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Psychopathologie – ein weites Feld: Mit diesem Lehr- und Handbuch arbeiten Sie sich systematisch in die moderne Psychopathologie ein, verstehen Zusammenhänge und lernen psychopathologische Gespräche und Untersuchungen erfolgreich durchzuführen.
Von A wie Affektivität bis Z wie Zwang: Das einzigartige ABC-System führt Sie schnell zur gewünschten Information und liefert eine verständliche und einprägsame Übersicht über Symptome und psychische Bereiche.
Konkret, ohne sich im Detail zu verlieren: Mit einer sorgsam gewählten Inhaltstiefe und über 230 Fallbeispielen unterstützt Sie dieser Titel beim Lernen, gezielten Nachschlagen und in der Untersuchungssituation.
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2023
David Oberreiter
2 Abbildungen
Das psychopathologische Gespräch ist ein Prozess, in dessen Verlauf die Funktionsweisen unterschiedlicher psychischer Instanzen erfahrbar und beobachtbar werden. Dadurch können psychische Ressourcen oder Defizite identifiziert werden. Die Beschreibung auffälliger Phänomene ermöglicht psychiatrische Diagnostik.
Psychopathologisches Wissen birgt die Gefahr, andere Menschen zu bewerten und dabei vielleicht sogar abzuwerten. Dies ist nicht die Absicht dieses Buches. Vielmehr soll es Wahrnehmungen schärfen und so empathische Begegnungen ermöglichen. Ein grundsätzliches Verständnis psychopathologischer Begriffe kann als Entwicklung eigener kommunikativer Fähigkeiten aufgefasst werden. Es erweitert die eigene Wahrnehmung und die Ausdrucksmöglichkeiten.
Ganz selbstverständlich nehmen Menschen die Äußerungen des psychischen Innenlebens von Mitmenschen wahr, mit denen sie in Kontakt treten, und passen ihre Kommunikation daran an. Zeigt eine Person beispielsweise Zeichen der Trauer, wird das Gespräch anders verlaufen als gegenüber einer Person, die fröhlich ist. Je feiner die Wahrnehmung jener Äußerungen des psychischen Innenlebens ist, umso differenzierter ist es möglich, empathisch auf Mitmenschen einzugehen. Durch das vermehrte Beachten nicht nur des Inhalts der Kommunikation, sondern mancher kleiner Unterschiede formaler Phänomene gelingt es, auch diese Bereiche des Mitmenschen zu erfassen und in den Verstehensprozess einfließen zu lassen. Psychopathologisches Wissen fördert das empathische Verstehen anderer Personen.
Das Erkennen von Phänomenen erfordert ein grundsätzliches unterscheidendes Wissen über die unterschiedlichen Ausprägungsformen. Beim Blick in den Himmel wird jemand ohne näheres Wissen Wolken sehen. Hat man sich aber mit den verschiedenen Wolkenformationen auch nur oberflächlich beschäftigt, nimmt man deren Unterschiedlichkeit wahr, kann sie vielleicht benennen und hat eine Vorstellung davon, in welchem Zusammenhang sie zur Wetterlage stehen. Ähnliches gilt für psychische Phänomene. Hat man einen Namen für sie, so gelingt es, sie zu differenzieren und bekommt vielleicht eine Vorstellung davon, wie sie sich in das Gesamtbild der Psyche fügen.
In diesem Buch wird versucht, die dargebotene Information auf das notwendige und didaktisch verträgliche Maß zu beschränken. Durch die Einteilung der beschriebenen psychischen Bereiche in eine alphabetische Abfolge soll das Memorieren der Kategorien erleichtert werden. Beispiele können die beschriebenen Symptome viel anschaulicher verdeutlichen als ausführliche Beschreibungen. Es ist jedoch zu beachten, dass sich die Symptome auch geringfügig anders als die vorgestellten Beispiele äußern können. Die wichtigsten Gesprächsstrategien werden dargestellt, um das psychopathologische Gespräch zu erleichtern und das Bewusstsein zu schärfen, dass Psychopathologie vor allem einen gemeinsamen Prozess auf Augenhöhe darstellt, eine gemeinsame Suche, psychische Aspekte zu verstehen.
Linz, im Frühjahr 2023David Oberreiter
Titelei
Vorwort
1 Psychopathologisches Gespräch
1.1 Begleiteter selbstreflexiver Prozess
1.2 Eine Begegnung auf Augenhöhe
1.3 Begleitung des Prozesses
1.4 Leitung des Prozesses
1.5 Psychopathologische Expertise
1.6 Wenig förderliche helfende Person
1.7 Förderliche prozessbegleitende Person
1.8 Auswirkungen auf die prozessbegleitende Person
1.9 Reflexion der prozessbegleitenden Person
1.10 Reflexion der Rahmenbedingungen
2 Prinzipien der psychopathologischen Gesprächsführung
2.1 Normalität in der Gesprächsführung
2.2 Fehlerfreundlichkeit
2.3 Einstellung auf die andere Person
2.4 Wertschätzend alles ansprechen
2.5 Emotionale Ebene ansprechen
2.6 Vergleich
2.7 Paraposition
2.8 Interessierter Fokus
2.9 Richtige Distanz
2.10 Normalität des Symptoms
2.11 Unverrückbare Akzeptanz
2.12 Blick auf Positives
2.13 Strukturelle Empathie
2.14 Positive Wertung des Gesprächs
3 Beziehungen der psychischen Bereiche
4 Beschreibbare psychische Kategorien
5 A - Affektivität
5.1 Phänomene der Gefühlswahrnehmung
5.1.1 Alexithymie
5.1.2 Gefühl der Gefühllosigkeit
5.1.3 Affektive Ambivalenz
5.2 Stimmung
5.2.1 Stimmungslabilität
5.3 Affekt
5.3.1 Parathymie
5.3.2 Eingeschränkte Affektmodulation
5.3.3 Gesteigerte Affektmodulation
5.4 Affizierbarkeit
5.4.1 Affizierbarkeit im positiven Bereich
5.4.2 Affizierbarkeit im negativen Bereich
5.5 Affektive Störungen
5.5.1 Depressive Episode
5.5.2 Manische Episode
5.5.3 Hypomanie
5.5.4 Bipolare affektive Störung
6 B - Bewusstsein
6.1 Basalbewusstsein
6.1.1 Störungen des Basalbewusstseins
6.2 Komplexes Bewusstsein
6.2.1 Störungen des komplexen Bewusstseins
7 C - Catatonia
7.1 Symptome mit verminderter psychomotorischer Aktivität
7.1.1 Starren
7.1.2 Ambitendenz
7.1.3 Negativismus
7.1.4 Stupor
7.1.5 Mutismus
7.2 Symptome mit gesteigerter psychomotorischer Aktivität
7.2.1 Hyperaktivität
7.2.2 Impulsivität
7.2.3 Kampfbereitschaft
7.3 Veränderte psychomotorische Aktivität
7.3.1 Grimassieren
7.3.2 Manierismen
7.3.3 Haltungsstereotypie
7.3.4 Bewegungsstereotypie
7.3.5 Rigor
7.3.6 Echolalie
7.3.7 Echopraxie
7.3.8 Verbigeration
7.3.9 Flexibilitas cerea
7.3.10 Katalepsie
8 D - Dissoziation
8.1 Dissoziative Phänomene
8.1.1 Dissoziative Amnesie
8.1.2 Dissoziative Fugue
8.1.3 Partielle dissoziative Identitätsstörung
8.1.4 Strukturelle Dissoziation
8.1.5 Dissoziativer Stupor
8.1.6 Trance
8.1.7 Dissoziative Sensibilitätsstörung
8.1.8 Dissoziative sensorische Störung
8.1.9 Dissoziative Bewegungsstörung
8.1.10 Dissoziativer Krampfanfall
8.1.11 Histrionische Zustände
9 E - Ich-Bewusstsein
9.1 Ich-Grenzen-Störungen
9.1.1 Ich-Grenzen-Störungen der Gedanken
9.1.2 Ich-Grenzen-Störungen der Gefühle
9.1.3 Ich-Grenzen-Störungen des Wollens und des Tuns
9.1.4 Ich-Grenzen-Störungen des Körpers
9.1.5 Sekundärer Erklärungswahn
9.2 Derealisation
9.2.1 Derealisation der Umwelt
9.2.2 Veränderung des Zeiterlebens
9.3 Depersonalisation
9.3.1 Autodysmorphopsie
9.3.2 Automakropsie
9.3.3 Automikropsie
10 F - Formales Denken
10.1 Subjektive Störungen des formalen Denkablaufs
10.1.1 Denkhemmung
10.1.2 Beschleunigung des Denkens
10.1.3 Gedankendrang
10.1.4 Gedankenvermengung
10.1.5 Grübeln
10.1.6 Gedankenabreißen
10.1.7 Gedankenentgleiten
10.2 Beobachtbare Störungen des formalen Denkablaufs
10.2.1 Denkverlangsamung
10.2.2 Antwortlatenz
10.2.3 Ideenflucht
10.2.4 Tachyphasie
10.2.5 Logorrhö
10.2.6 Einengung des Denkens
10.2.7 Perseveration
10.2.8 Verbigeration
10.2.9 Umständlichkeit
10.2.10 Verbale Manierismen
10.2.11 Vorbeireden
10.2.12 Sperrung
10.2.13 Inkohärenz
10.2.14 Gedankensprung
10.2.15 Entgleisung
10.2.16 Faseln
10.2.17 Zerfahrenheit
10.2.18 Paralogie
10.2.19 Paragrammatismus
10.2.20 Neologismus
10.2.21 Verdichtung
10.2.22 Kontamination
10.2.23 Kryptolalie
11 G - Gedächtnis
11.1 Amnesie
11.1.1 Retrograde Amnesie
11.1.2 Anterograde Amnesie
11.2 Paramnesie
11.2.1 Déjà-vu
11.2.2 Jamais-vu
11.2.3 Ekmnesien
11.2.4 Flashbacks
11.2.5 False-Memory-Syndrom
11.2.6 Pseudoerinnerungen
12 H - Halluzination
12.1 Akustische Halluzination
12.1.1 Akoasma
12.1.2 Kommentierende Stimmen
12.1.3 Dialogische Stimmen
12.1.4 Imperative Stimmen
12.1.5 Stimmen aus Körperteilen
12.2 Optische Halluzination
12.2.1 Photom
12.2.2 Charles-Bonnet-Syndrom
12.2.3 Anton-Syndrom
12.3 Zönästhetische Halluzination
12.4 Olfaktorische Halluzination
12.5 Gustatorische Halluzination
12.6 Taktile Halluzination
12.7 Haptische Halluzination
12.8 Deafferenzierungs-Halluzinose
12.9 Pseudohalluzination
13 I - Inhaltliches Denken und Wahn
13.1 Inhaltliches Denken
13.1.1 Extensionalität
13.1.2 Intensionalität
13.2 Inhaltliche Denkstörung: Wahn
13.2.1 Grundlagen
13.2.2 Wahnformen
14 J - Jede Erfahrung
14.1 Idiosynkrasie
14.2 Idiosynkratische Sprache
14.3 Besessenheitszustände
15 K - Konzentration und Aufmerksamkeit
15.1 Konzentration
15.2 Aufmerksamkeit
15.2.1 Aufmerksamkeitsfokus
15.2.2 Diskriminierung von Inhalten
15.2.3 Betonung bestimmter Inhalte
15.2.4 Aktive Aufmerksamkeit
15.2.5 Passive Aufmerksamkeit
15.2.6 Einengung der Aufmerksamkeit
15.3 Tenazität
15.3.1 Hypertenazität
15.3.2 Hypotenazität
15.3.3 Aprosexie
16 L - (Er)Leben der Beziehungskonstellation
16.1 Faktoren der Beziehungskonstellation
16.2 Beziehungsangebote der hilfesuchenden Person
16.3 Beziehungskonstellation erleben
16.4 Reflexion des eigenen Kommunikationsmusters
16.5 Wahrnehmung subtiler Resonanzen
16.6 Probleme in Empathie und Wertschätzung
16.7 Reflexionsfähigkeit der prozessbegleitenden Person
17 M - Psychomotorik
17.1 Quantitative Veränderungen
17.1.1 Hypokinese
17.1.2 Akinese
17.1.3 Hypomimie
17.1.4 Amimie
17.1.5 Hyperkinese
17.1.6 Raptus
17.2 Qualitative Veränderungen
17.2.1 Paramimie
17.2.2 Stereotypie
17.2.3 Katalepsie
17.2.4 Bizarres Verhalten
17.2.5 Manierismus
18 N - Narrative
18.1 Narrative als reaktive Phänomene
18.1.1 Sekundärer Erklärungswahn
18.2 Narrative als Lebenskonzepte
18.2.1 Lebenskonzept
18.2.2 Lebensthemen
18.3 Selbstreflexive Narrative
18.3.1 Selbstkonzept
18.3.2 Selbststruktur
18.3.3 Selbstideal
19 O - Orientierung
19.1 Örtliche Orientierung
19.2 Zeitliche Orientierung
19.3 Orientierung zur eigenen Person
19.4 Situative Orientierung
20 P - Phobie und Angst
20.1 Angst
20.1.1 Angstphobie
20.1.2 Vermeidungsverhalten
20.1.3 Generalisierte Angst
20.1.4 Panikattacke
20.2 Phobie
20.2.1 Phobophobie
20.2.2 Vermeidungsverhalten
20.2.3 Unterschiedliche Phobien
21 Q - Intelligenz
22 R - Ressourcen
22.1 Persönliche Ressourcen
22.1.1 Psychische Ressourcen
22.1.2 Körperliche Ressourcen
22.1.3 Soziale Fertigkeiten
22.2 Ressourcen des sozialen Umfelds
22.2.1 Familie
22.2.2 Bezugspersonen
22.2.3 Arbeitsumfeld
22.2.4 Finanzielle Möglichkeiten
22.2.5 Wohnung, Mobilität
22.3 Professionelle Ressourcen
23 S - Suizidalität
23.1 Zeitliche Verortung im Gespräch
23.2 Präsuizidales Syndrom
23.2.1 Einengung
23.2.2 Aggression
23.2.3 Flucht in die Irrealität
23.3 Verschweigen der Suizidalität
23.4 Einschätzen der Suizidgefahr
24 T - Temporaler Bezug
24.1 Auftreten eines Symptoms mit Situationsbezug
24.2 Auftreten eines Symptoms ohne Situationsbezug
24.3 Erstmaliges Auftreten eines Symptoms
24.3.1 Situationsbedingtes erstmaliges Auftreten
24.3.2 Erstmaliges Auftreten ohne erkennbaren Situationsbezug
24.4 Häufigkeit des Auftretens eines Symptoms
24.5 Letztmaliges Auftreten eines Symptoms
24.5.1 Situationsbedingtes letztmaliges Auftreten
24.5.2 Letztmaliges Auftreten ohne erkennbaren Situationsbezug
24.6 Rhythmische Schwankungen
24.6.1 Zirkadiane Schwankungen
24.6.2 Auftreten zu bestimmten Jahreszeiten
24.6.3 Hormonabhängige Schwankungen
24.7 Dauer der Symptomatik
24.8 Zeitlicher Bezug des Gesprächskontakts
25 U - Unruhe, Antrieb
25.1 Phänomene veränderter Antriebslage
25.1.1 Antriebssteigerung
25.1.2 Antriebsarmut
25.1.3 Antriebshemmung
25.1.4 Athymhormie
25.1.5 Mutismus
25.2 Stupor
26 V - Volition
26.1 Phänomene der Volition
26.1.1 Hyperbulie
26.1.2 Hypobulie
26.1.3 Entscheidungsschwäche
26.1.4 Ambitendenz
26.1.5 Abulie
26.1.6 Parabulie
26.1.7 Flexibilitas cerea
26.1.8 Echopraxie
26.1.9 Echolalie
26.1.10 Befehlsautomatie
26.1.11 Negativismus
27 W - Wahrnehmung und Auffassung
27.1 Wahrnehmung
27.1.1 Illusion
27.1.2 Zönästhesie
27.2 Auffassung
27.2.1 Abstraktionsfähigkeit
27.2.2 Negation
27.2.3 Taxonomie
27.2.4 Superierung
27.2.5 Phänomene der Auffassung
27.2.6 Kontext von Auffassungsstörungen
28 X - Extrathemen
29 Y - Schlaf, Libido und körperliche Symptome
29.1 Schlaf
29.1.1 Dyssomnie
29.1.2 Hyposomnie
29.1.3 Insomnie
29.1.4 Einschlafstörung
29.1.5 Durchschlafstörung
29.1.6 Vorzeitiges Erwachen
29.1.7 Hypersomnie
29.1.8 Schlaf-Wach-Umkehr
29.1.9 Parasomnie
29.2 Libido und Sexualität
29.2.1 Libidoverringerung
29.2.2 Hypersexualität
29.2.3 Erektile Dysfunktionen
29.2.4 Ejaculatio praecox
29.2.5 Paraphilie
29.2.6 Zoophilie
29.2.7 Nekrophilie
29.2.8 Pädophilie
29.3 Appetit
29.3.1 Appetitverminderung
29.3.2 Appetitverlust
29.3.3 Appetitsteigerung
29.4 Gewicht
29.4.1 Anorexia nervosa
29.4.2 Binge-Eating-Episode
29.4.3 Bulimia nervosa
29.4.4 Binge-Eating-Störung
29.5 Verdauung
29.5.1 Obstipation
29.5.2 Diarrhö
29.6 Herz-Kreislauf-System
29.6.1 Hypertonie
29.6.2 Hypotonie
29.6.3 Tachykardie
29.6.4 Bradykardie
30 Z - Zwang
30.1 Zwangsphänomene
30.1.1 Zwangsgedanken
30.1.2 Waschzwang
30.1.3 Arithmomanie
30.1.4 Berührungszwang
30.1.5 Koprolalie
30.1.6 Ordnungszwang
30.1.7 Kontrollzwang
31 Literatur
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
Die innere Welt einer Person ist ihr selbst am besten bekannt (vgl. ▶ [75], S. 483). Nur sie selbst empfindet sich auf ihre individuelle Weise, nur ihr sind die Beweggründe des eigenen Tuns zugänglich. Der Betrachtung durch andere Personen sind nur jene wenigen psychischen Aspekte zugänglich, die sich von selbst präsentieren oder an denen die Person andere teilhaben lassen möchte. Durch die Wahrnehmungs- und Auffassungsprozesse der beobachtenden Person werden die Inhalte wiederum gefiltert oder transformiert. So bleibt jede Betrachtung von außen immer bruchstückhaft und muss immer als Interpretation erkannt werden.
Manchmal – besonders in Zeiten psychischer Belastung – ist es förderlich, die eigenen psychischen Anteile und deren Auswirkungen für helfende Personen möglichst transparent darzustellen, um entweder gemeinsam bestimmte psychische Aspekte zu reflektieren oder Unterstützung zu erhalten.
Im Erkennen der eigenen Anteile oder der eigenen Reaktionen können verbesserte Möglichkeiten wahrgenommen werden, den Erfordernissen der Welt selbstbestimmt und verantwortungsbewusst zu begegnen. Vielleicht liegt der zu findende Weg aus der psychischen Belastung in eigenen Handlungsmöglichkeiten; vielleicht im Erkennen psychotherapeutische oder soziale Hilfe zu benötigen; oder vielleicht in der Erkenntnis, dass psychopharmakologische Unterstützung hilfreich sein kann.
Das psychopathologische Gespräch kann als Interaktion zwischen einer hilfesuchenden Person und einer prozessbegleitenden Person gesehen werden. Die prozessbegleitende Person stellt ihre Expertise sowohl im Ablauf des Prozesses als auch im Erkennen und Benennen psychischer Phänomene zur Verfügung.
Spätestens seit der Entwicklung humanistischer Zugänge zum Menschen sollte ein hierarchisch einseitig wissender Zugang zur hilfesuchenden Person obsolet sein (vgl. ▶ [13], ▶ [15], ▶ [76], ▶ [88]). In humanistischer Sichtweise begegnen sich gleichwertige Personen, ohne dass eine Person die Deutungshoheit über psychische Vorgänge der anderen besitzt.
Das psychopathologische Gespräch ist keine einseitige Tätigkeit, sondern ein gemeinsames Vortasten, wobei der Expertise des Wissens über ihre eigenen psychischen Zustände der zu untersuchenden Person mindestens ebenso viel Beachtung zukommt wie dem fachlichen Wissen der untersuchenden (prozessbegleitenden) Person. Im besten Fall gelingt es, die Untersuchungssituation in einer Stimmung gemeinsamen Interesses an den psychischen Abläufen der hilfesuchenden Person zu gestalten – als eine Suche, in der die Beteiligten sich gemeinsam bemühen etwas besser zu verstehen.
Über manche Strecken wird es ausreichen, den Prozess ohne aktiv lenkende Interventionen zu begleiten. Schon die aufmerksame und wertschätzende Anwesenheit der prozessbegleitenden Person alleine ermöglicht es meist der zu untersuchenden Person, sich darauf zu konzentrieren, ihre Probleme und ihr Leiden zu formulieren. Der Wunsch, sich einer anderen (fremden) Person in verständlicher Weise mitzuteilen, motiviert dazu, die vielleicht zuvor nicht versprachlichten Empfindungen in Worte zu fassen. Dies fördert nicht nur das Verständnis durch andere, sondern stellt gleichzeitig einen selbstreflexiven Prozess dar.
Durch die Beantwortung der Fragen der prozessbegleitenden Person, die um Verständnis ringt, werden vielleicht neue Sichtweisen auf die Problematik offenbar. Manche möglicherweise bedeutsame Aspekte, die in eigenen Gedanken schnell übergangen werden, können im Gespräch die Bedeutung finden, die sie verdienen.
Die gemeinsame Suche bedarf manchmal einer Lenkung, um sicherzustellen, dass im Gespräch alle untersuchbaren Aspekte der psychischen Äußerungen Beachtung finden. Verständlicherweise besteht bei hilfesuchenden Personen oft die Tendenz, vermehrt oder ausschließlich die offensichtlich belastenden Faktoren zu thematisieren. Dabei könnten andere, weniger auffällige psychopathologische Besonderheiten übersehen werden. Aufgabe der prozessbegleitenden Person ist es, den Gesprächsverlauf so zu lenken, dass alle beobachtbaren psychischen Qualitäten wenigstens kurz im Aufmerksamkeitsfokus stehen dürfen.
Die prozessbegleitende Person wird mit der suchenden Person auch über jene psychischen Bereiche sprechen, die für die hilfesuchende Person bisher nicht im Fokus ihrer Beachtung gelegen sind – für das Verstehen des Gesamtbildes jedoch von Bedeutung sein können. Die Begleitung im Suchprozess einer Person beschreibt Carl Rogers: „Dabei bleibe ich gelegentlich einen Schritt zurück, und gelegentlich gehe ich einen Schritt voran, wenn ich den Weg deutlicher sehe, auf dem wir uns befinden.“ (1991, S. 254) ▶ [78]
Die mit der Psychopathologie vertraute, prozessbegleitende Person ist befähigt, psychische Erscheinungen zu benennen und zu differenzieren. Dadurch können Phänomene hervorgehoben werden, die vielleicht zuvor nur undeutlich erahnbar waren. Manche Phänomene sind erst durch explizite Benennung für die Beteiligten beobachtbar und besprechbar. Es entsteht vermehrte Klarheit und Übersichtlichkeit der zuvor vielleicht verwirrenden psychischen Wahrnehmungen.
Die von der prozessbegleitenden Person eingebrachte Expertise in der feinen Unterscheidung der einzelnen Phänomene ermöglicht es der hilfesuchenden Person, sich selbst besser und differenzierter zu verstehen. Die (ausgebildete) prozessbegleitende Person ist befähigt, die Diagnose zu schärfen. Eine präzise Diagnose kommt der hilfesuchenden Person zugute, da sich nur aus einer korrekten Diagnose zielführende Therapievorschläge bilden können.
Meist wird es nicht als förderlich wahrgenommen, wenn eine Person, an die man sich hilfesuchend wendet, vorschnell ein Urteil fällt oder einen Ratschlag gibt. Oft entsteht dann das Gefühl, nicht wirklich wahrgenommen worden zu sein – mit all der einzigartigen persönlichen Individualität und mit der individuellen Besonderheit der aktuellen Belastung.
Schnell wertende Personen werden vielleicht für weise und wissend gehalten – der Effekt der genial wirkenden Urteile verblasst aber oft ohne eine nachhaltige Auswirkung. Zu bedenken ist auch, dass schnell gefasste Beurteilungen vor allem auf den Konzepten der bewertenden Person beruhen. Solche Äußerungen sagen oft mehr über jene Person aus, die das Urteil äußert als über jene, die beurteilt wird.
Nachhaltiger hilfreich wird ein Gegenüber wahrgenommen, das die hilfesuchende Person in deren Prozess, sich selbst besser zu verstehen, unterstützt anstatt eigene oder erlernte Erklärungsmodelle anzubieten. Beobachtungen, die nicht nur von außen beurteilt werden, sondern die auch die zu untersuchende Person erkennt, können von ihr später besser nachempfunden und für die eigene psychische Gesundheit genutzt werden.
Beispiel
„Ich wache in letzter Zeit oft in der Nacht auf und komme ins Grübeln. Ich weiß, dass sich so meine depressiven Episoden anbahnen. Ich muss mich jetzt um die mir bekannte Unterstützung kümmern, damit die Krankheit nicht wieder ausbricht.“ (Hier konnte die Person im Gespräch ihre individuellen Frühsymptome erkennen und nützt das Wissen, um eine Verschlechterung der Krankheit zu vermeiden.)
Nicht nur die als zu untersuchend definierte Person kann vom Untersuchungsprozess profitieren. Auch die prozessbegleitende Person kann am Gespräch wachsen. Weil sich der Erfahrungshorizont und die Weltsicht durch das Kennenlernen der zu untersuchenden Person erweitert haben oder weil sie durch die Wahrnehmung der anderen Person sich selbst besser verstehen lernt.
Sich im Kontakt mit einer anderen Person selbst zu entwickeln, setzt voraus, mit jener Offenheit das Gespräch zu führen, sich selbst und die eigenen Annahmen und Sichtweisen in Frage zu stellen und in Bezug zu dem neu Erfahrenen neu zu bewerten. Man könnte sich fragen: „Wie hätte ich in dieser oder jener Situation reagiert?“ oder man gleicht die erhobenen Befunde mit dem eigenen Erleben oder Empfinden ab. Für die Einschätzung mancher psychischer Funktionsbereiche ist der Abgleich mit der eigenen Einschätzung ein wesentlicher Anhaltspunkt (z.B.: Ist dieser oder jener Affekt in der jeweils geschilderten Situation adäquat?).
Doch die Einschätzung ist nicht nur simple Bewertung, sondern kann auch ein Hinterfragen eigener Sicht- und Handlungsweisen sein. Vielleicht lernt man im Gespräch neue Möglichkeiten kennen, die man in sein eigenes Denken oder Verhalten integriert. Dies alles sind keine Besonderheiten eines psychopathologischen Gesprächs, sondern treffen auf alle menschlichen Kontakte zu, die man mit Reflektiertheit und Offenheit aufnimmt.
Schon vor der unmittelbaren Untersuchungssituation ist es förderlich, die Einstellung der prozessbegleitenden Person zur Tätigkeit des Untersuchens zu reflektieren. Nützt sie die Bewertungssituation, um sich selbst aufzuwerten und um sich selbst in einer Position zu erleben, in der sie andere bewerten kann? Oder dient das Erfassen des Gegenübers einem ehrlichen Interesse am Mitmenschen?
Vorab bestehende Meinungen über die zu untersuchende Person sollten reflektiert werden. Ob Sympathie oder Antipathie vorliegt, kann das Ergebnis der Untersuchung ebenso beeinflussen wie die Erwartungshaltung für ein bestimmtes Ergebnis. Oft wird nur jenes wahrgenommen, was auch erwartet wird, oder es entstehen Interpretationen mit Tendenzen in die erwartete Richtung. Erkennt man, dass die Untersuchung nur dazu dient, ein bestimmtes, schon im Vorhinein festgelegtes Ergebnis zu bestätigen, wäre zu überlegen, die Untersuchung einer unvoreingenommenen Person zu überlassen, der es gelingt, sich ein freies Bild zu verschaffen.
Es empfiehlt sich, auch die Rahmenbedingungen zu reflektieren, unter denen die Begegnung stattfindet. Die Rahmenbedingungen können die zu untersuchende Person beeinflussen. Eine Umgebung ohne Störung durch Dritte ist anzustreben. Klinische Räume oder alleine schon die Tatsache in der Klinik zu sein, kann für manche Personen einschüchternd wirken.
Die psychopathologische Gesprächssituation ist eine Begegnung von Personen, die möglicherweise unterschiedliche Absichten verfolgen. Ist die Untersuchungssituation von außen vorgegeben (von Krankenkassen, Pensionsversicherungen, Strafverfolgung etc.), wird das einen Einfluss auf die zu untersuchende Person haben. Vielleicht wird sie das Ergebnis der Untersuchung in ihrem Sinn beeinflussen wollen, indem sie bestimmte Symptome überzeichnet. Hier gilt es, die Beweggründe zu verstehen und die Bedeutung, die ein bestimmtes Untersuchungsergebnis für das Individuum darstellt, zu erfassen. So gelingt es, die Versuche einer Beeinflussung nicht als böswillige Absicht zu verstehen, sondern als verständliche und gesunde, kreative Anpassungsreaktion an die soziale Umwelt, von der sich die Person möglicherweise bedroht fühlt.
Es ist das Ziel des psychopathologischen Gesprächs, den Mitmenschen möglichst umfassend in seinem Wesen zu erfassen. Dies gelingt in einer wertschätzenden, angstfreien Atmosphäre am besten. Im Folgenden werden Prinzipien dargestellt, die sich im psychopathologischen Gespräch bewähren.
Die Reihenfolge der in Kapitel 4 beschriebenen ▶ psychopathologischen Kategorien ist willkürlich und soll nicht die Abfolge des Gesprächsverlaufes skizzieren. Anzustreben sind nicht ein Abfragen und Abhaken von zu erfragenden Punkten, sondern ein möglichst natürliches Gespräch. Auf diese Weise kann es den am Gespräch teilnehmenden Personen gelingen, sich so zu verhalten, wie sie sich in jedem anderen Gespräch auch präsentieren würden. Die Gesprächssituation ist so für die zu untersuchende Person eine mit anderen Gegebenheiten vergleichbare und gewohnte Situation, wodurch mögliche Ängste reduziert werden.
Otto Dornblüth formulierte bereits 1894: „Man muß versuchen, seine überlegten und planmäßig die verschiedenen Seelengebiete streifenden Fragen in das Gewand einer leichten Unterhaltung zu bringen, die durch Teilnahme und Interesse geleitet erscheinen …“ (S. 43–44) ▶ [20]. Wobei es aus heutiger, humanistischer Perspektive als zielführender erachtet wird, wenn das Gespräch nicht nur durch Teilnahme und Interesse geleitet erscheint, sondern die Begegnung auch wirklich von Interesse am Mitmenschen getragen ist.
Das aufrechte Interesse an der Person und an ihren psychischen Vorgängen wird in der Beziehungsdynamik als tragendes Motiv erkannt. Im besten Fall wird das Gespräch von allen Beteiligten wahrgenommen als gemeinsames Bemühen, die Psyche der zu untersuchenden Person besser zu verstehen.
Das psychopathologische Gespräch sollte nicht als eine Bewertungssituation verstanden werden, in der durch die prozessbegleitende Person eine letztgültige Deutung der psychischen Vorgänge im Gegenüber entsteht. Nein! Die prozessbegleitende Person ist zunächst ebenso unwissend, was die Vorgänge und Zusammenhänge der fremden psychischen Äußerungen betrifft. Das Gespräch ist gemeinsame Suche, gemeinsames Ringen um Verstehen. So wie die prozessbegleitende Person anfangs unwissend über die psychische Struktur des Gegenübers ist, kann sie auch nicht den perfekten Weg zur Erfassung aller psychischen Qualitäten kennen. Es können durchaus auch kurzfristig nicht zielführende, falsch erscheinende Wege eingeschlagen werden. Aber auch dies kann letztlich das Verstehen fördern – in der Abgrenzung und Klärung, dass es eben nicht so ist wie vermutet.
Beispiel
„Sie glauben also, dass Ihre Gedanken beeinflusst werden können.“
„Nein! Sie haben mich nicht verstanden. Ich glaube es nicht. Ich spüre es! Ich fühle, wie diese Maschine in meinen Kopf greift.“ (Die prozessbegleitende Person war scheinbar vom Vorliegen eines ▶ Wahns ausgegangen, einer außergewöhnlichen Überzeugung mit unvergleichlicher subjektiver Gewissheit. Durch diese Präzisierung wird deutlich, dass eine ▶ Ich-Grenzen-Störung vorliegt, die durch das Gefühl des Erleidens von Beeinflussung gekennzeichnet ist. Das Falschverstehen hat durch die dadurch notwendige Klarstellung geholfen, die Symptomatik besser zu klären.)
Die Sorge vor womöglich falschen oder inadäquaten Interventionen darf in den Hintergrund treten. Die Abfolge und die Methodik der Fragestellungen können auf sehr unterschiedliche Weise zum Ziel führen. Karl Jaspers meint dazu: „In der Psychopathologie gibt es eine Reihe von Betrachtungsweisen, eine Reihe von Wegen nebeneinander, die in sich berechtigt sind, sich ergänzen, aber sich gegenseitig nicht stören“ (Jaspers, 1913, S. VII ▶ [35]). Bedeutsamer als gleich die perfekt passenden Worte zu finden ist das echte und für die andere Person erkennbare Interesse in einer wertschätzenden Form, die hilfesuchende Person wirklich verstehen zu wollen.
Ganz selbstverständlich wird man sich auf das Gegenüber in Ausdruck und Sprache anpassen. Durch entsprechende Lautstärke wird man sich bei Höreinschränkungen Gehör verschaffen, die Wortwahl wird dem Bildungsstand der Gesprächsteilnehmenden entsprechen usw.
Auch in der Art, wie die Beziehungsgestaltung erfolgt, ist es sinnvoll, Rücksicht auf die Erfordernisse der anderen Person zu nehmen. Beispielsweise können manchmal in der Art, wie Beziehungen aufgebaut werden, Drucksituationen entstehen.
Beispiel
„Ich war schon bei Vielen. Niemand konnte mir helfen. Sie sind meine letzte Hoffnung! Sie können mir doch helfen, oder?!“
