Psychoanalyse im 20. Jahrhundert -  - E-Book

Psychoanalyse im 20. Jahrhundert E-Book

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Beschreibung

This volume presents appreciations, written by twelve experts, of the successors of Freud and their most important theoretical contributions and lasting influence on psychoanalytic practice and theory formation. The discoveries made by Freud's successors are the basis for a pluralistic form of psychoanalysis in which the empirical findings of these outstanding personalities are still able to flow into contemporary psychotherapeutic treatments. The outline biographies not only cast fresh light on the history of psychoanalysis in each country, but also clarify how closely the psychologists' lives and work were often connected.

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Psychoanalyse im 21. Jahrhundert

Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen

 

Herausgegeben von Cord Benecke, Lilli Gast, Marianne

Leuzinger-Bohleber und Wolfgang Mertens

 

Berater der Herausgeber

Ulrich Moser

Henri Parens

Christa Rohde-Dachser

Anne-Marie Sandler

Daniel Widlöcher

Marco Conci

Wolfgang Mertens (Hrsg.)

Psychoanalyse im 20. Jahrhundert

Freuds Nachfolger und ihr Beitrag zur modernen Psychoanalyse

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

 

 

 

 

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-028428-9

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-028429-6

epub:    ISBN 978-3-17-028430-2

mobi:    ISBN 978-3-17-028431-9

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Geleitwort zur Reihe

 

 

 

 

 

Die Psychoanalyse hat auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Bedeutung und Faszination verloren. Sie hat sich im Laufe ihres nun mehr als einhundertjährigen Bestehens zu einer vielfältigen und durchaus auch heterogenen Wissenschaft entwickelt, mit einem reichhaltigen theoretischen Fundus sowie einer breiten Ausrichtung ihrer Anwendungen.

In dieser Buchreihe werden die grundlegenden Konzepte, Methoden und Anwendungen der modernen Psychoanalyse allgemeinverständlich dargestellt. Worin besteht die genuin psychoanalytische Sichtweise auf Forschungsgegenstände wie z. B. unbewusste Prozesse, Wahrnehmen, Denken, Affekt, Trieb/Motiv/Instinkt, Kindheit, Entwicklung, Persönlichkeit, Konflikt, Trauma, Behandlung, Interaktion, Gruppe, Kultur, Gesellschaft u. a. m.? Anders als bei psychologischen Theorien und deren Überprüfung mittels empirischer Methoden ist der Ausgangspunkt der psychoanalytischen Theoriebildung und Konzeptforschung in der Regel zunächst die analytische Situation, in der dichte Erkenntnisse gewonnen werden. In weiteren Schritten können diese methodisch trianguliert werden: durch Konzeptforschung, Grundlagenforschung, experimentelle Überprüfung, Heranziehung von Befunden aus den Nachbarwissenschaften sowie Psychotherapieforschung.

Seit ihren Anfängen hat sich die Psychoanalyse nicht nur als eine psychologische Betrachtungsweise verstanden, sondern auch kulturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche sowie geisteswissenschaftliche Perspektiven hinzugezogen. Bereits Freud machte ja nicht nur Anleihen bei den Metaphern der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, sondern entwickelte die Psychoanalyse im engen Austausch mit geistes- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen. In den letzten Jahren sind vor allem neurowissenschaftliche und kognitionspsychologische Konzepte und Befunde hinzugekommen. Dennoch war und ist die klinische Situation mit ihren spezifischen Methoden der Ursprung psychoanalytischer Erkenntnisse. Der Blick auf die Nachbarwissenschaften kann je nach Fragestellung und Untersuchungsgegenstand bereichernd sein, ohne dabei allerdings das psychoanalytische Anliegen, mit spezifischer Methodik Aufschlüsse über unbewusste Prozesse zu gewinnen, aus den Augen zu verlieren.

Auch wenn psychoanalytische Erkenntnisse zunächst einmal in der genuin psychoanalytischen Diskursebene verbleiben, bilden implizite Konstrukte aus einschlägigen Nachbarwissenschaften einen stillschweigenden Hintergrund wie z. B. die derzeitige Unterscheidung von zwei grundlegenden Gedächtnissystemen. Eine Betrachtung über die unterschiedlichen Perspektiven kann den spezifisch psychoanalytischen Zugang jedoch noch einmal verdeutlichen.

Der interdisziplinäre Austausch wird auf verschiedene Weise erfolgen: Zum einen bei der Fragestellung, inwieweit z. B. Klinische Psychologie, Entwicklungspsychologie, Entwicklungspsychopathologie, Neurobiologie, Medizinische Anthropologie zur teilweisen Klärung von psychoanalytischen Kontroversen beitragen können, zum anderen inwieweit die psychoanalytische Perspektive bei der Beschäftigung mit den obigen Fächern, aber auch z. B. bei politischen, sozial-, kultur-, sprach-, literatur- und kunstwissenschaftlichen Themen eine wesentliche Bereicherung bringen kann.

In der Psychoanalyse fehlen derzeit gut verständliche Einführungen in die verschiedenen Themenbereiche, die den gegenwärtigen Kenntnisstand nicht nur klassisch freudianisch oder auf eine bestimmte Richtung bezogen, sondern nach Möglichkeit auch richtungsübergreifend und Gemeinsamkeiten aufzeigend darstellen. Deshalb wird in dieser Reihe auch auf einen allgemein verständlichen Stil besonderer Wert gelegt.

Wir haben die Hoffnung, dass die einzelnen Bände für den psychotherapeutischen Praktiker in gleichem Maße gewinnbringend sein können wie auch für sozial- und kulturwissenschaftlich interessierte Leser, die sich einen Überblick über Konzepte, Methoden und Anwendungen der modernen Psychoanalyse verschaffen wollen.

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

Cord Benecke, Lilli Gast,

Marianne Leuzinger-Bohleber und Wolfgang Mertens

Inhalt

 

 

 

 

 

Geleitwort zur Reihe

1 Einleitung

Literatur

2 Anna Freud (1895–1982) – Die Pionierin der Kinderanalyse

Thomas Aichhorn

2.1 Einführung

2.2 Anna Freuds Kindheit und Jugend; ihre ersten beruflichen Erfahrungen

2.3 Anna Freuds Wege zur Psychoanalyse:

2.4 Die Anwendung der Psychoanalyse auf Pädagogik und Sozialarbeit

2.5 Erste Kontoversen zwischen Anna Freud und Melanie Klein, zwischen Wien und London

2.6 Anna Freud in den Institutionen der Psychoanalyse

2.7 Die »Hietzing-« oder »Rosenfeld-Burlingham-Schule

2.8 Die »Jackson Day Nursery«

2.9 1938/39 – Auflösung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und Flucht nach London

2.10 Die »Hampstead War Nurseries«

2.11 Die Londoner Kontroversen zwischen Anna Freud und Melanie Klein

2.12 Die »Hampstead Child Therapy Clinic and Course«:

2.13 Anna Freuds letzte Lebensjahre

Literatur

3 Sándor Ferenczi (1873–1933) – Emotion und Beziehung in der Psychoanalyse

Herbert Will

3.1 Einführung

3.2 Stationen seines Lebens

3.3 Ferenczis eigener Weg

3.4 Regression und Freiheit

3.5 Mutuelle Analyse und kindliches Trauma

3.6 Ferenczis Bedeutung für die Theorieentwicklung der Psychoanalyse

3.7 Ferenczis Bedeutung für die Entwicklung der psychoanalytischen Therapie und Technik

Literatur

4 Melanie Klein (1882–1960) – »weibliches Genie« oder »Antigenie«?

Claudia Frank

4.1 Einführung

4.2 Stationen ihres Lebens

4.3 Psychoanalytische Herkunft

4.4 Theoretische Orientierung – theoretische Neuerungen

4.5 Veröffentlichung und Rezeption ihres Werkes im deutschsprachigen Raum

4.6 Bedeutung für die weitere Theorieentwicklung sowie für die gegenwärtige Psychoanalyse

Literatur

5 Donald W. Winnicott (1896–1971) – Der unorthodoxe »mütterliche« Psychoanalytiker

Eveline List

5.1 Einführung

5.2 Stationen seines Lebens

5.3 Psychoanalytische Herkunft, Prägungen, Abgrenzungen

5.4 Theoretische und klinische Orientierung

5.5 Beziehung zu den psychoanalytischen Strömungen im Herkunftsland

5.6 Veröffentlichung und Rezeption seines Werkes im deutschsprachigen Raum

5.7 Wichtige theoretische Beiträge und Konzepte

5.8 Bedeutung für die weitere Theorieentwicklung der Psychoanalyse, Ausstrahlung über die Psychoanalyse hinaus und Bedeutung für die gegenwärtige Psychoanalyse

Literatur

6 Wilfred R. Bion (1897–1979) – Der Mut zur Unsicherheit und zum Nichtverstehen

Wolfgang Hegener

6.1 Einführung

6.2 Stationen seines Lebens und psychoanalytische Herkunft

6.3 Etappen seines psychoanalytischen Denkens

6.4 Zur Rezeption Bions in Deutschland

6.5 Zur aktuellen Bedeutung von Bions Werk

Literatur

7 John Bowlby (1907–1990) – »Der Bindungs-Psychoanalytiker«

Karl Heinz Brisch

7.1 Einleitung

7.2 Stationen seines Lebens

7.3 Theoretische Orientierung

7.4 Bowlbys Beziehung zu den psychoanalytischen Strömungen im Herkunftsland

7.5 Veröffentlichung und Rezeption seines Werkes im deutschsprachigen Raum

7.6 Bedeutung für die weitere Theorieentwicklung der Psychoanalyse

7.7 Bedeutung und Ausstrahlung über die Psychoanalyse hinaus

7.8 Die Bedeutung der Konzepte von Bowlby für die gegenwärtige Psychoanalyse

Literatur

8 Jacques Lacan (1901–1981) – Rückkehr zu Freud und weiter

Christian Kläui

8.1 Einleitung

8.2 Aus Leben und Werk

8.3 Aus Werk und Leben

Literatur

9 Jean Laplanche, (1924–2012) – Von Freuds eingeschränkter zur Allgemeinen Verführungstheorie

Udo Hock

9.1 Einführung

9.2 Ein Leben zwischen Paris und dem Château de Pommard

9.3 Psychoanalytische Herkunft, Prägungen, Abgrenzungen, theoretische Orientierung

9.4 Rezeption und Veröffentlichung seines Werkes im deutschsprachigen Raum

9.5 Laplanches Schriften

9.6 Die Allgemeine Verführungstheorie (AVT)

9.7 Die Bedeutung der Allgemeinen Verführungstheorie für die weitere Theorieentwicklung der Psychoanalyse

9.8 Zur Bedeutung der Konzepte der AVT für die zeitgenössische Psychoanalyse

Literatur

10 Harry Stack Sullivan (1892–1949) – Der unerschrockene Pionier der interpersonalen Psychoanalyse

Marco Conci

10.1 Einführung

10.2 Stationen seines Lebens

10.3 Psychoanalytische Herkunft, Prägungen, Abgrenzungen und theoretische Orientierung

10.4 Rezeption und Veröffentlichung seines Werkes im deutschsprachigen Raum

10.5 Sullivans Werke und seine Hauptkonzepte

10.6 Bedeutung für die weitere Theorieentwicklung der Psychoanalyse

10.7 Inwiefern sind seine Konzepte für die gegenwärtige Psychoanalyse noch bedeutsam?

Literatur

11 Heinz Kohut (1913–1981) – Der empathische Psychologe des Selbst

Wolfgang Milch

11.1 Einführung

11.2 Stationen seines Lebens

11.3 Psychoanalytische Herkunft, Prägungen, Abgrenzung

11.4 Theoretische Orientierung

11.5 Beziehung zu den psychoanalytischen Strömungen im Herkunftsland

11.6 Veröffentlichung und Rezeption seines Werkes im deutschsprachigen Raum

11.7 Wichtige theoretische Beiträge und Konzepte

11.8 Bedeutung für die weitere Theorieentwicklung der Psychoanalyse

11.9 Bedeutung und Ausstrahlung über die Psychoanalyse hinaus

11.10 Bedeutung für die gegenwärtige Psychoanalyse

Literatur

12 Heinrich Racker (1910–1961) – Der Pionier der Gegenübertragung

Robert Oelsner

12.1 Einführung

12.2 Stationen seines Lebens

12.3 Psychoanalytische Herkunft, Prägungen, Abgrenzungen und theoretische Orientierung

12.4 Veröffentlichung und Rezeption seines Werkes im deutschsprachigen Raum

12.5 Rackers Werke und seine Hauptkonzepte

12.6 Bedeutung für die weitere Theorieentwicklung der Psychoanalyse

12.7 Bedeutung und Ausstrahlung über die Psychoanalyse hinaus

12.8 Inwiefern sind seine Konzepte für die gegenwärtige Psychoanalyse noch bedeutsam?

Literatur

13 Alexander Mitscherlich (1908–1982) – Gesellschaftspolitisch engagierte Psychoanalyse

Timo Hoyer

13.1 Einleitung

13.2 Zur Biographie

13.3 Medizin in der Krise

13.4 Psychoanalytische Psychosomatik

13.5 Genese von Krankheiten

13.6 Krankheiten der Gesellschaft

Literatur

Autorenverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Namensverzeichnis

1         Einleitung

 

 

 

 

 

»Jedes Land bringt, wenn auch unbewusst, die Psychoanalyse hervor, die es braucht« (1995, S. 1), schrieb die Soziologin Edith Kurzweil in ihrer Einleitung zum Buch Freudund die Freudianer. 100 Jahre Psychoanalyse, in dem sie die Rezeption der Psychoanalyse in Wien, Berlin, London, Paris und New York und in den entsprechenden Ländern verglich und dabei zu dem Schluss kam, dass diese es mit einer ganzen Menge von Einflüssen zu tun hat, die den unterschiedlichen analytischen Gemeinschaften selbst oft entgehen bzw. nicht bewusst sind.

Werner Bohleber (2004) beleuchtete in einer weiteren Forschungsarbeit die Rezeption der Klein’schen Psychoanalyse in Deutschland: Diese konnte erst Anfang der 1980er Jahre stattfinden und zwar erst nachdem sich die deutsche analytische Gemeinschaft endlich mit der NS-Zeit auseinandergesetzt hatte bzw. mit dem dadurch verursachten Verlust der Verbindung zur internationalen analytischen Gemeinschaft und der daraus resultierenden Beschädigung der deutschen Psychoanalyse. Eine solche verspätete Rezeption der Freud’schen und Klein’schen Todestriebkonzepte im deutschsprachigen Raum ist in der Tat erst kürzlich von Claudia Frank (2015) klar aufgezeigt worden.

Es ist auch kein Wunder, dass erst Anfang Oktober 2014 in Nürnberg eine Rosenfeld-Gedächtnistagung durch die Initiative der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) stattfinden konnte (s. Conci & Kamm, 2015). Auf dieser konnte die Tochter Herbert Rosenfelds, Angela, von ihrem Vater (einem in Nürnberg im Jahre 1910 geborenen und in München als Arzt promovierten Juden, der im Anschluss an seine Emigration nach London zu einem der wichtigsten Mitarbeiter von Melanie Klein wurde) ein persönliches Bild vorstellen (s. Herrmans, 2015).

Früher oder später wurde im deutschsprachigen Raum aber die Arbeit beinahe aller Pioniere und Pionierinnen der Psychoanalyse rezipiert, deren Leben und Werk in diesem Band dargestellt werden. Dabei geht es um die folgenden zwölf Pioniere: Sándor Ferenczi, Anna Freud, Melanie Klein, Donald Winnicott, Wilfred Bion, John Bowlby, Jacques Lacan, Jean Laplanche, Harry Stack Sullivan, Heinz Kohut, Heinrich Racker und Alexander Mitscherlich. In der Tat freuen wir uns beide als Herausgeber dieses Bandes darüber, für die von uns vorgesehenen Kapitel hervorragende Kolleginnen und Kollegen gewonnen zu haben, und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, der Schweiz und Argentinien bzw. den USA, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, mit beiden Dimensionen, nämlich der geschichtlichen und der klinischen sehr vertraut zu sein. Sie alle kennen sich mit dem Leben, der Entwicklung, der klinischen Anwendung und der Rezeption des Werkes der einzelnen Pioniere sehr gut aus. Es geht in der Tat um eine neue Generation von historisch ausgebildeten Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, deren Arbeit auch zur Verbreitung der Zeitschriften Luzifer-Amor (1987) und Psychoanalysis andHistory (1998) viel beigetragen hat und welche untereinander eine wichtige internationale wissenschaftliche Gemeinschaft aufgebaut haben.

Die nationalen Hindernisse zur Rezeption der Arbeit der oben genannten einzelnen Pioniere konnten auch dadurch behoben werden, dass sich in den letzten 30 Jahren die internationale analytische Gemeinschaft selbst stark in eine pluralistische Richtung entwickelt hat. Zu diesem wichtigen Phänomen trug z. B. der Tod von Anna Freud im Jahre 1982 bei, wodurch die Verarbeitung des Erbes des im Jahre 1939 verstorbenen Vaters (der Psychoanalyse) Sigmund Freud einen wichtigen weiteren Schritt machen konnte. Erst 1985 kamen die Freud’schen Analytiker (die Mitglieder der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, IPV) dazu, auf deutschem Boden (in Hamburg) eine internationale Tagung zu halten (die letzte hatte 1932 in Wiesbaden stattgefunden!), was einen sehr wichtigen Schritt auf der Ebene des internationalen Dialoges darstellte (s. Kafka, 1988). In diesem Rahmen wurde auch eine bedeutende Ausstellung zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland gezeigt, die von einer neuen Generation von Kandidaten (s. Brecht et al., 1985) vorbereitet wurde – dazu gehören auch die wichtigen Forschungsarbeiten von Geoffrey Cocks (1985) und Regine Lockot (1985). Robert Wallerstein (1921–2014), einer der wichtigsten nordamerikanischen Pioniere der empirischen Forschung in der Psychoanalyse, hatte auch 1985 in Hamburg eine zentrale Rolle gespielt (Wallerstein, 1988b) und widmete somit seine erste Rede als Präsident der IPV (Juli 1987, in Montreal) dem bedeutsamen Thema »One psychoanalysis or many?« (Wallerstein, 1988a). Damit eröffnete er auf der institutionellen Ebene die neue, pluralistische Phase unserer Entwicklung als Beruf und Wissenschaft, die in den weiteren Jahren sehr reiche Früchte bringen sollte.

In einem der eloquentesten Absätze des Beitrages von 2001 zum Thema »Psychoanalytischer Pluralismus. Fortschritt oder Chaos?« schrieb Arnold Cooper:

»Meines Wissens gibt es heute keinen Grund, ein bestimmtes System psychoanalytischen Denkens zugunsten eines anderen aufzugeben. Unter dem Dach des gegenwärtigen Pluralismus haben wir alle die Freiheit, uns unterschiedlicher Ideen und Techniken zu bedienen. Es gibt zwar einige Erneuerer wie auch Konservative, die versuchen, sich an eine reine Fassung ihrer Art von Psychoanalyse zu halten, aber ich glaube, dass die meisten von uns schließlich bei Mischkonstruktionen landen. Wir nehmen uns nützlich erscheinende Teile aus anderen Theorien und pfropfen sie unserem bisherigen System von Überzeugungen auf. Die meisten Psychoanalytiker in Nordamerika mischen heute meines Erachtens Teile der traditionellen, auf dem Triebkonzept basierenden Ich-Psychologie mit der Objektbeziehungstheorie, dem beziehungstheoretischen und dem interpersonalen Ansatz, nehmen dazu die Kleinianischen Konzepte der Projektion und projektiven Identifizierung, Kohuts Vorstellungen einer empathischen Resonanz und der vertikalen Spaltung und kombinieren das alles mit Vorstellungen unterschiedlicher Herkunft über die frühe kindliche Entwicklung. Es gibt vor allem keine überzeugenden Belege, dass die eine Form der Psychoanalyse – ob alt oder neu – zu besseren Ergebnissen führen würde als eine andere« (Cooper, 2001, S. 68 f.).

Bei diesen Worten von Cooper bleibt die wichtige Tatsache implizit, dass die von ihm erwähnten Sichtweisen den folgenden klinischen gemeinsamen Nenner haben: die Arbeit an der Übertragung (was der Patient in die Sitzung bringt bzw. wie er sich dem Analytiker gegenüber benimmt) und an der Gegenübertragung (welche Gefühle dadurch im Analytiker entstehen) bzw. das, was Wallerstein (1990) den »common ground« genannt hat. Andererseits ist es kein Wunder, dass die Auswahl der um dieses Kernthema zentrierten ausgewählten Schriften von Arnold Cooper (1923–2011) unter dem Titel The quiet revolution in American psychoanalysis (2005) veröffentlicht wurde.

Dass es um eine »ruhige Revolution« ging, kann auch dadurch bewiesen werden, dass ein wichtiger Beitrag in die pluralistische Richtung ursprünglich von analytischen Zeitschriften kam, welche außerhalb der IPV standen – und noch teilweise stehen. Wir beziehen uns dabei auf das von Michael Ermann und Jürgen Körner 1985 begründete Forum der Psychoanalyse (s. auch Ermann, 2014), an die von Stephen Mitchell (1946–2000) im Jahre 1991 gegründete Zeitschrift Psychoanalytic Dialogues und auf das von Jan Stensson gegründete (und von der Internationalen Föderation der Psychoanalytischen Gesellschaften, IFPS, getragene) International Forum of Psychoanalysis – von welchem einer von uns, M. C., seit 2007 der Mitherausgeber ist. Andererseits ist es auch nicht verwunderlich, dass der aktuelle Präsident der IPV aus dem Land (Italien) stammt, welches aus der Peripherie der »analytischen Bewegung« kommend in deren Mitte genau dank der Tatsache rücken konnte, dass es dort keine Pioniere wie Anna Freud oder Melanie Klein gab, sondern nur die Möglichkeit bestand, sich in einer sehr mühevollen und langwierigen Arbeit die unterschiedlichen analytischen Sprachen anzueignen (s. auch Conci, 2008). Eine solch pluralistische Entwicklung und Ausrichtung zeigt sich sehr klar in Stefano Bologninis (IPV-Präsident 2013–2017) Buch Verborgene Wege. Die Beziehung zwischen Analytiker und Patient: Unsere Patienten sind so unterschiedlich und facettenreich, dass wir mit einer Vielfalt von analytischen Autorinnen und Autoren und Theorien sehr gut vertraut sein müssen, um ihnen gerecht zu werden (s. auch Conci, 2011).

In der Tat spiegelt sich eine solche – theoretisch breite und technisch patientenzentrierte – Perspektive nicht nur in dem allgemeinen Konzept dieser ganzen Bücherreihe, Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen wider, sondern diese stellt auch einen der Hauptbestandteile der gesamten wissenschaftlichen Produktion des deutschen Mitherausgebers dieses Bandes (W. M.) dar. Dabei beziehen wir uns nicht nur auf Standardwerke wie die dreibändige Einführung in die psychoanalytische Therapie (1990–1991), sondern auch auf einen bahnbrechenden Aufsatz wie »Zur Konzeption des Unbewussten – Einige Überlegungen zu einer interdisziplinären Theoriebildung zum Unbewussten« (2007); nicht nur auf das innovative dreibändige Werk Psychoanalytische Schulen im Gespräch (2010, 2011, 2012), sondern auch auf eines der Grundlagenwerke dieser Buchreihe: Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Eine Standortbestimmung (2014).

Die Herausgeber dieses Bandes kamen im Dezember 1990 – im Rahmen eines bei der Münchner Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie von Johannes Cremerius (1918–2002) gehaltenen Vortrages – zum ersten Mal miteinander in Kontakt, dessen große Offenheit, Neugierde und Dialogbereitschaft beide noch sehr schätzen und gut in Erinnerung haben – und welcher die gemeinsame Arbeit an diesem Band sehr willkommen geheißen hätte. Unter anderem war Cremerius ein Pionier der deutschsprachigen Rezeption der Werke von Sándor Ferenczi und Michael Balint (s. Cremerius, 2005). In der Tat kann es sogar sein, dass der genius loci München, der uns alle drei verbindet – mit seiner eigentümlichen Mischung aus Provinzstadt und andererseits einer sehr gut international verbundenen Großstadt – etwas zu der Entstehung dieses Bandes beigetragen hat (s. auch Bauriedl & Brundke, 2008).

Wir als Herausgeber dieses Bandes schätzen außerdem die Verbindung zwischen Leben und Werk, die sich, ähnlich wie bei vielen Schriftstellern und sogar Philosophen, auch bei den meisten Pionieren der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts nicht so schwer nachweisen lässt und die hinter unserer – nicht von allen Kollegen immer beibehaltenen – Idealgliederung der Kapitel steht. Das ist auf jeden Fall eine der Bestätigungen, die aus der neuesten historischen Forschung gekommen sind, die eine ganze Reihe von Biographien erzeugt hat, durch welche man leicht Verbindungen wie die folgenden herstellen kann. Was z. B. H. S. Sullivan betrifft, ist es durchaus nachzuvollziehen, wie aus seinem schwierigen und gespaltenen Leben ein wichtiger Pionier der Psychotherapie der Schizophrenie wurde. Die Themen Ausgrenzung, Selbstwertgefühl und Empathie waren im Leben von Heinz Kohut, dem Begründer der Selbstpsychologie, sehr bedeutsam. Ähnliches gilt für das Thema Trennung im Leben und Werk von John Bowlby oder für die Rolle der Politik im Leben und Werk von Alexander Mitscherlich. Wie wir wissen, geht es um eine Verbindung, die nicht nur Freud selbst postuliert hatte, auf dessen eigene Träume er seine Traumdeutung begründet hatte, sondern die auch den roten Faden eines Musterwerkes wie Die Entdeckung des Unbewussten von Henry Ellenberger (1905–1993) darstellte.

Aber unsere gemeinsame Priorität war, mit einem solchen Band den Bedürfnissen der heutigen Studierenden und Kandidaten gerecht zu werden bzw. ihnen ein didaktisches Instrument zur Verfügung zu stellen, durch welches die Komplementarität der historischen, der klinischen und der wissenschaftlichen Dimensionen der Psychoanalyse klar zum Ausdruck kommen kann. Dafür bedanken wir uns wieder bei den Verfasserinnen und Verfassern der einzelnen Kapitel. Deren Arbeiten erlauben uns nun, die große Lücke zu schließen, die dadurch entstand, dass der im Jahre 1977 erschienene 3. Band der Tiefenpsychologie, Die Nachfolger Freuds, der von Dieter Eicke herausgegeben wurde, mittlerweile veraltet und auch vergriffen ist. Wir kennen kein anderes Werk im deutschsprachigen Raum, das auf die obigen Fragestellungen eingeht und deshalb hoffen wir, den Leserinnen und Lesern einen guten Dienst erwiesen zu haben.

Marco Conci und Wolfgang Mertens

München, Oktober 2015

Literatur

 

 

Bauriedl, T. & Brundke, A. (Hrsg.) (2008). Psychoanalyse in München – Eine Spurensuche. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Bohleber, W. (2004). Zwischen Hermeneutik und Naturwissenschaft: Einige Schwerpunkte psychoanlytischer Theorieentwicklung in Deutschland nach 1945. In M. Leuzinger-Bohleber, H. Deserno & S. Hau (Hrsg.), Psychoanalyse als Profession und Wissenschaft (S. 97–112). Stuttgart: Kohlhammer.

Bolognini, S. (2011). Verborgene Wege. Die Beziehung zwischen Analytiker und Patient. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Brecht, K., Friedrich, V., Hermanns, L., Juelich, H. & Kaminer, I. (Hrsg.) (1985). »Hier geht das Leben auf eine sehr merkwüdige Weise weiter …«. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg: Kellner.

Cocks, G. (1985). Psychotherapy in the Third Reich: The Göring Institute. Oxford: Oxford University Press.

Conci, M. (2008). Italian themes in psychoanalysis – International dialogue and psychoanalytic identity. International Forum of Psychoanalysis, 17, 65–70.

Conci, M. (2011). Geleitwort zur deutschen Ausgabe. In S. Bolognini, Verborgene Wege. Die Beziehung zwischen Analytiker und Patient (S. 7–16). Gießen: Psychosozial-Verlag.

Conci, M. & Kamm, H. (2015). Tagung zum Gedenken an den Psychoanalytiker Herbert Rosenfeld, Nürnberg 1910 – London 1986. Luzifer-Amor, 56, 7–19.

Cooper, A. M. (2001). Psychoanalytischer Pluralismus. Fortschitt oder Chaos? In W. Bohleber & S. Drews (Hrsg.), Die Gegenwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Gegenwart (S. 58–77). Stuttgart: Klett-Cotta.

Cooper, A. M. (2005). The quiet revolution in American psychoanalysis. Selected papers. London: Routledge.

Cremerius, J. (2005). Ein Leben als Psychoanalytiker in Deutschland. Hrsg. v. W. Mauser. Würzburg: Königshausen und Neumann.

Eicke, D. (Hrsg.) (1977). Tiefenpsychologie, Band 3: Die Nachfolger Freuds. Weinheim, Basel: Beltz.

Ellenberger, H. F. (1973). Die Entdeckung des Unbewussten: Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung, 2 Bände. Bern: Huber.

Ermann, M. (2014). Forum der Psychoanalyse: A journal documenting the »normalization« of the psychoanalytic field in Germany. International Forum of Psychoanalysis, 24, 60–62.

Frank, C. (2015). Eine »deutliche Reaktionsbildung gegen Todestriebhypothesen«. Ein Strang der Rezeptionsgeschichte von Freuds Todestriebkonzept im deutschen Sprachraum. Luzifer-Amor, 55, 136–157.

Hermanns, L. (2015). Editorial. Luzifer-Amor, 56, 5–6.

Kafka, J. (1988). On reestablishing contact. Psychoanalysis and Contemporary Thought, 11, 299–308.

Kurzweil, E. (1995). Freud und die Freudianer. 100 Jahre Psychoanalyse. München: dtv.

Lockot, R. (1985). Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nazionalsozialismus. Frankurt/M.: Fischer.

Mertens, W. (1990, 1991). Einführung in die psychoanalytische Therapie, 3 Bände. Stuttgart: Kohlhammer, 3., aktualisierte Auflage, 2000.

Mertens, W. (2007). Zur Konzeption des Unbewussten – Einige Überlegungen zu einer interdisziplinären Theoriebildung zum Unbewussten. In E. Geus (Hrsg.), Eine Psychoanalyse für das 21. Jahrhundert. Wolfgang Mertens zum 60. Geburtstag (S. 114–163). Stuttgart: Kohlhammer.

Mertens, W. (2010, 2011, 2012). Psychoanalytische Schulen im Gespräch, 3 Bände. Bern: Huber.

Mertens, W. (2014). Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Eine Standortbestimmung. Stuttgart: Kohlhammer.

Wallerstein, R. S. (1988a). One psychoanalysis or many? International Journal of Psychoanalysis, 69, 5–21.

Wallerstein, R. S. (1988b). Psychoanalysis in Nazi Germany: Historical and psychoanalytic lessons. Psychoanalysis and Contemporary Thought, 11, 351–370.

Wallerstein, R. S. (1990). The common ground. International Journal of Psychoanalysis, 71, 3–20.

2         Anna Freud (1895–1982) – Die Pionierin der Kinderanalyse

Thomas Aichhorn

2.1       Einführung

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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