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Seit einigen Jahren ist in Medizin, Soziologie und Psychologie eine Problematisierung und Pathologisierung des Mannes und der Männlichkeit zu beobachten. Identität, Rolle und Gesundheitsverhalten stehen auf dem Prüfstand. In diesem Werk wird die psychische und psychosoziale Befindlichkeit von Männern in der Gegenwart untersucht. Dabei werden soziologische, entwicklungspsychologische, medizinische, psychiatrische und psychotherapeutische Perspektiven miteinander verbunden. Unter welchen psychischen Erkrankungen Männer besonders leiden und wie sich diese psychotherapeutisch behandeln lassen, stellen renommierte Autorinnen und Autoren vor.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Psychotherapie in Psychiatrie und Psychosomatik
Herausgegeben von
Gerhard Dammann
Isa Sammet
Bernhard Grimmer
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1. Auflage 2016
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-028489-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-028490-6
epub: ISBN 978-3-17-028491-3
mobi: ISBN 978-3-17-028492-0
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Der psychotherapeutische Ansatz gewinnt gegenwärtig in der Psychiatrie und Psychosomatik neben dem dominierenden neurobiologischen und psychopharmakologischen Modell (»Biologische Psychiatrie«) wieder zunehmend an Bedeutung. Trotz dieser Renaissance gibt es noch vergleichsweise wenig aktuelle Literatur, die psychiatrische und psychosomatische Störungsbilder unter vorwiegend psychotherapeutischem Fokus beleuchtet.
Die Bände dieser neuen Reihe sollen dabei aktuelle Entwicklungen dokumentieren:
• die starke Beachtung der Evidenzbasierung in der Psychotherapie
• die Entwicklung integrativer Therapieansätze, die Aspekte von kognitiv-behavioralen und von psychodynamischen Verfahren umfassen
• neue theoretische Paradigmata (etwa die Epigenetik oder die Bindungstheorie und die Theorie komplexer Systeme in der Psychotherapie)
• aktuelle Möglichkeiten, mit biologischen Verfahren psychotherapeutische Veränderungen messbar zu machen
• die Entwicklung einer stärker individuellen, subgruppen- und altersorientierten Perspektive (»personalisierte Psychiatrie«)
• neu entstehende Brücken zwischen den bisher stärker getrennten Fachdisziplinen »Psychiatrie und Psychotherapie« sowie »Psychosomatische Medizin« und »Klinische Psychologie«
• eine Wiederentdeckung wichtiger psychoanalytischer Perspektiven (Beziehung, Übertragung, Beachtung der konflikthaften Biografie etc.) auch in anderen Psychotherapie-Schulen.
Die Bücher sind eng verbunden mit einer Tagungsreihe, die wir in Münsterlingen am Bodensee durchführen. Die 1839 gegründete Psychiatrische Klinik Münsterlingen, die heute akademisches Lehrkrankenhaus ist, hat, in der schweizerischen psychiatrischen Tradition stehend, eine starke psychotherapeutische Ausrichtung und in den letzten Jahren auch eine störungsspezifische Akzentuierung erfahren. Hier entwickelten und entdeckten der Psychoanalytiker Hermann Rorschach um 1913 den Formdeutversuch und der phänomenologische Psychiater Roland Kuhn im Jahr 1956 das erste Antidepressivum Imipramin.
Die Bände der Reihe »Psychotherapie in Psychiatrie und Psychosomatik« sollen jedoch mehr als reine Tagungsbände sein. Aktuelle Felder aus dem Gebiet der gesamten Psychiatrie und Psychosomatik sollen praxisnah dargestellt werden. Es wird keine theoretische Vollständigkeit wie bei Lehrbüchern angestrebt, der Schwerpunkt liegt weniger auf Ätiologie oder Diagnostik als klar auf den psychotherapeutischen Zugängen in schulenübergreifender und störungsspezifischer Sicht.
Gerhard Dammann, Bernhard Grimmer und Isa Sammet
Im soziologischen und psychologischen Diskurs der vergangenen Jahre entsteht der Anschein, dass dem Mann und der Männlichkeit in deren spezifischer Entwicklung, Identität, Funktion, Psychodynamik und Rolle zunehmend etwas Pathologisches zugeschrieben wird: Sind nicht die Männer verantwortlich für Krieg, Machtexzesse und sexualisierte Gewalt in unserer Welt? Immer mehr Störungsbilder werden mit dem männlichen Geschlecht in Verbindung gebracht: ADHS, Autismus-Spektrums-Störungen, narzisstische und antisoziale Persönlichkeitsstörungen, frühe und schwere Verläufe der Schizophrenie. In der politischen Soziologie spricht man von den »radikalen Verlierern«: Schon die Jungen gelten zunehmend als unflexibler und schwieriger als Mädchen.
Dabei ist weitgehend unklar, ob es sich in diesen Bereichen um höhere psychologische Vulnerabilitäten handelt und welche Faktoren dafür verantwortlich sein könnten oder ob, zumindest partiell, männliche Eigenschaften an sich zunehmend pathologisiert werden.
Aber was ist das spezifisch Männliche, das Väterliche – wie ist sein Blick auf die Welt? Aus welchen Gründen kommen sie oder kommen sie gerade nicht in psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlungen und welche Herausforderungen ergeben sich dabei für Therapeutinnen und Therapeuten? Sich diesen Fragen in der nachpatriarchalischen Gesellschaft zu nähern ist nicht ohne Tücken, setzt man sich doch allzu leicht dem Verdacht aus, alten Klischees, Geschlechterrollenstereotypien und Determinismen nachzuhängen.
Wir sind überzeugt, dass echte Emanzipation in Gesellschaft und Therapie des kritischen Diskurses und der Betrachtung aller Geschlechter bedarf. Dabei entsteht der Eindruck, dass der Mann hinsichtlich einer konstruktiven Betrachtungsweise seiner Besonderheiten und Bedürfnisse in Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie traditionell etwas im Abseits steht. Entgegen diverser elaborierter Betrachtungsweisen zu frauenspezifischen Störungen und Bedürfnissen ist der Mann, vom Jungen bis zum Greis, zumindest in genderspezifischer Betrachtungsweise noch weitgehend terra incognita. Erst in den letzten Jahren beginnt hier eine vertiefte Auseinandersetzung, die sich auch an aktuell verschiedenen Tagungen zum Thema oder einer Häufung populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur ablesen lässt.
Freuds berühmte Frage: »Was will das Weib?«, müsste heute fast paraphrasiert werden: »Was ist mit dem Mann?«. In dem vorliegenden Band geben renommierte Autorinnen und Autoren verschiedene Antworten auf diese Frage aus soziologischer und zeitgeschichtlicher, medizinischer, psychiatrischer, psychoanalytischer, entwicklungspsychologischer und paartherapeutischer Sicht. Es geht um junge und alte Männer, um Väter und Söhne, um beheimatete und emigrierte Männer, um Männer in Beziehung zu Frauen, um ihre Beziehung zum eigenen Körper, zu den unbelebten Dingen und um ihre Sexualität. Es geht um »typisch« männliche psychische wie somatische Leidensformen und um Männer in der Psychotherapie.
Bernhard GrimmerTill AfflerbachGerhard Dammann
Münsterlingen, im Oktober 2015
Die Reihe »Psychotherapie in Psychiatrie und Psychosomatik«
Vorwort
1 Zwischen Erwerbsarbeit und Familie – Zum Wandel männlicher Lebenslagen
Michael Meuser
2 Betrachtungen zur Männergesundheit
Theodor Klotz
3 Männliche Jugendliche – Körper, Identität und Beziehungen
Inge Seiffge-Krenke
4 Ältere Männer und Psychotherapie – Von der Geschichte eines Ressentiments
Meinold Peters
5 Macht und Ohnmacht – Migranten mit somatoformen Schmerzstörungen
Thomas Maier
6 Impulsivität bei Jugendlichen
Dieter Bürgin
7 Fluchtdrang – Externalisierung, Internet und Männlichkeit
Till Afflerbach
8 Männliche Perversionen
Sophinette Becker
9 Der Mann in der psychodynamischen Psychotherapie – Geschlechtsspezifische Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse
Bernhard Grimmer
10 Funktionen des Vaters und mögliche Folgen ihrer Zerstörung
Gerhard Dammann
11 »Typisch Mann!« – Nur ein Klischee oder steckt mehr dahinter?
Astrid Riehl-Emde
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Stichwortverzeichnis
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist die gesellschaftliche Situation von Männern, sind männliche Lebenslagen vermehrt in den Blick der medialen Öffentlichkeit geraten. Der Grundtenor der Berichterstattung ist von einem Krisennarrativ bestimmt. Wenn vom »Ende der Männer« – und dem »Aufstieg der Frauen« (Rosin 2013) – oder von der »Not am Mann« (Die Zeit, Nr.2/2014) die Rede ist, scheint der Niedergang des männlichen Geschlechts nicht mehr fern zu sein. Die Männer scheinen sich auf der Seite der Verlierer gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen zu befinden –Verlierer im Geschlechterkonflikt, wenn nicht Modernisierungsverlierer schlechthin. Solche Dramatisierungen mögen einer medialen Aufmerksamkeitsökonomie geschuldet sein. Unabhängig von den Aufgeregtheiten, die mit dem Krisendiskurs erzeugt werden, ist allerdings festzuhalten, dass tradierte männliche Lebenslagen im Zuge des Wandels von Geschlechter-, Familien- und Erwerbsverhältnissen in vielfacher Weise herausgefordert sind. Männer sind gefordert, sich neu zu positionieren.
Lothar Böhnisch (2003, S. 25) identifiziert mit Blick auf die gesellschaftliche Position des Mannes »zwei Argumentationsfiguren zur Krise des Mannseins«; die eine bezieht sich auf den »gesellschaftlichen Aufstieg der Frau«, die andere auf die Verstrickung des Mannseins »in die Logik der Ökonomie«. Angesichts der »Berufsbezogenheit des Mannes« sei dessen Krise »auch immer mit der Krise der Berufs- und Arbeitsgesellschaft verbunden« (ebd., S. 198). Die mit den beiden Argumentationsfiguren angesprochenen Verhältnisse sind eng aufeinander bezogen und schließen ein drittes ein: das der Familie. Veränderungen in einem Bereich tangieren die anderen. Der seit den 1960er Jahren sich vollziehende Bildungsaufstieg der Frauen verändert deren Position auf dem Arbeitsmarkt, sie werden zu potenziellen Konkurrentinnen der Männer. Die gestiegene und weiterhin steigende Erwerbsquote der Frauen macht das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie der Tendenz nach zu einer beide, Mann und Frau, betreffenden Frage, lässt mithin die Position des Mannes in der Familie nicht unberührt. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft geht mit einem Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrieproduktion, in der männliche Arbeitskräfte in der Überzahl sind, und einem Zuwachs von Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich einher, in dem weibliche Arbeitskräfte überwiegen.
Diese Entwicklungen implizieren nicht zwangsläufig, dass tradierte Hierarchien im Geschlechterverhältnis in ihr Gegenteil verkehrt werden, wie es von Teilen des Krisendiskurses vermittelt wird. Sie haben aber zur Folge, »dass sich die männliche Herrschaft nicht mehr mit der Evidenz des Selbstverständlichen durchsetzt« (Bourdieu 1997, S. 226). Sie muss in wachsendem Maße begründet und legitimiert werden. Hohe Führungspositionen in der Wirtschaft z. B. sind nach wie vor nahezu ausschließlich mit Männern besetzt. Wie die andauernde Debatte über Quotenregelungen zeigt, wird dies aber nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Die Quotendiskussion ist ein typisches Beispiel für die Herausforderung einer tradierten Männlichkeitsposition.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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