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Jochen-Christoph Kaiser ist in seinem akademischen Schaffen der Zusammenhang von Kirche und Gesellschaft ein stetes Anliegen. Insbesondere die Politisierung des Protestantismus sowie der Verbandsprotestantismus mit dem im Vergleich zur Amtskirche oftmals größeren Potential, auf gesamtgesellschaftliche Prozesse Einfluss zu nehmen, sind Schwerpunkte seines wissenschaftlichen Arbeitens. Dessen Breite bilden die Beiträge zu seinem Geburtstag ab: von Methodenfragen zur kirchlichen Zeitgeschichte über den sozialen und politischen Protestantismus bis zur Regionalgeschichte. Alle verbindet die Frage, inwiefern der Protestantismus auf gesellschaftliche Prozesse eingewirkt hat oder von diesen beeinflusst wurde.
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Seitenzahl: 923
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Jochen-Christoph Kaiser ist in seinem akademischen Schaffen der Zusammenhang von Kirche und Gesellschaft ein stetes Anliegen. Insbesondere die Politisierung des Protestantismus sowie der Verbandsprotestantismus mit dem im Vergleich zur Amtskirche oftmals größeren Potential, auf gesamtgesellschaftliche Prozesse Einfluss zu nehmen, sind Schwerpunkte seines wissenschaftlichen Arbeitens. Dessen Breite bilden die Beiträge zu seinem Geburtstag ab: von Methodenfragen zur kirchlichen Zeitgeschichte über den sozialen und politischen Protestantismus bis zur Regionalgeschichte. Alle verbindet die Frage, inwiefern der Protestantismus auf gesellschaftliche Prozesse eingewirkt hat oder von diesen beeinflusst wurde.
Dr. Tobias Sarx ist Akademischer Rat im Fachgebiet Kirchengeschichte der Universität Marburg. Dr. Rajah Scheepers ist Pfarrerin in Berlin-Dahlem. Dr. des. Michael Stahl ist Pfarrer der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck in Barchfeld.
Beiträge zur Zeitgeschichte Begründet von Anselm Doering-Manteuffel, Martin Greschat, Jochen-Christoph Kaiser, Wilfried Loth und Kurt Nowak †
Herausgegeben von Wilhelm Damberg, Andreas Holzem, Jochen-Christoph Kaiser (geschäftsführender Herausgeber), Frank-Michael Kuhlemann und Wilfried Loth
Tobias Sarx Rajah Scheepers Michael Stahl (Hrsg.)
Protestantismus und Gesellschaft
Beiträge zur Geschichte von Kirche und Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert
Jochen-Christoph Kaiser zum 65. Geburtstag
Verlag W. Kohlhammer
Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Satz: A und O Textservice, Dr. Katrin Ott Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
ISBN 978-3-17-022505-3
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-026405-2
epub:
978-3-17-027122-7
mobi:
978-3-17-027123-4
Einleitung
1. Methodenfragen zur kirchlichen Zeitgeschichte
Ute Gause Kirchliche Zeitgeschichte – Periodisierung, Signaturen und theologische Relevanz. Eine Problemanzeige
Roland Löffler Religion als passiver Träger älterer Traditionen? Einige Anmerkungen zur Auseinandersetzung um die Säkularisierungstheorie bei Hermann Lübbe, Hartmut Lehmann und Hans Joas
Sven Henner Stieghorst Diakoniegeschichtsschreibung ‚transnational‘. Zum Wert des Begriffs für die historische Erforschung protestantischer Sozial- und Kulturarbeit
Rolf-Ulrich Kunze Volkskirchliche Trends im niederländischen und badischen Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts
2. Sozialer Protestantismus
Gury Schneider-Ludorff Social Entrepreneurship im 19. Jahrhundert – das Beispiel Wilhelm Löhe
Norbert Friedrich Wandel und Kontinuität in der Mutterhausdiakonie
Uwe Kaminsky Mutter, Tochter oder Zwillingsschwester? Unklare Familienverhältnisse zwischen Äußerer und Innerer Mission
Michael Häusler Sittlichkeit, Repression und Fürsorge. Die Ausbildung von Gefängnisaufseherinnen durch die Innere Mission (1891–1914)
Thomas K. Kuhn Eugenik, Heerespsychologie und Evangelisches Hilfswerk. Zur Biographie des pommerschen Präses Werner Rautenberg
Josef Pilvousek Gottesdienste in evangelischen Kirchen Thüringens für katholische Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene
Renate Zitt Kirche als sozialpolitische Diakonie. Die Wirkungen Eugen Gerstenmaiers und sein Versuch einer diakonischen Reform der Kirche
Volker Herrmann Diakonische Gemeinde und gesellschaftliche Diakonie: Die Kontroverse zwischen Herbert Krimm und Heinz-Dietrich Wendland
Traugott Jähnichen Vom christlich-politischen Reformmodell zur sozialen Dienstleistung – Eine Skizze der Transformationen diakonischen Handelns
3. Politischer Protestantismus
Tobias Sarx Volkskirchliche Konzepte im Umfeld des Revolutionsjahres 1848
Johannes Wischmeyer Protestanten zwischen Ideologie und Realpolitik. Semantische Skizzen zur Politisierung des Protestantismus im Nachmärz
Michael Schwartz Zwei Visionen von Mitteleuropa: Paul de Lagarde versus Friedrich Naumann
Daniel Bormuth „Der deutsche Protestantismus wird Kirche sein, oder er wird nicht sein!“ – Das Wiedererwachen evangelischen Kirchenbewusstseins in den 1920er Jahren am Beispiel des Nürnberger Kirchentages 1930
Wolf-Friedrich Schäufele „Deutscher unter Deutschen“? Karl Thieme (1902–1963) zwischen Luthertum, Katholizismus und Judentum
Wilfried Loth Das Problem des Tyrannenmords im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Olaf Blaschke Antiprotestantismus und Antikatholizismus als globalgeschichtliche Phänomene 1789–1945
Anselm Doering-Manteuffel Verstrickung und Verdrängung. Seitenblicke auf den westdeutschen Protestantismus nach 1945
Martin Greschat „Von nun an wird der Mensch in erster Linie von außen bestimmt werden ...“.317 Aus dem Leben eines evangelischen Pfarrers im geteilten Deutschland
Eckart Conze, Jan Ole Wiechmann Epplers Kirchentage. Protestantismus, Politik und die Friedensfrage um 1980
Martin Hein Der protestantische Gestaltungsimpetus in der Entwicklung interkultureller Gesellschaften
4. Protestantismus und Bildung
Frank-Michael Kuhlemann Religion und Bildung in protestantismusgeschichtlicher Perspektive. Einige offene Fragen und Problemstellungen
Armin Owzar Das Deutsche Reich – offizieller „Träger der mohammedanischen Kultur“? Katholische, protestantische und staatliche Schulpolitik in Deutsch-Ostafrika
Volkhard Krech Der Protestantismus und die Religionsforschung um 1900
Antje Roggenkamp „Christophorus – Vorbild im Retro-Look oder lerntheoretischer Prototyp?“
Ellen Ueberschär Reichen 5 Tage evangelisch? Protestanten zwischen Kirchentag und Kirchenalltag
5. Regionales (Westfalica, Hassia)
Rainer Bookhagen Zwischen „gütlicher Vereinbarung“ und „zu unbedingtem Widerstand entschlossen“ – evangelische Kindergartenarbeit in Westfalen im Jahre 1941
Hans-Walter Schmuhl „Was sind wir also, Herr Pastor?“ Christen jüdischer Herkunft in Westfalen unter nationalsozialistischer Herrschaft
Jens Murken Gemeindepraktika westfälischer Theologiestudierender in DDR-Kirchengemeinden vor der Wende 1989
David Käbisch Von der Katechetik zur Religionspädagogik? Friedrich Niebergall und die Religionslehrerbildung in Marburg
Frank Lüdke „Ich möchte jetzt nicht so tun, als ob ich ‚immer dagegen‘ war.“– Hans Bruns und der Nationalsozialismus
6. Anhang
Schriftenverzeichnis von Jochen-Christoph Kaiser
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Personenregister
Jochen-Christoph Kaiser1
1 Abdruck mit der freundlichen Genehmigung von Christian Schauderna, medio – Die Medienagentur der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, medio.tv/schauderna.
Es ist gute akademische Tradition, großen Gelehrten zum 65. Geburtstag eine Festschrift zu widmen. Wenn im vorliegenden Band Jochen-Christoph Kaiser als Neuzeit- und Kirchenhistoriker geehrt wird, soll dies als Dank an den Jubilar verstanden werden. Viele Schüler, Freunde und Weggefährten haben in den vergangenen Jahren von seiner Bereitschaft profitiert, das eigene Wissen weiterzugeben und in den Dienst der wissenschaftlichen Forschung zu stellen. Als akademischer Lehrer hat er zahlreiche Forschungsarbeiten angeregt, kritisch begleitet, betreut und begutachtet. Eine ganze Generation Kirchlicher Zeithistoriker ist durch ihn geprägt worden. Seine methodischen Anregungen, insbesondere seine interdisziplinäre Kompetenz, die er als Neuzeithistoriker in den manchmal zu engen binnentheologischen Diskurs unter Kirchengeschichtlern einbrachte, haben die Kirchliche Zeitgeschichte auf wissenschaftlicher Ebene wesentlich vorangebracht.
Unstrittig sind auch die Verdienste Jochen-Christoph Kaisers für die Erforschung des sozialen Protestantismus als wesentlichem Bestandteil der neueren Kirchengeschichte. Seine Analysen zur Genese der christlich motivierten Diakonie im Angesicht unterschiedlicher politischer Systeme sind mittlerweile Standard, so dass er von Kennern der Materie bisweilen humorvoll als „Diakonie-Papst“ bezeichnet wird.2
Auch die Erträge von Jochen-Christoph Kaisers Studien zum politischen Protestantismus als drittem Forschungsschwerpunkt sind weithin gewürdigt worden. Der aus Anlass seines 60. Geburtstags von Rolf-Ulrich Kunze und Roland Löffler herausgegebene Sammelband3 und sein wegweisender Aufsatz in der Theologischen Literaturzeitung4 sind nur zwei Beispiele für die Relevanz von Kaisers Forschungen in diesem Bereich.
Ein viertes Thema, dem sich der Jubilar – nicht selten im Zusammenhang mit den bereits genannten Forschungsschwerpunkten – gewidmet hat, sind historische Bildungsfragen im Bereich des Protestantismus. Hier hat Jochen-Christoph Kaiser nicht allein den Dialog zwischen Allgemein- und Kirchenhistorikern gesucht, sondern auch den Kontakt zur Praktischen Theologie. Exemplarisch genannt sei sein Engagement im Arbeitskreis für historische Religionspädagogik.
Biographisch bedingt sind Kaisers vertiefte Forschungen zur regionalen Kirchengeschichte Westfalens und Hessens – hingewiesen sei auf seine langjährige akademische Tätigkeit in Münster und seit 1994 in Marburg.
Diese fünf Interessensschwerpunkte waren Anlass für die äußere Gliederung der Festschrift. Sie stehen weder in den Publikationen Kaisers noch in den Beiträgen des vorliegenden Bandes unverbunden nebeneinander. Viele der Beiträge hätten mehreren Rubriken zugeordnet werden können –und aufmerksame Leserinnen und Leser werden rasch merken, dass der Titel der Festschrift keine Verlegenheitslösung angesichts einer unüberschaubaren thematischen Breite darstellt. Es finden sich zahlreiche Querverbindungen, die dem Anliegen des Jubilars geschuldet sind, kirchliche Themen stets in den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen. An dieser Stelle sei auf die bereits in der Festgabe zum 60. Geburtstag gewürdigten Verdienste Kaisers als Neuzeithistoriker und als evangelischer Kirchengeschichtler verwiesen, die nicht noch einmal wiederholt werden sollen.5 Hervorzuheben ist, dass sich der Jubilar in den vergangenen fünf Jahren durch zwei langwierige Krankheiten nicht entmutigen ließ. Mit voller Energie nutzte er die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, seine Forschungen voranzutreiben und trotz widriger Umstände Beiträge zu zahlreichen Sammelbänden beizusteuern.
Jochen-Christoph Kaisers Schriften- und Vortragsverzeichnis ist in den letzten Jahren noch einmal beträchtlich gewachsen: Im September 2012 umfasste es Herausgebertätigkeiten für fünf Reihen, 28 Bücher, 142 Aufsätze, fast 50 Lexikonartikel sowie ungezählte kleinere Artikel und Rezensionen.
Die drei Herausgeber haben den Jubilar in erster Linie als akademischen Lehrer kennen- und schätzen gelernt. Die regelmäßigen Treffen im Rahmen des Oberseminars waren für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Erlebnis besonderer Art. Jochen-Christoph Kaiser hat seine Aufgabe als Doktorvater und Mentor sehr ernst genommen. Es war kaum möglich, nicht viel von ihm zu lernen. Für Schmunzeln sorgten gewisse Formulierungen, mit denen der Seminarleiter auf logische Defizite bei Gesprächsbeiträgen hinwies. Wer unterschiedliche historische Zusammenhänge methodisch unkorrekt miteinander verglich, erntete fast immer die freundlich gemeinte Reaktion: „Das hat so viel miteinander zu tun, wie die Kuh mit dem Flugzeugbau!“ Als Schüler Jochen-Christoph Kaisers lernte man präzises Argumentieren, die Notwendigkeit einer sozialgeschichtlichen Einbettung der eigenen Forschungen und eine unideologische Berücksichtigung von Genderfragen. Rasch entdeckte man hinter seiner kritischen Sicht auf vorgestellte wissenschaftliche Erzeugnisse eine menschliche Wärme und väterliche Sorge. Die Oberseminarsitzungen waren neben den fachlichen Debatten auch stets spannende Erzählstunden, in denen der akademische Lehrer seinen Schülerinnen und Schülern von aktuellen Entwicklungen innerhalb der Fachwelt berichtete. So wurde nicht allein über den Historismus des 19. Jahrhunderts, über die Anwendung des Märtyrerbegriffs auf das 20. Jahrhundert oder den politischen Protestantismus der 1960er und 1970er Jahre diskutiert, sondern auch mal über neuernannte EKD-Ratsvorsitzende, aktuelle sozialdemokratische Politik und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Jubilar war mit Verve und Engagement bei der Sache, stets darum bemüht, seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Auch wenn er manches Mal betonte, „kein wandelndes Lexikon“ zu sein, wusste er zu fast allen Menschen, die zur Sprache kamen, etwas zu erzählen. Seine Fähigkeit, spontan Personen und Ereignisse in die jeweiligen Kontexte einzubetten, hat uns Schüler beeindruckt.
Das Einwerben von Druckkostenzuschüssen zeigte den Herausgebern einmal mehr, dass dem Jubilar in Diakonie und Kirche als Wissenschaftler eine hervorragende Stellung zukommt. Den Evangelischen Kirchen von Kurhessen-Waldeck, Hessen-Nassau, Westfalen und Baden, den Diakonischen Werken der EKD, der EKKW und der EKHN sowie der Plansecur-Stiftung sei für die großzügigen finanziellen Zuwendungen – ohne die die Festschrift in der vorliegenden Form nicht hätte erscheinen können – herzlich gedankt.
Dank gebührt auch dem Lektor des Kohlhammer-Verlags, Herrn Florian Specker, für die gute und unkomplizierte Betreuung während des Redaktionsprozesses, sowie Dr. Katrin Ott für die Erstellung der Reprovorlage.
Dem Jubilar bleibt zu wünschen, dass er bereits angedachte, aber aus unterschiedlichen Gründen noch nicht realisierte Forschungsvorhaben in den kommenden Jahren verwirklichen kann. Mögen ihm noch viele Jahre wissenschaftlichen Arbeitens zur Verfügung stehen. Als Herausgeber wünschen wir ihm zudem Gottes Segen, Gesundheit und glückliche Zeiten mit seiner Familie.
Marburg, im September 2012
Tobias Sarx, Rajah Scheepers, Michael Stahl
2 Vgl. zu diesem Forschungsschwerpunkt die aus Anlass von Jochen-Christoph Kaisers 60. Geburtstag herausgegebene Aufsatzsammlung Evangelische Kirche und sozialer Staat. Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Volker Herrmann, Stuttgart u.a. 2008.
3 Jochen-Christoph Kaiser, Politischer Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert. Ausgewählte Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, hg. v. Rolf-Ulrich Kunze und Roland Löffler, Konstanz 2008.
4 Jochen-Christoph Kaiser, „Erwägungen zu Begriff und Geschichte des politischen Protestantismus“, in: ThLZ 132. 2007, 491–500.
5 Rolf-Ulrich Kunze, „Jochen-Christoph Kaiser als Neuzeithistoriker“, in: Kaiser, Politischer Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert, 13–19; Roland Löffler, „Jochen-Christoph Kaiser als evangelischer Kirchenhistoriker“, in: ebd., 21–24.
von Ute Gause1
Jochen-Christoph Kaiser hat sich in hohem Maße um die Kirchliche Zeitgeschichte verdient gemacht. Er ist Herausgeber der von ihm mit gegründeten Reihe Konfession und Gesellschaft.2 Er rief den Arbeitskreis Protestantismusforschung ins Leben, und er favorisierte in seinen Veröffentlichungen stets einen Methoden- und Konzeptpluralismus, der jede Form eines zu engmaschigen Verständnisses von Kirchengeschichte als einer theologischen Disziplin sui generis mühelos sprengte.3 Dies gilt vor allem für seine Forderung nach einer Integration der Diakonie- sowie der Frauen- und Gendergeschichte in die Kirchengeschichte, an deren Etablierung er mindestens durch seine Herausgebertätigkeit bei der Reihe Historischtheologische Genderforschung beteiligt ist.4 Neben diesen gewichtigen Anstößen ist er schließlich neben Martin Greschat und dem verstorbenen Kurt Nowak einer der Wenigen, der theoretische Debatten innerhalb der Kirchlichen Zeitgeschichte initiiert hat; dies vor allem durch den Band 8 der Reihe Konfession und Gesellschaft von 1996: „Kirchliche Zeitgeschichte. Urteilsbildung und Methoden“.5
Am Beginn des 21. Jahrhunderts scheint mir eine erneute Debatte sowohl um Konzepte Kirchlicher Zeitgeschichte wie auch um ihre Integration in die Kirchengeschichte aus zwei Gründen anregend und fällig: Die im Jahr 2005 von Martin Greschat vorgelegte Darstellung „Kirchliche Zeitgeschichte. Versuch einer Orientierung“ innerhalb des „Forums Theologische Literaturzeitung“ ist bislang kaum einmal diskutiert worden, gibt aber in ihrer Perspektivierung Anregungen, die meines Erachtens im Bewusstsein heutiger Forschender verankert bleiben sollten.6 Gleichzeitig möchte ich die Gelegenheit nutzen, um diese Orientierung weiterzuführen bzw. um Aspekte zu erweitern, die m. E. für heutige Kirchliche Zeitgeschichte unverzichtbar sind. Hierzu gehören unter anderem Überlegungen zur Signatur der Epoche „Kirchliche Zeitgeschichte“.
Zunächst soll nun Martin Greschats Konzeption im Hinblick auf seine Implikationen für die Kirchliche Zeitgeschichte nicht nur als Teildisziplin der Kirchengeschichte, sondern der Theologie diskutiert werden. Er selbst bezeichnet sie vorsichtig als „Versuch“ und „offene[n] Entwurf“, den er ausdrücklich zur Diskussion stellt.7
Ein erstes Problem sei kurz umrissen: Die Forderung nach Internationalität – weg von einem deutschen Nationalismus und einem Eurozentrismus – klingt gut. Verbunden mit Interkonfessionalität – keine Engführung auf den Protestantismus, sondern mindestens der Blick auf Katholizismus und andere Denominationen – sowie gleichzeitig der durchgehenden Berücksichtigung der deutsch-deutschen Entwicklung wird hier ein Programm skizziert, das in seinen Forderungen m. E. utopisch bleiben wird, weil es die Kompetenzen einer einzelnen Forscherin oder eines einzelnen Forschers übersteigt.
Schon innerhalb seines eigenen Entwurfs bei der Erörterung der Grunddaten und Zäsuren der Kirchlichen Zeitgeschichte wird diese breite Aufstellung nicht durchgehalten.8 Nicht einmal die deutsch-deutsche Geschichte ist aus kirchenhistorischer Sicht im Blick. Gerade ihr kommt aber im Hinblick auf das Verständnis der evangelischen Kirche nach 1945 grundsätzliche Bedeutung zu. Martin Greschat verweist zwar darauf, dass die Kirchliche Zeitgeschichte die „politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Vorgänge [...] im ehemaligen Ostblock“ zu berücksichtigen habe, aber sie fließen in seine Überlegungen nicht ein.9 Ein Indiz dafür, dass dies eine allgemeine Tendenz zu sein scheint, stellt der unlängst erschienene Überblick von Harry Oelke in dem Sammelband „Europäisches und Globales Christentum. Herausforderungen und Transformationen im 20. Jahrhundert“ dar, der sich ebenfalls in dem Sektionskapitel „Nachkriegsgeschichte. Totalitäre Ideologien als Herausforderungen für die Kirchen“ auf die Nachkriegsgeschichte Westdeutschlands konzentriert und die Geschichte der Kirchen in der DDR unberücksichtigt lässt.10 In diesem Band bleibt damit die Kirchengeschichte der DDR außen vor.
Mindestens zeigt die verbindende Klammer, die die EKD zwischen der Bundesrepublik und der DDR von 1945 bis 1969 bildete – wie Claudia Lepp es aufgewiesen hat – dass die kirchengeschichtlichen Entwicklungen in beiden deutschen Staaten untrennbar sind.11 Christoph Klessmann hat von der „‚asymmetrisch verflochtenen Beziehungsgeschichte‘ zwischen dem größeren demokratischen und dem kleineren, diktatorischen Teil“ der beiden deutschen Staaten gesprochen, die einen Zugang zur Nachkriegsgeschichte biete.12 Dies gilt in besonderer Weise für die evangelische Kirche in beiden deutschen Staaten als verbindende Klammer. Kontrastierend dazu könnten Verbindungslinien zwischen den beiden deutschen Diktaturen gezogen werden, wie Georg Wilhelm dies am Beispiel Leipzig exemplarisch gezeigt hat. Sein sektoraler Vergleich macht deutlich, dass die Kirche als Glaubensgemeinschaft, der es um die Weitergabe dieses Glaubens ging, „in prinzipiellen Konflikt zu den beiden Weltanschauungsdiktaturen ‚Drittes Reich‘ und DDR [geriet], die beide nicht nur in einer geräuschlosen Integration der Kirche und ihrer Mitglieder ihr Herrschaftsziel sahen, sondern aus weltanschaulichen Gründen langfristig die Kirchen beseitigen wollten.“13
Von den zu setzenden Prioritäten scheint es mir von daher zunächst und zuerst geboten, die Doppelstruktur von Diktatur und Demokratie mit ihren sehr unterschiedlichen Konzeptionen des Staat-Kirche-Verhältnisses konsequent in die Kirchliche Zeitgeschichtsschreibung hineinzuholen.
Darüber hinaus muss „the changing shape of church history“ wahrgenommen und berücksichtigt werden. Justo Gonzales begründet seinen geforderten Wandel nach einer nicht mehr europäisch und nordamerikanisch zentrierten Kirchen- Christentumsgeschichte mit den Entwicklungen im 20. Jahrhundert, in denen „Christianity has become polycentric, church history has become global and ecumenical in a way that would have been inconceivable a few generations ago.“ Dieses Plädoyer für eine Theologie und Kirchengeschichte, die ihre Standpunktgebundenheit reflektiert, und sich so ihrer Grenzen bewusst bleibt – indem sie ihre Ergebnisse nicht verallgemeinert und innerhalb des Kontextes einer Weltgesellschaft reflektiert – von Gonzales und anderen ist aufzunehmen. Die herkömmlichen Engführungen können punktuell sicherlich durchbrochen werden. Möglich ist dies vor allem bei Tagungen, die begrenzte Zeiträume untersuchen und dabei einen internationalen und konfessionsübergreifenden Blickwinkel einnehmen.
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