Punk Justiz - Uli Zey - E-Book

Punk Justiz E-Book

Uli Zey

0,0

Beschreibung

Jannik und Julia, zwei junge Kleinstadtpunks, möchten Zeichen setzen. Zeichen gegen den alltäglichen Wahnsinn in unserer Welt. Der Umgang der Gesellschaft mit Tieren und Umwelt geht ihnen mächtig gegen den Strich. Aber, wie soll man diese Gesellschaft ändern? Sie planen Aktionen die Aufsehen erregen und die Menschen zum Nachdenken zwingen sollen. Doch aus dem Spiel wird schnell Ernst.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Uli Zey

Punk Justiz

Die Ballade von Jannik und Julia

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Impressum neobooks

Kapitel 1

Mit einem Flackern sprang die Neonröhre an der Decke an und tauchte das spärlich möblierte Zimmer in ein kaltes Licht. Auf dem Bett in der Ecke lag ein junges Mädchen, nur mit einer Art Unterhemd und einem Höschen bekleidet. Aus Richtung der Tür war zu hören, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und anschließend das Schloss gedreht wurde. Das Mädchen schaute mit ängstlichem Blick in Richtung Tür, die sich im gleichen Moment öffnete.

Ein etwa 1,75 großer, korpulenter Mann mit Glatze, welche im gnadenlosen Neonlicht in hellem rosarot leuchtete, betrat den Raum. In der Hand hielt er eine Art Stock aus Metall, auf den das Mädchen mit ängstlichen Augen starrte.

„Los Schlampe, aufstehen. Oder brauchst Du ein >Hallo Wach<?“

Das Mädchen schlug die Decke zur Seite und stellte sich mit zittrigen Beinen vor ihr Bett.

„Kopf hoch, Augen gerade aus“ sagte der Typ und hob mit Hilfe des vorne gegabelten Stabes ihr Kinn in die Höhe. Das Mädchen hatte Tränen in den Augen. Das Zucken um ihre Mundwinkel verriet, dass die junge Frau kurz davor war, zu weinen. Der Dicke nahm den Stock nun beiseite und schlug dem Mädchen ohne Vorwarnung mit ziemlicher Wucht in die Magengrube. Das Mädchen klappte laut aufschreiend zusammen und landete auf dem kalten PVC-Boden. Sie krümmte sich in einer Art Embryonalstellung zusammen und fing an, laut zu schluchzen.

„Los Du Miststück aufstehen, oder soll ich Dir Beine machen? Und höre sofort auf mit der verdammten Heulerei, sonst lernst Du mich kennen!“

Das Mädchen rappelte sich auf und stand kurz darauf schniefend vor dem Typen. „Heulen und jammern kannst Du später, wenn Du alleine bist“ sagte der Mann. „Jetzt hältst Du die Klappe. Wenn ich noch ein Wort von Dir höre dann schneide ich Dir die Zunge heraus, hast Du mich verstanden?“

Das Mädchen nickte während ihr Tränen die Backen herunter liefen. „Wie sieht es eigentlich hier aus, was ist das für eine Unordnung?“ Er zeigte mit dem Finger auf das Bett. Habe ich Dir nicht schon tausendmal gesagt Du sollst Dein Scheiß Bett ordentlich machen, bevor ich zu Dir komme? Meinst Du es macht mir Spaß in so einer Penner-Bude mit Dir zusammen zu sein. Los, dreh Dich um und bück Dich!“

Das Mädchen drehte sich und bückte sich nach vorne. Der Typ trat ihr so fest in den Hintern das sie vornüber auf das Bett fiel. „Los, bring das in Ordnung oder es setzt was“ schrie er sie an. Das Mädchen stand auf und begann hastig damit das Bett in Ordnung zu bringen, Sie zog das Laken gerade, schüttelte das Kopfkissen auf und legte die Bettdecke ordentlich zusammen. Anschließend stellte sie sich wieder vor das Bett und wartete ab.

„Du musst Dir mal eines merken Kleines, Tussen wie Dich gibt es wie Sand am Meer. Ich brauche nur raus zu fahren und mir ein anderes Mäuschen zu fangen, du weißt ja wie leicht mir sowas fällt. Ich bin ein guter Jäger und, wenn ich es darauf anlege, dann komme ich immer mit einem Stück Beute nachhause. Du nervst mich langsam mit Deiner Heulerei und wenn Du nicht willst, dass Dir ein Unglück geschieht und eine andere an Deiner Stelle diese Bude hier bezieht dann gib Dir Mühe, mir zu gefallen. Heulen gefällt mir zum Beispiel nicht. Man könnte sogar sagen das ich Heulen absolut bescheuert finde.“ Der Dicke lächelte selbstgefällig. „Jedes Mal wenn Du heulst wirst Du hinterher bestraft, habe ich Dir doch schon tausend mal gesagt. Und trotzdem hattest Du heute schon wieder nichts anderes zu tun als zu flennen. Du weißt, dass ich Dir sowas niemals durchgehen lasse. Warum machst Du es also ? Ich glaube ich weiß, warum du Schlampe das tust. Du tust es weil du auf das abfährst, was ich dann mit Dir mache. Du bist geil darauf. Du kannst gar nicht genug davon bekommen.“

Das Mädchen stand immer noch vor dem Bett und starrte ins Leere. Der Dicke ging auf sie zu und zog während des Gehens ein Paar Handschellen aus seine Hosentasche.

„Los, Hände vorstrecken.“

Das Mädchen hielt dem Mann die Hände hin, worauf dieser sie grob packte und ihr die Handschellen anlegte. Dann zog er ein kurzes Stück Kette mit einem Vorhängeschloss daran aus der anderen Hosentasche, zerrte das Mädchen quer durch das Zimmer zu dem an der Wand befestigten Heizkörper und kettete sie mit der kurzen Kette am unteren Ende der Heizung fest – so, dass das Mädchen vornübergebeugt dort stand und nicht mehr weg konnte. Der Mann ging zwei Schritte zurück und betrachtete die Situation mit sichtlichem Wohlgefallen. Dann öffnete er seine Gürtelschnalle und zog sich den Gürtel aus der Hose. Er ging zu dem Mädchen hin und zog ihr das Höschen bis unter die Knie herunter. Dann beugte er sich vor und flüsterte ihr ins Ohr. „Denk daran was ich Dir eben gesagt habe. Wenn Du heulst dann machst Du alles nur noch schlimmer.“ Der leicht säuerliche, verbrauchte Atem des Mannes schlug dem Mädchen ins Gesicht, aber es wagte nicht, den Kopf zur Seite zu drehen. „Hast Du mich verstanden?“ sagte er leise und schaute ihr dabei in die Augen. Das Mädchen nickte. „Ja, ich habe Dich verstanden“ sagte sie.

„Dann ist es ja gut“ sagte der Dicke und ging zwei, drei Schritte zurück. Er betrachtete noch einen Moment lang genüsslich das Hinterteil, das das Mädchen ihm in gebückter Haltung entgegenstreckte und holte zum ersten Schlag aus. Das Leder des Gürtels klatschte auf ihr Hinterteil und hinterließ einen roten Streifen. Aus Erfahrung wusste der Dicke das man ein Stück Haut erst einmal warm schlagen musste, weil ansonsten die Haut zu schnell platzte. Aber das war ihm in diesem Fall egal. Diese kleine Nutte war ihm sowieso scheißegal. So wie die Sache aussah würde er sie bald aussortieren müssen. Der zweite Schlag traf das Mädchen, dann der dritte. Der Dicke schlug sich förmlich in Trance. Erst als dem Mädchen das Blut die Schenkel herunter lief, hörte er auf und betrachtete sein Werk. Das Hinterteil des Mädchens war nur noch ein rohes Stück Fleisch. Er hörte das Mädchen leise Wimmern und schrie sie an. „Hör auf zu heulen du Schlampe, sonst schlage ich Dich tot.“ Er holte seinen steifen Schwanz aus der Hose und hielt ihn kurz in seiner Hand. Dann kramte er eine Tube Vaseline aus der Hosentasche und cremte sich genüsslich seinen Schwanz damit ein. Als er damit fertig war verschloss er die Tube wieder und stopfte sie achtlos zurück in die Hosentasche. Er ging zwei Schritte nach vorne, stellte sich genau hinter die Kleine und rieb seinen Schwanz an ihrem blutigen Hinterteil.

„So“ sagte er, „zur Belohnung weil Du so schön still gehalten hast besorge ich es Dir jetzt ordentlich.“

Kapitel 2

Am Horizont zeichnete sich das erste zarte Morgenrot ab. Jannik ging in großen Schritten den einsamen Feldweg entlang. Das vom Morgentau nasse Gras hatte seine maroden Springerstiefel aufgeweicht und seine Strümpfe und Füße waren nass. Das war ihm egal, er war es gewohnt lange Strecken zu laufen und nasse Füße gehörten mit zum Standardprogramm. Schließlich war das hier nicht Arizona oder New Mexiko durch das er spazierte sondern ein gewöhnlicher Feldweg in Hessen.

Er liebte es so durch die Natur zu laufen. Der Rhythmus beim Gehen versetzte ihn in eine Art Trance. Die Monotonie der Schritte, die Geräusche seiner Schuhe wenn er über Teer, Schotter oder wie hier durch hohes Gras ging, hatte etwas beruhigendes. Bei solchen Wanderungen konnte er wunderbar nachdenken, über alles, was ihn bewegte, alles, was er verabscheute und alles, was er hasste.

Da gab es eine ganze Menge, was Jannik auf den Keks ging. Die ganze scheiß Gesellschaft zum Beispiel. Die Bonzen in ihren dicken Kisten, die Penner in ihren dicken Villen mit Doppelgarage und einem riesigen Rasen ums Haus.

Wenn er Samstags mittags vor die Tür ging, hörte er überall nur das Wummern und Dröhnen von Rasenmähern in der Ferne. Oder die ganzen Normalos, die, die, wenn sie am Samstag an ihrer Hütte etwas am arbeiten waren, immer so einen verbissenen Ausdruck auf dem Gesicht hatten. Jeder Mist, den sie machten, war wichtig. Sägen, Löcher graben, Betonieren, alles war wichtig. Alles musste seine Ordnung haben, ordentlich und sauber sein, was sollen denn die Leute denken, das kotzte ihn an. Wie konnte man nur solch ein Leben führen, wie konnte man nur so Leben und dabei glücklich sein.

Nun gut, glücklich war er selbst auch nicht, aber er stand wenigstens dazu und er wäre auch bereit dieses beknackte System zu ändern. Aber die kloppten sich doch einen auf ihren Besitz, auf ihr Auto, ihre Bude, ihre Tussi und ihren scheiß Rasenmäher. Was denen zum absoluten Glück nur noch fehlte, war das ewige Leben, oder wenigstens eine Lebenserwartung von ein paar hundert Jahren, damit sie sich endlos weiter in ihrer kleinkrämerischen Wichtigkeit sonnen und immer weiter ganz wichtig irgend etwas arbeiten, irgendetwas kaufen oder irgendetwas besitzen konnten, um weiterhin endlose Runden mit dem Rasenmäher drehen und ganze Gebirge von Grünschnitt erzeugen zu können.

Jannik musste aufhören, daran zu denken sonst hätte er sich noch auf seine Stiefel gekotzt. Das war es ja wohl nicht wert, sich wegen diesen Affen die Schuhe voll zu kotzen, oder ?

Schwiff, schwiff, schwiff, schwiff, weiterhin lag früh morgendliche Ruhe über dem Land, nur das Geräusch seiner Schritte im Gras und ab und zu das Röhren eines Motors in weiter Ferne waren zu hören. Langsam näherte sich Jannik einer Wegzweigung, jetzt noch einmal links, noch einen knappen Kilometer leicht bergauf und dann wäre es mal wieder geschafft. Nach einer guten Stunde über Stock und Stein endlich ein Kaffee, noch ein bisschen Musik und dann ab in die Falle.

Jannik hatte den Abend bei Matthes verbracht. Matthes war sein einziger Freund. Gerne lief er die drei Kilometer um sich mit ihm zu treffen. Mit Matthes konnte er sich über alles unterhalten, Weiber, Suff, Musik, aber auch über andere Dinge wie z.B. die Natur oder über Politik. Oft besoffen sie sich, aber auch nur gemeinsam, und laberten irgend einen Scheiß.

Natur war für Jannik das Wichtigste. Ohne Natur ging gar nichts. Die Natur hörte ihm zu, wenn er seine langen Selbstgespräche führte wie er es manchmal bei seinen Spaziergängen tat. Die Natur strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus. Würde der Mensch in seinem Wahnsinn nicht ständig der Natur in den Arsch treten, dann wäre die Welt in Ordnung. Aber hindere diese Idioten mal daran. So lange noch ein Cent mit Umweltzerstörung zu verdienen ist, so lange ist die Umwelt diesen Arschlöchern doch scheissegal.

In Janniks WG wohnten auch nur Vollidioten, Punks zwar, es gab Schlimmeres, aber halt welche von der hirnlosen Sorte. Partypunks, Fressen, Saufen, Ficken und Punk. Fertig ist der Lack. Natürlich auch noch Computerspiele, hätte ich fast vergessen zu erwähnen, und Internet natürlich, bei Facebook posten, was für einen tollen Popel man sich gerade eben aus der Nase gezogen hat und solche Sachen.

Wie oft hatte er sich schon mit diesen Hirnis gestritten von wegen der Ernährung. Wurst, Fleisch, wie konnte man so eine Tier-KZ-Scheisse bloß fressen ? Das ging nicht in Janniks Kopf hinein. Nach seiner Ansicht gehörte jeder an die Wand gestellt der Tiere killt um sie zu essen.

Wer will schon gekillt und gefressen werden ?

Irgendwo hatte er mal gelesen, es wäre diese anerzogene Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Tiere, die es zulässt, dass Menschen ihre nächsten Verwandten auf diesem Planeten quälen, töten und aufessen. Das traf es ganz gut, fand Jannik. Einfach nicht drüber nachdenken, Augen zu und durch, so waren sie halt, diese Fleischfresser.

Schwiff, schwiff, Schritt für Schritt näherte Jannik sich seinem Ziel. Schritt für Schritt dachte er nach und mit jedem Gedankenschritt wuchs seine Ablehnung und sein Hass gegen die Gesellschaft, in der er lebte.

Das Morgenrot wurde zusehends stärker. Schon hatte das Licht über die Dunkelheit gesiegt. In der schemenhaften schwarz-grau-weiss-Welt der letzten halben Stunde hielten langsam die Farben Einzug. Zart noch, ganz verhalten in leichten Pastellfarben, aber doch schon gut zu erkennen. Hier und da über den Feldern lag ein leichter, dunstiger Frühnebel der schon bald von der Sonne ins Jenseits geschickt werden würde. Doch zu diesem Zeitpunkt würde Jannik schon zuhause mit einem Kaffee in der Hand in seiner Bude hocken.

Plötzlich blieb Jannik stehen. Was war denn das ? Etwa hundert Meter vor ihm sah er etwas im Gras liegen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen was dort vorne vor ihm auf dem Weg lag. Jannik ging weiter, er beschleunigte auf Eiltempo. Mit jedem Schritt gewann das Bild an Konturen. Noch ein paar Meter bis zum Ziel, nur noch ein paar Meter und Jannik würde mitten in einem Haufen Müll stehen.

Neuer Hass stieg in ihm auf als er diesen Schandfleck erreicht hatte. Mitten in diesem frühmorgendlichen Idyll, mitten hier in der Natur, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen sollten, mitten auf diesem einsamen Feldweg lagen verstreut diverse Fastfood-Verpackungen, eine leere Bier- und eine leere Prosecco Dose, die Reste eines ausgekippten Autoaschenbechers und zwei benutzte Kondome.

„Vollassis“ knurrte Jannik, „beschissene, kleine, verfickte Vollassis“. Einfach alles aus dem Fenster gekippt. Scheiß auf die Natur. Scheiß auf die Welt.

Wenn er doch nur einmal solche Wichser auf frischer Tat ertappen könnte.

Jannik sammelte die Plastikbehälter, in denen die verschiedenen Saucen und Dips gewesen waren, und steckte sie in seine Jackentasche. Die Zigarettenstummel sammelte er ein und stopfte sie in die leeren Getränkedosen, die er anschließend ebenfalls in seinem Säckel verschwinden ließ. Nun sammelte er die Burgereinwickelpapiere ein und stopfte sie alle bis auf eines in die braune Papiertüte, in der das gesamte Menü verpackt gewesen war. Das letzte Burger-Papier benutzte er als eine Art Griffschutz, um die beiden vollgerotzten Pariser aus dem Gras aufzuheben, die er dann zusammen mit dem restlichen Papier in der Tüte verschwinden ließ.

Toll. Tu jeden Tag eine gute Tat. Hahaha.

Jannik ging weiter, der Tag war schon versaut bevor er überhaupt richtig angefangen hatte. Das Schlimme war, dass sein Hass so ins Leere lief. Er konnte niemanden packen, um ihm seine Verachtung ins Gesicht zu schreien. Alles, was ihm blieb, war hinterher den Müll von diesen Schweinen wegzuräumen.

Jannik ging die letzten Meter der kleinen Anhöhe hinauf, mit hängendem Kopf, tief in Gedanken versunken, mit einer dunklen Wolke aus Hass und Arger hinter der Stirn.

Hinter ihm eroberte die rote Scheibe der Sonne langsam den Horizont, doch davon bekam Jannik nichts mehr mit.

Kapitel 3

Als Jannik die Küche der WG betrat, empfing ihn das gewohnte Chaos. Der Boden war übersät mit allen Arten von Müll. Hauptsächlich Dosen und leere Flaschen, Verpackungen von Fertigpizzen und Mikrowellenmenüs, aber auch alle Arten von schmutzigem Papier, Plastik, Metall und, was es sonst noch so alles an Hausmüll gibt auf diesem Planeten. Aber, das war für Jannik o.k., das war Punk, leben im Müll, weil man ja auch selbst nur Müll ist, ein Parasit, ein Schädling. Hier in seiner Bude wäre er niemals auf die Idee gekommen, den Müll wegzuräumen. Nur die Natur in ihrer unschuldigen Reinheit war es Wert, geschützt zu werden. Die Natur und natürlich die Tiere, o.k. kleine Kinder vielleicht auch noch. Die waren ja auch noch unschuldig. Aber wenn man bedachte, dass aus denen ja auch irgendwann einmal ausgewachsene Arschlöcher werden würden, könnte man es sich noch mal überlegen. Aber nein, Kinder waren unschuldig. In diesem Fall zählte für Jannik nur die Gegenwart.

Jannik goss Wasser in den alten, klapprigen Severin-Wasserkocher der eine Ewigkeit brauchte um das Wasser zum kochen zu bringen, weil er noch nie seit seiner Inbetriebnahme entkalkt wurde.

Er setzte sich und sofort, wie aus dem Nichts hüpfte Woodstock, der alte schwarze Kater auf seinen Schoß und forderte eindringlich nach Streicheleinheiten. Jannik begann Woodi zu streicheln und im selben Moment fing dieser an, genüsslich zu schnurren. „Guter alter Woodi, bist ein feines Kerlchen“.

Der Wasserkocher knatterte vor sich hin, würde noch ein Weilchen dauern. Jannik setzte Woodi ab, ging zum Kühlschrank und holte die angebrochene Katzenfutterdose heraus. Woodi schlängelte sich laut maunzend zwischen seinen Beinen hindurch. „Ja, jetzt gibt es Leckerchen Woodi“ sagte Jannik, „fein Leckerlinchen“.

Jannik suchte nach dem alten Frühstücksteller mit den festgeknosterten Katzenfutterresten an den Rändern und fand ihn halb unter dem Küchenschrank versteckt. Er ging in die Hocke und begann das Futter auf den Teller zu schaufeln und sofort begann Woodstock zu schlingen. Die leere Dose ließ Jannik neben dem Tellerchen stehen und ging wieder zum Tisch.

Als er sich gerade wieder hinsetzen wollte, kochte das Wasser. Schnell goss Jannik sich einen Kaffee auf und setzte sich an den Tisch. Noch einmal ging er im Geiste den Weg entlang und noch einmal sah er den Müll dort liegen. Wieder stieg Wut in ihm auf. Man müsste etwas tun, ein Zeichen setzen, diesen Wichsern irgendwie Angst machen, damit sie sich nicht mehr trauen würden, ihren Dreck einfach in die Landschaft zu kippen.

Wenn Erklärungen und Gespräche nichts bringen, und das taten sie nicht, dann musste man zu anderen Mitteln greifen. Und wenn blanke Angst ein Mittel wäre, um diesen Idioten Einhalt zu gebieten, dann musste man halt zu diesem Mittel greifen.

Jannik nahm einen kleinen Schluck von seinem Kaffee, er war heiß und stark.

„Blanke Angst“ murmelte er in seine Tasse. Warum eigentlich nicht ?

Aber wie ?

Wie sollte er denn Angst und Schrecken verbreiten ?

Seine Gedanken kreisten weiter, während er seinen Kaffee trank. Heute würde das nichts mehr werden. Er würde jetzt erst einmal über die Sache schlafen und dann weiter überlegen. Jannik stand auf und ging hinüber in sein Zimmer. Woodi, der mittlerweile satt und zufrieden war, lief ihm hinterher. Er legte sich seine momentane Lieblings-CD auf, ein Sampler mit Punk-Classics , warf sich in voller Montur auf seine Matratze und schlief fast augenblicklich ein. Woodi rollte sich vor dem zusammen gekrümmten Körper Janniks zusammen und fing zufrieden an zu schnurren.

Kapitel 4

Die Nacht war rabenschwarz.

Jannik lag zwischen hüfthohen Brennesseln, halb hinter einem Haufen alten Bauschuttes versteckt, auf der Lauer. Dies war ein Ort, den er sehr gut kannte, an dem einer seiner Lieblingswege ihn regelmäßig vorbeiführte, aber auch ein Ort, den viele Zeitgenossen einfach nur als wilde Deponie benutzten. Jedes Mal, wenn Jannik hier vorbei ging, kam ihm die kalte Kotze hoch, denn diese Stelle, die eigentlich sehr idyllisch am Fuße eines kleinen Hanges gelegen war, hatte es einfach nicht verdient, so missbraucht zu werden. Die klassische Nacht der Müllentsorgung war Samstag auf Sonntag. Samstag, der traditionelle Tag der Schwarzarbeiter. Da wurde gerödelt was das Zeug hält, und anschließend, nachdem man ein paar Bierchen gelutscht hatte, schwang man sich noch mal in den alten Kombi und eierte im angenehmen Halbrausch über einsame Feldwege hierher zu diesem Platz, an dem dann der ganze Baustellenmüll im Schutze der Dunkelheit im Grünen entsorgt wurde. Dachpappe, Bauschutt, Styroporreste, ausgepresste Silikonkartuschen, leere Zementsäcke und dergleichen lagen hier weit verstreut in der Landschaft.

Dieser Missstand ging Jannik schon lange auf den Sack, und heute Nacht würde er zurückschlagen. Wenn nicht er, wer sonst ? Niemand schien sich ernsthaft für diesen Dreckstall hier zu interessieren. Den meisten Menschen schien es egal zu sein, was hier geschah. Zwei Gründe waren nach Janniks Meinung ausschlaggebend dafür.

Erstens gingen die, denen die Natur scheißegal war, auch kaum spazieren. Die Jogger und Radfahrer blieben lieber auf den besser ausgebauten und geteerten Feldwegen.

Außerdem, die meisten hier aus dem Kaff hatten wohl selbst schon ihre Abfälle hier abgekippt und waren froh, dass es eine stillschweigend geduldete Stelle gab, an der man ungestört seinen Müll entsorgen und die ansonsten anfallenden Entsorgungsgebühren sparen konnte.

„Entsorgung“, alleine der Begriff sagte doch schon alles. Etwas macht mir Sorgen und ich schaffe es mir vom Hals, damit ich nicht mehr daran denken, mich nicht mehr sorgen muss. Ich entsorge mein Problem, das Problem ist zwar noch da, aber halt für mich nicht, ich habe es entsorgt. Ich kippe meine Sorgen einfach ins Grüne, einfacher geht es nicht, interessiert ja eh kaum jemanden.

Jetzt hat halt die Natur die Sorgen am Arsch, die Pflanzen und Tiere können sich ja jetzt mit diesem Müll auseinandersetzen oder einfach einen Bogen darum machen oder einfach daran verrecken oder was weiß ich, ist doch auch egal, ich jedenfalls bin meine Sorgen los.

Ekelhaft oder ?

Jannik zog seine Remington 870 Kurz-Schrotflinte aus dem Rucksack, geladen mit 6 Flintenlaufgeschossen Kaliber 12.

Irgendwie konnte er sich gar nicht daran erinnern, woher diese geniale Knarre stammte.

Auch Erinnerungen an Schießübungen oder dergleichen fehlten komplett in seinem Arbeitsspeicher. Aber das spielte jetzt alles keine Rolle. Hauptsache war, das Ding war da. Und was sollte an Zielen und Abdrücken schon so schwer sein. Die Waffe lag schwer und beruhigend in seiner Hand. Egal was kommen würde, mit diesem Teil würde Jannik eindeutig auf der sicheren Seite sein.

In der Ferne tauchte ein Scheinwerferpaar auf. Langsam kam das Fahrzeug näher und schon kurz darauf konnte Jannik das typische untertourige Tackern und Klackern eines alten Dieselmotors hören.

Das Warten schien sich gelohnt zu haben, ein alter, verrosteter Benz 711 D mit Pritsche holperte die letzten Meter zum Ziel. Der Wagen stoppte kurz darauf und Jannik hörte das Schnarren der Handbremse, als sie angezogen wurde.

Jannik war total cool und wunderte sich darüber noch nicht einmal. Er hatte das Gefühl, solch einen Einsatz zum hundertsten mal zu machen, er fühlte sich wie ein Profi.

Die Türen des Pritschenwagens flogen auf und zwei dunkle Gestalten schwangen sich unter der blechern klingenden Begleitung von Nino de Angelos „Jenseits von Eden“ die aus dem Lautsprecher des billigen Radios im LKW plärrte hinaus aus dem alten Benz. Die Männer gingen direkt zur Pritsche und begannen die Bordwand zu entriegeln.

In diesem Moment trat Jannik hinter dem Schutthaufen hervor und bewegt sich sicheren Schrittes auf die Szenerie zu. Die beiden Männer, zweifellos gut angetrunken, sich laut am unterhalten und in einer Wolke aus Schlager-Musik stehend, hatten Jannik im Rücken und merkten nicht, welche Gefahr aus dem Hinterhalt auf sie zu kam. Als Jannik noch sieben, acht Meter entfernt war, blieb er stehen. Noch immer hatten die Typen nichts bemerkt, doch das sollte sich jetzt schnell ändern.

„Ganz langsam die Hände hoch und umdrehen ihr Wichser“ rief Jannik zu ihnen hinüber.

Keine Reaktion, die beiden schienen ihn überhaupt nicht gehört zu haben. Jannik lud durch und schoss einmal in die Luft. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss brutal alles, was an Geräuschen da war.

Die beiden Männer erstarrten in ihren Bewegungen und drehten sich langsam zu Jannik um, der bereits die Remington wieder durchgeladen hatte. Jetzt war ihm die Aufmerksamkeit der beiden sicher. Jannik genoss diesen Augenblick der Macht, endlich konnte er jemanden bestrafen für den Frevel, den er der Natur angetan hatte, und er war fest entschlossen, dies auch zu tun.

„Was machen wir den da für Schweinereien“ sagte er ruhig während die beiden ihn immer noch wie ein Wesen aus einer anderen Welt anstarrten.

Einer von den beiden löste sich jetzt aus der Starre und erwiderte „hau bloß ab Du Penner bevor ich Dir in Deinen dreckigen Punker-Arsch trete“. Der Typ machte einen Schritt nach vorne. Jannik ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Er zielte kurz und drückte ab. Die Remington bellte gewaltig und der Kopf des Typen der eben noch flotte Sprüche geklopft hatte explodierte förmlich. Blut, Gehirn und Knochensplitter verteilten sich im Umkreis von fünf Metern. Der Torso des Mannes blieb noch einen Moment stehen, drehte sich dann langsam zur Seite und fiel in sich zusammen. Für einen Moment herrschte eine absolute Stille. Nur das Radio dudelte weiter fröhlich vor sich hin. Plötzlich drehte der zweite Dreckspatz sich um und begann zu rennen. Jannik lud seelenruhig durch und nahm sein nächstes Opfer ins Visier.

Doch ausgerechnet in dem Moment, wo er abdrücken wollte, durchzuckte ein Schmerz in seiner Bauchgegend ihn wie ein heller Blitz. „Scheiße, was war das“ dachte er und schaute an sich herab um zu sehen was ihm da so zusetzte aber er konnte nichts außergewöhnliches an seinem Bauch erkennen. .

Der zweite Penner war schon fast außer Reichweite und er musste sehen das er die Sache hier zu Ende brachte.

Im selben Moment durchfuhr ihn ein noch heftigerer Schmerz, so als hätte jemand ihm eine Handvoll brennender Zigarettenkippen ins T-Shirt gesteckt. Jannik ließ die Waffe fallen und schlug wie besessen auf seinen Bauch ein. Er schmiss sich zu Boden und drehte und wälzte sich wie wild. Da bekam er etwas zu packen und er riss fest daran, sofort hatte er auch starke Schmerzen in der Hand. Er riss noch fester, so fest es ging und wunderte sich darüber das er etwas pelzig-weiches und warmes zwischen seinen Fingern spürte. Er stutzte, und starrte nach unten, um zu sehen was das wohl war und war vollkommen überrascht als er erkannte, dass es Woodstock war, den er da am Kragen hatte und der ihn mit vorwurfsvollem Blick und laut miauend anschaute. Plötzlich lag er auch nicht mehr auf einem Schutthaufen sondern zuhause auf seinem Bett. Er entspannte sich und lies den Kater los.

„Was für eine Scheiße“ dachte er.

Kapitel 5

Julia Franke und Jannik Mechtel kannten sich schon von der frühesten Kindheit an. Janniks und Julias Eltern waren eng miteinander befreundet und ihre beiden Väter arbeiteten zusammen in der selben Baufirma und spielten zusammen im selben Fußballclub, Germania Limburg.

Zusammen mit ihren Müttern standen sie unzählige Male, Sommer wie Winter, in Regen und Schnee am Rande des Fußballfeldes und bewunderten den bescheidenen Ballzauber ihrer Papas, der für die beiden damals High-End-Fußball der Extraklasse bedeutete.

Sie rannten um die Wette, um den Ball zurückzuholen, wenn dieser mal wieder in weitem Bogen über das Tor in das angrenzende Waldstück geflogen war und sie jubelten frenetisch, wenn ab und zu mal einer im Tornetz zappelte.

Auch sonst trafen sich die beiden Familien häufig zum gemeinsamen Grillen oder an Weihnachten und Ostern sowie an allen Geburtstagen. Jannik und Julia, die bis auf drei Tage Unterschied gleich alt waren, hingen immer wie zwei Kletten beieinander. Sie spielten zusammen Nachlauf und Verstecken (manchmal auch heimlich Mann und Frau oder „Onkel Doktor“), schauten gemeinsam Kinderfilme im Fernsehen an, während die Eltern sich auf der Terrasse am unterhalten waren, oder rasten gemeinsam bei WipeOut auf der Play Station um die Wette.

In der Grundschule, in die Jannik und Julia damals gingen, waren sie in der selben Klasse und saßen natürlich auch nebeneinander, womit sich insbesondere Jannik den Hohn und Spott seiner gleichaltrigen, männlichen Schüler zuzog. In diesem Alter, (wir reden hier über 8-10 jährige) war es keinesfalls normal, dass ein Junge neben einem Mädchen an einem Tisch saß. Aber mit dem „Normalsein“ hatte Jannik seltsamer Weise schon damals nicht viel am Hut. Er mochte Julia und er stand dazu.

An einem regnerischen Vormittag in der Neun Uhr-Pause geschah es einmal, dass Kevin, ein besonders feister Drecksack, der nur Scheiße im Hirn zu haben schien, sich von hinten an Julia heranschlich, ihren Rock hochhob und ihr die Blümchen geschmückte Unterhose bis herunter zu den Knien zog. Julia war total entsetzt und geschockt und fing hemmungslos an zu weinen.

Als Jannik dies bemerkte, schoss er wie ein geölter Blitz quer über den Pausenhof, packte Kevin an seinen Haaren und schlug ihn mit dem Gesicht dreimal auf sein Knie worauf Kevin laut aufschreiend und mit einer blutspritzenden Nase zu Boden sank und seinerseits laut zu heulen anfing. Als die Lehrerin der Pausenaufsicht wild rauchend hinzu kam, hatte Julia ihre Unterhose natürlich längst wieder hochgezogen und ihren Rock wieder anständig zurechtgerückt und die Lehrerin sah nur noch den blutenden Kevin, der zwischen Jammern und Schniefen immer wieder behauptete, dass er doch gar nichts gemacht hätte und Jannik einfach ohne Grund auf ihn los gegangen wäre.

Jannik musste mit zum Rektor der Schule, der ihm gehörig die Leviten gelesen hatte, seine Eltern wurden über den Vorfall informiert und am selben Abend noch fuhr Janniks Vater mit ihm zuhause bei Kevin vorbei und bestand darauf, dass Jannik sich in aller Form bei Kevin entschuldigte. Kevins Eltern bestanden auf ein Schmerzensgeld. So was muss unbedingt bestraft werden, man könne sich aber auch einen Anwalt nehmen wenn es Herrn Mechtel lieber wäre. „Nein, auf gar keinen Fall“ erwiderte Janniks Vater devot, ist doch klar, dass wir uns nicht lumpen lassen. Janniks Vater kramte seine Geldbörse hervor und zog einen Hundertmarkschein heraus (jawohl, Mark und nicht Teuro, das waren noch Zeiten ...). „Kaufen Sie Kevin was schönes dafür, dann tut es schon gleich nicht mehr so weh“ sagte Janniks Paps noch und drängte Kevins Vater den Geldschein förmlich auf. „Vielen Dank Herr Mechtel, ich sehe wir sind auf einer Wellenlänge. Und machen Sie ihrem Sohn bitte klar, dass, wenn so etwas noch einmal vorkommen sollte, wir uns an das Jugendamt wenden werden“.

Besonders ätzend fand er, dass sein Vater daraufhin mehrmals versicherte er „wisse nicht was in den Jungen gefahren wäre“ und „wenn das noch einmal vorkommen sollte, müsse man wohl mit Jannik bei einem Kinderpsychologen vorsprechen“.

Während sein Vater solche peinliche Statements abgab, schaute Kevin die ganze Zeit mit einem höhnischen Grinsen aus einer dunklen Ecke des Flures hinüber zu Jannik, ganz so, als wolle er sagen „nun siehst du was Du davon hast wenn Du Dich mit mir anlegst“.

Auf der anschließenden Fahrt nachhause wurde Janniks Vater dann deutlicher. Ob er noch alle Tassen im Schrank hätte und, ob er glauben würde, dass seine Eltern nicht etwas besseres zu tun hätten, als die paar sauer verdienten Kröten, die er von „Meyers Bauhof, Gut & Billig“ mit nachhause brachte, für irgendwelche Kiki-Schmerzensgelder, die auf das Konto ihres Sohnes gingen zum Fenster hinauszuwerfen.

„Wenn das noch einmal vorkommt Freundchen, dann haue ich Dir mal auf die Nase“ schrie er, während er den Blinker seines alten R5 setzte um in die Grabenstraße einzubiegen in denen die Mechtels ihr bescheidenes Heim bewohnten.

„Aber Paps, ich habe doch Julia nur geholfen“ jammerte Jannik unter Tränen, „der Kevin hat Julia doch den Rock hochgehoben und die Unterhose heruntergezogen!“.

Janniks Vater parkte den Wagen am Bürgersteig vor dem Haus, zog die Handbremse und stellte den Motor ab. Dann drehte er sich in Richtung seines Sohnes und schaute dem Jungen tief in die Augen.

„Ist ja schon o.k. Kleiner, du wolltest helfen. Aber Du hast es total übertrieben, eine einfache Backpfeife hätte es auch getan. Kevin sah ja aus als hätte er drei Runden gegen Klitschko geboxt. Jetzt noch mal ganz langsam zum mitschreiben: In Zukunft lässt Du solche Aktionen bleiben, haben wir uns verstanden ?“

Jannik schniefte. Der untere Teil seines Gesichtes, von der Nase an abwärts, war bedeckt mit einem Tränen-Rotz-Gemisch. „Ja“ murmelte er, „ich werde das nicht wieder tun“, er zögerte einen kleinen Moment um dann noch hinzuzufügen „aber die anderen sollen sich auch benehmen. Es ist einfach ungerecht, dass Kevin nicht bestraft wird“.

„Tja Jannik, heute hast Du eine Lektion für das Leben gelernt. Machen kann man nämlich alles, man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen. So und jetzt raus aus dem Auto, Mama wartet bestimmt schon mit dem Abendessen auf uns“.

Als Jannik mit seinem Vater die Küche betrat war der Tisch schon gedeckt und Mutter stand an der Arbeitsplatte bei der Spüle und schnippelte ein paar Tomaten klein.

„Und, alles wieder im Lot“ ? fragte sie ohne aufzuschauen.

„Ja, war halb so wild. Viel Rauch um Nichts. Kevin hatte nur leichtes Nasenbluten, aber gebrochen war nichts. So was kommt schon mal vor bei Jungs. Unser Jannik lässt sich halt nichts gefallen“.

Vater blickte verschwörerisch hinüber zu Jannik, der ihn von unten herauf ein bisschen verschämt und überrascht zugleich anschaute. Vater legte den Zeigefinger auf den Mund und Jannik nickte. Dann setzten sich die beiden und begannen zu essen.

Ein paar Tage darauf in der großen Pause lief Kevin Jannik

auf dem Klo in der Schule vor die Füße. Außer den beiden

war niemand sonst auf dem stillen Örtchen.

Jannik drückte Kevin an die Wand und rammte ihm so fest es ging sein Knie in die Eier.

Kevin versuchte sich vor Schmerz nach vorne zu krümmen aber Jannik hielt ihn fest an die Wand gedrückt und schaute Kevin direkt in die tränenden Augen. „Das hast Du davon wenn Du dich mit mir anlegst. Mach das nie wieder oder ich poliere Dir so die Fresse, dass du Dir wünschst, mir nie über den Weg gelaufen zu sein.“

Jannik ließ Kevin los und dieser kippte wimmernd vorne über auf die vollgepissten Fliesen vor den Urinalen.

Jannik verließ schnell das Klo.

Von diesem Tag an hatte er nie wieder Ärger mit Kevin.

Kapitel 6

Jannik drückte die Play-Taste an seinem CD Player und die Musik begann leise zu spielen. „London Calling“ von „The Clash“. Es klopfte leise an der Tür und, bevor Jannik reagieren konnte, kam Julia mit fragendem Blick ins Zimmer, schloss die Tür hinter sich und schmiss sich zu Jannik aufs Bett.

„Schon wieder dies Uralt-Mucke, kauf Dir mal eine neue CD, Süßer“. Jannik schaute Julia in die Augen und sagte „So ein geiler Sound wird heutzutage überhaupt nicht mehr produziert. Was soll ich mir also eine neue Scheibe kaufen, mal ganz davon abgesehen, dass ich sowieso absolut abgebrannt bin. Da kann ich meine ehrlich geschnorrte Staatskohle ja gleich zum Fenster raus werfen. Nee nee, hör mal genau hin, dann weißt Du was ich meine“.

Julia musste grinsen, „bist schon ein echter Knuffi. Mit Dir

zusammen höre ich sowieso jede Musik gerne“. Julia beugte sich hinüber und drückte Jannik einen dicken Schmatzer auf die Lippen. „Wofür war der denn ?“ fragte Jannik. „Och, nur so“ erwiderte Julia, den hast Du Dir verdient. Leg ihn in Deine Julia-Kuss-Vorratskammer und zehre davon, wenn wir mal Zoff haben und du von Küssen von mir nur träumen kannst. „Ja schon klar Julia , wird gemacht“.

Jannik drehte sich eine Zigarette, zündete sie an, zog zwei, dreimal daran und reichte sie dann an Julia weiter.

„Wie war es denn mit Matthes gestern Abend, was habt ihr denn so gemacht ?“. Julia zog noch einmal, bevor sie die Kippe wieder an Jannik zurückreichte und inhalierte den Rauch tief.

„Och nix besonderes, wir haben gequatscht. Julia hielt fordernd die Hand in Richtung Jannik, „lass mich noch mal ziehen“. Sie zog noch zwei, dreimal an der Zigarette und drückte sie dann in dem alten LKW-Kolben aus der Jannik als Aschenbecher diente.

„Heute Morgen habe ich wieder jede Menge Müll unten auf dem Feldweg gefunden. Verpackungsscheiß, einen ausgeleerten Aschenbecher und zwei benutzte Pariser. Das nervt mich total an. Irgendwie müsste man mal eine Aktion starten und diesen Drecks-Assis eine gehörige Portion Angst einjagen, damit sie sich es in Zukunft zweimal überlegen, bevor sie ihren Dreck einfach aus dem Fenster schmeißen“ sagte Jannik.

„Wie meinst Du das“ fragte Julia. „Willst Du Dich als Frankenstein verkleiden und mit Stöcken auf das Autodach trommeln, das Auto anpinkeln und wilde Drohungen dabei ausstoßen ?“ Jannik musste lachen. „Ne im Ernst, hör mal auf die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Man kann nicht immer nur labern und labern und wenn es darauf ankommt den Schwanz einziehen. So machen es doch all die anderen, die wir eigentlich verachten und über die wir uns immer lächerlich machen. Wenn wir nichts unternehmen, sind wir doch genau solche Witzfiguren wie die, kein Deut besser als unsere Alten, oder ?

Julia nahm seine Hand und begann mit seinen Fingern zu spielen. „Aber was, was willst Du tun, wir sind doch ganz kleine Lichter. Die lachen sich doch kaputt über uns“.

„Nicht wenn wir Ernst machen“ grummelte Jannik.

„Lass uns doch einfach eine Pro-Umwelt-Zelle gründen. P.U.Z., hört sich doch gut an oder ?“ sagte Jannick.

Julia fuhr sich mit der Hand durch ihre rosa-rot-schwarz gefärbten Haare und zog ihre Stirn in Falten. Jannik liebte es wenn sie das tat. Julia sah in solchen Momenten unschlagbar süß aus.

„Du willst eine Terror-Zelle gründen?“ fragte sie ihn und schaute zu ihm hinüber. „Bist Du nicht mehr ganz dicht oder hasst du schlecht geträumt oder irgend ein mieses Dope eingefahren?“

Jannik musste kurz an seinen Traum von vorhin denken, wie der Kopf von dem Typen explodiert und der kopflose Torso umgekippt war. Davon fing er jetzt besser nicht an zu erzählen. Julia nahm ihn ja so schon nicht ganz für voll und, wenn er ihr diese Story erzählen würde, wäre es ganz vorbei.

„Was heißt Terror-Zelle Julia, hört sich mörderisch an, ich will doch niemanden umbringen. Aber P.U.Z. hört sich trotzdem cool an, oder ?“

Julia begann wieder sich mit der Hand durch das Haar zu fahren.

„Hört sich cool an, hört sich cool an, ich denke du wolltest nicht mehr labern, was willst Du genau Jannik ?“.

Jannik stand auf, ging rüber zu seinem Rechner und kramte aus einer Kiste, die dort neben dem Tower auf dem Boden stand, eine Flasche Bier hervor.

„Jetzt willst Du es aber wissen, Bier am Morgen vertreibt alle Sorgen oder was ?“ sagte Julia.

„Na und, eine Flasche Bier zu zweit ist doch fast wie Frühstück“ erwiderte Jannik. Er nahm einen Schluck aus der Flasche und reichte das Bier dann an Julia weiter die kurz daran nippte.

„Also, ich hätte da so eine Idee“ begann Jannik, wir gehen heute Abend runter zu dem Hochsitz. Von dort aus hat man einen super Blick auf den Feldweg. Wir nehmen uns etwas zu essen und zu trinken mit und schieben abwechselnd Wache. Sollte irgend so ein Hirni kommen, dann können wir uns unbemerkt heranschleichen. Ich nehme meinen Baseballschläger mit und wenn die beiden am Vögeln sind, laufen wir zum Auto, schlagen die Scheiben und die Scheinwerfer kaputt, schreien irgendwie >> Fickt zuhause und werft euren Müll in die Tonne << und verschwinden schnell in der Dunkelheit, was hältst Du davon ?“

Julia nahm noch einen kleinen Schluck aus der Pulle und stellte die Flasche dann neben dem Bett auf dem Boden ab. „Du bist total verrückt Jannik, aber irgendwie finde ich die Idee geil. Aber was machen wir wenn der Typ raus kommt und uns verfolgt, wenn es vielleicht irgend so ein durchtrainiertes Tier aus dem Fitnessstudio ist ?“

„Julia“ erwiderte Jannik in einem Ton in dem man vielleicht ein Kind anspricht wenn man es bei etwas total dummen erwischt hat. „Der Typ hat die Hosen runter gezogen und unter den Knien hängen und selbst wenn er wollte, könnte er nicht so schnell hinter uns her. Seine Tussi wird außer sich sein vor Angst, ihn anschreien und verlangen, dass er verdammt noch mal bei ihr bleiben soll. Du darfst nicht vergessen, dass die beiden ja nicht wissen, dass wir zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem besten Weg über alle Berge sind. Außerdem wissen die auch nicht genau wie viele wir sind. Alles wird sehr schnell gehen. Wir könnten theoretisch auch im Dunklen warten bis einer das Auto verlässt, ihm auflauern und ihn niederschlagen, vielleicht sogar ausrauben, um anschließend die Alte im Auto nieder zu machen. Im Leben nicht wird uns einer verfolgen, der Überraschungsmoment liegt auf unserer Seite. Wir haben alle Trümpfe in der Hand. Wir brauchen es nur zu machen Julia. Du wirst sehen, das wird das reinste Kinderspiel“.

Jannik beugte sich über Julia rüber und grapschte sich die dreiviertel volle Flasche Bier. Er nahm einen tiefen Schluck und hielt anschließend Julia das Bier mit fragendem Blick entgegen. Julia lehnte ab und Jannik ließ sich zurück ins Kissen gleiten wobei er die Flasche in den Händen behielt. „Du hast das wirklich vor Jannik, oder ?“

Jannik lehrte die Flasche in einem Zug und rülpste lautstark, das Leergut warf er in einem hohen Bogen in den hinteren Teil des Zimmers wo es irgendwo im halbdunklen dumpf aufschlug und liegen blieb.

„Ja Julia, ich habe das vor und ich hoffe, du bist mit von der Partie.“

„Jannik, ich kann dich doch so etwas nicht alleine durchziehen lassen“. Sie grinste. „Außerdem muss ich doch auf meinen kleinen Jannik aufpassen. Wenn Dir etwas bei der Aktion zustoßen sollte und ich wäre nicht dabei um Dir gegebenenfalls aus der Patsche zu helfen, würde ich mir das nie verzeihen können. Außerdem finde ich das Ganze ziemlich aufregend, den ganzen Abend wir beide zusammen auf dem einsamen Hochsitz, was machen wir denn da ?“

Ihre Hand war zwischenzeitlich zwischen Janniks Schenkel gewandert und krabbelte daran hinauf in Richtung Hosenstall. „Hm mein kleiner Süßer, was machen wir denn da ?“ wiederholte Julia. „So viel Zeit und wir beide alleine.

Wir sind ja von der P.U.Z. und werden natürlich keine Pariser benutzen da auf unserem Hochsitz. Wir sind ja gegen Sondermüll“. Julia zog langsam den Reißverschluss nach unten. „Wir zwei treiben es ohne Gummi, ohne Netz und doppelten Boden.

Ich stehe gebückt vor dem Guckloch in diesem Häuschen während du mir von hinten dein Teil reinschiebst. Und sollte ein Wagen kommen, dann können wir in aller Seelenruhe unsere Nummer zu Ende schieben, denn wir haben ja dann so eine Art Vorsprung. Unsere Opfer müssen sich ja erst mal in Stimmung bringen, Sekt trinken, Vorspiel, Hosen runter krempeln bis sie dann irgendwann einmal zur Sache kommen.

Na, was hältst Du davon mein kleiner Prinz ?“

Ihre Hände hatten in der Zwischenzeit ihr Ziel erreicht und Julia hielt Janniks harten Pimmel in der Hand.

„Ja Julia, genau so habe ich mir das gedacht“. Jannik schloss die Augen während sich Julias Gesicht über dem so eben befreiten Teil von Janniks Körper herabsenkte.

Kapitel 7

Kommissar Kai Kühn, Baujahr `64, war seit 27 Jahren Polizist. Nach seiner Ausbildung war er eine Zeitlang auf Streife gegangen um dann, als sich die Möglichkeit für ihn eröffnet hatte, die Laufbahn bei der Kriminalpolizei einzuschlagen.

Kühn war 1,74 groß und breitschultrig. Aus dem knapp 74 kg schweren athletischen Typen von einst war über die Jahre nach und nach ein knapp 100 kg schwerer Kerl herangewachsen der einen ordentlichen Ranzen vor sich herschob den der eine oder andere hinter vorgehaltener Hand auch als ausgewachsenen Bierbauch bezeichnete. Seine einst dichte Haarpracht war längst einer speckigen Glatze gewichen. Kühn wusste das er ein fetter Sack war, aber das ging ihm so ziemlich am Arsch vorbei. Er ließ die Jungen einfach reden, man würde sehen oder auch nicht, wie die in zwanzig Jahren aussehen würden, wenn er in Rente ging.

Das Leben als Kleinstadtbulle war nicht gerade das, was man sich als jemand der gerne Krimis im Fernsehen sah, so unter dem typischen Polizeileben vorstellte. In der Hauptsache waren es Einbrüche oder kleinere Raub- und Betrugsdelikte mit denen er sich herumschlagen musste. Natürlich gab es auch Ausnahmen in dieser Routine, aber das waren eine Hand voll Fälle, die sich in den letzten 20 Jahren hier im tiefen, hessischen, mittleren Westen abgespielt hatten. Wenn es nach Kühn gegangen wäre, würde das auch reichen, aber ihn fragte ja niemand. Da war das durchgeknallte SM Pärchen, das vor vielen Jahren ein Mädchen aus einer Discothek entführt und grausam zu Tode gefoltert hatte, ein sehr interessanter Fall. Der Rentner der seinen Nachbar mit der Axt erschlug, weil dieser sich über den Lärm, den der Alte beim Holz hacken machte, beschwert hatte, die Frau die ihre Zwillings-Babys in der Badewanne ertränkte, nur weil ihr die ganze Sache mit dem Kinder großziehen über den Kopf gewachsen war … und so weiter und so fort, der ganz normale Wahnsinn eben.

Aber diese Fälle waren alle schon länger her und in den letzten zwei bis drei Jahren war es eigentlich sehr ruhig gewesen. Kaum hatte Kühn sich auf den Drehstuhl an seinem Schreibtisch fallen gelassen, da klingelte auch schon das Telefon. An Hand der Rufnummernanzeige erkannte Kühn, dass der eingehende Anruf vom Büro schräg gegenüber kam, das die Kollegen der soeben zu Ende gehenden Nachtschicht beherbergte.

„Kühn, wo drückt der Schuh.“

„Hallo Kai, gut ausgeschlafen oder hast du gestern Abend einen drauf gemacht ?“

Kühn zog die Stirn in Falten.

„Was liegt an Manu ?“

„Unten in der Arrestzelle sitzen zwei Typen, die gestern Abend bei einer Kontrolle mit Cannabis aufgefallen sind. Könntest Du die heute Vormittag verhören und das Protokoll schreiben ?“

Kühn schnaufte und fuhr sich mit der Hand über die Glatze.