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TARA Mein Leben ist perfekt, genauso wie es ist. Ohne Arturo DeVille. Und jetzt soll ich diesen arroganten, egozentrischen Snob heiraten. Er erwartet von mir, dass ich eine kultivierte, fügsame Ehefrau bin, die bei jedem seiner Wünsche lächelt und nickt. Aber das ist das Letzte, was ich tun werde. Er wird den Tag bereuen, an dem er »Ja« gesagt hat. ARTURO Ich erwarte drei Eigenschaften von einer Ehefrau: Gehorsamkeit. Sanftmut. Respekt. Eine Frau, die in die Welt der Cosa Nostra passt. Ich habe keine einzige Eigenschaft bekommen, die ich mir von einer Ehefrau gewünscht habe. Stattdessen habe ich alles bekommen, wonach ich mich nie gesehnt habe. Meine wunderschöne Vorbotin des Chaos. Meine kostbare Gefahr. Meine Frau.
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Seitenzahl: 631
Veröffentlichungsjahr: 2026
Neva Altaj
PRECIOUS hazard
Der Unterboss
(Perfectly Imperfect Serie)
Übersetzt von Alexandra Gentara
PRECIOUS Hazard – der Unterboss
Copyright der deutschen Ausgabe © 2026 VAJONA Verlag GmbH
Copyright der Originalausgabe © 2025 by Neva Altaj
Übersetzung: Alexandra Gentara
Korrektur: Franziska Schneider
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel
»Precious hazard« von Neva Altaj.
Umschlaggestaltung: Deranged Doctor
mit Anpassungen durch den VAJONA Verlag
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
unter Verwendung von Motiven von Canva
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Für Andie!
Danke, dass du von meinem allerersten Wort bis zum letzten Buchstaben immer für mich da warst. Danke für deine Hilfe und Anleitung bei jeder chaotischen Seite, bei überfüllten und durcheinandergeratenen Zeitplänen und dem allgemeinen Chaos, das ich jedes Mal anrichte und das du immer irgendwie wieder in Ordnung bringst.
Danke für deine Einsichten, deine Ermutigung und deine unerschütterliche Unterstützung, die nicht nur dieses Buch, sondern meine gesamte Reise als Schriftstellerin geprägt haben. Ohne dich wäre ich nicht die Autorin, die ich bin.
Danke, dass du von Anfang an an meiner Seite warst, meine Freundin. <3
Glossar
Putana – Hure (italienisch)
Gattina – Kätzchen (italienisch)
Madonna Santa! – Heilige Mutter! (italienisch)
Ma sei impazitta! – Du bist wohl irre! (italienisch)
Svadba – eine Hochzeitsfeier, die nicht auf den Akt der Hochzeit in der Kirche oder auf dem Standesamt selbst bezogen ist, sondern auf die Feier danach, die auch sehr viel später stattfinden kann (serbisch)
Pasulj – ein schlichtes serbisches Gericht aus Bohnen, ein altmodisches Lieblingshausgericht (serbisch)
Sljamu nalickani – eine Beleidigung ohne wörtliche Übersetzungsmöglichkeit, grob gesagt ein »Vollidiot, der viel zu viel Aufwand mit seinem Aussehen betreibt« (serbisch)
Sunce ti jebem – ohne wörtliche Übersetzung, bedeutet sinngemäß »verfluchte Hölle« (serbisch)
Isuse! – Jesus (serbisch)
Slava – serbische Familienfeier zu Ehren des Familienheiligen (serbisch)
Sarma – serbische Kohlrouladen
Gattina nera – Schwarzes Kätzchen (italienisch)
Ma lasciami dormire – Lass mich schlafen (italienisch)
L’Onore – Ehre (italienisch)
Famiglia – Familie (italienisch)
Rispetto – Respekt (italienisch)
Gattina mia – mein Kätzchen (italienisch)
Stronzo – Arschloch (italienisch)
Anmerkung bezüglich der Blumen: in Serbien ist es Brauch, wenn Blumen verschenkt werden (zum Geburtstag oder anderen Feierlichkeiten), dass der Strauß eine ungerade Zahl von Blumen enthalten muss (zum Beispiel drei, fünf, siebzehn Blumen und so weiter). Sträuße mit gerader Blumenanzahl sind nur als Geschenke zu Trauerzwecken angemessen, zum Beispiel bei Beerdigungen.
Anmerkungen der Autorin
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wenn ihr die empfohlene Lesereihenfolge der Perfectly-Imperfect-Reihe eingehalten habt, ist euch vielleicht aufgefallen, dass die beiden vorherigen Bücher etwas düsterer waren als die Geschichten davor. Der Fokus lag eher auf Mafia-Querelen und Intrigen. Daher mussten diese Geschichten etwas düsterer ausfallen, ehrlich gesagt habe ich aber die heiteren Seiten ein wenig vermisst.
Als ich mit Precious Hazard angefangen habe, wollte ich vor allem Spaß haben. Daher habe ich mich entschieden, die Dynamik der Figuren in den Vordergrund zu stellen und es genossen, wie sie sich vor meinen Augen frei entfalteten. Und so ist dieses Buch deutlich leichter und nicht so düster geworden, mit weniger Mafia-internen Querelen.
Nun hoffe ich, dass ihr Taras und Arturos Geschichte genauso amüsant finden werdet wie ich.
Alles Liebe
Neva
Hinweis
Dieses Buch enthält Inhalte, die manche Leser als verstörend oder beunruhigend empfinden könnten. Dazu gehören Erwähnungen des Todes eines nahen Familienangehörigen, Entführung sowie detaillierte Beschreibungen von Gewalt, Folter und Blut.
Bitte beachtet, dass es sich hierbei um ein fiktionales Werk handelt, in dem sich die Autorin kreative Freiheiten bei der Darstellung bestimmter Szenen genommen hat, die als riskant gelten und in der realen Welt nicht empfehlenswert sind. Versucht bitte unter keinen Umständen, diese nachzuahmen.
Arturo
Fünfzehn Jahre zuvor
Arturo, 20 Jahre alt
Es beginnt mit einem Schwelen tief in meiner Brust. Dann flackert ein Funke auf und entfacht zu einer winzigen Flamme, die langsam den gesamten Hohlraum ausfüllt. Und wie in einer ausgedörrten, offenen Wildnis verschlingt mich kurz darauf ein tosender Feuersturm.
Es ist schwer vorstellbar, dass ein einziger Streichholzstrich ein solches Inferno hervorrufen kann. Eine zarte Flamme, die oft nicht einmal einem leichten Windhauch standhält. Und doch stehe ich jetzt hier. Bei dem Übermaß von Benzin, das meine Wut schürt, ist das Feuer in meinen Adern bereit, alles in seinem Weg zu zerstören.
Denn dieser Bastard, der gerade so selbstgefällig vor mir sitzt, will meine Schwestern.
Er will sie mir entreißen.
Der Don zieht an seiner Zigarre und lässt das erloschene Streichholz in einen Aschenbecher fallen. Er sitzt in einem riesigen Ohrensessel in der Mitte des Zimmers und wirkt für einen Moment wie gebannt von der kubanischen Zigarre in seiner hageren, von Altersflecken überzogenen Hand. Mit seiner trockenen, faltigen Haut und dem schütteren Haar hat er mich schon immer an eine verwesende Leiche erinnert. In die ich ihn heute Nacht, wenn er weiterhin darauf besteht, mir meine Schwestern wegzunehmen, auch noch verwandeln werde.
»Die Mädchen brauchen eine Frau als Vorbild, Arturo. Das verstehst du doch sicher.« Ein weiterer Zug von der Zigarre landet in seiner Teerlunge, und ich wünschte, er würde daran ersticken. »Und wer könnte sich besser um sie kümmern als die Schwester deiner Mutter?«
Diese gottverdammte Schlampe! Ich wusste doch, dass diese putana dahintersteckt. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie so eine besorgte Tante wäre. Seit die Cosa Nostra sie verstoßen hat, weil sie einen Mann außerhalb der Familie geheiratet hat, versucht sie alles, um sich wieder beim Don einzuschmeicheln. Vor allem, seit ihr Mann vor zwei Jahren gestorben ist. Und jetzt hat sie offenbar den perfekten Weg gefunden.
Nur über meine Leiche!
»Ich kümmere mich um meine Schwestern«, knurre ich. Glühende Wut schießt durch mein Blut und entfacht das lodernde Feuer in mir zu einem gewaltigen Inferno. »Und niemand sonst.«
»Ach, komm schon, mein Junge … Du bist gerade einmal zwanzig. Wie willst du denn zwei Fünfjährige großziehen und gleichzeitig deine Verpflichtungen gegenüber der Familie erfüllen? Und mir gegenüber?« Der Don schenkt mir ein herablassendes Grinsen.
Meine Hände ballen sich zu Fäusten, meine Fingernägel graben sich in die schwielige Haut meiner Handflächen. Der Drang, diesem selbstverliebten Arschloch die Hände um die Kehle zu legen und ihn auf der Stelle zu töten, wird unerträglich.
»Ich schaffe das schon«, sage ich durch zusammengebissene Zähne.
»Victoria liebt die Mädchen. Sie hat die Zimmer für die beiden in ihrem Haus bereits eingerichtet. Deine Tante freut sich schon sehr darauf, dass sie bei ihr leben werden.«
Natürlich tut sie das. Diese intrigante Hexe interessiert sich nur dafür, ihr eigenes Leben wieder auf Vordermann zu bringen. Wenn sie die Vormundschaft für Sienna und Asya bekommt, wird sie von deren zukünftigen Ehen enorm profitieren. Und sie wird meine Schwestern einfach an die Meistbietenden verkaufen.
»Ich werde um das Sorgerecht kämpfen.« Irgendwie schaffe ich es, die Worte an dem riesigen Kloß in meinem Hals vorbei herauszupressen. Die Verzweiflung drückt wie ein Felsbrocken auf meine Brust.
»Nein, Arturo. Das wirst du nicht tun.«
Jede Zelle meines Körpers brodelt. Mein Blut ist längst zu geschmolzener Lava geworden, bereit, diesen Mistkerl zu verbrennen, der in seinem Stuhl sitzt wie auf einem verdammten Thron. Weniger als drei Meter trennen mich vom Don. Wären wir allein, hätte ich ihm längst die Seele aus dem Leib gewürgt.
Aber wir sind nicht allein.
Alle hohen Tiere der Familie sind anwesend. Und ihre Muskelprotze in den perfekt sitzenden Anzügen stehen wie beschissene Spielzeugsoldaten an der Wand aufgereiht. Wahrscheinlich, um sicherzustellen, dass ich mich vor dem Don nicht daneben benehme. Auch Salvatore Ajello – den ich als Freund betrachte, obwohl er mir nie eine ähnliche Wertschätzung entgegengebracht hat – befindet sich unter ihnen. Sein durchdringender Blick ist fest auf mich gerichtet.
Bei der Arbeit sind wir freundlich zueinander, aber ich zweifle nicht daran, dass er mich ohne zu zögern umlegen würde, wenn ich versuche, dieses miese Stück Scheiße zu töten, das derzeit die New Yorker Familie regiert. Dieser armselige Möchtegern-Don, der wenig bis gar nichts tut, um seine Leute zu beschützen und sich jetzt auch noch dazu herablässt, trauernde fünfjährige Mädchen nur wenige Tage nach dem Tod unserer Eltern aus ihrem vertrauten Zuhause zu reißen. Doch das ist mir scheißegal … Wenn Ajello, Freund hin oder her, sich mir in den Weg stellt, werde ich an ihm vorbeikommen und diesen alten Bastard trotzdem umbringen, der gerade versucht, mir meine Schwestern wegzunehmen. Sienna und Asya sind mein Ein und Alles. Ohne sie habe ich sowieso nichts mehr zu verlieren.
»Du kannst gehen.« Der Don drückt seine Zigarre im Aschenbecher aus. »Ich habe meine Entscheidung getroffen. Sorg dafür, dass die Mädchen morgen früh gepackt haben und abreisebereit sind.«
Rot. Ich sehe nur noch verdammtes Rot. Blanke Wut verschleiert mir die Sicht, während ich die Fäuste balle und einen Schritt nach vorn mache. Bereit, Hochverrat zu begehen, ungeachtet der Konsequenzen für mich.
Der Don ist ein toter Mann.
Ich mache einen weiteren Schritt auf ihn zu, als plötzlich ein heftiger Schmerz in meiner rechten Wange explodiert und mein Kopf zur Seite schnellt. Es dauert mehrere Herzschläge, bis ich mir die Tränen aus den Augen blinzeln kann und Ajellos breite Gestalt vor mir erkenne, die mir den Weg versperrt.
»Dreh dich um und verschwinde.« Er packt mich am Kragen und stößt mich zurück. »Los jetzt, verflucht noch mal.«
Ganz sicher nicht. Ich schubse ihn beiseite und verpasse ihm einen Kinnhaken, genau wie er es gerade bei mir getan hat.
»Verpiss dich«, knurre ich.
Ajello wischt sich mit dem Handrücken das Blut von der aufgeplatzten Lippe. Sein Gesichtsausdruck bleibt völlig regungslos, während er mich erneut am Hemdkragen packt und sich zu mir hinunterbeugt.
»Ich bringe das wieder in Ordnung.« Seine Worte sind so leise, dass nur ich sie hören kann. »Das verspreche ich dir.«
Sein eindringlicher Blick, der mich regelrecht anfleht, ihm zu vertrauen, macht mich fassungslos. Daher denke ich noch immer über seine Worte nach, als Ajello mir unvermittelt das Knie in den Bauch rammt. Die Wucht seines Angriffs lässt mich nach hinten taumeln.
»Verschwinde, DeVille«, knurrt er. »Und tu, was man dir gesagt hat.«
Ich ringe nach Luft und starre Ajello verwirrt an. Der Arsch hat mir gerade todsicher eine oder zwei Rippen gebrochen! Da er zum persönlichen Sicherheitspersonal des Don gehört, überrascht es mich nicht im Geringsten, dass er den alten Mann beschützt. Aber wenn er gerade nur seine Pflicht erfüllt, wieso hat er dann so einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen, die doch sonst immer so unerschütterlich wirken? Warum funkeln sie, allerdings nicht vor Wut? In seinen normalerweise eiskalten Augen liegt eine beinahe flehende Bitte, die in krassem Gegensatz zu seiner kampfbereiten Haltung steht.
Eine kaum wahrnehmbare Bewegung seiner Lippen zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, doch Ajello gibt keinen Ton von sich während unserer offensichtlichen Pattsituation. Dann wiederholt er die Bewegung. Diesmal deutlich langsamer, damit ich von seinen Lippen ablesen kann.
Vertrau mir.
Ich habe noch nie gesehen, dass Ajello sich um einen anderen Menschen gekümmert hätte. Aber als er mich jetzt mit dem Rücken zu dem Raum voller falscher Schlangen ansieht, verstehe ich, was dieser Ausdruck in seinen Augen bedeutet.
Sorge.
Um mich.
Kann ich ihm vertrauen? Diesem seltsamen, emotionslosen Kerl? Obwohl er nur ein Jahr älter ist als ich, macht er sogar Männer, die doppelt so alt sind wie wir, misstrauisch mit seinem merkwürdigen Gebaren. Warum zum Teufel sollte er sich jetzt um mich oder meine Schwestern kümmern? Das ergibt verdammt noch mal überhaupt keinen Sinn.
Mein Blick schweift über die im Raum versammelten Männer. Die meisten von ihnen haben die Hand an ihre Waffe gelegt und sind bereit, mich auf der Stelle zu töten, wenn ich auch nur einen falschen Schritt mache. Selbst wenn ich an Ajello vorbeikäme, würde mir das nicht helfen. Irgendwer würde mich wegen meines Ungehorsams erschießen, noch bevor ich auch nur in die Nähe des Don gelangt wäre. Ich atme tief durch und suche erneut Ajellos Blick.
Ich habe keine andere Wahl, als ihm zu vertrauen.
Also nicke ich.
»Geh.« Er erwidert mein Nicken.
Trotz meiner schmerzenden Rippen richte ich mich auf und verlasse den Raum. Und klammere mich verzweifelt an die winzige Hoffnung, dass er sein Versprechen halten wird.
Kapitel 1
Arturo
Gegenwart
Salvatore Ajellos Büro, New York
Arturo, 36 Jahre alt; Tara 24 Jahre alt
»Und?«, fragt Ajello und lehnt sich mir gegenüber im Stuhl zurück. »Hast du noch etwas zu sagen?«
Ich schaue auf das Weinglas in meiner Hand, drehe es hin und her und sehe zu, wie die purpurrote Flüssigkeit darin herumwirbelt und gegen das innere Glas plätschert. Die schwachen Weinspuren, die am Rand haften bleiben, erinnern mich an Blut.
Ich habe bereits unzählige Male für unsere Sache geblutet. Bei gescheiterten Drogengeschäften. Bei Bandenkriegen. Bei Konfrontationen mit rivalisierenden Organisationen. Und ich bereue keinen einzigen Tropfen. Ich wusste immer, worauf ich mich eingelassen habe. Das Blut, das ich für die Cosa Nostra vergossen habe, war nicht umsonst. Heute jedoch könnte ich allein wegen meiner Sturheit bluten müssen.
»Ja.« Ich hebe das Glas an meine Lippen und trinke einen Schluck. »Ich werde Tara Popov nicht heiraten, Boss.«
Ajellos rechte Augenbraue hebt sich leicht. Das ist vermutlich die deutlichste Gefühlsregung, die ich seit Jahren bei ihm gesehen habe. Abgesehen von seinem Verhalten gegenüber seiner Frau und seiner Tochter, versteht sich. Obwohl ich ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten kenne, bin ich mir manchmal nicht ganz sicher, ob er tatsächlich ein Mensch ist.
Die Leute halten Salvatore Ajello für einen Psychopathen, doch das ist er nicht. Er ist bloß ein Mann, der keine Kompromisse eingeht. Für ihn gibt es nur alles oder nichts. Möglicherweise betrachtet er mich inzwischen tatsächlich als Freund, wer weiß das schon bei Ajello? Aber ich weiß, dass er sich für mich eine Kugel einfangen würde. Ohne zu zögern.
All das hat jedoch keinen Einfluss auf seine Entscheidung in Bezug auf meine derzeitige Situation. Er ist der Don von New York, und ich habe mich gerade geweigert, seinen direkten Befehl zu befolgen. Es wäre daher absolut gerechtfertigt, mich jetzt wegen Ungehorsams zu töten.
»Wieso nicht?«, fragt Ajello und runzelt die Stirn. »Dragos Schwester ist zwar etwas temperamentvoll, aber ich bin mir sicher, dass ihr beide perfekt zusammenpassen würdet.«
»Etwas temperamentvoll? Die Frau hat versucht, mir mit einem Tablett voller Vorspeisen den Kopf abzuschlagen. Wenn ihr Bruder sie sich nicht über die Schulter geworfen und sie weggetragen hätte, hätte ich diese Psychopathin auf der Stelle erwürgt.«
»Genau das meine ich. Du brauchst solche Herausforderungen, Arturo.«
»Deine Sorge rührt mich, Boss, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich schon genug Herausforderungen in meinem Leben habe. Besonders jetzt, wo wir dieses Projekt in Boston haben. Dabei kann ich nicht auch noch eine durchgeknallte Frau gebrauchen.«
Ajello steht auf, nimmt seinen Drink vom Beistelltisch und geht zu dem bodentiefen Fenster, das den Blick auf die Skyline der Stadt freigibt. Sein übliches Verhalten, wenn er über eine besonders heikle Angelegenheit nachdenkt. Oder den Untergang von jemandem plant.
In der Stille verstreichen die Minuten quälend langsam, während er stumm die Aussicht betrachtet.
»Ich lasse niemanden zu nah an mich heran, Arturo«, sagt er schließlich. »Das passt einfach nicht zu mir. Von allen Menschen, die ich kenne, stehst du mir daher am nächsten. Du bist der Einzige, bei dem ich darüber nachdenken würde, ihn als Freund zu bezeichnen.«
»Gut.« Ich nicke, etwas perplex über die neue Wendung unseres Gesprächs. Und die Tatsache, dass ich immer noch atme.
»Du bist seit mehr als einem Jahrzehnt mein Unterboss«, fährt Ajello fort und dreht sich um. »Als meine rechte Hand vertraue ich dir mehr als allen anderen, und ich habe dir bei einer Vielzahl von Geschäftsentscheidungen nahezu freie Hand gelassen. Ich vertraue dir absolut, dass du das Richtige für die Familie tust, ganz egal, wie komplex oder heikel die Angelegenheit auch sein mag. Du hast mich noch nie enttäuscht.«
»Wo liegt dann das Problem?«
»Das Problem ist, dass du dich zu sehr einbringst, Arturo. Du bestehst darauf, bei jedem Deal dabei zu sein. Egal, ob es um die Details eines wichtigen Vertrags über eine große Drogenlieferung geht oder nur um die Überwachung einer Routineaufgabe, die einer deiner Untergebenen problemlos erledigen könnte. Außerdem kann keins unserer Bauprojekte beginnen, bevor du nicht persönlich die Pläne unterzeichnet und die Bauzeichnungen überprüft hast, obwohl du absolut keine Ahnung vom Bauwesen hast. Und vor einer Woche hat Nino mir erzählt, dass du verlangt hast, die Schichtpläne für die Sicherheitsleute in den Lagerhäusern zu überprüfen.«
»Ich bin eben gerne gründlich. Darin sehe ich auch nichts Falsches.«
»Das weiß ich.« Er trinkt einen Schluck. »Wann bist du eigentlich das letzte Mal flachgelegt worden?«
Ich verschlucke mich fast an meinem Wein. »Bei allem Respekt, Boss, aber das geht dich nichts an.«
»Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn es deine Leistung beeinträchtigt. Du ertrinkst in Arbeit. Manchmal gehst du nicht einmal nach Hause zum Schlafen, sondern legst dich auf die Couch in deinem Büro. Du arbeitest ununterbrochen, weil du nichts mit dir anzufangen weißt. Seit Asya und jetzt auch Sienna verheiratet und weggezogen sind, musst du dich um niemanden mehr kümmern und auch niemanden beschützen. Niemand muss mehr von dir gerettet werden. Du bist von Natur aus sehr fürsorglich, Arturo. Und jetzt hast du keine Ahnung, was du mit deinem neuen Leben anfangen sollst.«
Ich knirsche mit den Zähnen und presse die Kiefer aufeinander. Irgendwie schafft es dieser gerissene Bastard ständig, die tiefen Ängste hervorzuholen, die die meisten Menschen lieber in sich vergraben.
Er zwingt einen, sich ihnen zu stellen, ob man nun bereit dazu ist oder nicht. Der Mann ist zwar selbst emotional sehr distanziert, besitzt aber ein echtes Talent dafür, in anderen jede Menge Emotionen zu wecken. Ajello verfehlt niemals sein Ziel. Ihm dabei zuzusehen, wie er sein »Voodoo« entfaltet, besonders wenn er unsere Konkurrenz damit ins Schleudern bringt, ist großartig. Aber dass er jetzt in meiner Psyche herumwühlt, gefällt mir ganz und gar nicht.
»Also hast du beschlossen, mir eine Frau aufzuhalsen?«
»Traditionelle Familienwerte sind sehr wichtig in der Cosa Nostra. Als mein Stellvertreter wird von dir erwartet, dass du ein Vorbild für andere bist. Als konservativer und traditioneller Mann verstehst du das doch sicher, oder?«
»Warum ausgerechnet sie?«, frage ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Wenn es so wichtig ist, dass ich heirate, würde ich lieber ein Mädchen aus der Familie nehmen. Eine nette und sanftmütige Frau. Bei all den verfügbaren italienischen Frauen, warum suchst du mir ausgerechnet diese Popov-Furie aus?«
»Deine Feindseligkeit gegenüber Drago hat langsam ihren Höhepunkt erreicht und gefährdet unsere Zusammenarbeit. Ihr beide müsst eure Differenzen endlich beilegen und euch vertragen.«
»Er ist ein arrogantes, unhöfliches Arschloch, das meine Schwester per Hirnwäsche dazu gebracht hat, ihn zu heiraten!«, fahre ich ihn an. »Ganz egal, wie die Dinge jetzt zwischen ihnen stehen, aber das werde ich niemals vergessen. Und ich werde mich auch niemals mit diesem Wichser vertragen!«
»In der Tat. Zumindest nicht, bis ihr beide auf Augenhöhe seid. Und genau diese Chance gebe ich dir gerade.« Ajello sieht mich ernst an. »Er hat deine Schwester bekommen, also bekommst du seine. Problem gelöst.«
Sprachlos starre ich meinen Boss an. Typisch Ajello. Denkt sich die absurdeste Lösung aus, die aber trotzdem irgendwie Sinn ergibt.
»Und was nette italienische Mädchen betrifft«, fährt er fort, »glaube ich nicht, dass diese Option in deinem besten Interesse wäre. Die meisten von ihnen beten dich sowieso an, wo wäre da die Herausforderung? Tara Popov hingegen ist die perfekte Frau für dich. Sie wird sich nicht so leicht von dir einwickeln lassen.«
Ich breche in schallendes Gelächter aus. »Und ich dachte, du hättest keinen Sinn für Humor, Boss.«
»Tja. Das sieht meine Frau auch so.« Er wendet sich wieder den hellen Lichtern der Stadt hinter dem Fenster zu. »Ich habe bereits einen passenden Ort für die Hochzeit gebucht. Die Kosten übernehme ich natürlich. Das ist mein Geschenk für das glückliche Brautpaar.«
»Ich werde Popovs Schwester nicht heiraten«, knurre ich erneut.
»Natürlich wirst du das. Die Alternative wäre, dass ich dich wegen Ungehorsams hinrichten lasse. Deine Schwestern würden deinen Tod allerdings nicht gut aufnehmen, nachdem sie bereits so viel Drama in ihrem Leben hatten.« Er nippt an seinem Wein, bevor er fortfährt. Sein Tonfall klingt völlig entspannt und emotionslos. »Asya wird natürlich um dich trauern, aber mit der Zeit wird sie einen Weg finden, damit umzugehen. Sie war schon immer die Starke, auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht. Aber Sienna … die arme Sienna.« Er seufzt. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie über deinen Verlust jemals hinwegkommen würde. Sie hatte schon immer sehr große Angst davor, geliebte Menschen zu verlieren. Genau wie du, möchte ich ergänzen.« Er dreht sich wieder zu mir um und sieht mich fest an. Sein Blick ist durchdringend, der Rest des Mannes jedoch bleibt ruhig, gelassen und selbstbewusst. »Weißt du eigentlich, warum sie zugestimmt hat, Drago zu heiraten?«
Wut entflammt in mir, so heiß, dass ich kaum noch ein Wort herausbringe. »Nein.«
»Ich habe ihr gesagt, ich würde dich umbringen, falls sie sich der Heiratsvereinbarung widersetzt. Am Ende ist natürlich alles gut ausgegangen, das ändert aber nichts daran, dass sie bereit war, sich für dich zu opfern. Und welcher Bruder würde im Gegenzug nicht das Gleiche tun?«
Ich umklammere die Armlehnen des Stuhls so fest, dass die verfluchten Biester jeden Augenblick in tausend Teile zerbrechen müssten. Dieser Wichser! Ich wusste, dass seine hinterhältigen Taktiken eine Rolle bei Siennas Entscheidung gespielt hatten, sich an diesen Serben zu hängen. Der einzige Grund, warum ich noch auf meinem Stuhl sitze und nicht quer durch den Raum stürme, um dem Mistkerl vor mir eine zu verpassen, ist das, was er vor vielen Jahren für mich getan hat.
Nur Gott allein weiß, was ohne Ajello aus Sienna und Asya geworden wäre. Keine von beiden ist unter meiner Obhut völlig unversehrt geblieben, aber ich schaudere bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können, wenn man mir meine Schwestern im zarten Alter von fünf Jahren tatsächlich weggenommen hätte.
Merkwürdig, dass Ajello seine damalige Tat jetzt nicht deutlicher gegen mich verwendet.
»Willst du damit sagen, dass ich dir noch etwas schulde?«, knurre ich. »Dass ich dir wegen dem, was du damals für meine Familie getan hast, ewige Loyalität und Gehorsam schulde?«
»Sowohl Gehorsam als auch Loyalität sollten aus Respekt entstehen, Arturo. Ein Mann, der von einem Freund als Gegenleistung für seine freiwillige Hilfe verlangt, dass er seinen Befehlen gehorcht, verdient keinen Respekt. Ich habe damals getan, was ich für richtig hielt. Du bist mir dafür in keinster Weise etwas schuldig.«
Mein Blick wandert zurück zu dem Weinglas, das ich zuvor auf den Beistelltisch gestellt habe. Ajellos ruhig ausgesprochene Worte haben mich bis ins Mark erschüttert.
Anführer wie Salvatore Ajello sind heutzutage sehr selten, und in dieser speziellen Welt, als dunkle Kehrseite der legalen Gesellschaft, sogar nahezu unbekannt. Er ist der Typ Mann, der niemals ein Schlachtfeld verlassen würde, wenn das bedeutet, einen seiner Männer zurückzulassen. Ein Mann, der das Wohl seiner Leute, der Familie, immer über alles andere stellt. Er wäre sogar beinahe dafür gestorben. Der verrückte Mistkerl.
Das ist der Grund, warum ich ihn respektiere und immer loyal ihm gegenüber bin. Niemals hätte ich mich Ajellos Befehlen widersetzt. Wenn ich mich jetzt weigere, Drago Popovs Schwester zu heiraten – ist es das wert, diesem Mann den Rücken zuzukehren? Meinem Anführer? Meinem Freund?
»Hast du ernsthaft vor, mir eine Kugel in den Schädel zu jagen, wenn ich es nicht tue?«
Er sieht mich über den Rand seines Weinglases hinweg an. »Nein. Aber ich wäre dir trotzdem sehr dankbar, wenn du einfach zustimmen würdest.«
Ich schließe die Augen und atme tief durch.
Ehre.
Loyalität.
Verpflichtung.
Zusammen mit Traditionen sind das die Prinzipien, denen ich mein ganzes Leben lang gefolgt bin. Noch bevor ich mit achtzehn Jahren der Cosa Nostra die Treue geschworen habe. Vor einem Jahrzehnt, als ich das Privileg annahm, Ajellos Unterboss zu werden, gelobte ich ihm als Oberhaupt der Familie meine Treue und Pflicht. Und darauf war ich sehr stolz.
Aber meine Loyalität gegenüber Ajello geht weit über seine Rolle als mein Boss hinaus. Ich werde ihm für immer dankbar sein, auch wenn er mir gerade klargemacht hat, dass ich ihm für seine damalige Hilfe nichts schulde. Nicht, dass es eine Rolle spielt, wie er darüber denkt. Er hat sich meine uneingeschränkte Unterstützung schlicht und ergreifend verdient.
»Soll ich dir mal was erzählen?«, frage ich. »Am Tag von Popovs grauenhaftem Hochzeitskarneval …«
»Die Svadba, meinst du?«
»Ja, genau. Als ich mein Auto geparkt hatte und zu seinem riesigen Haus ging, lief direkt vor mir eine schwarze Katze über die Straße.«
»Sag mir nicht, dass du dir was aus dämlichem Aberglauben machst?«
»Nein, bis zu diesem Tag jedenfalls nicht. Zehn Minuten später jedoch bin ich Dragos Schwester begegnet.« Ich schüttle den Kopf. »Selbst eine Meute tollwütiger Hunde wirkt weniger bedrohlich als sie. Also erzähl mir nicht, dass es keine schlechten Omen gibt.«
»In manchen Kulturen glaubt man sogar, dass schwarze Katzen Glück bringen.«
»Das werde ich wohl bald herausfinden.«
»Heißt das, du wirst die Frau heiraten?«
»Ja.« Ich seufze. »Tara Popov wird allerdings niemals zustimmen. Sie hasst mich. Wahrscheinlich sogar noch mehr als ich sie.«
»Hmm. Vielleicht hättest du nicht versuchen sollen, ihren Bruder zu töten. Du musst einen Weg finden, das wieder in Ordnung zu bringen. Blumen könnten vielleicht helfen. Komplimente auf jeden Fall. Versuch doch mal, sie auf einen Kaffee einzuladen.«
Ich massiere mir die Schläfen und stöhne innerlich. Salvatore Ajello erteilt mir Ratschläge, wie man eine Frau umwirbt? Ernsthaft? »Weil das bei dir auch so gut funktioniert hat, Boss?«
»Tja, du könntest natürlich auch einfach damit drohen, jeden umzubringen, der ihr am Herzen liegt. Als das mit den Blumen nicht funktioniert hat, habe ich Milene auf diese Weise erobert. Es ist wichtig, Frauen gegenüber nicht zu weich zu werden.«
Ajellos Handy klingelt, und er zuckt kurz zusammen, als er es herausholt. »Cara mia, bist du immer noch wach? … Nein, ich hatte noch keine Zeit, Katzenfutter zu kaufen. Das mache ich nach meinem Treffen mit Arturo. … Ja, ich weiß, dass Kurt sich seit gestern ständig übergibt. Der verdammte Quälgeist hat wahrscheinlich wieder so einen ekelhaften Käfer gefressen und – … Was meinst du damit, er hat dich gekratzt?« Ajello dreht sich um und läuft zur Bürotür. »Bleib, wo du bist. Ich komme sofort. Und rufe von unterwegs bei Ilaria an. … Es ist mir egal, ob es nur ein Kratzer ist! … Nein, ich übertreibe ganz und gar nicht! Was ist, wenn es sich entzündet?«
Ein Luftzug strömt in den Raum, als Ajello die Tür aufreißt. An der Schwelle bleibt er stehen, das Handy noch immer an sein Ohr gepresst, und wirft mir einen Blick zu. »Du hast zwei Monate Zeit, um deine zukünftige Braut davon zu überzeugen, dich zu heiraten.«
Dann fällt die Tür hinter ihm zu, aber ich höre noch seine immer leiser werdende Stimme, während er sich weiter über den verdammten Kratzer seiner Frau aufregt.
Herrgott. Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass Salvatore Ajello so verrückt nach einer Frau sein würde, hätte ich ihm ins Gesicht gelacht. Es ist wirklich tragisch. Zumindest wird mich niemals jemand dabei erwischen, so sehr den Verstand zu verlieren. Schon gar nicht wegen einer ungewollten Ehefrau.
Muss ich mich wirklich auf diesen Zirkus einlassen?
Jep. Ich habe mein Wort gegeben, und davon bringt mich niemand wieder ab. Nicht einmal Tara Popov.
Ich hole mein Handy aus der Tasche und wähle Nino Gambinis Nummer. Als Sicherheitschef behält er alle im Auge, die die Familie gefährden könnten. Angesichts der Bedeutung unserer Zusammenarbeit mit den Serben müsste er wissen, wo sich Popovs Schwester gerade aufhält. Da Ajello bereits den ersten Schritt gemacht und eine so lächerlich kurze Frist für die Hochzeit gesetzt hat, muss ich mich sofort an die Arbeit machen. Herauszufinden, was meine zukünftige Frau so alles treibt, ist der erste Schritt, um den Stein ins Rollen zu bringen.
»Ich muss wissen, wo ich Tara Popov finde«, stoße ich aus, sobald die Verbindung steht.
»Moment. Ich schaue kurz in ihrer Akte nach.« Das schnelle Tippen auf einer Tastatur ist über die Leitung zu hören.
»Du hast eine Akte über sie angelegt?«
»Wir haben Akten über alle, mit denen wir in den letzten zehn Jahren Kontakt hatten, und über alle, die als besonders interessant eingestuft wurden.« Das Tippen und Klicken geht weiter, bis Nino herausplatzt: »Ah, da ist es. In der letzten Woche hat Ms. Popov als Kellnerin im Club ihres Bruders ausgeholfen. Welcher Tag ist heute?«
»Mittwoch.«
»Dann endet ihre Schicht um Mitternacht.«
Ich ziehe meinen Ärmel hoch und werfe einen Blick auf die Uhr. Ich habe noch knapp zwei Stunden Zeit, um ins Naos zu fahren. »Danke, Nino.«
Mit langen Schritten durchquere ich Ajellos Büro und schnappe mir dabei mein Jackett von der Rückenlehne des Sofas, dann bin ich auch schon zur Tür hinaus.
Auf dem Weg zu meiner zukünftigen Frau.
Die in einem verfluchten Nachtclub kellnert.
Großartig.
Der Verkehr in New York ist einfach zum Kotzen.
»Fahr doch endlich, du Idiot!« Ich schlage mit der flachen Hand aufs Lenkrad.
Das Auto vor mir rührt sich nicht. Natürlich nicht. Mindestens zehn andere Autos stehen davor und verstopfen die Fahrbahn. Die Schlange neben mir sieht auch nicht viel besser aus. Wenn ich nicht in fünf Minuten im Naos bin, verpasse ich meine Verlobte.
»Scheiß drauf.« Ich reiße das Lenkrad nach rechts und trete das Gaspedal durch, sodass der Wagen in eine Seitenstraße zwischen zwei Wohnhäusern schlittert.
Eigentlich muss ich Tara Popov heute Abend nicht unbedingt sehen, aber ich will diese Heirat so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen. Sonst fällt mir der ganze Mist noch vor die Füße und verfolgt mich bis in meine Träume. Das kann ich mir nicht leisten bei dem ganzen anderen Stress, der mich in letzter Zeit um den Schlaf bringt.
Unsere Käufer sitzen mir im Nacken, weil unsere letzte Drogenlieferung verspätet kam. Aber statt mich darum zu kümmern, muss ich mich mit dämlichen Lärmbeschwerden in einem unserer Gebäude in Chinatown herumschlagen. Unsere Arbeiter haben den Keller entkernt, und Wang, dieser Triaden-Arsch, verlangt, dass wir die Abrissarbeiten auf drei Stunden pro Tag beschränken. Drei verfluchte Stunden! Bei diesem Tempo dauert es noch Monate, den maßgeschneiderten Lagerraum fertigzustellen, dabei hätte ich ihn spätestens gestern gebraucht.
Das sind die echten Probleme, wegen denen ich mich schon vor Tagesanbruch aus dem Bett quäle. Auf gar keinen Fall wird mich diese Frau auch nur eine Minute Schlaf kosten.
Ich trete das Gaspedal durch und fliege mit meinem Land Rover SUV durch die schmalen Gassen. Normalerweise fahre ich eher vorsichtig und ziehe es vor, keine unnötige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber angesichts der jüngsten Ereignisse ist meine Geduld am Ende. Der Stau trägt auch nicht gerade zu meiner Laune bei. Im letzten Monat habe ich schon mehrere Strafzettel wegen Geschwindigkeitsübertretungen bekommen; noch einer, und ich verliere meinen Führerschein. Doch aus irgendeinem Grund ist mir das heute scheißegal.
Ich nähere mich gerade Dragos Club, als plötzlich eine dürre schwarze Katze von der Mülltonne vor mir springt und mitten auf der Straße landet.
»Fuck!« Ich mache eine Vollbremsung und hupe gleichzeitig.
Das verdammte Ding rührt sich nicht von der Stelle. Sie steht regungslos da, macht einen Buckel und richtet den Schwanz auf, während sich meine Scheinwerfer in ihren großen Augen spiegeln. Mit quietschenden Reifen lege ich den Rückwärtsgang ein und gebe dann Gas, reiße das Lenkrad nach rechts und schieße aus der Gasse zurück auf die Hauptstraße. Wenn ich Tara jetzt wegen einer Katze verpasse, einer verfluchten schwarzen Katze, dann werde ich – fuck! Es sind nur noch wenige Minuten bis zu Taras Schichtende, also trete ich kräftig aufs Gaspedal und halte Ausschau nach dem Haupteingang des Naos, das weniger als einen Block entfernt ist.
Da ertönt hinter mir eine Sirene, gefolgt von roten Blinklichtern, die in meinem Rückspiegel aufblitzen. Ein kurzer Blick in den Seitenspiegel bestätigt, dass mir ein Streifenwagen folgt.
Ich stöhne. »Verfluchte Scheiße! Das kann doch verdammt noch mal einfach nicht wahr sein.«
Kapitel 2
Tara
Am nächsten Tag
Naos-Club, New York
Donnerstags ist normalerweise wenig los. Nicht, dass sich das Naos in eine Geisterstadt verwandeln würde – das passiert nie –, aber die hochrangigen Gäste, die regelmäßig in den Nobelclub meines Bruders kommen, toben sich lieber am Wochenende aus. Zu meinem Pech ist der gesamte Club heute Abend für eine geschlossene Gesellschaft reserviert. Anstelle der üblichen Maßanzüge und Designerkleider ist der Laden jedoch mit einer Menschenmenge in Lederkutten und zerrissenen Jeans gefüllt.
Ein lokaler Bikerclub, dessen Anführer zufällig ein Kumpel von Drago ist, hat beschlossen, in unserem Club eine Geburtstagsparty für eins seiner Mitglieder zu schmeißen.
Juhu!
»Wenn du mir noch länger auf die Titten starrst, trete ich dir in die Eier, Johnson.« Ich klatsche dem bärtigen Kerl meinen Notizblock gegen die Brust und gehe zur Bar. Was leichter gesagt ist als getan, da ich mich zunächst durch eine Mauer aus verschwitzten Männern quetschen muss. Leere Bierflaschen und Gläser klappern, als ich mein Tablett über den Kopf hebe, um mich zwischen zwei Stehtischen hindurchzuschlängeln, an denen noch mehr bärtige Typen stehen. Die alle zu einem Song mitsingen, der aus den Lautsprechern unter der Decke dröhnt.
»Tara!«, brüllt der Barkeeper über den Lärm hinweg. »Die Highballs werden gleich schal hier!«
»Fick dich«, murmele ich vor mich hin und knalle das Tablett auf die Theke.
Diese Typen saufen wie die Bergziegen. Meine Füße schmerzen, und ich kann die ständigen plumpen Sprüche langsam nicht mehr hören. Was würde ich nicht alles dafür geben, mich mit den üblichen arroganten Tussis und überheblichen Alphatypen herumzuschlagen, die hier normalerweise abhängen. Meistens sind etwa achtzig Gäste anwesend, jeder einzelne mit dicker Brieftasche ausgestattet, prall gefüllt mit den Erträgen ihrer zwielichtigen kriminellen Geschäfte. Davon sind die fast zweihundert Gäste heute Abend sehr weit entfernt. Abgesehen von den kriminellen Geschäften, versteht sich.
Am liebsten würde ich meinen Bruder umbringen, wenn ich nach Hause komme, weil er mich zu dieser Scheiße verdonnert hat. Aber Sienna und er sind gerade in Chicago und besuchen ihre Schwester. Meine Rache muss also leider noch warten.
Jaja, ich weiß … Es ist eine gerechte Strafe dafür, dass ich bei seiner und Siennas Hochzeit eine Szene gemacht habe, woraufhin er mich von meiner regulären Position als Geschäftsführerin von Dragos Diamantenimperium »beurlaubt« hat. Trotzdem fühle ich mich, als wäre ich noch in der Highschool und wieder einmal suspendiert worden. Aber ich verstehe ihn. Ich habe ihn blamiert und meiner Schwägerin ihren schönsten Tag verdorben. Ja, gut, ich habe Mist gebaut. Wieder einmal. Aber mich dafür im Naos arbeiten zu lassen, kotzt mich echt an!
Zu allem Überfluss darf ich mir während meines »Strafeinsatzes« keinen anderen regulären Job suchen. Nicht, weil ich es nicht gewollt oder nicht versucht hätte, sondern wegen des »Sicherheitsrisikos«. Big Brother hat offenbar einen weiteren riskanten Geschäftsschritt gewagt und damit möglicherweise jemanden in New York verärgert. Im Moment ist es daher ein absolutes No-go für mich, allein zu leben. Ich habe mich schon gefragt, ob es was mit dem griechischen Syndikat zu tun hat, denn Drago ist komplett ausgerastet, als er hörte, dass ich Stavros date.
Dieser sture, überfürsorgliche Dickschädel!
Nach einer zwanzigminütigen Predigt darüber, mein Leben endlich auf die Reihe zu kriegen, hat Drago mir die Regeln erklärt. Ich soll für jeden in seinem Club einspringen, der sich krank meldet. Kellner, Barkeeper, Putzpersonal … ganz egal. Ich wurde zur Ersatzspielerin degradiert. Eine Frau für alles! Allerdings offenbar eine Meisterin in gar nichts.
Bis jetzt habe ich die gesamten Lagerräume inventarisiert und musste mitten in der Nacht auf die »Jagd« gehen, um Limetten zu besorgen, als die plötzlich ausgegangen waren. Und ich durfte sogar das komplette Tom-Cruise-Cocktailvergnügen hinter der Bar nachspielen und Cocktails zubereiten. Das hat Spaß gemacht, bis ich eine Mischung komplett vermasselt habe und ein Gast in der Notaufnahme gelandet ist.
Ich. Hasse. Mein. Leben.
Jetzt muss ich kellnern, und das hasse ich noch mehr als die Inventur. Aber ich habe mir geschworen, es zu schaffen. Ich werde es nicht versauen! Gott weiß, dass ich in meinem Leben bisher so ziemlich alles andere komplett versaut habe.
»Die hier ist für den Herrn in der reservierten Sitzecke.« Der Barkeeper stellt eine Flasche Dom Perignon und zwei Champagnerflöten auf ein Silbertablett und schiebt es in meine Richtung.
»Unter diesen Neandertalern gibt es ernsthaft einen Gentleman?«
»VIP. Er sitzt in der Nummer zwölf.«
Ich schiebe das Tablett zu ihm zurück. »Jelena und Maja bedienen die Leute in den Sitznischen.«
»Der Typ hat aber ausdrücklich nach dir verlangt.« Er beugt sich über die Holztheke und grinst. »Ich wusste gar nicht, dass du auf Italiener stehst, Tara.«
»Haha! Eher friert die Hölle zu.« Ich schnappe mir das Tablett und bahne mir einen Weg über die Tanzfläche zum anderen Ende der halb verdeckten Sitznischen.
Die Mitte des Clubs ist brechend voll. Körper wiegen sich im Takt der pulsierenden Musik. Der dröhnende Bass lässt den Boden vibrieren und mein Herz unerbittlich schnell schlagen. Es ist nahezu unmöglich, sich unbeschadet zu den VIP-Nischen durchzukämpfen. Zumindest kenne ich die meisten Gesichter, da ich schon einige Male mit Drago bei Treffen dieses Bikerclubs war. Sie sind eine raue Truppe, aber es stört mich nicht, so viele Biker um mich herum zu haben. Jedenfalls nicht besonders. Ich fühle mich allgemein nicht wohl in großen Menschenmengen mit lauter Fremden, weil ich ständig das Gefühl habe, von allen angestarrt zu werden. Als warteten sie nur darauf, dass ich wieder irgendwas versaue. Das kann ich manchmal kaum ertragen.
Ich halte das Tablett so fest wie möglich und dränge mich zwischen zwei Typen hindurch, die gerade einer anderen Kellnerin auf den Arsch glotzen. Hauptsache, ich lasse diese verdammte Flasche Vintage-Champagner jetzt nicht fallen. Das Zeug ist wahrscheinlich teurer als mein Auto.
Zugegeben, ich fahre immer noch die alte Klapperkiste aus meiner College-Zeit. Mit dem Geld anderer Leute kann ich ganz gut umgehen, aber mit meinem eigenen bin ich eine Niete. Ich habe nie genug gespart, um mir ein besseres Auto zu kaufen. Jetzt sitze ich mit meiner Old Betsy fest, weil Drago sich geweigert hat, mir während meiner Ausbildung ein neues Auto zu kaufen. Mit der Begründung, ich müsse es mir selbst verdienen. Typisch für ihn. Er ist eben durch und durch Serbe. Wir sind zwar bereits vor zwei Jahrzehnten in die Staaten umgesiedelt, aber die Werte seiner alten Heimat hat er bisher nicht aufgegeben.
Ach, wenn ich meinen Bruder nicht so sehr lieben würde, hätte ich einfach Scheiß drauf gesagt und wäre zurück in meine Wohnung gezogen, sobald er sich von seiner Schussverletzung erholt hatte. Das hätte ich wahrscheinlich auch getan, wenn ich nicht eine Räumungsklage bekommen hätte, weil die Miete nicht gezahlt wurde. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass mir das Leben meines Bruders damals wichtiger war als meine Rechnungen. Ungeachtet meines Missgeschicks respektiere ich Drago aber auch genug, um ihm und seinen Sicherheitsbedenken nachzugeben. Auch wenn ich immer noch nicht glaube, dass irgendwer tatsächlich mir etwas antun würde, um ihm eins auszuwischen. Wen würde das schon groß interessieren, mal ernsthaft? Aber gut, ich habe zugestimmt, bei ihm zu bleiben.
Die luxuriösen Sitznischen, die an normalen Abenden jeweils fünfzehn Riesen kosten, säumen die Tanzfläche in einem weiten Halbkreis. Milchglasscheiben trennen die einzelnen Sitzbereiche voneinander und bieten den hochrangigen Gästen, die hier im Allerheiligsten herumlungern, ein wenig Privatsphäre. Vor den einzelnen Nischen stehen in der Regel spezielle Kellnerinnen bereit, um diese VIPs von Kopf bis Fuß zu bedienen. Die Nische Nummer zwölf ist eigentlich Dragos persönlicher Bereich, außer ihm darf sie normalerweise niemand nutzen. Aber heute ist kein normaler Abend. Und anscheinend hat der Mistkerl, der gerade dort sitzt, beschlossen, mir diesen Abend noch mehr zu versauen.
Die beiden Lampen an den Enden des weißen Ledersofas sind gedimmt, sodass die Nische dunkler ist als der Rest des Clubs. Ich wirble um ein Paar herum, das am Rande der Tanzfläche tanzt, und schaue den Mann in der Nische nicht einmal an, während ich das Tablett auf den niedrigen Glastisch vor ihm abstelle. »Ihr Champagner, Sir.«
»Sieh mal einer an … Offenbar hat sie ja doch ein paar Manieren.« Die dunkle Baritonstimme vibriert regelrecht auf meiner Haut und lässt mich unerwartet erschauern.
Mein Kopf schnellt hoch, und ich richte den Blick auf den Mann, der beide Arme lässig auf die Rückenlehne des Sofas gelegt hat. Das weiße Leder bildet einen starken Kontrast zu seiner schwarzen Kleidung. Die oberen drei Knöpfe seines eng anliegenden Hemdes sind aufgeknöpft und geben den Blick auf einen Teil seiner durchtrainierten, bronzefarbenen Brust frei. Die goldene Kette mit dem Kreuz reflektiert glitzernd das Licht. Ich lasse den Blick weiter nach oben wandern, zu dem beinahe schmerzhaft schönen Gesicht, von dem ich gehofft hatte, es niemals wiedersehen zu müssen. Das untere Drittel ist mit einem leichten, perfekt gepflegten Dreitagebart bedeckt, der sein markantes Kinn und den wunderschön ausgeprägten Kiefer noch betont. Seine Nase ist gerade, seine tiefbraunen Augen werden von dichten, dunklen Wimpern umrahmt. Und dann ist da noch dieses leicht gewellte Haar, makellos gestylt und so schwarz, dass es jegliches Licht um ihn herum regelrecht absorbiert.
Der verfluchte Arturo DeVille.
Siennas Bruder.
Wut überkommt mich, während ich seine makellosen Gesichtszüge betrachte. Ich wünschte, ich könnte damit durchkommen, wenn ich sie ihm ein ganz klein wenig verunstalten würde. Als Rache für die Narbe auf der Wange meines Bruders, als die beiden sich gegenseitig umbringen wollten. Ich weiß, dass DeVille auch nicht ohne Narben davongekommen ist, aber das reicht mir nicht. Ich bin mir absolut sicher, dass Drago den Bastard umgebracht hätte, wenn Ajello nicht aufgetaucht wäre und ihren kleinen Streit beendet hätte. Manchmal ist das Schicksal doch ein echtes Miststück. Ich würde diesem Schicksal gerne mal kräftig in den Arsch treten, genau wie DeVille. Mein Bruder ist die einzige Familie, die ich noch habe, und der Gedanke, dass ihm jemand wehtun könnte, macht mich wahnsinnig.
Ach ja, genau …
Außerdem erinnert er mich wieder daran, wieso ich heute überhaupt hier arbeiten muss. Falls ich noch eine Erinnerung daran gebraucht hätte.
Der leibhaftige Teufel.
»Was zur Hölle machst du hier?«, frage ich durch zusammengebissene Zähne.
»Das klingt schon eher nach dir.« Arturo verzieht die Lippen zu einem herablassenden Grinsen. »Setz dich doch, Tara.«
Ich schenke ihm mein strahlendstes Lächeln. »Ich glaube, du hast vergessen, wo du gerade bist, DeVille. Du hast hier niemandem etwas zu befehlen. Und für dich immer noch Ms. Popov.«
Sein Grinsen verschwindet und verwandelt sich in einen finsteren Blick. »Setz dich verdammt noch mal einfach da hin, Frau! Ich muss etwas Ernstes mit dir besprechen.«
»Wir haben nichts zu besprechen. Es interessiert mich nicht die Bohne, was du mir zu sagen hast.«
DeVille kneift sich in die Nasenwurzel und seufzt genervt. »Offenbar hatte Ajello recht und ich hätte doch lieber Blumen mitbringen sollen. Aber wahrscheinlich hasst du Blumen auch, oder?«
»Ajello?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Wie kommt dein Boss darauf, über meine Vorlieben zu sprechen? Er kennt mich doch gar nicht.«
Und warum sollte ich keine Blumen mögen? Ich liebe Blumen. Neben meinem Bett steht ein riesiger Topf mit Friedenslilien. Drago hat ihn mir geschenkt, nachdem er mir wieder einmal vorgeworfen hatte, nicht verantwortungsbewusst genug zu sein. Nachdem ich vom College geflogen war. Von meinem dritten College. Aber die Pflanze lebt noch und es geht ihr super! Okaaaay … super ist vielleicht etwas übertrieben. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, entdeckte ich nur noch ein paar grüne Blätter zwischen ziemlich vielen vertrockneten.
»Würdest du dich jetzt bitte da hinsetzen?«
»Nein, danke. Ich stehe lieber.«
»Ich hätte Whiskey bestellen sollen.« DeVille schüttelt den Kopf und greift nach der Champagnerflasche. »Also gut. Es geht darum: Der Cosa-Nostra-Don hat den Wunsch geäußert, dass wir beide den heiligen Bund der Ehe eingehen sollen. Ich bin heute Abend hierhergekommen, damit wir die Bedingungen klären und letzte Details besprechen können. Deine Vorlieben, zum Beispiel.«
Ich starre ihn an und versuche, den Unsinn zu verarbeiten, der da gerade aus seinem Mund gekommen ist. Eine Hochzeit. Mit ihm? Haha! Ein unkontrollierbares Lachen kitzelt in meiner Brust. Ich versuche, es mir zu verkneifen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, aber das ist einfach zu komisch.
»Fast hättest du mich reingelegt.« Ich schnaube. »Hat Sienna dich zu diesem Scherz angestiftet? Ist das ihre Rache für meinen kleinen Streich wegen der angeblichen Schließung ihrer Lieblingsschuhboutique? Richte ihr bitte aus, dass wir damit quitt sind. Ciao!«
Noch immer laut lachend drehe ich mich um, um wieder an die Arbeit zu gehen, aber erneut erreicht mich DeVilles nervtötend heiße Stimme.
»Tara.« Dieses raue Timbre sollte verboten oder zumindest mit einer deutlichen Warnung versehen werden. Wenn man nicht darauf vorbereitet ist, wirkt es verdammt gefährlich.
Ich werfe einen Blick über meine Schulter. Von außen betrachtet sieht es so aus, als würde Siennas Bruder gemütlich auf dem Sofa lümmeln und an seinem Champagner nippen. Aber seine Gesichtszüge wirken nicht mehr entspannt oder gar sanft. Sein Kiefer ist zu einer harten Linie zusammengepresst, und er runzelt die Stirn, während er mich über den Rand seines Glases hinweg mustert. Keine Ahnung, woher ich das weiß, aber ich bin überzeugt davon, dass dieser Mann ein wandelndes Pulverfass ist. Eine prall gefüllte Magmakammer kurz vor der Eruption. Und dieser Ausdruck in seinen Augen spricht unverhohlen von unterdrückter Wut. Eigentlich müsste ich auf der Stelle tot umfallen.
»Ich meine es todernst. Ajello hat sogar schon die Location gebucht.«
Was?
Ich greife nach einem Sessel und lasse mich auf den Ledersitz plumpsen.
Salvatore Ajello ist der meist gefürchtete Mann an der gesamten Ostküste. Ich habe schon erwachsene Männer – waschechte Gangster und Leute aus Schlägertrupps – gesehen, die sich fast in die Hose gemacht hätten, als auch nur Ajellos Name fiel. Wie zur Hölle bin ich denn jetzt in sein Fadenkreuz geraten?
»Wie bitte?«, stoße ich aus.
»Es ist bereits beschlossene Sache. Der Don will damit die Beziehung zwischen unseren Organisationen stärken, daher steht es nicht zur Debatte. Wir beide müssen nur noch klären, wie wir mit dieser Situation umgehen.«
»Ach? Es ist also bereits beschlossene Sache, ja?« Meine Stimme klingt fest, und irgendwie schaffe ich es sogar, beinahe ruhig zu bleiben.
Aber als ich mich über den Tisch beuge und DeVille aus der Nähe ins Gesicht sehe, bin ich vor Wut regelrecht außer mir. Der Zorn, der mein Blut in Wallung bringt, könnte es locker mit dem des Mannes aufnehmen, der sich gerade selbst zu meinem zukünftigen Ehemann erklärt hat.
Verdammt noch mal, das darf doch einfach nicht wahr sein!
»Tja, ich erkläre dir mal, wie wir mit dieser Situation umgehen werden, DeVille«, sage ich durch zusammengebissene Zähne. »Ich hole mir jetzt einen doppelten Tequila und setze danach meinen beschissenen Abend hier fort. Und du …« Ich tippe ihm auf die Brust. »Du gehst zu deinem gestörten Boss und sagst ihm, dass er seine kleinen Handlanger wie dich meinetwegen gern herumkommandieren kann. Mit denen kann er auch nach Herzenslust Ehen arrangieren und anderen Blödsinn machen. Aber ich bin keiner seiner Handlanger. Daher bitte ich euch beide höflich, euch zu verpissen.«
Ich halte den Blick fest auf DeVille gerichtet, stehe so anmutig wie möglich vom Sessel auf und streiche meine Schürze glatt. Ein kluger Mensch würde alles tun, um Ajello nicht auf sich aufmerksam zu machen, aus Angst, wegen Provokation des Don in einem Leichensack zu landen. Schade eigentlich, dass mich noch nie jemand als klug bezeichnet hat.
»Tara …« DeVilles Stimme hat sich leicht verändert. Sie ist um mehrere Oktaven tiefer geworden und hat einen beinahe schnurrenden Unterton angenommen. Der den Eindruck vermittelt, dass er kurz davor steht, die Beherrschung zu verlieren. Allerdings klingt es nicht wie eine Warnung, sondern eher wie die Prophezeiung meines endgültigen Untergangs.
»Dein Drink geht auf mich, DeVille.« Ich nicke in Richtung der Flasche auf dem Tisch, drehe mich um und gehe weg.
Ich spüre seinen Blick im Nacken brennen, während ich die überfüllte Tanzfläche durchquere. Das Gefühl kann unmöglich real sein, weil sich so viele Leute zwischen uns befinden. Doch sogar, als ich endlich die Bar erreiche und unter der Theke hindurchschlüpfe, um dahinter zu gelangen, bleibt das Gefühl. Als würde sein Blick mich durchbohren. Ich schnappe mir eine Flasche Tequila und schenke mir einen doppelten Shot ein. Das brennende Gefühl im Nacken bleibt auch, nachdem ich den Drink in einem Zug hinuntergekippt habe.
Unruhig trete ich von einem Fuß auf den anderen und suche ihn in der Menschenmenge. Dann erhasche ich einen kurzen Blick, als ein paar fröhliche und betrunkene Biker zur Seite treten. Er sitzt immer noch in der Nische und lümmelt sich auf dem Sofa, als gehörte ihm der ganze Laden und sämtliche Leute darin. Wieso verschwindet er nicht, verdammt? Eine Gänsehaut läuft mir über den Körper, als hätte sein Blick sie ausgelöst. Mit Sicherheit bilde ich mir das nur ein, aber ich könnte schwören, dass sein Blick mich wie eine tatsächliche körperliche Berührung verbrennt.
Das macht mich nervös.
Verdammt, noch nie im Leben hat mich ein Mann so aufgeregt. Er benimmt sich wie der wichtigste Mensch im Raum. Sein Tonfall klingt immer autoritär, als wäre jeder Satz ein Befehl, dessen Befolgung er erwartet. Und wenn man nicht zu seiner geliebten Cosa Nostra gehört, sieht er einen an, als wäre man irgendwie minderwertig. Alles, was dieser Mann tut, regt mich unfassbar auf. Was auch immer seinen Boss dazu gebracht hat, ausgerechnet mich für diese hirnrissige Heiratsidee in Betracht zu ziehen und zu erwarten, dass ich auch nur eine Minute freiwillig in DeVilles Gesellschaft verbringen würde, ist nicht mein Problem, sondern Dragos. Er hat sich mit den verdammten Italienern eingelassen, also muss er sich auch darum kümmern. Ich wünschte, ich könnte ihn anrufen, um mit ihm darüber zu sprechen, aber mein Bruder telefoniert nicht. Auch das muss also warten, bis er aus Chicago zurück ist. Aber ich habe keine Zweifel. Drago wird das schon regeln. Das tut er immer.
Als die Rumänen unser Haus angegriffen haben und Drago angeschossen wurde, hätte ich ihn beinahe verloren … und mein Herz hätte fast den Dienst versagt. Mein großer Bruder ist mein Fels in der Brandung. Derjenige, der mich zusammenhält. Der wichtigste Mensch in meinem Leben. Er hat sich beinahe mein ganzes Leben lang um mich gekümmert. Egal, wie oft ich Mist gebaut habe, er war immer für mich da.
Aber das hier … Mist. Es ist nicht meine Schuld. Deshalb weiß ich auch, dass er es wieder in Ordnung bringen wird. Und ich will einfach nur noch nach Hause und das alles hinter mir lassen. Leider ist diese Nacht noch lange nicht zu Ende. Ich muss zurück an die Arbeit, aber ich stehe noch immer wie angewurzelt da, gelähmt von Arturo DeVilles brennendem Blick.
Es kostet mich echte körperliche Anstrengung, mich zu bewegen und mich für den Rest meiner Schicht zu konzentrieren.
In den nächsten dreieinhalb Stunden renne ich regelrecht durch den Club. Ich gebe mir doppelt so viel Mühe, alle Bestellungen zeitig zu erfüllen, und halte mich permanent beschäftigt. Gleichzeitig bemühe ich mich mit aller Kraft, nicht in Richtung der VIP-Lounge zu schauen. Das muss ich auch gar nicht. Das brennende Gefühl, das mich bei jedem Schritt begleitet, ist Beweis genug, dass er immer noch da sitzt.
»Tara!«, brüllt Jelena über einen Tisch voller Biker hinweg, die gerade ein albernes Trinkspiel absolvieren. »Stavros ist hinten und fragt nach dir.«
Na toll. Hoffentlich erzählt das niemand Drago. Es fehlt mir noch, dass er erfährt, dass mein Ex heute Abend hier war.
»Sag den Türstehern, sie sollen den Idioten rauswerfen und ihn auch nicht wieder reinlassen«, murmele ich, während ich versuche, noch ein weiteres leeres Glas auf meinem Tablett unterzubringen.
»Ah, okay. Ich dachte schon, ihr zwei wärt wieder zusammen.«
»Nein. Ich wiederhole meine Fehler nicht.« Eine kleine Lüge. Normalerweise brauche ich immer drei Versuche, bevor ich meine Lektion endlich gelernt habe. Aber es klang zumindest ganz cool.
Sie lacht. »Ja, schon gut. Ich sage nur ungern ich hab’s dir ja gesagt, aber ich wusste, dass aus dieser Beziehung nichts Gutes werden würde. Du hast einen fürchterlichen Männergeschmack.«
Als ob ich das nicht selbst wüsste.
Trotzdem muss ich es anscheinend durch jeden Mann, mit dem ich ausgehe, noch einmal untermauern.
Ich wusste schon bei unserer ersten Begegnung, dass Stavros ein Vollidiot war, habe aber trotzdem zugestimmt, mit ihm auszugehen. Auch der teure Sportwagen und die schicken Anzüge konnten die Wahrheit nicht verbergen. Der Typ ist ein Idiot. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er auch nur zwei funktionierende Gehirnzellen hat. Ständig zeigt er seinen hässlichen Siegelring am Zeigefinger und prahlt mit dem teuren Schmuck, den er von seinem Geld kauft. Geld, das er durch die Arbeit für seinen Daddy verdient. Stavros’ Hauptinteresse jedoch gilt seinem Trainingsprogramm, von dem er mir unbedingt sämtliche Details erzählen musste. Jedes. Einzelne. Mal. Geld und Fitnessstudio sind seine einzigen Gesprächsthemen. Er ist der einzige Mann, den ich kenne, der so sehr von sich eingenommen ist, ohne einen Grund dafür zu haben. Wir haben die letzten zwei Monate gedatet, und ich wollte eigentlich schon vor anderthalb Monaten Schluss machen, habe es aber nicht getan. Vielleicht bin ich doch ein wenig masochistisch. Oder einfach nur dämlich.
Gestern allerdings hat Stavros mich in ein exklusives Restaurant zum Essen eingeladen. Noch bevor die Vorspeisen serviert wurden, schwafelte er schon von seinem großen Lebenstraum: die perfekte Frau zu finden, die in jeder Hinsicht zu ihm passt, damit sie ihm eine Menge perfekter kleiner Babys gebären kann, die seine spektakulären Gene erben. Entschuldigung, aber es gibt doch nun wirklich schon genug Idioten auf dieser Welt! Ich entschuldigte mich, sagte, ich müsse auf die Toilette, und machte mich so schnell wie möglich aus dem Staub.
Okay, genau genommen habe ich mich also immer noch nicht von ihm »getrennt«, aber ich glaube, meine Botschaft war klar und deutlich.
Außerdem mache ich das meistens so. Ich renne sehr häufig einfach weg.
Hauptsächlich vor mir selbst.
Leider kann ich vor Arturo DeVilles Blick nicht weglaufen, denn seine verdammten Augen brennen mir immer noch ein Loch in den Rücken!
Eine halbe Stunde später, als die Sperrstunde näher rückt und die Menge sich langsam auflöst, sage ich Jelena, dass ich gehe, und schlüpfe in den Personalraum. Nachdem ich meine Handtasche und meine Jacke aus dem Spind geholt habe, verlasse ich das Naos durch die Küchentür und versuche verzweifelt, vor einer gewissen Person und ihrem brennenden Blick zu flüchten.
Ich lehne mich an die Hauswand, der Müllcontainer schirmt mich vor den Blicken derer ab, die mir in die Gasse folgen könnten, und entspanne zum ersten Mal seit Stunden meine Schultern. »Endlich!«
Es ist noch mitten in der Nacht, aber wie man so schön sagt: Diese Stadt schläft nie. Die kühle Luft belebt meine müden Sinne, und ohne den ständigen Druck so vieler Augenpaare auf mir fällt mir sogar das Atmen wieder leichter. Vor allem ein Paar dunkelbrauner Augen hat meine Nerven heute Abend gründlich zerfetzt.
Ich richte mich wieder auf, bereit, zu meinem Auto zu gehen, als mich plötzlich eine Welle tiefer Trauer überkommt. Für den Bruchteil einer Sekunde vermisse ich diese glühende Hitze.
»Okay, das war jetzt echt dämlich«, murmele ich und mache mich auf den Weg zum Parkplatz. Typisch für mich, dass ich heute meinen Schlüsselanhänger zu Hause vergessen hatte und daher nicht in die Tiefgarage des Naos fahren konnte.
Arturo
Ich rutsche auf den Rücksitz und schlage die Tür zu. Diese verfluchte Frau!
»Mr. DeVille?« Riggo sieht mich vom Fahrersitz der voll ausgestatteten BMW-Stretchlimousine an. Ich habe mich heute für die Limo entschieden, da ich meinen Land Rover selbst nicht fahren darf. »Hatten Sie Spaß? Irgendwelche hübschen Mädels da drin?«
»Kaum.«
»Was? Aber ich habe mindestens ein Dutzend gesehen, vielleicht sogar zwei, während ich gewartet habe. Unter anderem eine Blondine in dem kürzesten Kleid aller Zeiten. Sie hat so niedlich gelacht. Haben Sie die nicht gesehen?«
Keine Chance. Den ganzen Abend hatte ich nur Augen für die zierliche Brünette mit ihrer niedlichen kleinen Schürze, die Leute mit ihrem Notizblock verprügelt hat. Und das Schlimmste daran? Sie hat mich unfassbar fasziniert.
»Lass einfach endlich den Wagen an.«
»Selbstverständlich, Mr. DeVille. Bin schon dabei. Ach, und Nino hat angerufen. Er hat versucht, Sie zu erreichen, aber Sie haben Ihr Handy wohl ausgeschaltet?«
Ich ziehe mein Telefon aus der Tasche. Der Akku ist leer. Großartig. »Was wollte er denn?«
»Er sagte, es gäbe ein Problem auf der Baustelle in Brooklyn. Er wartet dort auf Sie.«
»Es ist zwei Uhr morgens.« Seufzend zwicke ich mir in die Nasenwurzel. »Na gut. Gib Gas.«
Unsere aktuelle Baustelle liegt eine gute halbe Stunde entfernt, und während der gesamten Fahrt frage ich mich, wie Tara Popov mir im Naos entkommen konnte.
Angesichts der anhaltenden Spannungen zwischen Drago und mir kam es nicht in Frage, seine Schwester vor all seinen Leuten in die Enge zu treiben, nachdem sie vor mir davongestürmt war. Daher habe ich Abstand gehalten und auf den richtigen Moment gewartet.
Mein Blick folgte ihr jedoch den Rest des Abends, während sie umher eilte und eine rüpelhafte Truppe von Bikern bediente, mit denen ich in Dragos Nobelclub niemals gerechnet hätte. Was zur Hölle sollte das? Drago war in letzter Zeit bei einigen seiner geschäftlichen Entscheidungen genauso unberechenbar wie seine Schwester.
Eine dieser Entscheidungen führte dazu, dass er eine Kugel in die Brust abbekommen hat. Ohne die Cosa Nostra würde der Mann jetzt unter der Erde liegen, anstatt mich permanent aufzuregen. Aber vielleicht könnte ich die Tatsache, dass er noch atmet, als Druckmittel benutzen, um ihn dazu zu bringen, der Hochzeit zwischen mir und seiner Schwester zuzustimmen. So wie Ajello es geplant hat. Vielleicht. Bei diesen Serben weiß man einfach nie, was einen erwartet.
Das Paradebeispiel dafür ist seine Schwester. Jede vernünftige Frau würde verstehen, dass eine Heirat die Verbindung zwischen unseren beiden Organisationen stärkt. Und eine vernünftige Frau würde niemals auch nur daran denken, eine Anweisung des Cosa-Nostra-Don so brüsk abzulehnen. Die Konsequenzen würden ihr und ihrer Familie nur Verderben bringen. Auch wenn Popovs Truppe recht groß ist, aber der New Yorker Familie sind sie nicht gewachsen. Bei einer direkten Konfrontation würden wir sie alle einfach auslöschen. Und Tara Popov weiß das. Dass sie jetzt sogar eine solche Drohung ignoriert, bestätigt nur, was ich schon immer wusste. Sie ist eindeutig irre.
Die Akte, die Nino mir über sie gegeben hat, enthielt nicht viel. Anscheinend wurde sie nur als »mittelmäßig interessant« eingestuft, seit Ajello vor vier Jahren beschlossen hat, sie im Auge zu behalten. Nino konnte lediglich ein paar grundlegende Informationen über die Schulen, die sie besucht hat, ihren beruflichen Werdegang und ein wenig über ihr Privatleben zusammentragen.
Anscheinend wurde sie in ihrem ersten Jahr von der Highschool verwiesen, schaffte es aber, an einer anderen Schule ihren Abschluss zu machen. Dort wurde nur eine vorübergehende Suspendierung in ihrer Akte vermerkt. Danach folgten mehrere »glanzvolle« Jahre am College. Taras Weg zu einer höheren Ausbildung führte sie durch drei verschiedene Colleges, bevor sie ihr Studium abbrach, ohne jemals ihren Abschluss in Bildungswissenschaften zu machen. Es folgte eine Phase mit kurzlebigen Gelegenheitsjobs, die sie jedoch nicht weiterbrachten, woraufhin wohl ihr Bruder eingriff. Seitdem arbeitet sie für ihn, und obwohl sie einige Jahre als Verwaltungsangestellte für sein Geschäft mit Edelsteinen tätig war, scheint auch das nicht gut gelaufen zu sein, da sie jetzt in seinem Club kellnert. Das beweist es endgültig … Tara Popov ist verantwortungslos, unengagiert und offensichtlich dämlich. Und mit dieser Frau soll ich den Rest meines Lebens verbringen! Heilige Mutter Gottes.
Trotz ihrer beruflich wenig beeindruckenden Laufbahn hat die Frau immerhin für ein ereignisreiches Liebesleben gesorgt. Auch wenn nicht alle Details bekannt sind, enthielt Ninos Akte eine ganze Liste mit Namen und teilweise auch den Berufen der Männer, mit denen Tara eine romantische Liaison hatte. Die Liste umfasste mehr als zehn Namen, aber keine Beziehung hielt länger als zwei Monate.
Zur Krönung – als würde das allein nicht ausreichen, um ihre Neigung zu schlechten Entscheidungen zu verdeutlichen – war ihr letzter Freund ausgerechnet Stavros Katrakis. Der unfassbar dämliche Sohn des Mannes, der derzeit das griechische Syndikat anführt. Das ist doch echt der Gipfel.
»Wir sind da, Mr. DeVille«, sagt Riggo und parkt neben Ninos SUV, zehn Meter von einem heruntergekommenen Gebäude entfernt, das wir morgen abreißen werden. Fuck. Heute Vormittag.
Beleuchtet von einem Industriescheinwerfer an der Dachkante stehen drei Männer. In eine hitzige Diskussion verwickelt. Ihre lauten Stimmen dringen bis zu mir. Ein mir unbekannter Wagen parkt in der Nähe.
