arbeitsmethoden und journalistische Formate relevant, die vor zwanzig oder gar vor vierzig Jahren noch nicht existierten, von Newslettern oder Podcasts über Datenjournalismus bis zum multimedialen Storytelling. Andere Bereiche haben sich erstaunlich wenig verändert: die journalistischen Basics, bewährte Erzählformate oder die klassischen Ressorts.
Der Aufbau dieses Buches versucht dem Rechnung zu tragen. Es beginnt mit den Grundlagen unseres Berufs: Was ist Journalismus überhaupt – und was nicht? Wie hat er sich entwickelt? Wie recherchiere ich? Wie schreibe ich interessant und verständlich? Im zweiten Teil werden die verschiedenen Ressorts von Politik über Chronik, Kultur und Sport bis zu Fotoredaktion und Karikatur erklärt. Der dritte Teil beschäftigt sich mit den Darstellungsformen von der Meldung bis zur Satire. Grundlegend neu ist Teil vier, der sich dem digitalen Journalismus von Social Media bis zum Einsatz von KI widmet. Im fünften Teil geht es schließlich um das Berufsfeld Journalismus: Ethik, Transparenz, Medien- und Arbeitsrecht, Ausbildungswege, Medienökonomie. Abschließend folgt ein Überblick über Österreichs durchaus eigentümliche Medienlandschaft.
Wir haben uns bemüht, für jedes Thema die kompetentesten Autorinnen und Autoren zu gewinnen. Bewusst haben wir jüngere Kollegen und Kolleginnen gesucht, wollten aber auch auf Branchen-„Legenden“ wie Hans Rauscher, Sigrid Löffler oder Armin Thurnher nicht verzichten. Und wir freuen uns über einige internationale „Gaststars“: Stefan Niggemeier, einer der bekanntesten deutschsprachigen Medienkritiker, hat das Kapitel über Medienjournalismus beigesteuert. Karin Steinberger, die Seitedrei-Chefin der Süddeutschen Zeitung, zeigt, wie sie Reportagen schreibt. Das richtungsweisende Konzept des konstruktiven Journalismus erklärt Ulrik Haagerup, der es als Info-Direktor beim Dänischen Rundfunk entwickelt hat. Alle Kapitel sind Originalbeiträge für dieses Buch.
Die Autorinnen und Autoren hatten von uns nur wenige Vorgaben: Thema, ungefähre Länge, die Bitte um konkrete Beispiele, Literaturtipps und geschlechtergerechte Formulierung nach Wahl – vor allem aber, genau das zu schreiben, was sie Journalismus-Studierenden in einem Gastvortrag erzählen würden, das, was man zum jeweiligen Thema jedenfalls wissen sollte, und zwar so praxisnah wie möglich. Es gab kein vorgegebenes Schema für einen einheitlichen Aufbau der Beiträge, so dass sie sich mitunter stark voneinander unterscheiden. Wir finden, auch das macht diesen Sammelband interessant.
„Praktischer Journalismus“ will ein klassisches Lehrbuch sein: für Menschen, die in diesen Beruf einsteigen wollen oder schon eingestiegen sind. Es soll aber auch eine Einführung für all jene sein, die sich in einer „redaktionellen Gesellschaft“ (Bernhard Pörksen) dafür interessieren, wie Journalismus gemacht wird.
Heinz Pürer, der Initiator dieses Lehrbuchs, hat das Kuratorium für Journalistenausbildung 1986 verlassen und alle weiteren Auflagen von „Praktischer Journalismus“ als Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität München herausgegeben. 2012 wurde er dort emeritiert. Wir freuen uns sehr, dass uns Heinz Pürer für eine ganz neue Version „seines“ Buches sein Vertrauen geschenkt und ein Geleitwort beigesteuert hat. Und es hat uns erschüttert, dass er Ende Mai 2024, unmittelbar vor dem Andruck dieses Bandes, mit nur 76 Jahren verstorben ist. Das fertige Buch konnte Heinz Pürer leider nicht mehr sehen, es erscheint nun auch im Gedenken an ihn.
Das Kuratorium für Journalistenausbildung heißt seit 2022 Österreichische Medienakademie, wird immer noch von der Journalist:innengewerkschaft und den Verbänden der Österreichischen Zeitungen und Zeitschriften (VÖZ und ÖZV) getragen und veranstaltet jährlich etwa 140 Seminare und Workshops sowie das „Journalismus-Kolleg“. Geschäftsführer ist Nikolaus Koller, der gemeinsam mit uns diesen Sammelband von Anfang an konzipiert, organisiert und redaktionell betreut hat. Ohne ihn wäre dieses Buch nicht erschienen. Wir danken Nikolaus für sein großartiges Engagement, der Medienakademie für die organisatorische und finanzielle Unterstützung und dem Team des Falter Verlags für die gelungene Realisierung.
HEINZ PÜRER (1947–2024)
Die Idee, ein Lehrbuch über praktischen Journalismus herauszugeben, entstand im Zusammenhang mit der Durchführung von „Grundkursen für journalistische Ausbildung“, deren erster im Jahr 1984 im Europahaus Wien stattfand. Die Anregung für dieses Buch kam von Mitgliedern des Programmbeirates dieser Grundkurse. Als ihr organisatorischer Leiter und wissenschaftlicher Begleiter wurde ich vom Vorstand des 1979 gegründeten Kuratoriums für Journalistenausbildung (KfJ) beauftragt, ein Lehrbuch zu konzipieren.
Mein persönlicher Anspruch bestand darin, dieses Buch trimedial anzulegen, also für Zeitung, Radio und Fernsehen. Online-Medien im heutigen Sinn gab es damals noch nicht. Zudem sollte dieses Buch m. E. neben dem journalistischen Handwerk auch einen medien- und berufskundlichen Teil enthalten, mit Beiträgen über die österreichischen Medienstrukturen, die wirtschaftlichen Grundlagen des Medienwesens, über das journalistische Berufsrecht, das Arbeitsrecht, Presse- und Rundfunkrecht einschließlich der in den 1980er-Jahren aufkommenden sogenannten Neuen Medien – damals Kabel- und Satellitenrundfunk –, ebenso Urheberrecht, Verbände und Institutionen des Medienwesens wie Zeitungsherausgeberverband, Zeitschriftenverband und Journalistengewerkschaft. Nicht zuletzt sollte aber auch die Medienforschung (Publikums- und Reichweitenforschung, Wirkungen der Massenmedien) Berücksichtigung finden. Mir oblag auch die redaktionelle Bearbeitung der Beiträge.
Als Referenten für das damals dreiwöchige Kursangebot wurden namhafte und erfahrene Medienschaffende und Medienwissenschaftler eingeladen, die zugleich auch Autoren des Handbuches „Praktischer Journalismus“ sein sollten, darunter auch Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und der Schweiz. Wertvolle Anregungen kamen vom Programmbeirat des KfJ, dem ich die Gliederung des Buches vorlegte. Im Spätfrühling 1982 gab es seitens des Vorstandes grünes Licht für das Vorhaben, im Frühjahr 1984 erschien es in erster Auflage. Die Rechte des Buches lagen damals und liegen heute beim KfJ (heute: Österreichische Medienakademie), vertrieben wurde es durch dessen damalige Geschäftsstelle in Salzburg, heute in Wien. Für die Erarbeitung des Buches neben meiner organisatorischen Tätigkeit als Kursleiter erhielt ich ein Honorar.
Von meiner beruflichen Tätigkeit im KfJ konnte ich für mein Wirken, zunächst als wissenschaftlicher Assistent und Dozent an der Universität Salzburg, später als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München von 1986 bis 2012, großen Nutzen ziehen. Dafür bin ich noch heute dankbar.
München/Salzburg, Jänner 2024
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ANDREAS KOLLER STELLVERTRETENDER CHEFREDAKTEUR DER SALZBURGER NACHRICHTEN
Es hat sich nichts geändert. Und alles
Als ich, damals ein schüchterner Volontär, zum ersten Mal die innenpolitische Redaktion einer österreichischen Tageszeitung betrat, saßen dort in einem kleinen Kämmerchen einige Herren in weißen Hemden über mechanische Schreibmaschinen gebeugt, in die sie emsig hineinklopften. Einer der Herren drehte sich zu mir um und richtete anstelle einer Begrüßung die Frage an mich: „Wissen Sie ein kürzeres Wort für Familienlastenausgleichsfonds?“
Es war im heißen Sommer 1983 und die innenpolitische Redaktion gehörte zur Tageszeitung Die Presse. Seither hat sich alles geändert. Und nichts. Klar, die Farbe Weiß für die Hemden der Redakteure ist nicht mehr obligatorisch und die Zahl der Redakteurinnen hat sich in dieser einstigen Männerdomäne spürbar erhöht. Die klapprigen Schreibmaschinen stehen im Museum oder auf dem Dachboden. Und die einst strikte Arbeitsteilung zwischen Print, Radio und Fernsehen ist längst aufgehoben und wurde durch jene unzähligen journalistischen Ausspielkanäle ergänzt, die das World Wide Web bietet.
Doch die Grundfrage lautet immer noch: „Wissen Sie ein kürzeres Wort für Familienlastenausgleichsfonds?“ Will sagen: Der Journalismus hat immer noch die Aufgabe, eine zunehmend komplizierter werdende Welt für die interessierten Konsumentinnen und Konsumenten in verständliche, benutzerfreundliche Worte zu fassen. Es hat sich nichts geändert.
Und es hat sich alles geändert. Denn wenn man von der These ausgeht, dass die Form den Inhalt bestimmt (oder zumindest mitbestimmt), dann ist zu konstatieren: Der Journalismus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in seiner Form – seiner Darstellungsform, seiner Erscheinungsform, seiner Lebensform – derartig radikal weiterentwickelt, dass man ihn kaum wiedererkennt.
Zwar hat er immer noch die Aufgabe, Tatsachen – genauer gesagt: für die Öffentlichkeit relevante Tatsachen – in Worte und Bilder zu fassen. Und zwar nicht bloß auf nacherzählende Weise, sondern mit so viel Tiefgang, dass die Nutzerinnen und Nutzer die erhaltenen Informationen auch analysieren und einordnen können. Das klingt schwierig und ist in Wirklichkeit noch viel schwieriger.
Denn die soeben beschriebene Dienstleistung muss ja nicht nur – von den Journalistinnen und Journalisten – angeboten werden. Sie muss auch – von den Nutzerinnen und Nutzern – angenommen werden. Und eben daran hapert es in einer Gesellschaft, die ihre Informationen zunehmend nicht mehr aus recherchierenden Medien bezieht, sondern aus Social Media, wo in erheblichem Maße kein Journalismus stattfindet, sondern das Gegenteil davon. Also Informationsverbreitung ohne Check und Gegencheck, ohne den Versuch einer rationalen Einordnung, getrieben von persönlichen Einstellungen und Vorurteilen.
Jene Info-Kanäle, wo noch Journalismus betrieben wird, von der Zeitung über TV und Radio bis zur seriösen Online-Plattform, und jene Kommunikationsakteure, die noch Journalismus betreiben, tun sich nicht immer leicht damit, sich in der Kakophonie der Nicht-Journalisten Gehör zu verschaffen.
Es hat sich nichts geändert. Immer noch besteht eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus in dessen Gatekeeper-Funktion. Immer noch geht es im Journalismus also darum, im Interesse der Nutzerinnen und Nutzer am Tor des Informationsflusses zu stehen und diesen Fluss zu steuern. Die Auffassung, dass sich besagte Gatekeeper-Funktion erledigt habe, weil heutzutage jeder Social-Media-User sein eigener Gatekeeper und sein eigener Journalist sei, ist nicht haltbar. Das Gegenteil davon ist richtig.
Es geht darum, klar zwischen Info-Müll einerseits und tatsächlichen Nachrichten und Informationen andererseits zu unterscheiden. Wie eh und je. Angesichts des Tsunamis an Informationen, der sich in den heutigen digitalen Zeiten sekündlich über den Durchschnittsmenschen ergießt und diesen in der doppelten Bedeutung des Wortes mitzureißen droht, hat die gute alte Gatekeeper-Funktion einen fundamentalen Bedeutungszuwachs erfahren.
Sie ist keine bloße journalistische Dienstleistung mehr, sondern für den Erhalt unserer Demokratie von entscheidender Bedeutung. Gewiss, immer schon konnte durch die Beeinflussung der Massen und durch Steuerung der Informationsströme oder Desinformation die Welt verändert werden. Doch noch nie war das in einem solch extremen Ausmaß der Fall wie heute. Nie zuvor konnte sich Falschinformation so explosionsartig verbreiten wie seit der Erfindung von Smartphones und Social Media. Nie zuvor war es möglich, dass etwa russische Trollfabriken entscheidend am Ausgang von amerikanischen Wahlen mitwirken. Oder dass Verschwörungstheoretiker in Sekundenschnelle ihre Fake News um den Erdball schicken.
Schon klar: Fake News hat es immer schon gegeben. Sie sind wohl so alt wie die Geschichte der menschlichen Kommunikation. Doch nie zuvor war es möglich, dass jeder x-beliebige Lügenproduzent, der über einen Internetzugang verfügt, in Sekundenschnelle weltweite Deutungshoheit gewinnen kann.
All das bedeutet: Die Bezeichnung Gatekeeper wird der Aufgabe, der sich Journalistinnen und Journalisten heute stellen müssen, längst nicht mehr gerecht. Sie müssen keine Tore mehr bewachen, sie müssen massive Schutzschirme errichten gegen Fake News, die durch den Orbit schwirren. Und noch mehr: Sie müssen die Nachrichten, die durch ihre Hände gehen, kuratieren. Sie müssen als verantwortungsvolle Wissens- und Informationsmanager agieren. Sie müssen die inhaltlichen Bestandteile des Informationsflusses bewerten, sie auf ihre sachliche Plausibilität hin abklopfen und in einen größeren Zusammenhang stellen.
Das ist um einiges aufwändiger und erfordert um einiges mehr an journalistischer Kompetenz, als bloß als Wächter am Tor zu sitzen. Jeder Bürger sein eigener Journalist? Im Gegenteil. Der Journalismus muss in einem weit höheren Maße professionalisiert werden, als es bisher der Fall war.
Und sie, die Journalistinnen und Journalisten, müssen höllisch darauf achten, nicht ihrerseits zu Trollen und Fake-News-Schleudern zu werden. Schon die Gefahr, dass falsche Infos aus dem täglichen InfoMüll ungefiltert den Weg in journalistische Medien finden, ist groß genug. Noch größer ist die Gefahr, dass neben falschen Inhalten auch der in etlichen Ecken der Social-Media-Welt übliche hasserfüllte, demokratieschädliche Diskurs überschwappt in die Welt der wirklichen Medien. Und damit in die wirkliche Welt.
Medienschaffende haben in dieser Hinsicht ein nicht unerhebliches Maß an Verantwortung. Sie wären gut beraten, an ihre Social-Media-Aktivitäten die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an ihre journalistische Arbeit – also Check und Gegencheck – und eine Sekunde nachzudenken, bevor sie eine Info teilen, liken oder sonst wie auf elektronischem Wege weiterverbreiten.
Das bedeutet: Der Journalist und die Journalistin müssen erstens die alten journalistischen Tugenden pflegen. Also Fakten überprüfen. Informationen checken und gegenchecken. Sich nicht instrumentalisieren lassen. Sich dessen bewusst sein, dass Informanten oftmals Eigeninteressen pflegen. Sich nicht zum Anwalt einer Sache machen, auch nicht einer guten Sache --- stopp!
Hier ist ein Einschub mit einer gehörigen Relativierung notwendig. Der dem deutschen Journalisten Hanns-Joachim Friedrichs zugeschriebene Satz „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache“ ist in dieser Schärfe nicht haltbar. Der Satz war, das geht aus dem journalistischen Schaffen Friedrichs unmissverständlich hervor, auch gar nicht so gemeint. Der Kern der Botschaft des legendären deutschen Fernsehjournalisten lautet: Journalisten sollen nicht Aktivisten, schon gar keine parteipolitischen Aktivisten sein. Aber: Es gibt genügend Dinge, mit denen der Journalist und die Journalistin sich gemein machen sollen und müssen. Mit der Demokratie beispielsweise. Mit den Menschenrechten. Mit der Rechtsstaatlichkeit. Mit einer Politik, deren Ziel es ist, unseren Kindern und Kindeskindern die Erde zu erhalten.
Es kann nicht die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten sein, sich neutral zu verhalten, wenn die Gegner dieser Grundwerte an Boden gewinnen und nach der Macht greifen. Neutral kann und soll sich der Journalismus verhalten hinsichtlich der Wege, wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Nachhaltigkeit zu erreichen und zu schützen sind. Denn es gibt unterschiedliche Wege, einige verlaufen mehr links der Mitte und einige mehr rechts davon, einige sind mit bürgerlichen Vorstellungen gepflastert, andere mit liberalen oder sozialdemokratischen oder ökologischen Ideen – und im Grunde kann niemand objektiv beantworten, auch nicht der Journalist und die Journalistin, welcher Weg der richtige ist oder ob sie nicht allesamt ans Ziel führen. Hier also gilt: Sich nicht mit einer Sache gemein machen. Und schon gar nicht mit einer politischen Partei. Ende des Einschubs.
Wo sind wir stehengeblieben? Richtig: Der Journalist und die Journalistin müssen erstens die alten journalistischen Tugenden pflegen, was schwierig genug ist. Sie müssen – und das macht die Angelegenheit noch schwieriger – diese Tugenden pflegen in einer medialen Umwelt, die an Unübersichtlichkeit stündlich zunimmt und auch den Info-Profi mitunter überfordern kann. Und sie müssen, und jetzt wird es am schwierigsten, diese Tugenden pflegen in einer Welt, die – so scheint es zumindest – in immer geringerem Ausmaß nach diesen Tugenden lechzt.
Klassische Medien haben in den vergangenen Jahren an Zuspruch verloren, das Geschäftsmodell der Zeitungen, TV- und Radiostationen ist unter Druck geraten. Und muss neu gedacht werden: Wesentlich für den Bestand der Demokratie ist nicht die Existenz der gedruckten Zeitung oder der pünktlich ausgestrahlten Hauptnachrichten. Wichtig für den Bestand der Demokratie ist der Journalismus als solcher. Egal, über welche Ausspielkanäle er daherkommt. Er muss freilich, und das ist eine der kniffligsten Anforderungen der kommenden Jahrzehnte, finanzierbar sein. Er muss Geschäftsmodell bleiben – oder er wird nicht mehr stattfinden.
Soviel zu einigen Faktoren, die Journalismus ausmachen. Und zu einigen Faktoren, die Journalismus schwierig machen. Doch das ist noch lange nicht alles. Denn wer Journalismus bloß auf die handwerklichen Tätigkeiten Check und Gegencheck, Recherchieren und Geschichtenerzählen reduziert, der verkennt, dass der Journalismus auch eine moralische Verantwortung trägt.
Was darf ich veröffentlichen? Was nicht? Wenn ich durch Check und Gegencheck die Bestätigung erhalten habe, dass Minister X eine außereheliche Affäre unterhält: Soll ich dieses Wissen öffentlich machen? Die eine mögliche Antwort lautet Nein, weil die außereheliche Affäre nicht die Politik, sondern das Privatleben des Mannes betrifft. Eine andere mögliche Antwort lautet Ja, weil das eine nicht vom anderen zu trennen ist. Und welche Antwort ist nun die richtige? Die Frage müssen Sie selbst beantworten.
Doch die Antwort wird erleichtert durch ein Arbeitsprinzip, das dem Autor der vorliegenden Zeilen in den vergangenen Jahrzehnten gute Dienste geleistet hat. Dieses Arbeitsprinzip lautet: Man bedenke als Journalist, als Journalistin im Hinterkopf stets mit, welche Auswirkungen eine Veröffentlichung für das Subjekt der Berichterstattung hat. Zerstöre ich damit ein Leben? Werden durch meine Berichterstattung Reputationen unwiderruflich zerstört – möglicherweise aus nichtigem Anlass?
Diese Frage ist vor allem im Lokaljournalismus relevant. Ist es von öffentlichem Interesse, wenn etwa das Leben von Verbrechensopfern (oder auch von Missetätern) in allen Einzelheiten ausgebreitet oder über die Einzelheiten einer Familienaffäre in jedem intimen Detail berichtet wird? Oder wenn (vor allem junge) Tatverdächtige mit Namen und Bild medial preisgegeben werden?
Klar ist, dass Politiker oder sonstige öffentliche Personen in dieser Hinsicht stärker im Fokus stehen als Normalbürger. Wenn der Politiker X zum Beispiel beim Schnellfahren erwischt wird, muss er damit rechnen, dass dies für die Medien zu einer Story wird. Wenn Gleiches der Supermarktkassierin Y unterläuft, hat es weder in der Zeitung noch in einem sonstigen Medium etwas verloren. Auch wenn viele prominente Journalisten gerne kokett behaupten, keine Macht auszuüben: Das stimmt nicht. Das Wort und das Bild sind Waffen, mit denen äußerst behutsam umzugehen ist.
Was darf ich schreiben? Ist es zulässig, bei mutmaßlichen Missetaten von Menschen mit Migrationshintergrund meine Leserinnen und Leser auf diesen Migrationshintergrund hinzuweisen? Muss ich den Migrationshintergrund verschweigen, weil ich dadurch Vorurteile zementiere? Oder, im Gegenteil, muss ich ihn erwähnen, weil ja die Leserinnen und Leser ein Anrecht auf möglichst umfassende Information haben? Der Verfasser der vorliegenden Zeilen neigt eindeutig der zweiten Antwortmöglichkeit zu. Schreiben, was Sache ist – und nicht Sachen unterschlagen, weil diese dem eigenen Weltbild widersprechen, nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Und, ganz wichtig: Nicht „Nanny“-Journalismus betreiben mit dem Bestreben, die Nutzerinnen und Nutzer vor allzu bösen Wahrheiten zu schützen. Probleme und sonstige unliebsame Zeiterscheinungen gehen nicht weg, wenn man nur ganz fest die Augen schließt.
Zum Zeitpunkt, als diese Zeilen geschrieben wurden, veröffentlichten europäische Qualitätsmedien seitenlange Berichte über die in Schweden grassierende Bandenkriminalität. In diesen Berichten wurden alle möglichen Hintergründe beleuchtet. Nur nicht der Migrationshintergrund eines Großteils der Täter. Ähnliche Auslassungen erlebt man als Medienkonsument bei Reportagen über das Bandenwesen in deutschen Städten. Derlei lückenhafte Berichterstattung ist nicht nur journalistisch unzulässig, sondern auch politisch gefährlich. Leserinnen und Leser, Nutzerinnen und Nutzer, denen Informationen aus ideologischen Gründen unterschlagen werden, wenden sich zwangsläufig dorthin, wo sie diese Informationen frei Haus und mit dem dort üblichen migrantenfeindlichen Drall versehen geliefert bekommen. Also zu rechtsextremen Krawallmedien und rechtsextremen Politikern. Da ist es wohl besser, die Qualitätsmedien bleiben auf Tuchfühlung mit diesen Leserinnen und Lesern, berichten sachlich und ohne Hetze über bestehende Probleme. Und im Idealfall auch über Möglichkeiten, diese zu lösen.
Was darf ich schreiben? Was soll ich schreiben? Wie kann ich objektiv informieren? Oder ist Objektivität ohnehin nur ein hypothetisches Gebilde? Die zuletzt gestellte Frage mögen Philosophen beantworten. Für Journalistinnen und Journalisten relevant ist die Feststellung, dass es auch so etwas wie falsche Objektivität gibt, in der Fachwelt auch „False Balance“ oder „Bothsidesism“ genannt.
Schon klar, Journalisten und Journalistinnen müssen immer beide Seiten hören. Das heißt aber nicht, dass ich, wenn ich einen Experten für die Kugelgestalt der Erde ins TV-Studio einlade, aus Gründen der Objektivität auch einen Wirrkopf vor die Kamera bitten muss, der von der Scheibengestalt der Erde überzeugt ist. Dieser Grundsatz klingt banaler, als er ist. Denn nicht immer sind Fug und Unfug so klar zu benennen wie in diesem Fall.
Dies bekamen Medienschaffende beispielsweise während der Corona-Krise zu spüren. Wie viel Raum sollte man damals Impfgegnern geben? Oder jenen wenigen Virologen, die die Meinung vertraten, Corona sei nichts weiter als ein besserer Schnupfen? Es war eine tägliche journalistische Gratwanderung.
Oder, anderes Beispiel: Wie viel Raum sollte man als Journalistin, als Journalist jenen Experten oder Aktivisten geben, die im Ukrainekrieg Verständnis für den Aggressor Wladimir Putin zeigten? Die Frage muss jeder und jede für sich beantworten. Als Richtschnur mag dienen, dass anders als am Biertisch im Journalismus jegliche Meinung mit Fakten unterlegt sein muss. Hält man sich an diese Richtschnur, kommt man schon recht weit im Bestreben, anständigen Journalismus zu betreiben. Was insbesondere für den kommentierenden Journalismus gilt: Jeder gute Kommentar, jede gute Analyse im Journalismus muss mit Fakten unterfüttert sein. Eine Meinung zu äußern ist keine Kunst. Eine fundierte Meinung zu äußern ist Journalismus.
Was ist Journalismus? Abgesehen von allem anderen: völlige Unabhängigkeit. Auch das ist schwieriger, als es klingt. Denn völlige Unabhängigkeit kann es, ähnlich wie völlige Objektivität, nicht geben. Auch ein Medium, das sich weder im Einflussbereich einer Regierung noch einer Partei noch einer Bankengruppe noch eines Industriekonzerns befindet, ist verstrickt in ein Netzwerk von Abhängigkeiten. Abhängigkeiten von den Nutzerinnen und Nutzern, die für die Konsumation des Mediums zahlen und so seine Existenz absichern. Abhängigkeiten von den Werbekundinnen und Werbekunden, ohne die ein Medium nicht finanziert werden kann.
Auch ein Medium, das in großen Lettern „unabhängig“ über seine Portale und Titelseiten schreibt, kommt in gefährliche Schieflage, wenn Nutzer und Werbekunden wegbrechen. Es gehört zu den wichtigsten Tugenden der Medienschaffenden, vom jungen Volontär bis zur mächtigen Verlegerin, mit dieser Art von Abhängigkeit professionell umzugehen. Zivilcourage aller Beteiligten ist eine wichtige Grundlage hiefür. Sowie eine Redaktionsstruktur, die möglichst viele Schranken zwischen den Eigentümerinteressen und dem im betreffenden Medium betriebenen Journalismus errichtet. Journalisten, auch Chefredakteurinnen und Chefredakteure, haben in der Geschäftsleitung eines Mediums nichts verloren. Und Anzeigenchefinnen und -chefs sollen sich von den Redaktionszimmern möglichst fernhalten. Mit diesen einfachen Regeln ist schon viel – aber bei weitem nicht alles – gewonnen.
Was ist Journalismus? Und was nicht? Kann ich von Journalismus sprechen, wenn ich auf Einladung von Minister X oder der Großbank Y eine Reise unternehme, eingebettet in die Interessen des Einladenden? Und schon wieder wird es schwierig. Denn auch der beliebte, im Text oder Beitrag verborgene Hinweis, dass die Reise von der Großbank X oder dem Ministerium Y finanziell unterstützt wurde, löst das Dilemma nicht auf. Wer auf Reisen geht, gibt allein schon, um die Reise zu rechtfertigen, in aller Regel Texte in seine Heimatredaktion durch und gestaltet Beiträge von dieser Reise. Oft auch dann, wenn gar nicht viel Berichtenswertes passierte. Die Nutzer werden also mit Texten und Beiträgen beglückt, die nicht erschienen wären, hätte sich der betreffende Journalist nicht einladen lassen. Es bedarf wohl keiner weiteren Verdeutlichung, dass es kein journalistisches Auswahlkriterium für Veröffentlichungen sein kann, von jemandem auf eine Reise mitgenommen worden zu sein.
Was ist Journalismus? Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, bis hierher durchgehalten haben, ist das vielleicht schon etwas klarer geworden. Zum Abschluss noch ein paar Tipps: Ihre Aufgabe als Journalistin oder Journalist ist es nicht, sich Freunde zu machen. Weder unter Ihren Informanten noch in Ihrer Social-Media-Blase und schon gar nicht unter Politikerinnen und Politikern.
Seien Sie unbequem. Denken Sie daran, dass Sie eine wichtige demokratiepolitische Aufgabe erfüllen, und gehen Sie mit Selbstbewusstsein an Ihre Arbeit. Verlassen Sie sich nicht nur auf die Infos, die man Ihnen zusteckt, sondern fordern Sie in Eigeninitiative Informationen ein. Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Bestehen Sie darauf, dass man Ihre Rechercheanfragen beantwortet. Holen Sie die Menschen aus ihrer Bubble. Holen Sie sich selbst aus Ihrer Bubble. Betrachten Sie sich nicht als fehlerlos, soll heißen: Etablieren Sie in Ihrem Medium eine Fehlerkultur, die diesen Namen verdient, mit allen notwendigen Berichtigungen, Errata und Entschuldigungen. Arbeiten Sie multimedial.
Die Zeiten, als es für einen Zeitungsjournalisten reichte, das Papier des nächsten Tages zu bedrucken, sind so versunken wie die mechanischen Schreibmaschinen. Im Übrigen ist zu konstatieren, dass früher, in der vorgeblich goldenen Zeit des Journalismus, keineswegs alles besser war. Die ethischen Standards im Journalismus (sagen wir lieber: im seriösen Journalismus) sind höhere geworden, auch wenn ein Blick auf etliche vorgeblich journalistische Produkte das Gegenteil nahelegt.
Übrigens: Wissen Sie ein kürzeres Wort für Familienlastenausgleichsfonds? Bitte sagen Sie jetzt nicht: Flaf. Das klingt wie die Blähung einer Comicfigur und ist in seiner Unverständlichkeit eine Verhöhnung der Leserinnen und Leser. Ich schlug damals „Familienfonds“ vor. Wenig originell. Aber immer noch ganz brauchbar, wie ich finde. Es hat sich nichts geändert. Und alles.
ARMIN THURNHER HERAUSGEBER UND MITGRÜNDER DES FALTER
Wie eine bürgerliche Öffentlichkeit und redaktioneller Raum entstanden ist
Wir leben im Zeitalter des Journalismus. Beide, Zeitalter und Journalismus, bringen einander in Gefahr. Zwar gab es noch nie so viel Journalismus und Medien wie heute, und zeitweise glaubten manche, mit der Ankunft digitaler Medien sei nun jeder Mensch Journalist, jedoch sind Journalismus und Medien keineswegs dasselbe. Es könnte durchaus sein, dass Medien dem Journalismus ein Ende setzen.
Journalismus ist eine Kulturtechnik, Realität so zu berichten, dass der Bericht gewissen Anforderungen an Wahrhaftigkeit, Genauigkeit und Kompetenz entspricht und sein Publikum so über Dinge informiert, die es selbst aus räumlichen oder zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen kann. Um das zu erreichen, hat Journalismus Verfahrensweisen und Grundsätze entwickelt, ohne deren Einhaltung er es eben nicht ist. Das vorliegende Buch handelt von ihnen.
Man könnte behaupten, dass Journalismus, so definiert, ohne Demokratie nicht vorstellbar ist, und umgekehrt gilt das Gleiche. Leider ist Journalismus ohne Demokratie so gut möglich wie Kapitalismus.
Demokratie existierte erstmals im alten Athen, unter Voraussetzungen, die wir heute nicht mehr als demokratisch ansehen würden: Frauen, Fremde, Sklaven waren von ihr ausgeschlossen. Die Idee aber, dass sich diese Demokratie dadurch herstellt, dass der Einzelne seine Stimme frei, ohne Ansehen seiner privaten Umstände erheben kann, sodass ihn alle anderen hören können; dass in dieser freien Rede und Widerrede, im Abwägen der Argumente ein vernünftig begründetes Urteil aller entstehen kann, diese Idee ist geblieben. Auf ihr beruhen Demokratie und demokratischer Journalismus. Nur dass in der Massendemokratie Massenmedien und Journalismus die Rolle übernommen haben, die in Athen der für alle überschaubare Marktplatz, die berühmte Agora, bot.
Zwischen Athen und heute liegen 2500 Jahre. Die Rolle der vermittelnden Sprecher gab es schon damals, es waren die Sophisten, deren Kunst darin bestand, ein Argument als unwiderlegbar zu präsentieren, ob es nun für oder gegen dieselbe Sache sprach. Aus der Kunst der öffentlichen Rede, die sie begründeten, entstand die Rhetorik, aus dieser wieder Wissenschaft und Universitäten; man könnte die Sophisten auch als die ersten Journalisten betrachten. Ihre Kunst bestand darin, jede Wahrheit öffentlich so glaubwürdig zu begründen wie ihr Gegenteil.
In diesem Essay wird Journalismus als berichtende und kommentierende Tätigkeit bei periodisch erscheinenden, allgemein zugänglichen Medien verstanden. Journalismus ist aber nicht nur der Buchhalter der Wirklichkeit, obwohl er so anfing. Journalismus präsentiert immer eine Sicht der Welt, die auf Voraussetzungen beruht und ihrerseits Grundlagen für Entscheidungen bietet.
In der frühen Neuzeit aber begann Journalismus tatsächlich als Buchhalter der Wirklichkeit. Die großen Handelshäuser – wie die Fugger in Augsburg – unterhielten ausgedehnte Korrespondenzen mit Vertrauensleuten in fernen Ländern. Diese lieferten Informationen über Handelshemmnisse oder Geschäftsmöglichkeiten, über wechselnde Herrscher und berichteten alles, was Handelstreibende wissen wollten.
Der Ausdruck „Journalismus“ stammt also aus der Kaufmannssphäre. „Journal“ bedeutet so viel wie tägliche Buchführung, täglicher Bericht. Aus den nicht veröffentlichten, aber in den Handelshäusern gesammelten Korrespondenzen entstanden Zeitungen, die ersten, 1609 erschienenen hießen „Aviso“ (in Wolfenbüttel) und „Relation“ (in Straßburg). Sie wurden in großen Markt- und Messestädten veröffentlicht, und die Journalisten waren oft Nachrichtensammler, Drucker und Verkäufer in einem. Einmannbetriebe, sozusagen. Die Herkunft deutet auch auf ein grundsätzliches Problem hin. Journalismus ist zugleich Träger zweier Grundfreiheiten: der Erwerbsfreiheit und der Meinungsfreiheit. In Geschichte und Gegenwart des Journalismus kommen sie sich immer wieder ins Gehege.
Die vermarktbare Veröffentlichung und Vervielfältigung dieser Nachrichtensammlungen, in denen sich Blutregen in Südengland mit Nachrichten von einer Krönung in Lissabon und Ernteschäden in Galizien verbanden, wurde durch den Buchdruck möglich. Erfunden im späten 15. Jahrhundert als Verwaltungserleichterung, schlug diese Erfindung erst im 18. Jahrhundert so richtig durch. Es waren aber vor allem Zeitschriften und Zeitungen, mithin Journalisten, die in diesem Zeitalter der Aufklärung die antike Arena in moderner Form wiedererstehen ließen: als Öffentlichkeit, in der Bürger und nun – wenn auch vor allem in Briefform, aber doch – auch Bürgerinnen sich darüber unterhielten, welche tugendhafte (Gesellschafts-)Form des Lebens am ehesten angemessen sei.
Im beginnenden 18. Jahrhundert brach sich in England der berühmte, erstmals vom Philosophen Jürgen Habermas in seiner Habilitationsschrift so benannte „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962, aktualisiert 2021/22) Bahn. Gemeint ist die Ablösung der repräsentativen Öffentlichkeit (der Monarch zeigt sich vor dem Volk, entscheidet aber im Geheimen) durch die räsonierende, kritische Öffentlichkeit eines argumentierenden Publikums. Dieses Räsonieren war eine mittelbare Folge der englischen Religionskriege, in denen das Königtum geschwächt und die Zensur gelockert wurde. „Es giebt schwerlich eine Nation, bei der sich der Verstand so allgemein und bis auf die niedrigsten Volksklassen erstreckte, als dies bei der englischen der Fall ist. Ursache davon sind die Zeitungen …“, notierte Immanuel Kant.
In der Öffentlichkeit der moralischen Wochenschriften (der Spectator war eine der ersten, er erscheint als witziges, konservatives Wochenmedium immer noch) reflektierte sich das aufsteigende Bürgertum selbst, es beschrieb seine Kaffeehausrunden und dort geführte Gespräche, die dann wieder im Kaffeehaus gelesen und besprochen wurden. Die moralischen Wochenschriften schwappten über auf den Kontinent, wo sie in der Form und auch im Titel nachgeahmt wurden (aus dem „Tatler“ wurden etwa „Die vernünftigen Tadlerinnen“).
Zeitungen waren zuerst ziemlich ungeordnete Anhäufungen von Meldungen. Gleich erschienen auch sogenannte Intelligenzblätter, also Annoncenblätter. Nur sie durften Anzeigen bringen, den anderen Zeitungen war das verboten. Ihre Existenz verdanken sie Jürgen Habermas zufolge dem gesteigerten Kommunikationsbedürfnis der Behörden, die Befehle und Verordnungen veröffentlichten, dazu kamen Vermischtes und Stellenangebote. Die politische Zeitung ergab sich daraus dann fast von selbst. Dem absoluten Staat stellte sich eine Gesellschaft mit neuen geschäftlichen und moralischen Ideen und Ansprüchen gegenüber.
Tugendhaftigkeit sollte auch den Beruf des Journalisten leiten, den man sich in dieser Zeit eher noch als Schriftsteller vorstellen muss, wenn auch nicht mehr in Personalunion mit dem Drucker und Verkäufer, die zu Verlegern mutierten. Man erkennt den Anspruch bereits am Titel und der Genrebezeichnung „Moralische Wochenschriften“. Das Programm eines aufklärerischen Journalismus hat vielleicht am schönsten der deutsche Autor und Redakteur der damals führenden Vossischen Zeitung, Karl Philipp Moritz, im Jahr 1784 zusammengefasst. Sein „Ideal einer vollkommenen Zeitung“ wird deshalb zu Recht auch heute noch immer wieder publiziert.
Die bürgerliche Öffentlichkeit diente dazu, die Ansprüche des Bürgertums durchzusetzen, Journalisten konnten sich ihres Lebens nicht sicher sein, solange absolutistische Regime und die Kirche ihre Machtansprüche mit Zensur und Unterdrückung geltend machten. Emigration und Haft waren der Preis, den einige jener Publizisten bezahlten, deren Schriften dazu betrugen, die bürgerliche Revolution herbei- oder gar weiterzuführen. Denis Diderot, Jean Jacques Rousseau, Heinrich Heine und Karl Marx stehen auf der langen und bis heute fortgeschriebenen Liste verfolgter Publizisten.
Bei Nennung dieser Namen wird eine Anmerkung zum Wort „Vorbild“ fällig. Die Idee des Nachahmens, die in diesem Wort steckt, verträgt sich schlecht mit der Idee publizistischer Autonomie. Wenn in diesem Text also Namen fallen, dann weniger weil sie nachahmenswerte Journalisten sind, sondern weil sie exemplarisch für Phasen in der Geschichte des Journalismus stehen. Der Schriftsteller Heinrich Heine zum Beispiel schilderte das intellektuelle Deutschland, aus dem er vertrieben wurde, und das intellektuelle Frankreich, in dem er gezwungenermaßen lebte, in stilistisch noch heute herausragenden literarischen Berichten. Karl Marx wiederum bestritt mehrere Jahre seinen Lebensunterhalt mit Berichten für die New York Tribune, der damals größten und einflussreichsten national verbreiteten Tageszeitung der USA, die großteils als Leitartikel erschienen. Diese umfangreichen politischen und ökonomischen Dossiers hatten teils erheblichen polemischen Schwung, dienten jedoch den geschäftsinteressierten US-Kapitalisten ihrer Zeit durchaus als Information für ihre Geschäfte. Auch die Wiener Neue Freie Presse engagierte Marx, druckte aber keinen der zwischen Oktober 1861 und Dezember 1862 veröffentlichten Artikel unter seinem Namen. Er wurde bloß als „berühmter deutscher Publicist“ ausgeschildert.
Damit sind wir schon in einer nächsten Phase des Journalismus angekommen, der Erfindung der Redaktion, die von der Industrialisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert und ihren medienprägenden Erfindungen nicht zu trennen ist: Dampfmaschine, Telegraf, Telefon. Zeitungen konnten nun in weit höheren Auflagen gedruckt werden. Das System Journalismus entwickelte sich, analog zur Fabrik entstand die Redaktion als arbeitsteiliger Organismus. Aus den einzelnen Korrespondenten der Handelshäuser wurden nun Nachrichtenagenturen (die erste, Agence Havas, heute AFP, entstand 1835).
Auch die Bezeichnung „Journalist“ bürgerte sich ein. Die Zeitung wurde vom Handwerksbetrieb zum Unternehmen und mehr und mehr zum großen Geschäft. In seinem ab 1837 erschienenen Roman „Verlorene Illusionen“, dem ersten und besten über Journalismus, hat Honoré de Balzac diese Entwicklung präzise beschrieben. Der junge Lucien de Rubempré wird von seinen Freunden so in die Tatsachen dieses Geschäfts eingeführt:
„‚Du denkst also so, wie du geschrieben hast?‘, fragte Hector Lucien. ‚Ja.‘ ‚Ach, mein Lieber‘, sagte Blondet, ‚ich hielt dich für stärker! […] Die Kritik muss die Werke von ihren sämtlichen Seiten betrachten‘. […] ‚Sie legen also Wert auf das, was Sie schreiben?‘, fragte ihn Vernou mit spöttischer Miene. ‚Aber wir treiben mit unsern Sätzen Handel und leben von diesem Geschäft. […] Artikel werden heute gelesen und sind morgen vergessen; das Zeug ist in meinen Augen nicht mehr wert, als dass man es bezahlt.‘ Alle schienen erstaunt, bei Lucien Skrupel zu finden, und es gelang ihnen schließlich, seine unschuldige Kindertoga in Stücke zu reißen und ihm das Mannesgewand des Journalisten anzuziehen.“
Vollends wurde die Zeitung zur Ware, als Mitte des Jahrhunderts das Inseratengeschäft, bisher Staats- und Adelsprivileg, freigegeben wurde. In amerikanischen Massenblättern (in der New York Sun ab 1833) tauchten „muckraker“ auf, wörtlich Mistkratzer, die ersten faktenorientierten Journalisten, die Techniken der Recherche entwickelten. Damals Auflagenbringer für den Boulevard, dienen sie heute seriösen Medien als Ausweis faktenorientierter Qualität. In Europa setzte die Zensur dem veröffentlichten Wort enge Grenzen, im angelsächsischen Raum befreite es der Kommerz.
Zugleich entstand die Idee, in Zeitungen nicht nur zu berichten, sondern Meinung zu bilden, zielgerichtet auf die öffentliche Meinungsbildung einzuwirken, wie es der erst liberale, dann reaktionäre katholische Publizist Joseph Görres bereits 1814 im von ihm gegründeten Rheinischen Merkur forderte: Nicht mehr „kraftloser Index dessen, was geschah“ sollen Zeitungen sein, sondern „Stimmführer des Volkes“, die „zur öffentlichen Erörterung bringen, was in allen Gemütern treibt und drängt“.
Damit sind die Grundlagen dessen bestimmt, was Entwicklung und Fehlentwicklung von Journalismus im 20. Jahrhundert brachten: die große, redaktionell organisierte Qualitätszeitung einerseits; die gewissenlos kommerzialisierte Massenpublizistik andererseits, die sich der Verführungskraft des nunmehr auch als Radio und bald Fernsehen verbreiteten Mediums hemmungslos bediente. Auf die entstehende Boulevardisierung reagierten erste Medienkritiker wie die Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche und der Schriftsteller Karl Kraus („Die Presse hat keine Auswüchse, sie ist einer“) – dieser in einer nicht uncharakteristischen Doppelrolle, der Journalismuskritiker als Journalist und fast alleiniger Autor der Fackel.
Als Reaktion auf Boulevardisierung und Kommerz entstand aber auch die BBC, zuerst ab 1922 als Kapitalgesellschaft, dann ab 1926 als der erste öffentlich-rechtliche Sender. Sie trat gegen Verdummung und Verführung der Massen auf, enthielt sich aber nicht der Regierungspropaganda. In Deutschland brachten hingegen Massenmedien wie die Zeitungen des deutschen Verlegers Alfred Hugenberg die Demokratie zu Fall; im Nationalsozialismus zeigte der Journalismus im Dienst des Propagandaradios sein hässlichstes Gesicht. Ja, auch Joseph Goebbels ist aus der Galerie journalistischer Vorbilder nicht wegzudenken. „Vorbild“ in den oben beschriebenen Worten. Das stalinistische Gegenbild gleichgeschalteter Presse stand ihm an Zynismus in nichts nach.
Und wiederum als Gegenbild und Prävention einer Wiederholung totalitärer Abwege installierten die Alliierten in Deutschland nach 1945 den öffentlichrechtlichen Rundfunk. Er bot den Vorteil, dass in ihm der Streit der Grundfreiheiten zugunsten der Meinungsfreiheit von vornherein entschieden ist (sofern nicht Rundfunkveranstalter aus Verblendung dazu übergehen, kommerzielle Sender nachzuäffen). In den gleichsam sozialdemokratisch geprägten USA des New Deal von F. D. Roosevelt wuchs die Kritik am kommerziellen Missbrauch der Medien. Immer wieder setzte es Debatten zu Übermacht und nötiger Regulierung von Medien. 1947 gestand eine von Time Life-Herausgeber Henry Luce privat finanzierte, hochkarätig besetzte Kommission, die Hutchins Commission, in den USA den Medien diese Fähigkeit zur Selbstregulierung zu, bestand aber auf deren sozialer Verantwortung.
Unter Verhältnissen der Digitalisierung stellt sich die Journalismusfrage neu und anders. Da den Tech-Konzernen von der Clinton-Regierung in der berühmten Section 230 des Communications Decency Act 1996 das Recht zugestanden wurde, nicht für von ihnen veröffentlichte Inhalte verantwortlich zu sein, haben sie gegenüber klassischen Medien einen uneinholbaren Wettbewerbsvorteil. Sie können ihre Datensammlungen ungehindert vorantreiben und zur personalisierten Werbung nutzen, was einerseits herkömmliche Medien ihrer Finanzierungsbasis durch Werbung beraubt und sie andererseits als Träger von Öffentlichkeit infrage stellt.
Denn journalistische Öffentlichkeit beruht auch darauf, dass ihre Teilnehmer sicher sein können, dieselben Nachrichten zu empfangen. Digitale Kommunikation spiegelt das nur vor, spielt aber tatsächlich jedem Einzelnen persönlich auf ihn zugeschnittene Nachrichten zu. Ein gemeinsames Bild der Welt, in der gemeinsame Entscheidungen möglich sein sollten, ist damit hinfällig. Geblieben ist vom Journalismus nur mehr dessen von Balzac zynisch gemeintes „Mannesgewand“, das Lügen für einen schlechten Zweck. Das pathetisch reklamierte Recht auf Meinungsfreiheit, das solches rechtfertigen soll, endet bekanntlich im Rechtsstaat dort, wo Rechte anderer beeinträchtigt werden. Im Regime der Neuen Medien beharren Tech-Konzerne aber darauf, Lügen verbreiten zu müssen – etwa jene, die Wahl von Joe Biden sei geschoben gewesen –, angeblich im Interesse der Meinungsfreiheit, in Wahrheit natürlich aus kommerziellen Interessen. Die Tech-Konzerne entziehen sich dank ihrer schieren Macht rechtsstaatlicher Regulierung, sodass man dem erwähnten Strukturwandel eine neue Etappe hinzufügen muss: die digitale Refeudalisierung der Öffentlichkeit.
Ob man Journalismus in der Tradition der Rhetorik sieht, deren Stilelemente er aufnahm und in seine Textsorten verwandelte, und von ihm erwartet, er möge erfreuen und unterhalten (wie es sein erster Chronist Kaspar Stieler im 17. Jahrhundert sah), oder ob man erkennt, dass Journalismus nicht nur ein meinungsloser Spiegel der Ereignisse ist, wie der US-Amerikaner Walter Lippmann in den 1920er-Jahren konstatiert (der zur gelenkten Demokratie neigte): Man wird Journalismus in jeder Prägung auch als Konstruktion von Wirklichkeit verstehen müssen. Umso mehr ist von ihm zu fordern, sich dazu selbstkritisch und transparent zu verhalten und sich nicht als neutrale vierte Macht im Staat hinzustellen. Denn als demokratisch funktionierender redaktioneller Journalismus prägt er eben die Demokratie, indem er ihre Voraussetzungen schafft: faire Information.
Journalismus ist ein Problem, aber vielleicht auch dessen Lösung. Denn würden seine fairen Verfahren verallgemeinert und nicht durch totalitäre oder kommerzielle Zwecke entstellt und missbraucht, könnte die redaktionelle Gesellschaft – ein Begriff des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen –, in der alle an ihr Teilnehmenden kritisch das ihnen Berichtete und Weiterberichtete reflektieren, durchaus zum Lebensmodus einer Mediengesellschaft werden, die demokratisch mit sich umzugehen versteht. Sie ist vielleicht die einzige Möglichkeit, die Bodenlosigkeit (wie die Philosophin Hannah Arendt es nannte) einer Welt zu verhindern, in der Tatsachen und Lügen nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.
Literatur
Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956.
Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München 1980.
Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart 1960.
Arendt, Hannah: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München 1972.
Balzac, Honoré de: Verlorene Illusionen. Frankfurt am Main 1996.
Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied am Rhein 1962.
Habermas, Jürgen: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin 2022.
Heine, Heinrich: Französische Zustände. Hamburg 1833.
Heine, Heinrich: Die Romantische Schule. Hamburg 1836.
Kraus, Karl: Untergang der Welt durch schwarze Magie. Wien 1922.
Lippmann, Walter: Die öffentliche Meinung. München 1964.
Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen 1996.
Marx, Karl / Engels, Friedrich: Gesamtausgabe (MEGA). Abt. I, 12–19. 1975 ff.
Nemitz, Paul / Pfeffer, Matthias: Prinzip Mensch. Bonn 2020.
Prokop, Dieter: Der Kampf um die Medien. Hamburg 2001.
Stieler, Kaspar: Zeitungs Lust und Nutz. Vollständiger Neudruck der Ausgabe von 1695, hg. v. Gert Hagelweide. Bremen 1969.
Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. 3 Bde., 2. Aufl., Opladen 1998–2004.
Zuboff, Shoshana: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt am Main 2018.
ALEXANDRA FÖDERL-SCHMID STELLVERTRETENDE CHEFREDAKTEURIN DER SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG
Was ist eine Geschichte?
Wann ist eine Geschichte eine Geschichte, die publiziert werden kann? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten – das kommt darauf an, muss die Antwort ehrlicherweise lauten. Im Internet sind alle möglichen Informationen in Echtzeit verfügbar. Rund um den Globus gibt es andauernd Ereignisse, von denen es nur ein Bruchteil in die Medien schafft. Der Anspruch nach Vollständigkeit kann gar nicht erhoben und schon gar nicht erfüllt werden, zumal immer mehr Informationsquellen wie die sozialen Medien zur Verfügung stehen und auch das von PR-Agenturen verbreitete Angebot zunimmt. Nach Schätzungen werden weltweit jeden Tag 328,77 Millionen Terrabyte an Daten kreiert.1
Wie soll man da noch den Überblick bewahren? Wie und von wem wird entschieden, was dann tatsächlich zu einem journalistischen Beitrag wird? Medienforscher Winfried Schulz gibt eine Antwort: „Ereignisse werden erst dadurch zu Nachrichten, dass sie aus der Totalität und Komplexität des Geschehens ausgewählt werden.“2 Dieser Prozess ist eine der zentralen Aufgaben für Journalistinnen und Journalisten. Und sie wird immer wichtiger angesichts der ständig zunehmenden Menge und Komplexität von Informationen – von Krise zu Krise. Mit diesem Selektionsprozess ist außerdem eine erhebliche Verantwortung verbunden, denn es sollte keine „blinden Flecken“ in der Berichterstattung geben, also kein Ausblenden wichtiger Ereignisse.
Allerdings haben die traditionellen Medien nicht mehr die Rolle als alleinige „Gatekeeper“, die ihnen die Kommunikationsforschung früher zugeschrieben hat. Sie sind nicht mehr die Wächter, die darüber entscheiden, welche Informationen zu den Medienkonsumenten dringen und welche nicht. Die sozialen Medien haben zu dieser Entwicklung beigetragen, die in vielen Redaktionen als Bedeutungsverlust wahrgenommen wird. Allerdings wird traditionellen Medien noch immer eine hohe Aufmerksamkeit zuteil. Meldungen aus den sozialen Medien werden üblicherweise mehr beachtet, wenn sie auch von traditionellen Medien aufgegriffen werden, zumal nicht alle Bevölkerungsgruppen Zugang zu den sozialen Plattformen haben.
Aber wie werden Informationen von Medien überhaupt wahrgenommen? Es gibt eine Fülle von Quellen, die sich nicht nur auf das Internet beschränken, sondern auch auf anderen Wegen zu Journalistinnen und Journalisten gelangen: Allgemein verfügbare Informationen, Termine, Pressemitteilungen, Interviews, eigene Recherchen.
Eine der wichtigsten Informationsquellen für Redaktionen sind Nachrichtenagenturen. Weltweit gibt es rund 120 davon, von denen zwanzig als unabhängig gelten.3 Redaktionen können das Angebot abonnieren. Zu den großen internationalen Agenturen gehören Reuters, Agence France Press (AFP) und Associated Press (AP). Kleinere Mitbewerber, die einen stärkeren Fokus auf das Geschehen im eigenen Land haben, sind die deutsche Nachrichtenagentur dpa, die Austria Presse Agentur APA und die Schweizerische Depeschenagentur Keystone-SDA.
Andere Nachrichtenagenturen haben einen thematisch engeren Fokus. So ist Bloomberg auf Wirtschaftsnachrichten spezialisiert und die SDA bietet seit der Übernahme des Sportinformationsdienstes eine große Fülle an Meldungen aus dem Sportbereich.
Das Angebot der Agenturen, die eine Grundversorgung für Redaktionen bieten, ist groß. Die APA veröffentlicht rund 480 Meldungen pro Tag, die dpa etwa 600.4 Die meisten Nachrichtenagenturen bieten auch Terminservices an, also eine Übersicht, welche wichtigen Ereignisse bevorstehen. Das können Parlamentssitzungen sein, Hinweise auf anstehende Entscheidungen der Höchstgerichte, auf Bilanz-Pressekonferenzen wichtiger Unternehmen, Ausstellungseröffnungen oder Premieren.
Bei einigen Nachrichtenagenturen besteht die Möglichkeit, Pressemeldungen einzuspeisen, was extra gekennzeichnet werden muss. Bei der APA heißt dieses Angebot OTS, Original Text Service. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass diese OTS-Aussendungen „ausschließlich unter inhaltlicher Verantwortung des jeweiligen Aussenders / der Aussenderin“ verbreitet werden. Diese müssen im Rückfragehinweis „eindeutig erkennbar“ sein.5OTS-Meldungen sind für Journalisten aufbereitete Informationen, die in der Regel von Pressestellen oder PR-Agenturen kommen. Da sie nicht journalistischen Standards unterliegen, werden sie von seriösen Medien nicht vollständig inhaltlich übernommen.
Als weitere wichtige Nachrichtenquelle für Journalisten haben sich in den vergangenen Jahren die sozialen Medien etabliert. Immer mehr Politiker oder Unternehmen stellen ihre Erklärungen direkt auf YouTube, Facebook oder X (vormals Twitter). Aber auch hier gilt, dass diese Informationen journalistisch eingeordnet werden müssen.
Eine wichtige Quelle sind in den letzten Jahren öffentlich zugängliche Daten geworden. Speziell geschulte Datenjournalisten und -journalistinnen bereiten Zahlenmaterial auf und erzählen damit Geschichten. Das können einfache Beispiele wie die Umfragewerte eines Politikers sein und komplexe Analysen, wenn es etwa um die Darstellung von Propaganda in russischen Medien geht.6 (Siehe dazu auch den Beitrag von Thür/Weichenberger, S. 188)
Anregungen zu Beiträgen entstehen häufig in oder am Rande von Redaktionskonferenzen. Da gibt es zum einen Beobachtungen, die geteilt werden. Das können Medienauftritte von Politikern sein, Erlebnisse oder Auffälligkeiten am Weg in die Redaktion oder Unstimmigkeiten wie Wahlergebnisse, in die sich ein Fehler eingeschlichen hat. Diskutiert werden auch Vorschläge, die Kolleginnen und Kollegen unterbreiten, etwa aus Auslandsbüros.
Von Medien wird erwartet, dass sie eine Vielfalt an journalistisch aufbereiteten Informationen publizieren. Aber welche? Die Medienforscher Stephan Russ-Mohl und Tanjev Schultz geben darauf eine generelle Antwort: „Es gibt sogenannte Nachrichtenfaktoren, die es erlauben, Nachrichten nach ihrer Wichtigkeit zu sortieren und deren Nachrichtenwert zu bestimmen.“7
Diese Nachrichtenfaktoren können unterschiedlich sein. Aber die meisten Medien gehen nach folgenden Kriterien vor:
Neuigkeitswert: Was ist im journalistischen Sinn tatsächlich neu? Journalistinnen und Journalisten müssen gut informiert sein, was das aktuelle Geschehen betrifft, um diese Einordnung treffen zu können. Bei der Bewertung spielt der Faktor Zeit natürlich eine große Rolle. Dazu zählt Aktualität, der Bezug zur Jetztzeit. Es gibt aber auch eine latente Aktualität, die sich von der tagesaktuellen unterscheidet. Das sind oft sogenannte „Kann-Themen“, die nicht unbedingt tagesgebunden, aber tatsächlich nahe am Zeitgeschehen sind. Sie unterscheiden sich von „Muss-Themen“, die sehr viel stärker mit der Tagesaktualität verbunden sind. Es gibt auch die sogenannte „Kalender-Aktualität“, die sich etwa aus einem Jahrestag ergibt. Aber auch etwas, das schon häufiger gesagt wurde, kann einen Nachrichtenwert bekommen, wenn es jemand anderer sagt oder wenn eine Aussage trotz Kritik wiederholt wird.
Relevanz: Wie bedeutend und folgenreich ist ein Ereignis und wie viele Menschen betrifft es? Das kann ein Lockdown sein, der die gesamte Bevölkerung angeht, ein neues Gesetzesvorhaben oder eine Naturkatastrophe. Auch aus Zielgruppen kann sich Relevanz ergeben: Entwicklungen in der katholischen Kirche sind für ein Kirchenblatt wichtiger als für eine überregionale Tageszeitung. Wichtig ist auch zu wissen, an wen sich der Beitrag richtet. Für eine Kindersendung sind andere Themen relevant als für ein Seniorenprogramm.
Nähe: Geografisch, politisch oder kulturell. Nachrichten aus dem eigenen Land wird in der Regel mehr Aufmerksamkeit zuteil als Informationen aus ferneren Regionen, weil die Betroffenheit größer ist. Was für eine Lokalzeitung spannend ist, muss nicht zwingend für ein überregionales Medium berichtenswert sein.
Status: Es macht einen Unterschied, ob eine Aussage von der Vorsitzenden einer Partei oder einem einfachen Mitglied kommt. Personen, die Macht und Einfluss haben oder als prominent gelten, erfahren deutlich mehr Aufmerksamkeit. Auch über Länder, die über mehr Einfluss verfügen, wird häufiger berichtet. Meldungen aus den USA gelten als wichtiger als solche, die aus einem afrikanischen Staat nach Europa dringen.
Überraschungswert: Eine der ältesten Regeln in Redaktionen lautet: „Hund beißt Mann, ist keine Geschichte. Mann beißt Hund, ist eine Geschichte.“ Damit kann vieles gemeint sein: Etwas noch nie Dagewesenes, etwas noch nie Gesagtes, etwas Unerwartetes oder eine Anomalie können dazu führen, dass eine Information für Medien interessant ist. Das können Entwicklungen in der Wissenschaft oder Kehrtwenden in der Politik sein. Der Überraschungswert kann sich aus einer zeitlichen oder qualitativen Veränderung ergeben, aus einem unvorhersehbaren Verlauf oder durch ein so nicht absehbares Ergebnis.
Interessen: Es sollten in jedem Fall die des Publikums im Fokus stehen. Dabei spielen auch Identifikationsmöglichkeiten eine Rolle. Auskunft darüber, was die Zielgruppe interessiert, geben Quotenmessungen in den elektronischen Medien, Mediaanalysen für Printmedien und in Echtzeit verfügbare Daten für Onlinemedien. Dieses Thema – wie sehr müssen wir uns an den Bedürfnissen und Erwartungen unseres Publikums orientieren – wird in vielen Redaktionen kontrovers diskutiert. Hier kann es auch zu einem Interessenskonflikt zwischen Quantität und Qualität kommen. Es gilt hier, die richtige Balance zu finden. Deshalb ist es auch wichtig, über den Auswahlprozess für Themen und Nachrichten zu debattieren.
In der Regel passiert das im jeweiligen Ressort. Wie die Nachrichtenfaktoren in der Praxis angewandt und umgesetzt werden, lernt man am besten, indem man mit erfahreneren Kolleginnen und Kollegen darüber diskutiert und die Entscheidungsgrundlagen studiert – warum ein Thema für berichtenswert gehalten wurde und warum nicht. Hier geht es um die DNA eines Mediums, aber auch um ein gemeinsames Selbstverständnis. Dabei spielt auch die redaktionelle Linie eine Rolle, die in einem publizistischen Kompass, der Blattlinie oder einem Redaktionsstatut definiert sein kann.
Diese Diskussionen münden in einen Entscheidungsprozess, bei dem es um die Wertigkeit und Hierarchisierung von Nachrichten geht, die sogenannte Gewichtung. Das Wichtigste kommt an den Anfang einer Nachrichtensendung, auf die Titelseite der Zeitung oder den obersten Platz einer Homepage. Auch die Größe eines Berichts oder die Länge eines Beitrags sagen etwas über die Relevanz aus.
In diesen Selektionsprozess fließen außerdem subjektive Erfahrungen oder Einstellungen von Journalistinnen und Journalisten ein. Die Auswahl wird auch durch Zwänge mitbestimmt, die sich durch die Organisation oder die Technik eines Mediums ergeben. Aber auch Platz- oder Zeitverhältnisse spielen eine Rolle.
Als Journalist, als Journalistin muss man ein Gefühl dafür entwickeln, wie diese Nachrichtenfaktoren zu bewerten sind und welche Relevanz sie auch für die Zielgruppe des eigenen Mediums haben. Es ist das vielzitierte „Gespür“ für Geschichten, das einen guten Journalisten, eine Journalistin ausmacht.
Literatur
Raue, Paul-Josef / Schneider, Wolf: Das neue Handbuch des Journalismus. Hamburg 2007.
Russ-Mohl, Stephan / Schultz, Tanjev: Journalismus. Das Lehr- und Handbuch. 4. Aufl., Köln 2023.
Wolff, Volker / Schultz, Tanjev / Kieslich, Sabine: Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus. Schreiben für Print und Online. Köln 2021.
1 https://explodingtopics.com/blog/data-generated-per-day#how-much (zuletzt abgerufen am 29.05.2024). Für das Jahr 2021 hat „Visual Capitalist“ aufbereitet, was jede Minute im Internet hochgeladen wird: https://www.visualcapitalist.com/from-amazon-to-zoom-what-happens-in-an-internet-minute-in-2021/ (abgerufen am 29.5.2024).
2 Winfried Schulz: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg 1976 (2. Aufl. 1990), S. 8 f.
3 https://www.dpa.com/de/faq (abgerufen am 29.5.2024).
4 https://www.dpa.com/de/faq bzw. https://apa.at/ (abgerufen am 29.5.2024).
5 https://www.ots.at/ (abgerufen am 29.5.2024).
6 https://www.zeit.de/politik/deutschland/2023-12/olaf-scholz-kanzler-beliebtheit-bilanz-vergleich bzw. https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/russland-propaganda-ria-novosti-e261162/ (abgerufen am 29.5.2024).
7 Stephan Russ-Mohl / Tanjev Schultz: Journalismus. Das Lehr- und Handbuch. 4. Aufl., Köln 2023, S. 134.
INGRID BRODNIG JOURNALISTIN UND BUCHAUTORIN MIT SCHWERPUNKT AUF DIGITALES
Wie man Gelöschtes und Relevantes online leichter findet
Das Internet vergisst nichts – dieser Spruch ist sehr bekannt, aber aus journalistischer Sicht oft falsch. Das Internet vergisst viel: Postings werden gelöscht, Webseiten gehen offline und vielfach findet man einst gut sichtbare Information nicht mehr. Doch es gibt ein paar Möglichkeiten, geschickt online zu recherchieren, Inhalte auf ihre Echtheit hin zu überprüfen und auch manche alte Information wieder auszugraben. In der Folge soll ein Überblick über praktische Recherchemöglichkeiten im Netz gegeben werden.
Die Komplexität von Suchmaschinen nutzen
Viele Menschen tippen einfach nur die gewünschte Information in Google ein, zum Beispiel „Geburtsjahr Sebastian Kurz“. Journalist:innen hingegen profitieren davon, die komplexeren Funktionen von Suchmaschinen zu nutzen: Machen Sie sich mit der Suchmaschine Ihrer Wahl vertraut, probieren Sie verschiedene Funktionen aus. Bei Google kann man mittels sogenannter Operatoren eine Anfrage präzisieren: So kann es sein, dass zwei Personen Sabine Schickenhuber heißen – eine ist Physiotherapeutin und eine Bürgermeisterin. Indem Sie das Minuszeichen („–“) vor einen Suchbegriff stellen, vermeidet Google Ergebnisse, die dieses Wort beinhalten. Wenn Sie also nach „Sabine Schickenhuber -physiotherapie“ suchen, werden Sie eher Treffer zur Bürgermeisterin erhalten – denn alle Ergebnisse, die das Wort „Physiotherapie“ enthalten, wurden ausgeblendet.
Ebenfalls praktisch: Indem Sie den Suchbegriff in Anführungszeichen setzen (also zum Beispiel eintippen: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“), erzwingt man eine exakte Suche – das heißt, die gelisteten Treffer beinhalten alle exakt dieselbe Formulierung. Man kann nach Ergebnissen suchen, die auf einer bestimmten Webseite erschienen sind. Wollen Sie zum Beispiel nur Infos von der Webseite des österreichischen Parlaments, können Sie zusätzlich zum Suchbegriff „site:parlament.gv.at“ eintippen. Auch das Kombinieren solcher Operatoren ist möglich: Wenn Sie „–site:parlament.gv.at“ eintippen, wird Google alle Treffer ausblenden, die von der Parlamentswebseite stammen. Wenn einem Google zu viele Ergebnisse von der Parlamentswebseite und zu wenig andere Quellen einblendet, kann das nützlich sein.
