Psychoanalyse in technischer Gesellschaft -  - E-Book

Psychoanalyse in technischer Gesellschaft E-Book

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Beschreibung

Durch Informatisierung und Medialisierung werden wir als Individuen immer stärker in eine technologische Ökologie eingewoben. Kann Sigmund Freuds ursprüngliche Absicht, psychische Prozesse naturwissenschaftlich zu erklären, mit den avancierten Mitteln der Technik doch noch verwirklicht werden? Ist die Psychoanalyse eine Möglichkeit, in der technisierten und medialisierten Lebenswelt Subjektivität neu zu fassen – oder weicht sie einer vorherrschend technischen Auffassung von Körper und Krankheit? Die Beiträge dieses Bandes fragen aus soziologischer, psychologischer, medizinischer und philosophischer Sicht nach der Relevanz des psychoanalytischen Diskurses für unsere Gesellschaft.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Eckhard Frick/Andreas Hamburger/Sabine Maasen (Hg.)

Psychoanalysein technischer Gesellschaft

Streitbare Thesen

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 2 Abbildungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

© 2019, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 GöttingenAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: GrAl/Shutterstock.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99905-0

Inhalt

Geleitwort von Christa Rohde-Dachser

Vorwort der Herausgeber

I Heilung

1 Einleitung zu Teil I

Die leise, aber beharrliche Stimme der Psychoanalyse im vielstimmigen Konzert der psychotherapeutischen Versorgung

Andreas Hamburger, Eckhard Frick und Sabine Maasen

2 Übertragung per Mausklick?

Nüchtern und jenseits der Pro-Kontra-Falle über Online-Psychotherapie reflektieren

Eckhard Frick

3 Psychoanalytische Wahrheitssuche im postfaktischen Zeitalter – veraltet, überflüssig oder wichtiger denn je?

Wolfgang Mertens

4 Einem großen Teil des Materials verständnislos gegenüber

Was die moderne Medizin noch von der Freud’schen Psychoanalyse lernen kann – und sollte

Daniel Teufel und Pascal O. Berberat

5 Zwischen technischer und psychoanalytischer Codierung

Joram Ronel und Eckhard Frick

II Forschung

6 Einleitung zu Teil II

Eckhard Frick, Sabine Maasen und Andreas Hamburger

7 Evidenzbasierte Medizin als Gestalt des technischen Unbewussten

Eckhard Frick

8 Die Herausforderung der experimentellen Untersuchung des Unbewussten

Überlegungen zur Psychoanalyse im Spannungsfeld neurowissenschaftlicher Forschung

Anna Buchheim

9 (Wie) Passt die Psychoanalyse zur biopsychosozialen Medizin von heute?

Peter Henningsen

10 Tele-Analyse – Psychotherapie über technische Medien und die Konsequenzen für Interaktion und Beziehung

Christian Roesler

11 Hätte Freud ein MRT gehabt

Forschungsperspektiven zur Mikrodynamik des sozio-affektiven Austauschs

Andreas Hamburger

12 Der Psychoanalytiker zu Besuch im technischen Theater der Neurowissenschaften

Christian Sorg (S) und Eckhard Frick (F) im kollegial-psychiatrischen Gespräch

III Gesellschaft

13 Einleitung zu Teil III

Sabine Maasen, Andreas Hamburger und Eckhard Frick

14 Die Psychoanalyse und die Suche nach der Evidenz

Michael Penkler

15 Psychoanalysis, Biomedicine, and the Irreducible Singularity of the Subject

A Reflection on Psychoanalytic Epistemology and Teaching Psychoanalysis in the (Medical) University

Michael Holohan

16 Die Anderen – Intersubjektivität im Netz psychoanalytisch betrachtet

Christina Schachtner

17 Digitale Technologien, ihr Unbewusstes, ihre Gesellschaft: Psychoanalyse als Gegenwissenschaft?

Sabine Maasen

Die Autorinnen und Autoren

Geleitwort von Christa Rohde-Dachser

Psychoanalyse und Technik sind zwei Bereiche, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Das Gleiche gilt auch für die Assoziationsfelder, mit denen die beiden Begriffe verbunden sind. Psychoanalyse ist darin vor allem eine wissenschaftliche Methode zur Erforschung unbewusster Handlungsmotivationen, die nicht direkt beobachtbar sind, sondern in der therapeutischen Beziehung von Analytiker/-in und Patient/-in erst gemeinsam erschlossen werden müssen. Keine therapeutische Beziehung gleicht dabei der anderen; jede von ihnen ist einzigartig und nicht wiederholbar. Von daher verweigert sie sich auch jedem von außen an sie herangetragenen Vergleich, wie er unter anderem zur Falsifizierbarkeit von Hypothesen vorgenommen wird. Mit »Technik« assoziieren wir demgegenüber in aller Regel technische Instrumente und Werkzeuge, die von Menschen geschaffen wurden, um uns die Umwelt verfügbar zu machen, und das handwerkliche Können, das notwendig ist, um diese Werkzeuge auch entsprechend zu benutzen. Darunter lassen sich auch alle Verfahrensweisen subsumieren, die der Erforschung und Sichtbarmachung neuropsychologischer Abläufe, zum Beispiel durch bildgebende Verfahren, dienen. Ein stärkerer Unterschied zwischen psychoanalytischen und neurowissenschaftlichen Denkansätzen lässt sich, so gesehen, kaum denken. Lange Zeit haben Psychoanalyse und Neurowissenschaft deshalb auch nebeneinanderher gelebt, ohne groß über den jeweils eigenen Tellerrand zu schauen.

In der immer stärker technisierten Gesellschaft, in der wir heute leben, lässt sich diese Dichotomie aber nicht länger aufrechterhalten. Dazu ist die Technisierung unserer Gesellschaft, zu der auch die Psychoanalyse gehört, in praktisch allen Lebensbereichen viel zu weit fortgeschritten, und die rasante Entwicklung der Neurowissenschaft ebenso wie die durch das Internet ermöglichte jederzeitige Erschließung virtueller Lebensräume greifen tief auch in Bereiche ein, die die Psychoanalyse bis vor kurzem noch ganz als ihre ureigene Domäne betrachtete. Zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft ist deshalb mittlerweile ein intensiver interdisziplinärer Austausch entstanden, in dem auch die Psychoanalyse von Seiten der Neurowissenschaft sich neue Anregungen erhofft. Einige der Freud’schen Thesen über das Unbewusste haben auf diesem Wege auch eine neurowissenschaftliche Bestätigung gefunden (vgl. dazu Kandel, 2006; Solms u. Turnbull, 2004; Leuzinger-Bohleber, Böker, Fischmann, Northoff u. Solms, 2015).

Daneben gibt es aber auch noch ganz andere psychoanalytische Stimmen in diesem mittlerweile ziemlich vielstimmigen Chor. Manche Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker fangen auch an, sich zu fragen, wie lange sich eine auf Dialog ausgerichtete Psychoanalyse gegenüber einer immer stärker naturwissenschaftlich orientierten, technisierten Medizin auf Dauer überhaupt noch Gehör verschaffen kann oder wie weit sie damit rechnen muss, früher oder später als schlichtweg überholt zu gelten. Andere wiederum schlagen sich mit dem Problem herum, wie weit das, was sie in ihrer eigenen psychoanalytischen Weiterbildung vor vielen Jahren an psychoanalytischer Theorie über die psychische Struktur des Menschen gelernt haben, noch mit einer Welt vereinbar ist, in der es jedem möglich ist, per Mausklick aus der realen in die virtuelle Realität hinüberzuwechseln, wobei die Grenzen zwischen beiden nicht immer klar gezogen sind, oder ob es zur Erklärung dieser ganz anderen Art des In-der-Welt-Seins auch neuer psychoanalytischer Kategorien bedarf. Und nochmals andere wollen mit dieser Entwicklung schlichtweg nichts zu tun haben und ziehen sich stattdessen ganz auf ihre psychoanalytische Arbeit zurück, in der Gewissheit, dass der intersubjektive Dialog zwischen Patient und Psychoanalytiker der beste, um nicht zu sagen: einzige Weg ist, jemanden auf Dauer von seinem psychischen Leiden zu befreien und die hochgelobten evidenzgestützten Therapien der Medizin dem nie das Wasser reichen können.

Ein Dialog zwischen diesen verschiedenen psychoanalytischen Gruppierungen, der, so kontrovers er auch verlaufen mag, das Verhältnis von Psychoanalyse und »technischer Gesellschaft« einer weiteren Reflexion zuführen könnte, hat bis jetzt, soweit ich die entsprechende Szene übersehe, erst in Ansätzen stattgefunden. Der von Andreas Hamburger, Eckhard Frick und Sabine Maasen herausgegebene Band »Psychoanalyse in technischer Gesellschaft« macht einen großen Schritt nach vorn, um genau diese Lücke zu schließen.

Die Herausgeberinnen und Herausgeber des Bandes sind ebenso wie die Autorinnen und Autoren der einzelnen Aufsätze überwiegend Psychoanalytiker/-innen. Daneben gibt es auch Mediziner und Soziologen, die daran teilnehmen und aus ihrem jeweiligen beruflichen Erfahrungsbereich weitere Beobachtungen und Ideen beisteuern, die dem Dialog noch eine größere Bandbreite verleihen.

Der Band hat drei Teile: einen klinischen, einen an Forschung orientierten und einen dritten, der sich vorwiegend mit der Rolle der Psychoanalyse in der technisierten Gesellschaft befasst.

Der erste, klinisch orientierte Teil setzt sich auf unterschiedliche Weise mit der Möglichkeit auseinander, der leisen, aber beharrlichen Stimme der Psychoanalyse auch unter den heutigen, oft sehr schwierigen Bedingungen im vielstimmigen Konzert der therapeutischen Versorgung weiter ein angemessenes Gehör zu verschaffen.

Wie lassen sich beispielsweise auch in einem psychoanalytischen Dialog, der hauptsächlich über das Internet verläuft, Übertragung und Gegenübertragung überhaupt noch angemessen erfassen? Wie gehen wir als Psychoanalytiker mit den virtuellen Räumen um, die sich dabei unerwartet vor uns auftun? Wie ließe sich trotz der ganz unterschiedlichen Form der Beziehungsaufnahme in der psychoanalytischen Behandlung und einer auf die Organsprache der Patienten fixierten Medizin zwischen beiden eine Verbindung herstellen? Was könnte die moderne Medizin trotz aller schon genannten Unterschiede auch von der Psychoanalyse lernen und wie kann sich die Psychoanalyse das dazu notwendige Gehör verschaffen, ohne sofort auf dem Abfallhaufen des längst Überholten zu landen? Könnte es auf Dauer vielleicht sogar eine »ökumenische Sprache« (Henningsen) zwischen beiden geben, in der »Herzbeschwerden« und »Herzeleid« zusammengeführt werden, um sie gemeinsam mit der Medizin von einer übergeordneten Ebene aus zu betrachten? Die Fähigkeit, lieben zu lernen, ein schon von Freud definiertes Ziel jeder Psychoanalyse, entsteht jedenfalls nicht im Rahmen eines kontrollierten Forschungsdesigns, sondern in der Beziehung zwischen zwei Menschen und dem wechselseitigen Vertrauen, das diese Beziehung tönt.

Der zweite Teil befasst sich mit Fragen der Subjektkonstitution in einer medialisierten Welt, deren Daten-, Klang- und Bildraum uns von klein auf einhüllen und uns kontrollieren (Frick). Die digitale Kommunikation erzeugt außerdem neue Kommunikationsräume, die auch als Spielfeld unserer Selbstverwirklichung dienen können. Die Aufmerksamkeit, die wir über Soziale Medien erfahren, stellt heute für viele das zentrale Mittel der Anerkennung dar. »Ich werde gesehen, ich werde anerkannt, also bin ich«, ist das Muster, in dem sich nach Altmeyer (2016) diese mediale Form der Selbstkonstitution verdichtet. Die Frage, inwieweit psychoanalytische Sinndeutungen daneben noch ihren Platz haben, bleibt dabei offen. Aufgegriffen werden aber auch die Rolle der Psychoanalyse im Spannungsfeld neurowissenschaftlicher Forschung (Anna Buchheim) und die Herausforderungen, die die experimentelle Untersuchung des Unbewussten an die Psychoanalyse heute stellt. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Überlegungen Hamburgers zu dem Gedanken, was wäre, hätte Freud bereits ein MRT gehabt. Er hätte sich – so Hamburger – darüber sicher ungemein gefreut, die Seele aber auch dort nicht gefunden.

Im dritten Teil, der sich vor allem mit der Rolle der Psychoanalyse in der technisierten Gesellschaft befasst, wird der produktive Versuch unternommen, die Theorien der Psychoanalyse auch auf die Erscheinungsformen der Technik in der modernen Gesellschaft anzuwenden. Zwischen der Möglichkeit des Menschen, sich heute mit Hilfe des Internets jederzeit eine ganz nach seinen Fantasien ausgestaltete virtuelle Welt zu erschaffen, der Freud’schen Beschreibung des Primärprozesses und der Traumlehre und dem Winnicott’schen Übergangsraum ergeben sich dabei unerwartet enge Parallelen. Vieles von dem, wie wir heute die virtuelle Realität beschreiben, lässt sich ohne Weiteres auch mit den Kategorien des Freud’schen Primärprozesses darstellen, so wie auch der Winnicott’sche Übergangraum, der per definitionem weder ganz der Realität noch ganz der Innenwelt angehört und in dem die Objekte beheimatet sind, die der Mensch zum Überleben braucht, auch wenn sie in der Realität so nicht vorkommen, sich unmittelbar hier einfügen lässt (Schachtner).

Für jeden, der an der lebhaften Auseinandersetzung der Psychoanalyse mit den wachsenden technischen Möglichkeiten unserer Gesellschaften und den Anforderungen, die diese ihrerseits an die Psychoanalyse stellt, interessiert ist und sich daraus auch für die eigene psychoanalytische Arbeit neue Anregungen erhofft, ist dieser Band aus meiner Sicht in vieler Hinsicht ein Gewinn. Besonders freue ich mich, dass auch die International Psychoanalytic University (IPU) Berlin, vertreten durch Prof. Andreas Hamburger, der an dieser Universität lehrt und forscht, bei der Herstellung dieses Bandes einen wichtigen Anteil hat. Ich wünsche dieser Aufsatzsammlung viele interessierte Leserinnen und Leser und hoffe, dass der darin begonnene Dialog zwischen Psychoanalyse und Technik fortgeführt wird und weitere Ergebnisse zeitigt. Alles Gute für dieses anspruchsvolle Unterfangen.

Literatur

Altmeyer, M. (2016). Auf der Suche nach Resonanz. Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kandel, E. R. (2006). Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Leuzinger-Bohleber, M., Böker, H., Fischmann, T., Northoff, G., Solms, M., (Hrsg.) (2015). Psychoanalyse und Neurowissenschaften. Chancen – Grenzen – Kontroversen. Stuttgart: Kohlhammer.

Solms, M., Turnbull, O. (2004). Das Gehirn und die innere Welt. Neurowissenschaft und Psychoanalyse. Düsseldorf/Zürich: Walter.

Vorwort der Herausgeber

Wir leben in einer Gesellschaft, die in hohem Maße durch Technik bestimmt ist. Wir wissen, was wir der Technik zu verdanken haben: angefangen vom elektrischen Strom, der so allgegenwärtig im alltäglichen Leben ist wie die Steckdosen in privaten und öffentlichen Gebäuden, über Herzschrittmacher und andere medizinische Errungenschaften bis hin zur Digitalisierung des Alltags, die auf naturwissenschaftlichem Denken und davon abgeleitetem technischem Handeln beruhen.

Allerdings: Das meiste am »Technischen« in unserer Gesellschaft ist uns unbewusst, wird nicht reflektiert. In erstaunlicher Übereinstimmung kritisieren sowohl Heidegger als auch Adorno die erschreckenden Konsequenzen neuzeitlicher Wissenschaft in der Gestalt technischer Industrialisierung. Aber auch diese Technikphilosophien verklingen im Zeitalter der Digitalisierung. Die Technik selbst wird unbewusst, implizit wie das Klavier der Computertastatur, auf dem die technischen Kompositionen entstehen, auf dem auch dieser Text entsteht.

Zunehmend übernehmen lernfähige Algorithmen die Organisation handlungsleitender Informationsbestände – ohne noch von Menschen ersonnene Konzepte, Begriffe und Theorien zu benötigen, lediglich weitgehend automatisierte stochastische Verknüpfungen von Metadaten. Diese selbstgesteuerte Intelligenz kreiert ein wirkmächtiges, dem menschlichen Bewusstsein nicht mehr zugängliches Netzwerk – ein neuartiges »technisches Unbewusstes«, zu dem die menschlichen User in einem ähnlich hilflosen Verhältnis stehen wie weiland Freuds »armes Ich«, dem wie einem »Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will« (Freud, 1975, S. 194).

Freilich melden sich mit der Wiederkehr des Verdrängten auch die Fragen wieder, die aus der Technisierung unserer Gesellschaft entstehen: von der globalen Sorge um unsere Umwelt über die politischen Phänomene der Xenophobie und des »My land first«-Denkens bis zu individuellen und Partnerschaftspathologien, die arbeits- und technikbedingt sind.

Psychoanalyse als aufklärerische Herausforderung – seither durch vielfältige epistemologische Debatten gefiltert – geht wissenschaftlich fundiert und emanzipatorisch engagiert mit der Wiederkehr des Verdrängten um. Als Teil dieser Gesellschaft ist sie allerdings weder erhaben über Prozesse des Unbewusstwerdens noch gefeit dagegen, selbst korrumpiert, verstrickt zu werden. So ist die Medizinalisierung der Psychoanalyse ein gesellschaftlicher Mechanismus, durch den die Psychoanalyse in die kassenärztliche Regelversorgung einbezogen wird, die kranken Menschen aller Bevölkerungsschichten zur Verfügung steht (Lichtseite). Gleichzeitig macht der Medizinalisierungsmechanismus die Psychoanalyse als Kultur- und Gesellschaftstheorie zahnlos. Die Folgen dieser Schattenseite der Medizinalisierung sind weitreichend – psychoanalyseimmanent und gesamtgesellschaftlich: Studierende der Medizin und Psychologie lernen die Psychoanalyse nur mehr als aufwändige, ökonomisch zweifelhafte Psychotherapiemethode oder als historisches Paradigma kennen, das Theoriebausteine für tiefenpsychologisch fundierte Behandlungen liefert. Aus Studierenden werden Dozierende, die bezüglich der Psychoanalyse über immer weniger Wissen und Selbsterfahrung verfügen und häufig Psychoanalyse lehren wie eine Chemieprofessorin die Alchemie.

Wer heute Psychoanalytikerin oder Psychoanalytiker1 werden will, muss zwischen der Skylla der technischen Medizinalisierung und der Charybdis des Lamentierens über den Bedeutungsverlust der Psychoanalyse navigieren. Zwei Gründungsgestalten der Psychoanalyse wären allerdings in keines dieser Extreme geraten: Der Neuropathologe Sigmund Freud hätte sich darüber gefreut, ein MRT zur Verfügung zu haben, um das »Romanhafte« seiner Krankengeschichten mit Ergebnissen der Bildgebung zu ergänzen. Ebenso wäre der Psychiater Carl Gustav Jung hocherfreut darüber gewesen, die psychophysiologischen Korrelate seines Assoziationsexperiments mit modernen empirischen Methoden zu vervollständigen.

Dieses Buch ist nicht »historisch« ausgerichtet in dem Sinne, als wolle es in erster Linie die Ursprünge der Spannung zwischen den beiden Titeltermini »Psychoanalyse« und »technische Gesellschaft« rekonstruieren. Vielmehr geht es um den jetzigen gesellschaftlichen Diskurs, in dem die Stimme der Psychoanalyse eher leiser ist als etwa in den 1950er und 1960er Jahren.

Die 1960er Jahre brachten den Durchbruch der »hellen« Medizinalisierung, der Verankerung von psychoanalytisch und lerntheoretisch begründeten Psychotherapieformen als Richtlinienverfahren der bundesdeutschen Krankenversorgung. Im selben Zeitraum war die Psychoanalyse noch häufiger und selbstbewusster in der akademischen Welt präsent, als dies heute der Fall ist, und zwar sowohl in der Klinischen Psychologie als auch in der Psychosomatischen Medizin. Möglicherweise hat sich die Psychoanalyse zu behaglich auf diesem komfortablen »Bett« der Krankenversorgung ausgeruht, indem sie zwar einen wichtigen Beitrag in Medizin und Psychotherapie leistete, sich in Forschung und Lehre jedoch zu stark auf den Fokus der Medizinalisierung einstellte und darüber den breiteren intellektuellen und gesellschaftlichen Diskurs vernachlässigte.

Die Skylla der technisch-medizinischen Anpassung und die Charybdis eines Aussteigens aus Technik und wissenschaftlicher Forschung markieren Grenzlinien des Spannungsfeldes, das mit diesem Band erkundet wird. Allen Beiträgen ist die Beheimatung in definierten Wissenschaftsbereichen gemeinsam, von denen aus jeweils ein bestimmter Blick auf die Psychoanalyse fällt. Keinem geht es darum, die Psychoanalyse vor etwaigen feindselig daherkommenden technischen Positionen zu »retten«, weder im Namen der Konkurrenz um Ressourcen noch (und schon gar nicht) in konservativ-historisierender Attitüde.

Vielmehr gehen die Autorinnen und Autoren davon aus, dass die verschiedenen psychoanalytischen Ansätze der Gegenwart sich »in technischer Gesellschaft« befinden. Wir leben heute in einer durch und durch technisierten Gesellschaft. Informations- und Neurotechnologien, Robotik und Soziale Medien sind nur wenige Beispiele für Technologien, die uns nicht mehr nur als Werkzeug, Gerät oder Medium begegnen, sondern als etwas, das die Formen menschlichen Verhaltens und menschlicher Verhältnisse immer wieder neu konfiguriert. Technologie ist eine »Infrastruktur« des menschlichen Lebens (Böhme, 2008) geworden – überwiegend unsichtbar, ja unbewusst. Dies fordert auch die Psychoanalyse, ihre Rolle für Individuen und in der Gesellschaft heraus.

Mit der Beteiligung an diesem Band ist somit die Entscheidung für den Diskurs gefallen, ein nostalgisches Verteidigen früherer Bastionen und der zugehörigen Feindbilder bereits überwunden oder zumindest als Sackgasse erkannt. Das Abenteuer der Entdeckung des Unbewussten hat schon in der frühen Psychoanalyse kreative Geister angezogen und den Blick über individuelles Leid hinaus auf das gesellschaftliche Zusammenleben gelenkt. Das ist auch heute so, und dazu soll unser Buch beitragen.

Eckhard Frick, Andreas Hamburger und Sabine Maasen

Literatur

Böhme, G. (2008). Invasive Technisierung. Technikphilosophie und Technikkritik. Kusterdingen: Graue Edition.

Freud, S. (1975). Psychologie des Unbewussten. Studienausgabe, Bd. 3. Frankfurt a. M.: Fischer.

1In den Beiträgen wird willkürlich mal die männliche und mal die weibliche Form verwendet. Jede Form schließt beide Geschlechter ein.

I Heilung

1 Einleitung zu Teil I

Die leise, aber beharrliche Stimme der Psychoanalyse im vielstimmigen Konzert der psychotherapeutischen Versorgung

Andreas Hamburger, Eckhard Frick und Sabine Maasen

Freud sah die Psychoanalyse nicht als primär therapeutisches Unternehmen, sondern als Prozess philosophischer Selbstaufklärung, die quasi als Nebenprodukt auch »hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln« helfe (Freud, 1895d, S. 312). Diese Aussage stammt aus einer Zeit, in der psychische Störungen noch kaum erforscht und anerkannt waren. Ist so ein individuumszentriertes, rekonstruktiv-aufklärendes Verfahren mit dem Therapieziel »gemeines Unglück« einer Gesellschaft noch vermittelbar, in der 27 Prozent der Gesamtbevölkerung an psychischen Störungen leiden (Jacobi et al., 2014) und in der es von Dienstleistern der psychosozialen Versorgung wimmelt? Eine einflussreiche Pharmaindustrie, zahlreiche Therapieschulen und ein unüberblickbarer Sektor von Selbsterfahrungs- und Selbstoptimierungsangeboten konkurrieren um den schnellsten Erfolg bei ihren Kunden, deren Subjektstatus in soziale Netzwerke diffundiert – und in dieser glitzernden Skyline steht der psychoanalytische Altbau, in dem, einem Programm aus der vorletzten Jahrhundertwende folgend, individuelle und kleinschrittige Aufklärung betrieben wird. Sie leitet sich aus der paradigmatischen Einsicht ab, dass das Individuum, das Unteilbare, alles andere als seiner Einheit gewiss sein kann, das Ich also nicht Herr im eigenen Hause ist. Das war der kritische Anstoß der Psychoanalyse, und aus ihm folgt der Anspruch, den Spuren der Verdrängung in der Einzelpsyche nachzugehen und dazu den langen Weg eines gemeinsamen Forschungsprozesses auf sich zu nehmen.

Ist dieser Anspruch freilich, so müssen wir uns fragen, noch einlösbar, wenn an die Stelle des individuellen Unbewussten längst ein technisches Unbewusstes getreten ist, wie Eckhard Frick in seinem Beitrag meint, ein »Daten-, Klang- und Bildraum, der eher uns kontrolliert, als dass wir ihn kontrollieren«? Durchaus, meint Frick, liefern doch avancierte Modelle des interaktiven Unbewussten (wie etwa das Predictive Processing) erst recht den Hintergrund für eine subjektorientierte Verstehensstrategie. Nicht die Aufklärung ist überholt, sondern der naturwissenschaftliche Reduktionismus. Die bildgebenden Verfahren lösen nicht das Subjekt in seine Synapsen auf, sondern umgekehrt: Sie werden zum Projektionsfeld (inter-)subjektiver Imagination.

Skeptischer sieht Wolfgang Mertens die Vermischung von Realität und Fiktion in der »augmented biography«. Wo bleibt der Aufklärungsanspruch der Psychoanalyse und damit ihr Heilungskonzept, wenn Biografien frei optimiert werden können, keine Verpflichtung auf Realität mehr zu existieren scheint? Mertens kritisiert hier auch die Ansätze der postmodernen Psychoanalyse, die vom Gedanken einer Rekonstruktion abgeht und auf einen sozialkonstruktivistischen, narrativen Wahrheitsbegriff abhebt. Wo läuft die Trennlinie zwischen träumerischer Teilhabe an der noch ungestalteten Innenwelt des Patienten und der Reduzierung des analytischen Prozesses auf einen gemeinsamen Traum?

Im Gegensatz zu Mertens setzen die Medizindidaktiker Teufel und Berberat auf das Narrativ, wenn sie der Medizin vorhalten, sie habe den Anschluss an den Menschen verloren, und ihr dringend nahelegen, von der auf das Subjekt zentrierten psychoanalytischen Perspektive zu lernen. Sie schlagen konkret vor, »Couch-ähnliche Zwischenräume« für Medizinstudierende zu schaffen.

Über eine solche Perspektive hinaus, die der psychoanalytischen Subjektorientierung Einfluss auf die Ausbildung von Medizinern verschaffen möchte, zeigen die Forschungen des Internisten und Psychoanalytikers Joram Ronel, welche Macht das Narrativ auch im Kontext einer kardiologischen Intervention hat. Seine doppelblinden Placebostudien beweisen, dass koronare Durchblutung auf Suggestion reagiert – scharf formuliert, dass auch Behauptungen wirksam sein können. Was mitnichten bedeutet, die Wahrheit sei ein Placebo und Psychoanalyse Suggestion. Im Gegenteil: Das auch in der technisierten Medizin wachsende Bewusstsein für mentale Prozesse eröffnet den Dialog zwischen den Disziplinen. Auch in der Notaufnahme kann die Frage nach dem seelischen Auslöser sinnvoll sein – und auch auf der analytischen Couch die Anerkennung dafür, dass der Patient sein Leiden in einem medizinischen Code erlebt. Interdisziplinarität fügt die paradigmatisch aufgespaltenen Krankheitsverständnisse einer naturwissenschaftlichen und einer verstehenden Sicht auf den kranken Menschen tendenziell wieder zusammen.

Dafür freilich müssen die Positionen markiert sein. Der Eigensinn des psychoanalytischen Wahrnehmens und Denkens hinterfragt die im Inneren wie im Äußeren herrschenden Wirklichkeitskonstrukte, die uns das Leben bequem machen und uns vor der Anerkennung von emotionaler Realität schützen. Das kann er freilich nur, wenn er sich diese unbequemen Fragen auch selbst stellt und sich nicht eine Nische im Gestern sucht.

Literatur

Freud, S. (1895d). Zur Psychotherapie der Hysterie. Gesammelte Werke, Bd. I (S. 252–312). Frankfurt a. M.: S. Fischer.

Jacobi, F., Höfler, M., Strehle, J., Mack, S., Gerschler, A., Scholl, L., Busch, M. A., Maske, U., Hapke, U., Gaebel, W. Maier, W., Wagner, M., Zielasek, J., Wittchen, H.-U. (2014). Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Der Nervenarzt, 85 (1), 77–87.

2 Übertragung per Mausklick?

Nüchtern und jenseits der Pro-Kontra-Falle über Online-Psychotherapie reflektieren

Eckhard Frick

In der psychoanalytischen Praxis ist der Analytiker für Zustandekommen und Aufrechterhalten des Settings zuständig; gleichzeitig moduliert er es so, dass sich die Übertragung entfalten kann: »in the process of discovery with a patient, he must find through his sensitivity the means of modulation required by that individual within the framework of his technique. In a word, he must preside over the setting in a way which permits the evolution of the patient’s transference« (Meltzer, 1967/2012, S. viii). Die Modulierung des Settings zu einem »teleanalytischen« wirft die Frage auf, was der therapeutischen Übertragung dient und was ihr möglicherweise sogar schadet. Die grundsätzliche »teleanalytische« Infragestellung des psychoanalytischen Settings (siehe den Beitrag von Roesler in diesem Band) soll an dieser Stelle unter Versorgungsgesichtspunkten reflektiert werden.

Die Lockerung des Fernbehandlungsverbots durch den deutschen Ärztetag (2018) macht in Deutschland berufsrechtlich möglich, was auf dem amerikanischen Kontinent und in der grenzüberschreitenden internationalen Psychoanalyse längst gang und gäbe ist: Der psychotherapeutische Dialog kann durch internet- und mobilebasierte Interventionen (IMI, Baumeister et al., 2017) ergänzt werden, z. B. durch die Algorithmen virtueller Hausaufgaben, etwa indem depressive Beziehungsmuster durchgearbeitet und das in der psychoanalytischen Live-Situation Erreichte gefestigt wird. Traumtexte und diesbezügliche Assoziationen können zwischen den Stunden in elektronischen Briefkästen deponiert, durch automatisierte Aufbereitung mit früheren Träumen oder Traumserien verglichen und inhaltsanalytisch voruntersucht werden.

Aber mehr noch: Kann die klassische »talking cure«, die zwischen Analysand und Analytiker und in dessen Praxis stattfindet, durch Telefonat, Internettelefonie, Videokonferenz, E-Mail-Austausch ersetzt werden? Inzwischen sind sehr viele psychotherapeutische Online- und Mobile-Module möglich, manche davon realisiert und weitere aus Gründen vermuteter Kostenersparnis von den Krankenkassen erwünscht. Die Fragen stehen spätestens auf der Tagesordnung der Psychoanalyse, seit die Internationale Psychoanalytische Vereinigung im November 2017 der Online-Durchführung von Lehranalysen und Supervisionen unter bestimmten Bedingungen zugestimmt hat. Die psychoanalytische Dimension von IMI soll im Folgenden reflektiert werden.

Abbildung 1: Systematik internet- und mobilebasierter Interventionen (modifiziert nach Baumeister et al., 2017)

In Anlehnung an Abbildung 1 (Baumeister et al., 2017) ist es hilfreich, in der Diskussion zwischen den folgenden Aspekten zu unterscheiden:

–jeweils realisierte technische Umsetzungen in Soft- und Hardware, deren sich sowohl Analytiker als auch Analysanden je nach Verfügbarkeit und »Technikfreudigkeit« faktisch bedienen;

–menschlicher Support/Beziehungsgestaltung (wird der Patient vollständig oder zeitweise mit der Technik alleingelassen, wie ist ggf. der Therapeut innerhalb des technischen Settings präsent oder greifbar?);

–Theoriebasierung (bisher stark durch behaviouristisches und techniknahes wissenschaftliches Denken bestimmt, viel weniger durch psychoanalytische Reflexion);

–Anwendungsgebiete/Settings (Sind die IMI ganz oder teilweise virtuell, individualisiert? Ersetzen sie als »Stand-Alone« konventionelle Offline-Therapien oder mischen sie sich als »Blended Care« mit diesen? Kommen IMI in der Warte-/Vorbereitungszeit auf eine konventionelle Psychotherapie oder konsekutiv zum Zuge, z. B. in der Nachsorge?).

IMI als Parameter: Unter »Parameter« versteht Eissler (1953/1990) eine Abweichung von der psychoanalytischen Standardtechnik, die unter der Bedingung und so lange zulässig ist, als die Standardtechnik nicht ausreicht und schließlich wieder in die Standardtechnik überführt werden muss. Gegenüber der psychoanalytischen Offline-Norm wären Online-Formate und andere IMI nur insofern akzeptabel, als sie diese Bedingung erfüllen – die Frage ist, ob und wann sie tatsächlich zum Gelingen der Behandlung beitragen oder diese nicht vielmehr dadurch erschweren, »dass sich die Übertragung auf den Analytiker mit der Übertragung auf das Internet als Globalobjekt vermischt, d. h. eines Objektes, das für ›alles‹ und damit zugleich auch für ›nichts‹ steht« (Hardt, 2018, S. 669).

Häufig wird die Diskussion über das Wünschbare und Erlaubte nach dem Pro-und-Kontra-Schema geführt, was die Protagonisten streitbarer machen und den Diskurs spannender gestalten, jedoch in eine Problemfalle führen kann, Letzteres etwa so: Entweder die Psychoanalyse zeigt sich zukunftsoffen, innovationsfreudig und trendy oder sie hält orthodox, klassisch und solide am Bewährten fest. Die Auseinandersetzung bewegt sich in der Regel noch innerhalb des gerade vom Ärztetag relativierten Dogmas »offline first«, d. h. des primären direkten (Face-to-Face-)Arzt-Patient-Kontakts, der sich diagnostisch und therapeutisch auf alle Sinne des Arztes stützt (Hahn, 2018), also nicht nur auf Hören und Sehen, sondern auch auf Tasten, Riechen und Schmecken.

Die Kombattanten (Hautzinger u. Fuhr, 2018; Noack u. Weidner, 2018) diskutieren die Online-Ergänzung der konventionellen Offline-Psychotherapie. Dennoch steht der vom Ärztetag im Rahmen der therapeutischen Verantwortung eröffnete Ersatz der gewohnten psychotherapeutischen Arbeitsweise durch ausschließliche Online-Behandlung zur Debatte und wird auf Länderebene (z. B. Baden-Württemberg) bereits erprobt. Für die psychoanalytisch begründeten Behandlungsverfahren heißt dies: Einzelne Elemente der Therapie, z. B. die Fokusformulierung als Zentrales Konfliktbeziehungsthema (Beutel et al., 2018), können als IMI-Module operationalisiert und in den Online-Bereich outgesourct werden. Das noch unvollständig ausgefüllte Gerüst eines psychoanalytischen Modul-Puzzles dient schon jetzt als Dummy einer künftigen ausschließlichen, die klassische Offline-Analyse ersetzenden Tele-Analyse.

Die Bedeutung des Rahmens (Neumann, 2013): Im klassischen Offline-Setting garantiert der die Sitzung »präsidierende« (Meltzer, 1967/2012, S. viii) Analytiker den Rahmen in den Dimensionen Raum und Zeit, und er passt ihn so an, dass sich die Übertragung des Analysanden entfalten kann. Jedenfalls ist dies im Idealfall so; der Rahmen kann vor allem zu Beginn einer Behandlung unsicher sein. Die behandelnde Person ist für die Sicherung des Rahmens verantwortlich, sollte diesen selbst nicht gefährden. Wenn die behandelte Person den Rahmen zu wenig wahrnimmt und respektiert, sollte der Behandelnde nicht mitagieren. Weil in Online-Formaten die räumliche Grenze durch technische Hilfsmittel überschritten wird, ist die Sicherung des Rahmens ungleich schwieriger. Modifikationen, z. B. die Überleitung einer klassischen Offline- in eine Tele-Analyse, müssen innerhalb des analytischen Paares ausgehandelt, verstanden und reflektiert werden, auch hinsichtlich möglicherweise neu auftretender Störungen (Aryan, 2013).

Durch IMI-Modifikationen des analytischen Settings wird die analytische Dyade um ein virtuelles Drittes (»e-third«) erweitert, das durchaus ambivalente Eigenschaften hat. Durch die ständige Verfügbarkeit mobiler Endgeräte (auch wenn diese sich gerade im Standby-Modus befinden und nur ein gelegentliches Vibrieren wahrgenommen wird oder keine Interaktion stattfindet), entsteht eine »Ko-Präsenz«: Es gehört zum modernen Multitasking, gleichzeitig mit lebendigen Menschen physisch zusammen und virtuell für andere Personen verfügbar zu sein, die vielleicht kurz »weggedrückt« oder mit einer Textnachricht um Geduld gebeten werden. Für viele Patienten ist es entlastend, ihr »e-third« zu Beginn der Analysestunde auszuschalten (Stadter, 2013). Andere, für die eine permanente stille Ko-Präsenz des e-third mehr oder minder süchtigen Charakter trägt, fiebern dem Ende der Stunde entgegen, um wieder E-Mails zu checken, Textbotschaften oder Tweets verschicken zu können.

Die fehlende Affektabwehr und insbesondere die fehlende Scham wird als Online-Enthemmungseffekt bezeichnet, der bei Internet-Usern beobachtet werden kann (Suler, 2004):

–Unsichtbarkeit (»You can’t see me«) bei gleichzeitiger aktiver Kontrolle durch Tastatur und Maus.

–Asynchronizität (»See you later«): Zum Beispiel ist es möglich, nach beleidigenden bzw. emotionalisierten Postings offline zu gehen, um sich der Reaktion des Gegenübers zu entziehen.

–Solipsistic Introjection (»It’s all in my head«): In Situationen, in denen das Gegenüber nicht online ist, werden dessen Mitteilungen als innere Stimmen gehört bzw. vokalisiert. Die Kommunikation bleibt auf der Ebene der Repräsentanzen, ohne Echtzeit-Kommunikation.

–Dissoziative Imagination (»It’s just a game«): Es ist jederzeit möglich, durch Ein- und Ausloggen das Spiel zu beginnen oder wieder zu verlassen, möglicherweise als Avatar anderer Identität. Der Surfer ist Herr des Spiels, kann z. B. im Cybersex seine Objekte »nach Lust und Laune« designen, den eigenen Orgasmus, das virtuelle Objekt kontrollieren.

–Minimierung von Status und Authority (»Your rules don’t apply here«): Über-Ich-Anforderungen und deren äußere Repräsentanten werden dadurch relativiert, dass weder aggressive Attacken noch distanzlose Kontaktaufnahme sanktioniert werden.

Auch in der psychotherapeutischen Telekommunikation können derartige Merkmale der Online-Kommunikation zum Tragen kommen, so etwa die beschriebene (kontraphobische) Enthemmung, die häufig als therapeutischer Vorteil der anonymisierten IMI gesehen wird.

Dem ist entgegenzuhalten: Durch ausagierte Schamlosigkeit werden weder Scham noch Schamangst bearbeitet. Ein ähnliches kontraphobisches Ausagieren findet sich bezüglich der Abschieds- und Trauerthematik: Wenn durch Umzug, Ende der Kostenübernahme, Veränderung der Berufssituation Trennungen und Trennungsängste entstehen, kann deren Bearbeitung vermieden werden, wenn durch virtuelle »Problemlösungen« Distanzen in Raum und Zeit überbrückbar erscheinen. Ein vor allem zu Beginn analytischer Behandlungen nicht seltener anti-regressiver Widerstand kann überspielt werden, indem der Analysand per Tastatur und Maus die Kontrolle über seine Äußerungen in der Hand behält.

Über der Diskussion von Wirksamkeit (Backenstrass u. Wolf, 2017; Moessner u. Bauer, 2017; Beutel et al., 2018), ethisch-juridischen Fragen wie die Speicherung intimer Patientenkommunikationen auf Servern von Telefonie-Anbietern (Hahn, 2018; Jörg, 2018; Kadish et al., 2018), ökonomischen und Versorgungsgesichtspunkten (Ex u. Amelung, 2018) gerät die therapeutische Beziehung (Klasen et al., 2013; Berger, 2018; Cipolletta et al., 2018; Hardt, 2018; Schuster et al., 2018) häufig in den wenig beachteten Hintergrund. Krisen der therapeutischen Beziehung können durch das »Funktionieren« des Online-Kontakts überdeckt werden.

Die therapeutische Beziehung entsteht nicht durch das Vorhandensein menschlicher Körper oder deren virtuelle, auditive und/oder visuelle Abbildung. Vielmehr besagt Merleau-Pontys Konzept der Zwischenleiblichkeit, dass interpersonale Resonanzphänomene und die Fähigkeit zu mentalisieren in der geteilten Gegenwart eines erlebten Raumes entstehen (Frick, 2015; Hardt, 2018). Interessanterweise bestand die klassische Psychoanalyse auf einer Einschränkung und Regulierung dieses geteilten Raumes: Unsichtbarkeit des Analytikers im Couch-Setting, weitgehende Beschränkung auf den auditiven Kanal.

Fazit

Die Digitalisierung als sozio-ökonomischer Megatrend macht nicht Halt vor der Psychoanalyse, die in Deutschland Teil des medizinalisierten Gesundheitssystems ist. Psychoanalyse sollte nicht als Bollwerk gegen Therapiemoden, Tele-Analyse nicht einseitig als Fanal einer sich selbst abschaffenden Psychoanalyse gesehen werden. Vielmehr ist ihr kritisches Potenzial gefragt, angesichts der Virtualisierung zwischenmenschlicher Beziehungen und Gefühle als einer Gestalt des technischen Unbewussten. Unter Versorgungsgesichtspunkten können Online-Methoden zwar der Information und der Anbahnung einer Behandlung dienen, nicht jedoch den Face-to-Face-Kontakt ersetzen. Die Gefahr einer zunehmenden Fragmentierung der Beziehung zwischen Arzt bzw. Psychotherapeut und Patient unter den Bedingungen fortschreitender Ökonomisierung muss kritisch beobachtet und reflektiert werden (Ritter-Rupp u. Kreiser, 2018).

Literatur

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Ärztetag (2018). Änderung des § 7 Abs. 4 MBO-Ä (Fernbehandlung): Beschlussprotokoll des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt (www.aerzteblatt.de/2018top4).

Backenstrass, M., Wolf, M. (2017). Internetbasierte Therapie in der Versorgung von Patienten mit depressiven Störungen: Ein Überblick. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 66, 48–60.

Baumeister, H., Lin, J., Ebert, D. (2017). Internet- und mobilebasierte Ansätze. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 60 (4), 436–444.

Berger, T. (2018). Die therapeutische Beziehung in internetbasierten Behandlungsansätzen. In H. Bents, A. Kämmerer (Hrsg.), Psychotherapie und Würde: Herausforderung in der psychotherapeutischen Praxis (S. 105–117). Berlin/Heidelberg: Springer.

Beutel, M., Böhme, K., Banerjee, M., Zwerenz, R. (2018). Psychodynamic online treatment following Supportive Expressive Therapy (SET): Therapeutic rationale, interventions and treatment process. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 64 (2), 186–197.

Cipolletta, S., Frassoni, E., Faccio, E. (2018). Construing a therapeutic relationship online: An analysis of videoconference sessions. Clinical Psychologist, 22 (2), 220–229.

Eissler, K. (1953/1990). The effect of the structure of the ego on psychoanalytic technique. In R. Langs (Hrsg.), Classics in psychoanalytic technique. Northvale: Jason Aronson.

Ex, P., Amelung, V. (2018). Auf und Ab: Der politische Wille zur Stärkung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. G&S Gesundheits- und Sozialpolitik, 72 (2), 26–30.

Frick, E. (2015). Psychosomatische Anthropologie. Ein Lern- und Arbeitsbuch für Unterricht und Studium (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

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Hautzinger, M., Fuhr, K. (2018). Kann die Online-Therapie die Psychotherapie sinnvoll ergänzen? Pro. Der Nervenarzt, 89 (1), 94–95.