PX39-61: Eine andere Welt - Evelyn Marker - E-Book

PX39-61: Eine andere Welt E-Book

Evelyn Marker

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Beschreibung

Nach dem waghalsigen Sprung aus dem Raumschiff beginnt Johns Abenteuer auf dem bewohnten Planeten PX39-61. Die dortigen Konventionen und Lebensweisen bringen Johns Gefühlswelt und Wahrnehmung völlig durcheinander. Zum Glück hat er seinen virtuellen Begleiter Quin dabei, mit ihm wird auch die schlimmste Situation erträglich und er kann sich voll und ganz auf die Herausforderungen einlassen. Keine klassischen Geschlechter! Kein gewohntes Zahlungssystem! »Noch nie habe ich mich so gefühlt wie jetzt: wie ein Alien.« Quin macht ein amüsiertes Geräusch und meint: »Ja-ja heißt doch ›Leck mich am Arsch‹, nicht?«

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Evelyn MarkerPX39-61Eine andere Welt

Die Personen, Orte und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen. sind rein zufällig und weder beabsichtigt noch gewollt.Alle Rechte sind vorbehalten.

ImpressumTitel, Auflage: PX39-61 - Eine andere Welt, 2. AuflageAutoren/Copyright: Evelyn Marker, Moosfürther Str. 78b, 94522 WallersdorfLektorat: Michael Geyer (2022), Liane Spannagel (2025)Cover: LoonaxyIllustrationen: Evelyn MarkerE-Mail: [email protected]: 9783754692295

Dank gebührt dem, der Dank erwartet. Der Rest weiß bereits, wie dankbar ich für die Unterstützung bin.

Prolog

Die Reise hat vor über sechs Monaten begonnen und um ehrlich zu sein, ich habe es so erwartet. Bevor wir aufgebrochen sind, habe ich mich vorbereitet und mir sämtliche Filme angeschaut, die viele unterschiedliche Szenarien ziemlich gut demonstrieren: Die schnulzigen, wie ›Passengers‹, ›Den Sternen so nah‹, bis hin zu ›The Cloverfield Paradox‹, ›Interstellar‹, ›Prometheus‹ und auch die Serie ›Lost in Space‹, habe ich mir reingezogen. Wie soll man sich sonst auf so etwas vorbereiten? Die tiefgreifenden und leicht anzuzweifelnden wie ›Star Trek‹ und ›Star Wars‹ habe ich gekonnt ausgelassen. Ich kann aus den Filmen einen wichtigen Nutzen ziehen: Liebesgeschichten enden tödlich. Umso mehr hoffe ich, dass meine Crew nicht auch eine kreiert. Als ich diese endlich kennenlerne, bin ich so aufgeregt, wie ein kleiner Schuljunge es an seinem ersten Schultag sein muss.

Die Kapitänin ergreift das Wort bei der Versammlung im Besprechungsraum. Eigentlich ist es ein typischer Raum mit einem großen Tisch und vielen weißen Stühlen. Wie man es aus ›Lost in Space‹ kennt. Es sind genau acht Leute und ich. »Mein Name ist Anja, Anja Derwill und ich führe uns in den Weltraum«, startet sie die Besprechung. Es stellen sich auch die Anderen vor: Robin und Steve – Mechaniker Theo – IT-Experte und Elektriker Fiona – Ärztin und Psychologin Luca – Allrounder, eher versiert auf Elektronik John – Allrounder/Koch Vera – Biologin Ich platze fast vor Neugier und stelle mich auch direkt vor: »Quin, eu-euer technischer Support, Raumschiff und äh…« Vera kichert, Anja verdreht die Augen und erklärt meine Anwesenheit deutlich besser als ich: »Das ist Quin, die künstliche Intelligenz des Raumschiffes. Sollte etwas unklar sein, könnt ihr euch jederzeit an ihn wenden. Er ist überall erreichbar und reagiert auf seinen Namen.« Wenn ich recht überlege, klingt das eher wie die Beschreibung eines Hundes, zumindest gegen Ende.

Nun aber genug der Förmlichkeiten! Nachdem wir die Erde verlassen und uns auf die abenteuerliche Suche nach einem anderen bewohnbaren Planeten gemacht haben, lerne ich die Crew etwas besser kennen. Ich würde glatt sagen, ich bin mit allen befreundet. Fünf Millionen Lichtjahre hinter dem Sternbild ›Schütze‹, auf den Koordinaten PX3-12-4-8, entdecken wir unseren ersten Planeten. Und ab hier geht alles schief. Der Eintritt in die Atmosphäre kostet uns unser Heckteil, welches durch die Hitzeeinwirkungen und Meteoriten zerschlagen wird. Auf dem Planeten selbst ist es rund vierzig Grad heiß und somit ist das Betreten kaum möglich, da sich der Stein dort weitaus stärker erhitzt, als die Luft es widerspiegelt. Weit und breit gibt es weder Wasser noch eine andere Lebensform. Der reine Sauerstoffanteil liegt bei unter einem Prozent, was vermutlich den Pflanzen zu verdanken ist, die wir kurz vor unserer Abreise gesichtet haben. Wir fliegen mit einer Geschwindigkeit von achtzig Kilometern pro Stunde genau siebenhundertachtundzwanzig Kilometer in eine Richtung, um nichts zu verpassen und vielleicht etwas zu entdecken. Kurz bevor wir wieder in den Weltraum zurückkehren, wird etwas Grasähnliches gesichtet, direkt eingesammelt und untersucht. Ich bin erpicht darauf, die Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen akribisch einzuhalten. Nicht, dass wir etwas auf das Schiff ziehen, das uns von innen auffrisst oder gar jemanden tötet. Zum Glück geschieht auch nichts dergleichen. Ich will nicht Teil einer 0815-Story sein und ich will irgendwann wieder zur Erde zurückkommen. Allein, damit auch meine Crew wieder zu ihren Familien zurückkehren kann. Es gibt viele Auf und Abs, Stimmungstiefs, vor allem, während wir im Weltraum herumirren, auf der Suche nach etwas anderem als uns selbst. Auch mir gehen einige auf die Nerven, obwohl das eigentlich nicht gehen soll, da ich keine Nerven habe. In ruhigen Zeiten denke ich darüber nach, ob ich nicht doch darauf programmiert bin, alle zu töten oder aus einem bestimmten Grund an Bord bin. Manchmal frage ich mich, ob ich etwas sabotieren könnte, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wie in ›Prometheus‹. Gleichzeitig weiß ich, dass ich das könnte. Aber nicht, wenn irgendjemand dadurch gefährdet werden würde. Vermutlich bin ich darauf programmiert, menschlich zu sein, nur mit weniger Fehlern.

Tag 182: Ein weiterer Meteoritensturm in den wir eingezogen werden und der viele Beschädigungen verursacht. Einer unserer Sauerstofftanks erleidet Schaden, sodass Sauerstoff austritt und uns vom Kurs abbringt. Vermutlich ist das ganz gut so, denn so sind wir hier gelandet. Der Planet: PX39-61. Der Durchbruch ist heikel und beschädigt weitere Teile, sodass wir gezwungen sind, hier zu rasten. Anja will jedoch kein Risiko eingehen und verbietet eine Landung, weshalb wir über dem Wasser, nahe einem Felsen, schweben und die Reparaturen unter erschwerten Bedingungen abwickeln. Die Tanks können ebenfalls wieder gefüllt werden, da der Sauerstoffanteil hier bei über fünfunddreißig Prozent liegt. Zuvor wird die Luft jedoch untersucht und genauestens getestet. Als das »Ok« von Vera kommt, atmen wir auf. Und nun kommt Anja in den Raum und verkündet die (mehr oder weniger) frohe Neuigkeit: »Wir müssen zurückkehren – nach Hause.« John blickt überrascht zu ihr, öffnet den Mund, schließt ihn wieder und seufzt. »Warum jetzt? Wir sind schon so weit gekommen.« Auch sie wirkt nicht erfreut: »Ein Notfall auf der Erde und hier haben wir zu viele Schäden am Schiff, um noch länger zu verweilen. Die Notreparaturen müssten in weniger als einer Stunde abgeschlossen sein. Das muss für die Rückkehr ausreichen.« Er wendet sich von ihr ab und kramt in seinen Sachen. Nachdem er den Besprechungsraum verlassen hat, eilt er zum Kontrollraum und checkt nochmal die Daten des Planeten direkt unter uns. Sie sind spektakulär – sie gleichen denen der Erde nahezu perfekt. Die Aufnahmen der Wärmebildkameras haben vor wenigen Stunden einen Anblick geboten, der geradezu danach schreit, erkundet zu werden. Sogar ich bin so aufgeregt wie am ersten Tag. John kenne ich nun eine ganze Weile und kann mir denken, dass ihm die Rückkehr nicht passt. Er ist immer Feuer und Flamme, wenn es um die Entdeckung neuer Organismen oder gar von intelligenten Außerirdischen geht. Nochmal überprüft er die Daten und schüttelt den Kopf. »Wir können doch jetzt nicht abbrechen. Das – nein!«, spricht er zu sich selbst, obwohl er wissen sollte, dass ich immer da bin. Man sieht ihm an, dass es ein großer Verlust wäre, jetzt umzukehren, wo wir endlich an einem Ziel sind, das mehr verspricht als ein paar graue Steine oder eine heiße Oberfläche. Wie kurzgeschlossen packt er kleine Computer sowie weitere nützliche Dinge in seine Taschen und schleicht sich am Cockpit vorbei in sein Zimmer. Piep-Piep. Das Telefon klingelt, er hat eine Nachricht von der Heimat empfangen. Er sieht sich das Datum und die Zeit der Aufnahme an: vorgestern, 11:22 Uhr. Von: Familie.

Ich wende mich von ihm ab, da es mich nichts angeht. Aber gleichzeitig beschleicht mich die Ahnung, dass er etwas vorhat. Ich aktiviere meine Präsenz in seinem Raum und lausche. Nach kurzem Zögern spielt er die Aufnahme ab. »Halloooo.« Es tauchen drei Gesichter auf: seine Mutter, seine Frau und sein Sohn – wie er mir einmal erzählt und gezeigt hat. »Wir haben gehört, dass ihr euch auf den Rückweg macht. Direkt reingekommen! Wir freuen uns so, dich in ein paar Wochen wieder live zu sehen!« »Dad, du musst mir aaalllleees erzählen!«, sagt der Junge und grinst. Er ist sieben Jahre alt und total von seinem Vater im Weltraum begeistert. »Wir stören auch nicht weiter, hab dich lieb, Schatz«, seine Frau verschwindet aus dem Bild und nur noch seine Mutter ist zu sehen. »Ich weiß, was du jetzt durchmachst. Ich kenne dich. Überleg es dir wirklich gut und vergiss nicht, was du aufs Spiel setzt!«, flüstert sie. Sie schaut kurz auf und dann wieder zurück ins Bild. »Sie werden dich vermissen«, seufzt sie und wünscht noch alles Gute, ehe sie auflegt. Er ist baff, wirkt irritiert und ich bin verwirrt. Wovon spricht sie? »Sie trifft mal wieder ins Schwarze. Als könnte sie in die Zukunft sehen«, murmelt er. John legt seine Stirn in Falten, ein Zeichen für Zweifel bei ihm. Er hadert mit sich, scheint aber dann entschlossen, seinen Weg fortzusetzen. Zuvor sendet er noch eine Nachricht an seine Familie und packt weitere Dinge in einen Rucksack, auch den Inhalt seiner Taschen wirft er hinein. Und jetzt weiß ich, was er vorhat. Die Nachricht könnte die Letzte für eine sehr lange Zeit sein. Schließlich wissen wir nicht, wie die Technik der Einwohner hier funktioniert und ob sie ihm freundlich gesinnt sein werden. Er hat Angst und gleichzeitig steht er unter Strom, dass es so aussieht, als würde er förmlich in den Anzug springen. Ich kann es nachempfinden und vermutlich hätte ich es ihm gleichgetan, wenn ich nicht nur ein Computer wäre. Und wenn ich einen Körper hätte oder gar etwas Ähnliches. Ich folge ihm weiterhin, auch, als er zur Luke geht und herunterblickt. Wird er diesen Sprung überleben? Dann öffnet sich die Tür hinter ihm und Anja, sowie Robin stehen bei der Tür und sehen ihn überrascht an. »Was machst du hier? Komm sofort wieder rein und schließ die Luke!«, ruft sie und realisiert langsam die Situation. Er grinst nur leicht, Bedauern blitzt in seinen Augen auf, dann sagt er: »Ich kann mir das nicht entgehen lassen!« und springt.

Die Zwei schauen raus und sehen ihn im Wasser aufkommen. »Sofort runter – Quin!«, schreit Anja nach mir. »Das geht nicht. Luca und Steve sind auf dem Schiff und reparieren die Heckflügel, sie würden herunterfallen«, erkläre ich. Sie packt das Funkgerät und bittet die Zwei schnell hinein. Leider lehnen sie ab, da ein Sturm aufzuziehen droht und sie in zwanzig Minuten fertig wären. Anja seufzt: »Eigentlich wollte er doch hierbleiben.« »Wir lassen John nicht zurück, er ist bestimmt schwer verletzt«, kritisiert Robin. Fiona tritt ein und sieht sich um: »Was ist passiert?« Ich erkläre ihr schnell die Lage und sie schaut auch direkt raus. Sie besteht darauf, ihn zu retten, falls er noch lebt, egal ob er mit nach Hause fliegt oder hierbleiben würde. »Was ist, wenn er infiziert ist oder nun etwas an sich hat, das uns alle gefährdet?«, taucht Vera auf und bringt damit einen guten Einwand. Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss, denn rein logisch ist es sein freier Wille gewesen, von Bord zu gehen. Die Risiken sind ihm mehr als bekannt, und eine Rückkehr würde drastische Maßnahmen bedeuten. Und wenn ich gerade so darüber nachdenke, haben wir absolut nicht die Mittel dazu. Wir sind nicht wie ein Hochsicherheitslabor ausgestattet, mit einer Chemiedusche dieses Ausmaßes. Ganz zu schweigen von der Art eines möglichen Virus. Die Menschen gehen immer von ihren Standards aus, andere Planeten haben aber auch andere Zusammensetzungen und Resistenzen. Er ist direkt im Wasser gelandet, ich will mir gar nicht ausmalen, was dort alles herumirrt.

Noch ehe die Mechaniker zurückkommen, wird beschlossen, dass sich Fiona abseilt und nach ihm schaut. Um es kurz zu machen: Er wird nicht gefunden. Nach einer knapp einstündigen Besprechung wird beschlossen, ihn zurückzulassen. Zumal auch deutlich wird, dass das sein freier Wille ist. Ich habe ihnen leider alles erzählen müssen. Jedoch biete ich an, eine Kopie von mir auf einen seiner Computer zu laden. Um genauer zu sein: auf sein Smartphone, da ich dessen Signal noch empfangen kann. Und so kommt es, dass ich auf zwei Ebenen existiere. Wieder frage ich mich nach meinem Zweck bzw. meiner Aufgabe hier und ob es nun zwei Persönlichkeiten von mir geben wird oder ob es einfach ›ich‹ mit quasi einem erweiterten Bewusstsein wäre. Mal schauen …

. Der erste Eindruck des Planeten PX39-61

Erstkontakt: Planet

Ich springe und meine Angst zerreißt mich förmlich. Gleichzeitig sind die Vorfreude und der Adrenalinkick atemberaubend! Gedanken wie: »Das sind doch locker fünfzehn Meter, werde ich das überleben? Kann ich schwimmen, samt der Ausrüstung?«, kreisen in meinem Kopf, weshalb ich die Augen schließe und langsam ausatme. Im nächsten Moment lande ich im Wasser. Der Anzug hält und ich öffne meine Augen, mein Mund klappt auf – wunderschön! Das Wasser sah von oben trüb und undurchdringbar aus, doch hier unten ist es kristallklar. Es ist türkisblau und präsentiert mir eine Vielfalt an Farben, Pflanzen und sogar Tieren. Es bringt eine Eleganz zum Vorschein, die ich von der Erde nicht kenne. Ich hebe meine Arme und versuche aufzutauchen – vergebens. Offenbar ist meine Ausrüstung zu schwer. Eine leichte Panik steigt mir die Kehle hoch und ich versuche es immer wieder. Es klappt nicht, im Gegenteil, ich sinke immer tiefer und komme nach wenigen Minuten auf dem Grund an. »Das waren doch nicht mal fünfzig Meter … seltsames Meer«, flüstere ich und setze dann einen Fuß nach dem anderen. Mein Sauerstoff reicht für eineinhalb Stunden unter dieser Belastung. Innerhalb dieser Zeit schaffe ich höchstens vier Kilometer. Die nächsten Klippen sind nicht weit entfernt, das Festland hingegen schon. Ich seufze, so schwer habe ich mir das nicht vorgestellt. Mühsam ziehe ich mich nach vorne und überlege, warum ich nicht schwimmen kann. Vielleicht ist das Wasser hier anders und hat keine Spannung, von welcher ich mich abdrücken könnte. Meine Gedanken kreisen weiter zu den Folgen, die mein Handeln ausgelöst haben könnte. Von Viren, Giften und fressenden Tieren ganz abgesehen, komme ich nie wieder nach Hause. Sie werden mich nicht mehr mitnehmen können und haben garantiert schon die Atmosphäre verlassen. »Stopp«, sage ich laut zu mir und unterbreche meine negative Spirale. Es wartet eine komplett neue Welt auf mich. Das Gefühl, etwas Aufregendes zu machen, steigt und ich schaue mich um, nachdem ich meine Kopflampe eingeschaltet habe. Zuerst erkenne ich gar nichts, doch dann wirkt es so, als würde das Wasser das Licht aufnehmen und angemessen verteilen. Kleine Partikel schweben funkelnd im Wasser und ich kann deutlich mehr erkennen.

Fische – glaube ich zumindest – in ganz verrückten Farben schwimmen an mir vorbei. Einer war länglich, hatte sowas wie Flügel und war komplett neongelb. Andere waren pink, giftgrün und manche auch schwarz. Große Fische schwimmen ebenfalls vorbei, wobei ich mich frage, wie sie schwimmen. Sie scheinen sich nicht zu bewegen, als würde das Wasser sie tragen, weil sie es so wollen. Vielleicht treiben sie auch? Das wäre aber Irrsinn, da alle in unterschiedliche Richtungen zu schweben scheinen. Trotzdem habe ich das Bedürfnis, es ebenfalls auszuprobieren. Ich lege mich rücklings hin und lasse mich vom Wasser halten. Doch ich sinke und liege dann auf dem Meeresboden. Kurz bleibe ich noch liegen und beobachte die Tiere über mir. Sie scheinen wirklich zu treiben. Viele haben gar keine Flossen oder Ähnliches. Ein anderer hat sogar einen Kamm, wie der von Hühnern. Der Nächste, einen pelzigen Schwanz. Ich muss kichern, weil ich mir vorkomme, als wäre ich im falschen Film. »Das bin ich ja wirklich«, flüstere ich und drehe mich auf den Bauch. Der Boden besteht aus grauem Sand. Mich irritiert, dass ich gar nicht einsinke. Als hätte er kein Interesse an mir. Oder als wäre ich zu leicht. Wenn ich mit meiner Anzughand durchstreiche, rieselt der Sand zwischen den Fingern hindurch. Wie man es kennt. Aber stehe oder drücke ich darauf, passiert gar nichts. Es lockert sich nichts. Es verschiebt sich nichts und ich sinke nicht ein. Seltsam. Ich stehe auf und setze meinen Weg fort. Mit der Zeit wird es immer steiler und ehe ich mich versehe, stehe ich vor der Klippe, aber immer noch unter Wasser. Wie soll ich da hochkommen? Ich versuche auf ein paar Steine zu steigen und nach wenigen Felsen, stehe ich vor einer glatten Wand. Mutlos seufze ich, warum kann ich nicht einfach hoch schwimmen? Ich versuche es nochmal – keine Chance. Ob es am Anzug liegt? In weniger als vier Minuten werde ich es erfahren, da der Sauerstoff nahezu aufgebraucht ist und mir dann keine Optionen mehr bleiben. Panik steigt in mir auf. Sterbe ich jetzt hier? Todesangst und erhöhter Puls, zwei Minuten noch. Langsam atme ich aus und versuche mich zu beruhigen. Mein Rucksack ist ja wasserdicht sowie mein Handy, welches ich noch separat verpackt habe – sicher ist sicher. Zumindest für eine Woche könnte ich damit alles aufzeichnen, außer es gibt hier Strom. Die Ablenkung hat gefruchtet und mein Puls ist wieder ruhig, was nichts an dem zur Neige gehenden Sauerstoff ändert. Just in dem Moment piept der Sensor. Ich hole tief Luft und öffne den Reißverschluss parallel zum Helm. Eiskaltes Wasser strömt in den Anzug und erreicht meine Haut. Ein Schub durchfährt mich und ich zittere. Ohne Umschweife stoße ich mich direkt vom Boden und aus dem Anzug ab.

Im ersten Moment sinke ich wieder, aber dann, nach wenigen Sekunden, spüre ich eine wohlig warme Atmosphäre um meinen Körper. Als würde ich in einer hautengen Blase schweben. Es gelingt mir problemlos aufzutauchen. Nach einem kurzen Moment habe ich mich orientiert und mich an die Luft gewöhnt. Auch wenn ich mehrfach einatmen muss und kurz dachte, die Luft wäre anders als die der Erde und würde nicht ausreichen. Vermutlich ist eher das Gegenteil der Fall. Die Luft ist reiner und besser, weshalb es sich so intensiv und füllend anfühlt. Erst jetzt spüre ich, wie herzlich das Wasser mich empfängt. Als würden tausend kleine Arme mich greifen und halten. So etwas habe ich noch nie gespürt. Mein Zittern verschwindet und ich fühle mich richtig wohl. Die Klippen spare ich mir und schwimme direkt weiter, in Richtung Festland. Ein kurzer Blick zurück zeigt mir, dass das Raumschiff nicht mehr dort ist, wo es zuvor schwebte. Das stimmt mich traurig, ich hätte erwartet, dass sie zumindest nach mir suchen oder irgendwas versuchen, um zu erfahren, ob ich noch am Leben bin. Ich wende mich davon ab und es fühlt sich so an, als würde ich meiner Vergangenheit den Rücken kehren. Meiner Crew, meinen Freunden, meiner Familie und meinem alten Leben. Es fühlt sich an, als würde mein Herz in sich zusammenfallen und dann tief seufzen, wenn nicht gar weinen. Als würde das Wasser es spüren, wird es mit jedem Meter immer wärmer und wohliger, wie eine Einladung zu einer neuen Heimat. Ich schüttele meine Sentimentalität und Traurigkeit ab und öffne mich für diese neue Welt.

Zehn Minuten später gönne ich mir eine Pause und lasse mich treiben, um dann gestärkt den letzten Abschnitt zu wagen. Das Land kann ich bereits sehen, von Bewohnern ist jedoch keine Spur. Ich stelle mir vor, wie das auf der Erde wäre, wenn ein Raumschiff in die Atmosphäre eindringen und stundenlang über der Oberfläche schwebt würde. Dann ein ›Außerirdischer‹ diesen Bereich verlässt und sich auf direktem Weg zu der Bevölkerung macht. Ich glaube, es würde Panik ausbrechen. NASA, Polizei und alle Medien würden sich bereits darauf stürzen, ehe das Raumschiff sichtbar im Weltraum ist. Würden sie es abschießen? Aus Angst vor der Ungewissheit? Definitiv würde etwas passieren und kein Lebewesen würde ungesehen die Erdoberfläche betreten können. Ob sie hier einfach so stark oder schlau sind, dass es sie gefühlt nicht interessiert? Vielleicht haben sie meine Präsenz auch gespürt und wie das Wasser als ungefährlich eingestuft. Fragen über Fragen, ich werde es vermutlich bald herausfinden. Die letzten Meter kommen mir äußerst schwer vor, als würde mich das Wasser nicht gehen lassen. Eine leichte Panik steigt in mir auf. Was, wenn das Wasser mich auffrisst, ohne dass ich es merke? Ich schüttele den Gedanken von mir und befasse mich mit dem Schwimmen der letzten Meter. Kurz ausgestreckt erreiche ich schon den Boden und laufe oder wate eher durch das Wasser und den Sand. Mit jedem Schritt, den ich mich dem Wasser entziehe, wird es schwerer zu gehen. Fehlt nur noch, dass ich einsinke. Doch ich versuche etwas ganz Verrücktes und knie mich nochmal ins Wasser, um mich dafür zu entschuldigen, dass ich gehen muss. Das Gefühl von Bedauern, aber auch Akzeptanz erreicht mich und die letzten Meter gehen gleitend vonstatten. Mich fasziniert das Wasser tierisch und am liebsten würde ich Proben nehmen und diese Vera zeigen. Sie wäre begeistert. Ich muss seufzen, weil sie nicht da ist und gehe weiter. Hier ist ein kleiner Strand, dahinter ist eine Art Hügel, vermutlich ein Damm. Laut meines letzten Wissensstands müsste kurz dahinter ein kleines Dorf sein. Falls man es hier so nennt. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. »Was habe ich mir nur dabei gedacht?«, flüstere ich. Was, wenn sie mich einfach umbringen oder noch schlimmer: Bei lebendigem Leib sezieren! Mir wird schwindelig und ich lasse mich auf meine Knie fallen. Ein kleiner schwacher Blick zurück, zu unserem Schiff, zu meiner alten Heimat, die ich weder sehen kann noch da ist … und mir wird schwarz vor Augen.

Die Begegnung

Langsam öffne ich meine Augen, das Licht ist jedoch so grell, dass ich sie wieder schließen muss. Ich drehe mich weg, blinzle einige Male und versuche dann mehr zu erkennen, während ich mich langsam aufraffe. Als ich aufschaue, sehe ich vereinzelt Wesen am Strand spazieren, die meisten sind jedoch sehr weit entfernt. Je mehr ich wieder sehen kann, desto genauer schaue ich mich um. Rechts verschwindet der Strand langsam hinter einer Kurve, weshalb mehr vom Wasser zu sehen ist, links sehe ich den Strand, so weit mein Auge reicht. Erst jetzt erkenne ich, dass keine dreihundert Meter von mir Wesen im Sand sitzen. Sind das Menschen? Ich kneife meine Augen zusammen, erkenne aber trotzdem nicht mehr. Mir fällt auf, dass mich keiner zu beachten scheint, als wäre es das Normalste auf der Welt, wenn ein Wildfremder am Strand klatschnass liegt, hustet und gequält um sich schaut. Vielleicht passiert das hier auch öfter oder sie können auch nicht besser sehen als ich. Ich schüttele meinen Kopf und stehe ganz auf und gehe zu den mir naheliegendsten Wesen. Je näher ich komme, desto unsicherer werde ich. Greifen sie mich an? Fühlen sie sich vielleicht bedroht? Sollte ich es lassen? Mit jedem Schritt erkenne ich mehr und werde auch sicherer, weil sie gar nicht so bedrohlich aussehen. Es wirkt, als wären sie deutlich kleiner als ich, die Statur gleicht auf den ersten Blick auch der unseren, mit einer etwas breiteren Hüfte. »Hallo«, sage ich, als ich nur noch wenige Meter entfernt bin und setze an zu winken. Sie legen ihren Kopf schief und sehen mich fragend an. »Logisch«, flüstere ich und tippe mir auf die Stirn, »sie können meine Sprache nicht verstehen.« Ich gehe näher hin und mustere die immer noch Sitzenden. Eine Decke liegt um ihre Beine, was verständlich ist, da es nicht sonderlich warm ist. Sie haben schon viel mit uns gemeinsam. Ich bin mir nicht sicher, welchem Geschlecht ich sie zuordnen soll. Ihr Gesicht ist eher rundlicher geformt, wenn auch etwas spitzer und mir stockt der Atem, ihre Augen sind etwas größer, mich erinnert die Struktur und Form etwas an die Augen eines Luchses. Gleichzeitig passt es sich so hervorragend an diesen Körper an, dass es vollkommen natürlich aussieht. Der Körperbau wirkt robust, die Haut dunkler als meine, was aber auch nicht sonderlich schwierig ist. Jedoch wirkt es etwas anders, ledriger vielleicht? Bei genauerem Hinsehen, fällt mir auf, dass die Haut eher einen rötlichen Stich hat, dunkle Hautfarbe vermischt mit Bernstein. Eine der beiden Wesen hat lange braune Haare, die andere blonde.

Nach kurzem Zögern antwortet eine der beiden: »Oh, hallo.« Mein Herz flimmert fast, die Stimme ist so angenehm weich, melancholisch und schwingt bis zu meinem Körper, durch Mark und Bein. Kaum zu glauben, dass ich sie verstehen kann, mein Körper hält für mich die Luft an und eine Welle der Überraschung und Nervosität durchzieht mich. Als würde sie das sehen, als würden sie alles sehen, reagiert sie darauf: »Ich merke schon, du bist nicht von hier. Soll ich dir zeigen, wo OHS ist?« Ich muss wohl wie eine Kuh schauen, denn sie wendet sich von mir ab und zu ihrer Begleitung, als hätte diese sie angesprochen. Am Ende bekommen beide große Augen und sehen mich an. Bedröppelt und unsicher kratze ich mich an der Wange: »Ah… ähm…, es tut mir leid, ich verstehe das nicht, was ist das OHS?« Fast hätte ich gedacht, sie stehen auf und laufen weg oder greifen mich an, aber ich kann nur eine Verwunderung und Unsicherheit spüren, als die Andere mir – nachdem sie etwas aus ihrer Tasche holt und an ihren Kopf hält – antwortet: »Wo kommst du her?« Die Gefühle übertreffen nahezu die Wörter und nehmen mich ein. Auch sie hat eine angenehme Stimme, die direkt in mich eindringt und mich vollends ausfüllt. Nur offenbar mit Gefühlen, um genauer zu sein: ihren Gefühlen. Denn ich fühle mich unbehaglich, unsicher, als wäre etwas da, das ich nicht verstehe und das mir Angst macht. Dieser Eindruck verschwindet so schnell, wie es gekommen ist, und ich mache ein paar Schritte zurück. »Ich bin nicht von hier und möchte euch keine Angst machen.« Ob sie auch das fühlen, was ich fühle oder funktioniert das bei mir nicht? Aufgrund ihrer Art und der Stimmlage erscheinen mir beide eher weiblich. Kurze Zweifel kommen auf, die ich aber schnell wieder vergesse. »Anhand deiner Sprache haben wir schon erkannt, dass du von weit weg herkommst. Eine äußerst alte Sprache von den Archen. Was verschlägt dich hierher, zur anderen Seite unseres Planeten?«, reagiert die, die zuerst mit mir gesprochen hat, auf meine Aussage. Sie klingt stark, neugierig und aufgeweckt. Das macht mir Mut und ich mache wieder einen halben Schritt auf sie zu. Anschließend beschließe ich, mich in den Sand zu setzen und lege meine Hände in den Schoß. Sie haben das Schauspiel beobachtet und ich entnehme ihrer Mimik ein leichtes Grinsen. Dabei hoffe ich, es richtig zu deuten und als Gefühle zu mir herüberschwappen, die bestätigen, was ich glaube wahrzunehmen, steckt es mich an und ich erwidere das Lächeln.

»Du hast ganz andere Augen, an irgendwas erinnert es mich …«, flüstert die Ruhigere mit den blonden Haaren. »Es tut mir leid, wo bleiben meine Manieren, ich bin John«, dabei strecke ich meine Hand raus, zögere aber nochmal, da ich nicht weiß, ob das hier so üblich ist, verharre dann aber so. Sie sehen erst mich, dann meine Hand an, und der Ansatz, den Kopf wieder schief zu legen, ist leicht zu erkennen. Was mich seufzen lässt und mich dazu veranlasst, meine Hand zurückzuziehen. »Wir sind etwas verwirrt über deine Geste, was sollten wir mit deiner Hand tun? Ein typisches Arche-Ding?« Sie schüttelt sich. »Mein Name ist Bea und«, erklärt sie und deutet auf ihre – immer noch unsichere – Gefährtin, die sich dann als »Li« vorstellt. Anschließend reckt sie sich geschmeidig zu mir und umarmt mich. Ich rieche das Meer und die Freiheit und etwas neues Fremdartiges. Auch Li umarmt mich und ich bin überfordert. So nah. »Das ist eure Begrüßungsart? Bei uns ist es das Händeschütteln«, erkläre ich meine vorherige Geste und grinse. »Ah. Können wir?«, scheint Bea ein Licht aufgegangen zu sein und sie streckt mir die Hand entgegen. Schmunzelnd nehme ich sie an und schüttle sie. Sie schüttelt dann den Kopf: »Nein, unsere Variante ist besser. Ich spüre deinen Herzschlag und auch wie es dir geht. Gleichzeitig beruhigt es unsere Anspannung.« Ich nicke, obwohl ich es nicht ganz verstanden habe. »Du hast recht, eine Umarmung ist viel näher und persönlicher.« Ich setze erneut an: »Mir tun meine Fragen echt leid und wenn ich euch auf die Nerven gehe oder von etwas abhalte, sagt es mir bitte. Ihr meintet, ich spreche die Sprache der ›Archen‹? Wie könnt ihr mich dann verstehen?« Nun ist es Li, die etwas harsch reagiert: »Archen sind schon altertümlich, aber dass du unser Sprachgerät nicht kennst, ist nun doch zu viel des Guten!« Dabei deutet sie an ihren Kopf in der Ohrgegend.

Bea streicht ihr über das Bein, um sie offenbar zu beruhigen, sieht mich dann aber genauso ungeduldig an. »Ich … ähm…«, stottere ich vor mich hin und hoffe, so Zeit für eine gute Ausrede zu gewinnen. Scheitere jedoch. »Okay, ich bin nicht von hier – also kenne ich eure Gepflogenheiten, Sprachen, Kulturen … ach, ich weiß einfach gar nichts, außer das, was ich bis dato erfahren habe. Und dass euer Wasser cool ist, ich es untersuchen will, …« Erst sehen sie mich verwirrt an, dann fangen beide an zu lachen, sogar Li, von der ich es nie erwartet hätte. Beide haben ein atemberaubend offenes und herzliches Lachen, das mich verleitet, mit einzustimmen und mein Herz wohlig warm fühlen lässt. Mein Verstand siegt jedoch und ich sehe beide verdutzt an. »Hast du dir deinen Kopf gestoßen, John?«, fragt mich Bea und sieht mich musternd an. »Vielleicht sollten wir einen Medikus oder einen Hüter rufen«, reagiert Li wieder ernst und an Bea gewandt. »Wer ist das? Wie hast du sie genannt? Hüter und Medi-?«, hinterfrage ich und ahne schon Böses. Bea wiederholt es und fügt hinzu: »Medikusse kümmern sich um alle Belange; Schmerzen, körperliche oder geistige Probleme und Hüter halten Ordnung, passen auf, dass nichts passiert oder fangen wieder entlaufene Kreas ein.« Gegen Ende kichert Li und sieht Bea vielsagend an. Ich nicke. »Versteh’ ich und kenn’ ich, heißt bei uns nur anders und offenbar sind die Aufgabenbereiche auch andere.« Sie hören auf zu kichern und sehen mich eindringlich an. Eine kühle Brise lässt mich in meinen nassen Klamotten schütteln. Die Übertragung von den Zweien ist auch nicht wärmer. »Mir reicht es«, sagt Li und steht auf. Sie packt ihre Sachen zusammen. Bea zögert kurz, tut es ihr aber gleich und ich stehe auf, stolpere im Sand, fange mich noch im letzten Moment und sehe ihnen dabei zu, wie sie alles zusammenpacken und drauf und dran sind, wegzugehen. »Wartet doch, es tut mir leid, falls ich etwas Falsches gesagt habe.« Doch das hilft nichts, sie schauen einander an und handeln gleich: umdrehen und weggehen. Können sie miteinander reden, ohne dass ich es höre? Was machen sie jetzt? Was mache ich jetzt? Eine leichte Panik kommt in mir auf, tief aus der Bauchgegend und mit jedem Schritt, welchen sie sich von mir entfernen, wird es zeitgleich umso kälter um und in mir. Als würde eine Blase herrschen, wenn man in Kontakt tritt. Es zerreißt mich förmlich, weshalb ich ihnen ein paar Schritte nachgehe und tatsächlich: je näher ich komme, desto wärmer wird es wieder. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Ich höre auf und bleibe stehen, verwirrt und irritiert. Ihnen nachzulaufen, würde ihnen nur noch mehr Angst machen und so einen Eindruck will ich nicht hinterlassen.

Kurzerhand lasse ich mich in den Sand fallen und sehe mir das Wasser und das Meer an. Die Temperatur nimmt jedoch rasant ab, weshalb ich zittere und realisiere, dass meine Sachen immer noch nass sind. Ich stehe also auf und überlege, was ich tun soll. Einerseits habe ich Angst, was mich hinter dem Damm der Küste erwartet, andererseits bin ich neugierig. Der Zwiespalt wird unterbrochen, als ein Tier kurz vor mir zur Landung ansetzt. Ich reiße meine Augen auf und mustere es ausgiebig. Es sieht zu mir, als würde es sich beobachtet fühlen und tut es mir offenbar gleich. Ich zögere zuerst, doch dann gehe ich ein paar Schritte darauf zu. Es ist mindestens einen halben Meter hoch und einen ganzen Meter lang und hat schwarze Flügel, die es nun faltet und wie einen Panzer um seinen Bauch legt. Meine Neugierde scheint dem Tier nicht zu gefallen, denn es wendet sich mir zu und macht ein krächzend-fauchendes Geräusch, weshalb ich ein paar Schritte zurückfalle, dabei stolpere ich im Sand und lande auf meinem Gesäß. Als würde es sich jetzt überlegen fühlen, kommt es mit seinen langen und rau wirkenden Beinen und Füßen auf mich zu. Dabei hat es jeweils vier Zehen, ausgestattet mit langen Krallen. Die Schnauze ist eher länglich und just in diesem Moment taucht das Bild eines Gürteltiers in meinem Kopf auf. Auch hier ist ein Panzer auf dem Rücken, die zuvor gesehenen Flügel sind gut verstaut und sollen vermutlich den Bauch schützen, die Schwachstelle der Gürteltiere. Es stoppt einen Meter vor mir und schnüffelt in der Luft und sieht mir in die Augen. Ich robbe mich noch weiter nach hinten, halte dann aber inne und folge seinem Tun. Es wirkt wie im Wasser und bei Bea, als würde es mit mir auf seine Art kommunizieren, ohne Worte zu verwenden. Als würde es mich verstehen, ohne mich zu verstehen. Ein Gefühl von Andersartigkeit, Neugier und Gefahr umhüllt meinen Körper, dabei bin ich mir nicht sicher, ob es meine eigenen oder die Eindrücke des Tiers sind. Es wendet seinen Blick von mir ab, vermutlich hat es alles erfahren, was es wissen wollte, und setzt seinen geplanten Weg fort. Kurz beobachte ich es noch, wie es zum Meer geht, aber auch ich verliere das Interesse und wende mich endgültig davon ab, um mich meinen Bedenken zu stellen.

Viele Fragen

Kurz bevor ich den Höhepunkt des Dammes erreicht habe, läuft Bea fast in mich hinein. »Oh, du bist noch da!«, sagt sie erfreut und geht ein paar Schritte zurück. Die Wärme oder Emotionalität schwingt dieses Mal nicht mit. Vielleicht habe ich mir das doch nur eingebildet. »Ich dachte, ich hätte euch vergrault mit meiner komischen Art«, sage ich leise und schaue mich um. Wobei ich eher froh bin, dass sie wieder da ist, weil ich so meine Fragen stellen kann und nicht alleine in einer fremden Welt bin. Was, wenn ich etwas falsch mache und sie mich angreifen, umbringen oder wie ein Laborprojekt behandeln? »Wo ist denn Li?«, frage ich und werde skeptisch. Bea fängt an zu lachen und winkt ab: »Li ist etwas schüchtern und wollte nach Hause gehen. Ich dachte mir, dass ich dir unsere Stadt zeigen könnte.« Ich freue mich, weil sie das anbietet und muss unweigerlich breit grinsen. Wir steigen auf den Damm und meine Augen weiten sich, es sieht im ersten Moment wie eine Sci-Fi-Stadt der Erde aus, wie man es in Filmen und Serien sieht. Aber es wirkt doch eher natureller, greifbarer und fast schon altmodisch. Als hätte man Hightech ins Ende des 19. Jahrhunderts geworfen. Die Straße gleicht Pflastern oder gut festgetrampelten Feldwegen, während die Gebäude spiegelnd schimmern. »Wow.« Bea sieht mich an und grinst: »Eine schöne Stadt, was?« Ich nicke langsam und schaue weiter. Die Gebäude unterscheiden sich untereinander. Manche sind größer, manche spiegeln mehr, andere weniger, wieder andere sind schmal und hoch, dafür andere fast kugelrund. Etwas weiter rechts von uns kann ich so etwas wie Rohre erkennen. »Was ist das?«, deute ich darauf und kann meine Augen nicht abwenden. »Ach, das ist unser Waren-, Nahrungs- und Posttransfer. Damit werden Waren und Güter des alltäglichen Lebens verteilt. Wie genau es funktioniert, weiß ich leider nicht. Ich schätze, mit Luftdruck«, sie stoppt unerwartet, weshalb ich sie ansehe, »oder mit Magneten – kann auch sein«, ergänzt sie dann lachend. Irgendwie ist das süß, weshalb ich rot werde und verlegen wegsehe. Wir gehen dann runter und ich schaue mich begeistert um. »Sind das Solarplatten auf den Gebäuden?« Sie krächzt, hustet und fragt dann: »Bitte was?« Ich schaue sie an und erkenne Zweifel in ihrem Gesicht: »Habe ich etwas Falsches gesagt? Die Platten an den Gebäuden, sind dafür da, die Energie der Sonne in Strom umzuwandeln, oder?« Ihre Gesichtszüge werden wieder weicher und sie nickt. »Genau, ich habe nur den Begriff nicht verstanden, es war ein komisches Rauschen in meiner Übersetzung. Bei uns nennt es sich ›Enso‹. Sollte den gleichen oder ähnlichen Effekt haben. Ich wusste gar nicht, dass Archen eine eigene Bezeichnung dafür haben.« »Äh…« Ich kratze mir verlegen am Kopf. »Ja, weißt du, das ist so, dass ich nicht von diesem Planeten komme … alsooo …« Ich wünschte, ich könnte im Erdboden versinken. Kann sich denn kein Loch auftun, in welchem ich mich kurz verstecken kann? Gleichzeitig könnte ich mir eine klatschen, dafür, dass ich solch ein großes Risiko eingehe. Andererseits war sie so nett und fair zu mir, dass ich keinen Sinn darin sehe, sie anzulügen. Als sie ein paar Schritte zurückweicht, bestätigt sie meine Befürchtungen und ich möchte schon beschwichtigend die Hände heben, doch sie kommt mir zuvor und sagt: »Ich weiß.« Sie scheint nachzudenken. »Ich hätte nur nicht erwartet, dass du es so geradeheraus sagst.« Ich grinse. »Ich auch nicht. Woher hast du es gewusst? Habe ich mich so seltsam verhalten?«, füge ich noch neugierig hinzu. »Mhmm… Na ja, wir waren zuvor in Stadt und es kam eine Durchsage, dass ein großes Objekt unseren Planetraum verlassen hat und wir uns melden sollen, wenn uns etwas Komisches auffällt. Wenn ich mich nicht bei Li melde, wird sie weitere Hüter informieren.« Nun bin ich es, der Abstand zwischen uns schafft und nervös wird. »W-was machen die Hüter dann mit mir?«, ist der erste von vielen sich überschlagenden Gedanken. »Warum hast du mich nicht einfach gemeldet und bist jetzt hier? Wie ist es dir aufgefallen? Was passiert jetzt? Kam auch eine Meldung, dass etwas in eure Stratosphäre eindrang oder nur dessen Verlassen?« Gegen Ende werde ich traurig und mir wird bewusst, dass ich wirklich hier gefangen bin und zurückgelassen wurde. Ich entdecke eine Sitzbank und lasse mich darauf fallen. Meine Familie werde ich nie wieder sehen. Meine Frau, meine Kinder. Ich frage mich, ob es das wert war. Was, wenn sie mich hier einfach umbringen? Bea setzt sich zu mir und scheint auch davor etwas gesagt zu haben. Doch ich verstehe sie nicht, meine Gedanken drehen sich im Kreis und ziehen mich immer tiefer in einen Abgrund. Wie ferngesteuert lege ich mein Gesicht in meine Hände und ziehe die Beine auf die Bank und an den Körper. Ich spüre ihren Blick auf mir, aber dieser kommt mir sehr weit entfernt vor. Als wäre ich woanders und würde ich mich auflösen und verschwinden und als hätte ich einen unbeschreiblich dummen Fehler begangen. Sie scheint wieder zu reden, aber es hört sich weit weg und dumpf an – ich verstehe kein Wort. Ein lauter Knall und eine Berührung an meinen Händen lassen mich aufzucken. Bea hat meine Hände genommen und hält sie in ihren. Eine wohlige Wärme durchfährt meinen Körper und meine Hände beginnen zu kribbeln, als wäre es das Sensibelste und Empfindlichste, das mein Körper je empfunden hat. »Bist du wieder da?«, fragt sie. »Du scheinst im Orkus gewesen zu sein.« Ich blinzle. »Bitte wo?« »In einer Zwischenebene. Sowas kenne ich von Jungwächtern, welche zum ersten Mal ein Krea sehen, das doppelt so groß ist, wie sie selbst.« Ich verstehe gar nichts. Das sieht sie mir offenbar an und beginnt, meine zuvor sich überschlagenden Fragen zu beantworten.

»Die Hüter wissen noch nichts von dir, weil wir es nicht gemeldet haben. Du solltest wissen, dass ich auch ein Hüter bin. Ich bin für Kreas zuständig, welche sich verlaufen haben, wütend sind, verletzt oder Weiteres. Dich zu treffen, ist schon fast meine Aufgabe.« Zum Schluss schenkt sie mir ein Kichern und aufmunterndes Lächeln. »Was sind Kreas?«, frage ich und fühle mich schon deutlich besser. »Kreas sind unsere Mitbewohner hier. Habt ihr sowas nicht?« Jetzt dreht sie sich von mir weg, sucht nach etwas und zeigt dann darauf. Erst jetzt bemerke ich, dass sie dicht vor mir hockt und in meine Augen schaut. Dann folge ich ihrer Geste und entdecke ein schwebendes Tier über einem der Bewohner. Doch meine Aufmerksamkeit fällt auf die Statur des Menschen. Sind das überhaupt Menschen? Ich wende meinen Blick von der entfernten Person ab und schaue Bea vor mir an, vor allem ihre Beine. Bis zum Knie scheint alles relativ menschenähnlich zu sein. Erst ab dem nächsten Drittel fängt es an, sich zu teilen. Seitlich betrachtet, spaltet sich die Haut ab dem Schienbein. Der Abstand wird immer größer und der Fuß gestaltet sich als ein zweiteiliges Konstrukt. Während bei uns die Ferse mit dem Ballen und den Zehen ein Teil ist, fehlt bei ihnen der Mittelteil und die Verbindung. Die Zehen hingegen sind den unseren ähnlich, auch wenn sie eine Art seitliche ›Wolfskralle‹ als sechsten Zeh haben. Gut zu sehen ist alles, da sie barfuß läuft. Sie macht ein Geräusch und ich schaue auf. »Was ist so faszinierend?«, fragt sie und legt ihren Kopf schief. »Eure Beine, Füße – faszinierend – und so könnt ihr problemlos laufen?« Erst nach wenigen Sekunden realisiert sie das Gesagte und fängt an zu lachen. »Gerade waren wir noch bei Kreas und du redest schon über etwas ganz anderes. Eure Aufmerksamkeitsspanne hält wohl nicht sehr lange, waeh?«, endet sie grinsend. Verlegen schaue ich weg. Wende mich ihr dann aber wieder zu: »Tut mir leid, ich habe das eben erst entdeckt. Ein Tier habe ich am Strand schon gesehen. Es hatte große Flügel und einen harten Rückenpanzer. Ich dachte, es frisst mich.« Sie scheint zu überlegen: »Du meinst vermutlich einen ›Todoron‹. Sie sind eigentlich sehr friedlich und haben kein Interesse an uns. Offenbar hast du einen bedrohlichen Eindruck gemacht.« »Todoron«, wiederhole ich das Gehörte. Sie nickt. »Und zur Anatomie von uns …«, sie stellt ihren rechten Fuß auf die Bank, was mich sofort verleitet, das Ganze erneut zu betrachten. Es ist nichts offen oder sieht – abgesehen von der Spaltung – ungewöhnlich aus, aber trotzdem weckt es mein Interesse. »Was ist daran so besonders?«, dabei deutet sie auf meine Beine. Ich ziehe die Hose nur zögernd hoch und gleite aus meinen Schuhen. Nun ist es sie, die neugierig ist. Aber das verfliegt schnell. »Ah, du trägst was drüber – warum? Solche Beine und eine solche Fußform haben viele Kreas, nur habe ich es so noch nicht gesehen. Und schon gar nicht bedeckt«. Sie grinst wieder und bietet mir ihre Hand zum Aufstehen an. »Lass uns weitergehen.« Ich schlüpfe schnell in meine Schuhe rein und greife dann zur Hand, die abgesehen von dem etwas nach innen versetzten Daumen, der meinen doch recht gleicht. »Groß bist du aber«, sagt sie und schaut mir in die Augen. »Und kleinere Augen hast du, aber wunderschöne, sie haben eine unfassbare Tiefe und sagen sehr viel über dich und dein Leben aus.« »Ach ja?« Es stimmt, ich bin einen Kopf größer, aber das wäre mir nicht als etwas Unnormales aufgefallen. Dabei bin ich nur ein Meter sechsundsiebzig groß. Sie zuckt mit den Schultern und geht ein paar Schritte. Dann fängt sie an, zu erzählen: »Wir tragen nichts an den Füßen. Ich wüsste nicht, wozu. Wir tragen meistens Kleidung an unserem Körper, weil wir uns damit wohler fühlen, aber an den Füßen wäre mir neu. So ist man doch total abgeschnitten von dem Boden. Ich glaube, mir würde irgendwas fehlen.« »Hm… bei uns ist das normal. Es ist wärmer, geschützter und wer weiß, was auf den Straßen liegt. Die Verletzungsgefahr ist viel zu hoch«, erkläre ich. »Warum«, sagt sie, dabei klingt es nicht wie eine Frage und ich verstehe nicht ganz, was sie damit meint, weshalb ich frage: »Was, warum?« »Ahh, tut mir leid, ich war gedanklich schon weiter und irgendwie kam weniger raus, als es sollte. Müsst ihr immer miteinander akustisch reden? So anstrengend.« Wir verlassen gerade den Weg und ich drehe mich nochmal um, um mir diesen Abschnitt zu merken. Gleichzeitig versuche ich mich umzusehen, dabei so viel einzusaugen, wie ich nur kann, und dem Gespräch zu folgen. DAS ist anstrengend. Mein Magen knurrt. Wie lange bin ich schon unterwegs? »Wie lange ist es her, als wir uns begegnet sind?«, sage ich laut und wechsle mal wieder sprunghaft das Thema, welches ich schon fast wieder vergessen hatte. Worüber haben wir geredet? Ich merke, wie mein Kopf sich dreht. Kurz schaue ich auf und erkenne, dass die Sonne oder das Konstrukt, welches hier gerade Licht sowie etwas Wärme spendet, aus den Wolken gebrochen ist und mir ins Gesicht oder vielmehr in die Augen scheint. Das brennt leicht, sticht dann zunehmend, weshalb ich sofort nach unten sehe und mehrfach blinzeln muss. »Ist alles okay, John?«, wendet sich Bea mir direkt zu. »Meine Augen tun weh. Und mein Kopf dreht sich …«, erkläre ich. Das Ganze wird jedoch nicht besser und ich verliere die Orientierung. Ich bleibe stehen und gehe sicherheitshalber in die Hocke, um meine Augen und Schläfen zu reiben. Als ich sie wieder öffne, sehe ich etwas verschwommen. »Ich sehe schlechter …« Was ich aber deutlich erkennen kann, ist die Besorgnis in Beas Gesicht. Und die Emotionen, die mich von ihr erreichen. »Warum fühle ich, was du fühlst?«, entgegne ich barsch. Sie ist überrascht, kniet sich aber trotzdem vor mich hin und sieht mich an. Ich halte meine Augen geschlossen, zum einen, weil ich Angst habe, wieder schlecht oder gar noch schlechter zu sehen, zum anderen, weil sie immer noch schmerzen. Ich drücke die Handballen gegen meine Augen, nachdem ich mich hingesetzt habe. Der Gedanke, wie es wohl aussehen mag, dass ein komisches Wesen, vermutlich mitten in der Stadt auf der Straße sitzt und sich die Augen zuhält, blitzt in meinem Kopf auf. Ich seufze. »Ich verstehe deine Frage nicht. Warum solltest du nicht fühlen, was ich fühle? Seid ihr keine empathischen Wesen? Offenbar schon. Sonst würdest du es ja nicht können. Ich habe soeben einen Medikus gerufen. Sie sollten bald hier sein«, redet Bea, jedoch mit einer äußerst beruhigenden Stimme, sodass sich trotz des Gesagten meine Angst schmälert. Selbst der Gedanke, was die Medikusse mit mir anstellen könnten, beunruhigt mich nicht mehr so sehr. »Was passiert jetzt, was passiert mit mir?«, frage ich trotzdem. Sie sagt etwas, das ich nicht verstehe, weil ich das Gefühl habe, Wasser in den Ohren zu haben. Begleitet von einem Rauschen in meinem Kopf. »Leg dich besser hin«, höre ich ihre Stimme. Kurz darauf folgt ein: »Darf ich dich anfassen?« Was ich mit einem unsicheren Nicken quittiere. Sie stützt mich und meinen Kopf beim Hinlegen. Der Versuch, die Augen zu öffnen, wird mit einem stechenden Schmerz und schwarzer Farbe bestraft. »Ich kann nichts mehr sehen«, flüstere ich und schließe meine Augen sofort wieder. Panik steigt in mir auf. Ich spüre, wie mein Herz schlägt. Wie es mir die Kehle hochpocht und wie die Angst durch meinen Körper fließt. Bea greift zu meiner Hand und hält sie, allein diese Handlung beruhigt mich. Ich wusste gar nicht, dass ich so sehr darauf reagiere, geschweige denn, dass Berührungen eine solch immense Wirkung auf mich haben. »Es wird alles gut, John. Keiner tut dir etwas und ich bleibe, sofern möglich, bei dir«, redet sie auf mich ein. Mir wird schlecht und ich habe das Gefühl, dass sich alles dreht, obwohl meine Augen geschlossen sind. Langsam drifte ich weg und flüstere: »Ich habe Angst.« Dann werde ich ohnmächtig.

Krankenhaus

»Was, wenn Johns Organismus unsere Medizin nicht verträgt? Ihr wisst doch gar nicht, wie es funktioniert. Was, wenn raa dadurch Schaden nimmt?« Murren. Undefinierbares Geflüster und dann folgt Stille.

Tiefmüde und körperlich schwer, komme ich langsam wieder zu mir. Ich höre nichts und versuche langsam meine Augen zu öffnen. Es funktioniert und ich nehme etwas Licht wahr. Ich sehe wieder etwas! In meinem Kopf dreht sich alles, wenn auch nicht mehr so stark. Haben sie mir Schmerzmittel gegeben? Es fühlt sich benebelt an. Ich schließe meine Augen immer wieder, weil es zu anstrengend ist, sie offenzuhalten. Erkennen kann ich nicht viel, aber ich muss wohl in einem Bett liegen. Bin ich im Krankenhaus? Wo bin ich? Was ist passiert? »John! Du bist wieder da!«, höre ich eine mir bekannte Stimme. »Sahra?«, frage ich und versuche meine Augen zu öffnen. Bea tritt in mein Sichtfeld und schüttelt leicht den Kopf: »Nein, Bea. Ich sagte doch, ich würde dich nicht alleine lassen. Ich bin so froh, dass es dir besser geht.« Meine Augen fallen erneut zu, aber ein Nicken habe ich noch zustande gebracht, ehe ich eingeschlafen bin.

Etwas fitter und klarer im Kopf, jedoch mit viel Durst, wache ich auf. Draußen ist es dunkel, verrät mir ein Blick aus dem Fenster. Als Erstes taste ich mich komplett ab. Ist etwas anders? Weg? Woanders dran? Was haben sie mit mir gemacht? Mir fällt nichts auf, außer dass mein Oberteil aus Nylon zerschnitten ist. Mein Oberkörper liegt komplett frei. Ich zucke innerlich mit den Schultern und beschließe, das später zu hinterfragen. Anschließend schwinge ich meine Beine über die Bettkante und stehe auf. Leider etwas zu schnell, weshalb mir kurz schwindelig wird und ich mich abstützen muss. Dann mache ich ein paar Schritte. Der Raum ist zum Glück nicht stockfinster, denn eine Lampe in einem warmen Orangeton ist eingeschaltet. Diese steht neben dem Bett auf einem kleinen Tisch. Das Zimmer ist nicht besonders groß. Rechts, keine drei Meter neben dem Bett und zwei Meter dahinter ist auch schon die Türe. Auf der linken Seite ein Fenster, welches mit Vorhängen halb verdeckt wird. Die Wände sind oberhalb mit verschnörkelten Bordüren in einem angenehmen Orangerot bemalt. Neben der Tür sind auch Milchglasfenster und ein Sitzsack ist links neben dem Bett. Ob Bea bis vor kurzem noch da war? Vielleicht ist sie immer noch da? Ich muss auf die Toilette und dringend etwas trinken. Doch als ich vor der Türe stehe, sehe ich keinen Griff. Ich beschließe zu klopfen und tatsächlich öffnet einer der Bewohner hier, vermutlich mittleren Alters, nur einen halben Kopf kleiner als ich, die Türe. Wenige Haare zieren den Kopf und ein grobes Gesicht blickt mir entgegen. Zudem wirkt er etwas stämmiger, ziemlich robust und hat eine bedrohliche Ausstrahlung, weshalb ich ein paar Schritte zurückweiche und ihn wachsam beobachte. Die Augen sind, wie auch die von Bea, größer und luchsartig. Jedoch dunkler als ihre. Er kramt etwas unbeholfen in seiner dunkelgrauen Jackentasche, welche viele Taschen hat und wie eine Uniform aussieht. Auch seine Hose, die knapp über die Knie geht, ist beige und mit einigen Taschen versehen. Offenbar hat er gefunden, was er suchte, und platziert es an sein Ohr. Ich kann es aufgrund der schlechten Beleuchtung nicht erkennen. Aber es sieht aus wie eine Muschel? In meerblauer Farbe? Plötzlich höre ich ein Räuspern. »Wo soll es hingehen?«, fragt er mit einer tiefen und rauchigen Stimme, die ich so nicht erwartet habe. Sie klingt etwas unhöflich – ja sogar forsch. »Ich … ähm…, wollte etwas trinken und muss auf die Toilette«, flüstere ich mehr. Er macht mich nervös. Das scheint er zu spüren, denn er wirkt lockerer und kommentiert es mit einem »Aha.« Gleichzeitig bewegt er sich keinen Millimeter und sieht mich von oben bis unten an. »Und dann?«, fragt er, als würde er irgendwas ahnen oder mehr erfahren wollen. Ich schüttele den Kopf. »Nichts dann.« Wo soll ich denn hin, ich kenne mich doch gar nicht aus. Mein Magen knurrt hörbar. »Und Hunger hätte ich auch. Kann man hier irgendwo etwas kaufen?« »Oder etwas zum Essen bekommen?«, verbessere ich mich, da ich es vermutlich kaum bezahlen kann. Womit auch? Ich mache einen Schritt nach vorne, um vorbeizugehen, er zuckt jedoch und stellt sich breitbeiniger auf. Im nächsten Moment beruhigt er sich wieder. »Darf ich fragen, wer Sie eigentlich sind?«, starte ich das Gespräch, da ich nicht glaube, dass er mich einfach so gehen lässt. Er kneift die Augen zusammen, antwortet dann aber: »Ich bin ›Zhar‹ und wurde zur Beobachtung gerufen.« »Zaar?«, hinterfrage ich den Namen gemäß der Aussprache, die ich verstanden habe, und er nickt. »Aha«, imitiere ich ihn. Verständlich, dass sie die Polizei schicken. Hätte ich vermutlich auch gemacht. Er legt den Kopf schief und meint dann: »Was willst du oder was wollt ihr hier?« Tja, das wüsste ich auch gern. Ich beschließe, mich etwas dumm zu stellen: »Hier? Ich bin zusammengeklappt. Viel lieber hätte ich die Stadt erkundet.« Dann grinse ich leicht, er schüttelt langsam den Kopf. Ich kichere innerlich. Mir schon klar, dass du das nicht wissen wolltest. »Ich meinte allgemein«, setzt er zögernd an, sucht dann nach Wörtern und beschließt, von vorne anzufangen: »Du bist doch nicht von unserem Planeten, oder? Daher frage ich mich und viele andere, was du hier möchtest.« Ich atme hörbar aus. »Ich will eure Welt kennenlernen, nicht mehr und nicht weniger.« Nach einer kurzen Pause füge ich noch hinzu: »Dürfte ich jetzt bitte auf die Toilette? Danach können wir gern weiterreden.« Er setzt zum Nicken an, macht dann kehrt und sagt gleichzeitig: »Ja natürlich, tut mir leid. Ich zeige dir den Weg.« Von seiner forschen und direkten Art ist jetzt nichts mehr zu hören, auch ändert sich seine Aura. Obwohl ich ihn in erster Linie als männlich lese, wirkt er jetzt neutraler.

Im Flur ist es deutlich heller, wenn auch in keinem weißen, sondern eher gelblichen Licht. Es gibt einige Türen, links und rechts, die zu Zimmern führen. Ein kurzer Blick zu meiner Türe oder vielmehr zu deren Bezeichnung lässt sie mich hoffentlich wieder finden. Es sind Zeichen, die wie Runen aussehen: Verdutzt schaue ich wieder nach vorne und entdecke auch auf andere Türschilder Ähnliches: oder . Das letzte Neue kann ich gar nicht beschreiben. Oh ja, ich werde das Zimmer nie wieder finden. Was habe ich auch erwartet? Unsere Zahlen? Ich seufze. Zhar wendet sich mir zu. »Ist alles in Ordnung?«, fragt er mit einem fürsorglichen Unterton. Ich nicke langsam und sage dann: »Ihr habt natürlich eine ganz andere Schrift oder Schreibsystem hier.« Er scheint nachzudenken. »Du meinst Nummer?« Wieder nicke ich. Kurz darauf bleibt er stehen und macht eine Geste in die Richtung einer milchigen Glastür. Als ich darauf zugehe, gleitet sie auf, ohne dass ich irgendwas berühren musste, und verschwindet in der Wand. Cool. Zhar wartet zum Glück draußen. Doch als ich nach vorne blicke und eines der Wesen beim Waschen der Hände entdecke, steigt mir die Röte ins Gesicht und ich mache ein paar Schritte zurück, sodass die Türe erneut aufgleitet und ich wieder draußen stehe. Zhar sieht mich irritiert an. Er hat sich an die Wand neben der Türe angelehnt und setzt schon zum Fragen an. Stoppt aber. Und ich suche nach den Geschlechtssymbolen, finde jedoch keine. Also frage ich: »Wo ist die Männertoilette?« Mühsam bemüht, die Peinlichkeit herunterzuschlucken. Sein Blick beruhigt mich jedoch nicht. »Die, was?«, entgegnet er. »Verstehe ich nicht, kannst du es bitte wiederholen?«, fügt er hinzu. Ich kratze mich an der Schläfe. »Männer?«, sage ich dann leise. »Männer«, wiederholt er. »Was soll das sein?« Mir klappt beinahe der Mund auf, doch meine Blase drückt, also beschließe ich dieses Wirrwarr in meinem Kopf später zu lösen, weshalb ich frage: »Hier gehen alle aufs Klo, oder?« »Ich verstehe es zwar nicht, aber ja, diese Anlagen nutzen alle von uns.« Das ›von uns‹ hatte einen bitteren Nachgeschmack, schulterzuckend gehe ich wieder hinein. Unisex-Toiletten sind inzwischen auch keine Seltenheit mehr.

»Hallo«, sage ich, die Person grinst mich an und geht hinaus. Offenbar bin ich jetzt alleine im Raum. Direkt geradeaus sind die Waschbecken, rechts sind vermutlich Kabinen und weiter vorne sind Öffnungen in der Wand. Davor ragt etwas heraus, das vermutlich alles auffangen soll. Ich beschließe, zuerst in die Kabine zu schauen. Dazu muss ich seitlich an einer Trennwand vorbei, die den Eingang versperrt. Dahinter ist ein circa eineinhalb Meter breiter Gang, der zu den einzelnen Kabinen führt. Nach kurzem Zögern riskiere ich einen Blick und entdecke ein Konstrukt, das mich neugierig werden lässt. Es ist oval, wie die Toiletten bei uns. Jedoch deutlich länger und hat keinen Deckel. Das Ganze ist leicht geneigt. Ich gehe näher heran und stelle fest, dass es nur gering ist. Auf dem Boden entdecke ich Stützen. Oder sind das Fußablagen? Es hat etwas, das wie ein Hebel aussieht und mich an eine Rasterverstellung erinnert. Vermutlich wollten sie so alle Körpergrößen abdecken. »Ob es für meine reicht?«, flüstere ich und kichere. Ich luge ins Zentrum und erkenne den Abfluss. Zumindest sieht das fast wie bei uns aus. »Ergonomisch, das Ganze«, denke ich. Wende mich aber ab und befreie mich von meinem Druck beim Pissoir. Kurz nachdem ich es verlassen habe, erfolgt ein Rauschen – die Spülung. Als ich vor dem Waschbecken stehe und meine Hände ausstrecke, fließt lauwarmes Wasser, gepaart mit etwas Glänzendem, auf meine Hände. Die Suche nach der Seife erübrigt sich so. Mich irritiert es etwas, dass es hier keine Spiegel gibt, wie es über Waschbecken üblich ist. Kurz wasche ich mir noch das Gesicht und wende mich dann wieder dem Ausgang zu.

»Fertig?«, fragt Zhar. Ich grinse. »Was sind denn nun ›Männer‹?«, greift er das Thema erneut auf. Tief Luft holen und langsam ausatmen. Mein Magen knurrt wieder. »Können wir etwas zu trinken und essen suchen und uns irgendwo hinsetzen?« Er nickt und geht vor. Nach einigen Abbiegungen gleitet eine Türe auf und wir stehen in einem hell beleuchteten Raum. Zwei Seiten sind komplett mit riesengroßen Fenstern versehen. Da hat die Längste mindestens zehn Meter. Einige weiße, runde Tische stehen verteilt im Raum. Darum herum Stühle, die aussehen wie eine Hand. Rechts vom Eingang ist eine Theke zur Selbstbedienung. Ich kann vereinzelte Personen sehen, die in Zweier oder Dreier-Gruppen zusammensitzen, reden oder auch essen. Andere bedienen sich am Buffet. Ein angenehmer Duft steigt in meine Nase. Es riecht süßlich, deftig und gleichzeitig undefinierbar. Das Essen zieht mich magisch an. Gleichzeitig habe ich Bedenken, was mich erwartet. Ich schaue, wo mein Begleiter bleibt. Dieser sieht sich um, zuckt mit den Schultern und folgt mir. Keiner scheint auf ihn zu reagieren. Ist es hier gewöhnlich, dass die Polizei mit jemandem frei herumläuft? Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das auf der Erde ausgesehen hätte. Tausende Gaffer, mal ganz zu schweigen, dass ich überhaupt nicht hätte hier sein dürfen. Der Hüter zeigt mir, wie das hier funktioniert und ich ahme ihn nach. Greife zu den Tellern, die den unseren gleichen, nur in einem tonfarbigen Braun sind. Das, was in den Tellern und Körben vor uns liegt, kenne ich logischerweise nicht. »Das sind Krebv«, dabei deutet er auf eine rötliche Masse und schöpft sich einen großen Löffel voll auf seinen Teller. »Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie ich den Geschmack beschreiben soll, weil ich nicht weiß, womit ich es, angepasst an deine Herkunft, vergleichen soll«, erklärt er zögernd. »Ist schon in Ordnung, ich werde mich wohl durchprobieren müssen«, sage ich grinsend. Dabei präge ich mir die Begriffe ein, die er nennt. Er deutet auf etwas, das gebacken aussieht und sagt, dass es aus Vziok gemacht und Gennef genannt wird. Es folgen noch einige komische Namen, bis wir am Ende angelangt sind und er auf die Schüssel deutet: »Das sind essbare Samen. Es wird im Wasser erhitzt, bis es verdampft. Wir nennen es Biog.« Ich habe sogar Blumen gesehen, lilane, gelbe und weiße, kleinere, größere und auch seltsame. Sogar Blätter habe ich auf meinem Teller. Witzig finde ich, dass etwas wie angebratenes Gras aussieht. Lediglich von Fleisch oder Fisch ist keine Spur. Wir suchen uns einen Tisch und setzen uns gegenüber, nachdem wir die Teller abgestellt haben. Etwas zu trinken, habe ich natürlich auch dabei. Sogar Vertrautes: Wasser. Der Stuhl ist überraschend bequem, nur minimal zu niedrig für mich. Zhar sieht mich erwartungsvoll an und reicht mir einen Löffel sowie etwas Gabelähnliches. Es hat auch drei Zacken, aber nicht nebeneinander, sie sind eher wie in einem flachen Dreieck positioniert. »Danke«, sage ich und er beobachtet mich weiterhin. Ich wage mich an die rötliche Masse; Krebv. Es ist ein Brei. Man schmeckt im ersten Moment nicht viel, doch dann bemerke ich die Würzung. Paprika? Curry? Definitiv Salz. Obwohl es im ersten Moment eher süßlich war, wird es mit jedem weiteren Bissen umso würziger. Fast würde ich es als eine Mischung aus Süßkartoffeln, Kartoffeln und Ingwer interpretieren. Aber das trifft es nicht ganz. Mein Gegenüber hat mittlerweile auch angefangen zu essen, blickt aber immer wieder auf. Mir gefällt es, dass es gut gewürzt ist. Einige der Blätter schmecken wirklich wie Blätter. Andere hingegen bieten ein intensives Aroma, das vollmundig schmeckt. Wohingegen das gebratene Gras nach Stroh schmeckt. Immerhin mal was Knuspriges. Zu guter Letzt wage ich mich an eine lilane Blüte. Sie hat viele Blütenblätter und duftet. Ich bin mir immer noch unsicher, ob man das wirklich essen kann. »Ich würde nur die Blüten essen, der Kern ist, meiner Meinung nach, sehr sauer«, höre ich die Stimme von Zhar sagen. Langsam nicke ich und rupfe die Blüten ab und lege sie auf meine Zunge. Nach kurzem Kauen nehme ich einen beißenden Geschmack wahr. Meerrettich? Doch dann wird es ekliger und geht in Richtung Essig. Ich spucke es aus. Gleichzeitig schaue ich ihn entschuldigend an. Doch Zhar schmunzelt nur und fängt tatsächlich an zu lachen. Wobei es auch eher ein Brummen sein könnte, mit seiner rauchigen Stimme. »Tja, Geschmäcker sind wohl auch bei euch verschieden«, meint er dann.