Protest, Empörung, Widerstand -  - E-Book

Protest, Empörung, Widerstand E-Book

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Beschreibung

Ob Occupy Wall Street, Stuttgart 21 oder der Arabische Frühling: Proteste sind historisch gewachsene Ausprägungen sozialer Auflehnungsbewegungen, die auf den gesellschaftlichen Wandel anpassungsfähig reagieren. Aus dieser Anpassungsfähigkeit und der sich daraus ableitenden Wandlung der Protestformen resultiert eine gewisse definitorische Unschärfe des Protestbegriffs. Der vorliegende Band erfasst Protestbewegungen in ihrer Vielfältigkeit und Komplexität und untersucht sie als diskursive und folglich kulturell und historisch bedingte Formen aufbegehrenden gesellschaftlichen Handelns. Vorgestellt werden unterschiedliche Protestbewegungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, deren geschichtlicher Wandel sowie systematische Beschreibungen der Quellen, Strukturen, Formen, Akteure, Narrative, Rhetoriken, Räume und Medien des Protests. Aus der Zusammenschau der versammelten Einzelanalysen wird ersichtlich, dass sich neuere Protestformen aufgrund der sozialen, politischen und ökonomischen Beschleunigungsprozesse immer mehr durch Kurzfristigkeit und Hybridität auszeichnen, sodass ihre wissenschaftliche Beschreibbarkeit immer neue Klassifikations- und Differenzierungsstrategien und -methoden erfordert.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Danksagung

Protest, Empörung, Widerstand. Zur Analyse von Auflehnungsbewegungen. Eine Einleitung

Iuditha Balint, Hannah Dingeldein & Kathrin Lämmle

Konfigurationen des Protests

Protest! Von der Koordination zum Projekt?

Klaus Schönberger

Die Empörung der 99%. Zum politischen Narrativ von Occupy Wall Street

Jan Rohgalf

Protest durch Theorie

Sozialer Protest im Zeitalter der Postdemokratie. Anmerkungen zu den Grenzen postmarxistischer Politikmodelle

Hans-Joachim Schott

Feminismus 68. Theorie wider Praxis

Vojin Saša Vukadinović

Protest im Diskurs

Nach dem Ende der Geschichte. Zur zeitgenössischen Kapitalismuskritik

Jens Maeße & Alexander Preisinger

Aufklärung im Protest. Ein diskurslinguistischer Vergleich der Aufklärungskonzepte von ‚1968‘ und der ‚Occupy-Wall-Street-Bewegung 2011f.‘

Ruth M. Mell

Narrative der Ökonomiekritik in transnationalen Protestbewegungen und deutschsprachigen Gegenwartsromanen

Annemarie Matthies

Protest durch Medien

Bildverhältnisse. Politische Bilder und ihre Verhandlung im Dokumentar- und Protestfilm

Bastian Blachut & Michael Andreas

Symbolischer Protest im Internet. Über die Aktualität des Protestbegriffes angesichts internetbasierter Handlungsformen mediatisierten Widerstandes

Julius Erdmann

Akteure des Protests

Theater des Widerstandes?Die vorreformatorischen Nürnberger Fastnachtspiele

Beatrice von Lüpke

Der Sozialbandit als Mythos des Widerstands.Von Robin Hood zum Partisanenkampf und zurück

Andreas J. Haller

Die Waffe Mensch. Hungerstreiks im globalen Kontext

Frederike Felcht

Autorenverzeichnis

Danksagung

Dieser Sammelband dokumentiert die Beiträge der Tagung „Protest, Empörung, Widerstand. Zur Analyse der Dimensionen, Formen und Implikationen von Auflehnungsbewegungen“. Die Tagung fand im Juni 2012 in Kooperation mit dem Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen statt, das uns seine räumlichen und technischen Ressourcen zur Verfügung stellte und freundlicherweise den Keynote-Speaker Prof. Dr. Klaus Schönberger einlud. Unser ausdrücklicher Dank gilt daher Dr. Frank Degler für Kooperationsvorschlag, die Übernahme der Koordination seitens des Ernst-Bloch-Zentrums und die wunderbare Zusammenarbeit bei der Tagungsorganisation und der Publikation der Ergebnisse.

Caroline Danter danken wir für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Endkorrektur der Beiträge.

Ganz besonders bedanken möchten wir uns bei der Fritz Thyssen Stiftung, der Otto Mann Stiftung, ABSOLVENTUM Mannheim, dem Dekanat der Philosophischen Fakultät und dem Rektorat der Universität Mannheim sowie bei Prof. Dr. Jochen Hörisch, dem Inhaber des Lehrstuhls Neuere Germanistik II der Universität Mannheim. Ohne ihre großzügige Unterstützung hätte die Tagung nicht stattfinden können. Durch die Übernahme der Druckkosten hat die Fritz Thyssen Stiftung überdies ermöglicht, dass wir die Ergebnisse der Tagung der Öffentlichkeit in Form dieses Sammelbandes präsentieren dürfen.

Der UVK Verlagsgesellschaft danken wir für die Aufnahme des Manuskripts in ihr Programm – unser besonderer Dank gilt an dieser Stelle Sonja Rothländer für die Zusammenarbeit und Betreuung.

Nicht zuletzt gilt unser Dank den Tagungsteilnehmern und dem zahlreich erschienenen Publikum. Sie alle haben mit ihren Beiträgen und kritischen Diskussionen nicht nur die Tagung bereichert, sondern auch inhaltlich an der jetzigen Form des Bandes und der Aufsätze mitgewirkt.

Iuditha Balint, Hannah Dingeldein & Kathrin Lämmle Mannheim, im Januar 2014

Protest, Empörung, Widerstand.

Zur Analyse von Auflehnungsbewegungen.

Eine Einleitung

Iuditha Balint, Hannah Dingeldein & Kathrin Lämmle

Die wissenschaftliche Beschreibung von Aktionsformen des Protests, des Widerstands und der mit ihnen einhergehenden Emotionen zeichnet sich insgesamt durch Unschärfe aus, eine Tatsache, deren Begründung – neben der Einseitigkeit disziplinärer Zugänge – im steten Wandel der Kontexte, Bedeutungen, Funktionen und Formen der Proteste zu suchen ist. In der Regel werden diese als Handlungsakte definiert, durch welche Empörung und Engagement zum Ausdruck gebracht, öffentliche Aufmerksamkeit erregt, Zustimmung erlangt und der soziale Wandel aktiv und bottom up gesteuert werden soll (vgl. Peters 1994: 67; Rucht 1998: 109). Etymologisch abgeleitet vom bzw. verwandt mit dem italienischen protesto, französischen protêt sowie dem russischen, englischen und holländischen protest, meint ‚protestieren‘ Einspruch einlegen, gegen etwas oder jemanden aufbegehren, etwas zurückweisen (Pross 1991: 15). Indem sich Protestbewegungen unmittelbar gegen etwas richten, sprechen sie sich damit auch zugleich für etwas aus. Daher verwundert es nicht, dass Protest- und Widerstandsbewegungen oft als Motor wesentlicher gesellschaftlicher Umwälzungen fungieren. Sie dienen als Sprachrohr der Bürger für die Artikulation von Defiziten; zugleich geben sie Forderungen Ausdruck, wobei die fordernde Masse bestrebt ist, symbolisch eine demokratische Mehrheit zu markieren. Dies lässt sich auch an den Protest- und Widerstandsbewegungen der letzten Jahre beobachten. Denn sie weisen als diskursive Formen auf soziale Defizite hin und hinterfragen zugleich geltende Wertesysteme.

So ging etwa im Zuge der Banken- und Finanzkrise der Aufruf Occupy Wall Street durch die Medien mit dem Ziel, einer globalen Macht widerständig zu begegnen, sie als Minderheit zu markieren und ein „transnationales Protest-Netzwerk“ (Leggewie 2003: 142) zu aktivieren. Denn nicht umsonst bezeichnen sich die Protestierenden als „die 99%“, die jeden Bürger mit einzubeziehen suchen und nehmen so eine für den Protest zentrale Zuschreibung vor. Das regionale Phänomen Stuttgart 21 hingegen entwickelte sich schnell zur bundesdeutschen Mitbestimmungs-Debatte und hatte die erste Volksabstimmung Baden-Württembergs zu einem ihrer Resultate. Der Arabische Frühling zeigte schließlich den Protest verschiedener Länder gegen autoritäre Regime und für demokratische Werte, die Mitbestimmung versprechen.

Allen diesen Bewegungen gemeinsam ist zunächst die Entfaltung und Inszenierung von Narrationen, die sich in unterschiedlichen – und nichtsdestoweniger miteinander vergleichbaren – Aufführungsmodi präsentieren und in Form performativer Handlungsmuster je eigene rituelle Qualitäten entwickeln (vgl. Fahlenbrach 2009), die ihrerseits bewegungsintern gültige Werte zum Ausdruck bringen und somit zugleich Inklusion wie Exklusion garantieren. Protestbewegungen zeichnen zudem Helden und Verlierer, referieren auf Mythen und Metaphern und dies häufig auf eine an Emotionen appellierende Weise, welche die eigene Betroffenheit zu evozieren vermag. Beobachten lässt sich zudem, dass in Bezug auf die Akteure des Protests sowohl bewegungsintern als auch bewegungsextern Zuschreibungen vorgenommen werden, die anhand spezifischer Merkmale eine gruppenspezifische bzw. gesellschaftliche Klassifizierung dieser Akteure bewirken. Einerseits markieren diese Merkmale intern eine Sphäre der Zugehörigkeit; andererseits dienen sie bewegungsextern – so etwa in Medien und Politik – dazu, die jeweiligen Proteste fassbar zu machen und ihre gesellschaftsverändernden Potenziale scheinbar zu entschärfen. Oft werden auf diese Weise Vereinfachungen, Überspitzungen und Negativfolien kreiert und als Mobilisierungsinstrumente gegen die Protestbewegungen genutzt. Als Beispiel soll an dieser Stelle der im Rahmen von Stuttgart 21 entstandene Begriff Wutbürger Erwähnung finden, der die kritisch argumentierende Masse in eine emotional agierende verwandelte und ihre Fremdwahrnehmung als demokratische Mehrheit zu schwächen drohte. Dass diesen Zuschreibungen eine zentrale diskursive Relevanz zukommt, verdeutlicht nicht zuletzt die Tatsache, dass der Begriff Wutbüger 2010 zum Wort des Jahres gewählt wurde.

Parallel zu den jüngsten Bewegungen rufen Streitschriften und Manifeste grundsätzlich zu Protesthaltung, Engagement und (moralischem) Wertewandel auf – sei es Stéphane Hessels Empört euch! oder das von dem „Unsichtbaren Komitee“ verfasste politische Essay Der kommende Aufstand. Sie sind adressiert an eine als konfliktiv zu bezeichnende Gesellschaft, in welcher der – wohlgemerkt stets parasitäre, da mit Mitteln des Systems verwirklichte – Protest der eingeschlossenen-ausgeschlossenen Dritten mobilisiert werden soll (vgl. Peter 2012). Obwohl Abweichung, Einspruch, Kritik und Interventionen als konfliktive Energien innerhalb der kritisierten Systeme einberechnet werden und somit grundsätzlich erwartbar sind, ist ihre Wirkkraft dennoch nicht zu unterschätzen. Der „neue Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2006) allerdings vermag es ebenfalls, die widerständige Logik der Sozialkritiker und der Kreativen zu Managementstrategien zu transformieren und darin eine neue Ordnung des Sozialen zu konstituieren. Durch die parasitäre und zugleich projektförmige Intervention im System wird einer neuen Ordnung, einem neuen – wenn auch kurzlebigen – System Raum geboten. Sich den sozioökonomischen Veränderungen anpassend, unabhängig von bestimmten Milieus, Subkulturen und sozialer Zugehörigkeit, zeichnen sich die jüngsten Protestformen durch netzförmige Koordination und nicht-identitäre Formen der Partizipation im Rahmen wenig formalisierter, temporär begrenzter Strukturen aus. Diesen Entwicklungen liegt die Durchsetzung neoliberaler politischer, ökonomischer Paradigmen und der damit einhergehenden projektbasierten Arbeitsökonomie zugrunde (Boltanski/Chiapello 2006; sich darauf beziehend auch Schönberger in diesem Band).

Dementsprechend kann zunächst Folgendes festgehalten werden: Aktuell dominierende Protestformen sind temporär begrenzt, finden vornehmlich im öffentlichen Raum statt, weisen projektförmigen Charakter auf und erwecken gerade nicht den Eindruck, subkulturelle oder milieuspezifische Bewegungen zu sein. Die Straße als Schauplatz des Protests wird als Raum der performativen Vergewisserung geteilter Werte, Ziele und Weltansichten sowie als Ort politischer und kultureller Einflussnahme genutzt (Fahlenbrach 2009). Eine nicht zu unterschätzende Rolle kommt hierbei auch den unterschiedlichen Medien zu, wie etwa dem Internet (vgl. Erdmann in diesem Band), der Literatur (vgl. Matthies und Haller in diesem Band) oder dem Film (vgl. Blachut/Andreas in diesem Band). Diese übernehmen in langfristigen, identitären Bewegungen ebenso wie in spontanen, projektförmigen Protestformen verschiedene Funktionen (vgl. Felcht in diesem Band), vermögen selbst widerständig wirken und agieren, als Sprachrohr dienen, Regulatoren sein und unterschiedliche Artikulationsmodi sowie Inklusions- und Exklusionskriterien bereit stellen.

Als weitere gemeinsame Merkmale neuer Protestbewegungen können Vielstimmigkeit und radikale Offenheit auf der einen, Bruchstückhaftigkeit und Instabilität auf der anderen Seite angeführt werden. Ein Charakteristikum dieser Proteste – und nicht zuletzt ein wesentlicher Unterschied zu identitären Bewegungen – ist darüber hinaus das Fehlen leitender Instanzen, was nicht nur für die Struktur der Proteste Folgen hat, sondern auch für den Modus von Protesthandlungen und -haltungen. Ebenfalls auffällig ist in letzter Zeit die Beschleunigung des Wandels der Artikulationsformen sowie die starke Ästhetisierung der Protestbewegungen, die sich durch symbolisches Handeln auszeichnet, so etwa durch die symbolische Sichtbarmachung von Missständen und die Wiederaneignung des öffentlichen Raumes.

Die neueren Proteste scheinen sich also durch eine Hybridität auszuzeichnen, die ihre wissenschaftliche Beschreibbarkeit stark einzugrenzen droht. Nichtsdestoweniger können als Differenzierungs- und Klassifikationskriterien die Beschaffenheit ihrer Kommunikationsformen (intern oder extern) bzw. ihrer Aktionsformen (kooperativ oder konfrontativ) dienen – oder eben die jeweilige Art der mit diesen Bewegungen einhergehenden Medialität bzw. Performativität. Von nicht minderer Relevanz für den Versuch einer Klassifizierung ist zudem, ob es sich um ältere, gewachsene oder spontane und aktuelle Formen handelt und ob ihr Gegenstand lokal, national oder global zu fassen ist (vgl. Schönberger/Sutter 2009: 7-29).

Die bereits oben thematisierte Unschärfe des Protestbegriffs resultiert also aus ihrer Hybridität – und nicht zuletzt aus der Einseitigkeit disziplinärer Herangehensweisen in der Forschung. Genau an dieser Stelle setzt dieser Sammelband an und nähert sich dem Thema aus transdisziplinärer Perspektive. Fruchtbaren Boden bietet in dieser Hinsicht auch, dass hier auf der Basis unterschiedlicher Methoden und Theorien gearbeitet wird. Auf diese Weise soll in der Beschreibbarkeit und Unterscheidbarkeit der Protestformen sozialer Auflehnungsphänomene ein multilateraler Ansatz verfolgt werden, der es vermag, die verschiedenen zur Diskussion gestellten Aspekte des Protests aus mehreren Perspektiven zu beleuchten und somit fassbar zu machen. Näher betrachtet werden in den versammelten Beiträgen verschiedene Dimensionen, Ausprägungsformen und Implikationen von Auflehnungsbewegungen.

Im Fokus des Bandes stehen folgende Fragen: Welche Arten von Akteuren, Mythen und Ikonen des Protests und des Widerstands lassen sich ausmachen? Welche Narrative bzw. Metaphern bestimmen Proteste und Widerstandsbewegungen? Welchem Wandel sind Protest- und Widerstandsmodi unterworfen? Wie werden Protest und Widerstand medial artikuliert, welche medialen Zirkulationsformen lassen sich bestimmen? Wie lässt sich das Form-Inhalts-Verhältnis von sozialen Auflehnungsbewegungen fassen? Worin liegt ihr subversives Potenzial? Und nicht zuletzt: Woraus resultieren diese Bewegungen, welche Folgen ziehen sie nach sich und welche Emotionen werden hervorgerufen oder bedient?

Um Fragen wie diesen angemessen begegnen zu können, rückt der Band die Artikulationsformen und Darstellungsstrategien von Protesten und Widerstandsbewegungen ins Zentrum der Untersuchungen. Gerade die Transdisziplinarität der Aufsätze trägt dazu bei, das Spektrum von Protestbewegungen adäquat erfassen zu können und bietet so Raum für eine kritische und multiperspektivisch ausgerichtete Diskussion, der Analyse und Synthese der (Selbst-)Darstellung und der theoretischen, historischen wie systematischen Aufarbeitung von Auflehnungsbewegungen. Von besonderer Relevanz ist daher letztlich auch die Frage nach dem gemeinsamen Kern der präsentierten Herangehensweisen und Methoden: Was kennzeichnet eine Protest-Idiomatik? Was sind systemstabilisierende bzw. -destabilisierende (kommunikative) Muster und Methoden? Welche Räume für die Erneuerungen des kommunikativen und symbolischen Haushalts werden durch Protestbewegungen geschaffen und wie bildet sich in ihnen und durch sie ein sozial geteiltes Wissen heraus?

Der Kulturwissenschaftler Klaus Schönberger plädiert in seinem Aufsatz für den Projektcharakter aktueller Protestbewegungen. In einer thesenartigen Auflistung unterschiedlicher Aspekte von Protestformen liefert er dabei nicht nur eine genaue Beschreibung ihres Projektcharakters, sondern geht auch dem Gedanken nach, dass die Entwicklung der Artikulation von Protesten – etwa von identitären zu nicht-identitären, von langfristigen zu kurzfristigen oder von zentral koordinierten zu netzwerkartigen Bewegungen – möglicherweise dem Wandel der Arbeit(swelt) geschuldet ist. Zugleich argumentiert er dafür, diesen neuen Charakter weniger als Gefahr, sondern vielmehr als auszuschöpfendes Potenzial von Protesten aufzufassen.

Jan Rohgalf fragt in seinem Artikel aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive danach, wodurch sich die jüngste transnationale Bewegung gegen den globalen Kapitalismus, der eine erkennbare Organisation ebenso fehlt wie ein geschlossenes, stichhaltiges Programm, eigentlich definiert. Dabei wird Occupy Wall Street als „Bewegung der Anteilslosen“ als eine „Emanzipation der noch Marginalisierten“ aufgefasst, die all jene zu Wort kommen lassen will, welche im politischen Leben nicht gehört werden.

Eine Auseinandersetzung mit den Grenzen des postmarxistischen Modells von Postpolitik liefert Hans-Joachim Schott. Unter Bezugnahme auf den jungen Marx skizziert der Germanist ein Konzept politischen Handelns, das jene Begrenzung aufzeigt und die Militarisierung sozialer, protestförmiger Konflikte verstehbar gestaltet. Schott verdeutlicht sowohl die Nähe Marx’ zu Ernesto Laclau und Chantal Mouffe und zeigt auf, dass und wie Marx jedoch eine gewaltsame Eskalation des Klassenkampfes vorzieht und damit – betrachtet man jüngste Konflikte – Aktualität beweist.

Vojin Saša Vukadinović, ausgewiesen auf den Gebieten der Geschichte, Germanistik und Gender-Forschung, diskutiert im nächsten Beitrag, inwiefern die Frauenbewegung ihren Widerstand in und durch Theorie konstituiert. Im Gegensatz zum aktionsreichen, häufig Aufsehen erregenden Proteststil, wie er in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit der 60er-Jahre praktiziert wurde, zielt der mit den Mitteln der Theorie ausgeübte Protest darauf ab, den Anstoß der Empörung – das gesellschaftliche Konstrukt Mann und dessen Dominanz in einem ebenso problematischen, weil konstruierten Konzept der Zweigeschlechtlichkeit – zu destruieren.

Der Soziologe Jens Maeße und der Literaturwissenschaftler Alexander Preisinger verknüpfen in ihrem Beitrag die soziologische und narratologische Diskursanalyse und untersuchen grundlegende narrative, diskursive und soziale Inszenierungstechniken der neuen Kapitalismuskritik am Beispiel der Gruppierungen Attac und Occupy Wall Street. Ihre Beobachtung ist, dass sich – bedingt durch die Globalisierung von Protesten – neue Protesttechniken und Kritiklogiken etablieren, wie etwa der Verzicht auf eigene, spezifische Narrative oder auf eine klar umrissene politische Stellung.

In einem diskurslinguistischen Vergleich der Protestbewegungen 1968 und Occupy Wall Street widmet sich die Linguistin Ruth Mell der Frage nach der Funktionalität der dort auszumachenden Konzepte von AUFKLÄRUNG, ihrer semantischen Konzeption und lexikalischen Realisation sowie zuletzt der daraus resultierenden Generierung von diskursivem, gesellschaftlichem Wissen. Mell kann dabei zeigen, dass beide Bewegungen drei funktionale Wissenselemente – PROTESTIEREN, PARTIZIPIEREN und LEGITIMIEREN – verbinden, wobei Aufklärung jeweils durch die Bewegungen zum notwendigen Programm für Veränderung bestimmt wird.

Die Soziologin und Literaturwissenschaftlerin Annemarie Matthies erforscht in ihrem diskursanalytischen Beitrag die Übereinstimmungen und Abweichungen zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Artikulationen von Ökonomiekritik. Zwischen dem Modus und dem Objekt der Kritik unterscheidend, stellt Matthies die Frage nach der Haltung und dem ökonomiekritischen Maßstab der Protestler. Als Materialkorpus dienen ihr dabei Werke der neuesten deutschsprachigen Literatur und Manifeste transnationaler Protestbewegungen.

Die sogenannte „Renaissance des politischen Dokumentarfilms“ ebenso wie die politische Zeugenschaft und Kraft filmischer dokumentarischer Bilder und damit ein weiteres zentrales Medium im Rahmen von Protestdiskursen sind Gegenstand der Auseinandersetzung von Bastian Blachut und Michael Andreas. Die Film- und Medienwissenschaftler zeigen, dass dem Dokumentarfilm als bildstiftendes Genre in seinem Verhältnis zu anderen „Bildern des Sozialen“ eine spezifische bildpolitische Relevanz zukommt und verdeutlichen schließlich die Modi einer sozialen und politischen Realitätskonstruktion, die das Subgenre Protestfilm auszeichnen.

Im Zentrum des Artikels von Julius Erdmann steht indessen eine Erweiterung und Neubewertung des Protestbegriffs für das Internet. Ausgehend von einer am Forschungsstand orientierten Reflexion der Konzepte Internet und Protest arbeitet der Kulturwissenschaftler die Dimensionen des angewendeten Protestbegriffs zunächst heraus, um sie schließlich im Rahmen einer semiotischen Analyse kritischer Ausdrucksformen im Medium Internet zu überprüfen. Erdmann kommt zu dem Schluss, dass Protest als Funktion des Zeichenhandelns im mediatisierten Raum zu fassen ist, womit das Internet als Möglichkeitsraum symbolischen und widerständigen Protesthandelns beschreibbar wird.

Weit zurück in die Vergangenheit reichen die Überlegungen von Beatrice von Lüpke. In ihrem Aufsatz analysiert sie das gesellschaftskritische Potential der vorreformatorischen Nürnberger Fastnachtspiele, die sich im Rahmen des zeitlich begrenzten Fastnachtsfests durch die im Spiel inszenierten Regelverstöße subversiv mit der bestehenden Ordnung auseinandersetzen. Indem von Lüpke die literarischen Texte der Spiele im Zusammenhang mit der historischen Wirklichkeit ihrer Zeit und den repressiven Erlässen des die Spiele kontrollierenden Nürnberger Rats betrachtet, ist der im Grenzbereich zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaft angesiedelte Aufsatz interdisziplinär ausgerichtet.

Aus einer ebenfalls kultur- und literaturwissenschaftlichen Perspektive nähert sich Andreas Haller dem Thema Protest. In seinem Aufsatz deutet er die Figur des Robin Hood als Sozialrebellen, als „Partisane der nationalen Befreiung“. Dabei kann der Autor zeigen, dass sich moderne Partisanen- und Guerillabewegungen, wie sie tatsächlich in der Wirklichkeit vorzufinden sind, den Mythos des Sozialrebellen und seine Taktiken aneignen. Hallers Essay ist in der Tradition der kritischen Theorie angesiedelt und diskutiert die Gestalt des Robin Hood im dialektischen Spannungsfeld zwischen proto-sozialistischem Sozialbanditen und konservativem Partisanen.

Die Kulturwissenschaftlerin und Skandinavistin Frederike Felcht beschäftigt sich aus globalisierungstheoretischer Perspektive mit den Transnationalisierungsmomenten von Hungerstreiks. Folgende Aspekte sind ihr dabei von Bedeutung: Die Beschaffenheit der mit den Streiks verbundenen Fastenpraktiken, der Modus ihrer Globalisierungsbewegung und ihre Methoden, an den Diskurs der Menschenrechte anzuknüpfen.

Der Band bietet folglich in der Zusammenstellung der Beiträge einen transdisziplinären Zugang zu den Phänomenen Protest, Empörung und Widerstand. Auf diese Weise wird den oben angemerkten Unschärfen in der Bestimmung dieser Phänomene begegnet, unterschiedliche Zugänge, aber auch Facetten der Bewegungen und ihrer Analyse werden aufgezeigt, sodass schließlich eine multiperspektivische Herangehensweise entsteht. Beschreibbar gemacht werden dadurch die Herausbildung, Verhandlung und Manifestation eines sozial geteilten Wissens sowie einer gesellschaftlich geteilten diskursiven Wirklichkeit, die wiederum für die Erfassung ebenso wie für die Ingangsetzung von Auflehnungsbewegungen zentral sind und wesentliche Anknüpfungspunkte für weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema bereitstellen.

Literatur

Boltanski, Luc/Chiapello, Ève (2006): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz.

Fahlenbrach, Kathrin (2008): Protest-Räume – Medien-Räume. Zur rituellen Topologie der Straße als Protest-Raum. In: Geschke, Sandra Maria (Hg.): Straße als kultureller Aktionsraum. Interdisziplinäre Betrachtungen des Straßenraums an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Wiesbaden. S. 98-111.

Hellmann, Kai-Uwe/Koopmanns, Ruud (Hg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Opladen. S. 109-127.

Leggewie, Claus (2003): Die Globalisierung und ihre Gegner. München.

Peter, Tobias (2012): Nutzlos sich zu erheben? Über parasitären Widerstand. In: Polar. Politik, Theorie Alltag, Nr. 13, S. 51-55.

Peters, Bernhard (1994): Der Sinn von Öffentlichkeit. In: Neidhardt, Friedhelm (Hg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Nr. 34, S. 42-76.

Pross, Harry (1991): Protest Gesellschaft: Von der Wirksamkeit des Widerspruchs. München.

Rucht, Dieter (1998): Komplexe Phänomene – komplexe Erklärungen. Die politischen Gelegenheitsstrukturen der neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. In:

Schönberger, Klaus/Sutter, Ove (Hg.) (2009): Kommt herunter, reiht Euch ein ...: Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Berlin.

Konfigurationen des Protests

Protest! Von der Koordination zum Projekt?

Thesen zum Wandel der Vergesellschaftung und Assoziierung in sozialen Bewegungen sowie zur Artikulation des Politischen im kognitiven Kapitalismus1

Klaus Schönberger

Der folgende Beitrag beinhaltet Thesen zur Diskussion, die im Rahmen aktivistischer Debatten über die Bedingungen und die derzeit wahrnehmbaren Veränderungen der Artikulation von Protest durch soziale Bewegungen von verschiedenen Seiten geführt werden (u.a. im Rahmen der Diskussionen um das vom Verfasser gemeinsam mit Ove Sutter herausgegebene Buch Kommt herunter, reiht Euch ein …: Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen (Schönberger/Sutter 2009):

Es geht dabei darum, den Begriff des „Projekts“ auf der inhaltlichen Ebene und die „Koordination“ auf der organisatorischen Ebene als gegenüber der „Gemeinschaft“ alternative Praxen der Assoziierung kenntlich zu machen.

Diese Begriffe markieren zugleich den Versuch auszuloten, welche Möglichkeiten der gegenwärtige gesellschaftliche Wandel (kognitiver Kapitalismus, Postfordismus etc.) für die Assoziation als Freie und Gleiche mit sich bringt. Denn dieser Wandel tritt nicht nur als Krise der (politischen) Repräsentation politischer Parteien oder Großorganisationen wie Gewerkschaften, Kirchen etc. in Erscheinung, sondern wird auch auf der Ebene von ‚Militants‘, AktivistInnen und FunktionärInnen innerhalb sozialer Bewegungen spürbar und offensichtlich. Dabei geht es nicht um eine weitere Erzählung über Politikverdrossenheit oder Entpolitisierung, sondern um die Frage nach den veränderten Bedingungen des Politischen. Wie steht es um die Möglichkeit einer autonomen und selbstbestimmten Organisierung sowie für eine antagonistische Position innerhalb des neoliberalen und globalisierten Kapitalismus? Hierbei gesellt sich zur Frage nach dem „revolutionären Subjekt“ und seinen Subjektivierungsweisen auch die Frage nach dem Projekt der gesellschaftlichen Emanzipation (die im Folgenden in Thesenform vorläufig beantwortet werden soll).

Gemengelage

Der politische Aktivismus kann auf eine lange Reihe von Vergesellschaftungsformen zurückgreifen. In der Theorie der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts (Thomas Hobbes) drängte der imaginierte homogene Wille des „Volkes“ die „Multitude“ zurück. Da die „Menge“ (im Sinne von Spinozas Multitudo) als staatsbedrohlich zum Verschwinden gebracht wurde (Virno 2005), bezog sich die aufkommende Arbeiterbewegung auch in erster Linie auf den vereinheitlichenden Begriff des „Volkes“. Karl Marx sah hingegen die Notwendigkeit der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse im Übergang der ‚Klasse an sich‘ zur ‚Klasse für sich‘ und gründete gemeinsam mit Friedrich Engels den „Bund der Kommunisten“. Die „Erste Internationale“ wurde 1866 als „Internationale Arbeiterassoziation“ von der englischen Trade-Union-Bewegung und den französischen Arbeitervereinen initiiert. Hier waren noch AnarchistInnen und KommunistInnen vereint. Das motivierte 1870/71 in Frankreich die „Commune“. Die (deutsche) sozialdemokratische Arbeiterbewegung gründete Vereine nach dem bürgerlichen Gesetzbuch. Die ersten Gewerkschaften gingen aus den Hilfs- und Unterstützungskassen hervor. Die Bolschewiki erfanden die Kaderpartei und den demokratischen Zentralismus. Der Anarchosyndikalismus setzte auf einen „Lokalismus“ (lokale Vereinigungen). 1968, im Zuge der antiautoritären Revolte, betrat die Kommune 1 die Bühne und konkurrierte mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Dieselbe aktualisierte das Schreckgespenst der „Commune“ als Spaßguerilla. Im Gefolge der 68er-Bewegungen entstanden die neuen sozialen Bewegungen, in Deutschland als Bürgerinitiativen, Alternativbewegung und Friedensbewegung, in Italien die Autonomia Operaia und 1977 die Stadtindianer. In Lateinamerika kämpften Stadtguerilla und Tupamaros. Als westeuropäisches Pendant kämpften in Italien nunmehr die Roten Brigaden, in Westdeutschland die Rote Armee Fraktion und die Revolutionären Zellen. Die Black Panther Party artikulierte das in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gefundene Selbstbewusstsein der Afro-AmerikanerInnen. Die „Poplinken“ bescherten uns in den 1980er- und 1990er-Jahren Modelle wie die „Band“ oder die „Posse“. Für Michael Hardt und Antonio Negri (2000: 415) begründet das „posse“ sogar eine „neue Wirklichkeit des Politischen“, weil der Begriff die „singuläre Subjektivität“ der Multitude „am besten zu erfassen“ vermag. Mit der Wieder-„Erscheinung“ der Multitude als theoretisches Konzept im Zuge der Globalisierungskritikbewegung (1999ff.) war aufgrund der theoretischen Implikationen aber auch klar, dass es zu einer Neuauflage der klassischen „Organisationsfrage“ kommen muss. Damit verbunden ist aber nicht nur die Frage nach Formen einer antagonistischen Selbstorganisierung und der Artikulation von Protest, die den sich wandelnden politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen angemessen ist, sondern immer auch die Frage nach dem jeweils veränderten Charakter des Politischen.

Hardt/Negri (2004: 87) kritisieren den Reduktionismus traditionell linker Vorstellungen über den Modus der Insurrektion (im Sinne von politischem Aufstand und politischer Erhebung). Demnach zeichnen sich diese Ideen (mit Blick auf die Pariser Commune bis zur Oktoberrevolution) durch jenen Schematismus aus, wonach die aufständischen Massenbewegungen politische Avantgarden hervorbringen, der Bürgerkrieg die Einsetzung einer Revolutionsregierung ermöglicht, Organisationen der Gegenmacht eingerichtet werden (welche auf Hegemonie und die Eroberung der Staatsmacht abzielen) und schließlich die Diktatur des Proletariats errichtet wird. Heute sei „eine solche Abfolge revolutionären Handelns“ kaum mehr vorstellbar: „Die Insurrektion verläuft nicht länger in Stufen, sondern entwickelt sich simultan.“ Demnach seien „Widerstand, Exodus, die Aushöhlung der Macht des Feindes und die Errichtung einer neuen Gesellschaft durch die Multitude ein und derselbe Prozess“ (ebd.). Die Wiederbelebung kann daher nur auf der Grundlage neuer Praktiken und Organisationsformen sowie neuer Konzepte erfolgen (ebd.: 247). Allerdings finden diese neuen sozialen Organisationsformen in der traditionellen wie institutionalisierten Linken mitunter ihre größte Feindin. Sie erscheinen ihnen unverständlich, ungeheuerlich bis bedrohlich (ebd.: 216). Das beruht aber eben nicht nur auf dem Unverständnis für veränderte Formen, sondern hat eben auch mit unterschiedlichen politischen Interessen und sozialen Trägergruppen zu tun. Insofern macht es Sinn, wenn Hardt/Negri (ebd.: 215) vor der nostalgischen Sehnsucht der gemäßigten europäischen Linken nach „traditionellen sozialen Formen und Gemeinschaften“ warnen, die sich zudem in Europa meist nicht in „Klagen über die Isolation und den Individualismus unserer Zeit, sondern in der sterilen Wiederholung längst überholter Gemeinschaftsrituale“ ausdrücken.

1. Von der Gemeinschaft zur Koordination und zum Projekt

Während in den Jahrzehnten nach 1968 identitäre Formen von Vergemeinschaftung (oder genauer: „Vergesellschaftung“) in verschiedenen politischen Kontexten dominierten, hat sich im Zuge dessen, was gegenwärtig als Multitude analysiert wird, eine nicht-identitäre Version von Assoziation in Gestalt der Koordination und in Form des Projekts herauskristallisiert.

Die Koordination ist netzwerkförmig. Sie ermöglicht ein Modell demokratischer Organisation und entspricht darüber hinaus den gegenwärtig vorherrschenden Formen von Arbeit wie sozialer Vergesellschaftung. Ein Projekt ist instabil, vorläufig und nicht nachhaltig. Allenfalls die Tatsache, dass allenthalben Projekte zu Ende gehen und wieder begonnen werden, ist eine stetige Erfahrung gegenwärtiger AktivistInnen.

2. Erfolg ohne hegemonialen Anspruch

Manuel Castells (2001/1996) diagnostiziert innerhalb der neuen sozialen Bewegungen zunehmend Fragmentierung, Lokalismus und Schnelllebigkeit:

Mit steigender Kurzlebigkeit tendieren die sozialen Bewegungen dazu, sich zu fragmentieren, sich eng zu lokalisieren, sich auf ein einziges Problem zu konzentrieren, das sie in ihrem internen Universum einrahmen oder das sie durch ein medienwirksames Symbol zum Leuchten bringen.

Ein Projekt braucht kein Programm, und daher wird auch keine Hegemonie beansprucht. Ein Projekt im Rahmen von sozialen Bewegungen richtet sich gegen bestimmte Aspekte innerhalb der globalisierten kapitalistischen Produktionsweise (und muss dieselbe nicht einmal beim Namen nennen) und kann dennoch fallweise oder temporär im konkreten Handgemenge auch „gewinnen“ oder zumindest partiell obsiegen. Projekte richten sich selten gegen „das Ganze“, sondern bleiben bruchstückhaft, erscheinen manchmal auch beliebig. In vielen Fällen erscheinen sie erfolgversprechender als Versuche, sich als Bewegung mit einem vereinheitlichenden Programm zu verabreden.

3. Gleichgerichtete Vielstimmigkeit der Multitude

Das Projekt verweist auf eine Organisierung, die im Französischen mit dem Begriff des „néomilitantisme“ bezeichnet wird und der die dezentrale Organisationsform des Netzwerks eigen ist. Diese Form ist an einem präziser umrissenen Projekt ausgerichtet und zielt aber nicht auf eine inhaltlich weitreichende Gemeinsamkeit:

Die Neo-Aktivisten zeichnen sich durch die Vielfalt von Wegen aus, die sich jeweils durch die Bescheidenheit, nur auf eine Thematik beschränkt zu sein, auszeichnen. Das Engagement wird zunehmend in der Vielfalt der Projekte und deren Forderungen ausgehandelt, die gleichzeitig auf einem kollektiven oder individuellen Niveau ausgeführt werden. Was vor allem für die ‚Néo-Militanten‘ zählt, ist, sich nicht mehr in einer ideologisch klar definierten Organisation zu engagieren, sondern eher Projekte zu initiieren oder an Projekten, die andere ins Leben gerufen haben, mitzuwirken und alle Verbindungen zu nutzen, die in dieser Hinsicht hilfreich erscheinen (Granjon 2002).

Meist wird am Beispiel der Proteste gegen den WTO-Gipfel in Seattle (1999) berichtet, in welcher Weise als völlig gegensätzlich eingestufte Gruppen „plötz-22lich ohne jede zentrale Einheit stiftende Struktur, der sie ihre Differenzen unterordnen, gemeinsam agierten“ (Hardt/Negri 2004: 244). Für viele lag „der Zauber von Seattle“ darin, dass trotz aller Unterschiedlichkeit viele dieser Proteste „nicht nur eine zufällige, willkürliche Ansammlung waren, eine Kakophonie unterschiedlicher Stimmen, sondern ein Chor, der sich gemeinsam gegen das globale System erhob“ (ebd.: 319). Dieses Modell, so Negri/Hardt, zeige sich schon bei einem Blick auf die Organisationsformen, bei der die verschiedenen Gruppen nicht zusammenkommen oder konvergieren würden, „um sich zu einer großen, zentralisierten Gruppe zu vereinigen; sie bleiben unterschiedlich und unabhängig, aber sie verknüpfen sich zu einer Netzwerkstruktur“. Vielmehr bestimme dieses Netzwerk „sowohl ihre Singularität wie ihre Gemeinsamkeit, ihre ‚Kommunalität‘“ (ebd.).

4. Beliebigkeit der Multitude?

Auf inhaltliche Gemeinsamkeiten hebt auch Naomi Klein (2003) ab, wenn sie über ihre vielen weltweiten Besuche bei Protestgruppen berichtet, die gemeinsame Elemente aufweisen und darüber hinaus in einem großen offenen Netzwerk miteinander verbunden sind. In der wissenschaftlichen Bewegungsforschung (z.B. Isabelle Sommier) wurde bereits konstatiert, dass ungeachtet der Vielzahl an Einzelbewegungen dennoch gemeinsam geteilte Handlungsmotivationen bestünden. Hierzu zählen in einer europäischen Perspektive

die Solidarität mit den Ländern im Trikont,

die Kritik an transnationalen Konzernen,

die ökologische Frage.

Die Erwartung eines neuen Sturms auf den Winterpalais im Sinne einer revolutionären Erhebung ist kaum noch anzutreffen. Der Neoliberalismus ist das gemeinsame Metathema aller GlobalisierungskritikerInnen (Achim Brunnengräber) und ein weiteres verbindendes Element besteht im Versuch, die Commons zurückzuerobern (Naomi Klein). Damit sind Gemeingüter gemeint, also „öffentliche Infrastrukturen wie Universitäten und Verkehrsbetriebe, natürliche Ressourcen wie Wasser und Saatgut oder Technologien wie freie Software, die nicht unter Copyright lizenziert werden“ (Vogel o.J.: 61). Die Forderung nach einer Vertiefung der Demokratie ist ein weiteres gemeinsames Thema.

Inwiefern diese Offenheit auch die Gefahr der mangelnden Abgrenzung gegenüber rechten und rechtsextremen Positionen beinhaltet, wurde oft diskutiert. An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass dies keineswegs ein neues Problem ist (vgl. Schönberger/Sutter 2009) und dass es nicht nur bei den Protestformen auf den Kontext und den Bedeutungszusammenhang ankommt, sondern auch bei den Inhalten, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten sehr Verschiedenes bedeuten oder implizieren können. Damit ist zudem die Erkenntnis verbunden, dass es keinen sicheren Ort der (Ideologie-) Kritik mehr geben kann, weil auch das Innen und Außen zunehmend verschwimmen. Das heißt, dass ein „fortschrittliches“ und emanzipatorisches Handeln oder Argument sehr schnell reaktionär oder indifferent werden kann, wenn sich die Rahmenbedingungen, sprich die Kontexte zu verschieben beginnen. Vor diesem Hintergrund ermöglicht der Projektmodus sehr viel schnellere Anpassungs- und Ausweichmöglichkeiten als der identitäre Modus von Bewegungen.

5. Arbeitsorganisation und Protest

Im kognitiven Kapitalismus und dem mit ihm relevanten postfordistischen Arbeitsparadigma entwickelte sich das Projekt zu einer zentralen Form der Arbeitsorganisation. Der damit verbundene „neue Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2003) zielt auf Beschleunigung, Diskontinuität, Vernetzung, „flache Hierarchien“, radikale Verflüssigung der Arbeitsabläufe und unbürokratische Formen der Organisation. Das Ziel in dieser neuen Epoche des Kapitalismus besteht in der Intensivierung von Arbeit und Produktivität. Es ist darüber hinaus klar, dass ein Projekt nur eine bestimmte Zeit existiert und sich danach wieder auflöst: „Die Kohäsionskräfte von Primärgruppenbeziehungen sollen genutzt, das Störpotential persönlicher Zu- oder Abneigungen aber ebenso minimiert werden wie innovationshemmende Kooperationsroutinen“ (Klopotek 2004: 217).

Angesichts der vielfachen Beobachtung, dass die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit unscharf geworden ist, stellt sich die Frage, inwiefern Projekte der Artikulation von Protest und Versuche der Selbstorganisation unter Umständen eine Entsprechung der organisationskulturellen Entwicklung in den Betrieben der postfordistischen Ökonomie sind. Wenn dem so wäre, würde nach Hardt/Negri (2004: 105) die netzwerkförmige Organisation „zugleich die mächtigste Waffe gegen die herrschende Machtstruktur“, da der Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse aus deren konstitutiven Merkmalen entsteht. Demnach

ist das Netzwerk zu einer gemeinsamen Form geworden, die für unsere Art, die Welt zu verstehen und in ihr zu handeln, immer bestimmender wird. Der in unseren Augen wichtigste Aspekt dabei ist, dass Netzwerke die Kooperationsform der kooperativen und kommunikativen Beziehungen sind, die durch das Paradigma der immateriellen Produktion geboten sind. Die Tendenz, dass diese gemeinsame Form entsteht und hegemonial wird, bezeichnet die gegenwärtige Epoche (ebd.: 163).

Ein Beispiel für diese projektförmige Vorgehensweise sind die italienischen Tute Bianche, die nach Genua (2001) beschlossen hatten, „zu verschwinden“ (Hardt/Negri 2004: 296):

Die Zeit sei vorbei, da eine Gruppe wie ihre die Bewegungen der Multitude anführen sollte. Sie hatten ihre Rolle als Organisatoren der großen Proteste bei internationalen Gipfeltreffen erfüllt; sie hatten daran mitgewirkt, die Protestbewegungen auszuweiten und ihnen politische Kohärenz verliehen; und sie hatten versucht, die Protestierer zu schützen und deren Aggressivität von kontraproduktiver Gewalt in Richtung kreativer – oftmals ironischer – Ausdrucksformen zu lenken. Die vielleicht wichtigste Erfahrung der ‚Tute Bianche‘ war jedoch, dass sie eine den neuen Arbeitsformen adäquate Protestform geschaffen – Organisation in Netzwerken, räumliche Mobilität und zeitliche Flexibilität – und sie als kohärente politische Kraft gegen das neue globale Machtsystem organisiert hatten (ebd.).

6. Koordination als Reartikulation der sozialen Frage

Maurizio Lazzarato (2004) spricht von der neuen Organisationsform der „Koordination“, die er zugleich als „Flucht aus den Institutionen und Regeln der Politik“ beschreibt. Für ihn ist damit zugleich eine andere Form der Artikulation des Politischen verknüpft. Es geht um eine Logik der „Verweigerung“ und des „Dagegen“-Seins, die auf eine Teilung zielt, die nur scheinbar die Freund-Feind-Dichotomie reproduziert:

Auf der zweiten Ebene entfalten die individuellen und kollektiven Singularitäten, welche die Bewegung konstituieren, eine Dynamik der Subjektivierung, die eine Zusammenführung gemeinsamer Ausgangspunkte (kollektive Rechte) und zugleich die differenzielle Affirmation einer Mannigfaltigkeit von Ausdrucks- und Lebenspraxen ist. Flucht. Praktiken des politischen Sich-Entziehens auf der einen Seite, Konstituierung, Strategien des ‚Empowerment‘ auf der anderen.

Daraus erfolge die Unverständlichkeit und Undurchsichtigkeit für die AkteurInnen des traditionellen politischen Feldes.

In ihrem jüngsten Buch Commonwealth zitieren Hardt/Negri (2010: 122f.) den bolivianischen Theoretiker Alvaro Garcia Linera, um zu begründen, warum sie die Multitude „als Protagonistin eines kohärenten politischen Projekts“ verstehen:

Multitude wäre demnach die Form einer politischen Organisierung, die, während sie die Vielfalt der kämpfenden sozialen Singularitäten hervorhebt, darum bemüht ist, ihr gemeinsames Handeln zu koordinieren und darüber hinaus durch die Schaffung nichthierarchischer, horizontaler Strukturen die Gleichheit der Beteiligten zu wahren.

Am Beispiel der so genannten Coordinadora, die „Koordination zur Verteidigung des Wassers“ sehen sie die Realisierung einer politischen Struktur, „die nicht nur verschiedene Teile der Arbeiterklasse und nicht nur eine Vielzahl ethnischer und kultureller Gruppe organisiert, sondern zugleich beide Achsen miteinander verbindet“ (2010: 122f.). Alvaro Garcia Linera verstehe die Fragmentierung der Bewegungen als Ausdruck der „strukturellen Segmentierung der gesellschaftlichen Realität selbst, entlang ethnischer, kultureller und politischer Linien, der Klassenlage und der Herkunft“. Linera selbst bezieht sich gleichermaßen auf den Netzwerk-Gedanken: „Wir sind daher verpflichtet, die Mittel neu zu erfinden, die eine Reartikulation des Sozialen erlauben, und zwar nicht als hierarchische Fusion, sondern in Form provisorischer, horizontaler Netzwerke“ (Linera 2004 zit. n. Hardt/Negri 2010: 123).

7. Für ein richtiges Leben im Falschen

Ein Projekt ist also nicht auf Dauer angelegt. Es richtet sich gegen bestimmte Zustände, artikuliert die Ablehnung, Verweigerung oder gar Antagonismus. Es artikuliert auch etwas Gemeinsames ganz unterschiedlicher Individuen oder AkteurInnen. Wir sehen hier einerseits eine negative „Vergemeinschaftung“ als Form der Vergesellschaftung, andererseits lassen sich solche Projekte zugleich als Assoziation gegen Entmutigung und Resignation verstehen.

Ein Projekt ermöglicht für manche erst ein gesellschaftliches Handeln, für andere das Weitermachen. Es verweist auf ein richtiges Leben im Falschen:

Die Selbstkonstituierung als Mannigfaltigkeit wird nicht dem Kampf gegen die Imperative der Macht geopfert. AktivistInnen schlagen weiterhin Initiativen vor und stehen am Ursprung von Neuanfängen, aber nicht im Sinne der Logik der Verwirklichung eines Idealplans oder einer politischen Linie, die das Mögliche als vorweg bereits gegebenes Bild des Wirklichen begreift; sondern vielmehr im Sinne einer konkreten, aus der Situation erwachsenden Intelligenz, welche die AktivistInnen dazu verpflichtet, ihre eigene Identität, ihre Weltsicht und ihre Handlungsmittel aufs Spiel zu setzen (Lazzarato 2004).

8. Protest versus Distinktion

Ein Projekt bedeutet also nicht „Un-organisiert“. Post-identitäre Projekte werden koordiniert. Ihre Flüchtigkeit und die ihr zugrundeliegende Mannigfaltigkeit ist zugleich ihr Potenzial. Wenn wir uns gegenwärtig den breiten Protest gegen „Stuttgart 21“ anschauen (Schönberger 2010), dann wird offensichtlich, dass eine zentrale Entwicklung momentan darin besteht, dass Protest nicht mehr überwiegend an einen irgendwie gearteten alternativen oder subkulturellen Lebensstil gebunden erscheint. Wenn die bundesdeutsche Sozialstrukturforschung in den 1980er-Jahren noch regelrecht Milieus festmachen konnte, in denen sie den Protest qua Lebensstil zu verorten vermochte (SINUS-Studie), so erscheint Protest gegenwärtig kaum noch an solche Milieus gebunden. Öffentlicher Protest und der Anspruch auf Partizipation lassen sich nicht mehr in dieser Weise sozial verorten (und damit auch unschädlich machen), wie das vor einigen Jahren noch möglich gewesen ist. Proteste in Form von Projekten haben sich als Praxis der Artikulation von Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen weit in das gesellschaftliche Feld und den Alltag ausgebreitet.

Das ist übrigens auch ein Grund dafür, dass den einstigen AktivistInnen Protest heute merkwürdig entpolitisiert dünkt. Wenn nämlich mit Protest nicht mehr automatisch Lebensstil-Avancen verknüpft sind (wenn etwa Protest nicht mehr in der bisher gekannten Weise zur Distinktion dient), geht es in deren antiquierten Sicht auch nicht mehr um das „Ganze“.

Der Wandel der Artikulationsbedingungen hat sicherlich auch noch mit verschiedenen anderen Faktoren zu tun. So verfügt gegenwärtig niemand mehr über eine hegemoniefähige große Erzählung („Eine andere Welt ist möglich“). Zwar ist über die Finanzkrise auch das TINA-Denken des Neoliberalismus („There Is No Alternative“) blamiert worden, aber hierüber hat sich noch keine mobilisierende alternative Idee über die Natur der gesellschaftlichen Beziehungen herausbilden können.

9. Seattle in Stuttgart

In Deutschland aktualisiert der Protest gegen Stuttgart 21 die Erfahrungen von Seattle. Ein in dieser Breite bisher nicht gekannter Protest formiert sich hier nicht als Bewegung, sondern im Sinne der Multitude als Projekt. Dabei ist es eben keine Schwäche dieses Stimmengewirrs, dass auch die so genannte „Killesberger Halbhöhenlage“ der Stuttgarter Mittelklassen eine wichtige Rolle für die Dynamik und die Kraft des Protestes spielen. Selten gab es einen so informierten und aufgeklärten Protest, der gleichermaßen argumentiert wie handelt. In der vorfindbaren Vielstimmigkeit finden sich darüber hinaus zwar sehr viel Eigensinn, aber eben keine reaktionären Metaphern (wenn man mal von wohl unvermeidbaren Heimattümeleien absieht). In dieser Konstellation gelang es beispielweise den Stuttgarter Zeitungen nicht, mit der Gewaltfrage die Proteste zu spalten. Die Stärke des Widerstandes besteht gerade darin, dass es keiner militanten Handlungen bedarf, sondern die Vielstimmigkeit aber auch die soziale Breite eine Dynamik und Kraft freisetzt, die eine wochenlange Massenmobilisierung ermöglichte und zugleich sich nicht an die vorgegebenen Regeln der repräsentativen Demokratie halten will und muss. Hier soll ein Milliardengrab verhindert und kein Lebensstil propagiert werden. Und dennoch geht es um mehr. Es geht um mehr als um Bäume, Parkschutz usw. Es geht um die Frage der Macht in repräsentativen Demokratien, die Verwendung von ökonomischen Ressourcen sowie ganz allgemein um die Frage nach dem richtigen Leben. Bei Stuttgart 21 ist es gelungen, ein allgemeines gesellschaftliches Unbehagen im Rahmen eines gemeinsamen Projekts zu bündeln. Das gegenwärtige generelle Unbehagen über das, was als „Globalisierung“, „Prekarisierung“ oder „Krise“ abstrakt bleibt, mündet hier in einer konkreten Auseinandersetzung (vgl. a. Schönberger 2010).

10. Fazit

Die Assoziation freier und gleicher Menschen bedarf weniger einer identitären Gemeinschaft als vielmehr der Verknüpfungen der Vielen. Es stehen zur Wahl: Mannigfaltigkeit gegen Gemeinschaft, da

jeglicher Versuch einer Totalisierung oder homogenisierenden Verallgemeinerung, jeglicher Versuch der Konstituierung eines ausschließlich der Repräsentation zugewandten Kräfteverhältnisses sowie der Einrichtung hierarchischer Organisationsmodalitäten (Lazzarato 2004)

eine Koordination und ein Projekt zum Scheitern verurteilt. Diese Projekte sind mehr als nur Party. Sie erscheinen gegenwärtig als naheliegende und adäquate politische Organisationsform und gehen mit Überlegungen einher, was momentan als das Politische analysiert werden kann. Und das stimmt hoffnungsfroh: Das Politische, das Dagegensein konstituiert hier keinen Anspruch mehr auf Macht, auf Hegemonie, sondern will diese Hegemonie destruieren und die Macht abschaffen.

Literatur

Boltanski, Luc/Chiapello, Ève (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz.

Castells, Manuel (2004 (1996)): Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Teil 1 der Trilogie. Das Informationszeitalter. Opladen.

Granjon, Fabien (2002): Les répertoires d'action télématiques du néo-militantisme. In: Le Mouvement Social, 2002/3, Nr. 200, S. 11–32.

Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt/M./New York.

Hardt, Michael/Negri, Antonio (2010): Commonwealth. Das Ende des Eigentums. Frankfurt/M./New York.

Klein, Naomi (2003): Demokratisierung der Bewegung. Beim ersten Weltsozialforum konnte keine einzelne Agenda die Diversität fassen. In: Klein, Naomi: Über Zäune und Mauern. Berichte von der Globalisierungsfront. Frankfurt/M./New York, S. 233-249.

Klopotek, Felix (2004): Projekt. In: Bröckling, Ulrich/Krasman, Susanne/Lembke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt/M., S. 216-221.

Lazzarato, Maurizio: Die politische Form der Koordination. In: Transversal 06/2004. Online-Publikation. www.eipcp.net/transversal/0707/lazzarato/de (01.09. 2010).

Moulier-Boutang, Yann (2001): Marx in Kalifornien: Der dritte Kapitalismus und die alte politische Ökonomie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitschrift DAS PARLAMENT, B 52-53, S. 29-37: www.bpb.de/files/62G035.pdf (01.09. 2010).

Schönberger, Klaus: Projekte statt Bewegungen (2010): Was uns der Protest gegen Stuttgart 21 über neue Formen des Politischen sagt. Interview. In: ak – analyse & kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 553, 17.9. 2010.

Schönberger, Klaus/Sutter, Ove (2009): Kommt herunter, reiht euch ein … Zur Form des Protesthandelns sozialer Bewegungen. In: Schönberger, Klaus/Sutter, Ove (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein! Kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Berlin, S. 7-29.

Virno, Paolo (2005): Grammatik der Multitude. Wien.

Vogel, Steffen: Das Weltsozialforum: Geschichte und Gegenwart. In: Bois, Marcel/Hüttner, Bernd (Hg.): Beiträg zur Geschichte einer pluralen Linken. Heft 2. Theorie und Bewegungen nach 1968. Berlin: www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/.../Papers_Beitr_zur_Gesch_2.pdf(01.09. 2010).

1 Erstmals erschienen in Becker, Konrad/Wassermair, Martin (Hg.) (2011): Nach dem Ende der Politik. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik III. Wien. (eine Veröffentlichung des World-Information Institute). Die Herausgeberinnen bedanken sich beim Löcker Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck im vorliegenden Band.

Die Empörung der 99%.

Zum politischen Narrativ von Occupy Wall Street

Jan Rohgalf

1. Empörung

Einer gängigen Einschätzung zufolge sind die neuesten Bewegungen gegen die Auswüchse des globalisierten Kapitalismus in Athen und Madrid über Tel Aviv bis zum hier diskutierten transnationalen Occupy-Netzwerk im Jahr 2011 vor allem durch das geprägt, was ihnen fehlt: Helden- und Führerfiguren vom Format eines Mao oder Che Guevara, eine erkennbare Organisation sowie ein einheitliches, überzeugendes Programm – von mitreißenden Utopien ganz zu schweigen.2 Am ehesten noch scheint die von dem Résistance-Veteranen und Diplomaten Stéphane Hessel (2011) zeitgleich breitenwirksam eingeforderte „Empörung“ die Protestierenden zu vereinen, wobei darunter wiederum ganz Unterschiedliches und Widersprüchliches verstanden wird.

Im Zusammenhang von Occupy Wall Street (OWS) bezeichnet Empörung im Kern eine Kritik politischer Repräsentation. Eine kleine Elite ist demnach im Besitz der ökonomischen und politischen Macht. Empörung ist eine Demonstration des demos als Souverän, der gegen das politische Establishment geltend macht, dass er der eigentliche Inhaber der pouvoir constituant ist. Der vage Slogan „We are the 99%“ stellt sich in die Tradition des „We, the People“ der US-amerikanischen Verfassung. Weniger ein Programm oder konkrete Forderungen haben sich als das bestimmende Moment von OWS erwiesen, auch wenn diese keineswegs fehlen, als vielmehr die unübersehbare Artikulation von Dissens im Namen des Souveräns. Deshalb spricht der Soziologe Sidney Tarrow (2011) auch von einer „We are here!“-Bewegung.

Ungeachtet (oder gerade ob) seiner Vagheit hat dieses „We are here!“ offenkundig einen Nerv getroffen. Über Nacht wurde aus der Bezeichnung für eine konkrete Protestaktion ein transnationales Protestnetzwerk. Auch avancierte „Occupy“ rasch zu einem Etikett, das in verschiedensten Protestzusammenhängen attraktiv ist und aufgegriffen wird: neben Kombinationen mit Städtenamen beispielsweise auch Occupy Homes, Occupy the Hood, Occupy Union oder Occupy Everywhere. Angesichts dieser Attraktivität gilt es danach zu fragen, was dieses „Wir“ kennzeichnet, das sich unter dem Banner von Occupy Gehör und Sichtbarkeit („We are here!“) verschafft. Welche Bedeutungen und Vorstellungen hinsichtlich dieses „Wir“ kommen mal mehr, mal weniger explizit in den Protesten zum Ausdruck? Wie sieht das Narrativ aus, das in den Diskursen, Praktiken und Artefakten von Occupy über dieses politische Subjekt transportiert wird? Und: welche Folgen zeitigt dieses Narrativ?3

Der naheliegendste Zugang zu diesem politischen Narrativ ist wohl die namensgebende Praxis der Besetzungen öffentlicher bzw. halböffentlicher Plätze und deren Umwidmung in Räume partizipatorischer Versammlungsdemokratie – das wohl markanteste Moment des Aktionsrepertoires dieser Bewegung. Diese Aktionsform ist freilich alles andere als beispiellos. Als unmittelbares Vorbild wird neben den spanischen Indignados vor allem die Besetzung des Tahrir-Platzes in Kairo zu Beginn 2011 genannt. Insbesondere kennt auch die US-amerikanische Geschichte sozialer Bewegungen eine lebendige Tradition partizipatorischer Demokratie von der Arbeiterbewegung und den Pazifisten im frühen 20. Jahrhundert über die Bürgerrechtsbewegung und die Neue Linke zur Frauenbewegung und den globalisierungskritischen Netzwerken seit den späten 1990er-Jahren (hierzu v.a. Polletta 2004).