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Die aktualisierte und erweiterte Auflage des Praxisbuches informiert über die Möglichkeiten der Befunderhebung mithilfe des AMDP-Systems und die unterschiedlichen Einsatzbereiche in Forschung und Praxis. Der Band stellt zunächst die Grundlagen des AMDP-Systems für die klinische Anwendung vor. Dabei wird u.a. auf die methodischen Grundlagen, speziell die verschiedenen Möglichkeiten der Befunderhebung auf der Symptom-, Syndrom- und Diagnoseebene, eingegangen. Zudem werden häufige Probleme bei der Anwendung des Systems erörtert. In der Neuauflage wurde ein Abschnitt zu speziellen Patientengruppen ergänzt. Diskutiert wird hier u.a. der Einsatz des AMDP-Systems in der Psychosomatik und Gerontopsychiatrie, bei Menschen mit einer Intelligenzminderung sowie bei Personen mit Migrationshintergrund. Ein Abschnitt zu speziellen Anwendungsbereichen fokussiert auf die verschiedenen Einsatzbereiche des Systems in Forschung und Praxis, z.B. bei der Begutachtung, in der Psychotherapie oder zur Therapieevaluation. Im Abschnitt zur Aus-, Fort- und Weiterbildung geht es um die Möglichkeiten des Trainings und der Wissensvermittlung mithilfe des AMDP-Systems in unterschiedlichen klinischen Kontexten (u.a. in der Pflegeausbildung). Schließlich wird anhand von ausgewählten Störungsgruppen, z.B. Schizophrenie, Depression, Manie, PTBS, Essstörungen, ADHS, exemplarisch dargestellt, wie ausgehend von der Befunderhebung mit dem AMDP-System ein psychopathologischer Befund formuliert werden kann. Der Praxisbuch ist auch Bestandteil des AMDP-Buchsets (ISBN 978-3-8017-3193-9).
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Rolf-Dieter Stieglitz
Achim Haug
Bernhard Kis
Silke Kleinschmidt
Andreas Thiel
(Hrsg.)
Praxisbuch AMDP
Psychopathologische Befunderhebung − Grundlagen und Anwendungsbeispiele
2., aktualisierte und erweiterte Auflage
Prof. Dr. rer. nat. Rolf-Dieter Stieglitz, geb. 1952. Bis zur Emeritierung Leitender Psychologe an der Universitären Psychiatrischen Klinik (UPK) Basel sowie Professor für Klinische Psychologie und Psychiatrie an der Universität Basel.
Prof. Dr. med. Achim Haug, geb. 1953. Bis zur Emeritierung Ärztlicher Direktor der Clienia-Gruppe und Ordinarius für Psychiatrie an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich.
PD Dr. med. Bernhard Kis, geb. 1972. Seit 2019 Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St. Elisabeth-Krankenhaus Niederwenigern.
Dr. med. Silke Kleinschmidt, geb. 1963. Seit 2019 Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Karl-Jaspers-Klinik in Westerstede.
Prof. Dr. med. Andreas Thiel, geb. 1959. Seit 1998 Chefarzt im Zentrum für Psychosoziale Medizin im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg (Wümme).
Zu diesem Praxisbuch ist außerdem das AMDP-Manual lieferbar: AMDP (Hrsg.). (2023). Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (11., vollst. überarb. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
Zu diesem Praxisbuch ist außerdem der AMDP-Leitfaden lieferbar: Fähndrich, E. & Stieglitz, R.-D. (2023). Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. Halbstrukturiertes Interview anhand des AMDP-Systems (6., überarb. Aufl.) Göttingen: Hogrefe.
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Satz: Franziska Stolz, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
Format: EPUB
2., aktualisierte und erweiterte Auflage 2023
© 2018 und 2023 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-3160-4; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-3160-5)
ISBN 978-3-8017-3160-1
https://doi.org/10.1026/03160-000
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Das AMDP-System (AMDP) kann auf eine über 50-jährige Geschichte zurückblicken. Während es zunächst vor allem für die Forschung konzipiert wurde, steht heute die klinische Anwendung im Vordergrund. Ausgangspunkt der Entwicklung Mitte der 1960er Jahre waren Defizite im Bereich psychometrischer Verfahren, die die Effekte der neu entdeckten Psychopharmaka erfassen sollten. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde es umfassend in Studien eingesetzt, jedoch bis zum heutigen Tag auch in einer Vielzahl von Arbeiten zu unterschiedlichen Fragestellungen in der Psychiatrie. Durch die große Anzahl von Studien konnte 1979 eine Revision vorgenommen werden, u. a. mit dem Ergebnis der Reduzierung des Symptompools auf 100 psychische und 40 somatische Symptome, die bis heute den Kernbestand darstellen. 1985 wurde erstmals eine einheitliche Darstellung aller Symptome publiziert (Definition, Erläuterungen und Beispiele, Hinweise zur Graduierung und anzugrenzende Begriffe). 2016 wurden sowohl für den Psychischen als auch Somatischen Befund fakultativ zu verwendende Symptome ergänzt.
Schnell gewann das anfänglich noch als AMP bezeichnete System auch in der Lehre, der psychiatrischen Weiterbildung und insbesondere der klinischen Praxis an Bedeutung, weil erstmalig für den deutschsprachigen Bereich ein Glossar definierter psychopathologischer Begriffe vorgelegt wurde. Parallel dazu wurden kontinuierlich mehr Trainingsseminare durch AMDP angeboten und das AMDP-System in einer Reihe von Kliniken als Basisdokumentationsinstrument eingesetzt. Neben dem AMDP-Manual ist der Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes für den Anwender fest etabliert. Aus der klinischen Anwendung des AMDP-Systems ergeben sich immer wieder praktische Fragen, die alleine durch das Manual oder den Leitfaden nicht immer zu beantworten sind und uns motivierten, ein Praxisbuch zu erstellen. Das Ziel des Buches ist des|6|halb, zu solchen Fragen Antworten und Hilfestellungen zu liefern. Es wurde versucht, alle für die Anwendung des Systems relevanten Aspekte abzuhandeln.
Aus Gründen der besseren Übersicht und zur leichteren Orientierung für den Leser wurden vier Themenbereiche gebildet:
Im Teil I „Grundlagen für die klinische Anwendung“ werden die wichtigsten Bereiche angesprochen, die Basisaspekte der praktischen Anwendung betreffen.
Im Teil II „Spezielle Patientengruppen“ werden die Möglichkeiten des Einsatzes von AMDP unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Bereichen diskutiert.
Im Teil III „Spezielle Anwendungsbereiche“ werden die vielfältigen weiteren Möglichkeiten des Einsatzes in Praxis und Forschung aufgezeigt.
Im Teil IV „AMDP in Aus-, Fort- und Weiterbildung“ werden Hinweise zur Vermittlung psychopathologischen Wissens mit dem AMDP-System sowie Anregungen zur Implementierung des Systems in unterschiedlichen klinischen Bereichen gegeben.
Teil V „Fallbeispiele“ sind das Kernstück dieses Buches. Speziell in den Seminaren werden immer wieder Fragen nach der Nutzung der erhobenen Befunde für den psychopathologischen Befund gestellt. An ausgewählten Störungen aus unterschiedlichen Bereichen der ICD-10 werden Vorschläge für die Formulierung des psychopathologischen Befundes gemacht.
Da einige abgehandelte Themenbereiche nicht unabhängig voneinander darstellbar sind, ergeben sich gelegentlich Redundanzen. Diese wurden in Kauf genommen, damit jedes Kapitel für sich lesbar ist, ohne in anderen Kapiteln nachschlagen zu müssen.
Das Buch wendet sich sowohl an Anfänger1 als auch an Fortgeschrittene. Für den Anfänger liefert es Informationen alle |7|Anwendungsaspekte betreffend und sollte ergänzend zum Manual herangezogen werden. Speziell sind hier die Kapitel des Teils I und des Teils V nützlich. Fortgeschrittene können gezielt durch die Wahl des jeweiligen Kapitels die gerade benötigten Informationen einholen.
Die hohe Akzeptanz durch die Nutzer ermutigte uns, bereits nach wenigen Jahren eine 2. Auflage herauszugeben. Neben der Aktualisierung der Kapitel der 1. Auflage ergeben sich folgende Neuerungen:
Es wurden sechs neue Kapitel aufgenommen, die weitere Anwendungsbereiche des AMDP-Systems aufzeigen (Psychotherapie, Psychosomatik, Kinder und Jugendliche, Alterspsychiatrie, Minderbegabte, Migranten).
Dies machte eine Neustrukturierung der Kapitel in jetzt fünf Bereiche notwendig (siehe oben).
Es wurden zudem zwei neue Anhänge aufgenommen (ICF, Kodierung der Fallgeschichten nach ICD-11).
Wir hoffen, auch mit dieser Neuauflage den verschiedenen Bedürfnissen der Anwender bei der Arbeit mit dem AMDP-System gerecht zu werden und eine Hilfe für die klinische Praxis zu geben.
Nach dem Erscheinen der 1. Auflage des Bandes „Praxisbuch AMDP“ ist unser enger Freund und langjähriger AMDP-Vorsitzender Prof. Dr. med. Harald J. Freyberger 2018 ganz plötzlich und unerwartet verstorben. Bei der 1. Auflage des Bandes hat er noch aktiv an einigen Beträgen mitgearbeitet und wir haben uns entschieden, diese auch in die 2. Auflage aufzunehmen.
Basel, Zürich, Niederwenigern,
Rolf-Dieter Stieglitz,
Westerstede und Rotenburg,
Achim Haug,
Sommer 2022
Bernhard Kis,
Silke Kleinschmidt und
Andreas Thiel
Zugunsten einer besseren Lesbarkeit verwenden wir im Text in der Regel das generische Maskulinum. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen alle Geschlechter (m/w/d). Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung. Wenn möglich, wurde eine geschlechtsneutrale Formulierung gewählt.
Vorwort der Herausgeber: Das AMDP-System in der klinischen Anwendung
Teil I: Grundlagen für die klinische Anwendung
1 Grundlagen für die praktische Anwendung von AMDP
1.1 Aufbau des AMDP-Systems
1.2 Indikation und Anwendungsbereiche
1.3 Grundkenntnisse für die praktische Anwendung
1.4 Schlussbemerkungen
2 Vom Patientengespräch zum Ausfüllen des Dokumentationsbogens
2.1 Informationsquellen für das Ausfüllen des AMDP-Dokumentationsbogens
2.2 Man sieht nur, was man weiß
2.3 Übersetzung von Prosa in Fachbegriffe
2.4 Nachteile und Vorteile der Befundbeschreibung in Fachbegriffen
2.5 Nutzen der AMDP-Seminare für den Übersetzungsprozess
2.6 Schlussbemerkungen
3 Vom Symptom zum psychopathologischen Befund
3.1 Aufgabe und Zielsetzung
3.2 Beurteilungszeitraum – Zur Abgrenzung von Befund und Anamnese
3.3 Ein Vorschlag für die Formulierung des psychopathologischen Befundes nach AMDP
3.4 Fehler und besondere Probleme bei der Befunddokumentation
3.5 Schlussbemerkungen
4 Vom Symptom zum Syndrom
4.1 Vorbemerkungen
4.2 Bedeutung einer syndromalen Diagnostik
4.3 Syndrombildung im AMDP-System
4.4 Anwendungsbeispiel
4.5 Schlussbemerkungen
5 Vom Symptom zur Diagnose
5.1 Vorbemerkungen
5.2 Bedeutung von AMDP für die Diagnosestellung
5.3 Praktische Beispiele für die Anwendung des AMDP-Systems zur Diagnosestellung
5.4 Gegenüberstellung der diagnostischen Ebenen: Symptom – Syndrom – Diagnose
5.5 Schlussbemerkungen
6 Probleme und Fragen in der praktischen Anwendung von AMDP
6.1 Vorbemerkungen
6.2 Fragen zur praktischen Durchführung
6.3 Schwierige Untersuchungssituationen
6.4 Frequently Asked Questions (FAQ)
6.5 Schlussbemerkungen
Teil II: Spezielle Patientengruppen
7 AMDP – Kulturelle Aspekte
7.1 Vorbemerkungen
7.2 Berücksichtigung kultureller Aspekte
7.3 Überwindung der Sprachbarriere und der Einsatz von Dolmetschern
7.4 Schlussbemerkungen
8 AMDP bei Migranten
8.1 Vorbemerkungen
8.2 Grundsätzliche Überlegungen zu den Möglichkeiten einer kulturübergreifenden psychischen Befunderhebung
8.3 Eine Befundbeschreibung im AMPD-System wird soziokulturell und sprachlich reflektiert
8.4 Das AMDP-System als Einstieg in eine strukturierte kultur- und migrationssensible psychiatrische Ausbildung
8.5 Kulturelle Psychiatrie als Grundlage der psychischen Befundeinordnung
8.6 Praktische Hinweise zur Befundung von Patienten aus verschiedenen Sprach- und Migrationshintergründen anhand der AMDP Merkmalsbereiche
8.7 Fazit
9 AMDP bei Intelligenzminderung
9.1 Einleitung
9.2 Leichte Sprache
9.3 Einsatz des AMDP-Interviewleitfadens bei Menschen mit Intelligenzminderung
9.4 Besondere Bedeutung der körperlichen Untersuchung
9.5 Weitere Entwicklungen
9.6 Zusammenfassung und Ausblick
10 AMDP in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
10.1 Vorbemerkungen
10.2 Multiaxiale Klassifikation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
10.3 Das AMDP-System in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
10.4 Fazit
11 AMDP in der Gerontopsychiatrie
11.1 Allgemeine Vorbemerkungen
11.2 Spezielle Probleme
11.3 Das AMDP-System: Möglichkeiten und Grenzen in der Gerontopsychiatrie
11.4 Das AGP-System: Möglichkeiten und Grenzen in der Gerontopsychiatrie
11.5 Fazit und Perspektiven
12 AMDP in der Psychosomatik
12.1 Einleitung
12.2 Anwendungsfelder von AMDP in der Psychosomatik
13 Die AMDP-Module
13.1 Vorbemerkungen
13.2 Relevanz
13.3 AMDP-Module
13.4 Schlussbemerkungen
Teil III: Spezielle Anwendungsfelder
14 AMDP in besonderen Untersuchungssituationen
14.1 Vorbemerkungen
14.2 AMDP in der Zentralen Notaufnahme
14.3 AMDP im Konsildienst
14.4 AMDP in den wöchentlichen Visiten
14.5 AMDP im ärztlichen Bereitschaftsdienst
14.6 AMDP in der psychiatrischen Institutsambulanz oder Spezialambulanzen
14.7 Schlussbemerkungen
15 AMDP in der Begutachtung
15.1 Vorbemerkungen
15.2 Methodische Überlegungen
15.3 Anwendung des AMDP-Systems
15.4 Schlussbemerkungen
16 AMDP in der Psychotherapie
16.1 Einleitung
16.2 Stellenwert der Diagnostik in der Psychotherapie
16.3 Allgemeine Diagnostik
16.4 Schulenspezifische Diagnostik
16.5 Möglichkeiten und Grenzen des AMDP-Systems in der Psychotherapie
16.6 Fazit und Empfehlungen
17 Forschung mit AMDP
17.1 Vorbemerkungen
17.2 Psychopathologie
17.3 Pharmakologische Interventionen
17.4 Klinische Studien
17.5 Schlussbemerkungen
18 AMDP im Kontext anderer Verfahren
18.1 Vorbemerkungen
18.2 Multimodale Diagnostik
18.3 Andere Psychopathologieskalen
18.4 Andere klinisch relevante Bereiche
18.5 Schlussbemerkungen
19 Therapieevaluation mit AMDP
19.1 Vorbemerkungen
19.2 Indikation
19.3 Symptomebene
19.4 Syndromebene
19.5 Fallbeispiel
19.6 Schlussbemerkungen
20 Erfassung von Nebenwirkungen mit AMDP
20.1 Vorbemerkungen
20.2 Methodische Überlegungen
20.3 Der „Somatische Befund“ des AMDP-Systems
20.4 Schlussbemerkungen
Teil IV: Aus-, Fort- und Weiterbildung
21 Vermittlung von psychopathologischem Wissen
21.1 Der psychopathologische Befund als Kernbestandteil psychiatrischer Diagnostik
21.2 Die Glossare in DSM und ICD
21.3 Grundelemente psychopathologischen Wissens und deren Vermittlung
21.4 Schlussbemerkungen
22 Organisation von AMDP-Seminaren
22.1 AMDP-Seminare der Arbeitsgruppe für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie
22.2 Ablauf eines AMDP-Seminars
22.3 Hinweise zum organisatorischen Rahmen bei einem AMDP-Seminar
22.4 Andere Formate für AMDP-Seminare
22.5 Mustervideos
22.6 AMDP-Schulungen im vorhandenen Weiterbildungsrahmen der Institutionen
22.7 Schlussbemerkungen
23 AMDP im Pflegeunterricht und bei anderen Berufsgruppen
23.1 Vorbemerkungen
23.2 Besonderheiten der AMDP-Trainings im Pflegeunterricht und bei anderen Berufsgruppen
23.3 AMDP im allgemeinen Pflegeunterricht
23.4 Schlussbemerkungen
24 AMDP in Aus-, Fort- und Weiterbildung internationaler Ärzte
24.1 Hintergründe zur Internationalisierung des Gesundheitswesens
24.2 Sprache als Voraussetzung der Integration und medizinischen Diagnostik und Therapie
24.3 Spezifische Probleme fremdsprachiger Ärzte
24.4 Das AMDP-Manual als Einstieg in die Psychopathologie für fremdsprachige Ärzte
24.5 Der Gesprächsleitfaden als Hilfe für fremdsprachige Ärzte
24.6 AMDP-Trainings-Seminare für fremdsprachige Ärzte
24.7 Schlussbemerkungen
Teil V: Fallbeispiele
Vorbemerkungen
25 AMDP-Fallbeispiel Demenz vom Alzheimer-Typ
26 AMDP-Fallbeispiel Alkoholabhängigkeit und komorbide Depression
27 AMDP-Fallbeispiel Alkoholabhängigkeit und amnestisches Syndrom
28 AMDP-Fallbeispiel Akute Schizophrenie
29 AMDP-Fallbeispiel Chronische Schizophrenie
30 AMDP-Fallbeispiel Depression
31 AMDP-Fallbeispiel Depressive Episode und Soziale Phobie
32 AMDP-Fallbeispiel Manie
33 AMDP-Fallbeispiel Agoraphobie mit Panikstörung
34 AMDP-Fallbeispiel Zwangsstörung
35 AMDP-Fallbeispiel Posttraumatische Belastungsstörung und depressive Episode
36 AMDP-Fallbeispiel Anorexia nervosa
37 AMDP-Fallbeispiel Borderline-Persönlichkeitsstörung
38 AMDP-Fallbeispiel Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
39 AMDP-Fallbeispiel ADHS im Erwachsenenalter
Literatur
Anhang
Anhang A: Dokumentationsbögen
Anhang B: Deutsch-, englisch- und französischsprachige Bezeichnung der AMDP-Merkmale
Anhang C: AMDP-Syndrome
Anhang D: Das AMDP-System als Messverfahren zur Beurteilung von Körperfunktionen im Kontext der ICF
Anhang E: AMDP-Fallgeschichten – Crosswalk ICD-10 versus ICD-11
Die Autorinnen und Autoren des Bandes
Rolf-Dieter Stieglitz und Achim Haug
Ziele des Kapitels sind die Vermittlung der allgemeinen Grundlagen und Kenntnisse für die praktische Anwendung des AMDP-Systems sowie grundlegende Überlegungen für die nachfolgenden Kapitel. Das System wurde vor mehr als 50 Jahren entwickelt, und sowohl das Manual als auch die Art der Vermittlung der psychopathologischen Inhalte wurden bis zum heutigen Zeitpunkt in aktuell elf Auflagen kontinuierlich weiterentwickelt (vgl. AMDP, 2023). Der aktuelle Aufbau des Systems ist in Tabelle 1.1 enthalten.
Tabelle 1.1: Aufbau und Kennzeichen des AMDP-Systems (AMDP, 2023)
Anamnese
12 Merkmale
Minimalkatalog von allgemeinen Variablen (u. a. soziale, berufliche) sowie zur Erkrankung (inkl. ICD-Diagnosen)
Psychischer Befund
100 Symptome sowie 11 Zusatzsymptome
graduiert nach leicht – mittel – schwer bzw. nicht vorhanden und keine Aussage, 12 Merkmalsgruppen
Somatischer Befund
40 Symptome sowie 3 Zusatzsymptome
7 Merkmalsgruppen
Während das System in der Anfangszeit hauptsächlich in der Forschung zur Anwendung kam (vgl. Kapitel 17), dient es heute vor allem in der klinischen Praxis als ein Instrumentarium zur Erfassung des psychopathologischen Befundes und assoziierter somatischer Symptome. Trotz eines sehr differenzierten Manuals (AMDP, 2023) und des begleitenden Interviewleitfadens (Fähndrich & Stieglitz, 2023) ergeben sich in der praktischen |22|Anwendung immer wieder Fragen, die nachfolgend sowie in den weiteren Kapiteln Gegenstand einer ausführlichen Darstellung sind.
Abbildung 1.1: Diagnostische Ebenen: Symptom – Syndrom – Diagnose
Abbildung 1.2: Psychopathologische Symptome als Grundlage des psychopathologischen Befunds, für die Definition von Syndromen und als Kriterien für die Diagnose.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Psychopathologie auf unterschiedlichen diagnostischen Ebenen von Bedeutung ist (vgl. Abbildung 1.1). Die Symptome stellen die Basis aller höher-geordneten Ebenen dar. Auf der nächst höheren diagnostischen Ebene werden in der Regel Syndrome bestimmt (vgl. auch |23|Kapitel 4) und darauf aufbauend, beziehungsweise ergänzend dazu, wird durch weitere Informationen dann die Diagnose nach einem Klassifikationssystem abgeleitet (vgl. Kapitel 5).
Die erhobenen psychopathologischen Symptome stellen die Basis des psychopathologischen Befundes dar (vgl. Kapitel 3). Die Syndrome werden dann meist in Ratingskalen, in diesem Fall Fremdbeurteilungsverfahren, umgesetzt (vgl. Kapitel 4). Die Diagnosen (vgl. Kapitel 5) dagegen werden aus den psychopathologischen Symptomen und zusätzlichen Informationen zum Verlauf und der Dauer der Symptomatik abgeleitet. Hierbei kommen als Hilfestellung oft diagnostische Interviews zur Anwendung, wie in Abbildung 1.2 dargestellt ist.
Das AMDP-System war von Anfang an, wie am Begriff System erkennbar, als ein umfassendes Dokumentationssystem entwickelt worden mit einer ausführlichen Anamnese sowie den beiden symptombezogenen Bereichen Psychischer Befund und Somatischer Befund. Im Laufe der Zeit wurde das System wiederholt revidiert (vgl. Baumann & Stieglitz, 1983) und speziell der Anamneseteil in Anbetracht der Entwicklung von Dokumentationssystemen außerhalb von AMDP auf ein Minimum reduziert. Auf der anderen Seite wurden der Psychische und Somatische Befund seit 1979 (3. Auflage; AMDP, 1979) bezüglich des Merkmalbestandes in der auch heute noch vorliegenden Form unverändert beibehalten, wenngleich bezüglich der Definitionen und der formalen Gliederung Modifikationen im Hinblick auf eine Verbesserung der klinischen Anwendung durchgeführt und einige Zusatzmerkmale ergänzt wurden. Der Kernbereich des Systems umfasst den Psychischen Befund (vgl. Tabelle 1.1). Die besondere Bedeutung des Psychischen Befundes wird in den nachfolgenden Kapiteln ausführlich dargestellt.
Oft vernachlässigt beziehungsweise übersehen wird der Somatische Befund (vgl. Kapitel 20). In ihm werden auf der einen Seite zum Teil als diagnostisch relevant angesehene Krite|24|rien erfasst (z. B. Schlafstörungen für depressive Störungen), andererseits eignet er sich auch zur Dokumentation von Nebenwirkungen durch Psychopharmaka und wurde in Studien immer wieder als eine Nebenwirkungsskala eingesetzt (vgl. Kapitel 20).
Sowohl für den Psychischen als auch den Somatischen Befund wurde in einer größeren Revision (vgl. AMDP, 2007) eine einheitliche Darstellung der Symptome nach folgenden Punkten gewählt:
Definition,
Erläuterungen und Beispiele,
Hinweise zur Graduierung,
abzugrenzende Merkmale.
Alle Symptome können als nicht vorhanden oder vorhanden gekennzeichnet werden. Hinsichtlich des Schweregrades werden sie einheitlich nach leicht – mittel – schwer bewertet. Dies unterscheidet das AMDP-System zum Beispiel von anderen Rating-Skalen wie der Inpatient Multidimensional Psychiatric Scale (IMPS) oder der Hamilton-Depressionsskala (HAMD; vgl. Kapitel 18). Eine weitere Innovation, die das AMDP von anderen Skalen unterscheidet, ist die Möglichkeit, bei den Merkmalen „keine Aussage“ zu markieren.
Der Merkmalsbestand des AMDP-Systems wurde in den ersten Jahren der Entwicklung mehrfach verändert. In den letzten 20 Jahren bestanden Psychischer und Somatischer Befund konstant aus 100 bzw. 40 Symptomen. In der 9. Auflage (AMDP, 2016) wurden erstmals einige Symptome ergänzt, die sich in bisherigen Diskussionen im Zusammenhang mit dem AMDP-System als wichtig erwiesen haben, im ursprünglichen Merkmalsbestand aber fehlten. Auch für diese Zusatzsymptome wurde entsprechend der allgemeinen Strategie des AMDP-Systems nach dem oben beschriebenen Muster eine einheitliche Darstellung gewählt. Darüber hinaus wurden auch Zusatzmodule für bestimmte Störungsbereiche entwickelt (vgl. Kapitel 13).
Das AMDP-System hat seit jeher ein breites Anwendungsfeld. Während es ursprünglich zur Vereinheitlichung der psychopathologischen Befunderhebung und speziell des Einsatzes in Psychopharmaka-Studien entwickelt worden ist (vgl. Baumann & Stieglitz, 1983), ist der Anwendungsfokus heute sehr weit. Es hat vor allem folgende Funktionen:
Deskription des Symptombildes im Querschnitt und im Verlauf,
Zuordnung von Patienten zu diagnostischen Gruppen innerhalb eines Klassifikationssystems (aktuell ICD-10/ICD-11 und DSM-5),
Grundlage für therapeutische Indikationsstellungen,
Evaluation der Effektivität durchgeführter Therapien sowie
Vermittlung einer gemeinsamen Fachsprache.
In der klinischen Anwendung dient das System heute primär der Erfassung des Symptombildes und der Ableitung eines psychopathologischen Befundes. In der Forschung liegen die Möglichkeiten vor allen Dingen in der syndromalen Beschreibung der Psychopathologie (vgl. Kapitel 4) wie auch der Nutzung des Somatischen Befundes zur Erfassung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (vgl. Kapitel 20).
Die Anwendung des Systems erfordert eine umfassende Kenntnis des Manuals. Oft erübrigen sich dann Fragen, die in den nachfolgenden Kapiteln diskutiert werden. Ein einführendes Training im Sinne eines AMDP-Trainingsseminars (vgl. Kapitel 21) wird dringend empfohlen, da nur in der Diskussion mit Experten und den anderen Seminarteilnehmern die Vorgehensweisen der Befunderhebung ausführlich vermittelt und praktisch erprobt werden können.
Bezüglich der allgemeinen Durchführung und Erhebung des psychopathologischen Befundes sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen:
Es sollten ein ruhiger Raum sowie genügend Zeit vorhanden sein.
|26|Der Dokumentationsbogen kann als Strukturhilfe im Gespräch verwendet werden.
Die Zeit der Durchführung ist abhängig vom Ziel der Untersuchung und dem Zustand des Patienten.
Auch wenn die meisten Fragen der Anwendung umfassend im Manual (AMDP, 2023) und zum Teil auch im Interviewleitfaden (Fähndrich & Stieglitz, 2023) dargestellt sind, soll an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung erfolgen. Diese Darstellung ersetzt aber keinesfalls die notwendige Kenntnis der Inhalte des AMDP-Manuals. Die wichtigsten Aspekte, die die praktische Anwendung betreffen, sollen nachfolgend kurz skizziert werden. Zusätzlich wird auf diejenigen Kapitel verwiesen, in denen darauf ausführlicher eingegangen wird.
Gesprächsführung. Ausführliche Hinweise zur Durchführung der Gespräche im Rahmen der psychopathologischen Befunderhebung finden sich im Interviewleitfaden von Fähndrich und Stieglitz (2023). Für den Untersucher ist nicht nur wichtig, die entsprechenden Fragen parat zu haben, um diejenigen Phänomene zu erfragen, die nur aufgrund von Selbstaussagen beziehungsweise in der Verbindung mit Fremdbeobachtungen zu bewerten sind. Die Aufgabe des Untersuchers besteht auch darin, das Gespräch möglichst gut zu strukturieren, um Zeit zu sparen und in der zur Verfügung stehenden Zeit einen möglichst hohen Präzisionsgrad der Informationen zu erreichen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben einige Hinweise:
Der Dokumentationsbogen kann zur Orientierung verwendet werden, ein Ausfüllen während des Gesprächs ist nicht zu empfehlen, da sonst durch die Fixierung auf den Bogen Informationen verloren gehen können.
Das Ziel des Gesprächs ist dem Patienten zu Beginn zu erläutern.
Die Besonderheiten des Entscheidungsbaums (vgl. Abbildung 1.4) müssen dem Untersucher präsent sein.
|27|Sprungvermerke im Interviewleitfaden sollten genutzt werden.
Der Untersucher sollte nicht zu lange an einem Thema bleiben.
Beurteilungszeitraum. Der Beurteilungszeitraum ist zu Beginn eines Gesprächs festzulegen und dem Patienten mitzuteilen. Mit Beurteilungszeitraum ist die Zeitspanne gemeint, für welche die psychopathologische Symptomatik erfasst wird. Er entspricht einer definierten Periode dessen, was man unter aktuellem Querschnitt versteht. Wie groß diese Zeitspanne definiert wird, bleibt im Ermessen des Untersuchers, d. h. ist flexibel festzulegen (vgl. auch Fähndrich & Stieglitz, 2023). Sie muss aber innerhalb eines Befundes für alle Symptome gleich lang sein. Es lassen sich verschiedene Varianten je nach Intention des Gesprächs unterscheiden. Ist man nur am aktuellen Status interessiert, so bieten sich die letzten drei bis vier Tage an. Standardmäßig sollte man sieben Tage wählen, um eine Vergleichbarkeit mit anderen diagnostischen Instrumenten zu erreichen, wie z. B. der Symptom Checkliste (SCL-90-R) oder dem Beck Depressionsinventar (BDI; vgl. Kapitel 18). In Ausnahmesituationen ist gegebenenfalls ein etwas größerer Zeitraum festzulegen. Ist man allein daran interessiert, die Symptome zu erfassen, die im Rahmen einer diagnostischen Einordnung nach ICD-10/-11 interessieren, so sind die Zeitkriterien einer Störung zu wählen (z. B. depressive Episode 14 Tage). Allerdings muss dafür dann vor der Befunderhebung schon feststehen, welche Diagnose vermutet wird. Während des Gesprächs ist darauf zu achten, dass man sich immer wieder rückversichert, ob die Aussagen des Patienten auch in den festgelegten Zeitrahmen fallen (vgl. auch Abbildung 1.3 sowie Kapitel 5).
Eine Schwierigkeit ergibt sich dadurch, dass bestimmte Symptome während des Beurteilungszeitraums variieren können, sowohl hinsichtlich Häufigkeit, Dauer als auch Intensität. Hier sollte man sich an den Hinweisen zur Graduierung orientieren.
Beurteilungsgrundlage. Obwohl AMDP der Gruppe der Fremdbeurteilungsverfahren zuzurechnen ist, basiert die Registrierung der Symptome im AMDP-System (sowohl des Psychischen als |28|auch des Somatischen Befundes) auf Aussagen des Patienten und ebenso auch auf Beobachtungen Dritter (vgl. Tabelle 1.2). Die Entscheidung über das Vorliegen eines Phänomens, also die Bewertung der erhobenen Informationen, liegt jedoch ausschließlich beim Untersucher/Interviewer.
Abbildung 1.3: Untersuchungszeitraum
Tabelle 1.2: Beurteilungsgrundlage der Bewertung der AMDP-Symptome
Datenquelle
Abkürzung
Beispiele
Patient
S (= Selbst)
gehemmt, Störung der Vitalgefühle, Stimmenhören
Dritte (z. B. Untersucher, Pflegepersonal, Angehörige)
F (= Fremd)
verlangsamt, Neologismen, eingeengt
Patient oder Dritte
SF (= Selbst oder Fremd)
antriebsarm, deprimiert, Konzentrationsstörungen
In der Regel sind die wichtigsten Informationsgrundlagen die Berichte des Patienten selbst sowie die Beobachtungen des Untersuchers, jedoch können auch Dritte einbezogen werden, wie zum Beispiel:
Pflegepersonal: Kann Bereiche sehr differenziert beurteilen, für die eine längere Beobachtungsdauer wichtig ist (z. B. Antrieb, Circadiane Schwankungen).
|29|Angehörige: Können Bereiche differenziert beobachten, die eventuell beim einzelnen Patienten nur im interpersonellen Kontakt mit vertrauten Menschen bzw. außerhalb der Untersuchungssituation auftreten (z. B. Aggressivität, Antrieb, Konzentration).
Mögliche Fehlerquellen sind bei allen Informationsgrundlagen zu beachten, das heißt sowohl bezogen auf die Berichte des Patienten als auch auf die Aussagen von Dritten (z. B. Aggravation, Bagatellisierung).
Die jeweilige Informationsquelle variiert, wie man dem Manual entnehmen kann, von Symptom zu Symptom und wurde daher in den Dokumentationsbogen mit der Einteilung nach S, F bzw. SF aufgenommen (vgl. auch Kapitel 2).
Entscheidungsbaum. Der Entscheidungsbaum stellt eines der zentralen Kernstücke des AMDP-Systems dar und kann als ein allgemeiner Algorithmus angesehen werden, wie diagnostische Entscheidungen ablaufen sollten. Er gilt nicht nur für AMDP, sondern stellt ein allgemeines Prinzip der Bewertung von klinischen Phänomenen dar (vgl. Abbildung 1.4). Entscheidungen, die entsprechend dieses Algorithmus gefällt werden, gelten für jedes Symptom separat. Es gilt somit bei jedem Symptom zu entscheiden, ob es überhaupt beobachtbar/untersuchbar ist, dann geht es darum, ob es sicher beurteilbar ist, ob also sichere Informationsgrundlagen (für das Vorhandensein wie auch das Nicht-Vorhandensein) bestehen, schließlich ist beim Vorhandensein eines Symptoms noch die Graduierung vorzunehmen.
„Keine Aussage“ ist dann zu markieren, wenn etwas nicht beobachtbar/untersuchbar ist oder nicht genügend sichere Informationen über das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein vorliegen. Dies gilt auch dann, wenn ein Symptom gar nicht untersucht worden ist (z. B. vergessen wurde zu fragen) oder die Informationen unzureichend sind. Auch Hinweise auf Simulation und Bagatellisierung können hier abgebildet werden, wenn zum Beispiel Widersprüche auftreten oder beim Patienten Suggestibilität zu erkennen ist.
Abbildung 1.4: Entscheidungsbaum
Oft wird dieser Entscheidungsbaum nicht hinreichend beachtet. Es werden oft voreilig diagnostische Entscheidungen, bezogen auf einzelne Symptome, getroffen, sei es, dass sie als nicht vorhanden oder als vorhanden eingestuft werden, obwohl noch gar keine sichere Informationsgrundlage dafür vorliegt. Dies kann zu Fehlentscheidungen führen. Immer wieder findet eine diagnostische Bewertung ohne eine hinreichende „Datenbasis“ statt. Zur Vermeidung dieser Fehler ist daher die sorgfältige Verwendung der Kategorie „keine Aussage“ eine wichtige Hilfe.
Graduierung. Psychopathologische Phänomene sind nicht nach dem allgemeinen Prinzip ja/nein (also kategorial) zu bewerten, auch wenn dies in der ICD-10/-11 mit den diagnostischen Kriterien (vorhanden/nicht vorhanden) so suggeriert wird. Bei den diagnostischen Kriterien der ICD-10/-11 oder auch des DSM-5 wird meist keine Graduierung verlangt, sondern lediglich, ob die Symptome als vorhanden eingeschätzt werden. Dies betrifft sowohl eher unspezifische und häufige Symptome wie Konzentrationsstörungen, aber auch diagnostisch hochwertig zu betrachtende Phänomene, wie zum Beispiel be|31|stimmte Denkstörungen oder Ich-Störungen bei Schizophrenien.
Eine Graduierung von psychopathologischen Symptomen entspricht dem klinischen Denken und unseren Erfahrungen aus der Praxis. So differenziert man zum Beispiel bei Konzentrationsstörungen meist auch gleich, wie stark diese vorhanden sind oder ob jemand leicht oder stark deprimiert ist.
Einige der Symptome sind prinzipiell dimensional zu sehen (z. B. Konzentrationsstörungen), andere zunächst kategorial (ja/nein), bei Vorhandensein dann aber auch, in welchem Ausmaß sie vorhanden sind (vgl. Abbildung 1.5). So ist zum Beispiel zunächst entscheidend, ob Halluzinationen überhaupt vorliegen. Dann ergibt sich jedoch die Notwendigkeit, dieses weiter zu explorieren, nicht nur hinsichtlich des Inhalts, sondern auch, wie stark und häufig die Symptomatik auftritt, beziehungsweise inwieweit sie mit dem täglichen Leben interferiert. Hierzu finden sich vor allem bei der Graduierung der einzelnen Symptome Hinweise.
Abbildung 1.5: Graduierung psychopathologischer Symptome
In der Beschreibung der Merkmale im AMDP-Manual wurden bei jedem Symptom die Schweregrade „leicht“ und „schwer“ operationalisiert. Eine zunächst angestrebte Operationalisierung der Kategorie „mittel“ hat sich als nicht realistisch erwiesen und wäre zu einengend und artifiziell gewesen. Kriterien |32|für die Einschätzung der Schweregrade sind das subjektive Leiden und/oder die durch die Symptome resultierenden Beeinträchtigten („Ankerpunkte“ als Orientierungshilfe).
Die Differenziertheit der Beurteilung des Schweregrades eines Symptoms ist bei den verschiedenen Selbst- und Fremdbeurteilungsverfahren unterschiedlich:
Bei AMDP wird seit jeher eine dreistufige Einschätzung gewählt, die sich bewährt hat.
Eine größere Differenzierung in der praktischen Anwendung, die oft gewünscht wird, scheint problematisch, da es vermutlich dem Untersucher, wie z. B. in der Brief Psychiatric Rating Scale (BPRS; vgl. CIPS, 2015 sowie Kapitel 18), kaum möglich sein wird, sieben Skalenstufen zu unterscheiden.
Die Operationalisierung der Skalenstufen hat sich als hilfreich erwiesen und wird seit der sechsten Auflage des AMDP-Manuals verwendet.
Befundunsicherheit. Oft übersehen wird, dass es auf dem Dokumentationsbogen auch möglich ist, bezogen auf die gesamte Informationserhebung, den Grad der Sicherheit der Befundung einzuschätzen, ebenfalls auf der Skala nicht vorhanden – leicht – mittel – schwer. Dies erlaubt ggf. eine Relativierung bzw. kritische Interpretation des Gesamtbefundes (z. B. bei Aggravation oder Bagatellisierung).
Mit dem AMDP-System liegt ein umfassendes System zur Erfassung der Psychopathologie vor. Mit den 100 psychischen und 40 somatischen Symptomen sowie den in der aktuellsten Auflage ergänzten Zusatzsymptomen wird ein sehr weites Spektrum klinisch relevanter Phänomene erfasst, wenngleich die Psychopathologie, wenn man sich zum Beispiel an der ICD-10/-11 orientiert, noch mehr Symptome umfasst. In der praktischen Anwendung sind viele psychopathologische Symptome jedoch eher selten und wären daher für ein in der Routine einzusetzendes |33|Instrumentarium wenig hilfreich, da bei zu selten auftretenden Symptomen zu viel Aufwand betrieben würde.
Das AMDP-System legt den Schwerpunkt auf die Erfassung des Psychischen Befundes, der sinnvoll ergänzt werden kann um den Somatischen Befund, wenn man an Phänomenen interessiert ist, die zum Beispiel im Bereich der Nebenwirkungserfassung oder klinischer Kriterien einer diagnostischen Einheit (z. B. somatisches Syndrom der depressiven Episode nach ICD-10) orientiert sind.
Die Operationalisierung der Symptome lässt nach hinreichendem Training eine reliable Symptomerfassung zu, was durch verschiedene Studien belegt werden konnte (vgl. z. B. Baumann & Stieglitz, 1983). Mit dem AMDP-System liegt ein seit mehr als 50 Jahren bewährtes Instrumentarium vor, das im deutschsprachigen Bereich einzigartig ist und auch die internationale Konkurrenz nicht fürchten muss, zumal eine Reihe von fremdsprachigen Versionen bereits existieren beziehungsweise in Vorbereitung sind (vgl. Kapitel 7).
Achim Haug
Bei der Erhebung des psychopathologischen Befundes geht es darum, die Beschwerden der Patienten zu verstehen, sie in Fachsprache übersetzen zu können und reliabel zu dokumentieren. Vom Bericht der Patienten bis zur reliablen Dokumentation sowie schließlich der Verwendung des Befundes für die Diagnosestellung und zur Planung einer Therapie sind mehrere Einzelschritte notwendig, die sich konzeptionell unterscheiden und deren Beherrschung unterschiedliches Wissen und Können voraussetzt. Deshalb können sie sinnvoll voneinander getrennt dargestellt werden. Der erste Schritt reicht vom Gespräch mit dem Patienten bis zum Ausfüllen des AMDP-Dokumentationsbogens.
Grundsätzlich gibt es zwei Informationsquellen, die uns für den psychopathologischen Befund zur Verfügung stehen (vgl. Kapitel 1). Als Untersucher beobachten wir bei unseren Patienten Phänomene im Verhalten, in Mimik, Gestik oder äußerem Erscheinungsbild sowie Besonderheiten des sprachlichen Ausdrucks. Zudem verarbeiten wir Informationen, die andere Menschen am Patienten wahrgenommen haben. Oft werden dies Eindrücke von Angehörigen oder Beobachtungen des Pflegepersonals sein. All diese Informationen sind dem Bereich der Fremdbeobachtung zuzuordnen, d. h., andere nehmen etwas am Patienten wahr (vgl. Abbildung 2.1).
Die zweite wesentliche Informationsquelle zum Befinden und Verhalten unserer Patienten sind Berichte von diesen selbst. |35|Sie beschreiben, wie es ihnen geht, welche Wahrnehmungen oder welche Überlegungen sie zur Ursache ihrer Beschwerden haben.
Abbildung 2.1: Informationsquellen beim psychopathologischen Befund
Im AMDP-Dokumentationsbogen und im AMDP-Manual ist für jedes Symptom angegeben, welche Informationsquelle grundsätzlich bei einem Symptom zur Verfügung steht:
Ein „F“ bezeichnet ein Symptom, für das nur die Fremdbeobachtung Informationen liefern kann. Ein Beispiel dafür ist das Symptom 22 „ideenflüchtig“, als Teil der formalen Denkstörungen. Hierüber wird der Patient nicht berichten können. Vielmehr wird er über irgendein beliebiges Thema sprechen und der Beobachter wird beurteilen, dass er dies ideenflüchtig tut.
Ein „S“ bezeichnet dagegen ein Symptom, für das notwendigerweise der Patient Informationen liefern muss. Ein Beispiel ist das Symptom 48 „Stimmenhören“. Hier muss ein Patient über seine akustischen Halluzinationen berichten. Es gibt kein Außenkriterium, das uns auch ohne seinen Bericht klare Informationen über das Symptom geben könnte.
|36|Bei Symptomen, die mit „SF“ bezeichnet sind, stehen beide Informationsquellen zur Verfügung. Ein Beispiel ist das Symptom 94 „Aggressivität“, welches sowohl vom Patienten berichtet als auch von anderen im Kontakt mit dem Patienten erlebt und dann berichtet werden kann.
Bei allen S- und SF-Symptomen muss also für eine sichere Beurteilung eine Information vom Patienten kommen; entweder spontan oder sie muss im Rahmen der Exploration gezielt erfragt werden. Dies setzt beim Untersucher Fertigkeiten der Gesprächsführung voraus (siehe Interviewleitfaden von Fähndrich & Stieglitz, 2016).
AMDP ist ein Fremdbeurteilungsinstrument (vgl. Abbildung 2.1; vgl. hierzu auch Kapitel 18). Alle zur Verfügung stehenden Informationen, sowohl diejenigen aus der F- als auch die aus der S-Quelle, werden vom Untersucher geprüft, bei nicht genügender Plausibilität weiter abgeklärt, bestimmten definierten Fachbegriffen zugeordnet und dann erst auf dem Dokumentationsbogen markiert.
In einem Brief von 1819 formulierte J. W. von Goethe den Grundsatz: „Man sieht nur, was man weiß.“ Eigentlich: Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Diese Einsicht ist von entscheidender Wichtigkeit für die Dokumentation des psychopathologischen Befundes. Man muss nämlich zunächst ein Verständnis der möglichen Einzelphänomene des Erlebens und Verhaltens von Menschen haben. Nur dann wird man sie im Gespräch mit dem Patienten auch entdecken und voneinander unterscheiden können. Dass zum Beispiel umständliches Denken und ideenflüchtiges Denken zwei sehr verschiedene Formen formaler Denkstörungen sind, wird man nur beurteilen können, wenn man die Bedeutung der beiden Begriffe kennt. Hierbei hilft eine möglichst klare und trennscharfe Definition im AMDP-Manual.
|37|Tabelle 2.1: Trennscharfe Definition zweier Merkmale im AMDP-Manual
Symptom 17 „umständlich“
Als umständlich bezeichnet man ein Denken, das bezogen auf den Gesprächsinhalt das Nebensächliche nicht vom Wesentlichen trennt. Der inhaltliche Zusammenhang bleibt aber stets gewahrt.
Symptom 22 „ideenflüchtig“
Vermehrung von Einfällen, die aber nicht mehr von einer Zielvorstellung straff geführt werden. Das Ziel des Denkens kann aufgrund von Assoziationen häufig wechseln oder verloren gehen.
Es wird aber zudem wichtig sein, sich immer wieder bei Patienten zu überlegen, welches der beiden Phänomene an einer bestimmten Stelle der Exploration auftritt und wie es sich vom jeweils anderen unterscheidet.
Der Inhaltsraum der einzelnen Begriffe wird also vorgegeben, die Abgrenzung zu anderen Phänomenen wird immer wieder in der Praxis geschärft werden müssen. Anders gesagt: Was umständliches Denken als Fachbegriff meint, ist im AMDP-Manual festgelegt; ob es beim Patienten im Einzelfall vorliegt, muss bei jedem Patienten neu geprüft werden. Bei dieser Prüfung findet ein Prozess der Übersetzung von erzählender Prosa (Bericht des Patienten) in definierte Fachbegrifflichkeit statt. Es lohnt sich für das Verständnis guter psychopathologischer Befunderhebung, diesen Prozess genauer zu betrachten.
Wenn Patienten über ihr Befinden berichten, tun sie dies immer wieder mit ihren individuellen sprachlichen Möglichkeiten und daher auf sehr unterschiedliche Weise. Einflussfaktoren für die Beschreibungen sind zum Beispiel, wie differenziert Patienten sich allgemein ausdrücken, aber auch wie introspektiv sie Vor|38|gänge in sich selbst wahrnehmen können. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, in denen die Patienten bewusst unklare Beschreibungen geben, werden sie sich in der Regel bemühen, möglichst genau zu beschreiben, was in ihnen vorgeht. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Technik der Gesprächsführung durch den Untersucher. Er wird Patienten, in Kenntnis der Bedeutung der Fachbegriffe und der Unterscheidungskriterien zu anderen Fachbegriffen, möglichst differenziert explorieren. Am Ende einer Exploration wird der Untersucher dann eine Menge von Informationen erhalten haben, die jeweils aus der Beschreibung der Patienten stammen. Diese Beschreibung ist in Prosa erfolgt, mit den ganz individuellen Formulierungen des Patienten. Ein Beispiel zeigt Kasten 2.1.
Kasten 2.1:Individuelle Befundschilderung durch den Patienten („Prosa“)
„Ich muss so schnell weinen, obwohl es keinen Grund gibt. Morgens vor dem Aufstehen ist es besonders schlimm. Seit mehreren Wochen geht es mir jetzt so schlecht, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es nochmal besser wird. Ich habe so einen Druck auf der Brust. Ich schaffe nichts mehr und bin so vergesslich geworden. Außerdem kann ich kaum noch schlafen. Innerlich bin ich wie tot. Den Kindern gegenüber bin ich ungerecht, und ich kann mich nicht mehr freuen. Ich habe kaum noch Lust, etwas zu unternehmen, und verkrieche mich am liebsten ins Schlafzimmer. Die Kinder kommen dabei zu kurz – ich bin keine gute Mutter mehr.“
Jeder Patient wird seinen Zustand anders als andere Patienten beschreiben; und auch im Verlauf wird ein Patient seinen Zustand mit immer wieder neuen Formulierungen verständlich machen wollen. Für das, was die Aufgabe des Untersuchers ist, kann in Analogie zum Vorgehen in der Literatur der Begriff „Übersetzung“ gebraucht werden. Man wird bei der Übersetzung von Prosa in Fachbegrifflichkeit nicht jedes einzelne Wort in das der anderen Sprache übersetzen. Vielmehr wird man wie bei Literaturübersetzungen dem nachspüren, was der Patient wohl mit seiner Beschreibung am ehesten gemeint haben könnte und welcher definierten Bedeutung eines Fachbegriffes |39|diese Beschreibung am nächsten kommt. In Abbildung 2.2 ist ein solcher Prozess beispielhaft gezeigt.
Abbildung 2.2: Übersetzung der Prosa des Patienten in definierte Fachbegriffe (durch den Experten)
Sind die Informationen aus dem Gespräch mit dem Patienten auf diese Weise möglichst reliabel erfasst und in Fachbegriffe übersetzt, werden sie auf dem AMDP-Dokumentationsbogen markiert. Die Abbildung des Psychischen Befundes in defi|40|nierter Fachsprache hat dabei gegenüber der Prosabeschreibung des Befundes erhebliche Vorteile, aber auch Nachteile (vgl. Tabelle 2.2).
Tabelle 2.2: Vor- und Nachteile standardisierter Befunderhebung
Vorteile
Vergleichbarkeit im Quer- und Längsschnitt
Erhöhung der Interrater-Reliabilität
Grundlage operationalisierter Diagnostik
Grundlage evidenzbasierter und leitlinienorientierter Therapie
Schutz vor spekulativer Konstruktion von Zusammenhängen (z. B. zur Genese)
Nachteile
Verringerte Plastizität
Verringerte Individualität
Wegfall von komplexen Phänomenen (z. B. Wertvorstellungen)
Verzicht auf Erklärung des möglichen Entstehungszusammenhangs
Größter Vorteil ist die Vergleichbarkeit von Befunden im Quer- und Längsschnitt. Prosabeschreibungen nutzen immer wieder neue Formulierungen, betonen andere Aspekte und sind deshalb im Verlauf bei einem Patienten oder auch im Querschnitt mehrerer Patienten nicht vergleichbar. Ein definierter Symptombegriff mit operationalisierter Graduierung kann dagegen sowohl im Quer- wie im Längsschnitt verglichen werden. Durch die Einübung in die einheitliche und trennscharfe Anwendung von Fachbegriffen wird die Interrater-Reliabilität (= Übereinstimmung unterschiedlicher Untersucher) erhöht. Definierte Fachbegriffe sind Grundlage operationalisierter Diagnostik (vgl. auch Kapitel 5). Die Kenntnis der Fachbegriffe ist zudem notwendig für die Nutzung manualisierter Therapieleitlinien, da die Weichenstellung für eine bestimmte Behandlungsform beziehungsweise deren Änderung meist anhand von Symptomen definiert ist („Wenn der Patient nach zwei Wochen immer noch Symptom x hat, dann ändere Therapie von y zu z“). Die Beschreibung des Befundes in Fachsprache beschreibt schließlich ein Phänomen ohne gleichzeitige Gewichtung, Bewertung |41|und Hinweise auf eine mögliche Genese. Dies dient der Trennung von Deskription und Interpretation. Befunde werden zunächst abgebildet, so wie sie sind. Ob sie pathologisch und vielleicht für eine Diagnose verwertbar sind, im Gesamtzusammenhang gut verstehbar oder vielleicht auch eher unwichtig sind, muss dann in einem zweiten, beurteilenden Schritt festgestellt werden. Dieses Vorgehen vermindert die Gefahr, dass einem Symptome entgehen oder man sie vielleicht nicht dokumentiert, weil man sie von vornherein für unwichtig hält. Es gilt bei diesem empfohlenen Vorgehen der Grundsatz: Möglichst alles („kleinlich“) erfassen, aber später zurückhaltend, kritisch interpretieren.
