Pulito in Thailand - Markus Frommlet - E-Book

Pulito in Thailand E-Book

Markus Frommlet

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Beschreibung

Wo ist Pulito? Das oberitalienische Ehepaar Maria und Carlo Zottoli vermisst ihren geliebten Hund. Und das ausgerechnet auf ihrer ersten Fernreise nach Thailand anlässlich ihres zwanzigjährigen Ehejubiläums. Doch die beiden Eheleute sind nicht dumm. Im Stile zweier Detektive fahnden sie mit Witz und Charme in der Metropole Bangkok nach ihrem Haustier und erleben dabei so allerhand Abenteuer. Die heitere Erzählung, ein lesenswertes Hybrid von Satire und Kriminalroman, in der durch die rasante Handlung für Spannung und Unterhaltung gesorgt ist, wendet sich keinesfalls nur an Hundebesitzer. Das Buch bietet Belletristik vom Feinsten, ein Lesevergnügen nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Jugendliche oder die ganze Familie. Mit Humor und anspruchsvoller Stilistik verspricht der Roman Freizeitspaß für alle, ob als Hunderoman, oder als Reiseliteratur. Ebenso spannend wie die Suche nach dem liebenswerten Pulito ist die Frage, wie rasch sich diese beispielhafte Unterhaltungsliteratur als Erfolgsbuch zum Bestseller entwickeln wird.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über den Autor

„Das Geheimnis des Lebens offenbart sich in den alltäglichen Dingen“ - so etwa ließe sich, ganz auf die Schnelle, die fiktive Frage nach dem philosophischen Hintergrund der schriftstellerischen Tätigkeit von Markus Frommlet beantworten.

Die Entwicklung eines subjektivistischen Realismus, zusammen mit dem Prinzip des Zen-Buddhismus „Alles ist eins, und eins ist alles!“, führte ihn zur Erkenntnis, dass es DIE Wirklichkeit nicht gibt und dass alles, was um uns ist, allumfassend ist. In jeder noch so unbedeutenden Situation liegt Weisheit, die es zu erfassen und zu begreifen gilt.

Eine derartige, empathisch geistige Befindlichkeit bildet die Grundlage für das Schreiben des Autors, mit dem er auf leicht verständliche und kreative Weise aufzeigen möchte, dass die Faszination des Lebendig-Seins im unteilbaren Moment des Augenblicks liegt, welche sich beim Umgang miteinander in den kleinsten, oft unscheinbarsten Gesten äußert.

Wachheit, differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit und die Fähigkeit, die Phänomenologie einer Situation exakt und treffend zu beschreiben, darin liegen für den Autor die großen Herausforderungen, aber auch ein wunderbarer Impetus für sein Schreiben.

In einer Vielzahl unterschiedlichster Situationen, ob skurril, komisch, oder ganz banal und alltäglich, die in den mannigfaltigen Handlungssträngen der vorliegenden Geschichte heraufbeschworen und gelegentlich bis aufs kleinste seziert werden, versucht er, erzählerische Dichte zu schaffen, die im besten Falle das Lesen zu einem Erlebnis macht.

Einen Schatz zu finden

ist wunderbar,

ein verlorengegangenes

Kleinod wiederzuerlangen

das wahre Glück!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Epilog

Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,

der Duft der großen, weiten Welt ...

Sich diesen tief einzuverleiben und sein spannendes Odeur zu inhalieren gehört zum Schönsten, was das kurze Menschenleben für die Privilegierten unter uns zu bieten hat.

Auch die Protagonisten vorliegender Geschichte gehören zweifelsfrei zu den materiell bevorzugten Wesen unseres Planeten, die den Luxus als essenziellen Heilsbringer für ein gelingendes Leben erachten.

Doch macht sie dieser Umstand glücklicher als diejenigen, die weniger besitzen? Ist es nicht vielmehr so, dass ein persönlicher Zugewinn, um was es sich auch immer dabei handeln mag, im Allgemeinen zwar mit einem triumphalen Gefühl von Erfolg verbunden ist, dass jedoch allein die Furcht vor einem Verlust dieses scheinbar kostbaren Besitzes, welche ein unbefangenes und freies Dasein unerbittlich wie eine Würgeschlange abtötet, uns schon bald in ein sorgengeschwängertes Lebensgefühl hineinkatapultiert, welches wir ursprünglich keinesfalls beabsichtigen und welches das Streben nach Wohlbehagen zu einem zweifelhaften Unterfangen werden lässt?

Kurzgefasst, ist die Dialektik von Glück und Unglück also tatsächlich eine enttäuschende Nullnummer?

Dieser elementaren Frage werden wir im Verlauf der Handlung nachgehen, die aufzeigen soll, dass das Glück und das Schicksal Brüder sind.

Ganz im Vertrauen, erwarten wir nicht alle viel zu viel vom Leben?

Rechtfertigt beispielsweise ein willkürlich gesetztes Ehejubiläum eine von den meisten Erdbewohnern als dekadent eingestufte Fernreise nach Thailand, die allein der stolzen Eitelkeit dient und die das verwerfliche Streben nach Prestige und zweifelhaftem Aufstieg auf der sozialen Leiter, oder sollte ich besser sagen, im unsichtbaren Kastensystem der postindustriellen Konsumgesellschaft, zum Ziel hat? Heiligt in diesem Fall der Zweck tatsächlich noch die Mittel?

Die vorliegende heitere Parabel über den unermesslichen Reichtum an Privilegien in unser aller Leben trägt hoffentlich zum sensiblen Umgang mit den fundamentalen Werten, individuell und innerhalb unserer unterschiedlichen sozialen Vernetzungen bei und schärft unseren Blick für das allgegenwärtige Sein in uns - ein Lebensprinzip, das in den traditionellen buddhistischen Gesellschaften weiterhin populär ist.

Dabei spielt unser Held Pulito, wie könnte es anders sein, aufs Neue eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Denn es ist nicht immer der Täter, der Verhältnisse verändert, sondern manchmal auch das Opfer, das zwar zunächst vordergründig und plakativ zum Spielball schicksalhafter Konstellationen degradiert wird, letztendlich jedoch mehr zur spirituellen Katharsis des Umfelds beiträgt als alle Täter zusammen.

Doch bevor ich mich in den unergründlichen Weiten eines dilettantischen Existenzialismus verliere, lassen Sie mich erzählen, welch skurrile und aberwitzige Abenteuer Pulito, Carlo, Maria und die anderen mehr oder minder liebenswerten Beteiligten, in Thailand, diesem betörenden Land der aufgehenden Sonne erwarten.

Kapitel Eins

Es knallte mehrmals. Das Flugzeug erzitterte. Ein augenblicklicher Druckabfall blähte alles unwirklich auf. Carlo spürte, dass seine Augäpfel wie zwei Luftballons aus den Augenhöhlen herausquollen. Seine Krawatte, sowie die goldene Halskette wurden nach hinten gerissen und schnürten schmerzhaft seinen Hals zu. Er wollte aufschreien, doch er produzierte nur ein unwirklich verzweifeltes Röcheln, das sich wie das niederfrequente Wummern eines Subwoofers anhörte. In Todesangst blickte er nach rechts hinüber zu Maria – sie war weg. Der komplette Sitz fehlte. Gegenstände aller Art schossen in atemberaubender Geschwindigkeit zischend von vorn über seinen Kopf hinweg. Hastig duckte er sich ab. Was zum Teufel geschah hier? Doch es blieb kaum Zeit, sich auf die Suche nach einer Antwort zu begeben, denn schon wurde er wie von unsichtbarer Hand und mit unglaublicher Wucht nach vorne gezogen. Rigoros stemmte er sich dagegen. Mit einem Ruck riss die Verankerung an seinem Sitz. Jäh wurde er aus dem Flugzeug katapultiert. In Todesangst schrie er auf …

„Carlo, jetzt reichts aber!“, vernahm er wie aus weiter Ferne Marias ärgerliche Stimme. Verdutzt öffnete er die Augen und sah hinüber nach rechts. Maria war plötzlich wieder da! Wie kam denn so etwas? Alles war ganz anders. Aufrecht und komfortabel saß er wie in Abrahams Schoß auf seinem Fensterplatz. Erst jetzt wurde ihm schlagartig bewusst, dass er weggedöst war und schlecht geträumt hatte …

„Was ist denn passiert?“, erkundigte er sich mit fragendem Blick.

Maria stöhnte vorwurfsvoll, bevor sie sich herabließ, zu antworten: „Carlo, Du hast gerade laut aufgeschrien und die Dame in der Reihe vor Dir hat sich fürchterlich erschreckt. Was war denn überhaupt los mit Dir?“

„Ach, ich habe nur schlecht geträumt. Ich hatte Angst, wir stürzen ab.“

Unverhohlen kicherte sie: „Na, abgestürzt bist Du bereits schon. Aber das ist ja auch kein Wunder nach dem dritten Glas Whisky.“

Unwillkürlich wandte Carlo seinen Blick von Maria ab. Da bemerkte er den leer getrunkenen Whiskey-Becher aus billigem Plastik, der unmittelbar vor ihm wie ein stiller Vorwurf auf dem heruntergeklappten Tischchen stand. Erneut drehte er sich zu ihr hin. Streng wie eine katholische Ordensschwester blickte sie ihn aus ihren dunkelbraunen Augen an.

„Jetzt wird aber nichts mehr getrunken, mein Lieber“, vernahm er den energischen Befehl seiner Gattin. „In einer halben Stunde landen wir in Doha. Da müssen wir aus dem Flugzeug raus.“

Enttäuscht, aber weiterhin nervös ordnete Carlo seine himmelblaue Krawatte, die ihn noch vor wenigen Augenblicken in seinem Traum so erbarmungslos gewürgt hatte.

Er hasste das Fliegen. Und jetzt zusätzlich noch diese Zwischenlandung! Das bedeutete aufs Neue unkontrollierbare Ängste empfinden, unerträglich mulmiges Gefühl im gesamten Körper aushalten, Stoßgebete zum Himmel schicken und Abschied nehmen von allem. So etwas passte ihm ganz und gar nicht.

„Weißt Du, Maria, Du hättest doch auch einen Direktflug nach Bangkok buchen können. Dann hättest Du mir diese Zwischenlandung erspart“, äußerte er sich kurz, aber prägnant.

„Nein, hätte ich nicht, Du dümmster aller Ehemänner“, entgegnete sie keck. „Denn nur noch Qatar Airlines hatte Platz für einen Hund im Laderaum. Die anderen Fluggesellschaften waren vollständig ausgebucht. Aber das habe ich Dir schon mehrfach erzählt, Herr Carlo Alzheimer“, lief die energische Sizilianerin nun zu ironischer Höchstform gegenüber ihrem Ehegatten auf.

Der ließ Marias verbale Tiefschläge unkommentiert.

Gebannt spähte er aus dem Bullaugenfenster zu seiner Linken und beobachtete skeptisch die Tragfläche der Boeing, die hin und wieder besorgniserregend wackelte. „Welch enorme Kräfte auf solche Flugzeuge einwirken“, dachte er versonnen. Da musste einfach irgendwann einmal etwas abreißen oder zumindest entzweibrechen.

Um sich trotzig von seinen Endzeitgedanken abzulenken, richtete er seinen Blick hinüber zu dem großen Monitor, der zwei Reihen weiter vorne an der Decke des Mittelgangs befestigt war. Auf ihm wurde eine Dauerwerbesendung gezeigt, die farbenfroh mal edel teure Sportwagen, dann wieder diverse hochpreisige Kosmetika, sowie opulent gefilmte Fernreisen anpries.

Unvermittelt horchte er auf.

Von weiter hinten vernahm er leise, regelmäßige Schritte.

Wenn er Glück hatte, stammten sie von der wunderschönen Stewardess, die ihn schon mehrmals so freundlich und zuvorkommend bedient hatte. Die Schritte näherten sich. Der angenehm frische Duft von edlem Parfum kündigte tatsächlich das Kommen der hinreißenden Flugbegleiterin an.

Auf der Stelle war Carlo hellwach.

Er rührte sich nicht. In seinem rechten Augenwinkel konnte er schemenhaft erkennen, dass sie genau an seiner Sitzreihe abstoppte. Eine schaurig schöne Hitzewallung durchströmte seinen Körper. Doch er gab sich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen.

„Sir?“, erklang die sanfte, aber gleichzeitig selbstbewusste Stimme der Stewardess. „Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

In gespielter Überraschung blickte er nach rechts zu der fulminanten Air-Hostess hinüber. Urplötzlich ärgerte er sich, als er gewahrte, dass Maria ihn mit aufmerksamen Augen wie ein Raubvogel fixierte.

„Nein, danke, das ist sehr nett von Ihnen“, entgegnete er nervös, aber so charmant er konnte.

Mehr fiel ihm gerade nicht ein.

Freundlich lächelnd schickte sich die mandeläugige Flugbegleiterin gerade an, weiterzuziehen, als sich Carlo verwundert rufen hörte: „Entschuldigen Sie, Lady. Vielleicht können Sie mir sagen, wie lange es noch bis Doha ist?“, kratzte er seine gesamten, äußerst bescheidenen Englischkenntnisse zusammen. Die mit wunderschönen Kurven ausgestattete Flugbetreuerin arabischer Abstammung drehte sich galant zu ihm um: „Ungefähr fünfundzwanzig Minuten“, flötete sie unverbindlich informativ, bevor sie sich endgültig nach vorne in Richtung Businessclass entfernte.

Kaum war die Luft rein, imitierte Maria seine Worte: „Entschuldigen Sie, Lady“, raunzte sie gehässig, ohne ihn dabei anzusehen. „Ich wusste gar nicht, dass Du so höflich sein kannst, mein werter Gatte.“

Genervt stöhnte Carlo auf.

Schon nahm er sich ein Herz, seine übellaunige Gemahlin zu belehren, es komme ganz darauf an, zu wem. Doch er gab resigniert auf. Er brachte es einfach nicht über die Lippen. War auch nicht so wichtig …

„Wie es Pulito jetzt wohl geht?“, versuchte Maria ungeschickt, ein Gespräch mit ihm in Gang zu bringen.

Carlo ließ sich mit seiner Antwort Zeit.

Er hatte gerade die Hochglanzbroschüre der Fluggesellschaft aufgeschlagen, doch seine Gedanken an die makellosen Kurven der Stewardess katapultierten ihn unweigerlich in Fantasien von Tausendundeiner Nacht mit einem sich sanft bewegenden, hauchzarten Baldachin über einem Himmelbett und aromatischem Kerzenduft hinein.

„Pulito gehts gut“, trug er schließlich in unnachahmlich kommunikativer Weise zur Unterhaltung seiner Gattin bei.

Aber Maria ließ nicht locker.

„Wir können das Hundchen in Doha leider nicht in den Flughafen mitnehmen. Der arme Kerl. Hoffentlich leidet er nicht zu sehr da unten.“ Damit meinte sie den perfekt klimatisierten Laderaum, in dem die mannigfaltigen Haustiere der Fluggäste in ausreichend großen und tiergerecht ausgestatteten Transportkäfigen mitreisten.

Carlo gab keinerlei Rückmeldung, doch Maria ließ sich nicht abwimmeln.

„Hoffentlich kommt Miranda im Hundehotel reibungslos mit unseren vierbeinigen Hausgästen zurecht“, wechselte die klein gewachsene Enddreißigerin unvermittelt das Thema der einseitigen Konversation mit ihrem Ehemann. „Ich habe mir viel Mühe gegeben, sie über alles zu informieren. Der Bullmastiff im Käfig hinter der Terrasse ist ziemlich aggressiv. Der könnte Schwierigkeiten machen“, entschied sie sich nun endgültig fürs Tratschen. „Cicciolina ist leider auch im Urlaub, aber das weißt Du ja schon. Das hat Dir Fausto sicherlich gesagt.“

Carlo reagierte überhaupt nicht auf das Geschwafel seiner Ehefrau.

„Hörst Du mir überhaupt zu?“, raunzte Maria fragend zu ihm nach links, der mit glasigem Blick in die Zeitschrift vertieft war.

Einige Sekunden vergingen, in denen sich eine angespannt aggressive Atmosphäre ausbreitete, bevor Carlo erschreckt zusammenzuckte.

„Äh, ach ja, natürlich! Pulito wird den Flug mit Sicherheit überleben“, versuchte er, so lebhaft zu antworten, wie es ihm gerade möglich war.

Mit einem vorwurfsvollen Seufzen gab Maria endgültig auf. Ihr Mann wollte sich wohl nicht mit ihr unterhalten. Dabei gingen ihr tausend Sachen durch den Kopf, die sie unbedingt loswerden wollte.

Sie machte sich solche Sorgen, denn es war das erste Mal, dass sie ihr Hundehotel, das sie ein Jahr zuvor gemeinsam mit ihrer besten Freundin Cicciolina eröffnet hatte, im Stich ließ. Und das auch noch zu einer Zeit, in der ihre Gefährtin zusammen mit ihrem Ehemann Fausto selbst auf Reise war. Doch die beiden hatten ihren Urlaub in Sizilien schon sehr lange geplant und ihn nicht mehr weiter aufschieben wollen. Vielleicht hätten Carlo und sie mit ihrem Thailandurlaub warten sollen, aber ihr zwanzigjähriges Ehejubiläum war eben nun mal in zehn Tagen, das war unumstößlich. Und außerdem war der Flug nach Thailand ein Schnäppchen gewesen.

Ein heller Gong riss Maria aus ihren Gedanken, bevor der Lautsprecher ertönte: „Sehr geehrte Fluggäste, in Kürze landen wir in Doha. Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehnen aufrecht und schnallen Sie sich an.“

Maria rastete zuerst ihre und dann Carlos Sicherheitsgurte ein, weil ihr Ehemann unbeeindruckt von der Durchsage einfach weiterlas.

„Wir landen bald“, flüsterte sie ihm wie beiläufig ins Ohr.„Drei Sekunden, dann geht die Bombe hoch“, dachte sie verschmitzt. Erwartungsvoll spähte sie nach links zu ihrem Gatten.

Wie recht sie hatte.

Denn exakt drei Sekunden später zuckte Carlo wie von der Tarantel gestochen zusammen, sodass seine Zeitschrift geräuschvoll raschelnd zu Boden fiel. Durch ihre robuste Jeans hindurch spürte Maria den Zangengriff seiner rechten Hand, der sich schmerzhaft in ihren linken Oberschenkel hinein krallte.

„Autsch, nicht so fest!“, rief sie halblaut, „das tut weh!“

„Warum sagst Du mir das mit der Landung erst jetzt?“, zischte er. Als sich sein Griff lockerte, brachte die Gepeinigte, genau wie vorgeschrieben, die Rückenlehne ihres Sitzes in eine aufrechte Stellung.

Carlo tat ebenso.

Ungeschickt und mit fahrigen Bewegungen verstaute er das Klapptischchen in der Rückenlehne vor sich.

„Ich wäre gerne vor der Landung noch einmal zur Toilette gegangen“, beklagte er sich in halbwegs vorwurfsvollem Ton.

„Selber schuld!“, verteidigte sich Maria gekonnt. „Wenn Du nur von Deiner Scheherazade träumst und nicht bemerkst, was um Dich herum vorgeht, kann ich ja nichts dafür“, platzierte sie ihren Vorwurf zielsicher.

Carlo klappte der Unterkiefer herunter. Verdutzt wandte er sich Maria zu.

„Was soll denn das nun schon wieder heißen?“, plusterte er sich auf wie ein erzürnter Hahn, bevor eine Turbulenz das Flugzeug abrupt ins Schlingern brachte.

Kleinlaut verstummte er, der unauffällige italienische Ehemann mit seinen leicht angegrauten Schläfen, der in Reihe achtundzwanzig am Fensterplatz neben seiner zierlichen, aber dennoch stabilen Angetrauten sizilianischer Abstammung saß.

Voll Sorgen schloss er die Augen und konzentrierte sich auf eine liebliche, grüne Alm Wiese mit munter grasenden Schafen, wie er es in dem Buch „Fünfunddreißig Tipps gegen Flugangst“ erst vor ein paar Tagen gelesen hatte.

All seinen Befürchtungen zum Trotz landete einige Minuten später Flug QR 0128 butterweich und sicher auf der Landebahn des Flughafens von Doha.

Carlo hatte inzwischen gut hörbar ein Dutzend Rosenkränze gebetet, was bei seiner streng gläubigen Gattin Gefallen gefunden hatte.

Die befürchtete, in den nächsten Tagen keine kurzen Röcke mehr tragen zu können, weil ihr linker Oberschenkel durch Carlos Zangengriff schon bald von allerlei Quetschmalen entstellt sein würde, was unzweideutig zu peinlichen Fragen Anlass gab.

Als die beiden Durchreisenden auf dem Flughafen von Doha dem Flugzeug entstiegen, wehte ihnen der heiße Wüstenwind wie ein riesiger Föhn unbarmherzig ins Gesicht. Sie waren froh, als sie schließlich in einem der perfekt klimatisierten Terminals anlangten, wo sie während des knapp dreistündigen Zwischenaufenthaltes ausreichend Zeit hatten, den beeindruckend mondänen und blitzsauberen Airport ausführlich zu erkunden.

Maria machte sich Sorgen um Pulito, ihren Zwergpudel. Der hellgraue Vierbeiner war schon seit jeher ihr Ein und Alles. Womöglich verbrachte er gerade schlimme Stunden in seiner Transportkiste im Bauch der Boeing 777.

Das Hundchen war zwar sehr umgänglich und geriet nicht so leicht aus der Ruhe, aber einen Langstreckenflug hatte es, ebenso wie die Zottolis, noch nie absolviert.

Wie würde das Tierchen diesen Stress überstehen?

Maria hatte ihn erst einmal in seinem ganzen Hundeleben weggegeben, bei einem Urlaub auf Sardinien. Damals war das Pudelchen nur wenige Monate alt gewesen. Notgedrungen hatten sie das Tierchen in einem Tierheim einquartiert, weil sie unerwartet auf ein anderes Urlaubshotel umgebucht worden waren, das keinerlei Haustiere duldete. Das war dem Vierbeiner überhaupt nicht bekommen. Seitdem war er inkontinent, umgangssprachlich also undicht, und selbst verschiedenste gut gemeinte und teure Therapien hatten dieses Hygieneproblem nie vollständig beseitigt.

„Hoffentlich verursacht der Flug nicht einen erneuten Rückfall“, dachte Maria sorgenvoll bei sich, als sie zusammen mit Carlo im modern gestylten Flughafen von Doha umherspazierte.

Es war schon weit nach Mitternacht. In den gigantischen, hypermodernen Terminals herrschte nur wenig Betrieb. Wahrscheinlich trugen Marias sorgenvolle Gedanken dazu bei, dass sie mal dringend musste. Eilig strebte sie auf eine der vielen, durch eindeutige Piktogramme gekennzeichneten Toiletten zu.

„Carlo, Du wartest hier auf mich, verstanden? Und mach mir keine Dummheiten“, ermahnte Maria ihren Ehemann, bevor sie in die äußerst sauber gehaltenen Katakomben der Damentoilette eintrat.

Das Interieur der Bedürfnisanstalt beeindruckte durch gediegenes, orientalisch geschwungenes Design mit goldfarbenen Badarmaturen und moderner Lichtschrankentechnik, die eine berührungslose Bedienung der notwendigen Toilettenfunktionen ermöglichte.

Maria beschloss, sich ein wenig frisch zu machen. Sie wusch sich ausgiebig Hände und Gesicht. Danach trug sie ihr gewohntes Make-up auf, das ihren natürlichen, brünetten Teint eine Nuance aufhellte und dadurch das Strahlen ihrer dunklen Augen verstärkt zur Geltung brachte. Zuletzt zeichnete sie behutsam ihre vollen Lippen nach. Dann strebte sie dem Ausgang zu, der mit einem gezackten Wegverlauf ohne eine Türe wieder in den Terminal hineinführte.

Überraschend vernahm sie dort wildes Rufen und Schreien.

Eilends trat sie auf den lang gezogenen Korridor der Halle, wo sie Carlo erblickte, der von einem halben Dutzend heftig gestikulierender Männer in Dischdaschas und Sonnenbrillen umringt wurde. Hinter den entrüsteten Wüstenfürsten befanden sich drei verschleierte Frauen in prächtigen Abayas. Sie schienen beinahe noch aufgebrachter als ihre männlichen Begleiter und kreischten immerzu „Aib, Aib“, was übersetzt so viel wie „Schande“ bedeutet.

Die energische Sizilianerin steuerte auf die offenbar erboste Gruppe zu, die aufgeregt gestikulierend auf Carlo einredete. Immer wieder vernahm sie das Wort „Haram“, was so viel wie „Verboten“ heißt. All dies wusste Maria von einer Vereinskollegin im Hundesportverein, die selbst Orientalin war und von der sie einige Brocken Arabisch gelernt hatte.

Als sie sich mühsam zu ihrem Ehemann durchgekämpft hatte, sah sie ihn mit hochrotem Kopf und der digitalen Spiegelreflexkamera um den Hals dastehen. Er gestikulierte ebenso heftig wie die aufgebrachten Männer, die ihn feindselig umzingelten.

„Carlo, mein Schatz, was, um Himmels willen, ist denn los?“, rief sie ihm zu.

Als ihr Gatte in Nöten sie erblickte, wirkte er sehr aufgeregt.

„Da bist Du ja endlich, Maria! Die Kerle hier wollen unsere Kamera, wie unverschämt!“, zeigte er auf die vollbärtigen Muslime, die ihm dicht auf den Fersen folgten.

„Aufhören!“, schnauzte Maria energisch in die Gruppe der Verfolger.

Sofort verstummte das erregte Geschrei.

„Was ist hier los?“, erkundigte sie sich in gebrochenem Englisch.

Der Älteste der Muselmanen, wohl das Oberhaupt des Clans, antwortete in bestem Oxfordenglisch: „Ihr Ehemann hat ohne unsere Erlaubnis unsere Frauen fotografiert. Das ist unverschämt und schändlich. Wir wollen, dass er die Bilder löscht, oder uns die Kamera übergibt“, ereiferte sich der Alte gestenreich, was durch die zahlreichen massiven Ringe an seinen Fingern verstärkt zum Ausdruck kam.

Maria wandte sich Carlo zu: „Stimmt das?“

Der nickte. „Ich wollte doch nur einen kurzen Schnappschuss von den Frauen machen, Liebes. Für Bruno, der steht auf so was“, rechtfertigte sich ihr Ehemann kleinlaut.

Marias wütende Blicke sprachen Bände. Carlo wünschte sich, er versinke auf der Stelle im Erdboden.

Galant wandte sich die resolute Sizilianerin an den Ältesten.

„Entschuldigen Sie, Sir, wir löschen die Fotos“, konstatierte sie freundlich.

Augenblicklich hellte sich die Miene des Moslems auf. Eifrig übersetzte er Marias Statement für seine männlichen Kollegen auf Arabisch. Auf der Stelle ließen die aufgebrachten Orientalen von den beiden Ungläubigen ab.

„Carlo, gib mir sofort die Kamera“, befahl sie ihm.

Der gehorchte aufs Wort.

Gekonnt hantierte Maria am Display des Fotoapparates herum, um einige Sekunden später den Anführer der Gruppe zu sich heranzuwinken.

Sie deutete mit Nachdruck auf die Anzeige der digitalen Spiegelreflexkamera, die signalisierte, dass der Datenspeicher vollständig gelöscht war. Der Araber schien gutes technisches Verständnis zu besitzen, denn schon kurz darauf nickte er zustimmend und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine fleischigen Lippen. Sanft ergriff er Marias rechte Hand und schüttelte sie.

„Vielen Dank, Lady, ich wünsche Ihnen noch eine schöne Reise“, verabschiedete er sich höflich. Energisch winkte er seine Familienmitglieder zu sich, bevor er abdrehte. Stolz entfernte er sich gemessenen Schrittes, wobei der ganze Clan ihm nachfolgte. Wenig später war der Spuk so schnell vorbei, wie er gekommen war.

Wie ein Irrwisch drehte sich Maria zu Carlo hin und knöpfte sich ihren Ehemann auf sizilianische Weise vor: „Carlo, Du alter Hornochse! Kann ich Dich nicht einmal fünf Minuten alleine lassen, ohne dass Du eine Katastrophe heraufbeschwörst? Ist Dir nicht bekannt, dass es in konservativen islamischen Staaten überhaupt nicht gerne gesehen wird, wenn man verschleierte Frauen einfach mal so fotografiert? Was seid Ihr beide doch für Idioten, Dein Bruno und Du! Ich sehe Euch schon im Bistro der Bocciabahn, wie Ihr die Bilder bei Euren Kumpels herumzeigt und anzügliche Witze macht wie notgeile Halbwüchsige!“

Damit drückte sie ihm die Kamera an die Brust.

„Hier, nimm! Und keine Faxen mehr, sonst sind wir die bald wirklich los.“

Völlig eingeschüchtert nahm Carlo die Kamera in Empfang und zog sich den glattledernen Tragegurt über den Kopf.

Erstaunt stellte er fest, wie seine resolute Gattin auflachte.

„Was hast Du denn, Maria? Bist ja schon wieder so fröhlich“, erkundigte er sich verdutzt.

Maria zwinkerte ihm schelmisch zu, bevor sie sich von ihm wegdrehte: „Komm jetzt, Carlo, wir müssen zurück zu unserem Abflugschalter. Und übrigens, die Bilder von den verschleierten Frauen möchte ich nachher sehen.“

Ihr Ehemann, der Hobbyfotograf auf Abwegen, verstand die Welt nicht mehr.

„Wie jetzt, die hast Du doch gerade gelöscht“, trompetete er völlig perplex heraus, während er brav neben seiner Gattin hertrottete.

Die seufzte zufrieden, bevor sie mit einem kecken Seitenblick verlautete: „Da zeigt es sich mal wieder, Männer und Technik! Mein lieber Gatte, ist Dir nicht bekannt, unsere Kamera hat zwei SD-Karten.“

Es dauerte einen Moment, bis Carlo begriff. Sodann packte er sich begeistert Maria, um sie herzlich zu umarmen.

Doch die stieß ihren Gatten energisch von sich und zischte mit entsetzt aufgerissenen Augen: „Nein, Carlo, nicht hier!Willst Du uns schon wieder in Schwierigkeiten bringen, Du Tölpel? Intimitäten in der Öffentlichkeit sind in arabischen Ländern strengstens untersagt!“

Schon wieder fühlte sich Marias Ehemann wie ein dummer Junge. Wortlos trabte er wie ein begossener Pudel neben ihr her, bis sie am Abflugschalter für den Weiterflug nach Bangkok angekommen waren.

Pulito träumte von zu Hause. Er lag im Bauch der Boeing und fühlte sich elend. Während der wilden Turbulenzen beim Landeanflug auf Doha hatte er eingenässt. Jetzt lag er in seiner Transportkiste, in der subtropische Verhältnisse herrschten, denn das Kühlaggregat war im ansonsten klimatisierten Laderaum kurzfristig ausgeschaltet worden, um Strom zu sparen, was dem hellgrauen Pudelchen zusetzte.

Pulito fiepte leidenschaftlich, denn er wünschte sich Trixi, die schneeweiße Pudeldame herbei, mit der er sich so gut verstand. Er ahnte glücklicherweise nicht, dass seine weich bepelzte Freundin gerade in Sizilien bei ihrem Frauchen Cicciolina weilte und mit Trauben und Cantuccini verwöhnt wurde. Hätte er dies gewusst, es hätte sein Gemüt umso stärker belastet, als sich zu seiner blanken Sehnsucht auch noch das deprimierende Gefühl von Selbstmitleid hinzugesellt hätte. Die inbrünstigen Geräusche des Vierbeiners verursachten im Laderaum Unruhe, denn er war beileibe nicht das einzige Wesen, das den Strapazen eines solch tierischen Langstreckenflugs ausgesetzt wurde.

Da waren noch ein paar andere Hunde, darunter ein stattlicher Afghane, der einem reichen Scheich aus dem Oman zuzuordnen war. Außerdem befanden sich zwei schneeweiße Kakadus im Laderaum. Dann und wann produzierten sie in ohrenbetäubender Lautstärke ein schrilles, reibeisenartiges Geschrei, das durch Mark und Bein ging. Direkt neben Pulito war der Transportkäfig eines Zwerghasen postiert, der einer schweizerischen Familie gehörte, die in Qatar lebte.

Der unglückliche Pudeljüngling platzierte sein Köpfchen, auf dem Maria ein hübsches, dunkelrotes Schleifchen zurechtgebunden hatte, gelangweilt auf seine quietschgelbe, unansehnliche Spielente, weil das Gummispielzeug der einzige Ort im Käfig war, der noch halbwegs trocken war. Geduldig wie ein buddhistischer Mönch ertrug der propere Kamerad all die Qualen in diesem dunklen, nach Kerosin stinkenden Verlies, denn er wusste, dass ihn sein liebevolles Frauchen nicht im Stich lassen würde.

Die quetschte sich gerade auf den Mittleren der drei Sitze in Reihe achtundzwanzig links. Die Zwischenlandung im Wüstenstaat Qatar neigte sich dem Ende zu und der frühmorgendliche Weiterflug nach Bangkok begann in gut zehn Minuten.

Carlo beäugte Maria aufmerksam, denn sie hatte Mühe, Platz zu finden.

Der rechte Sitz, hin zum Mittelgang, der auf dem Flug von Mailand nach Doha frei geblieben war, wurde jetzt von einem älteren Qatari eingenommen, der mit Fug und Recht als wohlbeleibt gelten konnte. Der würdige Herr war in eine schneeweiße Dischdascha gehüllt und trug eine ebenso weiße Kofia, die sein angegrautes Haar annähernd verdeckte. Seine fleischigen, mit einem Flaum grauer Härchen bewehrten Finger schmückten diverse, solide gefertigte Ringe aus Gold, die mit Brillanten und Edelsteinen besetzt waren. Das rechte Handgelenk zierte eine teuer aussehende Uhr, wahrscheinlich eine Patek Philippe oder eine Rolex.

Auf dem Mittelsitz, der beinahe zu einem Drittel von den stattlichen Wölbungen des vornehmen Wüstenfürsten eingenommen wurde, wirkte die zierliche Maria wie verloren. Missmutig kapitulierte sie vor den zentnerschweren Argumenten des wohlhabenden Neuankömmlings und verzog sich nach links, wo sie sich an das halbwegs verschwitzte, bunt karierte Kurzarmhemd von Carlo ankuschelte.

Der ließ sich die Annäherung seiner Ehefrau gerne gefallen. Marias anschmiegsame Nähe wirkte beruhigend auf ihn und reduzierte seine unweigerlich aufkeimende Angst hinsichtlich des näher rückenden Abflugs.

Unbeholfen hantierte er an der Kamera herum, die er immer noch um den Hals hängen hatte. Letztendlich gelang es ihm, die skandalösen Schnappschüsse der brav verhüllten arabischen Schönheiten sauber aufs Display zu zaubern. Aufmerksam betrachtete Maria die gelungenen Aufnahmen, die ihr wieder einmal aufs Neue bewiesen, dass versteckte Schönheit immer noch weit attraktiver wirkt als plakativ enthüllte Geheimnisse.

„Pulito fehlt mir“, seufzte sie und vergrub ihren Kopf tief in Carlos Schulter.

Der streichelte liebevoll ihren krausen Haarschopf, ehe er mit versonnener Stimme entgegnete: „Mach Dir mal keine Gedanken, meine liebe Frau, er wird dort unten schon nicht verhext werden.“

Seine aufmunternden Worte trösteten Maria und halfen ihr, seinen schmerzhaften Griff um ihren linken Oberschenkel, der sich Minuten später während des Starts der Maschine unerbittlich in ihr Fleisch bohrte, auszuhalten. Erst als das Flugzeug nach erfolgtem Steilflug wieder eine horizontale Flugbahn einnahm, lockerte sich Carlos schraubstockartige Umklammerung. Erleichtert seufzte Maria auf.

Doch der wiedergewonnene Friede währte nicht lange. Denn schon machte sich der beleibte Orientale rechts von ihr daran, mit einer mobilen Gaming-Konsole ein primitiv animiertes Computerspiel zu konsumieren. Trotz der Ohrhörer, die er dazu in seine haarigen Ohrlöcher gestopft hatte, konnte Maria das penetrant elektronische Pfeifen, Ballern und Klingeln des Spiels deutlich vernehmen.

Vorwurfsvoll blickte sie seitwärts hinüber zu ihrem Sitznachbarn, räusperte sich gekünstelt und drückte vorsichtig die schwer von rechts auf ihr lastenden Fleischmassen beiseite.

Der beleibte Orientale verstand und lehnte sich in Richtung Mittelgang, was der füllige Muselman jedoch nur schwierig aufrechterhalten konnte. Denn mit seiner alles ausfüllenden Präsenz versperrte er den gesamten linken Korridor des Flugzeugs, auf dem geschäftiges Treiben herrschte. Nach umfangreichen Umlagerungsmanövern gelang es ihm schließlich, seinen weit ausladenden Organismus so zu platzieren, dass er seine rivalisierende Umwelt zu beiden Seiten nicht allzu sehr gegen sich aufbrachte.

Unterdessen tauchte der anbrechende Tag den Himmel in ein bezaubernd zartes Orange. Carlo konnte sich gar nicht genug sattsehen an dem wunderschönen Sonnenaufgang. Genüsslich drückte er sich in seine weiche Sitzlehne. Wie herrlich es doch war, in den Urlaub zu fliegen, dazuhin in ein fernöstliches Traumland, das er schon so lange einmal hatte besuchen wollen.

Das Jubiläum ihres zwanzigsten Hochzeitstags hatte Maria und Carlo dazu veranlasst, sich endlich einmal eine Fernreise zu gönnen. Nach eingehenden Überlegungen und nahezu endlosen Diskussionen fiel die Wahl auf Thailand.

Carlo war außerordentlich fasziniert von diesem friedlichen und vielseitigen Land im Südosten Asiens. Maria war zunächst nicht so begeistert, denn sie hatte das lebhafte und bunte Mexiko mit seinen verwunschen im Urwald befindlichen Aztekentempeln bevorzugt. Doch die thailändische Küche interessierte sie, die eine begnadete Köchin war, aufs Äußerste. Erst als Carlo sie überredet hatte, in der Region der aufgehenden Sonne einen Kochkurs zu absolvieren, erklärte sie sich mit einer Reise in den Fernen Osten einverstanden.

Maria hatte es ermöglicht, das Hundehotel, das sie seit gut einem Jahr zusammen mit ihrer Freundin betrieb und das sehr gut lief, für eine Weile alleine zu lassen. Carlo hatte seinen gesamten Jahresurlaub genommen. Nun saßen die beiden Jubilare tatsächlich im Flugzeug nach Bangkok, um die nächsten zweieinhalb Wochen in Thailand, diesem exotischen und freundlichen Land zu verbringen.

Der reiselustige Küchendesigner war gespannt auf die reich geschmückten buddhistischen Tempel, auf die gepflegten Sandstrände mit dem kristallblauen Wasser, aber auch auf einen Abend beim Thaiboxen und vielleicht sogar bei einer wohltuenden Thaimassage, die seine männliche Fantasie besonders beflügelte.

„Carlo, sind Hunde in buddhistischen Tempeln erlaubt?“, riss ihn Maria mit einer naiven, aber berechtigten Frage aus seinen träumerischen Gedanken.

„Nein, meine Liebe, natürlich nicht! Nur die Tempeltiere, die im Kloster leben, sind gestattet. Ich fürchte, Pulito wird ausnahmsweise einmal draußen bleiben müssen.“

„Da ist die katholische Kirche aber toleranter“, insistierte Maria. „Weißt Du noch, Carlo, wie Pulito einmal zum Helden unseres Sonntagsgottesdienstes geworden ist?“, fragte sie nicht ohne Stolz.

Carlo antwortete genervt: „Und dabei um ein Haar an der Hostie erstickt wäre, die ihm der damalige Priester und mein jetziger Arbeitskollege Fausto in den Hals gestopft hat…“

Abrupt wurde die aufkeimende Unterhaltung der beiden Eheleute unterbrochen, denn das Frühstück wurde serviert.

Der Wüstenfürst zu Marias Rechten plagte sich verzweifelt damit herum, das Klapptischchen vor ihm in eine horizontale Position zu bringen, was durch seine Leibesfülle hartnäckig verhindert wurde. Schließlich wandte sich der elegante Herr nach links zu Maria hinüber, blickte sie mit treuseligen Hundeaugen an und flüsterte in zartsonorem Timbre: „Entschuldigen Sie, Lady, hätten Sie etwas dagegen, wenn ich den Tisch mit Ihnen teile?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, schaffte er auf der Stelle Tatsachen, indem er sein Frühstückstablett auf Marias Klapptischchen stellte und beherzt begann, mit seinen fetten Pratzen geräuschvoll die leckeren Häppchen des morgendlichen Festmahls auszupacken.

Maria blieb nichts anderes übrig, als zusammen mit Carlo auf dessen Klappunterlage zu frühstücken, was ihr als praktisch veranlagte italienische Hausfrau vortrefflich gelang.

„Das war sehr nett von Ihnen“, schmeichelte ihr der weiß gewandete Araber nun von rechts, als er sein Frühstück beendet hatte und das Tablett durch die mandeläugige Stewardess von Marias Tisch beseitigt worden war.

„Von wo kommen Sie eigentlich?“, erkundigte sich der aristokratisch wirkende Scheich in lupenreinem Englisch.

Maria lächelte ihn schüchtern an: „Aus Italien, von Mailand“, hörte Carlo sie freundlich, aber mit strengem italienischen Akzent Auskunft geben.

„Sehr nett, in der Tat“, schmeichelte ihr der gewichtige Würdenträger zweideutig. „Ich war schon oft in Mailand, geschäftlich. Und bitte entschuldigen Sie, hübsche Lady, dass ich Sie belästigen musste. Normalerweise fliege ich Erste Klasse, aber die war ausverkauft“, ließ es der Orientale bei dieser oberflächlichen Konversation bewenden und vertiefte sich wieder in sein geräuschvolles Computerspiel.

Wenig später drängte es Maria zur Toilette. Mühsam kletterte sie über ihren Nachbarn hinaus auf den Mittelgang.

Sofort wandte sich der füllige Gentleman an Carlo: „Sind Sie der Ehemann dieser schönen Lady?“, wollte er ohne Umschweife wissen.

„Ja“, antwortete Carlo wortgewaltig.

Mit sonorer Stimme redete der edle Wüstenfürst auf ihn ein: „Wissen Sie, Ihre Frau ist sehr sympathisch. Sie hat wunderschöne Augen und mir gefällt ihr `Italian Style´. Wären Sie eventuell geneigt, sie an mich zu veräußern?“

Carlo schluckte. Da hatte er wohl nicht richtig gehört. Unwillkürlich verwandelte sich seine Miene in ein Hybrid aus Erstaunen und Unverständnis.

Der Orientale lehnte sich zu ihm hinüber wie der Magnetberg im Märchen von Sindbad, dem Seefahrer und flüsterte ihm vielsagend zu: „Seien Sie nicht schüchtern, Signore! Ich bin bereit, Ihnen für Ihre Ehefrau eine Million Euro zu zahlen und gebe Ihnen zwei hübsche Mädchen aus meinem Harem obendrauf. Wie finden Sie das?“

Kumpelhaft grinste er Carlo herausfordernd an. Der hatte jedoch keine Zeit mehr, die peinliche Frage des frivolen Magnaten zu beantworten, denn Maria kehrte von der Toilette zurück.

Mühsam erhob sich der dickleibige Muselman von seinem Sitz, um sie einzulassen, nicht ohne Carlo noch einmal schelmisch grinsend zuzuzwinkern.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Carlo endgültig begriffen hatte, was bei seiner Kurzkonversation mit dem Wüstenscheich tatsächlich passiert war. Immer wieder schüttelte er den Kopf aufs Neue, was seine Angetraute neben ihm dazu veranlasste, ihn zu fragen, ob auch alles in Ordnung sei. Vehement bejahte er. Gerade, als Marias Ehemann sich wieder beruhigt hatte, wurde seine labile Gemütslage erneut aus der Balance gebracht.

Ein nicht zu überhörender Signalgong erklang aus einem der Lautsprecher genau als er im Begriff war, weg zu dösen. In freundlichem Englisch meldete sich der Co-Pilot der Maschine bei den Passagieren: „Sehr geehrte Fluggäste. Wie Sie sicherlich wissen, befinden wir uns in der Monsunzeit. Über den Andamanen hat sich momentan eine breite Gewitterfront aufgebaut. Wir werden das Schlechtwettergebiet auf seiner Südseite leicht streifen. Deshalb bitte ich Sie, sich anzuschnallen und auf Ihren Plätzen zu bleiben, bis ich mich wieder bei Ihnen melde. Verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten und seien Sie unbesorgt.“

Sofort wurde Carlo kreidebleich.

„Siehst Du, ich habe es ja gleich gewusst. Wir hätten uns nie in ein Flugzeug setzen sollen“, zischte er Maria panisch an.„Jetzt weiß ich, warum ich vorhin so schlecht geträumt habe.“

Entschlossen griff Maria nach seiner Hand.

„Ganz ruhig, Carlo, die Piloten wissen schon, was sie zu tun haben.“

Geistesgegenwärtig bedeckte sie ihren linken Oberschenkel mit einem ganzen Packen Zeitschriften aus dem Taschenfach vor ihr und schnallte sich und ihren Ehegatten an.

Wenig später geriet das Flugzeug in die ersten Turbulenzen.

Carlo packte die Rückenlehne seines Vordermanns und klammerte sich krampfhaft daran fest. Er atmete stoßweise und starrte hinaus zur Tragfläche, die sich, seines Erachtens nach, bedenklich unrhythmisch auf und ab bewegte. Als ein Luftloch für einige Aufschreie im Flugzeug sorgte, wurde es auch Maria unheimlich zumute.

Ihr Nachbar zur Rechten spielte unterdessen unverdrossen weiter mit seiner Playstation und schien sich überhaupt nicht um die ruckelnden Stöße und brettharten Vibrationen zu kümmern, die den schwerfälligen Düsenjet wie ein Spielzeug durch die Luft warfen.

„Hoffentlich ist Pulitos Käfig gut gesichert“, dachte sie besorgt bei sich. Links neben sich bemerkte sie, dass Carlo die Augen geschlossen hielt und leise vor sich hinmurmelte.„Wahrscheinlich betet er wieder, der Heuchler“, deutete sie das Verhalten ihres Gatten goldrichtig.

Der war gerade dabei, nahezu unhörbar den dritten Rosenkranz in den vom Unwetter aufgepeitschten Äther hinauszusenden, damit sein Bitten die Luftmassen im Umkreis von mehreren Hundert Kilometern um ihn und das Flugzeug herum wirkungsvoll besänftigte.

Doch als er den wohlbekannten Duft eines teuren Parfums einatmete, der sich rasch verstärkte, vergaß er auf der Stelle sein frommes Flehen und öffnete entzückt die Augen. Die bildschöne Stewardess näherte sich diesmal von vorne. Carlo gab sich alle Mühe, cool und gefasst zu wirken. Als sie nahe genug war, lächelte er sie sanft an.

Tatsächlich verlangsamte sie ihren Schritt, bis sie leibhaftig direkt vor seiner Sitzreihe zum Stehen kam. Mühsam beugte sie sich über den Wüstenscheich.

„Entschuldigen Sie, Sir“, flötete sie in Richtung Carlo, „geht es Ihnen auch gut?“

Der räusperte sich gekünstelt, bevor ein schüchtern in den Äther entlassenes „Yes“ aus seinem vor Aufregung staubtrockenen Mund ertönte.

„Seien Sie unbesorgt, unsere Piloten sind die besten der Welt“, sprach die dunkeläugige Venus ihm Mut zu und zog sich auf ebenso zauberhafte Art zurück, wie sie gekommen war.

Maria knuffte ihn unsanft in die Seite: „Siehst Du, mein lieber Mann, jetzt hast Du sogar etwas von Deiner Flugangst. Das ist doch fantastisch! Sogar die vollbusige Scheherazade ist besorgt um Dich“, flötete sie sarkastisch schmeichlerisch in sein Ohr.

Genauso rasant, wie die stürmischen Turbulenzen außerhalb des Flugzeugs sich legten, beruhigte sich auch Carlos Gemütslage wieder. Kurz, nachdem der Pilot in einer weiteren Durchsage Entwarnung gegeben hatte, stürzte Carlo mehr, als er ging, in Richtung Toilette, die nur einige Meter hinter der Sitzbank gelegen war.

Erleichtert in Leib und Seele kehrte er nach einigen Minuten zu seinem Sitzplatz zurück. Als er gerade im Begriff war, sich an dem adipösen Scheich vorbei zu quetschen, um wieder auf seinen Fensterplatz zu gelangen, erkundigte sich der wohlbeleibte Qatari aufs Neue, ob sich Carlo sein großzügiges Kaufgebot überlegt habe.

Maria las in einem Buch über die thailändische Kochkunst, sodass sie keinesfalls bemerkte, wie sich die beiden Männer unterhielten. In der knappen, aber höflich geführten Konversation brachte Carlo unmissverständlich zum Ausdruck, dass seine Ehefrau absolut unverkäuflich sei und dass dies auch so bleiben werde, egal, was der feine Herr aus dem Morgenland ihm für seine Frau anböte.

Schlussendlich gab der zumindest monetär potente Frauenkäufer klein bei und wandte sich gelangweilt wieder seinem Computerspiel zu, dessen Aufgabe darin bestand, mit dem Joystick eine Herde Kamele durch die Wüste zu einer Oase zu treiben.

Unterdessen waren die emsigen Stewardessen im Mittelgang damit beschäftigt, vor dem Landeanflug auf Bangkok einen ultimativen Snack und kalte Getränke an die Fluggäste zu verteilen. Erregt fieberte Carlo dem Ereignis entgegen, denn er erspähte seine anbetungswürdige Flugbegleiterin, die sich zusammen mit einer beinahe ebenso hübschen Kollegin konstant auf Reihe Achtundzwanzig hinarbeitete. Ungeduldig erwartete er das nächste Zusammentreffen mit der Mandeläugigen, nervös rutschte er auf seinem Sitz herum.

„Carlo, nur keine Panik. Wir landen erst in einer Stunde“, informierte ihn Maria mit einem abschätzigen Seitenblick. Doch als sie von ihrer Lektüre nach vorne blickte, verstand sie, warum ihr Gatte so unruhig war. Mit einem vielsagenden Seufzer murmelte sie ihm nahezu unhörbar zu: „Carlo, Du bist und bleibst ein dummer Junge.“

Der jedoch achtete nicht auf die perfide Provokation seiner Ehefrau. Er war völlig vereinnahmt, ein dämliches Grinsen aufzusetzen, als die verehrungswürdige Flughostess ihn freundlich bediente und ihm charmant lächelnd eine Packung Erdnüsse auf sein Klapptischchen legte.

Dabei beugte sie sich weit zu ihm vor und Carlo erspähte in dem dunkelgrauen Spalt, der sich zwischen ihrem edlen Hals und ihrer hellgrünen Bluse auftat, zwei ebenmäßige Rundungen, deren Liebreiz seine überbordende Fantasie noch in den nächsten Tagen beflügelte und ihn großzügig zu geheimsten Träumen veranlasste.

Maria ignorierte absichtsvoll diesen peinlichen Moment, öffnete laut knisternd die bunte Plastikverpackung der Erdnüsse und hielt sie ihrem gedanklich komplett abwesenden Gatten demonstrativ unter die Nase, um ihn zumindest ein wenig aus seiner romantischen Verbrämung zu reißen.

„Hier, Du Sternengucker“, adressierte sie ihn spöttisch.„Sind doch ganz gut, die Nüsse, oder?“

Carlo fingerte gedankenverloren in der Packung herum und schaute melancholisch kauend hinaus in Richtung Horizont, der sich durch den beginnenden Sinkflug des Jets nach rechts oben aufzusteilen begann. Während des nun folgenden, beinahe halbstündigen Landeanflugs auf die thailändische Metropole konzentrierte sich Carlo, wie er es aus seinem Ratgeber gegen Flugangst gelernt hatte, voll und ganz. Ob allerdings die vorher beschriebenen, munter bimmelnden Schafe auf grüner Wiese Gegenstand seiner Meditationsversuche darstellten, oder vielmehr doch die sanft geschwungene Hügelkette, die in Carlos Gedanken nach und nach menschliche, ja geradezu glockenförmig feminine Formen annahm, bleibt im Verborgenen.

Maria war es nur recht, dass ihr Ehemann sich zunehmend an die bei einem Flug nicht zu vermeidenden Start- und Landemanöver zu gewöhnen schien. Trotz der auf ihr ruhenden gummi-elastischen Massen von rechts, verfiel sie in einen flachen Schlaf und erwachte erst kurz bevor die Maschine nach ihrem mehr als zwölfstündigen Flug am frühen Nachmittag sicher auf dem Flughafen Suwarnabhumi in Bangkok landete.

Kapitel Zwei

Schon kurz nachdem die Maschine am Terminal der Fluggesellschaft angedockt hatte, entstand im Flugzeug das allseits bekannte Tohuwabohu, von dem niemand etwas hat und das für hektische Unruhe und Stress sorgt.

Der dicke Qatari hatte sich seine Kofia wieder auf seinen ergrauten Schädel gesetzt und baute sich mindestens genauso felsenfest im Mittelgang auf wie der arabische Kontinent im Indischen Ozean. Danach öffnete er die Gepäckklappe über Reihe 28 und beförderte allerlei Taschen und Kleidungsstücke zu Tage, die er an ihre rechtmäßigen Besitzer verteilte.

Auch Marias kleinen Rucksack zog er aus dem Stauraum heraus und übergab ihr das Gepäckstück mit den Worten: „für die reizende und beeindruckende Lady aus Italien.“

Bei Carlos Kunstledersporttasche ging er wesentlich grober zu Werk. Lustlos warf er ihm das dunkelblaue Handgepäck mehr zu, als dass er es ihm aushändigte. Da der Reißverschluss der Tasche nicht vollständig verschlossen war, fiel ihr vielfältiger Inhalt heraus und kullerte klimpernd und ungeordnet wie eine kleine Lawine über die Sitze und den Fußboden des Jets. Zeitungen, allerlei Prospekte, Carlos Notizblock und einige Reisedokumente lagen ebenso verstreut herum wie Kugelschreiber, mehrere Packungen Papiertaschentücher und ein Päckchen Kaugummi.

Im Nu eilten die fleißigen Stewardessen herbei und halfen eifrig mit, das Chaos zu beseitigen, das der hilfsbereite Scheich verursacht hatte.

Zwei Minuten später öffneten sich die Türen des Flugzeugs und zweihundertdreiundfünfzig müde Passagiere aus aller Herren Länder wurden aus dem Bauch der Maschine in den Flughafenterminal hineingespuckt.

„Carlo, hast Du auch nichts vergessen?“, stellte Maria eine völlig nutzlose Frage, während das Paar durch die fensterlose Gangway marschierte, die in eine der Ankunftshallen hineinführte.

Carlo antwortete nicht auf Marias Bemerkung, sondern sah sich um, wo es zur Gepäckausgabe ging. Schon wenig später langten sie an der Gepäckabholung an. Dort machten sie sich auf die Suche nach dem Abhol-Schalter fürs Sperrgepäck. Maria stürmte mit hektisch tippelnden Schritten voran.

„Verflixt nochmal, wo ist denn die Ausgabe der Tiere?“, fragte sie ihren Gatten aufgeregt. Doch der wusste es auch nicht und irrte durch die Gänge. Maria stöckelte hinterher.

Erst nach längeren Nachforschungen fanden sie schließlich den richtigen Schalter. Maria musste vor Nervosität mal und verschwand augenblicklich auf einer nahegelegenen Toilette. Carlo nestelte inzwischen umständlich an seiner Sporttasche herum und kramte dort nach den Tickets und dem Abhol-Beleg für Pulito.

Die Flugscheine entdeckte er auf der Stelle, nur die Abhol-Bescheinigung für Pulito, das Sperrgepäck, wollte sich nicht finden lassen.

Als Maria wieder zu ihm zurückkehrte, forschte er immer noch fieberhaft nach dem Papier.

„Carlo, was ist denn los?“, erkundigte sie sich besorgt.

Carlo, der auf dem Boden kniete und fast in seine Sporttasche hineinkroch, reagierte mit unzusammenhängenden Satzfetzen wie „wie vom Erdboden verschluckt, das verflixte Papier“, oder „ich habe es während des Flugs doch noch gesehen“, gewürzt mit unterschiedlichsten Flüchen, die der wörtlichen Erwähnung nicht wert sind.

Um Maria abzulenken, schickte er sie zur regulären Kofferausgabe, um nach ihren Reisetaschen, seiner eigenen roten und der rosafarbenen seiner Frau zu fahnden und sie mit einem Trolley herzubringen. Tatsächlich kam sie nach gut zehn Minuten zurück und hatte die beiden gigantischen Gepäckstücke fein säuberlich auf einen der rollenden Transportwagen gepackt bei sich.

Carlo fahndete immer noch verzweifelt nach dem Abholschein, der einfach nicht aufzufinden war.

„Vielleicht ist er ja im Flugzeug verloren gegangen“, brachte Maria zum Ausdruck, was Carlo bereits seit geraumer Zeit befürchtete.

„Wir müssen sofort zum Flugschalter und nachfragen, ob in der Maschine was gefunden wurde“, ereiferte sich Carlo, während er sich eine ganze Menge Schweißperlen von der Stirn wischte.

Voll bepackt stürmten sie los. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Flugschalter der Qatar Airlines ausgekundschaftet hatten. Dort wandte sich Carlo an eine ältere, gediegen gekleidete Angestellte, um nachzufragen, ob im Flugzeug ein Abholschein für ein Haustier gefunden worden sei. Die Bedienstete zog sich vorübergehend in ein Hinterzimmer zurück, um Erkundigungen anzustellen. Bald darauf kam sie freundlich lächelnd zurück.

„Ja, Herr Zottoli, in der Maschine wurden tatsächlich Papiere für einen Hund gefunden. Sie werden so schnell wie möglich hierhergebracht. Wenn Sie sich einen Augenblick gedulden wollen. Setzen Sie sich einfach auf die Bank gegenüber, wir melden uns bei Ihnen, sobald die Papiere abgegeben worden sind.“

Maria und Carlo, die beiden erschöpften Fernreisenden, nahmen auf einer kunstledernen Sitzreihe Platz, die sich direkt gegenüber des Flugschalters der Qatar Airlines befand, und warteten brav auf Pulitos Transportpapiere, die mutmaßlich bei der missglückten Übergabe von Carlos Handgepäck durch den fettleibigen Scheich aus Qatar unmittelbar nach der Landung im Flugzeug verloren gegangen waren. Ihre zwei riesigen Reisetaschen hatten sie links und rechts neben sich abgestellt.

Völlig übermüdet lehnte Maria ihren Kopf an die Schulter von Carlo, der sich seinerseits in dem verschwitzten Baumwollhemd und der bei Weitem zu engen Cord-Hose unwohl und eingeengt fühlte.

„Ich möchte meinen Pulito wiederhaben“, jammerte Maria versonnen.

„Keine Sorge meine Liebe, dem Hundchen geht es gut. Du wirst sehen, in zwei Stunden sind wir schon in unserem Hotelzimmer und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“, versuchte Carlo unbeholfen, seine Gattin zu trösten.

Maria kuschelte sich eng an ihn und beobachtete dabei gelangweilt das geschäftige Treiben um sie herum.

Das internationale Flair des Flughafens ließ sich allein schon daran erkennen, dass nicht nur Asiaten vielerlei Nationalitäten an Carlo und Maria vorbeihuschten, sondern dass hier auch viele Menschen aus anderen Kontinenten und Kulturen unterwegs waren. Es herrschte eine geschäftige, aber dennoch entspannte Atmosphäre, in der jeder den anderen zu respektieren schien. Maria fiel die Fröhlichkeit auf, die speziell unter der einheimischen Bevölkerung existierte.

Wiederum dachte sie an Pulito, der wahrscheinlich gar nicht weit von ihr in einem beengten Transportkäfig sehnsüchtig auf sie wartete. Jäh rappelte sie sich auf.

„Was ist denn los?“, fragte Carlo verdutzt.

„Pulito braucht sofort ein paar Leckerlis und sein Medikament, wenn wir ihn wiederhaben“, antwortete Maria und fing an, geschäftig in einem Seitenfach ihrer Reisetasche herumzukramen, in der sie neben ihrer eigenen Habe auch die Utensilien für das Hundchen aufbewahrt hatte. Kurz darauf brachte sie Pulitos rote Lieblingsleine, ein paar einzeln verpackte „Hunde-Burger“ und ein winziges Pillendöschen aus den Tiefen ihres Gepäcks ans Tageslicht, die sie sorgfältig in ihrer Handtasche verstaute.

Carlos Gedanken waren schon wieder in Richtung der attraktiven arabischen Stewardess abgeschweift, mit der er gerade an einem wunderschönen Palmenstrand weilte, als er bemerkte, dass die Angestellte am Flugschalter gegenüber ihm lebhaft zu winkte.

Wie ein geölter Blitz spritzte er hoch und eilte in flottem Schritt hinüber zum Tresen. Nicht einmal eine Minute später kehrte er zurück und wedelte mit einem blauen Kuvert vor der Nase seiner Gattin herum.

„Maria, die Papiere!“, verlautete er triumphal. „Jetzt retten wir unseren kleinen Freund aus seiner Gefangenschaft“, kündigte Ritter Carlo theatralisch seinen Kreuzzug hinüber zum Abhol-Schalter für Sperrgut an.

Dort herrschte nur wenig Betrieb. Ein gelangweilt wirkender thailändischer Angestellter mit fettigen Haaren und lückenhaftem Gebiss nahm Carlo wortlos den Umschlag mit Pulitos Papieren ab und verschwand damit durch eine hölzerne Schwingtüre. Wenig später erschien er mit einer Transportkiste, die fein säuberlich mit grober Wellpappe abgeklebt war.

„Hier, Sir, ihr Gepäck“, stellte der drahtige Bedienstete den Käfig direkt vor Carlo und Marias Nase ab.

Maria war entzückt und hockte sich sofort vor das metallene Verhau.

„Hallo Pulito, mein lieber Schatz“, trällerte sie gekünstelt, „jetzt hast du es ja überstanden. Gleich gibts Fressi-Fressi.“

Aus den Tiefen der hermetisch verpackten Behausung drang lediglich ein pfeifendes Niesen und merkwürdig kehliges Gewimmer zu ihr hinaus.

Maria stutzte.

Das klang ja schrecklich! Hoffentlich war Pulito auf dem turbulenten Flug nichts zugestoßen.

Carlo war gerade dabei, ein paar Unterschriften unter irgendwelche Formulare zu setzen, die ihm der stark schielende Beamte am Tresen des Schalters vorlegte, als er Marias gellenden Aufschrei hörte.

Erstaunt blickte er zu ihr hinüber.

Maria war entsetzt.

Mit aufgerissenen Augen starrte sie in die Transportkiste hinein, an der in großen Fetzen halb heruntergerissenes Verpackungsmaterial hing. Ihr Mund stand weit offen, als sähe sie das heilige Inferno und den Teufel selbst.

Sofort eilte er zu ihr hinüber und spähte in den Käfig hinein. Dort erblickte er ein hellbraunes Etwas, definitiv nicht Pulito, sondern einen dickleibigen, unförmigen Mops, der aus faltig verkrusteten Lidspalten fragend und traurig zu ihm aufsah. Was hatte das zu bedeuten?

Energisch ging er hinüber zum Schalter.

„Das ist nicht unser Hund“, machte er seinem Ärger spontan Luft. Doch der Angestellte schien unbeeindruckt zu sein.

Höflich lächelte er Carlo zu: „Sir, Sie haben mir gerade die Papiere und den Abholschein für diesen Hund ausgehändigt“, lautete seine nüchterne Antwort. „Sehen Sie selbst“, fügte er hinzu und zeigte Carlo die Unterlagen.

Der las und studierte, studierte und las, was er zu lesen imstande war. Denn auf dem Formular befanden sich weitgehend arabische und thailändische Schriftzeichen, die nur teilweise mit lateinischer Schrift untertitelt und in englische Sprache übersetzt waren.

Entrüstet wandte er sich wieder an den freundlichen Angestellten: „Hören Sie, Mister, das ist nicht unser Hund. Unser Hund ist ein hellgrauer Pudel und sein Name ist Pulito. Ist heute ein solches Tier hier bei Ihnen aufgetaucht?“

Der hagere Thailänder überlegte, bevor ein breites Lächeln, das seinen ungepflegten Zahnstatus schonungslos offenlegte, in Carlo neue Hoffnung aufkeimen ließ.

„Ja, Sir, vor kurzem wurde hier ein kleiner Pudel abgeholt. Er hatte ein rotes Schleifchen auf seinem Schopf.“

„Das war Pulito!“, bohrte sich Marias kreischende Stimme schmerzhaft in Carlos rechtes Ohr. Seine Ehefrau hatte sich unbemerkt von hinten genähert und offensichtlich mitgehört, was der Angestellte geäußert hatte.

„Geben Sie uns sofort den Hund oder wir holen die Polizei!“, keifte sie den in die weißblaue Uniform der Flughafenbediensteten gekleidete Thai an.

Der zog unwillkürlich seinen Kopf ein.

„Entschuldigen Sie, meine Dame“, erwiderte er fast unhörbar, „aber der Hund wurde vor etwa einer halben Stunde von einem Kurierunternehmen abgeholt.“

„Wie bitte, höre ich recht?“, zischte Maria. „Sie holen jetzt sofort unseren Hund hierher, oder Sie erleben was!“

Der Bedienstete hinter dem Tresen verneigte sich mit mehreren Wais, der traditionellen Höflichkeitsgeste der Thailänder, bei der beide Handflächen zueinander vor dem Körper gefaltet werden und eine leichte Verbeugung angedeutet wird, demütig vor Maria und stotterte: „Verzeihung, aber der Pudel wurde abgeholt. Er ist nicht mehr hier bei uns, verstehen Sie das?“

Nun wurde Maria endgültig fuchsteufelswild.

„Abgeholt – was Sie nicht sagen, Sie Verbrecher! Sie haben den Hund wahrscheinlich versteckt oder verkauft. Sie sind bestimmt ein Teil dieser Hundemafia, die so viele unschuldige Hunde nach Laos verschleppt.“

Glücklicherweise war der Schalterbeamte des Englischen nicht besonders mächtig und Marias italienischer Akzent führte dazu, dass er in diesem Gespräch nur bruchstückhaft verstand, wessen sie ihn bezichtigte.