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Mit dem Alter gehen häufig Krankheit, Pflege- und Therapiebedarf einher. Die Heilung oder Linderung der Leiden gelingt der Geriatrie im multiprofessionellen Team. Pflege und Therapie, Medizin und andere Professionen arbeiten Hand in Hand, um älteren Patienten Autonomie und Lebensqualität (wieder) zu ermöglichen. In diesem Herausgeberband beschreiben Praktikerinnen und Praktiker, welche Konzepte und Methoden zur Anwendung kommen und wie diese gemeinsam geplant, durchgeführt und evaluiert werden. Folgende Themenbereiche werden dabei angesprochen: die Besonderheit der Geriatrie und ihre medizinischen Ausprägungen, spezifische Formen der interdisziplinären Arbeit und Vernetzung, Erscheinungsformen und Behandlungswege der großen physischen und psychischen Krankheitsbilder, Beeinträchtigungen durch Organveränderungen und Folgen für die Kommunikation mit älteren Menschen sowie der Umgang mit dem Lebensende. Neu in der 2. Auflage sind die Themenbereiche Hören und Sehen, Gesundheitsförderung und Prävention, Mobilität und Sturz, die Vorstellung des "NetzWerks GesundAktiv" sowie ein kurzer Exkurs zu COVID-19.
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Seitenzahl: 584
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Herausgebenden
Foto: Miriam Yousif-Kabota
Marion Rehm, Krankenschwester, Dipl.-Gesundheitswissenschaftlerin, Leiterin der Albertinen Akademie, Hamburg.
Wer sich entscheidet, in einem Gesundheitsberuf zu arbeiten, dem liegt daran, hilfsbedürftige Menschen zu versorgen und sie dabei zu unterstützen, ihre Selbständigkeit wiederzuerlangen. Dazu gehört auch, Menschen in Extremsituationen oder in der Sterbephase würdevoll zu begleiten. Der Umgang mit den Patienten, deren An- und Zugehörigen, die Zusammenarbeit im Team – es gibt nicht viele Berufe, die so vielseitig und vielschichtig sind und in denen es so viele Möglichkeiten gibt, sich zu spezialisieren und weiterzubilden. Seit fast vierzig Jahren bin ich nun schon im Gesundheitswesen tätig – zunächst als Krankenschwester, nach dem Studium in der Versorgungsforschung und seit zwölf Jahren organisiere ich Bildungsmaßnahmen für die Mitarbeiter der Gesundheitsberufe. Auch hier bin ich dankbar und schätze die Bandbreite und Vielfältigkeit meiner Tätigkeit.
Auf einer anderen Ebene darf ich nun dazu beitragen, dass Patienten und hilfsbedürftige Menschen eine qualitativ hochwertige und zugewandte Versorgung erhalten: indem Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen befähigt werden, Methoden und Konzepte zu erlernen, die ihnen in der alltäglichen Arbeit weiterhelfen. Und auch wenn in diesen unruhigen Zeiten Bildungsmaßnahmen oft hintenangestellt werden: Ohne Bildung geht es nicht! Bildung wird ein Schlüssel und ein Wettbewerbsvorteil für die Unternehmen sein, wenn es darum geht, Mitarbeiter zu halten und zu gewinnen.
Ich wünsche mir, dass dieses Buch viele Leserinnen und Leser findet und damit auch einen Anteil daran hat, dass die Versorgung der uns anvertrauten Menschen verbessert wird.
Marion Rehm
Wolfgang Schwibbe, Pädagoge und Andragoge, von 2000 bis 2016 Leiter der Albertinen Akademie, weiterhin als Senior-Berater tätig.
Bei der Erstauflage dieses Buches im Jahr 2019 wussten wir nichts von Corona, und wir konnten nicht ahnen, welch gravierende Auswirkungen die Pandemie für die Älteren in Deutschland haben würde – insbesondere dann, wenn sie in Einrichtungen wohnen.
»Strikte Isolation ist gerade für Ältere Gift« lautete die Überschrift eines Interviews bereits Anfang April 2020 – dieser und viele andere Einwände nützten nichts.1 In der Pandemie waren all die guten und richtigen Ansätze zu Beteiligung, Autonomie, Selbstverantwortung etc. plötzlich dahin, weil der oberste Grundsatz in Deutschland lautete: unbedingter Schutz vor Ansteckung, auch um den Preis absoluter Isolation, einsam durchlebter Krankheit und häufig auch einem Versterben ohne Abschied von den Angehörigen.
Wenn das Prinzip wenigstens wirksam gewesen wäre – aber es starben in Alten- und Pflegeheimen sehr viele Bewohnerinnen und Bewohner: »Ein wirksamer Schutz der Heimbewohner*innen ist allerdings auch in der zweiten Welle vielerorts nicht gelungen«, fasst eine Publikation im Juli 2022 die Ergebnisse zusammen.2 Und: »Die Übersterblichkeit im zeitlichen Zusammenhang mit den Pandemiewellen erscheint deutlich.«3
Die Aufarbeitung dieses Versagens steht aus, die Geriatrie und Gerontologie sollte ihre Fachkompetenz dabei unbedingt einbringen.
Wolfgang Schwibbe
1 Keller M (2020) »Strikte Isolation ist gerade für Ältere Gift«. Interview mit Johannes Pantel in Spiegel online, 02.04.2020 (https://www.spiegel.de/gesundheit/coronavirus-strikte-isolation-ist-gerade-fuer-aeltere-gift-a-da331fcf-c5ea-40db-822c-9bbc8f85d67b, Zugriff am 01.07.2022)
2 Klemperer D (2022) Corona verstehen – evidenzbasiert. Living eBook, Version 69.0, Stand 10.10.2022, S. 245 (https://www.sozmad.de/Klemperer_Corona_69.0.pdf, Zugriff am 13.10.2022)
3 Ebd., S. 236
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2., erweiterte und überarbeitete Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-040484-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-040485-4
epub: ISBN 978-3-17-040486-1
Unter Altern verstehen wir einen organtypischen Prozess, der sowohl die physiologischen Prozesse wie die Morphologie der Organe verändert. Während es dadurch im körperlichen Bereich zu einem Leistungsabfall kommt, sind im seelisch-geistigen Bereich im Alter Höchstleistungen möglich. Alter ist keine Krankheit, aber die Krankheitsanfälligkeit nimmt zu. Die Übergänge zwischen normalen Alterungsprozessen und der Entstehung von Krankheiten sind fließend. Krankheiten werden deshalb oft von den Betroffenen wie von den Professionellen nicht rechtzeitig erkannt, was zu unnötigen Behinderungen und Resignation führen kann.
Um dem zu begegnen, ist es wichtig, dass sowohl die Betroffenen wie alle professionell im Gesundheitssystem Tätigen über die nötigen Kenntnisse im Umgang mit Alter und Krankheit Bescheid wissen. Alle müssen wir sowohl im präventiven, kurativen wie rehabilitativen Bereich auf den Prozess Altern Rücksicht nehmen. Davon ausgenommen werden kann nur der Bereich der Kinder- und Jugendmedizin.
Das Wissen um Altern und Krankheit und die speziellen Aspekte der Therapie müssen dabei sowohl im ambulanten Bereich wie im Krankenhausbereich und ganz besonders im Heimbereich bekannt sein.
Für mich ist dabei das Wichtigste, dass wir von einer positiven Grundhaltung ausgehen, wie ich es gerne nenne, eine »Dennoch-Haltung«. Rehabilitation ist möglich bis zum Tod. Verbessert werden kann die Situation eines jeden Patienten. Hilflosigkeit kann durch Wissen, Professionalisierung und Empathie verhindert werden. Das vorliegende Buch, das von Marion Rehm, der Leiterin der Albertinen Akademie und ihrem Vorgänger Wolfgang Schwibbe herausgegeben wird, vermittelt uns einen Großteil dieses Wissens. Erstmals sind es nicht Mediziner, die ein Buch für Professionelle, in der Gerontologie Tätige herausgeben. Frau Rehm und Herr Schwibbe können dabei auf viele auch praktisch tätige Dozenten der Akademie zurückgreifen, haben aber auch darüber hinaus wichtige zusätzliche Beiträge gesammelt.
Die einzelnen, breit gefächerten Themen spiegeln die komplexe Thematik der Gerontologie und Geriatrie. Das Buch bildet eine ausgezeichnete Übersicht über den Bereich Altern, Krankheit und Behinderung. Es zeigt, wie viel Wissen, Kraft, Geduld und Können die Pflege des alten Menschen erfordert.
Letztlich ist der Umgang mit dem alten Menschen ein gesellschaftliches Thema. Die Gesellschaft zeigt die Wertschätzung durch die Bedingungen, die sie für die Alten schafft, aber auch durch die Anerkennung, die sie den Professionellen, die sich um die alten Menschen kümmern, ausspricht.
Das Buch hat mit der ersten Auflage bereits eine gute Resonanz erfahren. Ich freue mich, dass die nun erweiterte zweite Auflage erneut dazu beitragen kann, die Situation der alten Patienten zu verbessern, Verständnis zu wecken und eine positive Grundhaltung zu vermitteln. Ich wünsche dem Buch eine große Leserschaft zum Wohle der uns anvertrauten Patienten.
Prof. Dr. Hans Peter
Meier-Baumgartner im Oktober 2022
Geleitwort
Abkärzungsverzeichnis
Vorwort zur 2. Auflage
Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe
Einleitung
Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe
1 Haltung, Handwerk und Holistik – Geriatrie und die Grundfragen des Lebens
Werner Vogel
1.1 Stationen der Geriatrie in Deutschland
Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe
2 Mensch und Krankheit im höheren Lebensalter
Michael Musolf
2.1 Menschen im höheren Lebensalter
2.1.1 Altern und Alterung
2.1.2 Alternsbilder und Alternstheorien
2.1.3 Seneszenz
2.1.4 Primäres und sekundäres Altern
2.1.5 Gebrechlichkeit und Frailty-Syndrom
2.1.6 Prävention
2.1.7 Alltagskompetenz – Selbsthilfefähigkeit – Autonomie
2.2 Krankheit im Alter
2.2.1 Akute gesundheitliche Probleme im Alter
2.2.2 Chronische Krankheiten im Alter, Multimorbidität und geriatrische Syndrome
2.2.3 Assessment in der Geriatrie
2.2.4 Klassifikationssysteme
2.3 Polypharmakotherapie
2.3.1 Einleitung
2.3.2 Pharmakokinetik
2.3.3 Pharmakodynamik
2.3.4 Polymedikation
2.3.5 Unter-/Über-/Fehlmedikation bzw. -dosierung
2.3.6 Compliance und Adhärenz
2.3.7 Resümee
2.4 Das multiprofessionelle geriatrische Team
2.4.1 Ärztlicher Dienst
2.4.2 Pflegerischer Dienst
2.4.3 Physiotherapie
2.4.4 Ergotherapie
2.4.5 Logopädie
2.4.6 Neuropsychologie
2.4.7 Soziale Arbeit
2.4.8 Seelsorge
2.5 Herausforderung in Diagnostik und Therapie – Fallbeispiele
2.5.1 Drei Fallbeispiele
2.5.2 Fragenkatalog zur Herangehensweise des geriatrischen Teams
2.5.3 Lösungen zu den Fallbeispielen
3 Gesundheitsförderung und Prävention im Alter – das Beispiel Albertinen Haus Hamburg
Ulrike Dapp
3.1 Einleitung
3.2 Definition von Gesundheitsförderung und Prävention
3.3 Ausgewählte Interventionen: ganzheitlich, interdisziplinär, im kommunalen Setting
3.3.1 Programm »Aktive Gesundheitsförderung im Alter« ( Tab. 3.1)
3.3.2 Geriatrischer Qualitätszirkel für Hausarztpraxen ( Tab. 3.1)
3.3.3 Mobilitätsambulanz/Geriatrische Institutsambulanz ( Tab. 3.1)
3.3.4 Präventiver (geriatrischer) Hausbesuch ( Tab. 3.1)
3.4 Differenzierung der Funktionsfähigkeit im Alter
3.5 Fazit
3.6 Ausblick
4 Interdisziplinarität, therapeutisches Team und der Umgang mit den »Schnittstellen« sowie Erläuterungen zur »Aktivierend-therapeutischen Pflege in der Geriatrie« (ATP-G)
Andrea Kuphal
4.1 Geriatrie – generalistisches Fachgebiet der Medizin
4.2 Interdisziplinarität und multiprofessionelles Team
4.3 Spezifika geriatrischer Arbeit
4.4 Schnittstellen
4.5 Das Konzept der Aktivierend-therapeutischen Pflege in der Geriatrie (ATP-G)
5 Der geriatrische Patient
5.1 Verschiedene Versorgungsformen und ihre Besonderheiten
Kristina Oheim und Anke Wittrich
5.1.1 Geriatrie im ambulanten Bereich
5.1.2 Geriatrie im stationären Bereich
5.1.3 Leistungen zur medizinischen Rehabilitation (§ 40 SGB V)
5.1.4 Fazit
5.2 Versorgungsformen im Sozialgesetzbuch XI: Wohnen bei vorliegender Pflegebedürftigkeit
Susette Schumann
5.2.1 Die Versorgungsformen und die Wohnvorstellungen der älteren Menschen
5.2.2 Pflege in der privaten Wohnung
5.2.3 Wohnen und Pflege in Institutionen
5.2.4 Grenzen der Wohn- und Versorgungsangebote
5.2.5 Neue Wohnangebote und geplante Qualitätsanforderungen
5.2.6 Entwicklung neuer technischer Unterstützungssysteme für ältere Menschen
5.2.7 Lernwege
5.2.8 Fazit
6 Unterstützungsnetzwerk im Quartier – das Modellprojekt »NetzWerk GesundAktiv«
Ulrich Thiem
6.1 Geriatrische Versorgung im stationären und ambulanten Bereich
6.2 Altern im Quartier
6.3 Das Modellprojekt »NetzWerk GesundAktiv«
6.4 Erfahrungen von Teilnehmenden
6.5 Fazit und Ausblick
7 Mobilität im Alter
Katja Mai
7.1 Mobilitätseinschränkungen und -störungen im Alter
7.1.1 Multimorbidität
7.1.2 Frailty
7.1.3 Mangelernährung
7.1.4 Sarkopenie
7.1.5 Osteoporose
7.1.6 Arthrose
7.1.7 Schmerzen
7.1.8 Immobilität – Bewegungsmangel
7.1.9 Fazit
7.2 Sturzgeschehen im Alter
7.2.1 Sturzrate
7.2.2 Sturzursachen
7.2.3 Sturzfolgen
7.2.4 Interventionsansätze
7.2.5 Fazit
8 Haltung und Bewegung: Immobilität, Instabilität und Unsicherheit im höheren Lebensalter
Marianne Brune und Michaela Friedhoff
8.1 Das Bobath-Konzept als Grundlage
8.1.1 Motorische Kontrolle, motorisches Lernen
8.2 Normale Bewegung
8.2.1 Verlust von Mobilität im Alter
8.2.2 Bewegungsübergang vom Sitzen zum Stehen – ein Fallbeispiel
8.3 Fallbeispiel Herr S.
8.4 ZNS und »learned non-use«
8.4.1 Befundaufnahme: »Normale Bewegung« als Referenz
8.5 Therapeutische Interventionen
8.5.1 Was hat das Zähneputzen im Sitzen mit dem Aufstehen zu tun?
8.5.2 Negative Auswirkungen von Kompensation
8.6 Pflegerische Interventionen
8.6.1 Mobilisation – und ihre Vermeidung im Pflegealltag
8.6.2 Aspekte aktivierender Mobilisation
8.7 Die Bedeutung des Bobath-Konzepts in der klinischen Geriatrie
8.8 Fazit
9 »Wenn Hören und Sehen vergeht« – zwei wichtige Sinnesorgane und ihr allmählicher Funktionsverlust
Marie-Luise Strobach
9.1 Einleitung
9.2 Das Hören und der altersbedingte Hörverlust
9.2.1 Symptome der Altersschwerhörigkeit
9.2.2 Folgen von Schwerhörigkeit
9.2.3 Diagnostik
9.3 Behandlung
9.4 Die Sinnesfunktion des Sehens
9.4.1 Das Auge und altersphysiologische Veränderungen der Sehfunktion
9.4.2 Die häufigsten Augenerkrankungen
9.4.3 Behandlungsmöglichkeiten
9.4.4 Auswirkungen von Seheinschränkungen
9.5 Fazit
10 Der orale Trakt: Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen als zentrale Einschränkung seiner besonderen Funktionsvielfalt
10.1 Ernährung – mehr als die Gabe von Nahrung und Flüssigkeit
Dagmar Nielsen
10.1.1 Bedürfnisse berücksichtigen, Bedarfe sichern – die Rolle der Pflegekräfte
10.1.2 Unterstützung durch Vernetzung von Angehörigen und Professionellen
10.1.3 Mundgesundheit – endlich ein eigener Expertenstandard
10.1.4 Fazit
10.2 Dysphagie und therapeutisches Trachealkanülenmanagement
Norbert Niers
10.2.1 Einleitung: Essen und Trinken – selbstverständlich und doch einzigartig
10.2.2 Dysphagien: vielfältige Ursachen für die Beeinträchtigung des Schluckvorgangs
10.2.3 Grundlagen zum Schluckablauf
10.2.4 Schlucken im Alter: Presbyphagie
10.2.5 Diagnostik von Schluckstörungen
10.2.6 Bildgebende Diagnostik
10.2.7 Therapie von Schluckstörungen
10.2.8 Dysphagien und therapeutisches Trachealkanülenmanagement
10.3 Kognitiv bedingte Störungen von Kommunikation und Nahrungsaufnahme bei geriatrischen Patienten
Maria-Dorothea Heidler
10.3.1 Einleitung
10.3.2 Kognitiv bedingte Dysphasien und Dysphagien
10.3.3 Management von kognitiv bedingten Dysphasien und Dysphagien
10.3.4 Zusammenfassung
11 Mit Scham belegt: Kontinenzverlust und Inkontinenz
Uwe Papenkordt
11.1 Was bedeutet Kontinenz
11.2 Die Miktion
11.3 Inkontinenzformen
11.3.1 Funktionelle Inkontinenz
11.3.2 Inkontinenz aufgrund veränderter Speicher- und Entleerungsfunktion der Harnblase
11.4 Inkontinenz in ihrer Vielfalt – eine Herausforderung für die Pflegenden
11.4.1 Einschätzung der Harninkontinenz
11.4.2 Kontinenzförderung – Möglichkeiten und Grenzen
11.4.3 Hilfsmittelversorgung
11.5 Ausblick
12 Medikamente im Alter: Polypharmazie und die Rolle der Pflege
Frank Hanke
12.1 Anstelle einer Einführung
12.2 Multimorbidität, Iatrogenesis und Unerwünschte Arzneimittelereignisse
12.3 Polypharmazie – was ist das?
12.3.1 Ursachen der Polypharmazie
12.3.2 Multiiatrogenität und Konsequenzen der Polypharmazie
12.3.3 Polypharmazie, Sucht und Missbrauch von Arzneimitteln
12.4 Ursachen der Arzneimittelprobleme bei geriatrischen Patienten
12.5 Anstelle eines Ausblicks: Die Etablierung einer neuen Risikokultur oder … »Wie aus Mist ertragreicher Dünger wird«
13 Schmerz
Joachim Guntau
13.1 Definition und Prinzipien
13.2 Akut/Chronisch
13.3 Schmerzformen
13.4 Schmerzerfassung
13.5 Schmerztherapie
13.6 Medikamentöse Therapie
13.7 Nichtpharmakologische Therapieoptionen
13.8 Invasive Therapie
14 Kognition und Bewusstsein
14.1 Intellektueller Abbau und Wesensveränderungen als Folge schleichender oder plötzlicher hirnorganischer Ereignisse
Peter Tonn
14.1.1 Einführung
14.1.2 Überblick über kognitive Leistungen im Altersverlauf
14.1.3 Bedeutung der korrekten Einschätzung von kognitiven Defiziten
14.1.4 Ursachen von kognitiver Beeinträchtigung
14.1.5 Einfache Diagnostik der kognitiven Leistungen
14.1.6 Therapeutische Angebote
14.2 Integrative Validation nach Richard®
Monika Richard
14.2.1 Einleitung
14.2.2 Die Wurzeln der Integrativen Validation nach Richard® (IVA)
14.2.3 Die IVA arbeitet mit Ressourcen
14.2.4 IVA als Handlungsansatz für eine wertschätzende und identitätsstärkende Begegnung
14.2.5 Die Methode
14.2.6 Praktische Anwendung
14.3 Ergotherapie bei Demenzerkrankungen
Anne-Kathrin Blank, Gudrun Schaade und Dorothee Danke
14.3.1 Demergo – spezifische Weiterbildung für den Umgang mit Demenzerkrankten
14.3.2 Die Studienlage zum Thema »Ergotherapie und Demenz«
14.4 Gespürte Interaktion als Schlüssel zur Welt – Das Affolter-Modell®
Birgit Adam-Küllsen
14.4.1 Zwei Arten des Führens
14.4.2 Nonverbale Informationen und Sprache
14.4.3 Entstehung, Verbreitung und Lernwege
14.4.4 Fazit
14.5 Musik und Musiktherapie im Umgang mit Demenzerkrankten
Andreas Blase
14.5.1 Intrusionen
14.5.2 Musiktherapie – konzentrationsfördernd, stimmungsaufhellend, antidepressiv wirkend, heilend
14.5.3 Musiktherapie im institutionellen Kontext – eine Zusammenfassung
14.6 Demenz im Krankenhaus
Jochen Gust
14.7 Delir im Krankenhaus
Jochen Gust
14.7.1 Delir-Risiko
14.7.2 Abgrenzung und Screening
14.7.3 Delir-Management für Patienten mit Demenz im Krankenhaus
15 Die Last des Lebens meistern: Umgang mit Depression und Suizidalität
Reinhard Lindner
15.1 Definition
15.2 Epidemiologie
15.3 Ätiologie
15.4 Klinisches Bild
15.5 Diagnostik
15.6 Differenzialdiagnose
15.7 Suizidalität im Alter
15.8 Allgemeine Handlungsoptionen bei Depression und Suizidalität
15.9 Interaktionen bei Depression und Suizidalität
15.9.1 Konflikthaftes Miteinander
15.9.2 Das Problem kann nicht verhandelt werden
15.9.3 Kontaktvermeidung
15.10 Die langfristige Behandlung von Depression und Suizidalität
15.10.1 Medikamentöse Therapie
15.10.2 Psychotherapie
15.10.3 Besonderheiten der Behandlung der Suizidalität
15.11 Entstehung, Entwicklung und Verbreitung
15.12 Fazit
16 Nähe und Vertrauen herstellen
16.1 Kommunikation, Beziehungsarbeit, Für- und Selbstsorge
Beate Stiller
16.1.1 Das kotverschmierte Thermometer
16.1.2 Eine Patientin verliert die Zuversicht
16.1.3 Zusammenfassung
16.2 Basale Stimulation® – eine Grundidee menschlicher Begegnung
Marianne Pertzborn und Michael Goßen
16.2.1 Häufige Verhaltensweisen demenziell veränderter Menschen und Interventionsmöglichkeiten durch Basale Stimulation®
16.2.2 Abschließende Betrachtungen
16.2.3 Forschung, Fort- und Weiterbildung
17 Zuwendung am Ende des Lebens: Palliative Care
Christel Ludewig
17.1 Geschichte und Entwicklung von Hospizarbeit und Palliative Care
17.2 Grundsätze von Hospizarbeit und Palliative Care
17.3 Palliative Geriatrie
17.3.1 Körperliche Bedürfnisse
17.3.2 Psychosoziale Bedürfnisse
17.3.3 Spirituelle Bedürfnisse
17.4 Qualifikationen in Palliative Care
17.5 Ausblick
18 COVID-19 – ein Virus, das weiter herausfordert
Wolfgang Schwibbe
19 Bildung und Qualifikation
Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe
Die Autorinnen, die Autoren
Stichwortverzeichnis
ADL/ATL
Activities of daily living/Aktivitäten des täglichen Lebens
AGAST
Arbeitsgruppe Geriatrisches Assessment
AHB
Anschlussrehabilitation
ALS
Amyotrophe Lateralsklerose
APW
Arbeitsgemeinschaft pro Wahrnehmung
ATP-G
Aktivierend-therapeutische Pflege in der Geriatrie
BAG
Bundesarbeitsgemeinschaft der geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen
BAGSO
Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO)
BED
Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland
BESD
Beurteilung von Schmerzen bei Demenz
BfArM
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
BIA
Bioelektrische Impedanz-Analyse
BIKA®
Bobath-Initiative für Kranken- und Altenpflege
BMBF
Bundesministerium für Bildung und Forschung
BMG
Bundesministerium für Gesundheit
BMI
Body-Mass-Index
BMVBS
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
BVG
Bundesverband Geriatrie
BWR
Bewertungsrelation
CAM
Confusion Assessment Method
CCT
Craniale Computertomographie
CERAD
Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease
CM
Case Mix
COPD
Chronic Obstructive Pulmonary Disease
DAA
Deutsche Angestellten-Akademie
DED
Deutsche Expertengruppe Dementenbetreuung
Demergo
Weiterbildung »FachergotherapeutIn Demenz nach Gudrun Schaade«
DemTect
Demenz Detection
DFA
Diakonische Fort- und Weiterbildungsakademie
DGE
Deutsche Gesellschaft für Ernährung
DGG
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie
DGGG
Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie
DGGPP
Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie
DGNKN
Deutsche Gesellschaft für Neurotraumatologie und klinische Neurorehabilitation
DGP
Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin
DGSS
Deutsche Schmerzgesellschaft (vormals Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes)
DGSv
Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching
DIMDI
Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (bis Mai 2020, seitdem unter dem Dach des BfArM)
DKG
Deutsche Krankenhausgesellschaft
DNQP
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege
DPR
Deutscher Pflegerat
DRG
Diagnosis Related Groups
DVE
Deutscher Verband der Ergotherapeuten
EADL
Erweiterte Alltagsaktivitäten
EBM
Einheitlicher Bewertungs-Maßstab
EEG
Elektroenzephalografie
EGZB
Evangelisches Geriatriezentrum Berlin
EKG
Elektrokardiogramm
FEES
Fiber-Endoscopic Evaluation of Swallowing
FIM
Functional Independence Measure
FORTA
Fit For The Aged
F.O.T.T.®
Facio-Orale Trakt-Therapie
FWB
Fachweiterbildung
GBA
Gemeinsamer Bundesausschuss
G-DRG
German Diagnosis Related Groups
GDS
Geriatrische Depressionsskala
GFK
Geriatrische Frührehabilitative Komplexbehandlung
GIA
Geriatrische Institutsambulanz
GKV-SV
Spitzenverband Bund der Krankenkassen
HPG
Hospiz- und Palliativgesetz
HIBB
Hamburger Institut für berufliche Bildung
HLP
Hyperlipoproteinämie
IAD
Inkontinenz-Assoziierte Dermatitis
IADL
Instrumental Activities of Daily Living
IBITA
International Bobath Instructors Training Association
ICD
International Classification of Diseases
ICF
International Classification of Functioning, Disability and Health
ICP
Infantile Cerebralparese
ICS
Internationale Continence Society
IFSG
Infektionsschutzgesetz
IMHS
Intramedulläre Hüftschraube
InEK
Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus
IPW
Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld
ISAR
Identifikation of Seniors at Risk
IVA
Integrative Validation nach Richard®
KDA
Kuratorium Deutsche Altershilfe Wilhelmine-Lübke- Stiftung
KHK
Koronare Herzkrankheit
LBFW
Landesbasisfallwert
L-Dopa
Levodopa; L-3,4-Dihydroxyphenylalanin
LKB
Leichte Kognitive Beeinträchtigung
LL.M
Master of Laws
LSVT®
Lee Silverman Voice Treatment
LUCAS
Longitudinal Urban Cohort Ageing Study
MBA
Master of Business Administration
MDK
Medizinischer Dienst der Krankenversicherung
MDS
Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen
MMSE
Mini Mental State Examination
MNA
Mini-Nutrial-Assessment
MoCA
Montreal Cognitive Assessment
MRT
Magnetresonanztomographie
MS
Multiple Sklerose
MUST
Malnutrition Universal Screening Tool
mVD
mittlere Verweildauer
NANDA
North American Nursing Diagnosis Association
NaSSA
Noradrenergic and Specific Serotonergic Antidepressant
NPZ
Neuropsychiatrisches Zentrum Hamburg-Altona
NRS
Nutrional Risk Screening
NSAR
Nicht Steroidales Antirheumatikum
OECD
Organisation for Economic Co-operation and Development
oGV
obere Grenz-Verweildauer
OPS
Operationen- und Prozedurenschlüssel
PAVK
Periphere Arterielle Verschlusskrankheit
PEMU
Pflegerische Erfassung von Mangelernährung und deren Ursachen
PIM
Potentiell Inadäquate Medikation
PISA
Programme for International Student Assessment
PKV
Verband der Privaten Krankenversicherung
PrävG
Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention
QB
Querschnittsbereich
RKI
Robert Koch-Institut
RR
Riva-Rocci (Blutdruck)
RTW
Rettungswagen
SGB
Sozialgesetzbuch
SI
Sensorische Integration
SIADH
Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion
SNRI
Serotonin Noradrenalin Reuptake Inhibitor
SOK
Selektion, Optimierung und Kompensation
SOP
Standard Operating Procedure
SSRI
Selective Serotonin Reuptake Inhibitor
STRATIFY
Scale for Identifying Fall Risk Factors
StrOPS
Strukturprüfung von Prozeduren des OPS-Kataloges
TENS
Transkutane Elektrische Nervenstimulation
TFDD
Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung
TZA
Trizyklische Antidepressiva
UAE
Unerwünschte Arzneimittelereignisse
UE
Unerwünschte iatrogene Ereignisse
UEMS
Union Européenne des Médecins Spécialistes
uGV
untere Grenz-Verweildauer
VAK
validierende Kurzbegegnung
VeBID
Verein der Bobath InstruktorInnen (IBITA) Deutschland und Österreich
WG
Wohngemeinschaft
WHEDA
Wirksame Häusliche Ergotherapie für Demenzerkrankte und Angehörige
WHO
World Health Organization
ZNA
Zentrale Notaufnahme
ZNS
Zentrales Nervensystem
Laborwerte
AP
Alkalische Phosphatase
γ-Globulin
Gamma-Globulin
γ-GT
Gamma-Glutamyltransferase
CK
Creatin-Phosphokinase
CRP, hCRP
C-reaktives Protein
DHEA
Dehydroepiandrosteron
FSH
Follikelstimulierendes Hormon
fT3
Freies Trijodthyronin
fT4
Freies Thyroxin
Hb
Hämoglobin
IL-1, IL-6
Interleukine
LDH
Laktat-Dehydrogenase
LH
Luteinisierendes Hormon
LDL
Low Density Lipoprotein
TNFα
Tumornekrosefaktor
TPHA
Treponema-Pallidum-Hämagglutinations-Assay
TSH
Thyreoidea-stimulierendes Hormon
1 ohne Benennung der Gesellschaftsform, z. B. e.V.
Seit der ersten Auflage haben sich die Fachgebiete Geriatrie und Gerontologie weiterentwickelt, aber die gravierendste Veränderung fand anderswo statt: Die Coronapandemie hat viele sicher geglaubte Errungenschaften selbständiger und eigenverantwortlicher Lebensweisen von Senioren stark beeinträchtigt (siehe hierzu unsere Einleitung). Die Krankenhäuser waren und sind seit März 2020 mit der Abwehr und/oder der Beherrschung des Virus befasst, häufig am Rande oder bereits über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit; viele unter normalen Umständen stattfindende Veranstaltungen, Kongresse oder andere Treffen entfielen ganz, manche wurden virtuell durchgeführt. Auch die Bildungsanbieter waren und sind stark von der Pandemie betroffen, nicht alle haben die langen Kursausfälle oder stark eingeschränkten Kursdurchführungen überstanden.
Dennoch oder vielleicht gerade wegen der Pandemie wurde (auch) gelesen, und wir freuen uns, nun diese überarbeitete und erweiterte 2. Auflage unseres Buches herausgeben zu dürfen. Daten wurden aktualisiert, ggf. Korrekturen oder Ergänzungen vorgenommen und einige Kapitel sind neu hinzugekommen (siehe Einleitung).
Das Alter als eine sehr späte Phase zu definieren, die erst auf viele aktive nachberufliche Jahre folgt, ist historisch einmalig – erst eine sehr lange Friedensperiode in Deutschland, Europa und vielen außereuropäischen Ländern in Kombination mit einem außerordentlichen Zuwachs hygienischer Lebensverhältnisse und einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte der modernen Medizin konnte dazu führen, dass wir uns mit den Phänomenen der alternden Gesellschaft, deren Chancen und Risiken in einem solchen Ausmaß beschäftigen (können).
In allen vorherigen Geschichtsepochen war das Alter ein Privileg einiger Weniger (Wohlhabender), und spätestens mit Ende des aktiven Beschäftigungsverhältnisses war man alt – wenn nicht aufgrund von Kriegen, Epidemien, Arbeitsbedingungen, Armutsfaktoren, Hygienemängeln etc. das Leben schon in den 20er, 30er oder 40er Jahren endete oder zumindest stark beeinträchtigt war.
Infolge der Entwicklung der letzten Jahrzehnte mit steigender Lebenserwartung, besserer Gesundheit und aktiverer Zeitgestaltung auch in höherem Alter kam es so zu einem Zweig der Medizin, der bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts noch undenkbar war: Geprägt und erstmalig verwandt wurde der Begriff »Geriatrie« im Jahr 1909 durch den österreichischen Mediziner Ignatz Nascher in einem Aufsatz des New York Medical Journal. Vor 56 Jahren fand die Geriatrie in Deutschland ihren ersten Praxisort:
»Erste eigenständige Einrichtungen im Sinne von ›Spezialkliniken für Altersleiden‹ existierten mit dem Ev. Krankenhaus Gesundbrunnen Hofgeismar (1967), der Henriettenstiftung Hannover (1972) oder der 1980 gegründeten Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg, die mit Fördermitteln des Bundes eingerichtet werden konnte.« (Bundesverband Geriatrie e. V. 2010, S. 16).
Bereits 1974 hatte in Hamburg das Ev. Amalie-Sieveking-Krankenhaus die »Geriatrische Klinik im Richard Remé-Haus« in Betrieb genommen.
Die »Bundesarbeitsgemeinschaft der geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen e. V.« gründete sich auf Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung 1993 mit zunächst 19 Mitgliedseinrichtungen. 2008 erfolgte die Umbenennung in »Bundesverband Geriatrie«, in dem knapp 400 Mitgliedeinrichtungen zu verzeichnen sind (Bundesverband Geriatrie e. V. o. J.).
So entwickelte sich auch das geriatrische Wissen und die Ausdifferenzierung geradezu explosionsartig. Standen zunächst Krankheitsbilder wie Schlaganfall oder Diabetes und die zugehörige Behandlung im Vordergrund, so traten später zunehmend gerontopsychiatrische Krankheiten (die drei großen Ds – Demenz, Depression, Delir) und Tumorerkrankungen in den Fokus. In neuerer Zeit kamen Fragen der palliativen »Behandlung« und Aspekte einer umfassenden Prävention hinzu.
Diese Entwicklungen spiegelten sich in der Literatur und – mit meist kleiner Verzögerung – auch in den Programmen der Fort- und Weiterbildung wider, so auch in den Jahresprogrammen der Albertinen Akademie. Seit mehr als 28 Jahren – im Oktober 1994 wurde die Akademie gegründet – wenden wir uns an Therapeuten, Pflegepersonal, Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen – mithin an alle Mitglieder des geriatrischen Teams.
Zunächst eng am klinischen Alltag und dessen Krankheitsbildern orientiert, später auch Aspekte der ambulanten und stationären Altenhilfe und deren Fragen thematisierend, hat die Albertinen Akademie in der Fort- und Weiterbildung zu geriatrischen und gerontologischen Themen ein breites Spektrum an Themen entwickelt. Die umfassendsten Erfahrungen wie auch die meisten Angebote existieren zweifellos bei den Berufsgruppen Therapie und Pflege, auf diese Zielgruppen wird sich das Buch daher konzentrieren.
Das Buch ist ein Gemeinschaftswerk, und daher gilt es, Dank zu sagen für die vielen Unterstützer. Unsere Autorinnen und Autoren sind natürlich die ersten Adressaten unseres Dankes. Ohne ihre große Bereitschaft, ein eigenes Kapitel zu schreiben, wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Wir bedanken uns besonders für die überaus freundliche Kommunikation, die hohe Termintreue und das große Vertrauen in unsere Redaktionsarbeit.
Prof. Dr. Hans Peter Meier-Baumgartner, langjähriger Ärztlicher Direktor im Albertinen Haus in Hamburg und Grandseigneur der bundesdeutschen Geriatrie, danken wir für seine freundlichen Worte zum Geleit.
Friedhilde Bartels danken wir dafür, dass sie uns mit dem Grundgedanken für ein solches Buch mit dem Kohlhammer Verlag zusammengebracht hat und in der Anfangsphase eine große Unterstützerin bei der Konzeptionierung war.
Dem Bundesverband Geriatrie danken wir für die Unterstützung bei der Aktualisierung von Daten.
Dem Kohlhammer Verlag, vor allem unserer Lektorin Anne-Marie Bergter, sei gedankt für die gute Betreuung, das ausgezeichnete Lektorat und die zahlreichen Anregungen.
Prof. Dr. Matthias Zündel haben wir zu verdanken, dass dieses Buch sehr viel anschaulicher wurde als zunächst angedacht: Er wies uns sofort darauf hin, dass die ursprüngliche Planung mit sehr wenigen grafischen Elementen dem Bucherfolg sicher nicht zuträglich sein würde.
Miriam Yousif-Kabota danken wir für die Original-Fotos, die erheblich zur Veranschaulichung beitragen. Aufgrund des gleichberechtigten Anspruchs an fachliche Präzision, fotografische Ästhetik und lebensnahe Motivwahl war dies eine wirklich anspruchsvolle Aufgabe.
Stefanie Heldt (Therapieleitung im Ev. Amalie-Sieveking-Krankenhaus) und Silke Kinder (Absolventin der ZERCUR GERIATRIE®-Fachweiterbildung Pflege) gilt unser besonderer Dank. Beide haben die Erstauflage vorab zur kritischen Durchsicht erhalten und sehr wertvolle und konstruktive Hinweise zur Verbesserung des Buches gegeben.
Last not least danken wir unseren Familien, die erneut zeitweise länger auf uns verzichten mussten, weil wir tief eintauchten in Kapitel, Anmerkungen oder eigene Texte, und die uns dennoch immer unterstützt haben, z. T. auch mit ihrer Fachexpertise.
Uns ist bewusst, dass die Diskussion um eine geschlechtergerechte Sprache keineswegs beendet ist und vieles dafürspricht, dass geschlechtsneutrale Begriffe oder je geschlechtsspezifische verwandt werden. Auch das generische Maskulinum ist schließlich ein Ausdruck für die lange Vorherrschaft von Männern. Im Buch haben wir uns dennoch entschieden, in der Regel diese Form zu verwenden, denn damit sind nach bisher vorwiegendem Konsens in Sprachwissenschaft und Gesellschaft beide Geschlechter gemeint, und so wird es unserer Erfahrung nach auch von den meisten Leserinnen und Lesern in Krankenhaus, Geriatrie und Altenhilfe verstanden. »Geriatrische Patienten« sind also sowohl Frauen als auch Männer, und wenn im Geriatrischen Team »Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten« genannt werden, bezieht sich dies auf beide Geschlechter. Der besseren Lesbarkeit dient es ohnehin.
Bei der Konzeptionierung und Redaktion dieses Buches haben wir umfangreich recherchiert und viele Quellennachweise geprüft. Neben gedruckten Standardwerken und Fachliteratur gibt es mittlerweile auch digital sehr viele seriöse Quellen und Literatur. Vieles davon steht auch als (unentgeltlicher) Download zur Verfügung! Wir nennen an dieser Stelle nur wenige Stellen, denen wir besonders viel zu verdanken haben.
Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (2010) Weißbuch Geriatrie. Die Versorgung geriatrischer Patienten: Strukturen und Bedarf – Status Quo und Weiterentwicklung. Eine Analyse durch die GEBERA Gesellschaft für betriebswirtschaftliche Beratung mbH. Stuttgart: Kohlhammer
Pantel J, Bollheimer C, Kruse A et al. (Hrsg.) (2021) Praxishandbuch Altersmedizin. Geriatrie – Gerontopsychiatrie – Gerontologie. 2., erweiterte und überarbeitete Aufl. Stuttgart: Kohlhammer
Willkomm M (Hrsg.) (2016) Praktische Geriatrie. Klinik – Diagnostik – Interdisziplinäre Therapie. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Stuttgart, New York: Thieme
Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J). »Wir über uns«, »Geschichte« (https://www.bv-geriatrie.de/verband/wir-ueber-uns.html, https://www.bv-ge riatrie.de/verband/geschichte.html, Zugriff am 01.07.2022)
Klemperer D, Mitarbeit: Kuhn J, Robra BP (2022) Corona verstehen – evidenzbasiert. SARS-CoV-2-Pandemie und Coronavirus-19-Erkrankung. Living eBook, Version 69.0, Stand 10.10.2022. Ergänzung zum Lehrbuch Sozialmedizin, Public Health, Gesundheitswissenschaften, 4. Aufl. 2020 (https://www.sozmad.de/Klemperer_Corona_69.0.pdf, Zugriff am 12.10.2022)
Kompetenz-Centrum Geriatrie (KC Geriatrie) (Hrsg.): zahlreiche Quellen zu Assessment, Leitlinien, Gesundheitsberichterstattung, Versorgungsstrukturen etc. Sehr viele unentgeltliche Downloads: https://www.kcgeriatrie.de/, Zugriff am 08.07.2022
OECD (2021) Bildung auf einen Blick 2021. OECD-Indikatoren. Herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Deutschland für die deutsche Übersetzung und von wbv Media für diese deutsche Ausgabe, Bielefeld (https://www.bmbf.de/SharedDocs/Downloads/de/2021/210916-oecd-bericht-bildung-auf-einen-blick.pdf;jsessionid=0580E1BD0C8AB5F2DDF01BE111194A18.live092?__blob=publicationFile&v=5, Zugriff am 08.07.2022)
Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2015) Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Berlin: RKI. Unentgeltlicher Download: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GesInDtld/gesundheit_in_deutschland_2015.pdf?__blob=publicationFile, Zugriff am 08.07.2022
1 Die Internetquellen wurden erneut geprüft am 08.07.2022, Klemperer am 12.10.2022.
Als vor dreieinhalb Jahren die erste Auflage dieses Buches erschien, gingen wir wie selbstverständlich davon aus, dass bei der Betrachtung und Behandlung des Alters sowie der älteren und alten Menschen ein manchmal langsamer, aber doch sichtbarer Fortschritt »unausweichlich« ist. Die Begriffe Teilhabe und weitestgehendeSelbständigkeit waren in allen Untersuchungen und Veröffentlichungen zentral und prägten auch politisches Handeln.
Im Jahr 2020 mit seinen Corona-Verordnungen, -Maßnahmen und deren Auswirkungen wurde jedoch deutlich, dass all die (guten, richtigen und nachweisbaren) Beschreibungen von Chancen, Gestaltungsmöglichkeiten und positiven Erlebnissen im Alter infrage gestellt werden. Die Pandemie hat die gesundheitspolitischen Akteure zu einschneidenden Maßnahmen veranlasst –und unter der Maßgabe »Schutz besonders vulnerabler Gruppen« dabei die Selbstbestimmung der alten Menschen, vor allem im Bereich der Alten- und Pflegeheime, aber auch im Krankenhaus, beschnitten.
Ein Buch über die professionelle Begleitung älterer Menschen sollte das Thema zumindest streifen, andererseits wäre ein eigenes Kapitel doch sehr schnell »veraltet«.2 Wir entschieden uns angesichts der Materialfülle für eine sehr komprimierte Übersicht über wichtige Quellen und Darstellungen (Kap. 18).
Die Versorgung von geriatrischen Patientinnen und Patienten ist anspruchsvoll. Die tägliche Arbeit mit gebrechlichen, hochbetagten und kognitiv eingeschränkten Menschen erfordert ein hohes Maß an qualifizierter, professioneller Therapie und Pflege. Geriatrisches, fachübergreifendes Wissen, Kenntnisse über bestimmte Techniken (z. B. Bobath, Basale Stimulation®, Affolter, F.O.T.T.® etc.), eine sehr gute Beobachtungsgabe, besondere Kommunikations- und Teamfähigkeit und schließlich Empathie für diese besondere Patientengruppe sind dabei unentbehrlich.
Die wesentlichen Merkmale der Geriatrie (und darin unterscheidet sich diese Fachdisziplin von vielen anderen) sind das multiprofessionelle Team und der interdisziplinäre Ansatz. Therapie und Pflege werden nicht isoliert betrachtet, sondern als 24-Stunden-Konzept verstanden, d. h. die Patienten werden in jeder Handlung aktivierend-therapeutisch behandelt (Kap. 4).
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sind die Anforderungen an die verschiedenen Berufsgruppen hoch. Geriatrische Grundkompetenzen werden in der Grund- und Erstausbildung vermittelt und in der praktischen Arbeit vertieft. Weiterführende Qualifizierungen durch Fort- und Weiterbildungen sind dabei unerlässlich und sollten, wenn der Ansatz konsequent verfolgt werden soll, berufsgruppenübergreifend, interdisziplinär und praxisnah erfolgen. Für die Umsetzung in der Praxis bedeutet dies, dass es bei einigen Fortbildungen nötig ist, mit Patienten zu arbeiten. Praktisches Arbeiten an und mit dem Patienten bedeutet – ganz praktisch – mit den Händen zu sehen, zu fühlen, wo Anspannung oder Entspannung entsteht und wo Unterstützung (oder eben auch nicht) notwendig ist.
Doch wie kann eine solche Qualifizierung konkret aussehen? Was benötigen die Berufsgruppen, um der Klientel gerecht zu werden? Bis 2003 gab es in Hamburg lediglich für den Pflegebereich die zweijährige Weiterbildung zur/zum Fachkrankenschwester/Fachkrankenpfleger »klinische Geriatrie und Rehabilitation« mit einem Umfang von 2.200 Unterrichtseinheiten (Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales 1999). Alle anderen Berufsgruppen hatten zu dieser Zeit nur die Möglichkeit, einzelne Konzepte zu erlernen (wie z. B. das Bobath-Konzept).
Der Bundesverband Geriatrie (BVG) hat 2005 strukturiert begonnen, Fort- und Weiterbildungen für die Berufsgruppen der Geriatrie zu konzipieren. Mittlerweile gibt es fünf Bausteine, die alle unter dem Titel ZERCUR GERIATRIE® geführt werden:
• ZERCUR GERIATRIE®Basislehrgang3 (72 Unterrichtseinheiten) vermittelt berufsgruppenübergreifend geriatrisches Grundlagenwissen. Seit 2006 sind bundesweit ca. 11.900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (alle Angaben laut Bundesverband Geriatrie, Stand 30.11.2021) geschult worden.
• ZERCUR GERIATRIE®Fachweiterbildung Pflege4 (modular aufgebaut, bundesweit angeboten seit 2010): Ca. 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind geschult worden, 480 mit dem Abschluss »Zercur Pflegefachkraft Geriatrie« (520 Unterrichtseinheiten), 1.017 mit einer Bescheinigung des Bundesverbandes über die Weiterbildung nach OPS 8-550 und 8-98a (184 Unterrichtseinheiten) (Ebd.).
• ZERCUR GERIATRIE®Fachweiterbildung Therapeuten5 (400 Unterrichtseinheiten, modular aufgebaut, angeboten seit 2017): Ca. 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind geschult worden (Ebd.).
• ZERCUR GERIATRIE®Pflegehelfer6 (40 Unterrichtseinheiten, angeboten seit 2018): Ca. 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind geschult worden (Ebd.).
• ZERCUR GERIATRIE®Entlassmanagement7 ist im Jahr 2022 gestartet.
Mit der OPS 8-550 (BfArM 2020) gibt es seit 2014 die Verpflichtung, dass Krankenhäuser Pflegekräfte mit einer geriatrischen Basisqualifikation vorweisen müssen, damit die Kliniken die Komplexpauschale abrechnen können.
» Hierfür muss mindestens eine Pflegefachkraft des multiprofessionellen Teams eine strukturierte curriculare geriatriespezifische Zusatzqualifikation im Umfang von mindestens 180 Stunden sowie eine mindestens 6-monatige Erfahrung in einer geriatrischen Einrichtung nachweisen« (BfArM 2020, OPS 8-550).
ZERCUR GERIATRIE® ist ein sehr modernes Konzept, denn modulare Weiterbildungen bzw. Bildungsangebote haben viele Vorteile: Die Teilnehmer können selbst entscheiden, wann und wo sie Module buchen. Zudem haben sie die Möglichkeit, die Module deutschlandweit bei lizensierten Anbietern zu besuchen. Das einheitliche Curriculum ermöglicht eine bundesweite Anerkennung. Eine stufenweise Qualifizierung ist ebenso möglich: Teilnehmer können zunächst einzelne Kurse besuchen und sich auch noch später entschließen, die gesamte Weiterbildung zu absolvieren. Auch können bereits in der Vergangenheit erfolgreich absolvierte Kurse vom Bundesverband Geriatrie anerkannt werden (wenn sie in einem bestimmten Zeitraum absolviert wurden), z. B. Wundmanagement, Weiterbildung zum Praxisanleiter etc. Somit geht keine Kursstunde verloren. Für die Unternehmen ist sicherlich der größte Vorteil, dass mehrere Mitarbeitende zwar gleichzeitig an der Weiterbildung teilnehmen können, aber durch den Besuch unterschiedlicher Module nicht alle zur selben Zeit im Betrieb fehlen.
Mit den vielfältigen Qualifizierungsangeboten ist die Geriatrie vielen Fachbereichen der Medizin einige Schritte voraus. Gemeinsame Fort- und Weiterbildungsangebote für alle Berufsgruppen fördern das Verständnis füreinander und für den Patienten und verbessern letztlich auch die Qualität in der Versorgung.
Doch was sind nun die thematischen Schwerpunkte für geriatrische Fort- und Weiterbildung? »Die großen Bs! Menschliches Leben ist Bedürfnisbefriedigung, Bewegung, Beziehung, Bewusstsein – und noch einiges mehr!« Diese noch grobe Erwägung stand am Anfang unserer Überlegungen bei der Erarbeitung dieses Buches. Wir haben uns dann entschieden, die Themen entlang der großen Bereiche »Haltung und Bewegung«, »Die besondere Vielfalt des oralen Trakts«, »Beziehungsarbeit und Kommunikation« und »Kognition und Bewusstsein« aufzuteilen. Und auch die zunächst unpräzise Aussage »und noch einiges mehr« zog Themen nach sich. Doch bevor auf die großen »Bs« im Einzelnen eingegangen wird, werden in den ersten Kapiteln des Buches die Grundlagen geriatrischen Wissens beschrieben.
Prof. Dr. Werner Vogel beschreibt im ersten Kapitel die Besonderheit der Geriatrie und veranschaulicht die Faszination dieses Faches, indem er zehn grundlegende Aspekte menschlichen Lebens beleuchtet. Die Lektüre wird so für die Leserinnen und Leser zu einer Einführung in Sinnhaftigkeit, Berufswahl und Persönlichkeitsentwicklung am Beispiel des Umgangs mit älteren Menschen. Man könnte auch sagen: zu einer Einführung in Humanitas (Kap. 1). Im Anschluss geben die Herausgeber einen chronologischen Überblick über wichtige Stationen der Geriatrie in Deutschland (Kap. 1.1).
Dr. Michael Musolf stellt in seinem nochmals erweiterten Kapitel das geriatrische Basiswissen umfassend dar. Grundfragen des Alterungsprozesses werden beleuchtet, die wichtigsten gesundheitlichen Probleme im Alter erörtert und chronische Krankheiten, geriatrische Syndrome und Multimorbidität werden dargestellt. Wer nach der Lektüre sein Wissen überprüfen möchte, findet dafür alles vor: Fallbeispiele, einen dazugehörigen Fragen- und auch einen Lösungskatalog. Klassifikationssysteme, Assessments, Polypharmatherapie sowie das multiprofessionelle geriatrische Team werden ebenfalls vorgestellt (Kap. 2).
Der Gesundheitsförderung und der Prävention in einer stetig älter werdenden Gesellschaft kommt eine immer stärkere Bedeutung zu, das Thema bekommt ein eigenes Kapitel. Dr. Ulrike Dapp befasst sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit den mannigfaltigen Aspekten dieser Thematik. Sie hat zu diesem Thema promoviert (Dapp 2008)8 sowie umfangreich publiziert und gibt einen dezidierten Einblick in den aktuellen Stand am Beispiel des Albertinen Hauses in Hamburg. (Kap. 3).
Andrea Kuphal widmet sich dem Thema Interdisziplinarität und skizziert pragmatisch und äußerst praxisnah die Besonderheiten des therapeutischen Teams. Aktivierend-therapeutische Pflege in der Geriatrie als besonderer Ansatz wird ausführlich dargestellt, die Erläuterung der Bedarfsgruppen rundet den Beitrag ab (Kap. 4).
Anke Wittrich und Kristina Oheim geben einen ausführlichen Überblick über die Versorgungsstrukturen und Versorgungsformen für geriatrische Patienten. Sie fokussieren auf die verschiedenen klinischen Versorgungsformen und deren Besonderheiten (Kap. 5.1). Susette Schumann stellt im zweiten Teil von Kapitel 5 die Pflegegrade vor, betrachtet die Wohnmöglichkeiten bei vorliegender Pflegebedürftigkeit, zeigt die Möglichkeiten der poststationären Versorgung auf und wirft damit einen Blick über den »Tellerrand« (Kap. 5.2).
Prävention oder Gesundheitsförderung ohne Netzwerk – das geht nicht. Denn stets sind viele Personen, Professionen und Institutionen beteiligt, wenn sie gelingen soll. Ein gelungenes großes Projekt ist das »NetzWerk GesundAktiv« (NWGA) in Hamburg, dessen koordinierende Stelle im Albertinen Haus angesiedelt ist. Prof. Ulrich Thiem, Chefarzt der Geriatrie und Gerontologie, schildert Stand, bisherige Erfolge und Perspektiven des Netzwerkes (Kap. 6).
Nachdem in den ersten sechs Kapiteln Grundlagen, Grundfragen und Strukturmomente der Geriatrie beschrieben wurden, beginnt ab Kapitel 7 der zweite Teil und die Befassung mit den sogenannten großen »Bs«. Hier werden die Auffälligkeiten und Funktionsstörungen beschrieben, meist folgen dann ein (oder mehrere) in die Praxis umsetzbare(s) Therapie- und Pflegekonzept(e). Dabei soll an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass es sich bei den vorgestellten Therapie- und Pflegekonzepten um eine Auswahl handelt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Vielmehr stellt sie einen Querschnitt von Konzepten dar, die – nach Auffassung der Herausgeber – in der Praxis aktuell eingesetzt und als Fortbildungen besonders nachgefragt werden.
Gangunsicherheit und Stürze gehen oft mit dem Verlust der Selbständigkeit einher. Der Sturz ist ein zentrales, das weitere Leben bestimmendes Trauma. Katja Mai ist u. a. diesem Thema in Ihrem Buch (Richter et al. 2016)9 nachgegangen, und sie ist seit vielen Jahren auch im Bereich Sturzprävention tätig. Sie schildert die Voraussetzungen, das Ereignis und die Sturzfolgen und benennt zahlreiche Faktoren der Prävention, Kuration und Rehabilitation (Kap. 7).
Ein zentrales Thema bei der Behandlung geriatrischer Patienten ist die Wiedererlangung der Mobilität, Marianne Brune und Michaela Friedhoff widmen sich dem Thema Haltung und Bewegung im Kapitel 8. Das Bobath-Konzept als das interdisziplinäre, therapeutische 24-Stunden-Behandlungskonzept der Geriatrie, dient als Grundlage des Kapitels und wird zu Beginn beschrieben. In diesem Zusammenhang wird auch die Bedeutung der motorischen Kontrolle und des motorischen Lernens erläutert. Danach werden die Merkmale von normaler Bewegung und die Auswirkungen bei Verlust von Mobilität dargestellt. Anhand eines realen Fallbeispiels beschreiben die Autorinnen das Clinical Reasoning bzw. den Pflegeprozess. (Kap. 8).
Vermisst wurde in der ersten Auflage ein gesondertes Kapitel zu den altersassoziierten Themen Hören und Sehen. Vielleicht trug zu unserer Blickverengung bei, dass Hör- und Seheinschränkungen im Älterwerden so »normal« sind und in unserer Gesellschaft in der Regel auch gut korrigierbar. Dr. Marie-Louise Strobach, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung Geriatrie, zeigt, welche Dimensionen diese Beeinträchtigungen haben und dass auch schwerwiegende Krankheiten dieser Sinnesorgane berücksichtigt werden müssen (Kap. 9).
Dem »oralen Trakt« mit seinen komplexen Funktionen und den Auswirkungen von Dysfunktionen und Erkrankungen widmet sich das Kapitel 10. Dagmar Nielsen beschreibt die Ernährung als »mehr als die Gabe von Nahrung und Flüssigkeit« und gibt einen Einblick in die Ernährungsvorgänge. Sie thematisiert die wichtigsten Arten einer Mangelernährung sowie deren Ursachen und berücksichtigt in diesem stark erweiterten Kapitel u. a. auch die aktuellen Expertenstandards, neuere Studien und Leitlinien (Kap. 10.1).
Dysphagie und Trachealkanülenmanagement – in seinem reich bebilderten Kapitel beschreibt Norbert Niers ausführlich den Schluckablauf, schildert die Ursachen einer Dysphagie und benennt deren komplexe und schwerwiegende Folgen. Die Diagnostik und Therapie von Dysphagien wird ebenso ausführlich beschrieben wie das therapeutische Trachealkanülenmanagement (Kap. 10.2).
Kognitiv bedingte Dysphagien und Dysphasien – diese Begrifflichkeit hat Dr. Maria-Dorothea Heidler in die Diskussion eingeführt, um kognitiv bedingte Sprachverarbeitungsstörungen bzw. kognitiv bedingte Störungen der Nahrungsaufnahme zu kennzeichnen. Sie beschreibt die Auswirkungen verschiedener Funktionsstörungen und gibt einen Überblick, welche Strategien im Umgang damit erfolgversprechend sind (Kap. 10.3).
Mit Scham belegt: Kontinenzverlust und Inkontinenz – unter diesem Titel nähert sich Uwe Papenkordt dem Tabuthema »Inkontinenz« in Kapitel 11. Pragmatisch und praxisnah beschreibt er die Ursachen sowie die verschiedenen Inkontinenzformen und macht Vorschläge zur Kontinenzförderung und Hilfsmittelversorgung. Abschließend fordert er einen sensiblen Umgang mit dem Thema und gleichzeitig eine höhere Aufklärungsrate (Kap. 11).
Mit Medikamenten im Alter und Polypharmazie in der Pflege befasst sich Dr. Frank-Christian Hanke im Kapitel 12. Erkrankungen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen gehören zu den häufigsten und kostspieligsten Krankheitskomplexen in den Industrieländern. Hanke beschreibt Ursachen und Wirkung und benennt Möglichkeiten der Abhilfe. Die von ihm begründete Weiterbildung »Zertifizierte Medikationsfachkraft« ist eine Möglichkeit dazu (Kap. 12).
Dem komplexen Thema »Schmerzen« – Einteilung, Ursachen, Schmerzerfassung sowie medikamentöse und nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten – widmet sich Dr. Joachim Guntau. Er macht vor allem deutlich, dass Schmerz immer subjektiv und individuell ist: Schmerz ist das, was der Patient empfindet (Kap. 13).
Kognition und kognitive Veränderungen, dementielle Erkrankungen und Bewusstsein sind die Themen von Dr. Peter Tonn in Kapitel 14. Er gibt einen Überblick über kognitive Leistungen im Altersverlauf und beschreibt die Ursachen kognitiver Veränderungen. Auf dieser Basis werden in den weiteren Unterkapiteln unterschiedliche Behandlungsansätze für Menschen mit kognitiven Einschränkungen vorgestellt (Kap. 14.1).
Die Integrative Validation nach Richard® (IVA) ist eine Methode für die Begleitung von Menschen mit Demenz, insbesondere im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung. Sie beruht auf der Annahme, dass das Verhalten der Betroffenen als grundsätzlich zielgerichtet, bedeutungsvoll und sinnhaft anzunehmen ist, der erkrankte Mensch dies aber nicht mehr situationsangemessen umsetzen kann (Kap. 14.2).
Ergotherapie bei Menschen mit Demenz galt früher als (fast) unmöglich. Gudrun Schaade und ihre Kolleginnen Ann-Kathrin Blank und Dorothee Danke stellen den dennoch möglichen und erfolgversprechenden Ansatz der Ergotherapie im Bereich Demenz vor: Entscheidend ist der Blick auf die Körperwahrnehmung, denn »der Mensch besteht eben nicht nur aus der Kognition«. Mit der Weiterbildung »Demergo« haben die drei Autorinnen ein eigenes Modell entwickelt (Kap. 14.3).
Das Affolter-Modell® kommt in der Therapie von Patienten/Bewohnern mit erworbenen cerebralen Schäden (z. B. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma u. Ä.) und mit dementiellen Symptomen zur Anwendung. Birgit Adam-Küllsen beschreibt deren Schwierigkeiten in der Organisation der Wahrnehmung und die Chancen der Behandlung, sich wieder (besser) auf alltagsrelevante Handlungen zu konzentrieren (Kap. 14.4).
Mit den Möglichkeiten der Musiktherapie beschäftigt sich Andreas Blase und zeigt in seinem Kapitel auf, dass Musik eine gute Möglichkeit ist, auch mit schwer kognitiv eingeschränkten Menschen in Kontakt zu kommen und verschüttete, häufig traumatische Erfahrungen wieder »zugänglich« zu machen (Kap. 14.5).
Ca. 23 % beträgt der Anteil dementer Patienten in den Krankenhäusern (Isfort et al. 2014). Jochen Gust erläutert in seinem Beitrag, welche Herausforderungen es für diese Menschen darstellt, mit einer plötzlichen Krankenhauseinweisung zurechtzukommen. Er macht deutlich, wie wichtig die Umgebungsgestaltung ist und was die unterschiedlichen Berufsgruppen tun können, um ein drohendes Delir zu erkennen und diesem vorzubeugen (Kap. 14.6).
Depressionen und Suizidalität im Alter sind Thema des Beitrags von Prof. Dr. Reinhard Lindner im Kapitel 15. Nach der Beschreibung von Symptomen, Häufigkeiten und der Krankheitsverteilung benennt er konkrete Handlungsoptionen. Er beschreibt besonders häufige idealtypische Situationen (Konflikt, nichtverhandelbares Problem, Kontaktvermeidung) und zeigt, wie diese erkannt werden und wie ihnen begegnet werden kann (Kap. 15).
Gute Kommunikation und Beziehungsarbeit ist die Basis für jede therapeutische und pflegerische Tätigkeit. Prof. Dr. Beate Stiller beschreibt anhand von zwei alltäglichen Fallbeispielen, welche Gründe zu einer Kommunikationsstörung führen können und wie die Pflegekräfte und Therapeuten durch richtige Fragestellungen dennoch in Kontakt mit Patienten kommen und bleiben können. Wie kann motivierende Gesprächsführung gelingen und zur Klärung von Kommunikationsstörungen beitragen? (Kap. 16.1).
Basale Stimulation® ist das Thema von Marianne Pertzborn und Michael Goßen. Eine Verminderung der Bewegungsfähigkeit infolge einer Erkrankung führt häufig zu einem Verlust der Körperwahrnehmung – der Mensch verliert die Vorstellung von sich selbst. Die Autoren zeigen in Text und Bild, wie mithilfe der Basalen Stimulation® wahrnehmungsgestörte Patienten unterstützt und gefördert werden können (Kap. 16.2).
Dem Thema »Palliativ Care« widmet sich Christel Ludewig. Sie beschreibt die Entwicklung und die Grundsätze der Palliativversorgung, benennt die verschiedenen Bedürfniskategorien, thematisiert die Relevanz der verschiedenen Begleitgruppen und nimmt abschließend die besonderen Herausforderungen der palliativen Versorgung von geriatrischen Patienten in den Fokus (Kap. 17).
Abschließend formulieren die Herausgeber einige Kernaussagen und Thesen zum Thema Bildung und Qualifikation. Wir fokussieren auf den nachweisbaren Zusammenhang von Bildung und Personalentwicklung/-bindung, der in vielen Institutionen des Gesundheitswesens zwar häufig beschworen, aber selten gelebt wird (Kap. 19).
Alle Kapitel wurden durchgesehen und, wo sinnvoll, überarbeitet und um aktualisierte Daten oder neuere Literaturhinweise ergänzt. Den Herausgebern ist bewusst, dass dennoch nicht alle geriatrischen Themenbereiche erwähnt und manche Bereiche vielleicht auch zu kurz oder in »falscher« Gewichtung abgehandelt wurden. Ein wenig ist es wie am Ende eines Fortbildungs-Seminars: Es waren immer zu viele Informationen, die Zeit war zu kurz und es müsste eigentlich sofort ein Aufbauseminar geben. Wir sind für konstruktive Kritik sehr empfänglich und wünschen den Leserinnen und Lesern eine informative und anregende Lektüre. Wir freuen uns auf Ihre Resonanz.10
Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (Hrsg.) (1999) Fortbildungs- und Prüfungsordnung zur Fachkrankenschwester/zum Fachkrankenpfleger, zur Fachaltenpflegerin/zum Fachaltenpfleger in klinischer Geriatrie und Rehabilitation vom 16.11.1999 (Amtl. Anz. S. 403)
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (Hrsg.) (2020) OPS Version 2021. Kapitel 8 nicht operative therapeutische Maßnahmen (8-01…8-99), Frührehabilitative und physikalische Therapie (8-55…8-60) (https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/ops/kode-suche/opshtml2021/block-8-55…8-60.htm, Zugriff am 01.07.2022)
Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J.) Über ZERCUR® (https://www.bv-geriatrie.de/verbandsarbeit/zercur/zercur.html, Zugriff am 01.07.2022)
Isfort M, Klostermann J, Gehlen D, Siegling B (2014) Pflege-Thermometer 2014. Eine bundesweite Befragung von leitenden Pflegekräften zur Pflege und Patientenversorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus. Köln: Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (dip), S. 6. Online verfügbar unter http://www.dip.de
1 Keller M (2020) »Strikte Isolation ist gerade für Ältere Gift«. Interview mit Johannes Pantel in Spiegel online, 02.04.2020 (https://www.spiegel.de/gesundheit/coronavirus-strikte-isolation-ist-gerade-fuer-aeltere-gift-a-da331fcf-c5ea-40db-822c-9bbc8f85d67b, Zugriff am 01.07.2022)
2 Das Schicksal, zum »falschen« Zeitpunkt zu erscheinen, erlitt z. B. das Buch von David Klemperer (2020) Sozialmedizin – Public Health – Gesundheitswissenschaften. Als es am 23.03.2020 erschien, hatte es bei Redaktionsschluss und Drucklegung die Pandemie noch nicht berücksichtigen können. Klemperer hat aus der Not eine Tugend gemacht und am 31.08.2020 die Version 1.0 seines »Living eBooks« unter dem Titel »Corona verstehen – evidenzbasiert« verfasst. Das Buch ist (Stand: 10.10.2022) mittlerweile in der Version 69.0 erschienen, hat bereits 334 Seiten und wird regelmäßig aktualisiert. Der Download ist unentgeltlich: https://www.sozmad.de/Klemperer_Corona_69.0.pdf, Zugriff am 12.10.2022
3 Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J.) ZERCUR GERIATRIE® – Basislehrgang (https://www.bv-geriatrie.de/verbandsarbeit/zercur/basislehrgang.html, Zugriff auf alle ZERCUR-Seiten: 01.07.2022)
4 Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J.) ZERCUR GERIATRIE® – Fachweiterbildung Pflege (https://www.bv-geriatrie.de/verbandsarbeit/zercur/fachweiterbildung-pflege.html)
5 Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J.) ZERCUR GERIATRIE® – Fachweiterbildung Therapeuten (https://www.bv-geriatrie.de/verbandsarbeit/zercur/fachweiterbildung-therapeuten.html)
6 Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J.) ZERCUR GERIATRIE® – Pflegehelfer (https://www.bv-geriatrie.de/verbandsarbeit/zercur/zercur-geriarie-pflegehelfer.html)
7 Bundesverband Geriatrie e. V. (Hrsg.) (o. J.) Entlassmanagement in der Geriatrie (Entwicklung eines Weiterbildungscurriculums (https://www.bv-geriatrie.de/verbandsarbeit/zercur/entlassmanagement-in-der-geriatrie.html)
8 Dapp U (2008) Gesundheitsförderung und Prävention selbständig lebender älterer Menschen. Eine medizinisch-geographische Untersuchung. Stuttgart: Kohlhammer
9 Richter K, Greiff C, Weidemann-Wendt N (2016) Der ältere Mensch in der Physiotherapie. Heidelberg: Springer
10 Lob, Resonanz und auch Kritik können gerne über die Website https://www.kohlhammer.de/kontakt eingereicht werden. Der Verlag wird alle eingehenden Nachrichten an die Herausgeber weiterleiten.
Geriatrie ist ein komplexes Fach. Das wird jeder bestätigen, der in diesem Buch blättert, besonders diejenigen, die sich selbst der anspruchsvollen Tätigkeit in der Altersmedizin widmen. Trotzdem ist die Arbeitszufriedenheit in geriatrischen Einrichtungen eher hoch und die Fluktuation vergleichsweise gering. Viele bleiben dem Fach ein ganzes Berufsleben lang verbunden.
Woran mag das liegen? Zunächst hat das Alter(n) etwas Geheimnisvolles. Jedes Kind kann alte Menschen von jüngeren unterscheiden. Frage ich die Kasseler Studierenden der Sozialarbeit, warum sie freiwillig Vorlesungen und Seminare über Gesundheit und Krankheit im Alter besuchen, so höre ich seit Jahren ähnliche Antworten wie: »Ich habe bei der Pflege meiner Oma bis zu ihrem Ende mitgeholfen, das war irgendwie spannend, denn sie war eine tolle Frau – und jetzt möchte ich mehr über Alter und Krankheit erfahren.«
Es muss irgendetwas Faszinierendes an diesem Fach liegen. Ist es die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit? Oder der lebendige Zugang zur Zeitgeschichte? Die Auseinandersetzung zwischen Bewahren und Erneuern, das Vorbild an Lebensenergie, Bewältigung, Gelassenheit, Humor?
In diesem Kapitel geht es um das Verbindende, das die verschiedensten Berufe in der Arbeit mit kranken alten Menschen zusammenführt und zusammenhält: die Einheit in der Vielfalt, das, womit sich alle Teammitglieder identifizieren können. Diese Identifikation meinte Prof. Meier-Baumgartner, Mitbegründer und erster Vorsitzender des Bundesverbands Geriatrie, langjähriger Chefarzt des Albertinen Hauses, wenn er Geriatrie mit dem Begriff »Geisteshaltung« in Verbindung brachte (Meier-Baumgartner et al. 1998).
Genau aus diesem Geist entstand mit visionärer Kraft der Pioniere die Klinische Geriatrie vor gut einem halben Jahrhundert, gerade rechtzeitig, um den Anforderungen des demographischen Wandels, der wachsenden Spezialisierung der Medizin und der Würde des alten und kranken Menschen gerecht zu werden (Leutiger 1967). Denn die Fortschritte der modernen Medizin kommen auch und gerade den alten Menschen zugute, wenn sie vernünftig genutzt werden (Gawande 2015). Voraussetzung dafür ist eine »handwerklich« gute klinische Medizin, welche die ärztliche Erfahrung im erklärten Interesse des Patienten mit Sinn und Verstand anwendet (vgl. Lown 2004). Dass einzelne Fachdisziplinen nicht Anspruch auf geriatrische Patienten erheben, sondern ihre Dienste fachübergreifend zur Verfügung stellen sollen, muss angesichts des heute leider üblichen Wettstreits um Patientenzahlen betont werden (Nau et al. 2016).
Welche Aufgaben kennzeichnen die Arbeit der Geriatrie?
• Die umfassende Anamnese (medizinische, soziale und Familienanamnese),
• die klinische, labormedizinische und apparative Untersuchung,
• die unverzügliche Diagnosestellung und Therapie aller relevanten Erkrankungen,
• das umfassende Assessment alters- und krankheitsbedingter Funktionsstörungen,
• die Erkennung und Behandlung depressiver und demenzieller Entwicklungen,
• die Vorbeugung und Behandlung von Ernährungsstörungen (Sarkopenie, Frailty),
• die Formulierung von Behandlungszielen nach realistischer Prognose,
• die funktionelle Therapie im Team, abgestimmt und simultan,
• die Aktivierend-therapeutische Pflege,
• die Klärung des Bedarfs und das zielsichere Training an notwendigen Hilfsmitteln,
• die Verlaufsdokumentation (Assessment als therapiebegleitender Prozess),
• die (soziale, pflegerische, therapeutische) Beratung von Patienten und Angehörigen,
• die Entlassungsplanung und Sicherung der Weiterbehandlung.
Je nach Bedarf kommen hinzu:
• Die notfall- und intensivmedizinische Versorgung (zentrale Notaufnahme, Reanimation),
• die fachübergreifende Versorgung geriatrischer Patienten (Alterstraumatologie u. a.),
• die palliative Versorgung und Sterbebegleitung (Palliativstation, Hospiz),
• die Infektionsschutzmaßnahmen (Screening, persönliche Hygiene, Isolierung u. a.),
• die seelsorgerische Begleitung,
• die Erkennung und Behandlung psychosomatischer Störungen,
• die spezielle Betreuung demenziell Erkrankter (Station für kognitiv Beeinträchtigte),
• die ethische Fallbesprechung.
In geriatrischen Einrichtungen findet man diese Aufgabenverteilung wieder, und zwar weltweit und von Anfang an, seit es Geriatrie gibt. Überall stehen Multiprofessionalität und die enge Zusammenarbeit im Vordergrund. Dass sich dies trotz hoher Kosten durchsetzen konnte, spricht für die zwingende Notwendigkeit einer arbeitsteiligen Vorgehensweise. Die Bündelung aller Kräfte des Teams bringt Vorteile, die mit der traditionellen Dyade (Arzt/Pflegekraft) nicht erreichbar sind.
Neben dieser Einheitlichkeit der Aufgabenteilung stellt sich die Frage, was Geriatrie ist, wie sie definiert und strukturiert ist, was sie bewirken kann und welche Evidenz es dafür gibt, d. h. ob sie überhaupt »Sinn macht«. Immer wieder wurde der Geriatrie vorgehalten, dass ihre Methoden nicht durch die heute geforderte studienbelegte Evidenz gesichert seien, bestenfalls könne man auf Expertenmeinungen zurückgreifen, welche die zweifellos erkennbare – auch nachhaltige – Wirksamkeit erklären (Rubenstein et al. 1984; Vogel & Braun 2000).
Die Antwort auf die Frage, warum und wie Geriatrie wirkt, berührt elementare Vorgänge des Lebens, die in der Geriatrie eine noch größere Rolle spielen als in anderen medizinischen Bereichen. Dazu gehören Bewegung, Bindung, Emotion, Gedächtnis, Grenzen, Kommunikation, Kreativität, Lernen, Planung, Reflexion. Diese Phänomene waren auch den Gerontologen und Geriatern der ersten Stunde wichtig. Sie erneut in den Blick zu nehmen, scheint mir lohnend, weil wir im Licht neuer Erkenntnisse insbesondere der Neurowissenschaften ein ganz anderes Verständnis darüber gewinnen, was mit unseren alt gewordenen Patienten geschieht, wenn sie krank werden, wieder genesen, Hoffnung gewinnen und ihre Eigenständigkeit in Würde wahren wollen.
Durch die Beschäftigung mit diesen Fragen kommen auch wir, die wir uns um die Alten kümmern, zu einem neuen Verständnis unserer Arbeit. Sei es direkt am Patienten, im Team, in Fallkonferenzen und Strategiegesprächen, bei der Akademiearbeit oder beim Erarbeiten von innovativen Texten, wie sie dieses Buch bietet. Die außerordentliche Vielschichtigkeit seiner Themen ist kein Zufall, sondern gewollt. Es ist sogar notwendig, sich fachübergreifend mit ihnen zu beschäftigen, um gute Teamarbeit zu ermöglichen (Vogel 2017). Lebenslanges Lernen ist heute notwendiger denn je. Lebenslang voneinander – und füreinander – im Team lernen zu dürfen, ist ein Privileg, das nicht vielen vergönnt ist. In der Geriatrie ist es eine Chance und oft der Grund für den »guten Geist«, für Zufriedenheit und Identifikation mit dem Beruf.
Bewegung hat noch weitere lebenswichtige Aspekte, die besonders im Alter kritisch werden können. Vom Herzen war schon die Rede. Es bewegt das Blut, um Sauerstoff per Diffusion, einer Folge der Molekularbewegung, zu den Körperzellen (und Kohlendioxid von ihnen weg) transportieren zu können. Auch Nährstoffe müssen auf dem gleichen Weg zu den Zellen transportiert werden. Um dies vorzubereiten, ist die aufgenommene Nahrung per Kau- und Schluckbewegung in den Magen-Darm-Kanal zu bringen, dessen ständige Bewegung (Darm-Motilität) hilft, sie chemisch in resorbierbare Moleküle zu zerlegen.
Von der »inneren Bewegung« war schon die Rede. Gemeint sind die Gefühle Freude, Leid, Gram, Wut, Verzweiflung und ihre verbale bzw. nonverbale Äußerung. Gefühle sind vermutlich an allen unseren Aktionen beteiligt, sei es ursächlich oder begleitend. Erfahrungsgemäß lernen Menschen besonders gern, wenn sie es mit »gutem Gefühl«, gar mit Freude und Lust tun. Arbeit wird so zum »Kinderspiel«, auch die ziemlich harte Trainingsarbeit, die beim Wiedererlernen von Körperfunktionen aufzubringen ist. Denn Frustrationen und Rückschläge sind nicht selten, zumindest am Anfang. Verständiges »Mitfühlen« hilft über die Durststrecke hinweg, immer die Belohnung bei Erreichen des realistisch gesteckten Ziels vor Augen. Gemeint ist hier nicht bedauerndes Mitleid, sondern Empathie2, also »sich in die Situation des anderen einfühlen können«. Gefühle können auch so stark verdrängt oder abgespalten sein, dass sie gar nicht vorhanden oder spürbar sind. Die Gefühllosigkeit oder Apathie3 kann eine Folge schwerer, nicht verarbeiteter früherer Traumatisierung sein und ist auch für schwere Depressionen typisch. Hier ist es wichtig, bei den Betagten (Generation der Kriegskinder) nach biographischen Hinweisen und Gedächtnisspuren zu fahnden (Bode 2004; Radebold 2000).
Ohne Gedächtnis können wir nichts lernen, nicht einmal, uns in der Umwelt sicher zu bewegen oder verlässliche soziale Beziehungen zu pflegen. Das Gedächtnis speichert ultrakurze Sinneseindrücke (etwa, dass die vorletzte Ampel grün war) nicht ab, auch wenn sie für den Augenblick wichtig waren. Der Kurzzeitspeicher hält Informationen für Sekunden bis Minuten zur Lösung aktueller Probleme bereit, das Langzeitgedächtnis bindet die Information strukturell im Gehirn, wobei der Nachtschlaf für Synapsenbildung und das Sortieren der Tageseindrücke wichtig ist. Emotional bedeutende Ereignisse (erste Verliebtheit, Einschulung, Hochzeit, Unfälle, Katastrophen) sind bis ins hohe Alter erinnerlich, andere (Namen, Daten, Schulwissen) nur bei wiederholter Nutzung.
Die Biologie des Gedächtnisses ist durch die Entdeckungen des Nobelpreisträgers Eric Kandel entschlüsselt worden (Kandel 2006). Erinnerungen werden im Netzwerk der gesamten Hirnrinde gespeichert, aber im Hippocampus »organisiert«. Dieser ist ein Teil des limbischen Systems, das auch für die Emotionen, Handlungsplanung, Belohnung, Angst und Aggressionssteuerung zuständig ist. Es ist mit dem kognitiven Apparat und gleichzeitig den Strukturen der vegetativen Funktionen (Appetit, Durst, Tagesrhythmik) und der Hormonsteuerung gut vernetzt und gewinnt zunehmend Bedeutung für die Pädagogik, Sozialpsychologie und andere soziale und therapeutische Berufe. In der Geriatrie ist es wichtig, um Zusammenhänge bei psychosomatischen und psychiatrischen Krankheitsbildern wie Depression und Demenz (mit meist messbaren Defekten im Hippocampus) besser verstehen zu können (vgl. Braus 2011). Der therapeutische und pflegerische Zugang zu demenziell Erkrankten gelingt über die Gefühlswelt und die damit verknüpften positiven Erinnerungen deshalb leichter, weil die Funktionen des Limbischen Systems – mit Ausnahme des Hippocampus – noch erhalten bleiben, wenn die kognitiven Leistungen der neueren Hirnrindenanteile (Neokortex) schon erheblich eingeschränkt sind. Moderne Pflegekonzepte (Validation, Kulturerleben, Musik, Biographiearbeit) fußen auf dieser Erkenntnis.
Grenzen gibt es überall. Zellen haben Grenzmembranen, Organe sind durch Bindegewebshüllen voneinander abgegrenzt, Gefäße sind durch biologisch hochaktive Endothelien ausgekleidet, der Organismus grenzt sich von der Außenwelt durch die schützende Haut und im Bereich des Magen-Darmkanals, der zur Außenwelt gehört, durch die ebenfalls hochaktive Schleimhaut ab. Tiere verteidigen ihre Lebensräume an Reviergrenzen energisch gegen Eindringlinge, Menschen ihren Wohnraum als Privatsphäre, Völker ihre nationale Zusammengehörigkeit an Staatsgrenzen. Zeitgrenzen gibt es bei biologischen Rhythmen, bei Arbeit und Freizeit, in den Medien. Normgrenzen bei Laborwerten, Toleranzgrenzen bei Schadstoffen usw. Als Menschen sind wir uns mehr oder weniger ängstlich der Grenze des Lebens bewusst, also unserer Endlichkeit und des Todes. Die medizinische Forschung hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten immer weiter an diese Grenze vorgewagt. Dank ihres Fortschritts konnte die Lebenserwartung mehr als verdoppelt werden. Inzwischen wissen wir, dass das Ende des Lebens genetisch bestimmt wird, abhängig von der Länge der Telomere, der Endstücke der Chromosomen, die unsere »biologische Uhr« bilden.
