Praxis Krisenintervention -  - E-Book

Praxis Krisenintervention E-Book

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Beschreibung

Praxis Krisenintervention, diese Kurzformel bringt das Anliegen der dritten Auflage auf den Punkt: Die 24 Autor*innen kommen aus der Praxis und schreiben für die Menschen in der Praxis. Alle verfügen über langjährige Erfahrungen in ihren Fachgebieten, die sie als fundierte Konzepte der Krisenbehandlung den Leser*innen vermitteln. Fallbeispiele veranschaulichen das Vorgehen und machen die Lektüre anregend. Den vielfältigen Einsatzorten angepasst, ist das Spektrum der angesprochenen Berufsgruppen breit aufgefächert. Psychiater*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Pflegekräfte in der psychosozialen Versorgung, und zugleich gesetzliche Betreuer*innen und Fachkräfte innerhalb der Feuerwehr, der Polizei und Rettungsdienste, die mit Krisen alltäglich oder gelegentlich zu tun haben, sind damit angesprochen. Ein unverzichtbares Referenzwerk stellt es besonders für Studierende dar, die sich damit rasch einen Überblick über alle Felder ihrer zukünftigen Berufswahl verschaffen können.

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Die Herausgeber*innen

Wolf Ortiz-Müller

geb. 1961, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor (BDP), Weiterbildung in Gestalttherapie, systemischer Familientherapie, Verhaltens- und Schematherapie, Dozent und Seminarleiter bei Bildungsträgern und Fortbildungsinstituten. Lehraufträge an Hochschulen in Deutschland. In der Krisenintervention tätig von 1991–2009, beteiligt am Aufbau des Berliner Krisendienstes. Seit 2008 Leiter der Beratungsstelle Stop-Stalking (www.stop-stalking-berlin.de) Niedergelassener Psychotherapeut.

Dr. med. Stefan Gutwinski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Psychotherapeut für tiefenpsychologisch orentierter Psychotherapie. Zertifizierter Therapeut für Dialektisch-Behaviouraler Therapie (DBT) nach M. Linehan. Oberarzt der Tagesklinik und Institutsambulanz Wedding der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. Leiter der Arbeitsgruppe Psychotrope Substanzen an der Charité. Im Rahmen des wissenschaftlichen Werdeganges Max-Planck-Stipendium, Postdoc Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin und Postdoc Stipendium an der Berlin School of Mind and Brain. Forschungsinteressen: Wohnungsnot von Menschen mit seelischen Erkrankungen, epidemiologische Aspekte von Suchterkrankungen, Armut bei Menschen mit seelischen Erkrankungen.

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner

geb. 1966, Studium der Sozialen Arbeit, Promotion in Klinischer Psychologie, Habilitation in den Erziehungswissenschaften, langjährig in der Praxis der Sozialarbeit und Psychotherapie tätig. Seit 2005 als Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit mit den Lehr- und Forschungschwerpunkten psychosoziale Diagnostik, Psychotherapie und Beratung, Bindungs- und Beziehungsgestaltung, qualitative Forschungsmethoden und Psychotraumatologie, zunächst an der Evangelischen Hochschule Ludwigshafen, danach an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Ortiz-Müller/Gutwinski/Gahleitner (Hrsg.)

Praxis Krisenintervention

Handbuch für helfende Berufe: Psychologen, Ärzte, Sozialpädagogen, Pflege- und Rettungskräfte

3., überarbeitete Auflage

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Pharmakologische Daten, d. h. u. a. Angaben von Medikamenten, ihren Dosierungen und Applikationen, verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autoren haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, können Verlag und Autoren hierfür jedoch keine Gewähr und Haftung übernehmen. Jeder Benutzer ist daher dringend angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

3., überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035577-4

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-035578-1

epub:     ISBN 978-3-17-035579-8

mobi:     ISBN 978-3-17-035580-4

Autor*innenverzeichnis

 

 

 

Dr. med. Volkmar Aderhold

geb. 1954, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin, Lehrender für Systemische Therapie und Beratung (DGSF)

arbeitet seit 1982 in der Psychiatrie. 10 Jahre Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf

Bis zur Berentung Mitarbeiter des Instituts für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald. Aktuell Gastwissenschaftler der Charité

Aktuell freiberuflich: Qualifizierungsmaßnahmen zum »Offenen Dialog«, Vorträge Veröffentlichungen und Beratung von psychiatrischen Organisationen bei der Strukturentwicklung. Mitherausgeber des Buches »Psychotherapie der Psychosen – Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien«. Weitere Publikationen zu: Minimale und kooperative Neuroleptikatherapie der Psychosen, Mortalität durch Neuroleptika, Frontale Hirnatrophie durch Neuroleptika, Behandlungskonferenz, Diagnosen als soziale Konstrukte, Epigenetik der Psychosen, Trauma und Psychose, Menschenrechte in der Psychiatrie, Soteria, Bedürfnisangepaßte Behandlung und Offener Dialog, Unterstützte Entscheidungsfindung im Offenen Dialog

E-Mail: [email protected]

Prof. Dr. Burkhart Brückner

geb. 1962, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Professor für Sozialpsychologie inkl. Psychosoziale Prävention und Gesundheitsförderung, Hochschule Niederrhein. Seit 1992 Kriseninterventionsarbeit, ab 1999 Mitarbeiter des Berliner Krisendienstes, dort bis 2006 Aufbau und Begleitforschung des Projektes Zukunft im Alter. Veröffentlichungen u. a. »Geschichte der Psychiatrie« (2. Aufl., 2014), »Psychologie für die Soziale Arbeit« (2. Aufl., 2019, Mithrsg.), »Die abklingende Psychose. Verständigung finden, Genesung begleiten« (2017, mit J.E. Schlimme). Arbeitsgebiete in Forschung und Lehre: Klinische Sozialpsychologie, Beratungspsychologie, Geschichte der Psychiatrie.

E-Mail: [email protected]

Dr. phil. Wolfram Dorrmann

geb. 1954, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor für verhaltenstherapeutisch fundierte Psychotherapie, Lehrbeauftragter für Hypnose an der Universität Eichstätt, Mitglied im Leitungsgremium und Gründungsmitglied des Instituts für Verhaltenstherapie, Verhaltensmedizin und Sexuologie (IVS). Leiter der MEG-Regionalstelle-Nürnberg/Fürth der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose, 1982–1996 Wiss. Mitarbeiter bzw. Lehrbeauftragter im Studienschwerpunkt Klinische Psychologie und Verhaltensmodifikation an der Universität Bamberg. Veröffentlichungen u. a. zu Suizidprophylaxe, Depressionsforschung, Psychotherapieausbildung. Arbeitsschwerpunkte: Menschen in Krisen, Traumatherapie u. Sexualtherapie.

E-Mail: [email protected]

Carlos Escalera

geb. 1963, Dipl. Päd. (Universität Madrid). Mitarbeiter der Evangelischen Stiftung Alsterdorf im Beratungszentrum Alsterdorf mit dem Arbeitsschwerpunkt: Begleitung bei der Krisenbewältigung und Krisenintervention im Zusammenhang mit Angst, Aggressivität, Gewalt und geistiger Behinderung, Referententätigkeit.

E-Mail: [email protected]

Ilse Eichenbrenner

geb. 1950 in Waiblingen. Mitglied in der Redaktion der Zeitschrift »Soziale Psychiatrie«. Bis 2014 als Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst Charlottenburg; von 1990–1999 Koordination des Psychiatrischen Notdienstes Charlottenburg-Wilmersdorf (Träger: Platane 19 e. V.). Tätigkeit als Lehrbeauftragte und Autorin.

E-Mail: [email protected]

Dr. med. Dipl.-Psych. Detlev E. Gagel

geb. 1956, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Psychologischer Psychotherapeut. Seit 1999 im Sozialpsychiatrischen Dienst tätig, seit 2004 Leitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes und stellvertretender Amtsarzt in Berlin Pankow. Gründungsmitglied des Bundesnetzwerks Sozialpsychiatrischer Dienste, dabei Ansprechpartner der regionalen Netzwerkes Ost. Gründungsmitglied des Weiterbildungsinstituts für Psychosomatische Frauenheilkunde Berlin. Auszeichnung mit dem Gläsernen Globus für eine wissenschaftliche Videoproduktion. Freiberufliche Tätigkeit als Dozent, Gutachter, Supervisor und Therapeut, zahlreiche Publikationen und Vorträge.

E-Mail: [email protected]

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner

geb. 1966, Studium der Sozialen Arbeit, Promotion in Klinischer Psychologie, Habilitation in den Erziehungswissenschaften, langjährig in der Praxis der Sozialarbeit und Psychotherapie tätig. Seit 2005 als Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit mit den Lehr- und Forschungschwerpunkten psychosoziale Diagnostik, Psychotherapie und Beratung, Bindungs- und Beziehungsgestaltung, qualitative Forschungsmethoden und Psychotraumatologie, zunächst an der Evangelischen Hochschule Ludwigshafen, danach an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

E-Mail: [email protected]

Dr. med. Stefan Gutwinski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Psychotherapeut für tiefenpsychologisch orentierter Psychotherapie. Zertifizierter Therapeut für Dialektisch-Behaviouraler Therapie (DBT) nach M. Linehan. Oberarzt der Tagesklinik und Institutsambulanz Wedding der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. Leiter der Arbeitsgruppe Psychotrope Substanzen an der Charité. Im Rahmen des wissenschaftlichen Werdeganges Max-Planck-Stipendium, Postdoc Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin und Postdoc Stipendium an der Berlin School of Mind and Brain. Forschungsinteressen: Wohnungsnot von Menschen mit seelischen Erkrankungen, epidemiologische Aspekte von Suchterkrankungen, Armut bei Menschen mit seelischen Erkrankungen.

E-Mail: [email protected]

Dr. med. Jonathan Henssler

geb. 1986, Assistenzarzt für Psychiatrie und Psychotherapie und in Weiterbildung in psychoanalytischer und mentalisierungsbasierter Psychotherapie. Seit 2015 an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. 2013–2015 Notfallmedizin und Innere Medizin. Leitung der Spezialambulanz für das Absetzen von Antidepressiva und für ADHS im Erwachsenenalter. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie, Uniklinik Köln. Forschungsschwerpunkte: Meta-Analytik, Antidepressiva, transgenerationale Suizidalität, Mentalisierung.

E-Mail: [email protected]

Iris Hölling

M. A., Studium der Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg, Paris und Berlin. Systemische Organisationsberaterin und Mediatorin. Von 2002–2016 Geschäftsführerin bei Wildwasser e. V. in Berlin. Seit 2016 Jugendamtsleiterin in Berlin Treptow-Köpenick. Mitgründerin des Weglaufhauses, von 1996–2001 Mitarbeiterin im Weglaufhaus. Mitgründerin und bis 2009 Vorsitzende des World Network of Users and Survivors of Psychiatry (WNUSP). Seit 1994 aktiv im Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e. V.  Vorstandsmitglied der DGfPI e. V. Fortbildungs- und Vortragstätigkeit zu verschiedenen Themen.

E-Mail: [email protected] oder [email protected]

Prof. Dr. Heiner Keupp

Jahrgang 1943, Studium der Psychologie und Soziologie in Frankfurt am Main, Erlangen und München. Diplom, Promotion und Habilitation in Psychologie, 1978–2008 Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München. Vorsitz der Berichtskommission für den 13. Kinder- und Jugendbericht. Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Gastprofessuren an den Universitäten in Innsbruck und Bozen. Arbeitsinteressen beziehen sich auf soziale Netzwerke, gemeindenahe Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, individuelle und kollektive Identitäten in der Reflexiven Moderne und Bürgerschaftliches Engagement, systemische Bedingungen sexueller Gewalt in kirchlichen und pädagogischen Institutionen.

E-Mail: [email protected]; [email protected]

Anja Link

geb. 1972, Dipl.-Sozialpäd. (FH), neben Heiner Dehner und Christiane Tilly Mitinitiatorin des Borderline-Trialogs, Koordinatorin der daraus entstandenen Borderline-Trialog Kontakt- und Informationsstelle (www.borderlinetrialog.de), einem Projekt des Fördervereins Ambulante Krisenhilfe e. V. in Nürnberg. Arbeitsschwerpunkte: Verbreitung und Umsetzung des Trialog-Gedankens, Bündelung von Erfahrungs- und Fachwissen zur Borderline-Störung, Beratung, dialogische Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen.

E-Mail: [email protected]

Sigrid Meurer

geb. 1958, Dipl-Psych., Psychologische Psychotherapeutin. Tätig in der Beratungsstelle neuhland, Kriseneinrichtung mit Schwerpunkt suizidgefährdete Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und in eigener Praxis. Dozentin in unterschiedlichen Bereichen der psychotherapeutischen und pädagogischen Arbeit, Supervision.

E-Mail: [email protected]

Dr. med. Tomislav Majić

geb. 1975, Psychiater und Psychotherapeut für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Weiterbildung in Dialektisch-Behaviouraler Therapie (DBT) nach M. Linehan, sowie aktuell Weiterbildung für Übertragungsfokussierte Psychotherapie nach O. Kernberg. Oberarzt der Ambulanz und Tagesklinik für Doppeldiagnosen an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus Berlin. Ambulanz Psychoaktive Substanzen für Menschen mit psychischen Problemen nach Einnahme von psychoaktiven Substanzen. Herausgeber des Handbuchs Psychoaktive Substanzen.

E-Mail: [email protected]

Wolf Ortiz-Müller

geb. 1961, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor (BDP), Weiterbildung in Gestalttherapie, systemischer Familientherapie, Verhaltens- und Schematherapie, Dozent und Seminarleiter bei Bildungsträgern und Fortbildungsinstituten. Lehraufträge an Hochschulen in Deutschland. In der Krisenintervention tätig von 1991–2009, mit dem Trägerverein KUB e. V. beteiligt am Aufbau des Berliner Krisendienstes. Seit 2008 Leiter der Beratungsstelle Stop-Stalking (www.stop-stalking-berlin.de) Niedergelassener Psychotherapeut.

E-Mail: [email protected]

Mag. Bernhard Penz

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Schwerpunkt Verhaltenstherapie). Jahrelange Tätigkeit als Notfallpsychologe, Supervisor und Ausbildungsleiter im Bereich Krisenintervention. Leitender Psychologe der Streitkräfte im österreichischen Bundesheer bis 2018. In eigener Praxis tätig.

E-Mail: [email protected]

Prof. em. Dr. Reinhard Peukert

geb. 1945, em. Professor für Gemeinde- und Sozialpsychiatrie sowie Sozialmanagement an der Hochschule RheinMain (Wiesbaden), FB-Sozialwesen, dort zuletzt. Leitung des Masterstudienganges MAPS Gemeindepsychiatrie; Vorstandsmitglied der Aktion Psychisch Kranke e. V.; Mitinitiator des GeschwisterNetzwerkes.de; ca. 15 Jahre 1. Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Lebt z. Zt. häufig in der Türkei und bemüht sich dort um die Bildung einer Angehörigenbewegung.

E-Mail: [email protected]; [email protected]

Dr. Katharina Purtscher-Penz

Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, seit 2004 Ärztliche Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Graz. Psychotherapeutin, Traumatherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Zertif. DeGPT), Vorsitzende des Interdisziplinären Forums für Psychotherapie von Kindern, Jugendlichen und deren Familien (IFP); Mitbegründerin und fachliche Leitung des Kriseninterventionsteams (KIT) Land Steiermark von 1990–2003, seit 2004 Wissenschaftliche Leitung des Kriseninterventionsteams (KIT) Land Steiermark.

Eva Reichelt

geb. 1963, in eigener Praxis tätig als Psychoanalytikerin und Supervisorin; Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Interessenschwerpunkte: Interkulturalität in Psychoanalyse und Psychotherapie; Ethnopsychoanalyse; psychische Gesundheit und Menschenrechte für Geflüchtete und Migrant*innen; genderspezifische Aspekte in Psychoanalyse und Psychotherapie; psychisches Trauma; analytische Psychosentherapie.

E-Mail: [email protected]

Petra Risau

geb. 1971, Dipl.-Päd. und systemische Beraterin, Fortbildungsreferentin, Lehrbeauftrage und Mentorin für psychosoziale Online-Beratung sowie freie Mitarbeiterin beim Forschungsprojekt Kinderschutzportal e. V., Schwerpunkt: Prävention sexualisierter Gewalt (http://www.kinderschutzportal.de), Redaktionsmitglied www.e-beratungsjournal.net, Arbeitsschwerpunkte u. a.: Qualifizierung von Online-Berater*innen, Entwicklung und Konzeptionierung virtueller Beratungsangebote für den psycho-sozialen, gesundheitlichen und Bildungsberatungsbereich.

E-mail: [email protected]

Dr. Manuel Rupp

geb. 1945, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH in psychotherapeutischer Praxisgemeinschaft in Basel, Systemischer Therapeut, Supervisor, jahrelange Tätigkeit als Notfallpsychiater in aufsuchender Hilfe, Buchautor zu den Themen Notfall- und Krisenintervention sowie Gewaltprävention, Tätigkeit als Weiterbildner im ganzen deutschen Sprachraum.

E-Mail: [email protected]

Claudia Schmitt

Studium der Psychologie an der Freien Universität Berlin, Psychologische Psychotherapeutin (Schwerpunkt: Verhaltenstherapie). Zusatzqualifikationen in Integrativer Gestalttherapie, Dialektisch Behavioraler Therapie (DDBT) und spezieller Psychotraumatherapie (EMDR), seit über 15 Jahren tätig als Stationspsychologin der DBT-Sucht Station der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin und seit 2010 als ambulante Therapeutin mit Schwerpunkt DBT-Sucht- und Traumatherapie, Trainerin I im DDBT und an der AWP Berlin als Trainerin tätig, seit 2007 Dozentin am Institut für Fort- und Weiterbildung der Alexianer, Supervisorin.

E-Mail: [email protected]

Dr. med. Stefanie Schreiter

geb. 1987, Assistenzärztin in der Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie, arbeitet seit 2014 in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus sowie am Charité Campus Mitte, Leitung des Prävention- und Therapiezentrums für bipolare Störungen der Charité Campus Mitte. Interessenschwerpunkte: Psychischen Erkrankungen und Versorgung von marginalisierten Gruppen wie Geflüchteten und wohnungslosen Menschen, Ätiologie und Behandlung psychotischer Erkrankungen (insbesondere der Schizophrenie und bipolaren Störung).

E-Mail: [email protected]

Dr. phil. Christiane Tilly

geb. 1970, Erziehungswissenschaftlerin, Ergotherapeutin, Mitbegründerin des Borderline-Trialogs, Autorin verschiedener Bücher zum Thema Borderline-Persönlichkeitsstörung, Mitarbeiterin in einer allgemeinpsychiatrischen Klinik.

E-Mail: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

Autor*innenverzeichnis

Das Buch stellt sich vor

Danksagung

Wolf Ortiz-Müller, Silke Gahleitner und Stefan Gutwinski

Teil I:   Theorie – Krisenintervention verstehen

1   Die Normalität der Krise oder die Krise der Normalität. Krisenpotenziale im globalisierten Netzwerkkapitalismus

Heiner Keupp

1.1   Wächter der Normalität

1.2   Die Deutungshoheit des »medizinischen Modells« verliert an Bedeutung

1.3   Der integrative Brückenschlag von George L. Engel

1.4   Notwendigkeit einer Gesellschaftsdiagnostik

1.5   Krise der Normalität und Normalität der Krise

1.6   Was ist Krise – sozialpsychologisch betrachtet

1.7   Die gesellschaftliche Auflösung stabiler Koordinaten

1.8   Wie produktive Angstbewältigung aussehen könnte

1.9   Schlussgedanke

Literatur

2   Krisenintervention: Theorie, Handlungsmodell und praktisches Vorgehen

Wolf Ortiz-Müller

2.1   Krisentheorien

2.1.1   Die Krisenkonzepte der 1940er–1970er Jahre: Traumatische Lebensveränderungs- und Entwicklungskrise

2.1.2   Benachbarte Forschungs- und Praxisfelder

2.1.3   Erweiterungen der Krisenbeschreibungen

2.1.4   Kritische Lebensereignisse und Krisenauslöser

2.1.5   Zwischenergebnis: Keine allgemein akzeptierte Systematisierung von Krisen

2.2   Krisenbewältigung

2.3   Ein schlüssiges Handlungsmodell und die Praxis vor Ort

2.3.1   Das Handlungsmodell

2.3.2   Die Praxis vor Ort

2.4   Fazit und Ausblick

Literatur

3   »Ohne sie wäre ich sicher nicht mehr da« – zur Bedeutung von Bindung, Beziehung und Einbettung bei schweren und wiederholten Krisenerfahrungen

Silke Birgitta Gahleitner

3.1   (Krisen-)Verhältnisse in der zweiten Moderne

3.2   Zum Beispiel Maria: Eine Krisenintervention mit vielen Hindernissen

3.3   Erste Schritte in neues Vertrauen und Beziehungsnetzwerke

3.4   Sich auf Basis von Beziehung und Einbettung durch die Krise arbeiten

3.5   Zurückblicken, wieder in den Lebensalltag treten und weiter vorsorgen

3.6   Ausblick

Literatur

4   Was hilft den Krisenhelfer*innen? – Kurze Praxis der Notfall- und Krisenintervention

Manuel Rupp

4.1   Einführung: von der Improvisation zur Profession

4.2   Was sind Krisen und Notfälle – und wie entstehen sie?

4.3   Notfall- und Krisenintervention ist eine interdisziplinäre Aufgabe

4.4   Die drei Dimensionen der Notfallintervention

4.4.1   Sich schnell orientieren trotz unvollständiger Information (qualitative Dimension): das Konzept der Schlüsselsyndrome

4.4.2   Methodisch vorgehen je nach Schweregrad der Störung (quantitative Dimension)

4.4.3   Methodisch vorgehen je nach Stadium der Intervention (zeitliche Dimension)

4.5   Methodische Prinzipien der Notfallintervention

4.6   Fazit und Ausblick

Literatur

5   Konzept eines Trainingsseminars für Berater*innen und Psychotherapeut*innen zur Suizidprophylaxe

Wolfram Dorrmann

5.1   Voraussetzungen bei Therapeut*innen für die Arbeit mit Suizidalen

5.1.1   Bearbeitung eigener suizidaler Tendenzen

5.1.2   Ängste von Therapeut*innen

5.1.3   Therapeutisch günstige Grundeinstellungen zum Suizid

5.1.4   Sensibilität für Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse

5.2   Diagnostik der Suizidalität

5.3   Strategien und Techniken im Umgang mit Selbsttötungsabsichten

5.3.1   Ein Prozessmodell und allgemeine Hinweise zu Krisengesprächen

5.3.2   Rapport zu Patient*innen herstellen

5.3.3   Zeit gewinnen und Brücken bauen

5.3.4   Antisuizid-Verträge

5.3.5   Konfrontation mit rationalen Argumenten

5.3.6   Konfrontation durch Imagination

5.3.7   Arbeit mit Gefühlen

5.3.8   Stationäre Unterbringung

5.4   Übliche Fehler und riskante Interventionen

5.5   Rechtliche Aspekte

5.6   Literatur und Adressen

Literatur

Teil II:   Praxis – Mit den Nutzer*innen arbeiten

6   Freischwinger oder Wartebank? – Klient*innen zwischen Sozialpsychiatrischem Dienst und Krisendienst

Ilse Eichenbrenner und Detlev Gagel

6.1   Einführung

6.2   Das Arbeitsfeld

6.2.1   Der Sozialpsychiatrische Dienst

6.2.2   Klient*innen, Kund*innen, Nutzer*innen

6.2.3   Der Alltag im Amt

6.3   Die Zusammenarbeit der beiden Dienste: Freund*innen, Kolleg*innen, Kontrahent*innen?

6.3.1   »Bitte wenden Sie sich außerhalb dieser Zeiten an den Krisendienst!«

6.3.2   Die Vermittlung: »Ich habe Ihre Nummer vom Krisendienst«

6.4   Die Dynamik zwischen den Diensten: »It takes two to Tango«

6.5   In Zukunft: Allein machen sie dich ein

6.6   Fazit

Literatur

7   Wohnungslos und Wohnungsnot – Krisenhilfe aus sozialpsychiatrischer Perspektive

Stefanie Schreiter und Stefan Gutwinski

7.1   Einleitung

7.2   Definition – Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit?

7.3   Wie häufig ist Wohnungslosigkeit?

7.4   Wie häufig sind psychische Erkrankungen und wie verläuft damit der Weg in die Wohnungslosigkeit?

7.5   Besonders gefährdete Gruppen

7.6   Wohnungslos – was tun? Konkrete Hilfen im Versorgungssystem

7.6.1   Was tun, wenn jemand wohnungslos ist und auf der Straße lebt?

7.6.2   Drohender Wohnungsverlust – was tun?

7.6.3   Mietschulden verhindern

7.7   Allgemeine Handlungsorientierungen für die Hilfe wohnungsloser Menschen in Krisen

7.7.1   Aufsuchende Versorgung

7.7.2   Kollaboration und Kooperation – Vernetzung der Versorgungseinrichtungen für wohnungslose Menschen

7.7.3   Information

7.8   Schlusswort

Literatur

8   Eine Krise, die viele Krisen entstehen lässt – Krisenintervention und geistige Behinderung

Jonathan Henssler und Carlos Escalera

8.1   Einführung

8.2   Die geistige Behinderung und ihre Klassifizierung

8.2.1   Komorbidität

8.2.2   Übertragbarkeit des Krisenbegriffes auf Menschen mit geistiger Behinderung

8.3   Besonderheiten von geistiger Behinderung und Krisenbewältigung

8.3.1   Strategien der Konfliktbewältigung

8.3.2   Umgang mit der Zeit

8.4   Krisen der Klient*innen, Krisen der Helfer*innen

8.5   Dimensionen menschlicher Aggressivität

8.6   Mit Eskalationen umgehen – Beispiele

8.6.1   Beschleunigung der physiologischen Prozesse, der Emotionen, der Ereignisse

8.6.2   Radikalisierung der Schlussfolgerungen und der Beurteilungen

8.6.3   Einengung der Wahrnehmung

8.6.4   Polarisierung Gut/Böse

8.6.5   Erregung

8.7   Berührungsängste der Helfer*innen

8.8   Die Intervention in einer Akutsituation

8.9   Fazit und Ausblick: Fachliche und persönliche Anforderungen an die Helfer*innen

Literatur

9   »Fremde sind wir uns selbst« – Krisenintervention bei Migrant*innen und Geflüchteten

Eva M. Reichelt

9.1   Einführung

9.2   Hintergrund: »Die Migration als Trauma und Krise«

9.2.1   Migration und Sprache

9.2.2   Migration und Lebensalter

9.2.3   Zweite und dritte Generation von Migrant*innen

9.2.4   Migration und Geschlecht

9.2.5   Das Konzept der sequentiellen Traumatisierung

9.3   Migrant*innen und Geflüchtete in der Krisenberatung: Wie geht es den Beratenden?

9.4   Haltungen in der Krisenberatung mit Geflüchteten und Migrant*innen

Literatur

10 »Eigentlich will ich leben, aber so wie jetzt kann ich nicht mehr weiter« – Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen

Sigrid Meurer

10.1 Zur Einführung

10.2 Krisen bei Kindern und Jugendlichen

10.2.1 Krisen bei Kindern (bis zu einem Alter von ungefähr 12 Jahren)

10.2.2 Krisen bei Jugendlichen (Alter von ca. 12 Jahren bis zum jungen Erwachsenenalter)

10.2.3 Einige Risikofaktoren für die Entwicklung schwerwiegender Krisen im Kindes- und Jugendalter

10.3 Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen

10.3.1 Einige Signale und Alarmzeichen, die auf eine Suizidgefährdung hinweisen können

10.3.2 Was empfinden suizidale junge Menschen?

10.3.3 Umgang mit suizidgefährdeten Kindern und Jugendlichen

10.3.4 Weitere wichtige Punkte bei der Beratung suizidgefährdeter junger Menschen

10.4 Beispiele für Krisensituationen im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen im Krisen- und Rettungsdienst

10.4.1 Unterbringung eines Elternteils nach PsychKG

10.4.2 Einsätze nach Schadensereignissen

10.4.3 Überbringen von Todesnachrichten

10.5 Fazit: Wer bringt nun Licht ins Chaos?

Literatur

11 »Alter schützt vor Torheit nicht!« – Alterskrisen als Aufgabe der Krisenintervention

Burkhart Brückner

11.1 Einführung

11.2 Die Grundhaltung und das Basiswissen

11.2.1 Die verstehende Grundhaltung

11.2.2 Ältere Klient*innen im Krisendienst

11.2.3 Beziehungskonflikte im Alter

11.2.4 Altersdepressionen und Suizidalität

11.2.5 Altersverwirrtheit und Demenz

11.3 Über den Umgang mit verwirrten älteren Menschen

11.3.1 Fallbeispiel

11.3.2 Kommentar zum Fallbeispiel

11.3.3 Validation in der Krisenintervention

11.4 Die institutionelle Vernetzung und die Rolle der Helfenden

Literatur

12 Krisenintervention bei Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren

Tomislav Majić und Stefan Gutwinski

12.1 Einleitung

12.2 Welche Arten von Krisen können bei Menschen auftreten, die psychoaktive Substanzen konsumieren?

12.2.1 Akute Komplikationen in Abhängigkeit von den eingenommenen Substanzen

14.2.2 Entstehung von Sucht und Krisen bei Suchterkrankungen

12.3 Welche Besonderheiten haben psychische Krisen bei Konsument*innen von psychoaktiven Substanzen?

12.3.1 Konsumereignisse und Rückfälle als Indikatoren für Krisen bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen

12.4 Welche therapeutischen Haltungen sind im Umgang mit Krisen bei Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, hilfreich?

12.4.1 Das Modell »Stages of Change« von Prochaska & DiClemente

12.4.2 Das Konzept des Motivational Interviewing nach Miller und Rollnick

12.5 Wo finden Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, Hilfe in Krisen?

12.5.1 Harm reduction und psychedelische Krisenintervention

Literatur

13 Krisenintervention bei psychotischen Krisen – Was wir von den Skandinaviern lernen können

Volkmar Aderhold

13.1 Einleitung

13.2 Entwicklungsgeschichte

13.2.1 Therapieversammlung bzw. Netzwerktreffen

13.2.2 Therapeutische Prinzipien

13.2.3 Weitere Besonderheiten

13.3 Evaluation des bedürfnisangepassten Behandlungsansatzes und Dialogs

13.4 An einem Praxisbeispiel soll der Ansatz weiter verdeutlicht werden

13.5 Fazit und Ausblick

Literatur

14 Therapeutische Haltungen und unterstützende Interventionen für Menschen in Krisen, die unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung leiden

Claudia Schmitt und Stefan Gutwinski

14.1 Diagnosekriterien einer Borderline Persönlichkeitsstörung

14.2 Mögliche Ursachen für die Entwicklung einer Borderline Persönlichkeitsstörung

14.3 Hilfreiche therapeutische Haltungen

14.3.1 Therapeutische Grundannahmen in der DBT

14.3.2 Kernaspekte therapeutischen Handelns im Umgang mit Patient*innen mit BPS

14.4 Was bedeutet dies für Kriseninterventionen?

14.4.1 »Normale« Krise in Abgrenzung zu Krise mit akuter Lebensgefahr und Gefahr eines potentiell lebensbedrohlichen Verhaltens

14.4.2 Mögliche Strategien in der Krise

14.4.3 Aufbau von alternativen Fertigkeiten in der Krise

14.5 Was sonst noch hilfreich sein kann

14.6 Fazit und Ausblick

Literatur

15 Krisenintervention nach akuter Traumatisierung

Katharina Purtscher-Penz und Bernhard Penz

15.1 Klassifikation traumatischer Lebensereignisse

15.1.1 Unterscheidung nach Lebensereignissen

15.1.2 Unterscheidung nach der Verursachung

15.1.3 Unterscheidung nach traumatischen Situationsfaktoren

15.2 Reaktionen im zeitlichen Verlauf

15.3 Diagnostik

15.3.1 Akute Belastungsreaktion (F43.0), (Dilling & Freyberger, 2019)

15.3.2 Akute Belastungsreaktion bei Kindern und Jugendlichen

15.3.3 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) (F43.1), (Dilling & Freyberger, 2019)

15.4 Aufgaben und Ziele der Akutbetreuung

15.4.1 Interventionen in der Akutphase

15.4.2 Erstversorgung von traumatisierten Menschen

15.4.3 Besondere Hilfestellung für Kinder und Jugendliche in der Akutbetreuung

15.5 Rollenvielfalt und das Zusammenspiel verschiedener Ebenen der Krisenintervention

Literatur

16 Umgang mit gewalttätigen Patienten – Prinzipien der Deeskalation

Manuel Rupp

16.1 Gewalttätigkeit in psychiatrischen Institutionen

16.1.1 Was ist Gewalt, Aggression, Eskalation?

16.2 Die Dynamik der Gewalttätigkeit

16.3 Der Umgang mit den Risiken

16.3.1 Risiken erkennen

16.3.2 Risiken durch professionelle Deeskalation vermindern

16.3.3 Risiken durch Vorbeugung in der Institution vermindern – ein Beispiel

16.3.4 Risiken durch eine Kultur von Respekt, Anerkennung und Verbindlichkeit vermindern

16.4 Fazit und Ausblick

Literatur

17 Endlich traue ich mich – Chancen und Herausforderungen der Online-Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt

Petra Risau

17.1 Die Bedeutung der Online-Beratung für Betroffene von sexualisierter Gewalt

17.2 Besonderheiten, Chancen und Möglichkeiten der Online-Beratung für Betroffene von sexualisierter Gewalt

17.2.1 Erkenntnisse und Erfahrungen

17.2.2 Zu Beratungsverlauf und Ziel der Beratung

17.3 Ausblick

Literatur

Teil III:   Krisenintervention aus Sicht der Angehörigen und Krisenerfahrenen

18 Krisenintervention – (k)ein Angebot für Psychiatrie-Betroffene? – Krisenintervention aus antipsychiatrischer Sicht

Iris Hölling

18.1 Begriffsklärungen: Wer sind Psychiatrie-Betroffene?

18.2 Kritik am bestehenden (Berliner) Kriseninterventionssystem

18.3 Wünsche von Psychiatrie-Betroffenen an Kriseninterventionsangebote

18.3.1 Die Wahl haben

18.3.2 Zugangshürden abbauen

18.3.3 Anforderungen an Professionelle

18.4 Fazit

Literatur

19 Krisenintervention aus der Perspektive der »Vielmelder/Heavy User« eines Krisendienstes

Anja Link und Christiane Tilly

20 Leidenschaftlich gefordert, selten erreicht – Krisenhilfe aus Sicht der Angehörigen

Reinhard Peukert

20.1 Einführung

20.1.1 Die Situation der Angehörigen

20.1.2 Persönliche Vorbemerkung oder: vom Profi zum Angehörigen

20.2 Leben mit einem psychisch kranken Familienmitglied

20.2.1 Ein Prozess

20.2.2 Exkurs: Der Einrichtungstyp »Familie« ist gegenwärtig nicht nur das Größte, sondern auch das flexibelste Angebot der (Gemeinde-)Psychiatrie

20.2.3 Die Lebenssituation aller Familienmitglieder verändert sich positiv – aber die Ungleichzeitigkeit der psychiatrischen Reformprozesse bleibt

20.3 Krisendienste bieten unbeabsichtigte Lernchancen

20.3.1 Was Krisendienste leisten

20.3.2 Krisendienst oder Krisenhilfe-Funktion?

20.3.3 Die Grenze von Krisendienst und »klassischer« Krisenfunktion

20.4 »Der Familiengast« – die etwas andere Intervention in »sub-akuten Krisen«

20.5 Schlussbemerkung

Literatur

Stichwortverzeichnis

Das Buch stellt sich vor

Wolf Ortiz-Müller, Silke Gahleitner und Stefan Gutwinski

Wir freuen uns sehr, Ihnen die dritte Auflage des Handbuches »Praxis Krisenintervention« vorstellen zu können. Um den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Krisenintervention in besonderem Maße Rechnung zu tragen, haben wir neue Autor*innen gewonnen, deren Beiträge sich zu einer neuen Gesamtkonzeption zusammenfügen. Andere Artikel sind von Grund auf überarbeitet und aktualisiert worden; leider haben wir uns von einigen Beiträgen schweren Herzens verabschieden müssen. Eine ganz entscheidende Veränderung zur vorhergehenden Ausgabe besteht darin, dass wir Stefan Gutwinski als Co-Herausgeber in der Nachfolge von Ulrike Scheuermann, der wir weiterhin verbunden sind, gewinnen konnten. Er setzt in der vorliegenden Ausgabe vor dem Hintergrund seiner langjährigen Arbeit in der Psychiatrie neue Akzente und eröffnet damit einen noch leichteren Zugang zu einer großen Gruppe unserer bisherigen Leser*innen1, den Student*innen und Mitarbeiter*innen unterschiedlicher Fachrichtungen des psychiatrischen Feldes.

Praxis Krisenintervention, diese Kurzformel schien uns dennoch – auch für die dritte Auflage des vorliegenden Buches – am besten geeignet, unser Anliegen auf den Punkt zu bringen: Wir, die Herausgeber*innen und die Mehrzahl der Autor*innen kommen aus der Praxis und schreiben für die Menschen in der Praxis. Dementsprechend ist auch das Spektrum der Berufsgruppen, die wir mit diesem Buch ansprechen möchten, wieder ebenso breit aufgefächert wie in der letzten Ausgabe. Unter »helfenden« Berufen verstehen wir dabei nicht nur Ärzt*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Pflegekräfte in der psychosozialen Versorgung, sondern in ähnlicher Weise auch Betreuer*innen nach dem Betreuungsgesetz und Fachkräfte innerhalb der Feuerwehr, der Polizei und anderer Rettungsdienste, die mit Krisen alltäglich oder auch nur gelegentlich zu tun haben.

Nach den Grundsatzartikeln, die eine Einführung und einen Überblick geben möchten, behalten wir die Orientierung an den Praxisfeldern bei, da sie sowohl »Neulingen« als auch »alten Hasen« ermöglicht, die bisherigen Kenntnisse über Krisenintervention zu überprüfen und zu erweitern. Keiner kann in allen Bereichen der Krisenintervention gleichermaßen fit sein. Wenn dann im eigenen Arbeitsumfeld eine Krise umsichtiges Handeln verlangt, deren Umstände hier praxisnah beschrieben werden, so ist es der Anspruch des Handbuchs, damit eine erste Orientierung zu ermöglichen. Dieses Buch will, dass praktisch Tätige es »zur Hand nehmen«, dann »die Sache in die Hand nehmen«, vielleicht gelegentlich sogar Klient*innen »an die Hand nehmen« (sie aber auch rechtzeitig wieder loslassen!), und dass wir über dieses Arbeiten mit den Nutzer*innen nachlesen und reflektieren können.

Krisenintervention galt einst als exotisches Pflänzchen innerhalb der psychiatrischen Landschaft, für das einige Pionier*innen unter den Psychiater*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen eigene Räume erkämpft hatten: die Kriseninterventionsstationen innerhalb psychiatrischer Abteilungen oder auch ambulante Krisendienste in der Gemeindepsychiatrie. Heute ist Krisenintervention als Thema – und häufig genug bereits als eigenes Tätigkeitsfeld – in nahezu jeder Einrichtung präsent, die mit Menschen arbeitet, seien sie nun krank oder behindert oder »einfach nur« Menschen, die in einer Lebenskrise stecken. Ambulante Krisendienste in einem ausgebauten gemeindepsychiatrischen System gehören eigentlich längst zum fachlichen Standard, sind jedoch bis heute nicht flächendeckend tatsächlich auch eingerichtet. Um diesen Sachverhalt differenziert zu verstehen, müssen die Hintergründe der Krisenhilfe eingehender reflektiert werden.

I               Theorie – Krisenintervention verstehen

Im ersten Teil des Buchs Theorie – Krisenintervention verstehen suchen fünf Beiträge ganz unterschiedliche, gleichwohl aufeinander bezogene Zugänge zur Krise und Krisenintervention. Sie spannen einen Bogen von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen über Krisenmodelle hin zu strukturellen Notwendigkeiten für adäquate Krisenhilfe. Hilfe für Krisenhelfer*innen und die Weiterbildung in der Kernproblematik der Suizidalität runden diese Einführung ab.

Kapitel 1

Angesichts der weltweiten Krisenerscheinungen, die nicht nur wirtschaftliche und politische Umwälzungen nach sich ziehen, sondern auch tief in den sozialen Nahraum hineinwirken, erscheint der Einführungsartikel aktueller denn je. Heiner Keupp erläutert in seinem Beitrag Die Normalität der Krise oder die Krise der Normalität. Krisenpotenziale im globalisierten Netzwerkkapitalismus unter Referenz auf Gegenwartsanalysen der Soziologie die Allgegenwärtigkeit von Krisenerfahrungen. Für das Anliegen dieses Buchs spielen die Konsequenzen für insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen innerhalb dieses »spezifisch postmodernen Angstmilieus« eine wichtige Rolle.

Kapitel 2

Krisenintervention - Theorie, Handlungsmodell und praktisches Vorgehen nennt Wolf Ortiz-Müller seinen neu gestalteten und erweiterten Überblicksartikel, der die Entwicklungsgeschichte des Krisenverständnisses und der Krisenintervention nachzeichnet, ohne die die aktuellen Ausdifferenzierungen der Krisenbeschreibungen nicht verständlich wären. Er widmet sich den spannenden Diskussionen, was unter Krisenbewältigung zu verstehen ist und stellt ein Handlungsmodell in sechs Schritten vor, das die Interventionen im praktischen Vorgehen strukturieren kann.

Kapitel 3

Fragen und Themen, die Keupp in seinem sozialpsychologisch-gesellschaftlichen Beitrag aufwirft, finden im Beitrag von Silke Birgitta Gahleitner eine Entsprechung auf der Ebene des Individuums und seiner sozialen Einbindung als weitreichenden Unterstützungsfaktor im tagtäglichen krisenbedrohten Geschehen. Unter dem Titel »Ohne sie wäre ich sicher nicht mehr da«: zur Bedeutung von Bindung, Beziehung und Einbettung bei schweren und wiederholten Krisenerfahrungen führt sie in die Komplexität sozialer Einbettungsprozesse in der Behandlung schwerer und wiederholter Krisen ein. Dabei zeigt sich auch: Ohne ein Wissen um einerseits soziale und gesellschaftliche Prozesse und andererseits klinische Phänomene wie kumulative und komplexe Traumata sind manche Folgeerscheinungen und Bewältigungsstrategien, zu denen insbesondere auch Suizidalität und Selbstverletzung gehören, schwer verständlich und damit auch schwer behandelbar.

Kapitel 4

Der Beitrag von Manuel Rupp Was hilft den Krisenhelfer*innen? –Kurze Praxis der Notfall-und Krisenintervention beschreibt die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Notfall und Krise und stellt die jeweils spezifischen Vorgehensweisen, wenn die Helfenden im ambulanten Setting den Ort der Krise aufsuchen, anschaulich in prägnanten »Checklisten« dar.

Kapitel 5

Wolfram Dorrmanns Beitrag Konzept eines Trainingsseminars für Berater*innen und Psychotherapeut*innen zur Suizidprophylaxe schlägt gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Die Leser*innen lernen ein in seiner langjährigen Praxis bewährtes didaktisches Konzept der Weiterbildung zu diesem Thema kennen. Zweitens erhalten sie Anregungen für die Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen im Umgang mit suizidalen Menschen und sie lernen drittens praxisnah, wie auch bei starker Selbstgefährdung noch therapeutisch interveniert werden kann.

II              Praxis – Mit den Nutzer*innen arbeiten

Der zweite Teil des Buchs nimmt in 12 Kapiteln besondere Zielgruppen der Krisenintervention in den Fokus. Der Aufbau ermöglicht es den Leser*innen rasch die Spezifika einer Klientel oder eines Settings nachzuschlagen, um ihr Wissen zu vertiefen oder sich für eine Kontaktaufnahme mit vielleicht weniger vertrauten Krisensituationen zu präparieren.

Kapitel 6

Detlev Gagel und Ilse Eichenbrenner skizzieren in ihrem Beitrag Freischwinger oder Wartebank? – Klient*innen zwischen Sozialpsychiatrischem Dienst und Krisendienst die Verbindungen und Übergänge der Krisenintervention, die vom Sozialpsychiatrischen Dienst zum ambulanten Krisendienst bestehen. Hier wie dort wird Krisenintervention betrieben, der jeweilige Auftrag und Rahmen zeigen aber große Unterschiede – die Nutzer*innen auch?

Kapitel 7

Diesen Aspekt greifen Stefanie Schreiter und Stefan Gutwinski aus einer anderen Perspektive auf. Unter dem Titel Wohnungslos und Wohnungsnot – Krisenhilfe aus sozialpsychiatrischer Perspektive geben Sie Einblick in die Welt von Menschen, die aus vielen Netzen herausgefallen sind, die ihren »Ort« verloren haben und für die der Ortswechsel das Konstante ist: Wohnungslose in Krisen. Wie können wir verhindern, dass diese Menschen durch die Maschen des Hilfenetzes zwischen Suchthilfe, sozialpsychiatrischer Hilfe und Wohnungslosenhilfe fallen?

Kapitel 8

Komplexer Problemlagen spielen im Beitrag von Johannes Henssler und Carlos Escalera eine entscheidende Rolle. Eine Krise, die viele Krisen entstehen lässt – Krisenintervention und geistige Behinderung macht deutlich, wie stark die gegenseitige Beeinflussung von Helfer*innensystem und Klient*innen ist und wie sensibel demzufolge interveniert werden muss, um Eskalationen auf beiden Seiten zu vermeiden. Die Autor*innen geben Hinweise, wie Krisen bei Menschen mit geistiger Behinderung erkannt, verstanden und behandelt werden können. Woran erkennen wir, wann es sich bei den Krisenzuständen der geistig Behinderten im Kern um Krisen des Helfersystems handelt? Wie intervenieren wir, um latenter und manifester Gewaltausübung strukturell zu begegnen?

Kapitel 9

Eva Reichelt nennt ihren Beitrag. »Fremde sind wir uns selbst« – Krisenintervention bei Migrant*innen und Geflüchteten, und weist paradigmatisch auf die Unumgänglichkeit der Selbstreflexion der Helfer*innen hin, um das vermeintlich Fremde verstehen zu können. Menschen, die nach Deutschland eingewandert oder geflohen sind, stellen ebenso wie jene, die vielleicht schon in zweiter oder dritter Generation hier leben, besondere Anforderungen an unser Selbstverständnis als Helfer*innen. Wie können sprachliche, aber auch kulturspezifische Besonderheiten hinsichtlich Krankheit, Hilfestellung und Erwartungshaltung berücksichtigt werden?

Kapitel 10

Das Thema der Erreichbarkeit beschäftigt Sigrid Meurer im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. »Eigentlich will ich leben, aber so wie jetzt kann ich nicht mehr weiter« – Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen nennt sie ihren anschaulichen Beitrag, in dem deutlich wird, dass es besondere Angebote geben muss, um Jugendliche zu erreichen und um ihren Krisen gerecht zu werden. Ein großer Schwerpunkt liegt dabei auf der Suizidgefährdung.

Kapitel 11

Burkhard Brückner nähert sich in seinem Beitrag »Alter schützt vor Torheit nicht« – Alterskrisen als Aufgabe der Krisenintervention dem entgegengesetzten Ende der Lebensspanne: Die alten Menschen, die stärker noch als andere Altersgruppen als suizidgefährdet gelten müssen. Eingebunden in das System der Familien oder der Altenhilfe – oder aus beidem herausgefallen – stellt sich die Frage, welche Herangehensweisen sich empfehlen, die den Besonderheiten des Alters gerecht werden.

Kapitel 12

Tomislav Majic und Stefan Gutwinski legen in ihrem Kapitel Krisenintervention bei Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren die Hintergründe für das Entstehen von Substanzgebrauchsstörungen, sowie hilfreiche therapeutische Haltungen im Umgang mit diesen Menschen dar.

Kapitel 13

Unter dem Titel Krisenintervention bei psychotischen Krisen – Was wir von den Skandinaviern lernen können bringt Volkmar Aderhold die Ergebnisse seiner Forschungen und Erfahrung in den deutschen Psychiatrie- und Krisendiskurs ein. Psychosen als eine mögliche Ausprägungsform von Krisen bedürfen sowohl eines spezifischen Umgangs als auch eines außerstationären Settings, um frühzeitig und effektiv unter Einbeziehung des Betroffenen und seines familiären bzw. sozialen Umfelds bearbeitet zu werden und einer Chronifizierung entgegenzuwirken.

Kapitel 14

Claudia Schmitt und Stefan Gutwinski schildern in dem Kapitel Therapeutische Haltungen und unterstützende Interventionen für Menschen in Krisen, die unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung leiden ganz konkret mögliche Haltungen und Strategien im Umgang mit Menschen mit Borderline Störungen. Das Kapitel ist aus dem Klinikleitfaden der Psychiatrischen Universitätsklinik im St. Hedwig Krankenhaus entstanden, welcher über Jahre von Psycholog*innen, Pflegekräften, Ärzt*innen Sozialarbeiter*innen und anderen Mitarbeiter*innen entwickelt wurde.

Kapitel 15

Unter dem Titel Krisenintervention nach akuter Traumatisierung führen Katharina Purtscher-Penz und Bernhard Penz in die theoretischen Grundlagen und die Praxis der Akutintervention im Traumabereich ein. Sowohl für betroffene Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche stellen sie sowohl Basiswissen als auch praxisnahe Strategien vor, die helfen, Akutintervention sinnvoll und schonend zu gestalten und Menschen in dieser Situation wieder Hoffnung zu vermitteln.

Kapitel 16

Manuel Rupp widmet sich in seinem Beitrag dem Umgang mit gewalttätigen Patient*innen: Prinzipien der Deeskalation und stellt dabei die Komplexität Opferschaft – Täterschaft und den professionellen Umgang mit diesen hoch belastenden Dynamiken in den Vordergrund.

Kapitel 17

Ein Bereich, der sich extrem rasant weiterentwickelt hat, ist die Krisenberatung im Internet. Petra Risau hat hierfür ihren Beitrag Endlich traue ich mich – Chancen und Herausforderungen der Online-Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt komplett neu überarbeitet. Der Onlinebereich ist ein stark angewachsener Bereich, der die Hilfelandschaft radikal verändert hat und immer weiter verändern wird. Dies hat auch Rückwirkungen auf die Angebote des traditionellen »Face-to-Face-Kontakts«. Ein wichtiger Grund, diesen Entwicklungen nicht hinterherzulaufen, sondern die Relevanz für das eigene Institutionenprofil zu überprüfen.

III             Krisenintervention aus Sicht der Angehörigen und Krisenerfahrenen

Die ersten beiden Teile des Buchs sind jeweils aus der Sicht der professionellen Helfer*innen auf spezifische Zielgruppen geschrieben. Zwar reflektieren sich auch die Helfenden in ihren jeweiligen Rollen und sind darum bemüht, das Hilfesystem und die Angehörigen in ihr Denken und ihre Interventionen miteinzubeziehen, jedoch kommen die Betroffenen und Angehörigen nicht selbst zu Wort. Daher widmet sich der dritte Teil des Buchs Beiträgen, die die Perspektive umkehren und aus je eigener Betroffenheit einen Blick auf das Hilfesystem und die in ihm Tätigen werfen.

Kapitel 18

Iris Hölling setzt sich in ihrem Artikel Krisenintervention – (k)ein Angebot für Psychiatriebetroffene? – Krisenintervention aus antipsychiatrischer Sicht mit der Frage auseinander, was das Hilfesystem den Psychiatriebetroffenen zu bieten hat oder wo es eher mit seiner Gewaltförmigkeit Selbsthilfepotenziale untergräbt. Unter dem Stichwort »was stattdessen hilfreich wäre« formuliert sie Herausforderungen an professionelle Helfer*innen, die deren Berufsethos verändern könnten.

Kapitel 19

Anja Link und Christiane Tilly schildern, ebenfalls aus Betroffenensicht ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Hilfesystem in ihren suizidalen und mit Selbstverletzung verbundenen Krisen. Entstanden ist der für diese Auflage nochmal deutlich aktualisierte Beitrag Krisenintervention aus der Perspektive der »Vielmelder/Heavy User« eines Krisendienstes, der für Nutzer*innen, ihre Angehörigen sowie Helfer*innen gleichermaßen wertvolle wie praxisrelevante Einblicke in subjektives Krisenerleben gewährt.

Kapitel 20

In seinem Beitrag Leidenschaftlich gefordert – selten erreicht. Krisenintervention aus Sicht der Angehörigen vertritt Reinhard Peukert konsequent die Perspektive der Angehörigen, die sich häufig von den Krisen ihrer Kinder, Partner, Geschwister oder Eltern überfordert und vom Hilfesystem im Stich gelassen fühlen. Die zugrundeliegende Fragestellung ist: Wie sähe die Hilfe aus, die die Angehörigen selbst formulieren und in den Trialog von Angehörigen, Betroffenen und Profis mit einbringen? In jedem Falle würde sie sich mehrdimensionaler, nicht so punktuell und »lediglich notfallorientiert« gestalten.

Berlin, im Herbst 2020

Wolf Ortiz-Müller, Stefan Gutwinski und Silke Birgitta Gahleitner

1     Wir haben uns in der dritten Auflage für das »Gender*« entschieden, um der Diskussion Rechnung zu tragen, dass es mehr Identitäten gibt, als die binäre Geschlechterlogik (männlich/weiblich) zulässt. Die daraus für manche resultierende Irritation beim Lesen muten wir Ihnen in der Annahme zu, dass auch unsere Lese-und Denkgewohnheiten sich aktualisieren dürfen.

Danksagung

 

 

 

Wir danken all jenen Menschen, ohne deren Begleitung, Unterstützung und kritische Reflexion dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.

An erster Stelle möchten wir den »alten« und »neuen« Autor*innen für ihre ausgearbeiteten Beiträge danken. Den »Alten« danken wir für die Mühen der Durchsicht und Aktualisierung, die vielfach mit einer Rundum-Überarbeitung verbunden war. Den »Neuen« danken wir dafür, dass sie mit ihrer Expertise die bereits in sich schlüssige Erstauflage um weitere Facetten der Krisenintervention bereichern.

Auch die dritte Auflage entwickelte sich aus einem fruchtbaren Dialog zwischen Herausgeber*innen und Autor*innen, dessen Gegenstand die je einzelnen Beiträge sowie ihre Verknüpfung untereinander waren. Davon konnten und können, so glauben wir, beide Seiten, vor allem aber auch die Leser*innen profitieren.

Wir haben mit Freude festgestellt, dass das Buch sich nicht nur als Arbeitsmaterial für unsere eigenen Fortbildungen in Ausbildungsinstituten und bei freien Trägern eignet, sondern auch an vielen Hochschulen von Dozenten für ihre Seminare über Krisenintervention genutzt wird. Diesen möchten wir an dieser Stelle, ebenso wie den zahlreichen Rezensent*innen, die den Band positiv kritisch würdigten, danken. Wir hoffen, mit der vorliegenden dritten Aauflage eine ebenso anregende wie brauchbare Arbeitsgrundlage für die Weiterbildung vorlegen zu können.

Wir danken unseren Lektorinnen Annika Grupp und Manuela Pervanidis für ihre gute Betreuung und immerwährende Ansprechbarkeit über alle Phasen des Entstehungsprozesses.

Für die Unterstützung bei der Erstellung des Index und der Textdurchsicht danken wir Frau Klara Ronzheimer und Frau Sonja Radde.

Und nicht zuletzt danken wir unseren Familien und Freund*innen, die ein weiteres Mal unsere Launen aus- und uns den Rücken freihielten.

Herbst 2020

Wolf Ortiz-Müller, Silke Birgitta Gahleitner und Stefan Gutwinski

Teil I:   Theorie – Krisenintervention verstehen

1          Die Normalität der Krise oder die Krise der Normalität. Krisenpotenziale im globalisierten Netzwerkkapitalismus

Heiner Keupp

Eine Welt im Krisenmodus ist normal geworden. Unsere Vorstellungen von Krise gehen von einer dramatischen Veränderung der psychischen und/oder gesellschaftlichen Bedingungen aus, die eine normale alltägliche Lebensführung gewährleistet haben. Sie gehen meist aber auch davon aus, dass die Krise bewältigt und ein Zustand an Normalität wiedergewonnen werden kann. Dieses Modell scheint seit Längerem nicht mehr zu funktionieren. Ob es um nationale oder globale Krisen geht, sie nehmen kein Ende: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, populistische Massenbewegungen, Gewalt und Terror. Die Hoffnung, dass die politischen Institutionen die Lösungskompetenzen haben, solche Krisen dauerhaft zu bewältigen und eine Normalitätsordnung (wieder) sicherzustellen, ist bei vielen Menschen verloren gegangen. Wir erleben eine Welt in einem ausgeprägten Erschöpfungszustand.

Die Begriffe Normalität und Abweichung benennen ein Koordinatensystem, das im Alltag, aber auch in den entsprechenden professionellen Diskursen Grenzen für gesellschaftlich akzeptiertes Erleben und Verhalten zieht. Im Alltag sprechen wir problemlos davon, dass etwas »normal« sei. Jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen von »Normalität« und »Abweichung«, und innerhalb einer Kultur lässt sich in historischer Perspektive zeigen, dass sich Normalitätsvorstellungen wandeln. Solche Vorstellungen sind für die Ordnung eines sozialen Systems unverzichtbar, und sie sind für die Individuen in einer Gesellschaft hoch bedeutsam. Sie liefern Kriterien für die Zugehörigkeit zu einer sozialen Welt, aber auch für den Ausschluss (die Soziologie spricht von »Inklusion« oder »Exklusion«).

Differenzierte moderne Gesellschaften haben Professionen, Institutionen und Dienstleistungssektoren geschaffen, die die Grenze von Normalität und Abweichung »bewachen« und kontrollieren bzw. Menschen durch Beratung und Therapie auf den »Pfad der Normalität« bringen sollen. Psychiatrie, Psychotherapie, Sozial- und Sonderpädagogik oder Kriminologie haben genau dadurch ihr Mandat erhalten. Sie haben differenzierte Klassifikationssysteme geschaffen, die das Abweichungsfeld ordnen, und sie haben ein diagnostisches Handwerkszeug entwickelt, das eine möglichst zuverlässige Zuordnung von Anzeichen für eine Devianz zu der spezifischen Ordnungskategorie leisten soll.

1.1       Wächter der Normalität

Gibt es objektivierbare Kriterien für Normalität und Abweichung? Den Anspruch für solche Differenzkriterien hatte lange die Psychiatrie und in ihrem Gefolge auch die klinische Psychologie. Bis in die Gegenwart dieser Disziplinen wird deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit, aber auch mit welchen teilweise fatalen Konsequenzen dieser Anspruch vertreten wurde. Dass sich die Psycho-Expert*innen schon immer als aktive Produzent*innen und Wächter*innen von Normalitäten verstanden und dabei jeweils aus den dominanten Selbstverständnis- und Normalitätsbeständen ihrer Kultur, Klasse und Gesellschaftsformation geschöpft haben, wird in einem historischen Streifzug schnell deutlich.

Gesundheitsexpert*innen haben sich schon immer nicht nur auf das Kurieren von Krankheiten beschränkt, sondern sich auch Gedanken über Lebensformen und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheit gemacht. Sie haben sich häufig ihre eigenen Gesellschaftstheorien entworfen, innerhalb derer sie die speziellen gesellschaftsinterventionistischen Handlungsimperative für Ärzt*innen bestimmen konnten.

Hierbei hat es fatale Fehlbewertungen gegeben. Als Beispiel wäre Kurt Hildebrandt (1923) zu nennen, Psychiater und Mitglied des Stefan-George-Kreises, der in seinem Buch »Norm und Entartung des Menschen« ein Koordinatensystem bestimmt, bei dem Abweichungen als Entartung bezeichnet werden. Bei Emil Kraepelin und Ernst Rüdin ausgebildet, beteiligte er sich auch an der Psychiatrisierung von Akteur*innen der Räterepublik, denn Personen, die sich an einer Revolution beteiligen, können nur außerhalb der Normalität angesiedelt sein (Hildebrandt, 1920). Hildebrandt war auch ein früher Vertreter der Rassenpsychologie, die seinem Denken eine biologische Grundlage lieferte, und es überrascht keineswegs, dass er auch ein offensiver Vertreter der eugenischen Bewegung war. Ob er auch an Euthanasieprogrammen beteiligt war, ist nicht belegt.

Aber auf der Basis dieses eliminatorischen Koordinatensystems konnte sich im nationalsozialistischen Staat eine mörderische Selektionspraxis entwickeln, die in den Euthanasieprogrammen hunderttausende von Menschen das Leben gekostet hat. Hier wurde die diagnostizierte Abweichung von der Norm zu einem Todesurteil oder führte zu einer Zwangssterilisierung. 1935 hat z. B. Werner Villinger, ein Kinder- und Jugendpsychiater, in einem Vortrag Aussagen getroffen, die ihn als Euthanasiearzt prädestinierten:

»Mit Schaudern denken wir an die Jahre nach dem Krieg zurück […]. Fortschrittsglaube, Freihandel, Frauenemanzipation, Pazifismus, Koedukation, Gleichheit aller Menschen, Aufklärung, Nacktkultur, vor allem aber ›Freiheit‹, und diese wieder am uneingeschränktesten auf dem Gebiete der ›Liebe‹, – wir kennen alle diese Schlagwörter und Bestrebungen, die in jener Zeit die Köpfe […] verwirrten […]. Bis endlich der langersehnte Umschwung kam und mit ihm biologisch fundiertes Denken und Handeln beim Staat und von da aus auch bei unserem ganzen Volk seinen Einzug hielt.« (Villinger, 1935, S. 247)

Bemerkenswert ist, dass Villinger, der als Begründer der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie gilt, von 1934 – 1940 Direktor in Bethel war, von 1951 – 1953 Präsident der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater und 1955/56 auch noch Rektor der Universität Marburg. Er ist außerdem (Mit-)Begründer der Lebenshilfe. Aufgegeben hat er sein Fadenkreuz von Normalität und Abweichung nie. So ließ er noch 1950 keinen Zweifel daran, wer die Deutungshoheit über Normalität und Abweichung hat: »Die Unterscheidung zwischen ›normal‹ und ›abnorm‹ kann nur der Psychiater treffen« (Villinger, 1950, S. 55).

Diese Deutungsdominanz war bis in die 1960er Jahre der kaum infrage gestellte Mainstream der Psychopathologie. Aber mit der kritischen Debatte über die katastrophalen Zustände in der Anstaltspsychiatrie, der 1969 in Auftrag gegebenen Psychiatrie-Enquête und mit der allmählichen Aufarbeitung der Beteiligung führender Vertreter der Psychiatrie an den Euthanasieprogrammen erhielt auch eine kritische Debatte zur soziokulturellen Konstruktion von Normalität und Abweichung erheblichen Aufwind. Sie ist engstens mit der sozialpsychiatrischen Reformbewegung der 1960er und 1970er Jahre verknüpft. Das »medizinische Modell« wurde radikal dekonstruiert.

1.2       Die Deutungshoheit des »medizinischen Modells« verliert an Bedeutung

Der kulturrevolutionäre Zweifel, aus dem die Student*innenbewegung ihre kritische Potenz bezog, sah in dem vorherrschenden Krankheitsbegriff ein Disziplinierungsmittel, mit dem alle Widerstandsformen gegen die Eindimensionalität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung erstickt werden sollten. Zentral war die »Befreiung« aus dem paradigmatischen Gefängnis des »medizinischen Modells«. Es entstand eine bemerkenswerte Resonanz für die Debatten um Normalität und Abweichung und für »gute Gründe«, in einer »verrückten Gesellschaft« verrückt zu werden. Es gab einen Diskurs zur Überwindung (klein)bürgerlicher Normalitätsgehäuse, und die »Verrückten« wurden als Avantgarde idealisiert, die sich bereits auf eine »Reise« begeben hatten, auf der wir ihnen möglichst bald nachfolgen sollten.

Herbert Marcuse war für die Debatten der damaligen Zeit einer der wichtigsten Ideengeber. Wiederentdeckt wurde damals ein Vortrag von ihm (Marcuse, 1968), in dem er 1956 auf einem Kongress amerikanischer Psychiater*innen die Frage stellte, ob angesichts der Irrationalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die in Rüstung, Verkehr, Umweltzerstörung und Ausbeutung ein historisch einmaliges Destruktionspotenzial entfalten, die Anpassung daran als Pathologie der Normalität zu bezeichnen wäre und nicht das Verweigern der Anpassung als psychisch krank.

Nur eingebettet in diesen intensiven fachlichen und politischen Kampf um eine angemessene Sicht auf psychosoziales Leid wird verständlich, wie leidenschaftlich die Kontroverse um das »medizinische Modell« geführt wurde (Keupp, 1972, 1979).

Eröffnet wurde diese Kontroverse durch einen Aufsatz, den Thomas S. Szasz 1960 im »American Psychologist«, dem wichtigen Fachorgan der American Psychological Association (APA), dem American Psychologist, publizierte. Szasz, an der State University of New York psychoanalytisch ausgebildeter Psychiater, löste eine intensive Diskussion um das bislang vorherrschende Krankheitsmodell in der Psychopathologie aus. Seine Kritik hatte eine doppelte Zielrichtung: Einerseits bestritt er die Berechtigung, ein biomedizinisches Modell auf das menschliche Handeln zu übertragen. Das sei erkenntnistheoretisch nicht vertretbar, weil es das Handeln biologistisch verkürze. Außerdem sei es ethisch fragwürdig, weil es dem Subjekt die Handlungsfreiheit abspreche. Andererseits machte er das »medizinische Modell« verantwortlich für eine höchst fragwürdige gesellschaftliche Rolle der Psychiatrie, die die Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte und Widersprüche, die seiner Auffassung nach das Leiden der Menschen erzeugten, verhindere. Dadurch übernehme sie die Funktion eines »sozialen Tranquilizers«, der verhindere, dass Konflikte bearbeitet und ausgetragen würden. Insofern leiste sie einen fragwürdigen Beitrag, den gesellschaftlichen Status quo zu sichern.

Diese Doppelbotschaft, erkenntnistheoretisch und herrschaftskritisch zugleich, hat Szasz in den 1960er und 1970er Jahren eine große Resonanz verschafft, zumal er ein Buch nach dem anderen schrieb.1 Sie alle sollten seine ursprüngliche Kernkritik weiter ausformulieren:

1.  Anschlussfähig waren seine Argumente für die sich entwickelnde Klinische Psychologie und vor allem für die expansiv auftretende Verhaltenstherapie, die sich ein eigenständiges Fachprofil in klarer Absetzung vom »medizinischen Modell« erhoffte (exemplarisch sei das Lehrbuch von Ullman & Krasner, 1969, genannt). Wenn man sich von einer naturgeschichtlich gedachten Biogenese psychischen Leids mit guten Argumenten absetzen kann, haben psycho- und soziogenetische Zugänge eine große Durchsetzungschance.

2.  Einem Wissenschaftsverständnis, das auf ontologische Wahrheiten ausgerichtet war – und so wurden auch die Krankheitseinheiten der Psychopathologie verstanden –, wird von Szasz (1960) ein konstruktivistisches Wissenschaftsmodell entgegengesetzt. Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit war vor allem durch die Soziologie (Berger & Luckmann, 1966/1982) und die Philosophie (Searle, 1995/2011) zu einer wichtigen Analyseperspektive geworden, weil sie die Möglichkeit eröffnet hat, starre Welt- und Fachinterpretationen zu dekonstruieren und die Frage zu stellen, welche soziokulturellen Kontextbedingungen die Bedeutungen aufladen, die wir Subjekten und ihrer Welt zuschreiben. Und zugleich enthält diese Perspektive die Möglichkeit, alternative Bedeutungszuschreibungen zu entwickeln und für ihre Geltung zu kämpfen.

3.  Die Kritik am medizinischen Modell wurde auch durch Forschungsbefunde aus der transkulturellenPsychiatrie und der Ethnopsychoanalyse gestützt. In der deutschen Debatte war vor allem Erich Wulff (1969) von überragender Bedeutung, der als junger deutscher Psychiater nach Vietnam ging und dort die Erfahrung machte, dass die Kernsymptome etwa der Schizophrenie in Vietnam nicht genauso verstanden und eingeordnet wurden, wie er sie in seiner westdeutschen Sozialisation zu diagnostizieren gelernt hatte. Die europäische Sicht des Individuums, das eine klare und abgegrenzte Ichvorstellung unterstellt, führt dazu, Personen, die diese Vorstellung nicht entwickelt haben, als psychisch krank zu benennen. In Vietnam hingegen werden Menschen, die sich durch ihre Individualitätskonstruktionen aus dem kulturellen Kollektiv herauslösen, nicht als psychisch krank eingeordnet. Wulff (1969) konnte zeigen, wie stark die gesellschaftlichen Produktionsbedingungen die Vorstellungen von Normalität und Devianz bestimmen.

Einer herrschaftskritischen Sichtweise der Psychiatrie und auch der traditionellen Klinischen Psychologie hat der Text von Szasz (1960) insofern eine wichtige Steilvorlage geliefert, als er ein theoretisches Modell nicht nur als kognitiv-wissenschaftliche Figur kritisierte, sondern auch dessen gesellschaftlich-politischen Konsequenzen thematisierte. So war es möglich, die institutionellen Muster »totaler Institutionen« (Goffman, 1961/1972) und deren Folgen für psychiatrische Patient*innen zu identifizieren, die die klassische Psychopathologie umstandslos als integralen Bestandteil des Krankheitsverlaufes interpretierten. Die empirischen Studien zu den Hospitalisierungsschäden in psychiatrischen Krankenhäusern (vgl. Finzen, 1974) lieferten für diese Dekonstruktion genügend praktische Belege. Sehr prominent wurde in dieser Zeit die »Labeling-Perspektive«. Diese thematisiert und untersucht die jeweils für eine Gesellschaft typischen institutionellen Reaktionsmuster auf abweichendes Verhalten und wie diese den »Karriereverlauf« einer Devianz durch ihren spezifischen Prägestempel erheblich mitbestimmen (Keupp, 1976).

1.3       Der integrative Brückenschlag von George L. Engel

Die Diskussion um das »medizinische Modell« war jetzt an einem Punkt angelangt, wo sie noch einmal von George L. Engel, einem renommierten amerikanischen Psychiater und Psychosomatiker, resümiert werden konnte. In diesem Artikel wird die reduktionistische Tendenz des traditionellen Krankheitsbegriffs kritisiert und festgehalten, »das den wissenschaftlichen Aufgaben und der sozialen Verantwortung von Medizin« (Engel, 1977/1979, S. 64) nicht mehr gerecht werde. Ausgangspunkt seiner Argumentation war der Begriff Krankheit. Dieser lege »die Grenzen angemessenen professionellen Handelns« (Engel, 1977/1979, S. 64) fest und beeinflusse »die Einstellung zu und den Umgang mit den Patienten« (Engel, 1977/1979, S. 64). Seine Kritik zielt im Kern darauf, dass Krankheit im biomedizinischen Modell nur durch somatische Parameter definiert werde, was in der Konsequenz bedeute, dass bei seiner solchen professionellen Perspektive psychosoziale Probleme ausblendet oder als irrelevant beiseitegelassen würden. Engel (1977/1979) forderte deshalb, dass psychologische, soziale und kulturelle Faktoren besonders berücksichtigt werden sollten. Er erachtete die Lebensumstände als bedeutsame Variable, die den Krankheitsverlauf beeinflussten. Zudem betonte er, dass die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit bei Weitem nicht klar seien und es auch niemals sein könnten, denn sie würden durch kulturelle, soziale und psychologische Erwägungen verwischt. Schon begrifflich wird die Trias zentraler menschlicher Basisbedingungen genannt: Bios, Psyche und Soziales. Dieser Vorschlag entsprach auch den Kooperationsformen zwischen unterschiedlichen Professionen, die sich in der Sozial- und Gemeindepsychiatrie herausbildeten. In den ambulanten sozialpsychiatrischen Einrichtungen wurden Ärzt*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen zu multiprofessionellen Teams zusammengeführt. Hier ging es nicht mehr um Dominanzkultur eines spezifischen disziplinären Blicks. Vielmehr konnten sich über solides Kooperationswissen aller Beteiligten handlungspraktisch tragfähige gemeinsame Sichtweisen entwickeln. Aus einem dogmatischen »monotheistischen« Störungsverständnis war zunehmend eine tolerante »polytheistische« Perspektive entstanden (vgl. etwa das plurale Spektrum bei Jaeggi, Rohner & Wiedenmann, 1990; oder bei Franke, 2006). Dies lässt sich durchaus auch an der Entwicklung der internationalen Klassifikationssysteme wie ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. Revision: WHO,dt. Ausgabe hrsg. von Dilling et al.2015) oder DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Revision: American Psychiatric Association, 2018) ablesen. Sie konstruieren eine Zusammenschau unterschiedlicher Achsen, wobei nicht nur biologisch-neurologische Fakten, sondern auch entwicklungspsychologische und soziale Kontextbedingungen einbezogen werden. Die frühe Forderung nach mehrfaktoriellen Modellen schien damit erfüllt zu sein.

Hat Engel (1977/1979) mit seinem Vorschlag einen historischen Kompromiss ermöglicht? Auf dem Feld der theoretischen Fechtübungen mag das so gewesen sein. Die Paradigmakontroversen flauten ab, und es zeichneten sich deutlich handlungspragmatische Lösungen ab, in denen die »heiligen Kriege« um die Wahrheit nicht mehr so bedeutsam waren.

1.4       Notwendigkeit einer Gesellschaftsdiagnostik

Das renommierte naturwissenschaftliche Journal »Nature« ruft im ersten Januarheft 2010 eine »Dekade für psychiatrische Störungen« (Campbell, 2010) aus. Begründet wird diese Priorität damit, dass psychische Störungen wie Schizophrenie und Depressionen die vorherrschenden Störungen der Altersgruppe von 15 – 44 Jahre ausmachten. Hinzu kommt die wachsende Anzahl von ADHS-Diagnosen bei Kindern. Die Behandlung dieser Störungen machen etwa 40 % der medizinischen Kosten in den USA und Kanada aus. Die biologische Psychiatrie reklamiert für sich die zeitgemäßen Erklärungen und Therapien!

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) bezieht sich ausdrücklich auf diese Position von »Nature« (Campbell, 2010) und fordert 2010 ein »Deutsches Zentrum für Psychische Störungen«. Begründet wird diese Forderung damit, dass die psychischen Störungen eine Volkskrankheit seien, die sich in den modernen Gesellschaften sukzessiv ausweiteten. Die Zeit sei reif für eine wissenschaftliche Revolution! Was darunter genau zu verstehen ist, wird von wichtigen Vertretern der DGPPN so ausgeführt:

»Die rasche Entwicklung von Forschungsmethoden in der Genomik (parallele Erfassung einer Vielzahl von genetischen und funktionellen Varianten) und Bildgebung haben unser Wissen über psychische Krankheiten in relativ kurzer Zeit enorm bereichert. So wurden auch neue Methoden in die Psychiatrie übernommen, so z. B. die genetische Epidemiologie, die systemischen Neurowissenschaften, funktionelles Neuroimaging, Genomic Imaging oder Proteomik. Ein erheblicher Erkenntniszuwachs resultiert auch aus der Entwicklung von innovativen Tiermodellen. Ein weiterer zukünftiger Entwicklungsschritt ist von der Stammzelltechnologie zu erwarten, mit welcher zellbiologische Modelle für psychische Erkrankungen entwickelt werden könnten.« (Schneider, Falkai & Maier, 2012, S. 14)

Hat diese Programmatik noch etwas gemeinsam mit dem biopsychosozialen Modell von Engel? Wo ist der Bezug auf die psychische Situation, die sozialen Lebensbedingungen und auf ökologische Systemfaktoren? Bei aller Begeisterung für die Biosphäre der menschlichen Existenz, die durch die Neurowissenschaften und die Genforschung ausgelöst wurde, fragt man sich, ob denn auf dieser Grundlage etwa die Zunahme von Burn-out und Depressionen oder Zuwachsraten bei den ADHS-Diagnosen erklärt werden können. Und es stellt sich die Frage, ob angesichts eines offensiven Rebiologisierungsprozesses in der Psychiatrie und zunehmend auch in der Psychologie die von Engel (1977/1979) vorgeschlagene Balance zuungunsten der Sozialwissenschaften verloren geht und deshalb jetzt eine selbstbewusste sozialwissenschaftliche Initiative im Sinne einer expliziten »Gesellschaftsdiagnostik« (Keupp, 2013) und eine »Re-Sozialisierung« von Normalität und Abweichung notwendig sind.

Ein neuer Höhepunkt im revitalisierten Medikalisierungstrend ist mit dem DSM-5 erreicht, bei dem immer weiter in den Alltag eingreifenden Pathologisierungshaltung auch in der psychiatrischen Fachszene heftige Kritik ausgelöst hat. Exemplarisch dafür steht die Streitschrift von Allen Frances (2013), die unter dem Titel »Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnose« in deutscher Sprache erschien. Frances ist kein psychiatriekritischer Geist, sondern gehört zum fachlichen Establishment und war verantwortlicher Vorsitzender der Kommission, die das DSM-5 erarbeitet hatte. Der Autor reflektiert seine eigene frühere Rolle und zeigt auf, wie problematisch es ist, wenn neue Krankheitsbilder konstruiert werden, die vor allem der Pharmaindustrie neue Profitmöglichkeiten eröffnet. Beim DSM-5 sieht er vor allem die Gefahr, dass zum Alltag und zum menschlichen Leben gehörende Sorgen und Gefühlslagen zu psychischen Krankheiten umgedeutet werden (vgl. die kritischen Analysen von Greenberg, 2013; Burstow, 2015).

Der unverzichtbare Beitrag der Sozialwissenschaften lässt sich exemplarisch an der Auseinandersetzung aufzeigen, warum die Depression – bis hin zur Weltgesundheitsorganisation –als »Volkskrankheit Nr. 1« bezeichnet wird. Der Buchtitel von Alain Ehrenberg (1998/2004) »Das erschöpfte Selbst« ist zum nichtfachlichen Synonym für den Zustand der Depression geworden, aber nicht im Sinne einer vermeintlich kontextfreien psychopathologischen Diagnostik, sondern als Teil einer Gesellschaftsdiagnostik, die einen Zusammenhang zwischen subjektiven Erfahrungen und gesellschaftlichen Entwicklungen herstellt.

In der Geschichte der Diskurse über Normalität und Abweichung haben sich charakteristische Verschiebungen der Deutungsmächte vollzogen. Solange Abweichung von der Norm als Verletzung einer Ordnung angesehen wurde, die einem göttlichen Schöpfungsplan folgt, gab es eine religiöse Deutungsdominanz. Mit der Verwissenschaftlichung des Devianzfeldes wurden höchst unterschiedliche Erklärungsmodelle für Abweichungen von der Norm formuliert. Das »Pathologiemodell« unterstellte spezifische Krankheitsursachen und -einheiten und suchte seine Gewissheiten über naturwissenschaftliche Erklärungen zu gewinnen. Die psychogenetischen Modelle haben unterschiedliche biografische Entwicklungsverläufe oder Lerngeschichten entwickelt, um Normalitätsverfehlungen erklären zu können. Erweitert werden diese noch durch soziogenetische Konzepte, die Devianzentstehung aus den sozialen Lebensbedingungen heraus plausibel machen. Diese Modelle haben sich mit ihren jeweiligen Alleinvertretungsansprüchen heftig bekämpft. Inzwischen hat sich auf breiter Grundlage eine konstruktivistische Perspektive durchgesetzt, die allen Wahrheitsansprüchen den Boden entzieht und Devianzkategorien den Status pragmatisch sinnvoller Konstrukte zuordnet, die wiederum den zuständigen Professionen Kommunikations- und Handlungssicherheit geben sollen. Von Bedeutung ist nicht mehr die »Wahrheit« von Normalität und Abweichung, sondern das Interventionspotenzial: Welche therapeutischen, beraterischen oder korrektiven Maßnahmen können oder sollen eingeleitet werden, um den Störungswert eines Verhaltens oder Erlebens so zu verändern, dass sie den normativen Erwartungen innerhalb einer jeweiligen Kultur besser entsprechen?

Gibt es aber in pluralen Gesellschaften überhaupt noch einheitliche Normalitätsstandards, oder besagt nicht die Feststellung, dass wir uns in einer postmodernen Gesellschaft befinden, dass »anything goes«? Innerhalb einzelner Lebenswelten und Milieus gibt es meist sehr klare Vorstellungen für das, was als Normalität und Abweichung angesehen wird, und hier entsteht auch der Ausgrenzungsdruck auf Menschen, die den Erwartungen nicht entsprechen, oder der Leidensdruck bei Personen, die den Erwartungen nicht entsprechen können, obwohl sie genau dies wollen.

Wenn Normalität und Abweichung als soziale Konstruktionen rekonstruiert werden können, ist es auch möglich, sie zu »dekonstruieren«. Dekonstruktion kann als »konstruktive Zerstörung und Demystifikation« angesehen werden. In aller Regel sind diese dekonstruktiven Prozesse eingebunden in soziale Bewegungen, die die soziale Wahrnehmung und die gesellschaftliche Stellung spezifischer Gruppen verändern wollen (von der Frauen-, der Schwulen- und Lesbenbewegung bis zur Behindertenbewegung). Wenn sie erfolgreich sind wie im Falle der Schwulenbewegung, gelingt es, eine sexuelle Orientierung, die über Jahrzehnte als pathologische Abweichung galt, in das Diskursfeld der Normalität zu verschieben.

Es gibt gute Gründe, sich von der Polarität von Normalität und Abweichung zu verabschieden und mehr danach zu fragen, welche Ressourcen Menschen in spezifischen Lebenssituationen brauchen, um zu einer souveränen Lebensführung zu gelangen.

1.5       Krise der Normalität und Normalität der Krise

Auch wenn sich reflektierte Vertreter*innen der Psychiatrie aktuell dem Thema Normalität zuwenden und viele der schon benannten kritischen Diskurse aufnehmen (vgl. Finzen, 2018), würden sie der radikalen Relativierung von Normalitätsprinzipien, die von Steingart (2011) vorgenommen wird, kaum zustimmen:

»Wir selbst sind Gegenstand einer Transformation, die auf geheimnisvolle Weise in uns wirkt. Die Verrücktheit der Außenwelt spiegelt sich in uns wider. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagte einst Theodor Adorno. Heute müsste man hinzufügen: Es gibt kein normales Leben in Zeiten sich auflösender Normalität. […] Wir erleben in unserer Gegenwart nicht das Ende der einen und den Beginn einer anderen Normalität, sondern das Ende von Normalität.« (Steingart, 2011, S. 136)

Dieser Text gehört zu den unzähligen Stimmen, die traditionelle Regulationsprinzipien des Alltags und gesellschaftlicher Abläufe infrage stellen. Das erzeugt Verunsicherungen und Krisen allüberall, und es stellt sich die Frage, ob in unserem Bewusstsein etwas zur Regel wird, was eigentlich den Ausnahmefall oder die Abweichung von der Normalität bezeichnen sollte. Wenn man sich umhört, wo über Krise gesprochen und wie das getan wird, fährt man gerade in den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskursen unter dem Stichwort »Krise« eine reiche Ernte ein. Sich umhören heißt ja heute u. a., dass man seine Internet-Suchmaschinen anwirft.

1.6       Was ist Krise – sozialpsychologisch betrachtet

Margret Dross (2001) hat eine gut nachvollziehbare Definition von Krise vorgelegt und sagt, dass von einer Krise dann zu sprechen ist, wenn

•  »ein Zustand psychischer Belastung eingetreten ist, der sich deutlich von der Normalbefindlichkeit einschließlich ihrer Schwankungen abhebt, als kaum mehr erträglich empfunden wird und zu einer emotionalen Destabilisierung führt,

•  die widerfahrenen Ereignisse und Erlebnisse die bisherigen Lebensgewohnheiten und -umstände und die Ziele massiv infrage stellen oder unmöglich machen,

•  die veränderte Situation nach Lösungen verlangt, die aber mit den bisher verfügbaren oder selbstverständlichen Möglichkeiten der Problemlösung oder Anpassung nicht bewältigt werden können.« (Dross, 2011. S. 10)

In dieser Begriffsbestimmung wird betont, dass eine Krise dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen aus der Normalität ihrer gewohnten und verlässlichen alltäglichen Selbstverständlichkeiten herausfallen. In diesen Selbstverständlichkeiten bündelt sich unser jeweils erreichtes Balancierungsverhältnis von inneren Welten mit dem, was wir als Realität erleben. In unserer alltäglichen Identitätsarbeit arbeiten wir an dieser Integration oder Passung (vgl. Keupp et al., 1999/2013).

Mit dem Verweis auf ein klassisches sozialwissenschaftliches Experiment möchte ich noch einmal die Bedeutung alltäglicher Routinen und Selbstverständlichkeiten für das herausarbeiten, was wir als »Normalität« bezeichnen könnten. Der nordamerikanische Ethnomethodologe Harold Garfinkel (1967) hat in seinem »Krisenexperiment« auf elegant-einfache und zugleich dramatische Weise gezeigt, wie Krisen auftreten, wenn uns die Basisselbstverständlichkeiten genommen werden. Er schickte seine Student*innen mit dem Auftrag ins Wochenende, sich zu Hause konsequent wie Gäste zu verhalten. Wenn Töchter oder Söhne diese Anweisung konsequent durchhielten, erzeugten sie Krisen in ihren Familien. Diese waren teilweise so heftig, dass besorgte Eltern die psychiatrische Krisenintervention eingeschaltet haben. Wenn eingespielte Regeln und Normen alltäglicher Lebensführung infrage gestellt oder außer Kraft gesetzt werden, beginnt der Boden unter uns zu schwanken. Krisen können durch akute lebensverändernde Ereignisse ausgelöst werden, die für einzelne Personen oder Mikrosysteme die Alltagsnormalitäten gefährden können. Es gibt aber auch Krisen der Normalität selber, wenn sich die Grundlagen eines soziokulturellen Systems so verändern, dass bislang tragfähige Schnittmuster der Lebensgestaltung ihre Tauglichkeit verlieren. In einer solchen »Normalitätskrise« befinden wir uns gegenwärtig, und genau dieses Stichwort soll meine weiteren Überlegungen bestimmen, auf die ich mit der folgenden These vorbereiten möchte: