Praxisentwicklung und Akademisierung in der Pflege -  - E-Book

Praxisentwicklung und Akademisierung in der Pflege E-Book

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Beschreibung

Die Weiterentwicklung der Pflegepraxis ist das erklärte Ziel der Etablierung pflegewissenschaftlicher Studiengänge. Auf der Basis aktueller Forschungsbefunde werden Konzepte zur Praxisentwicklung und zur Implementierung hochschulisch qualifizierter Pflegekräfte vorgestellt. Der Band geht auf den Theorie-Praxis-Konflikt ein, fragt nach den Zielen und der Legitimation von Innovationen für die Pflegepraxis, setzt diese ins Verhältnis zur Qualitätsentwicklung und nimmt Strategien zur Etablierung neuer Rollen akademischer Pflegekräfte im Rahmen des Qualifikationsmix von Pflegeteams in den Blick. Praxisentwicklung greift die Implikationen der Implementierungswissenschaft auf und ermöglicht eine person-zentrierte Pflege der Pflegebedürftigen ebenso wie ein Empowerment der Pflegenden selbst. Neben Forschungsbefunden vermitteln Best-Practice-Projekte beispielhafte Einblicke, womit dieser Band den gegenwärtigen Stand sowie die Grenzen und Möglichkeiten der Praxisentwicklung in Deutschland aufzeigt.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Gerontologische Pflege

Innovationen für die Praxis

Herausgegeben von Hermann Brandenburg

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

 https://shop.kohlhammer.de/gerontologische-pflege

Die Herausgeber

Michael Schilder, Prof. Dr., Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaftler, Professor für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

Thomas Boggatz, Prof. Dr., Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaftler, Diplom-Pflegepädagoge, Professor für klinische Pflege an der Technischen Hochschule Deggendorf.

Michael Schilder/Thomas Boggatz (Hrsg.)

Praxisentwicklung und Akademisierung in der Pflege

Perspektiven für Forschung und Praxis

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039294-6

E-Book-Formate:

pdf:           ISBN 978-3-17-039295-3

epub:        ISBN 978-3-17-039296-0

Vorwort des Reihenherausgebers

Hermann Brandenburg

Gegenstand der Gerontologischen Pflege ist die Analyse und Verbesserung der Pflege- und Versorgungssituation alter Menschen, ihrer Familien und der sie Pflegenden. Die Verbindung von Theorie und Praxis stellt dabei die Achillesverse dar. Vor diesem Hintergrund werden mit der neuen Reihe drei Ziele verfolgt: Erstens sollen aktuelle und relevante Themenfelder der Gerontologischen Pflege in ihren multi- und interdisziplinären Bezügen aufgegriffen werden. Zweitens sollen die Bände in Praxis, Ausbildung und Studium zum Einsatz kommen – und einen kritischen Diskurs anregen. Darauf aufbauend sollen – drittens – Innovationen im Feld der Langzeitpflege unterstützt und begleitet werden, und zwar auf der Grundlage wissenschaftlicher Befunde.

Welche Inhalte stehen im Zentrum? Es geht um unterschiedliche Themenfelder – vom Umgang mit Schmerzen über die Situation in der ambulanten Pflege bis hin zu Fragen der Ökonomisierung in der Pflege. Ebenfalls haben wir uns mit dem Thema Inter- und Transkulturalität sowie den »sorgenden Gemeinschaften« beschäftigt. Dabei werden sowohl ambulante wie institutionelle Lebenswelten beachtet. In jedem Band werden vier zentrale Dimensionen zur Sprache gebracht. Die philosophisch-ethischen Begründungslinien machen zunächst deutlich, dass alle Themen mit Grundsatzfragen verbunden sind. Ein Schwerpunkt jedes Bandes ist die Zusammenstellung fachwissenschaftlicher Erkenntnisse, die zu dem jeweiligen Themenfeld komprimiert, nachvollziehbar und im Überblick auf den Punkt gebracht werden. Der gesellschaftspolitische Kontext, in dem das jeweiligen Themenfeld verortet werden muss, wird ebenfalls angesprochen. Und schließlich wird ein Bezug zum Management und zum Transfer hergestellt. Damit soll sichergestellt werden, dass Grundlagen, Ergebnisse und Kontexte letztlich mit Innovationen im Praxisalltag in Verbindung gebracht werden.

Deutlich wird insgesamt, dass der Blick über den Tellerrand für diese Reihe essenziell ist und keine »how-to-do-Publikationen« den Leserinnen und Lesern zugemutet werden sollen. Dies würde aus der Sicht des Reihenherausgebers (und der Herausgeberinnen und Herausgeber der Einzelbände) eine Engführung darstellen und nicht mit einem kritischen Anspruch in der Pflege vereinbar sein. Die vorgelegte Reihe des Kohlhammer-Verlags tritt hingegen für eine Perspektiverweiterung ein.

Unser Zielpublikum ist nicht zuletzt aus diesem Grunde die Pflege- und Versorgungspraxis, insbesondere Leitungspersonen aus der Pflege (und verwandten Professionen) in Krankenhäusern, Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung. Aber auch Studierende der Pflegestudiengänge (im weitesten Sinne) sind unser Publikum, ebenso natürlich die Fachkolleginnen und Fachkollegen.

Alle Bände werden von wissenschaftlich und praktisch erfahrenen Pflegewissenschaftlerinnen und Pflegewissenschaftlern verantwortet, die mit ihren Texten den fachlichen und öffentlichen Diskurs befruchten möchten. Sie stützen sich überwiegend auf Veranstaltungen des »Instituts für Wissenschaftliche Weiterbildung« an der Vincenz Pallotti Univeristy in denen der Dialog auf Augenhöhe zwischen Theorie und Praxis umgesetzt wurde und wird.

Die Gesamtreihe wird vom Lehrstuhl für Gerontologische Pflege herausgegeben, der institutionell an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Vincenz Pallotti University in Vallendar (VPU) verortet ist. Die Verantwortung für die Einzelbände liegt bei den jeweiligen Herausgeberinnen und Herausgebern bzw. Autorinnen und Autoren. Rückmeldungen und Anregungen sind herzlich willkommen.

Univ.-Prof. Dr. Hermann Brandenburg Vallendar, im Dezember 2021

Geleitwort

Rebecca Palm

Mit der Akademisierung der Pflege hat sich die Praxisentwicklung in vielen Einrichtungen des Gesundheitswesens in Deutschland in den letzten Jahren etabliert. Es wurden Abteilungen oder Stabsstellen geschaffen mit dem Bestreben, die Pflege in der eigenen Einrichtung qualitativ zu verbessern und die Lücke zwischen der Theorie und der Praxis zu schließen. Im Zentrum steht hierbei meist das allgemeine Ziel, pflegerisches Handeln stärker an der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz auszurichten. Es ist zu beobachten, dass der Verantwortungsbereich der Praxisentwicklung und das damit verbundene Kompetenzprofil der jeweiligen Stelleninhaber/-innen sich größtenteils zwischen den Einrichtungen unterscheiden, wie auch die organisatorischen Rahmenbedingungen. Die Aufgaben der Praxisentwicklung sind vielfältig und überschneiden sich nicht selten mit denen des Qualitätsmanagements oder der internen Fortbildungsabteilung. Eine einheitliche qualifikatorische Anforderung an die Praxisentwickler/-innen existiert ebenfalls nicht, sodass diese mit sehr unterschiedlichen fachlichen Voraussetzungen ihre Aufgaben wahrnehmen.

Die große Varianz in der Ausgestaltung der Praxisentwicklung stellt gleichermaßen eine Chance und eine Herausforderung für deren Weiterentwicklung dar. So geben die vielfältigen Ansätze, die in der Praxis heute gelebt werden, die Möglichkeit, voneinander zu lernen und ein differenziertes Portfolio an Methoden und Konzepten zu entwickeln. Es besteht jedoch auch die Herausforderung, ein gemeinsames Verständnis für eine fundierte und professionelle Handlungsbasis zu entwickeln. Gelingt dies nicht, droht die Praxisentwicklung ein inhaltsloser Sammelbegriff für sämtliche Aktivitäten zu werden, die die Pflege zu verändern versuchen. Fehlt das gemeinsame Verständnis, welche Ziele die Veränderungen verfolgen, muss Veränderung nicht immer gleichbedeutend mit Verbesserung sein.

Grundsätzlich bedarf es einer fundierten Auseinandersetzung mit den bestehenden Konzepten der Praxisentwicklung und seinen theoretischen Grundlagen, Prinzipien, Zielen und Methoden. In diesem Zusammenhang lohnt es, sich die Geschichte der Praxisentwicklung zu vergegenwärtigen und eine Standortbestimmung für Deutschland vorzunehmen. Die hierzulande nur in Ansätzen erfolgte theoretische Auseinandersetzung mit dem Konzept der Praxisentwicklung mag ein Grund für die große Heterogenität der Ausgestaltung dieser sein. Eine weitere Folge ist, dass bislang nur eine überschaubare Anzahl an Büchern und Aufsätzen zum Thema der Praxisentwicklung in der deutschen Sprache verfasst worden ist. Praxisentwickler/-innen konnten bislang in der deutschsprachigen Literatur nur auf wenige Quellen zurückgreifen, die Mehrzahl der internationalen Lehr- und Methodenbücher sind bis heute nicht übersetzt worden. Neben der theoretischen Grundlagenliteratur fehlt es in Deutschland ebenfalls an der wissenschaftlichen Veröffentlichung von Praxisentwicklungsprojekten und deren Evaluationen sowie an Arbeitsmaterialien zur praktischen Umsetzung der klassischen Methoden der Praxisentwicklung. Ohne die theoretische Aufarbeitung des praktischen Wissens und entsprechenden Publikationen kann sich die Praxisentwicklung in Deutschland jedoch kaum weiterentwickeln, da das vorhandene Wissen implizit bleibt.

Aus diesem Grund ist das vorliegende Buch ein wichtiger Meilenstein für die Praxisentwicklung in Deutschland. Es ermöglicht dem Leser, sich über bestehende Konzepte und Projekte der Praxisentwicklung einen Überblick zu verschaffen und damit in den so wichtigen Diskurs einzutreten, was Praxisentwicklung hierzulande bedeutet, wie sie gelebt wird und was mit ihr erreicht werden soll.

Prof. Dr. Rebecca PalmWitten/Herdecke, im Dezember 2021

Inhalt

 

 

Vorwort des Reihenherausgebers

Hermann Brandenburg

Geleitwort

Rebecca Palm

Einleitung: Praxisentwicklung und Akademisierung in der Pflege

Michael Schilder, Thomas Boggatz & Hermann Brandenburg

Teil I    Praxisentwicklung: Erfordernisse im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung

1   Theorie und Praxis in der Pflege – Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis

Hermann Brandenburg

1.1   Einleitung

1.2   Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der pflegewissenschaftlichen Diskussion

1.3   Wissenschaft und Praxis – empirisch beobachtbare Systemlogiken

1.4   Pragmatik und Kritik – ein Ausweg?

1.5   Abschluss: Fairer Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis

Literatur

2   Innovation– Wozu überhaupt?

Thomas Boggatz

2.1   Einleitung

2.2   Innovation als Selbstzweck?

2.3   Innovationen im Rahmen von Marktwirtschaft

2.4   Innovation als rationaler Optimierungsprozess

2.5   Innovation ohne Nachfrage in der Praxis

2.6   Innovation als wertloses Wissen

2.7   Innovation als Scheinentwicklung

2.8   Innovation im Dienste der Person?

2.9   Innovation – ein erweiterter Begriff

Literatur

3   Implementierung von Innovationen und Praxisentwicklung

Thomas Boggatz

3.1   Diffusion und Dissemination von Innovationen

3.2   Implementierung in Organisationen

3.2.1   Phasenmodelle

3.2.2   Faktormodelle

3.2.3   Kombinierte Modelle

3.3   Schlüsselfaktor Führungsstil

3.3.1   Top-down-Ansatz: Ergebnisorientierte Implementierung

3.3.2   Bottom-up-Ansatz: Praxisentwicklung

3.3.3   Mischformen

3.4   Fazit

Literatur

4   Practice Development: A Brief History in Time!

Brendan McCormack

4.1   Origins of practice development

4.2   Definitions

Further Reading and References

5   Strategische Gesichtspunkte der Praxisentwicklung im Hinblick auf die Implementierung hochschulisch erstqualifizierter Pflegefachpersonen in Pflegeteams in die akutstationäre Versorgung

Michael Schilder

5.1   Zur Komplexität der Einführung neuer Rollenbilder

5.2   Der Innovationsgegenstand: hochschulisch angereicherter Skill-Grade-Mix

5.3   Implementierungstheoretische und -methodische Erwägungen

5.3.1   Ausgangspunkt: Bestimmung des Innovationsgegenstandes

5.3.2   Zentrale Verortung des Projekts der Implementierung

5.3.3   Dezentrale Teamentwicklung als Kern des Implementierungsprozesses

5.4   Schlussfolgerungen

Literatur

6   Qualitäts- und Personalentwicklung: Synergien und Ambivalenzen

Ulrike Höhmann

6.1   Einleitung

6.2   Das Problem: Qualitätsentwicklung und Diskrepanzerfahrungen der Professionellen

6.2.1   Berufsgruppenbezogene Strategien: inhaltliche Qualitätsnormen

6.2.2   Organisationsbezogene Strategien: Management der Umsetzung

6.2.3   Möglichkeiten eines Auswegs

6.3   Qualitätsentwicklung als schrittweiser Innovationsprozess

6.4   Organisationsinterne Hürden für Passungsaktivitäten

6.5   Personalentwicklung zur Stärkung beruflicher Gestaltungskompetenzen

6.6   Inhaltliche Grundverständnisse für eine Koppelung von QE und PE

6.7   Reflective Practice als individuelle Lernstrategie und Kulturelement für Organisationen

6.8   Ein Fazit

6.9   Eine persönliche Schlussbemerkung

Literatur

Teil II   Konzepte und Ansätze

7   Gerontologische Pflegeexpertise – Ein Entwurf

Thomas Boggatz

7.1   Problemlage

7.2   Lösungsansätze

7.2.1   Qualitätsmanagement

7.2.2   Modellprojekte

7.2.3   Fallarbeit

7.2.4   Orientierung an Lebensqualität

7.2.5   Skill-Mix

7.2.6   Praktische Ausbildung

7.3   Fazit

Literatur

8   Hochschulische Pflegeprozesssteuerung und Praxisentwicklung

Michael Schilder

8.1   Gesetzlicher Rahmen und Neuentwicklungen

8.2   Das Anforderungsprofil der hochschulischen Expertise zur Steuerung des Pflegeprozesses und der Praxisentwicklung

8.3   Fall- und Fachverantwortung im Rahmen der hochschulischen Pflegeprozesssteuerung und Praxisentwicklung

Literatur

9   Aktuelle Entwicklungen, Hintergründe und Strategien zur nachhaltigen Implementierung akademischer Pflegefachpersonen in der Psychiatrie

Stefan Scheydt & Martin Holzke

9.1   Einleitung und Hintergrund

9.2   Erweiterte psychiatrische Pflegepraxis: Pflegefachspezialisten Psychiatrie und Psychiatrische Pflegeexperten APN

9.2.1   Erste Stufe erweiterter Pflegepraxis: Pflegefachspezialisten Psychiatrie

9.2.2   Advanced Psychiatric Nursing Practice: Psychiatrische Pflegeexperten APN

9.3   Strategien zur adäquaten und nachhaltig effektiven Integration von akademisch qualifizierten Pflegefachpersonen

9.4   Anpassung unterschiedlicher Kompetenzprofile von psychiatrischen Pflegefachpersonen mit und ohne hochschulische Qualifikation

9.5   Strategien zur strukturellen Anpassung und Implementierung akademischer Pflegefachpersonen am Beispiel ZfP Südwürttemberg

9.6   Schlussbetrachtungen und Ausblick

Literatur

Teil III   Forschungsbefunde und Best-Practice Beispiele

10 Der Verlust von Empathie und Menschlichkeit? – Eine Grounded Theory-Studie zu den Einstellungen von Pflegepersonal zur Integration hochschulisch qualifizierter Pflegekräfte in die stationäre Altenpflege

Daniel Keck

10.1 Hinführung

10.2 Problemaufriss

10.3 Methodik und Forschungsverlauf

10.4 Rekonstruktion der Einstellungen zur Akademisierung

10.4.1 Die große Kränkung: Der Blick nach Außen

10.4.2 Raum ohne Wissenschaft: Der Blick nach Innen

10.4.3 Das »Gute« bewahren

10.5 Abschließende Betrachtungen

Literatur

11 Entwicklung einer bedarfsangepassten und integrationsfähigen Pflegepersonalstruktur auf Modellstationen eines Universitätsklinikums – Erfahrungen eines Praxisentwicklungsprojektes

Tobias Mai

11.1 Projekthintergrund

11.2 Projektziele

11.3 Projektstruktur

11.4 Exkurs: Methodisches Vorgehen

11.5 Rahmenkonzept

11.5.1 Schwerpunkt Bildung

11.5.2 Schwerpunkt Praxisentwicklung

11.5.3 Schwerpunkt spezialisierte Patientenversorgung

11.6 Neue Rollen für Bildung und Entwicklung

11.7 Zusammenarbeit braucht Struktur

11.8 Fazit

Literatur

12 Implementierung akademischer Pflegerollen im Kontext von Praxisentwicklung: Lessons Learned

Doris Eberhardt

12.1 Einleitung

12.2 Praxisentwicklung und akademische Pflegerollen als interdependente Einheit

12.3 Implementierungsstrategie am Klinikum Neumarkt

12.3.1 Pflegefachliche Zielbestimmung und Ableitung des Rollenprofils

12.3.2 Aufbau der Implementierungsumgebung: Praxisentwicklungsstationen

12.4 Lessons Learned

12.4.1 Begründungszusammenhang

12.4.2 Zeit- bzw. Personalressourcen als erfolgskritische Faktoren

12.4.3 Ansatzpunkte für künftige Implementierungsvorhaben

Literatur

13 Interprofessionelle Praxisentwicklung als Stimulus für die pflegerische Rollenentwicklung

Claudia Eckstein

13.1 Hintergrund

13.2 Interprofessionalität

13.2.1 Interprofessionelle Zusammenarbeit in Gesundheitsteams

13.2.2 Bedeutsamkeit interprofessioneller Zusammenarbeit

13.2.3 Rollen von Pflegenden und Interprofessionalität

13.3 Praxisentwicklung im interprofessionellen Kontext

13.3.1 Hintergrund, Ziele und Methodik des Delir-Konzepts

13.3.2 Voraussetzungen und Umsetzung der Praxisentwicklung

13.4 Förderliche und hemmende Faktoren in der Praxisentwicklung

13.4.1 Potenziale

13.4.2 Mitwirkung

13.4.3 Kapazitäten

13.4.4 Möglichkeiten

13.5 Ausgewählte Ergebnisse

13.5.1 Delir-Detektionsrate

13.5.2 Zusammenarbeit und interprofessioneller Austausch im Team

13.5.3 Rollenentwicklung der Pflegenden

13.6 Schlussfolgerungen

Literatur

14 Praxisentwicklungsprojekt: Alltags- und Demenzbegleitung in der Akutpflege

Susanne Karner & Rebekka Stetzenbach

14.1 Hinführung zum Thema

14.2 Setting und Zielgruppe

14.3 Projektumsetzung

14.3.1 Evidenz

14.3.2 Kontext

14.3.3 Begleitung

14.4 Diskussion und Ausblick

Literatur

Nachwort: Praxisentwicklung – wozu überhaupt?

Thomas Boggatz & Michael Schilder

Literatur

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Einleitung: Praxisentwicklung und Akademisierung in der Pflege

Michael Schilder, Thomas Boggatz & Hermann Brandenburg

Hintergrund und Ausgangslage

Verbunden mit dem demografischen Wandel und der daraus resultierenden Veränderung der klinischen Versorgungsbedarfe der Klientel, haben sich die Anforderungen an die Praxis deutlich erhöht. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Coronapandemie wurde deutlich, dass Praxisentwicklung und Innovation im Feld der pflegerischen Versorgung kein Selbstläufer ist, sondern dafür Voraussetzungen gegeben sein müssen, und zwar in allen Settings. Mitentscheidend ist unserer Auffassung nach das Aufgaben- und Kompetenzprofil der Pflege, hier vor allem die Qualifikation. Um auf Herausforderungen in der Praxis nicht nur zu reagieren, sondern prospektiv und konzeptionell zu antworten, ist eine akademische Grundqualifikation unabdingbar. Und dass diese einen signifikanten Einfluss auf die Praxisentwicklung vor Ort hat, ist international längst bestätigt (vgl. z. B. Stiftung Münch 2019).

Auch in Deutschland wurden seit den 1990er Jahren Pflegestudiengänge aufgebaut, deren Ziel in der Weiterentwicklung der Pflegepraxis liegt. Wenn die Beschäftigung von hochschulisch qualifiziertem Pflegefachpersonal zu keinen spürbaren Veränderungen in der Praxis führt, sind diese Studiengänge letztendlich überflüssig – sowohl aus Sicht der Pflegeempfängerinnen1 als auch aus Sicht der Absolventeninnen. Aus Sicht der Pflegeempfänger, weil nicht mehr Pflegekompetenz bei ihnen ankommt als im bisherigen System, und aus Sicht der Absolventen, weil für die Kompetenz, die sie im Rahmen eines Studiums erworben haben, offensichtlich keine Verwendung besteht. Der hochschulische Mehrwert der Absolventen würde damit auch nicht für potenzielle Arbeitgeber deutlich werden können. Letztlich würde damit die Akademisierung »am Patientenbett« verpuffen.

Es reicht daher nicht aus, im Rahmen eines Studiums pflegewissenschaftliche Kompetenzen zu vermitteln und die Absolventen in die derzeit bestehende Pflegepraxis zu entlassen, in der Hoffnung, dass sie als change agents von sich aus die notwendigen Veränderungen herbeiführen können. Vielmehr wurde deutlich, dass Prozesse zur Anregung und Steuerung von Veränderungen initiiert und konkrete Rollen für akademisch ausgebildetes Pflegepersonal geschaffen werden müssen, die es ihnen ermöglichen, ihre im Studium erworbenen Kompetenzen anzubringen. Modellprojekte, wie sie die Robert-Bosch-Stiftung im Programm 360°-Pflege fördert, oder Netzwerke zum Erfahrungsaustausch über Praxisentwicklung wie der Verband der PflegedirektorInnen der Unikliniken (VPU) machen deutlich, dass diese Problematik und die möglichen Lösungsansätze in der Fachöffentlichkeit diskutiert werden. Auch aus Initiative der Fachverbände, wie dem DBfK, der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP) und der Dekanekonferenz Pflegewissenschaft wird die Implementierung hochschulisch qualifizierter Pflegender in die Versorgungspraxis intensiv diskutiert, was die Relevanz und Aktualität dieses Themenbereichs unterstreicht. Nicht zuletzt auch die 2020 eingeführte hochschulische Pflegeausbildung als zweite reguläre Säule der Berufsausbildung fordert Diskurse und Lösungsansätze zur Integration neuer Rollenbilder in die Pflegepraxis für Bachelorabsolventen und Advanced Practice Nurses, damit im Rahmen eines Grade- und Skill-Mix die Voraussetzungen einer Praxisentwicklung geschaffen werden, die einerseits die Implikationen einer Implementationswissenschaft aufzunehmen in der Lage sind (Hoben et al. 2016) und andererseits eine Partizipation und ein Empowerment aller Pflegenden ermöglicht wird, sodass letztendlich auch die Kultur der Pflege verändert werden kann (McCormack et al. 2013).

Herausforderungen und Perspektiven

Es ist bereits deutlich geworden, dass Akademisierung allein noch keinen Unterschied macht. Entscheidend ist einerseits die Vorbereitung der Studierenden auf den sog. »Theorie-Praxis-Transfer« (und zwar während des Studiums) und anderseits die Schaffung von personellen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen im Kontext von »lernenden Organisationen«. Wir wissen, dass ansonsten einer weiteren Entkoppelung von Theorie und Praxis wenig entgegengesetzt wird.

Beobachten lässt sich aber eine ambivalente Entwicklung. Zwar werden akademisch qualifizierte Pflegende zunehmend in der Praxis eingesetzt, ihr Einflussbereich ist jedoch häufig erheblich begrenzt, eine nachhaltige Wirkung ihres Engagements nur ansatzweise erkennbar. Eine Ursache dafür liegt unserer Meinung nach daran, dass die Akademisierung in Deutschland nur halbherzig betrieben wurde, ein entsprechender Ausbau der Hochschulen real nicht stattgefunden hat. Im Unterschied zur Medizin verfügt die Pflegewissenschaft nach wie vor über marginale Zugänge zu den Universitäten und kann daher nur bedingt die theoretischen Probleme einer Dissemination und Implementierung von praxisrelevanten Innovationen im klinischen Feld reflektieren.

Insgesamt sehen wir also drei Herausforderungen:

1.  muss das Thema »Praxisforschung und Innovation« in den Studiengängen besser curricular verankert werden,

2.  kann die Arbeit vor Ort nicht auf ein kurzfristiges Projekt reduziert ohne Aussicht auf Nachhaltigkeit und Verstetigung ausgerichtet sein, sondern muss finanziell adäquat entlohnt werden und

3.  sollte im hochschulischen Sektor eine grundlegende Auseinandersetzung mit den Anforderungen zur Umsetzung von neuen Erkenntnissen in die Routinen der Praxis ermöglicht werden2; die Entwicklung von Leitlinien (vergleichbar der Medizin) ist nur ein Desiderat.

Perspektivisch muss Klarheit darüber erzielt werden, dass Akademisierung in der Pflege kein Selbstzweck ist, sondern als substanzieller Bestandteil der Professionalisierung des Pflegeberufs angesehen werden sollte. Und wenn man dies wirklich will, dann muss auch eine grundlegende Veränderung einen echten Schritt nach vorne wagen und eine stufenweise Vollakademisierung der Pflege realisieren. Pflege sollte als eigenständiges universitäres Fach eingeführt und nicht nur der Medizin angegliedert werden. Konsequente Entscheidungen im Hinblick auf eine Professionalisierung der Pflege – vor allem im Hinblick auf eine Verbesserung der Aufgaben- und Kompetenzprofile, der Veränderung der Arbeitsbedingungen sowie der Praxisentwicklung (in Verbindung mit Hochschulen) – würden nicht nur die aktuellen Löcher stopfen, sie wären mit positiven Veränderungen im Gesundheitswesen allgemein und in der Langzeitpflege im Besonderen verbunden. Sicher, all dies scheint im Moment politisch nicht durchsetzbar zu sein. Aber wenn wir eines aus der Corona-Krise gelernt haben, dann ist es doch dies: Milliardenunternehmen geraten ins Wanken und ganze Industriezweige müssen finanziell massiv gefördert werden. Dann kann doch die Vollakademisierung eines (immerhin ja systemrelevanten) Berufs kein unüberwindbares Hindernis darstellen.

Inhalt und Zielsetzung des Buches

Der erste Teil dieses Buches ( Teil I) beleuchtet grundlegende Positionen zur Praxisentwicklung und zu Innovationen im Gesundheitswesen und setzt diese ins Verhältnis zu den Erfordernissen gesellschaftlicher Entwicklungen und beruflicher Bedarfe. Der erste Beitrag beginnt mit einer Darstellung des Theorie-Praxis-Konfliktes, der die Grundproblematik bei jedem Versuch der Praxisentwicklung aufzeigt ( Kap. 1). Daran schließt sich die Frage nach den möglichen Zielen von Innovation und Praxisentwicklung an ( Kap. 2). Führt der darin enthaltene Fortschrittsglaube dazu, dass das beständige Verbessern der Praxis zu einem Selbstläufer wird, mithin zu einem Angebot, das auf keine Nachfrage reagiert, sondern eine solche erst erschafft? Oder dient sie den Bedürfnissen der Pflegeempfänger und dem Empowerment des Pflegepersonals? Vor diesem Hintergrund lassen sich die möglichen Ansätze zur Praxisentwicklung als Positionen auf einem Kontinuum beschreiben, das von der Implementierung externer Evidenz im Top-down-Approach bis hin zur Entwicklung interner Evidenz in einem partizipatorischen Bottom-up-Ansatz reicht ( Kap. 3). Während die deutschsprachigen Länder sich, was diese Ansätze anbelangt, noch in einem Versuchsstadium befinden, kann Großbritannien auf eine längere Tradition der Praxisentwicklung zurückblicken, die in einem weiteren Kapitel ( Kap. 4) dargelegt wird. Außerdem wird der Frage nachgegangen, wie Praxisentwicklung zur Etablierung neuer Rollen für akademisch gebildete Pflegekräfte im Rahmen von Grade-und-Skill-Mix beitragen kann. In Ansätzen der Konzeptentwicklung von Rollenbildern, Grade- und Skill-Mix wie auch Karrieremodellen werden theoretische Positionen aufgezeigt und mit Blick auf die Ausgestaltung des Rollenbildes eines hochschulisch qualifizierten Pflegeexperten auskonturiert ( Kap. 5). Das Verhältnis von Praxisentwicklung und der hierzulande besser bekannten Qualitätsentwicklung soll mit einem kritischen Blick auf letztere beleuchtet werden, um dem Leser zu verdeutlichen, was neu und anders an den nun entstehenden Ansätzen zur Praxisentwicklung ist ( Kap. 6).

An diesen allgemeinen Teil schließt sich die Darstellung konkreter Ansätze und Konzepte an ( Teil II), die denkbar sind und einen Kulturwandel in der Pflege weg von einer Aufgabenorientierung hin zu einer Person-zentrierung verlangen. Dabei wird nicht nur die Rolle, die Institutionen der Pflegepraxis bei der Praxisentwicklung spielen können, beleuchtet, sondern auch der Beitrag, der durch die Hochschulen geleistet werden kann. Den Beginn macht das Konzept einer gerontologischen Pflegeexpetise, die an die Anforderungen der Pflege- und Betreuungssettings und die zukünftigen Herausforderungen in der Langzeitpflege anschlussfähig ist ( Kap. 7). Der Beitrag zur hochschulischen Ausgestaltung der im PflBG verankerten Vorbehaltsaufgaben (PflBG § 4 (2) Vorbehaltende Tätigkeiten) macht mit Blick auf den Pflegeprozess deutlich: was sind hochschulische Anteile der Pflegeprozessgestaltung mit Blick auf die Verstehende Pflegediagnostik, Partizipative Entscheidungsfindung und Aushandlungsprozesse in der Pflegesituation. Wie ist die hochschulische Ausgestaltung der Analyse, Evaluation, Sicherung und Entwicklung der Qualität der Pflege (§ 5 (3), 1d) im Rahmen der Praxisentwicklung zu denken (in Weiterentwicklung Schilder 2010; Brandenburg 2016, S. 52) ( Kap. 8)? Der diesen Teil beschließende Beitrag ( Kap. 9) enthält die Konzeptentwicklung zu einem psychiatrischen Rollenbild mit hochschulischer Qualifikation, das auf empirischen Befunden aufbaut und dies gegenüber anderen Qualifikationen in der psychiatrischen Pflege differenziert.

Im dritten Teil ( Teil III) werden dann empirische Befunde aus der Begleitforschung zu derzeit laufenden Praxisentwicklungsprojekten sowie die Erfahrungen aus Best-Practice-Beispielen vorgestellt, die einen exemplarischen Eindruck über erste Projekterfahrungen in der Umsetzung neuer Konzeptionen bieten. So zeigt die erste Studie Implementationsbedingungen aus Sicht von Pflegefachpersonen in der stationären Altenpflege auf und vermittel einen Einblick in deren Wahrnehmung von hochschulisch Qualifizierten in ihrem direkten Praxisfeld. Gerade diese Erkenntnisse fordern dazu auf, in zukünftigen Projekten, die Pflegeprakterinnen bei der Einführung neuer Rollenbilder mehr »mitzunehmen« ( Kap. 10). Der darauffolgende Beitrag beinhaltet einen Ausschnitt aus einer Implementierungsforschung, in der die Bedingungen vor der Implementation hochschulisch qualifizierter Master-Absolventinnen in Pflegeteams eines Universitätsklinikums dargelegt werden ( Kap. 11). Dann werden in retrospektiver Betrachtung eines Praxisentwicklungsprojektes dessen Gelingens- und Misslingenbedingungen aufgeschlüsselt und Implikationen für die zukünftige Ausgestaltung von Projekten zur Praxisentwicklung dargelegt ( Kap. 12). Eine weitere pflegewissenschaftliche Studie beleuchtet die Interprofessionelle Praxisentwicklung in einem klinischen Setting im Kontext der Delirprävention, aus der heraus Schlussfolgerungen für die pflegerische Rollenentwicklung abgeleitet werden ( Kap. 13). Dieser Teil wird durch Einblicke in ein Praxisentwicklungprojekts eines Klinikums beschlossen, in der es um die Weiterentwicklung der akutstationären Versorgung geriatrischer Patienten mit kogntiven Einschränkungen geht ( Kap. 14).

Im vierten Teil  (Teil IV) wird abschließend ein Fazit u. a. für die hochschulische Gestaltung von Praxisentwicklung gezogen.

Unser Anliegen ist es dabei einerseits eine Übersicht über derzeit entstehende Konzepte und Ansätze der Praxisentwicklung im deutschsprachigen Raum zu geben, andererseits soll aber auch zu einem kritischen Diskurs über die Sinnhaftigkeit eines kontinuierlichen Optimierungsbestrebens, wie es in diesen Bestrebungen zur Praxisentwicklung zum Ausdruck kommt, angeregt werden. Dabei sollte der Leser sich fragen, ob und in welcher Weise Praxisentwicklung der Selbstbestimmung von Pflegeempfängern dient und ein Empowerment der Pflegenden fördert und wann sie stattdessen für alle Beteiligten zu einem Optimierungszwang führt, der aus der Logik eines ungebremsten Fortschrittdenkens resultiert. Die vor diesem Hintergrund erfolgende Darstellung von Ansätzen und Konzepten zur Praxisentwicklungen soll Entscheidungsträgern und Praxisentwicklern in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie Studierenden, die sich auf eine derartige Rolle vorbereiten, als Grundlage für eine informierte Entscheidungsfindung bei der Wahl ihres Ansatzes zur Praxisentwicklung dienen.

Literatur

Brandenburg H (2016) Das Verhältnis von Theorie und Praxis in Pflege und Gerontologie. In: Hoben, M., Bär, M. & Hans-Werner Wahl (Hrsg.). Implementierungswissenschaft in Pflege und Gerontologie: Grundlagen und Anwendung. Stuttgart: Kohlhammer, S. 48–60.

Hoben M, Bär M, Wahl HW (Hrsg.) (2016) Implementierungswissenschaft in Pflege und Gerontologie: Grundlagen und Anwendung. Stuttgart: Kohlhammer.

Howaldt J, Kopp R, Schwarz M (2014) Zur Theorie sozialer Innovationen. Tardes vernachlässigter Beitrag zur Entwicklung einer soziologischen Innovationstheorie. Weinheim/Basel: Beltz/Juventa.

McCormack B, Manley K, Garbett R (Hrsg.) (2009) Praxisentwicklung in der Pflege. Bern: Huber.

Schilder M (2010) Zur Bedeutung der klinischen Pflegewissenschaft für eine forschungsbasierte Praxisentwicklung, Pflege & Gesellschaft, 15 (1), S. 48–64.

Stiftung Münch (Hrsg.) (2019) Pflege in anderen Ländern: Vom Ausland lernen? Heidelberg: medhochzwei.

1     Texte sollten lesbar und verständlich sein, und dazu muss auch die Sprache beitragen. Sprache bildet allerdings auch Aspekte der Wirklichkeit ab bzw. schafft neue »Wirklichkeiten«. Da in dem hier zu verhandelnden Bereich der Pflege überwiegend Frauen arbeiten, sollte dies auch sprachlich zum Ausdruck kommen. Zum Gendern bietet die deutsche Schriftsprache mehrere Möglichkeiten an, die allerdings die Lesbarkeit und Verständlichkeit der Texte reduzieren können. Wir als Herausgeber und Autoren dieses Buches werden daher auf das Gendern verzichten und stattdessen wenn möglich eine neutrale Form wählen. Falls dies nicht möglich ist, werden wir (überwiegend) die weibliche Form benutzen. Sie schließt – sofern nicht anders genannt – alle weiteren Geschlechtsformen mit ein. Da dieses Buch jedoch von mehreren Personen verfasst worden ist, war diesen die Freiheit ihres sprachlichen Ausdrucks zuzugestehen. Es war daher den Autoren und Autorinnen überlassen, ob sie sich in ihren Beiträgen für die von den Herausgebern präferierte Lösung oder für eine Variante des Genderns entscheiden.

2     Howaldt et al. (2014, S. 13) bezeichnen »soziale Innovationen in einem nicht normativ angelegten analytischen Konzept als intentionale Neukonfiguration sozialer Praktiken« (Howaldt et al. 2014, S. 13). Wenn man an Praxisentwicklung im Pflegesektor denkt, dann ist zu diskutieren, ob dieser Ansatz letztlich ausreicht und nicht vielmehr inhaltlich-fachliche Begründungen einer guten Pflege stärker mit berücksichtigt werden sollten.

Teil IPraxisentwicklung: Erfordernisse im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung

1          Theorie und Praxis in der Pflege – Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis

Hermann Brandenburg

Zusammenfassung

In einem ersten Schritt erfolgen einige Hinweise zum Verhältnis von Theorie und Praxis. Als Praxiswissenschaft muss die Pflegewissenschaft über Verbindungen zwischen den genannten Bereichen nachdenken und die Frage beantworten, wie diese zu gestalten sind. Das ist nicht einfach, die Herausforderung wird aufgezeigt. Im zweiten Schritt befasse ich mich mit empirischen Befunden dahingehend, wie diese »Umsetzung« von neuem und wissenschaftlich basiertem Wissen in die Praxis gelingen kann. Die Rolle des »Facilitators« ist hier sehr wichtig. Aber es reicht nicht eine/n Verantwortliche/n zu identifizieren, auf die Organisationen kommen Veränderungen zu, die »wehtun« müssen (oder können). Ein pragmatischer Zugang (ergänzt durch eine kritische Perspektive) – so die zentrale Aussage im dritten Teil dieses Beitrags – könnte eine Orientierung sein. Den Abschluss bildet ein Hinweis auf die Notwendigkeit eines fairen Dialogs zwischen Wissenschaft und Praxis.

Schlüsselwörter:Theorie, Praxis, Pragmatik, Kritik

1.1       Einleitung

Wenn man die Begriffe »Theorie« und »Praxis« hört, dann denkt man an unterschiedliche Dinge – je nach Standpunkt. Seitens der Theorie (das sei an dieser Stelle einmal unzulässiger Weise mit Wissenschaft und/oder Forschung gleichgesetzt) geht es darum, ein bestimmtes Phänomen oder einen Sachverhalt möglichst genau zu beschreiben, die beeinflussenden Faktoren herauszuarbeiten und möglicherweise Aussagen über weitere Verläufe zu treffen, d. h. Prognosen aufzustellen. Und die Praxis beschreibt ein breites Feld, dazu gehört nicht nur die Aufgaben direkt am Patienten bzw. Bewohner. Praxis wird bestimmt durch organisatorisch-personelle Bedingungen vor Ort, ist eingebettet in institutionelle Logiken und wird bestimmt durch externe finanzielle und politische Rahmenbedingungen.

Schauen wir uns einmal das Spannungsfeld von Theorie und Praxis genauer an. Als Beispiel beziehen wir uns auf die Beziehungsgestaltung bei der Pflege von Menschen mit Demenz. Von der Gerontologin Naomi Feil wurde hierzu die in der Altenpflege bekannte Methode der Validation entwickelt, die für jedes Stadium der Demenz eine passende Kommunikationstechnik beschreibt (Feil 2000). Wie Dammert et al. (2016) in einer Studie feststellen mussten, lässt sich diese in Schulungen so einfach erscheinende Technik in der Praxis jedoch kaum umsetzen. Die Gründe hierfür, welche die Pflegepersonen angaben, waren vielschichtig. Neben einschränkenden, institutionellen Rahmenbedingungen wie Personal- und Zeitmangel und fehlender Unterstützung durch die Leitungsebene, erwies sich die Validation als nicht vereinbar mit der Aufgabenstellung und den Arbeitsgewohnheiten der Pflegenden. Verweigerte zum Beispiel ein Bewohner die Körperpflege, so konnte darauf nicht validierend eingegangen werden, da der Arbeitsauftrag der Pflegenden und die Erwartungen der Angehörigen darin bestanden, die Körperpflege und Hygiene des Bewohners sicherzustellen. Aber neben diesen konkreten praktischen Problemen lassen sich auch im Hinblick auf die Theorie gewisse Rückfragen stellen. Denn man kann durchaus darüber diskutieren, ob die These von Feil, dass die Demenz letztlich nur die Auseinandersetzung mit unerledigten biografischen Themen darstellt und ihr letztlich kein neurologisch bedingtes Substrat zugrunde liegt, haltbar ist (vgl. ausführlicher Boggatz 2022). Wir sehen also bereits an diesem einfachen Beispiel, dass die einfache »Übersetzung« von theoretischen Überlegungen in die Praxis nicht ganz so einfach ist. Zum einen kommt es natürlich auf den theoretisch-wissenschaftlichen Hintergrund an, der muss stimmen und zumindest keine grundlegenden Fragen aufwerfen. Das gilt auch für die Praxis, welche für die Aufnahme neuer Ansätze und Strategien offen sein muss. Und schließlich – drittens – muss man Überlegungen darüber anstellen, was man tun kann, um den »gap« von Theorie und Praxis zu reduzieren. Man könnte sagen, dass die entsprechenden Versuche legendär sind und die vor allem US-amerikanisch beeinflusste Debatte die Pflegewissenschaft über Jahrzehnte befruchtet haben (vgl. die mittlerweile klassischen Texte von Dickhoff et al. 1968 a, b; Beckstrand 1978, Mars & Lowry 2006).

Auf zwei Aspekte möchte ich im Folgenden etwas genauer eingehen. Der eine bezieht sich darauf, wie in der Pflegewissenschaft das Verhältnis der beiden genannten Pole (sind es wirklich zwei Pole?) bestimmt wurde; hier kann man grob zwischen Positionen unterscheiden, welche einerseits die Unterschiede betonen oder anderseits die gegenseitigen Verbindungen stark machen. Neben dieser wissenschaftstheoretisch imprägnierten Perspektive (vgl. Brandenburg 2016) möchte ich – zweitens – auf die Empirie blicken. Denn unser Verhalten im Alltag wird (sowohl bei Wissenschaftlern wie auch bei Pragmatikern) durch die Eigenlogik der jeweiligen Systeme bestimmt, in denen wir uns bewegen (vgl. hierzu grundlegend Schulz-Nieswandt 2020). Inwieweit erlauben es uns die damit verbundenen Zwänge und Arbeitskulturen eigentlich, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen? Und zwar sowohl von Seiten der Theorie wie von jener der Praxis. Das alles klingt schon recht skeptisch, mein Ausblick ist aber positiv und stellt zwei Begriffe ins Zentrum: Pragmatik und Kritik.

1.2       Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der pflegewissenschaftlichen Diskussion

Eine ganze Reihe von Pflegetheoretikerinnen hat ihr Augenmerk darauf gelegt Theorien zu entwickeln, die letztlich in die Praxis überführt und diese mit einer bestimmten Agenda verknüpfen sollen; die sog. »grand theories« (z. B. King, Peplau, Orem, Rogers) sind nur ein Beispiel. Die später als »middle range« (Mishel’s uncertainty in illness, Norbeck’s model for social support, Swanson’s theory of caring) oder als »situation specific« (die vor allem auf klinische Herausforderungen im engeren Sinne fokussiert sind) ausbuchstabierten theoretischen Ansätzen zeigen, dass die Theorieentwicklung in den USA elaboriert und weit fortgeschritten ist (für einen Überblick vgl. Nicoll 1997, Reed et al. 2012; für die dt. Diskussion vgl. z. B. Schröck & Drerup 1997, Moers & Schaeffer 2000, Brandenburg & Dorschner 2021).

Es lassen sich eine ganze Reihe von theoretischen Überlegungen zusammenfassen, welche die Trennung von Theorie und Praxis akzentuiert haben. Hier wurde postuliert, dass die theoretischen Positionen noch nicht ausreichend spezifiziert wurden, um einen body of knowledge für die Pflege zu generieren. Pflege(-wissenschaft) – so die Annahme – kann noch nicht als Kompass für eine veränderte Praxis angesehen werden, denn: »the practice of nursing is still directed by medical orders and institutional policy rather than beeing grounded in the findings of nursing reasearch (Jacobs & Huether 1978, S. 67). Als zentrale Barrieren wurden die fehlende Bereitschaft für die Aufnahme neuer Ideen in der Praxis, die zunehmende Diversität im Pflegesektor sowie ein Anti-Intellektualismus identifiziert. Man kann aber auch das Trennungsargument seitens der Praxis stark machen. So hat z. B. Smith eindeutig Stellung bezogen und die Frage gestellt, warum eigentlich Pflegende an der Basis »must be afflicted with baroque nursing theories couched in stilted pseudo-intellectual jargon … Who, besides academic luminaries, benefits from this blizzard of inflated words?« (Smith 1981, S. 83).

Umgekehrt gab es aber immer wieder Stimmen, welche die Verbindung von Theorie und Praxis stark gemacht haben. Am bekanntesten ist Fawcett, die auf den Einfluss von konzeptionellen Modellen auf das Setting, den Pflegeprozess, Pflegefachsprachen sowie Patientenklassifikationssysteme und Qualitätsprogramm verwiesen hat (Fawcett 1992) und immer weder die Relevanz von theoretischen Überlegungen für eine evidenzbasierte Pflegepraxis betont hat (Fawcett et al. 2001). Ebenfalls hat sich diese Autorin – vor allem an die bahnbrechenden Arbeiten von Silva in den 1980er Jahren zur Testung von Pflegetheorien – mit diesem Problem beschäftigt und eine entsprechende Kriterienliste vorgelegt (Fawcett 2005). Andere Autor/-innen gehen noch einen Schritt weiter und postulieren, dass »theory is born in practice, is refined in practice, and must and can return to practice« (Dieckhoff et al. 1968a, S. 415). Voraussetzung dafür ist aber eine Offenheit für empirisch relevante Inhalte; die Zusammenarbeit von Theoriebildung und erfahrener Pflegexpertise vor Ort ist in diesem Ansatz zwingend.

Beide Positionen – sowohl die Trennungs- wie auch die Verbindungsprotagonisten – sind nur oberflächlich gesehen grundlegend verschieden und befürworten letzten Endes eine Anwendung bzw. einen Transfer von theoretisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis (alles andere würde ja auch in einer Praxiswissenschaft keinen Sinn machen). Und wie das geschieht, ist ebenfalls Teil einer Forschungsagenda, die in Deutschland als »Implementierungswissenschaft (IW) für Gerontologie und Pflege« (Hoben et al. 2016; vgl. auch McCormack et al. 2013) bekannt geworden ist. Hier geht es um Einflussfaktoren, konkrete Modelle und bereits vorliegende Erfahrungen zur praktischen Umsetzung von klinischen Innovationen in der Pflegepraxis (Beispiele: Schmerzmanagement, Mobilitätsförderung, Medikamentenregime etc.). Bezogen auf die deutsche Situation ist der Verweis auf die »Expertenstandards in der Pflege« angebracht, von denen mittlerweile eine zweistellige Zahl vorliegt. Man muss allerdings nüchtern feststellen, dass der Forschungsstand einer Implementierungswissenschaft nahezu ausschließlich international geprägt ist. In Deutschland kann man die entsprechenden Arbeiten an einer Hand abzählen. Hier ist es jedenfalls bis jetzt nicht gelungen, auch nur ansatzweise einen eigenen Forschungsfundus zur Umsetzung von wissenschaftlichen Befunden in die Pflegepraxis zu etablieren.

Die Gründe hierfür können an dieser Stelle nicht diskutiert werden, vielmehr möchte ich mich der zweiten Frage zuwenden, die da lautet: Wie stellt sich das Verhältnis von Theorie in der Logik der jeweiligen Systeme dar?

1.3       Wissenschaft und Praxis – empirisch beobachtbare Systemlogiken

Wer in der Wissenschaft arbeitet (und dort Karriere machen möchte), der muss sich an die Regeln halten. Die bedeuten, dass Drittmittel eingeworben werden müssen, Publikationen (in ausländischen Journals) erwartet werden, die Zumutungen und Anstrengungen innerhalb des wissenschaftlichen »Zirkus« ausgehalten werden (müssen). Und dabei gilt es folgendes zu beachten, so der langjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft: »Wissenschaftliches Wissen ist revisionsoffen auf falsifikatorische Selbstüberholung hin angelegt. Forschung erzeugt vorbehaltliche Erkenntnis. Und die darf nicht mit jener Form des Weisheitswissens verwechselt werden, welche zwischen Erkenntnis und Normativität, zwischen Wissen und Werten, zwischen Epistemischem und Axiologischem nicht zu unterscheiden weiß« (Strohschneider 2020, S. 152). Nun, nicht nur in der Pflegewelt werden von Theoretikern und Wissenschaftlern klare Antworten, Handlungsstrategien und Umsetzungsschritte erwartet – dies können sie aber häufig nicht leisten, dürfen oder wollen das auch nicht. Institutionelle Zwänge, Arbeitsprioritäten und fehlende Kenntnis und Sensibilität für die Komplexität von Transferprozessen hindern sie daran. Warum? Weil das Wissenschaftssystem nach anderen Logiken funktioniert als die Praxis. Hier geht es um Reflexion und Erkenntnis, dort um Machbarkeit und Umsetzung. Zugegeben, das mag etwas grobschlächtig formuliert sein, denn es gibt natürlich Wissenschaft, deren Reflexionsniveau begrenzt ist und Praxis, welche die Grenzen ihrer Machbarkeit systematisch problematisiert. Aber eins ist klar: Durch Appelle und Engagements allein sind diese beiden Welten nicht einfach miteinander in Verbindung zu bringen.

Es bedarf eines Zwischenschritts, d. h. eines Facilitators. Das hat man in der britischen Diskussion durch Forschung generiert und immer wieder betont. Konsequenz: Wir brauchen sog. »Transferagenten« (vgl. z. B. Harvey et al. 2002; Rycroft-Malone 2007). Aber bevor ich dazu komme, soll noch auf die Logik der Praxis verwiesen werden.

Um die zu verstehen, sollten wir die uns vorliegenden Erkenntnisse zum Arbeitsalltag in der Pflege zur Kenntnis nehmen – jenseits der idealistischen Verkürzungen. Der »Studies of work«-Ansatz wäre hier in Anschlag zu bringen (Bergmann 2005), praxeologische Ansätze sind weiterführend (für einen Überblick siehe: Jonas 2020; weiterführend: Mol 2008, Mol et al. 2010). Diese Zugänge fragen danach, wie die Arbeitswirklichkeit in der Pflege konstituiert wird, nach welchen Imperativen sie funktioniert, durch welche habituellen Konfigurationen sie geprägt wird, welche Emotionsarbeit dort geleistet wird (vgl. insgesamt hierzu: Dunkel 1994, Böhle & Glaser 2006). Erst dann wird einsichtig, dass die Praxis in der Regel gegenüber der wissenschaftlichen Arbeit ein instrumentelles Verhältnis aufweist. Es geht darum, bestimmte Erkenntnisse für die Bewältigung und das Funktionieren der Routinen vor Ort nutzbar zu machen. Daher auch der Hinweis auf »praxisrelevante Befunde« – was auch immer dies sein mag.

Das vorläufige Resümee lautet also: Beide Systeme – Wissenschaft und Praxis – arbeiten mit naiven Reduktionismen. Während die eine Seite häufig ein Transfermodell in den Vordergrund rückt, das davon ausgeht, dass die bloße Information allein einen Unterschied macht, so dominiert auf der anderen Seite häufig ein instrumentalistischer Ansatz, der ausgewählte Befunde im Sinne der Machbarkeit vor Ort nutzen möchte.

1.4       Pragmatik und Kritik – ein Ausweg?

Wir haben festgestellt, dass die Verbindung von Theorie und Praxis nicht einfach so geschieht, auch nicht bloß eingefordert oder autoritär erzwungen werden kann. Man muss schon bereit sein, sich mit der Komplexität dieses Verhältnisses ernsthaft auseinanderzusetzen. Der Pragmatismus könnte eine Perspektive darstellen, denn – so hat es bereits Charles Peirce betont – unsere Überzeugungen, Denkschema und Glaubenssysteme sind letztlich Orientierungen für die Praxis, die wir im Alltag leben. Und nichts anderes geschieht auch mit den Pflegetheorien oder Modellen. Wenn sie in ihrer Bedeutung für die Praxis erkannt werden, wir uns mit ihnen auseinandersetzen, sie für unseren Alltag eine Orientierung bieten, dann können sie »praktisch« wirksam werden. Es geht also nicht um ein Eigenleben der Theoriewelt, ein pragmatischer Zugang rückt ihre Konsequenzen für die Praxis in den Vordergrund – ohne Dogmatik! Auch William James betonte vor über 100 Jahren, dass letztlich alle Theorien Approximationen, d. h. Annäherungen sind: »They are only a man-made (sic) language, a conceptual shorthand« (James 1907, S. 147). Dabei ist Wahrheit etwas, was geschieht. Das bedeutet, dass man sich die Umsetzung von Theorien, Ideen und Konzepte als einen Prozess vorstellen muss, in dem ihre Wahrheit letztlich durch bestimmte Ereignisse, und Vorkommnisse erst wirklich wird. Es geht dabei nicht darum um die »reine Lehre« zu streiten, sondern am Ende zu schauen (und zu reflektieren), was vor Ort sinnvoll ist, machbar ist, erreichbar ist. Zwei amerikanische Pflegetheoretikerinnen formulieren dies wie folgt: »As James contends, however, theories and ideas become true (are meaningful) just in so far as they help us to get into satisfactory relation with our experiences and result in more responsive action« (Doane & Varcoe 2005, S. 82). Noch ein Punkt ist sehr wichtig, der oben bereits angedeutet wurde: Entscheidend ist der Prozess, weniger die Suche nach einer bestimmten Doktrin (oder Wahrheit), der nun alle folgen müssen; auch steht der Vergleich der verschiedenen theoretischen Zugänge nicht im Vordergrund. Theoretische Überlegungen sind also nichts anderes als Programme, deren Nutzen und Nützlichkeit ständig auf dem Prüfstein stehen: »Theories thus become instruments, not answers to enigmas, in which we can rest. We don’t lie back upon them, we move forward, and, on occasion, make nature over again by their aid. Pragmatism unstifles all our theories, limbers them up and sets each one at work« (James 1907, S. 145).

Aber ein pragmatischer Zugang muss sich mit einem kritischen Zugang im Hinblick auf die Wirklichkeit verbinden. Und zwar vor allem deswegen, weil eine zu enge Auffassung des Pragmatismus im Kern nur aus unserer Wunscherfüllung besteht (vgl. den terminologischen Unterschieden vor allem: Brandom 2000). Eine umfassendere Perspektive, zu der vor allem Heidegger, Quine und Rorty im 20. Jahrhundert beigetragen haben, stellt den Vorrang des Praktischen selbst ins Zentrum seiner Überlegungen. Und dieser Zugang muss m. E. mit einer Kritikperspektive verbunden werden. Und die fragt nicht affirmativ danach, wie vorgegebene Dinge – es kann auch ein Expertenstandard sein – nun einfach in die Praxis umgesetzt werden können; Kritik geht darüber hinaus (vgl. umfassend Jaeggi & Wesche 2009). Denn entweder in oder außerhalb der bestehenden Verhältnisse muss sich ein Maßstab entwickeln, von dem aus eine gegebene Situation als falsch, mangelhaft, jedenfalls verbesserungsfähig charakterisiert wird. Letztlich ist es das gute Leben, was als Orientierung und Referenzkriterium dienen mag. Im Hinblick auf die Pflege gilt das genauso, denn am Ende geht es darum, den Betroffenen zu einem eigenständigen, autonomen und gelungenen Leben zu verhelfen. Aufgabe der Kritik (auch in der Pflege) ist es dann, aufmerksam zu sein für jene Mechanismen und Pathologien, welche die Betroffenen gerade daran hindern diesem Anspruch gerecht zu werden – auch wenn sie es selbst nicht wissen!

Und hier eine entsprechende Moderation und Qualifizierung zu übernehmen, das ist m. E. die Aufgabe der sog. »change agents«, oben bereits als Facilitators bezeichnet. Das ist vor allem in Großbritannien thematisiert worden, im sog. »Promotion Action on Research Implementation in Health Services/PARIHS)-Modell« Rycroft-Malone 2013, Sanders et al. 2013, Titchen et al. 2013). Dieses Modell geht davon aus, dass für einen erfolgreichen Transfer drei Dinge notwendig sind: Erstens muss eine empirische Basis vorhanden sein bzw. erst geschaffen werden (z. B. zum Schmerzmanagement). Zweitens muss ein Kontext vorhanden sein, der die Umsetzung neuer wissenschaftlicher Befunde unterstützt. Und drittens setzt eine erfolgreiche (und nachhaltige) Implementierung voraus, dass geeignete Facilitators engagiert bei der Sache sind. Und diese Personen sind fachlich qualifiziert, verfügen in der Regel über eine akademische Ausbildung und haben ein gewisses »standing« in der Organisation – das kann z. B. ein Krankenhaus oder ein Pflegeheim – sein. Es geht am Ende um einen »reflective pracititioner« (Schön 2013).

1.5       Abschluss: Fairer Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis