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Beschreibung

Psychopathologie – ein weites Feld: Mit diesem Lehr- und Handbuch arbeiten Sie sich systematisch in die moderne Psychopathologie ein, verstehen Zusammenhänge und lernen psychopathologische Gespräche und Untersuchungen erfolgreich durchzuführen.

Von A wie Affektivität bis Z wie Zwang: Das einzigartige ABC-System führt Sie schnell zur gewünschten Information und liefert eine verständliche und einprägsame Übersicht über Symptome und psychische Bereiche.

Konkret, ohne sich im Detail zu verlieren: Mit einer sorgsam gewählten Inhaltstiefe und über 230 Fallbeispielen unterstützt Sie dieser Titel beim Lernen, gezielten Nachschlagen und in der Untersuchungssituation.

Jederzeit zugreifen: Der Inhalt des Buches steht Ihnen ohne weitere Kosten digital in der Wissensplattform eRef zur Verfügung (Zugangscode im Buch). Mit der kostenlosen eRef App haben Sie zahlreiche Inhalte auch offline immer griffbereit.

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Psychopathologie

Das ABC des psychopathologischen Gesprächs

David Oberreiter

2 Abbildungen

Vorwort

Das psychopathologische Gespräch ist ein Prozess, in dessen Verlauf die Funktionsweisen unterschiedlicher psychischer Instanzen erfahrbar und beobachtbar werden. Dadurch können psychische Ressourcen oder Defizite identifiziert werden. Die Beschreibung auffälliger Phänomene ermöglicht psychiatrische Diagnostik.

Psychopathologisches Wissen birgt die Gefahr, andere Menschen zu bewerten und dabei vielleicht sogar abzuwerten. Dies ist nicht die Absicht dieses Buches. Vielmehr soll es Wahrnehmungen schärfen und so empathische Begegnungen ermöglichen. Ein grundsätzliches Verständnis psychopathologischer Begriffe kann als Entwicklung eigener kommunikativer Fähigkeiten aufgefasst werden. Es erweitert die eigene Wahrnehmung und die Ausdrucksmöglichkeiten.

Ganz selbstverständlich nehmen Menschen die Äußerungen des psychischen Innenlebens von Mitmenschen wahr, mit denen sie in Kontakt treten, und passen ihre Kommunikation daran an. Zeigt eine Person beispielsweise Zeichen der Trauer, wird das Gespräch anders verlaufen als gegenüber einer Person, die fröhlich ist. Je feiner die Wahrnehmung jener Äußerungen des psychischen Innenlebens ist, umso differenzierter ist es möglich, empathisch auf Mitmenschen einzugehen. Durch das vermehrte Beachten nicht nur des Inhalts der Kommunikation, sondern mancher kleiner Unterschiede formaler Phänomene gelingt es, auch diese Bereiche des Mitmenschen zu erfassen und in den Verstehensprozess einfließen zu lassen. Psychopathologisches Wissen fördert das empathische Verstehen anderer Personen.

Das Erkennen von Phänomenen erfordert ein grundsätzliches unterscheidendes Wissen über die unterschiedlichen Ausprägungsformen. Beim Blick in den Himmel wird jemand ohne näheres Wissen Wolken sehen. Hat man sich aber mit den verschiedenen Wolkenformationen auch nur oberflächlich beschäftigt, nimmt man deren Unterschiedlichkeit wahr, kann sie vielleicht benennen und hat eine Vorstellung davon, in welchem Zusammenhang sie zur Wetterlage stehen. Ähnliches gilt für psychische Phänomene. Hat man einen Namen für sie, so gelingt es, sie zu differenzieren und bekommt vielleicht eine Vorstellung davon, wie sie sich in das Gesamtbild der Psyche fügen.

In diesem Buch wird versucht, die dargebotene Information auf das notwendige und didaktisch verträgliche Maß zu beschränken. Durch die Einteilung der beschriebenen psychischen Bereiche in eine alphabetische Abfolge soll das Memorieren der Kategorien erleichtert werden. Beispiele können die beschriebenen Symptome viel anschaulicher verdeutlichen als ausführliche Beschreibungen. Es ist jedoch zu beachten, dass sich die Symptome auch geringfügig anders als die vorgestellten Beispiele äußern können. Die wichtigsten Gesprächsstrategien werden dargestellt, um das psychopathologische Gespräch zu erleichtern und das Bewusstsein zu schärfen, dass Psychopathologie vor allem einen gemeinsamen Prozess auf Augenhöhe darstellt, eine gemeinsame Suche, psychische Aspekte zu verstehen.

Linz, im Frühjahr 2023David Oberreiter

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Vorwort

1 Psychopathologisches Gespräch

1.1 Begleiteter selbstreflexiver Prozess

1.2 Eine Begegnung auf Augenhöhe

1.3 Begleitung des Prozesses

1.4 Leitung des Prozesses

1.5 Psychopathologische Expertise

1.6 Wenig förderliche helfende Person

1.7 Förderliche prozessbegleitende Person

1.8 Auswirkungen auf die prozessbegleitende Person

1.9 Reflexion der prozessbegleitenden Person

1.10 Reflexion der Rahmenbedingungen

2 Prinzipien der psychopathologischen Gesprächsführung

2.1 Normalität in der Gesprächsführung

2.2 Fehlerfreundlichkeit

2.3 Einstellung auf die andere Person

2.4 Wertschätzend alles ansprechen

2.5 Emotionale Ebene ansprechen

2.6 Vergleich

2.7 Paraposition

2.8 Interessierter Fokus

2.9 Richtige Distanz

2.10 Normalität des Symptoms

2.11 Unverrückbare Akzeptanz

2.12 Blick auf Positives

2.13 Strukturelle Empathie

2.14 Positive Wertung des Gesprächs

3 Beziehungen der psychischen Bereiche

4 Beschreibbare psychische Kategorien

5 A - Affektivität

5.1 Phänomene der Gefühlswahrnehmung

5.1.1 Alexithymie

5.1.2 Gefühl der Gefühllosigkeit

5.1.3 Affektive Ambivalenz

5.2 Stimmung

5.2.1 Stimmungslabilität

5.3 Affekt

5.3.1 Parathymie

5.3.2 Eingeschränkte Affektmodulation

5.3.3 Gesteigerte Affektmodulation

5.4 Affizierbarkeit

5.4.1 Affizierbarkeit im positiven Bereich

5.4.2 Affizierbarkeit im negativen Bereich

5.5 Affektive Störungen

5.5.1 Depressive Episode

5.5.2 Manische Episode

5.5.3 Hypomanie

5.5.4 Bipolare affektive Störung

6 B - Bewusstsein

6.1 Basalbewusstsein

6.1.1 Störungen des Basalbewusstseins

6.2 Komplexes Bewusstsein

6.2.1 Störungen des komplexen Bewusstseins

7 C - Catatonia

7.1 Symptome mit verminderter psychomotorischer Aktivität

7.1.1 Starren

7.1.2 Ambitendenz

7.1.3 Negativismus

7.1.4 Stupor

7.1.5 Mutismus

7.2 Symptome mit gesteigerter psychomotorischer Aktivität

7.2.1 Hyperaktivität

7.2.2 Impulsivität

7.2.3 Kampfbereitschaft

7.3 Veränderte psychomotorische Aktivität

7.3.1 Grimassieren

7.3.2 Manierismen

7.3.3 Haltungsstereotypie

7.3.4 Bewegungsstereotypie

7.3.5 Rigor

7.3.6 Echolalie

7.3.7 Echopraxie

7.3.8 Verbigeration

7.3.9 Flexibilitas cerea

7.3.10 Katalepsie

8 D - Dissoziation

8.1 Dissoziative Phänomene

8.1.1 Dissoziative Amnesie

8.1.2 Dissoziative Fugue

8.1.3 Partielle dissoziative Identitätsstörung

8.1.4 Strukturelle Dissoziation

8.1.5 Dissoziativer Stupor

8.1.6 Trance

8.1.7 Dissoziative Sensibilitätsstörung

8.1.8 Dissoziative sensorische Störung

8.1.9 Dissoziative Bewegungsstörung

8.1.10 Dissoziativer Krampfanfall

8.1.11 Histrionische Zustände

9 E - Ich-Bewusstsein

9.1 Ich-Grenzen-Störungen

9.1.1 Ich-Grenzen-Störungen der Gedanken

9.1.2 Ich-Grenzen-Störungen der Gefühle

9.1.3 Ich-Grenzen-Störungen des Wollens und des Tuns

9.1.4 Ich-Grenzen-Störungen des Körpers

9.1.5 Sekundärer Erklärungswahn

9.2 Derealisation

9.2.1 Derealisation der Umwelt

9.2.2 Veränderung des Zeiterlebens

9.3 Depersonalisation

9.3.1 Autodysmorphopsie

9.3.2 Automakropsie

9.3.3 Automikropsie

10 F - Formales Denken

10.1 Subjektive Störungen des formalen Denkablaufs

10.1.1 Denkhemmung

10.1.2 Beschleunigung des Denkens

10.1.3 Gedankendrang

10.1.4 Gedankenvermengung

10.1.5 Grübeln

10.1.6 Gedankenabreißen

10.1.7 Gedankenentgleiten

10.2 Beobachtbare Störungen des formalen Denkablaufs

10.2.1 Denkverlangsamung

10.2.2 Antwortlatenz

10.2.3 Ideenflucht

10.2.4 Tachyphasie

10.2.5 Logorrhö

10.2.6 Einengung des Denkens

10.2.7 Perseveration

10.2.8 Verbigeration

10.2.9 Umständlichkeit

10.2.10 Verbale Manierismen

10.2.11 Vorbeireden

10.2.12 Sperrung

10.2.13 Inkohärenz

10.2.14 Gedankensprung

10.2.15 Entgleisung

10.2.16 Faseln

10.2.17 Zerfahrenheit

10.2.18 Paralogie

10.2.19 Paragrammatismus

10.2.20 Neologismus

10.2.21 Verdichtung

10.2.22 Kontamination

10.2.23 Kryptolalie

11 G - Gedächtnis

11.1 Amnesie

11.1.1 Retrograde Amnesie

11.1.2 Anterograde Amnesie

11.2 Paramnesie

11.2.1 Déjà-vu

11.2.2 Jamais-vu

11.2.3 Ekmnesien

11.2.4 Flashbacks

11.2.5 False-Memory-Syndrom

11.2.6 Pseudoerinnerungen

12 H - Halluzination

12.1 Akustische Halluzination

12.1.1 Akoasma

12.1.2 Kommentierende Stimmen

12.1.3 Dialogische Stimmen

12.1.4 Imperative Stimmen

12.1.5 Stimmen aus Körperteilen

12.2 Optische Halluzination

12.2.1 Photom

12.2.2 Charles-Bonnet-Syndrom

12.2.3 Anton-Syndrom

12.3 Zönästhetische Halluzination

12.4 Olfaktorische Halluzination

12.5 Gustatorische Halluzination

12.6 Taktile Halluzination

12.7 Haptische Halluzination

12.8 Deafferenzierungs-Halluzinose

12.9 Pseudohalluzination

13 I - Inhaltliches Denken und Wahn

13.1 Inhaltliches Denken

13.1.1 Extensionalität

13.1.2 Intensionalität

13.2 Inhaltliche Denkstörung: Wahn

13.2.1 Grundlagen

13.2.2 Wahnformen

14 J - Jede Erfahrung

14.1 Idiosynkrasie

14.2 Idiosynkratische Sprache

14.3 Besessenheitszustände

15 K - Konzentration und Aufmerksamkeit

15.1 Konzentration

15.2 Aufmerksamkeit

15.2.1 Aufmerksamkeitsfokus

15.2.2 Diskriminierung von Inhalten

15.2.3 Betonung bestimmter Inhalte

15.2.4 Aktive Aufmerksamkeit

15.2.5 Passive Aufmerksamkeit

15.2.6 Einengung der Aufmerksamkeit

15.3 Tenazität

15.3.1 Hypertenazität

15.3.2 Hypotenazität

15.3.3 Aprosexie

16 L - (Er)Leben der Beziehungskonstellation

16.1 Faktoren der Beziehungskonstellation

16.2 Beziehungsangebote der hilfesuchenden Person

16.3 Beziehungskonstellation erleben

16.4 Reflexion des eigenen Kommunikationsmusters

16.5 Wahrnehmung subtiler Resonanzen

16.6 Probleme in Empathie und Wertschätzung

16.7 Reflexionsfähigkeit der prozessbegleitenden Person

17 M - Psychomotorik

17.1 Quantitative Veränderungen

17.1.1 Hypokinese

17.1.2 Akinese

17.1.3 Hypomimie

17.1.4 Amimie

17.1.5 Hyperkinese

17.1.6 Raptus

17.2 Qualitative Veränderungen

17.2.1 Paramimie

17.2.2 Stereotypie

17.2.3 Katalepsie

17.2.4 Bizarres Verhalten

17.2.5 Manierismus

18 N - Narrative

18.1 Narrative als reaktive Phänomene

18.1.1 Sekundärer Erklärungswahn

18.2 Narrative als Lebenskonzepte

18.2.1 Lebenskonzept

18.2.2 Lebensthemen

18.3 Selbstreflexive Narrative

18.3.1 Selbstkonzept

18.3.2 Selbststruktur

18.3.3 Selbstideal

19 O - Orientierung

19.1 Örtliche Orientierung

19.2 Zeitliche Orientierung

19.3 Orientierung zur eigenen Person

19.4 Situative Orientierung

20 P - Phobie und Angst

20.1 Angst

20.1.1 Angstphobie

20.1.2 Vermeidungsverhalten

20.1.3 Generalisierte Angst

20.1.4 Panikattacke

20.2 Phobie

20.2.1 Phobophobie

20.2.2 Vermeidungsverhalten

20.2.3 Unterschiedliche Phobien

21 Q - Intelligenz

22 R - Ressourcen

22.1 Persönliche Ressourcen

22.1.1 Psychische Ressourcen

22.1.2 Körperliche Ressourcen

22.1.3 Soziale Fertigkeiten

22.2 Ressourcen des sozialen Umfelds

22.2.1 Familie

22.2.2 Bezugspersonen

22.2.3 Arbeitsumfeld

22.2.4 Finanzielle Möglichkeiten

22.2.5 Wohnung, Mobilität

22.3 Professionelle Ressourcen

23 S - Suizidalität

23.1 Zeitliche Verortung im Gespräch

23.2 Präsuizidales Syndrom

23.2.1 Einengung

23.2.2 Aggression

23.2.3 Flucht in die Irrealität

23.3 Verschweigen der Suizidalität

23.4 Einschätzen der Suizidgefahr

24 T - Temporaler Bezug

24.1 Auftreten eines Symptoms mit Situationsbezug

24.2 Auftreten eines Symptoms ohne Situationsbezug

24.3 Erstmaliges Auftreten eines Symptoms

24.3.1 Situationsbedingtes erstmaliges Auftreten

24.3.2 Erstmaliges Auftreten ohne erkennbaren Situationsbezug

24.4 Häufigkeit des Auftretens eines Symptoms

24.5 Letztmaliges Auftreten eines Symptoms

24.5.1 Situationsbedingtes letztmaliges Auftreten

24.5.2 Letztmaliges Auftreten ohne erkennbaren Situationsbezug

24.6 Rhythmische Schwankungen

24.6.1 Zirkadiane Schwankungen

24.6.2 Auftreten zu bestimmten Jahreszeiten

24.6.3 Hormonabhängige Schwankungen

24.7 Dauer der Symptomatik

24.8 Zeitlicher Bezug des Gesprächskontakts

25 U - Unruhe, Antrieb

25.1 Phänomene veränderter Antriebslage

25.1.1 Antriebssteigerung

25.1.2 Antriebsarmut

25.1.3 Antriebshemmung

25.1.4 Athymhormie

25.1.5 Mutismus

25.2 Stupor

26 V - Volition

26.1 Phänomene der Volition

26.1.1 Hyperbulie

26.1.2 Hypobulie

26.1.3 Entscheidungsschwäche

26.1.4 Ambitendenz

26.1.5 Abulie

26.1.6 Parabulie

26.1.7 Flexibilitas cerea

26.1.8 Echopraxie

26.1.9 Echolalie

26.1.10 Befehlsautomatie

26.1.11 Negativismus

27 W - Wahrnehmung und Auffassung

27.1 Wahrnehmung

27.1.1 Illusion

27.1.2 Zönästhesie

27.2 Auffassung

27.2.1 Abstraktionsfähigkeit

27.2.2 Negation

27.2.3 Taxonomie

27.2.4 Superierung

27.2.5 Phänomene der Auffassung

27.2.6 Kontext von Auffassungsstörungen

28 X - Extrathemen

29 Y - Schlaf, Libido und körperliche Symptome

29.1 Schlaf

29.1.1 Dyssomnie

29.1.2 Hyposomnie

29.1.3 Insomnie

29.1.4 Einschlafstörung

29.1.5 Durchschlafstörung

29.1.6 Vorzeitiges Erwachen

29.1.7 Hypersomnie

29.1.8 Schlaf-Wach-Umkehr

29.1.9 Parasomnie

29.2 Libido und Sexualität

29.2.1 Libidoverringerung

29.2.2 Hypersexualität

29.2.3 Erektile Dysfunktionen

29.2.4 Ejaculatio praecox

29.2.5 Paraphilie

29.2.6 Zoophilie

29.2.7 Nekrophilie

29.2.8 Pädophilie

29.3 Appetit

29.3.1 Appetitverminderung

29.3.2 Appetitverlust

29.3.3 Appetitsteigerung

29.4 Gewicht

29.4.1 Anorexia nervosa

29.4.2 Binge-Eating-Episode

29.4.3 Bulimia nervosa

29.4.4 Binge-Eating-Störung

29.5 Verdauung

29.5.1 Obstipation

29.5.2 Diarrhö

29.6 Herz-Kreislauf-System

29.6.1 Hypertonie

29.6.2 Hypotonie

29.6.3 Tachykardie

29.6.4 Bradykardie

30 Z - Zwang

30.1 Zwangsphänomene

30.1.1 Zwangsgedanken

30.1.2 Waschzwang

30.1.3 Arithmomanie

30.1.4 Berührungszwang

30.1.5 Koprolalie

30.1.6 Ordnungszwang

30.1.7 Kontrollzwang

31 Literatur

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum/Access Code

1 Psychopathologisches Gespräch

1.1 Begleiteter selbstreflexiver Prozess

Die innere Welt einer Person ist ihr selbst am besten bekannt (vgl. ▶ [75], S. 483). Nur sie selbst empfindet sich auf ihre individuelle Weise, nur ihr sind die Beweggründe des eigenen Tuns zugänglich. Der Betrachtung durch andere Personen sind nur jene wenigen psychischen Aspekte zugänglich, die sich von selbst präsentieren oder an denen die Person andere teilhaben lassen möchte. Durch die Wahrnehmungs- und Auffassungsprozesse der beobachtenden Person werden die Inhalte wiederum gefiltert oder transformiert. So bleibt jede Betrachtung von außen immer bruchstückhaft und muss immer als Interpretation erkannt werden.

Manchmal – besonders in Zeiten psychischer Belastung – ist es förderlich, die eigenen psychischen Anteile und deren Auswirkungen für helfende Personen möglichst transparent darzustellen, um entweder gemeinsam bestimmte psychische Aspekte zu reflektieren oder Unterstützung zu erhalten.

Im Erkennen der eigenen Anteile oder der eigenen Reaktionen können verbesserte Möglichkeiten wahrgenommen werden, den Erfordernissen der Welt selbstbestimmt und verantwortungsbewusst zu begegnen. Vielleicht liegt der zu findende Weg aus der psychischen Belastung in eigenen Handlungsmöglichkeiten; vielleicht im Erkennen psychotherapeutische oder soziale Hilfe zu benötigen; oder vielleicht in der Erkenntnis, dass psychopharmakologische Unterstützung hilfreich sein kann.

Das psychopathologische Gespräch kann als Interaktion zwischen einer hilfesuchenden Person und einer prozessbegleitenden Person gesehen werden. Die prozessbegleitende Person stellt ihre Expertise sowohl im Ablauf des Prozesses als auch im Erkennen und Benennen psychischer Phänomene zur Verfügung.

1.2 Eine Begegnung auf Augenhöhe

Spätestens seit der Entwicklung humanistischer Zugänge zum Menschen sollte ein hierarchisch einseitig wissender Zugang zur hilfesuchenden Person obsolet sein (vgl. ▶ [13], ▶ [15], ▶ [76], ▶ [88]). In humanistischer Sichtweise begegnen sich gleichwertige Personen, ohne dass eine Person die Deutungshoheit über psychische Vorgänge der anderen besitzt.

Das psychopathologische Gespräch ist keine einseitige Tätigkeit, sondern ein gemeinsames Vortasten, wobei der Expertise des Wissens über ihre eigenen psychischen Zustände der zu untersuchenden Person mindestens ebenso viel Beachtung zukommt wie dem fachlichen Wissen der untersuchenden (prozessbegleitenden) Person. Im besten Fall gelingt es, die Untersuchungssituation in einer Stimmung gemeinsamen Interesses an den psychischen Abläufen der hilfesuchenden Person zu gestalten – als eine Suche, in der die Beteiligten sich gemeinsam bemühen etwas besser zu verstehen.

1.3 Begleitung des Prozesses

Über manche Strecken wird es ausreichen, den Prozess ohne aktiv lenkende Interventionen zu begleiten. Schon die aufmerksame und wertschätzende Anwesenheit der prozessbegleitenden Person alleine ermöglicht es meist der zu untersuchenden Person, sich darauf zu konzentrieren, ihre Probleme und ihr Leiden zu formulieren. Der Wunsch, sich einer anderen (fremden) Person in verständlicher Weise mitzuteilen, motiviert dazu, die vielleicht zuvor nicht versprachlichten Empfindungen in Worte zu fassen. Dies fördert nicht nur das Verständnis durch andere, sondern stellt gleichzeitig einen selbstreflexiven Prozess dar.

Durch die Beantwortung der Fragen der prozessbegleitenden Person, die um Verständnis ringt, werden vielleicht neue Sichtweisen auf die Problematik offenbar. Manche möglicherweise bedeutsame Aspekte, die in eigenen Gedanken schnell übergangen werden, können im Gespräch die Bedeutung finden, die sie verdienen.

1.4 Leitung des Prozesses

Die gemeinsame Suche bedarf manchmal einer Lenkung, um sicherzustellen, dass im Gespräch alle untersuchbaren Aspekte der psychischen Äußerungen Beachtung finden. Verständlicherweise besteht bei hilfesuchenden Personen oft die Tendenz, vermehrt oder ausschließlich die offensichtlich belastenden Faktoren zu thematisieren. Dabei könnten andere, weniger auffällige psychopathologische Besonderheiten übersehen werden. Aufgabe der prozessbegleitenden Person ist es, den Gesprächsverlauf so zu lenken, dass alle beobachtbaren psychischen Qualitäten wenigstens kurz im Aufmerksamkeitsfokus stehen dürfen.

Die prozessbegleitende Person wird mit der suchenden Person auch über jene psychischen Bereiche sprechen, die für die hilfesuchende Person bisher nicht im Fokus ihrer Beachtung gelegen sind – für das Verstehen des Gesamtbildes jedoch von Bedeutung sein können. Die Begleitung im Suchprozess einer Person beschreibt Carl Rogers: „Dabei bleibe ich gelegentlich einen Schritt zurück, und gelegentlich gehe ich einen Schritt voran, wenn ich den Weg deutlicher sehe, auf dem wir uns befinden.“ (1991, S. 254) ▶ [78]

1.5 Psychopathologische Expertise

Die mit der Psychopathologie vertraute, prozessbegleitende Person ist befähigt, psychische Erscheinungen zu benennen und zu differenzieren. Dadurch können Phänomene hervorgehoben werden, die vielleicht zuvor nur undeutlich erahnbar waren. Manche Phänomene sind erst durch explizite Benennung für die Beteiligten beobachtbar und besprechbar. Es entsteht vermehrte Klarheit und Übersichtlichkeit der zuvor vielleicht verwirrenden psychischen Wahrnehmungen.

Die von der prozessbegleitenden Person eingebrachte Expertise in der feinen Unterscheidung der einzelnen Phänomene ermöglicht es der hilfesuchenden Person, sich selbst besser und differenzierter zu verstehen. Die (ausgebildete) prozessbegleitende Person ist befähigt, die Diagnose zu schärfen. Eine präzise Diagnose kommt der hilfesuchenden Person zugute, da sich nur aus einer korrekten Diagnose zielführende Therapievorschläge bilden können.

1.6 Wenig förderliche helfende Person

Meist wird es nicht als förderlich wahrgenommen, wenn eine Person, an die man sich hilfesuchend wendet, vorschnell ein Urteil fällt oder einen Ratschlag gibt. Oft entsteht dann das Gefühl, nicht wirklich wahrgenommen worden zu sein – mit all der einzigartigen persönlichen Individualität und mit der individuellen Besonderheit der aktuellen Belastung.

Schnell wertende Personen werden vielleicht für weise und wissend gehalten – der Effekt der genial wirkenden Urteile verblasst aber oft ohne eine nachhaltige Auswirkung. Zu bedenken ist auch, dass schnell gefasste Beurteilungen vor allem auf den Konzepten der bewertenden Person beruhen. Solche Äußerungen sagen oft mehr über jene Person aus, die das Urteil äußert als über jene, die beurteilt wird.

1.7 Förderliche prozessbegleitende Person

Nachhaltiger hilfreich wird ein Gegenüber wahrgenommen, das die hilfesuchende Person in deren Prozess, sich selbst besser zu verstehen, unterstützt anstatt eigene oder erlernte Erklärungsmodelle anzubieten. Beobachtungen, die nicht nur von außen beurteilt werden, sondern die auch die zu untersuchende Person erkennt, können von ihr später besser nachempfunden und für die eigene psychische Gesundheit genutzt werden.

Beispiel

„Ich wache in letzter Zeit oft in der Nacht auf und komme ins Grübeln. Ich weiß, dass sich so meine depressiven Episoden anbahnen. Ich muss mich jetzt um die mir bekannte Unterstützung kümmern, damit die Krankheit nicht wieder ausbricht.“ (Hier konnte die Person im Gespräch ihre individuellen Frühsymptome erkennen und nützt das Wissen, um eine Verschlechterung der Krankheit zu vermeiden.)

1.8 Auswirkungen auf die prozessbegleitende Person

Nicht nur die als zu untersuchend definierte Person kann vom Untersuchungsprozess profitieren. Auch die prozessbegleitende Person kann am Gespräch wachsen. Weil sich der Erfahrungshorizont und die Weltsicht durch das Kennenlernen der zu untersuchenden Person erweitert haben oder weil sie durch die Wahrnehmung der anderen Person sich selbst besser verstehen lernt.

Sich im Kontakt mit einer anderen Person selbst zu entwickeln, setzt voraus, mit jener Offenheit das Gespräch zu führen, sich selbst und die eigenen Annahmen und Sichtweisen in Frage zu stellen und in Bezug zu dem neu Erfahrenen neu zu bewerten. Man könnte sich fragen: „Wie hätte ich in dieser oder jener Situation reagiert?“ oder man gleicht die erhobenen Befunde mit dem eigenen Erleben oder Empfinden ab. Für die Einschätzung mancher psychischer Funktionsbereiche ist der Abgleich mit der eigenen Einschätzung ein wesentlicher Anhaltspunkt (z.B.: Ist dieser oder jener Affekt in der jeweils geschilderten Situation adäquat?).

Doch die Einschätzung ist nicht nur simple Bewertung, sondern kann auch ein Hinterfragen eigener Sicht- und Handlungsweisen sein. Vielleicht lernt man im Gespräch neue Möglichkeiten kennen, die man in sein eigenes Denken oder Verhalten integriert. Dies alles sind keine Besonderheiten eines psychopathologischen Gesprächs, sondern treffen auf alle menschlichen Kontakte zu, die man mit Reflektiertheit und Offenheit aufnimmt.

1.9 Reflexion der prozessbegleitenden Person

Schon vor der unmittelbaren Untersuchungssituation ist es förderlich, die Einstellung der prozessbegleitenden Person zur Tätigkeit des Untersuchens zu reflektieren. Nützt sie die Bewertungssituation, um sich selbst aufzuwerten und um sich selbst in einer Position zu erleben, in der sie andere bewerten kann? Oder dient das Erfassen des Gegenübers einem ehrlichen Interesse am Mitmenschen?

Vorab bestehende Meinungen über die zu untersuchende Person sollten reflektiert werden. Ob Sympathie oder Antipathie vorliegt, kann das Ergebnis der Untersuchung ebenso beeinflussen wie die Erwartungshaltung für ein bestimmtes Ergebnis. Oft wird nur jenes wahrgenommen, was auch erwartet wird, oder es entstehen Interpretationen mit Tendenzen in die erwartete Richtung. Erkennt man, dass die Untersuchung nur dazu dient, ein bestimmtes, schon im Vorhinein festgelegtes Ergebnis zu bestätigen, wäre zu überlegen, die Untersuchung einer unvoreingenommenen Person zu überlassen, der es gelingt, sich ein freies Bild zu verschaffen.

1.10 Reflexion der Rahmenbedingungen

Es empfiehlt sich, auch die Rahmenbedingungen zu reflektieren, unter denen die Begegnung stattfindet. Die Rahmenbedingungen können die zu untersuchende Person beeinflussen. Eine Umgebung ohne Störung durch Dritte ist anzustreben. Klinische Räume oder alleine schon die Tatsache in der Klinik zu sein, kann für manche Personen einschüchternd wirken.

Die psychopathologische Gesprächssituation ist eine Begegnung von Personen, die möglicherweise unterschiedliche Absichten verfolgen. Ist die Untersuchungssituation von außen vorgegeben (von Krankenkassen, Pensionsversicherungen, Strafverfolgung etc.), wird das einen Einfluss auf die zu untersuchende Person haben. Vielleicht wird sie das Ergebnis der Untersuchung in ihrem Sinn beeinflussen wollen, indem sie bestimmte Symptome überzeichnet. Hier gilt es, die Beweggründe zu verstehen und die Bedeutung, die ein bestimmtes Untersuchungsergebnis für das Individuum darstellt, zu erfassen. So gelingt es, die Versuche einer Beeinflussung nicht als böswillige Absicht zu verstehen, sondern als verständliche und gesunde, kreative Anpassungsreaktion an die soziale Umwelt, von der sich die Person möglicherweise bedroht fühlt.

2 Prinzipien der psychopathologischen Gesprächsführung

Es ist das Ziel des psychopathologischen Gesprächs, den Mitmenschen möglichst umfassend in seinem Wesen zu erfassen. Dies gelingt in einer wertschätzenden, angstfreien Atmosphäre am besten. Im Folgenden werden Prinzipien dargestellt, die sich im psychopathologischen Gespräch bewähren.

2.1 Normalität in der Gesprächsführung

Die Reihenfolge der in Kapitel 4 beschriebenen ▶ psychopathologischen Kategorien ist willkürlich und soll nicht die Abfolge des Gesprächsverlaufes skizzieren. Anzustreben sind nicht ein Abfragen und Abhaken von zu erfragenden Punkten, sondern ein möglichst natürliches Gespräch. Auf diese Weise kann es den am Gespräch teilnehmenden Personen gelingen, sich so zu verhalten, wie sie sich in jedem anderen Gespräch auch präsentieren würden. Die Gesprächssituation ist so für die zu untersuchende Person eine mit anderen Gegebenheiten vergleichbare und gewohnte Situation, wodurch mögliche Ängste reduziert werden.

Otto Dornblüth formulierte bereits 1894: „Man muß versuchen, seine überlegten und planmäßig die verschiedenen Seelengebiete streifenden Fragen in das Gewand einer leichten Unterhaltung zu bringen, die durch Teilnahme und Interesse geleitet erscheinen …“ (S. 43–44) ▶ [20]. Wobei es aus heutiger, humanistischer Perspektive als zielführender erachtet wird, wenn das Gespräch nicht nur durch Teilnahme und Interesse geleitet erscheint, sondern die Begegnung auch wirklich von Interesse am Mitmenschen getragen ist.

Das aufrechte Interesse an der Person und an ihren psychischen Vorgängen wird in der Beziehungsdynamik als tragendes Motiv erkannt. Im besten Fall wird das Gespräch von allen Beteiligten wahrgenommen als gemeinsames Bemühen, die Psyche der zu untersuchenden Person besser zu verstehen.

2.2 Fehlerfreundlichkeit

Das psychopathologische Gespräch sollte nicht als eine Bewertungssituation verstanden werden, in der durch die prozessbegleitende Person eine letztgültige Deutung der psychischen Vorgänge im Gegenüber entsteht. Nein! Die prozessbegleitende Person ist zunächst ebenso unwissend, was die Vorgänge und Zusammenhänge der fremden psychischen Äußerungen betrifft. Das Gespräch ist gemeinsame Suche, gemeinsames Ringen um Verstehen. So wie die prozessbegleitende Person anfangs unwissend über die psychische Struktur des Gegenübers ist, kann sie auch nicht den perfekten Weg zur Erfassung aller psychischen Qualitäten kennen. Es können durchaus auch kurzfristig nicht zielführende, falsch erscheinende Wege eingeschlagen werden. Aber auch dies kann letztlich das Verstehen fördern – in der Abgrenzung und Klärung, dass es eben nicht so ist wie vermutet.

Beispiel

„Sie glauben also, dass Ihre Gedanken beeinflusst werden können.“

„Nein! Sie haben mich nicht verstanden. Ich glaube es nicht. Ich spüre es! Ich fühle, wie diese Maschine in meinen Kopf greift.“ (Die prozessbegleitende Person war scheinbar vom Vorliegen eines ▶ Wahns ausgegangen, einer außergewöhnlichen Überzeugung mit unvergleichlicher subjektiver Gewissheit. Durch diese Präzisierung wird deutlich, dass eine ▶ Ich-Grenzen-Störung vorliegt, die durch das Gefühl des Erleidens von Beeinflussung gekennzeichnet ist. Das Falschverstehen hat durch die dadurch notwendige Klarstellung geholfen, die Symptomatik besser zu klären.)

Die Sorge vor womöglich falschen oder inadäquaten Interventionen darf in den Hintergrund treten. Die Abfolge und die Methodik der Fragestellungen können auf sehr unterschiedliche Weise zum Ziel führen. Karl Jaspers meint dazu: „In der Psychopathologie gibt es eine Reihe von Betrachtungsweisen, eine Reihe von Wegen nebeneinander, die in sich berechtigt sind, sich ergänzen, aber sich gegenseitig nicht stören“ (Jaspers, 1913, S. VII ▶ [35]). Bedeutsamer als gleich die perfekt passenden Worte zu finden ist das echte und für die andere Person erkennbare Interesse in einer wertschätzenden Form, die hilfesuchende Person wirklich verstehen zu wollen.

2.3 Einstellung auf die andere Person

Ganz selbstverständlich wird man sich auf das Gegenüber in Ausdruck und Sprache anpassen. Durch entsprechende Lautstärke wird man sich bei Höreinschränkungen Gehör verschaffen, die Wortwahl wird dem Bildungsstand der Gesprächsteilnehmenden entsprechen usw.

Auch in der Art, wie die Beziehungsgestaltung erfolgt, ist es sinnvoll, Rücksicht auf die Erfordernisse der anderen Person zu nehmen. Beispielsweise können manchmal in der Art, wie Beziehungen aufgebaut werden, Drucksituationen entstehen.

Beispiel

„Ich war schon bei Vielen. Niemand konnte mir helfen. Sie sind meine letzte Hoffnung! Sie können mir doch helfen, oder?!“