Splitted World - Evelyn Marker - E-Book

Splitted World E-Book

Evelyn Marker

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Beschreibung

Nachdem der Atomkrieg vorbei war, hat sich die stark dezimierte Menschheit ein neues Paradies aufgebaut und in unterschiedliche Länder aufgeteilt. Der technische Fortschritt ist kaum aufzuhalten, so dass die Grenzen zwischen Wahrheit, Fiktion und den Ländern immer mehr verschwimmen. Als Emelie und Joe sich das erste Mal begegnen, ahnen sie noch nicht, dass sie in den nächsten Monaten tief in ein Geflecht aus Lügen, Intrigen, Egoismus und falschen Emotionen eintauchen werden. Während sie sich emotional näher kommen, müssen sie ihr ganzes Verständnis von der Welt, wie sie sie kennengelernt haben, über den Haufen werfen und am Ende eine grundlegende Entscheidung für die Zukunft treffen. Enthält eine asexuelle Romanze und pseudobayerischen Dialekt 1. Buchveröffentlichung

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Autoren-Duo:

 

Evelyn Marker, geboren 1998, schrieb bereits als Kind Gedichte und Geschichten innerhalb der unterschiedlichsten Genres. Durch die Zusammenarbeit mit Mike Geyer ist mit Splitted World der erste vollständige Roman entstanden.

Neben ihrer Arbeit als Bürokauffrau und dem ehrenamtlichen Engagement als Vorstand eines Vereins für Randsportarten lebt sie ihre kreative Ader mit der Anfertigung von Illustrationen und Animationen sowie bei der Fotografie und Musik aus – eine Kostprobe ist in den „WörterWolken“ zu finden: https://woerterwolken.jimdofree.com/

 

 

Mike Geyer, geboren 1970, ist ITler seit der ersten Stunde.

Als Gegengewicht zum hierfür notwendigen analytischen Denken dient ihm eine intuitive Form des Schreibens, Musizierens und Schauspielerns.

Sein Steckenpferd ist das Improvisations-Theater – mit seinem Ensemble „Die Improvokanten“ stand er schon auf vielen Bühnen.

Das Improvisieren hat auch die Arbeit an diesem Roman inspiriert.

https://improvokanten.wordpress.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mike Geyer und Evelyn Marker

 

Splitted World

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Personen, Orte und Handlungen sind frei erfunden. 

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen 

sind rein zufällig und weder beabsichtigt noch gewollt.

 

Alle Rechte sind vorbehalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Titel, Ausgabe: Splitted World, 1. Auflage

Autoren/Copyright: Evelyn Marker, Ammerstr. 12, 94522 Wallersdorf und Michael Geyer, Franz-Inselkammer-Straße 2, 83653 Aying

Lektorat: Stefanie Wisshak – Textlabyrinth

Cover: Melissa Wolf und Loonaxy

Illustrationen: Evelyn Marker      

E-Mail: [email protected]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir danken allen, die Dank erwarten.

Prolog

Der weiße Bus – POV 1

 

„Guten Morgen, Joe. Es ist Dienstag, 4:45 Uhr. Dein Weg ins Büro wird heute 2 Stunden und 30 Minuten dauern, Abfahrt in 30 Minuten.” Gleich einer chinesischen Wasserfolter meißelt sich die Sprachansage des Weckers Morgen für Morgen monoton einen Weg in das Gehirn von Joe. Seit mehr als 15 Jahren ist diese Stimme seine ständige Begleiterin.

„Lass mich!”, ächzt Joe genervt und er quält seinen schwachen, alten und geschundenen Körper mühsam aus dem Bett. Am liebsten würde er ja einfach liegen bleiben. Alles ignorieren und endlich mal wieder ausschlafen, so wie er das früher gerne getan hatte. Aber er muss zur Arbeit; er will sich sein Leben, so wie es aktuell ist, auch in Zukunft leisten können. 30 Minuten später hat er es tatsächlich irgendwie geschafft. Mit noch leicht zerzaustem Haar und den Augen auf Halbmast steht er im diesigen Dauersmog an der Haltestelle und wartet mit etlichen ähnlich ausgemergelten Menschen auf den ‘Monsterbus’, wie er von vielen genannt wird.  

Wehmütig erinnert er sich an die Zeit zurück, als er noch mit dem eigenen Auto fuhr und flexibel und unabhängig war. Das Auto besitzt er noch. Vermutlich ist es sogar noch fahrtauglich, aber es wäre sinnlos, damit zur Arbeit zu fahren. Er würde im Vergleich zum Bus doppelt so lange brauchen, also fünf Stunden. Einfache Strecke. Das wären zehn Stunden hin und zurück. Plus mindestens acht Stunden Arbeitszeit, plus Zwangspause. Bleiben maximal 6 Stunden für leben, essen und schlafen. Viel zu wenig. Wieder und wieder rechnet Joe die Stunden nach. Aber selbst die Zeitersparnis durch den Monsterbus ändert nichts an der Tatsache: Er existiert nur noch, um zu arbeiten. Und das nur deshalb, weil er damals diesen einen Fehler begangen hatte.

 

Frustriert steigt er in den weißen Bus. Ein gigantischer Bus, der nicht nur lang, sondern auch hoch ist und somit den Namen Monsterbus zu Recht trägt. Von außen wirkt er schlicht und dennoch schnittig – im Inneren offenbart sich eine ganz andere Welt: Auf insgesamt drei Ebenen können nahezu 800 Menschen bequem transportiert werden. Das kleine Dorf, in dem er aufgewachsen war, würde einmal komplett hineinpassen. Jede Ebene im Bus steht für ein eigenes spezielles Thema, das mit verschiedensten Farben, Gerüchen und Materialien dargestellt ist.

Die unterste ist in leuchtendem Blau und Türkis gehalten. Verschiedene Schattierungen, die in geschwungenen Linien ineinander übergehen, lassen das Gefühl entstehen, man sei von Wellen umgeben. Ein warmer, leicht salzig riechender Lufthauch und der sanft schwingende, nachgebende Bodenbelag tragen zu der Illusion bei, sich in einem angenehmen Badeurlaub zu befinden.

Die Ebene darüber hat strukturierte Wände in unterschiedlichen Brauntönen, die von grünen Flecken unterbrochen sind. Die Luft ist trocken und mit einem leicht würzigen Aroma versehen, während der Boden von einem Teppich mit Schottermuster bedeckt ist. Die Fahrgäste sollen sich hier in den Bergen wähnen. Eine fiktive Wanderung durch die Natur.

Die oberste Ebene mag Joe am liebsten. Ein buntes Farbenspiel schmückt die Wände, Musik aus dem vorigen Jahrhundert schallt dezent durch die Lautsprecher und an der Decke sind der Himmel und die Sonne aufgemalt – die Retro-Abteilung, so betiteln es die kreativen Köpfe dieses Fortbewegungsmittels.

Noch ist der Bus ziemlich leer. Wenigstens ein Vorteil seines langen Weges zur Arbeit. Joe steigt ganz nach oben, schlurft durch die Reihen, vorbei an einigen wenigen, teils schlafenden oder mit ausdruckslosen Mienen starrenden Mitfahrenden, und sichert sich einen Sitzplatz am Fenster in der letzten Reihe. Zweieinhalb öde Stunden liegen nun vor ihm.

 

Lautlos beginnt der Bus, sich in Bewegung zu setzen und immer schneller zu werden. Draußen ziehen zunächst noch einige triste Häuserfassaden vorbei, bis nur noch hohe, graue Mauern zu sehen sind. Gigantische Strahler über den Feldern versuchen, durch den Smog zu dringen und den Pflanzen, die als Lebensmittel dienen, das benötigte Licht und Wärme zu liefern. Etwas, was den Menschen schon seit einiger Zeit nicht mehr gegönnt wird. Joe kann sich nur dumpf daran erinnern, wie es sich anfühlt, Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren.

Etwa eine Stunde später werden aus den Mauern nach und nach wieder Häuser. Zunächst sind es einfache und kleine, so wie seines, dann folgen immer höhere Gebäude und Betonbunker. Als die Bauten schließlich so hoch sind, dass man deren Spitze durch die Dunstglocke nicht mehr erkennen kann, erreicht der Bus seine nächste Station und stoppt genauso lautlos und sanft wie bei der Abfahrt.

Joe weiß, was im nächsten Moment passieren wird, denn es ist jeden Tag das Gleiche. Er empfindet diesen Vorgang als grauen Alltag, im wahrsten Sinne des Wortes: Der Bus füllt sich. Vor allem junge Menschen steigen ein, die bevorzugt in die unteren zwei Ebenen strömen – denn Retro war ja out. Aber auch unter diesen trendbewussten Geschniegelten – allesamt im unscheinbaren grauen Anzug – gibt es langsamere und schwächere Exemplare; und diese steigen mangels freigebliebener Sitzplätze jeden Tag aufs Neue schlecht gelaunt nach oben in die Retro-Ebene.

Heute stolpert zunächst eine Gruppe von drei jungen Männern hinein. Ihr Outfit ist perfekt gebügelt und passt zu den akkurat frisierten und kurz geschnittenen Haaren. Sie strahlen so viel Arroganz und Überheblichkeit aus, dass Joe sie in die Kategorie der Jungmanager schiebt; eine Spezies, die noch an eine steile Karriere, an Statussymbole und großartige Möglichkeiten glauben. Schimpfend und pöbelnd besetzen sie die ersten freien Plätze, die sich ihnen bieten.

 

Eine weitere, größere Gruppe tritt ein. Joe reibt sich die Augen, denn was er sieht, hat er im Monsterbus schon lange nicht mehr erlebt: Eine einzelne Frau ist dabei. Sie ist nicht in das übliche langweilige und unauffällige Einheitsgrau gekleidet, sondern trägt zu einer eleganten, tiefschwarzen Hose eine sonnengelbe Bluse, die den ganzen Bus zu erhellen scheint. Natürlich fällt das nicht nur ihm auf – auch die testosterongesteuerte Männlichkeit, die ihr auf dem Fuße folgt, fühlt sich ganz offensichtlich animiert, die Frau wie zufällig anzurempeln und anzubaggern. Sie scheint das aber überhaupt nicht zu interessieren und lässt alles unberührt an sich abperlen. Mehr noch, sie setzt sich sogar demonstrativ in eine leere Reihe ein gutes Stück hinter die Jungmanager, die ihr verständnislos und pikiert hinterhergaffen. Joe hingegen hat seit Langem mal wieder ein breites Grinsen im Gesicht.

Der Monsterbus – POV 2

 

„Nein, spar dir das Läuten, ich bin schon wach“, sage ich zu meinem Roboter, der mich gerade aufwecken wollte.

Dieser erwidert: „In Ordnung, was darf es zum Frühstück sein? Ihre Kleidung liegt auf dem Stuhl.“

Noch immer müde, bewege ich mich Richtung Stuhl. „Wie immer …“, sage ich viel mehr zu mir, als zu meinem Roboter namens Qui. Er registriert meinen Wunsch und verlässt das Schlafzimmer. Während ich die schwarze Hose anziehe, entdecke ich ein grellgelbes Oberteil. „Miss Porter, es tut mir leid, bitte beruhigen Sie sich. Das war ein Fehler im System“, meldet sich Qui, der meinen sich ändernden Gemütszustand auf seinem Display abgelesen hat und lautlos ins Zimmer zurückgekehrt ist. Ich seufze, doch ehe ich antworten kann, kommt mir Qui zuvor: „Nein, ich habe alles überprüft, Sie haben aktuell keine andere Bluse. Nachdem die letzte Stofffabrik zerstört wurde, herrscht Knappheit bei der Bekleidung, deshalb gibt es nur noch wenige Sonderkleidungsstücke. Die anderen weißen Blusen sind in der Reparatur, wegen der Farbe.“

Wieder seufze ich und ziehe die Bluse an. Besser grellgelb als dieses Einheitsgrau. Fertig hergerichtet verlasse ich das Bad und gehe zügig in die Küche, um meinen bereits fertigen Kaffee zu genießen.

Die Ruhe wird leider gestört, als meine Uhr via Hologramm vor mir aufleuchtet und die Nachricht eines Arbeitskollegen anzeigt: Es tut mir so leid, Darling, aber ich kann dich heute nicht mitnehmen.

Ohne Umschweife klicke ich auf ‘Anruf’ und warte einen Moment; dann taucht es auch schon auf, das viel älter wirkende Gesicht eines 34-jährigen Mannes, umrahmt von einer braunen Pracht mit einzelnen grauen Strähnen. Eigentlich ein schönes Gesicht; nur seine Art oder wie er mich ‘Darling’ nennt, als wären wir ein Paar, stört mich etwas. 

„Oh hey, was gibt’s?“, tut er unwissend. Ich mache Anstalten, als würde ich gleich auflegen, warte aber demonstrativ einen kurzen Moment ab.

Daraufhin räuspert er sich und sagt: „Ich bin heute nicht so fit …“

Seine fadenscheinige Erklärung verwirft er jedoch gleich wieder, als ihm einfällt, dass ich seinen Gesundheitsstatus abrufen kann, wann immer ich will.

„Um die Wahrheit zu sagen – ich darf heute nicht zur Arbeit kommen, da meine Mutter gestern gestorben ist. Sie haben mir frei gegeben. Wie haben sie es genannt ...“, er kratzt sich am Kopf und fährt dann fort, „... Freiraum zur Selbstreflektion und Verarbeitung.“

Ein Gefühl des Bedauerns und Mitgefühls steigt in mir auf. „Das tut mir furchtbar leid. Selbstverständlich kann ich das verstehen und wünsche dir den ‘Freiraum’, den du benötigst.“ Darauf bedacht, seine vorangegangene Tonlage zu treffen, entweicht mir, und sogleich auch ihm, ein kleines Grinsen. Um meine Zeit nicht weiter zu vergeuden, füge ich hinzu, dass ich den Bus nehmen werde und lege auf.

„Qui? Wann fährt der Bus, von wo aus?“, rufe ich. Es dauert keine Sekunde, da sehe ich auch schon den genauen Fahrplan und wo der Bus als nächstes halten wird. Ein Counter zählt die Zeit bis zu seinem Eintreffen herunter: 00:23:45, 00:23:44, 00:23:43 … Im Angesicht des aufkommenden Stresses packe ich meine Sachen zusammen, trinke meinen Kaffee aus und mache mich auf den Weg.

 

Bereits einige Meter vor der Haltestelle sinkt meine Stimmung noch weiter in den Keller. Unzählige junge und auch ältere Arbeitskollegen stehen in einer langen Schlange an. Seitdem die Welt aus den Fugen geraten ist, herrscht strikte Disziplin: es gilt das gesellschaftliche Gesetz „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst”, was heißen soll, dass sich jeder hinten anstellen muss. Selbst eine Rangordnung spielt hierbei keine Rolle, weshalb ich mich, ohne groß zu zögern, ans Ende der Reihe begebe.

Auf die Minute genau trifft der ‘Monsterbus’ ein und die Schlange bewegt sich. Um der Sucherei nach einem Platz in den untersten Reihen zu entfliehen, beschließe ich, das Logischste zu tun und wähle ohne Umschweife den weitesten Weg, hinauf zur dritten Ebene. Ein Haufen junger, naiver Männer, die scheinbar noch nie eine Frau gesehen haben, bahnen sich vor mir mürrisch und unzufrieden einen Weg in die Retro-Abteilung. Mein holografisches Display zeigt mir – über deren Köpfen schwebend – unentwegt Namen, Alter, Abschluss, gesundheitliche Konstitution (physisch sowie psychisch) und aktuellen beruflichen Rang an.

Es handelt sich bei allen um sogenannte ‘Jungmanager’; Einsteiger, die noch hoffen, groß rauszukommen. Bei einigen von ihnen sehe ich durchaus Potenzial. Aufgrund ihrer hungrigen, hormongesteuerten Blicke wende ich mich jedoch ab. Auch bereits sitzende Mitfahrer beobachten mich; manche offensichtlich, andere schüchtern wegsehend.

Ich nehme einige Reihen hinter den Jungmanagern Platz – offensichtlich zu deren Bedauern – und befasse mich mit einer viel wichtigeren Frage:Warum zeigt mir mein Display von dem Mann, zwei Reihen hinter mir, kaum Daten an? Mir liegen nur sein Name (Spitzname Joe), sein vage angegebenes Alter (zwischen 35 und 45) und die sparsam titulierte berufliche Tätigkeit (IT) vor.

Ich gehe alle möglichen Optionen durch, die erklären könnten, warum ich trotz expliziter Nachfrage keinen Zugriff erhalte. Die Meldung lautet, auch nach dem zweiten Versuch: Authentifizierung erforderlich. Ich spüre, wie er mich ansieht und dabei grinst. Gehört er etwa auch zu diesen Männern, die eine Frau wie ein Objekt behandeln? Ist er ein Ranghöherer? Oder lacht er über mich, weil ich so neugierig bin (und er bei jeder Nachfrage eine Nachricht erhält)? Nun gut, ich habe ja eine Stunde Zeit, das alles herauszufinden. Ich nehme mir vor, beim nächsten Stopp meinen Platz zu wechseln und den Sitz vor ihm zu nehmen. Stellt sich nur noch die Frage, wie ich ihn ansprechen soll.

Dank der aufgrund meines Ranges mir zur Verfügung stehenden Technik, die mir Dateneinsicht erlaubt, war ich schon lange nicht mehr gezwungen, jemanden persönlich und ohne jegliche Vorinformation anzusprechen. Was man alles erlebt, wenn man das erste Mal mit dem Bus fährt ..., denke ich.

 

Die Entscheidung

 

Nach einer weiteren Stunde fährt der Monsterbus auf ein Tor zu, das in einer matt schimmernden weißen Abtrennung eingelassen ist. Die futuristische Fassade ist glatt wie poliertes Plastik und von gigantischen Ausmaßen. Sicherlich weit mehr als 40 Meter erstreckt sie sich in die Höhe und in der Horizontalen scheint kein Ende in Sicht zu sein. Wie eine mittelalterliche Stadtmauer mit Burggraben umschließt sie ihren Inhalt und spendet Schutz gegen alles, was außerhalb liegt. Das moderne Tor (anstelle einer Zugbrücke) gleitet in unnatürlicher Geschwindigkeit präzise auf und macht gerade so viel Platz, dass der Bus passieren kann. Joe bekommt davon nicht viel mit. Er ist in das Gespräch mit Miss Porter vertieft. Sie hatte sich nach einiger Zeit einfach direkt vor Joe gesetzt und ihn kurze Zeit später angesprochen. Die Unterhaltung lief zunächst etwas steif. Miss Porter war anzumerken, dass es ungewohnt für sie ist, mit Menschen zu sprechen, über die sie nichts weiß. Auch wenn sich die beiden immer besser verstehen, ist Joe völlig klar, dass sie nur mit ihm redet, um etwas über ihn herauszufinden. Er ahnt, dass das noch zu einem Problem werden wird.

 

Jeder, der für diese Firma arbeitet, hat einen Chip im Arm implantiert. Der Chip ist Teil eines Netzwerks, das mit allen anderen Trägern eines solchen Implantats und deren Haushaltsrobotern verbunden ist. Jeder wird damit zu einem gläsernen Menschen, über den mannigfaltige Informationen abgefragt werden können; allerdings nicht von jedem. Der Detailgrad der zur Verfügung gestellten Informationen ist von der jeweiligen Position des Nutzers abhängig. Ranghöhere erhalten von Rangniedrigeren praktisch alle Informationen: vom Namen über den beruflichen Status bis hin zum Gesundheitszustand. Dagegen erfahren Untergeordnete nur wenig Details über ihre Vorgesetzten. Aus der Führungsetage sind es allenfalls der Name und ein ungefähres Alter.

Joe hat seinen Chip einfach gehackt. Ein Kinderspiel für ihn; schließlich hat er damals bei der Entwicklung mitgeholfen. Er kann es jederzeit so aussehen lassen, als würde er einen der höchsten Ränge in der Firma besetzen. Auf diese Weise können die anderen nur seinen Vornamen und sein ungefähres Alter auslesen. Ein Resultat dieses Hacks ist allerdings, dass er selbst gar keine Daten mehr von anderen sieht. Ein Nebeneffekt, der ihm gelegen kommt, denn er will diese gar nicht sehen. Joe verlässt sich lieber auf seine Menschenkenntnis, sein Einfühlungsvermögen und seinen Instinkt. Wichtig ist nur, den Chip wieder in den ursprünglichen Funktionszustand zu versetzen, sobald er sich auf dem Firmengelände befindet, damit die Wachroboter ihn nicht erwischen. Die Strafen wären hart.

 

Vielleicht hat sich Miss Porter von seinem vermeintlich hohen Rang angezogen gefühlt und daher das persönliche Gespräch gesucht. Das passiert ihm sonst nie. Jetzt, so kurz vor dem Ziel, bringt ihn das in eine unangenehme Lage.  

Setzt er seinen Chip nicht zurück, könnte er seinen Bluff gegenüber Miss Porter zwar aufrechterhalten, würde aber sofort von den Wachrobotern verhaftet werden. Verhält er sich wie gewohnt und reaktiviert den Chip, würde Miss Porter sofort erkennen, wer er wirklich ist. Mit einem Schlag könnte sie, übertrieben ausgedrückt, bis in die tiefsten Abgründe seiner Seele blicken. Aufgrund ihrer relativ hohen Rangzugehörigkeit würde sie ihn möglicherweise sofort verhaften lassen.Joe befindet sich in einer echten Zwickmühle und ihm bleiben nur noch wenige Minuten, bis ihn die Wachroboter orten würden. Ein leichtes Gefühl von Panik steigt in ihm auf.Er weiß nicht, was er tun soll und fragt sich, ob Miss Porter schon das Grummeln seines nervösen Magens hört. Für ihn klingt es, als würde der Grand Canyon in sich zusammenfallen.  

Zwei Minuten bleiben ihm noch.  

Sein Blick wird hektisch und unstet; er beginnt zu schwitzen. Ob ihr bereits die Schweißperlen auf seiner Stirn auffallen? Er kann es nicht mehr einschätzen, denn zu sehr ist sein Bewusstsein dabei, eine Entscheidung zu treffen.

Noch eine Minute.  

In seinem Kopf summt es, als würden Tausende Bienen gleichzeitig um sein Gehirn schwirren. Ihm wird schwummerig und flau; seine Umwelt nimmt er nur noch wie in Watte eingehüllt wahr.  

Joe zögert seine Entscheidung bis zur allerletzten Sekunde heraus.  

Im selben Moment, in dem der Monsterbus die Grenze zum Firmengelände zu überrollen beginnt, fasst er sich ruckartig an seinen Unterarm und drückt dort hektisch und scheinbar unkoordiniert auf die Haut; genau dort, wo das Implantat sitzt. Es vibriert zweimal kurz hintereinander: die neuronale Bestätigung über die Reaktivierung und fast gleichzeitig der Hinweis, dass er sich nun auf dem Firmengelände befindet – und damit auch im Überwachungsbereich.

War er schnell genug? Welche Vibration gehörte zu welchem Ereignis? Diese entscheidenden Fragen bohren sich wie Nägel in Joes Kopf. Er rechnet mit dem Schlimmsten und riskiert einen Blick aus dem Fenster. Doch die Wachroboter patrouillieren wie gewohnt ernst, aber gelangweilt ihre einprogrammierten Routen. Offenbar hat er es tatsächlich noch rechtzeitig geschafft. Sein nächster Blick gilt Miss Porter. Er kann sehen, wie ihr langsam die Gesichtszüge entgleiten, was ihn nicht weiter wundert. Ihr Display zeigt in diesem Moment wahrscheinlich alle Informationen über ihn an. Ihr wunderschönes Lächeln ist verschwunden, die Lippen sind angespannt aufeinandergepresst.  

 

Dann stoppt der Bus an seiner Endstation. Nach und nach steigen alle aus.Am Schluss sitzen nur noch Joe und Miss Porter auf ihren Plätzen. Joe hat Angst vor dem, was jetzt passieren würde und sinkt auf seinem Sitz immer weiter in sich zusammen. Miss Porters Miene wird immer ernster. Schließlich erhebt sie sich langsam und schreitet den Gang entlang in Richtung Treppe. Auf der ersten Stufe hält sie kurz inne, dreht sich nochmal um und sieht zu Joe zurück. Er meint, in diesem Moment ein Flackern in ihren Augen zu erkennen. Oder war es ein Zwinkern?

Jeder hat seine Geheimnisse

 

Ich habe es tatsächlich geschafft, mich umzusetzen.Da mir kein schlagfertiger Gesprächsbeginn einfällt, frage ich unbeholfen: „Entschuldigung, können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist? Mein Display ist defekt.”

Irritiert sieht mich der Mann an und wendet seinen Blick zu seinem Bildschirm.„07:12 Uhr, Madam.” Etwas unsicher ergänzt er dann noch: „Sie sollten es dringend reparieren lassen.”

Kurz zögere ich – ‘Madam’ ... sieht er meinen Namen nicht?

„Danke Joe, in welcher Abteilung arbeiten Sie?”, frage ich und bereue es sofort, da mir einfällt, dass ich seinen Namen mit einem defekten Display gar nicht hätte ablesen können. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheint er das auch gerade festzustellen. Wie peinlich. Er räuspert sich höflich-verlegen und ich fühle mich gezwungen, schüchtern wegzusehen. Noch ehe er zu einer Antwort ansetzt, entschuldige ich mich und gestehe, dass ich nur ein Gespräch anfangen wollte. Daraufhin grinst er verschmitzt und reicht mir die Hand über die Sitze hinweg.

 

Die folgende Stunde vergeht so schnell wie noch nie und unser Gespräch verläuft immer fließender. Doch als wir kurz vor dem Tor sind, verhält er sich plötzlich komisch. Er sieht sich die ganze Zeit mit nervösem Blick um und scheint sich bei irgendetwas nicht entscheiden zu können. Als wir das große Tor zu unserer Firma passieren, tippt er auf einmal wahllos auf seinem Unterarm herum.Mein Chip vibriert daraufhin kurz und mein Display leuchtet auf. Da stehen sie, die Daten von Joe, ohne Authentifizierung, ohne Probleme.Bestürzt stelle ich fest, dass er nur ein gewöhnlicher ITler ist, der definitiv unter meinem Rang steht.

Mein Grinsen, das sich im Laufe unseres netten Gesprächs breitgemacht hat, weicht einer gewissen Anspannung. Was ist hier los?

Rangniedriger, obwohl er schon länger in der Firma arbeitet als ich, mit meinen 27 Jahren. Jetzt verstehe ich auch, warum er meinen Namen nicht wusste. Irgendwas muss er getan haben, um mir den Zugriff auf sein Portfolio zu verwehren. Ein Hacker? Meine Gefühlswelt verschließt sich augenblicklich und ich beginne, die Situation analytisch zu sezieren. Ich bin in einer Position, in der ich so etwas nicht dulden darf, ich müsste ihn eigentlich melden. Andererseits, was kann er damit schon anstellen? Er verwehrt damit lediglich die Sicht auf etwas, das Leuten wie mir nicht unbedingt etwas angeht und er tut es anscheinend nur außerhalb der Firma.

Ich seufze und stehe langsam auf. Das Brennen seines Blickes entgeht mir nicht, sicher hat er Angst. Langsam und selbst noch verunsichert wende ich mich den Treppen zu. Kurz entschlossen drehe ich mich nochmal um, lächle ihn an und zwinkere ganz leicht, bevor ich gehe.

 

Unter anderen Umständen, wenn ich ihn zuvor nicht ein bisschen kennengelernt und festgestellt hätte, dass er gar nicht so wie alle anderen Männer ist, die ich kenne, hätte ich ihn ohne Umschweife gemeldet. Durch seine Manipulation könnte er andere Menschen täuschen und sich als etwas Besseres ausgeben, um von Privilegien zu profitieren, die ihm normalerweise nicht zustehen würden.

Noch immer etwas durcheinander betrete ich die Firma. Ich habe eine Arbeitsstelle in einem sehr großen Unternehmen, das alles anbietet, was mit Technik, Elektronik und Mechanik zu tun hat. Hier werden zum Beispiel die neuesten Gadgets erfunden und entwickelt. Ich gehe zum gläsernen Aufzug und fahre in die Etage 99.99. Oben angekommen, werde ich schon von einigen bekannten Gesichtern begrüßt. Der Höflichkeit halber tue ich es ihnen nach und grüße freundlich zurück; beeile mich aber, schnell zu meinem Büro zu gelangen.

Kurz davor versperrt mir Bernd, der schon seit Langem mehr von mir will als nur ein Berufsverhältnis, den Weg.

„Guten Morgen, Emelie. Und, wie findest du unsere Etagenbezeichnung?”, fragt er kindisch grinsend.

Unsere Etage ist für das Marketing zuständig. Und als Zeichen dafür, dass unsere Firma die beste ist, hat man sich diesen Namen ausgedacht und gestern ins System eingespeichert. Es soll verdeutlichen, dass unsere Marktpräsenz 99,99 Prozent ausmacht und die restlichen Anbieter sich mit dem kläglichen Rest zufriedengeben müssen. Die Etage in diesem Sinne nicht 100.00 zu nennen, betiteln wir intern als ‘Nettigkeit’ gegenüber der Konkurrenz.

„Perfekt, endlich hat es geklappt”, sage ich scheinbar erfreut zu ihm und schiebe ihn resolut zur Seite, um in mein Büro einzutreten. Er folgt mir. Wie ein Hund, der um einen Knochen bettelt.

Ich werde nie das Verhalten von triebgesteuerten Menschen begreifen. Wie kann Sex das Wichtigste auf der Welt sein? Unser Fortschritt hat so viel ermöglicht und Unnötiges abgeschafft, aber das konnten sie nicht eliminieren. Ich konnte schon immer sehr gut ohne Sex leben und will ihn auch in Zukunft nicht haben. Aber damit scheine ich allein zu sein. Ich lasse mich in meinen bequemen Stuhl fallen und während mein System hochfährt, schaue ich ihn erwartungsvoll an.

Unsicher, schüchtern und müde steht er da, das sieht ihm gar nicht ähnlich. Er sieht mich schweigend an und lässt auf sein Anliegen warten. Für einen 39-Jährigen hat er sich sehr gut gehalten. Mit seinen 1,85 Metern hat er eine durchschnittliche Größe und er trägt einen verwegen wirkenden Dreitagebart. Ich frage mich, ob er seine Haare schwarz färbt, denn ich konnte noch nie ein graues Haar an ihm entdecken.

Immer noch abwartend öffne ich schließlich meinen großen holografischen Desktop. Eine weitere große Errungenschaft der Gegenwart. In der Luft schwebend ist er in der Lage, all meinen Schritten zu folgen. Da ich dies im Moment nicht möchte, stehe ich auf und ‘werfe’ ihn an die Wand. Meinen Kalender öffnend, nehme ich wahr, wie sich Bernd, der immer noch in meinem Büro steht, räuspert.

„Weißt du, wie du siehst, ist morgen die Betriebsfeier …”, sagt er, während er auf die Wand zugeht und in der Luft auf das morgige Datum klickt. Ein Fenster poppt auf und zeigt das Ereignis an.

Er ist immer noch nervös und verstummt wieder. Da ich mir jedoch schon denken kann, was er möchte, helfe ich ihm: „Und du dachtest, dass wir dort gemeinsam auftauchen sollten, damit es so wirkt, als wären wir eine Einheit?“ Grinsend füge ich noch hinzu: „Schließlich sind wir beide die Leiter der Abteilung und werden eine Präsentation halten ...”

Ich sehe, wie erleichtert er ist, dass ich sein Anliegen vorausgeahnt habe. Langsam fängt er an, bestätigend und erfreut zu nicken.Da er nicht bemerkt hat, dass ich noch gar keine konkrete Einwilligung gegeben habe, erwidere ich: „Gerne begleite ich dich, aber wir sollten dann unsere eigenen Wege gehen. Danke für deinen Vorschlag.”

Er schaut mich verdutzt an und seufzt dann tief, da es eindeutig nicht das ist, was er erreichen wollte. Er macht jedoch keine weiteren Versuche, mich vom Gegenteil zu überzeugen.

„Äh ... ja, sorry, danke. Ich stör dich dann nicht länger.”

Irgendwie verhält er sich heute seltsam.

 

Ich habe keine Lust, mich länger damit zu befassen und als Bernd zur Türe raus ist, lasse ich mich wieder hinter meinem Glastisch in meinen Stuhl sinken. Bevor ich meine Arbeit beginne, halte ich kurz inne und blicke durch den Raum. Mein Büro ist recht groß, mit viel Ausblick durch mehrere Panoramafenster. Alles ist in einem sterilen Weiß-Hellgrau gehalten, hin und wieder befinden sich ein paar Plastikblumen auf den Wandregalen und anderer ‘dekorativer’ Kram, was wohl dazu dienen soll, dem Raum etwas Farbe zu geben. In der Mitte ist eine Plattform mit einem Podest und einer schwarzen Kugel, mit deren Hilfe auf den Hauptrechner zugegriffen werden kann, um die Fortschritte der ganzen Firma zu sehen. Doch bevor ich mir Gedanken darüber mache, wie ich auf der Feier zum Jubiläum unseres Unternehmens meine neue Bekanntschaft Joe finden kann, mache ich mich an meine Arbeit. Als erstes E-Mails checken,...

 

EC-TEM

 

Joe bleibt belämmert im Bus sitzen und erwartet, dass jeden Moment die durch Miss Porter alarmierten Wächter den Bus stürmen und ihn festnehmen. Die Firma hat für Fälle wie ihn eigene Gebäude. Speziell für die, die sich nicht an die Regeln der Firma halten. Anders als in den Gefängnissen der vorangegangenen Jahrhunderte, sind die Zellen hier jedoch der reine ‘Luxus’. Kein Staubkörnchen, keine Macken an den Wänden, keine dunklen Löcher, kein modriger Gestank nach Schweiß und feuchtem Gemäuer. Aber genau das ist so grausam daran. Diese unsägliche Sterilität und Monotonie. Keine Fenster, keine sichtbaren Türen, keine Inneneinrichtung. Dafür keimfreie Luft und gleißendes Licht, das den ganzen Raum absolut gleichmäßig ausleuchtet. Es gibt nichts, an dem das Auge verweilen könnte. Schon nach wenigen Stunden konnte diese künstlich erzeugte Leere den Willen brechen. Die Mindestdauer der Strafe beträgt 24 Stunden. Eine psychische Qual dieser Art erwies sich für die Firma als effektiver: Im Gegensatz zu den Foltermethoden, die im Mittelalter üblich waren, bleibt die betreffende Person körperlich unversehrt und kann für die Firma weitermalochen. Genannt werden diese Räume Mind Caring Rooms, kurz MCR. Sie befinden sich im Zentrum des Geländes von EC-TEM.

Als Joe nach einigen Minuten realisiert, dass er immer noch mutterseelenallein im Bus hockt und nichts geschieht, schöpft er langsam Hoffnung und steigt mit noch leicht wackeligen Knien aus. Draußen scheint alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. 

Er fragt sich, wer diese Miss Porter ist. Warum hatte sie ihn nicht ausgeliefert? Setzt sie damit nicht ihren eigenen Job aufs Spiel? Er beschließt, dass er dringend mehr über sie herausfinden muss. Da er spät dran ist, geht Joe mit schnellen Schritten auf den Eingang zu. Dabei fällt sein Blick wie immer auf das Firmenschild, das in ihm jedes Mal eine ganze Kaskade an widerstrebenden Gedanken auslöst.

 

EfficientCare – Technic, Electronic & Mechanic

Effiziente Sorgfalt. Wer soll sich darunter etwas vorstellen können ... Vielleicht Pedanten, denen Sorgfalt extrem, ja fast schon krankhaft wichtig ist. Die wenigsten werden wohl sofort erahnen, dass sich dahinter ein breitgefächertes Produktspektrum moderner Materialien und Maschinen, die uns den täglichen Alltag erleichtern sollen, versteckt. Gadgets, die sich sozusagen effizient um unser Wohl kümmern.

 

Joes Gedanken schweifen ab. Als damals die Hightech-Firmen aus dem Boden schossen und immer mehr Naturflächen riesigen Fabriken, Lagern und Bürogebäuden zum Opfer fielen, wurde die Arbeitslast für die Bevölkerung immer größer und zeitaufwändiger. Man brauchte Techniken und Möglichkeiten, um den Fortschritt weiter zu beschleunigen. EC-TEM hatte damals die besten Ideen und Lösungen und entwickelte sich zu einer riesigen Firma mit gigantischen Produktionshallen.‘Riesig’ ist noch eine Untertreibung. Das Firmengelände besitzt Ausmaße, die einer ganzen Stadt entsprechen. Sauber und vollautomatisiert. Hier gibt es alles. Der fällige Friseurbesuch, zum Beispiel, kann eben mal schnell in der Mittagspause erledigt werden: Kurz unter die EC-TEM Haarhaube setzen und nach nur fünf Minuten sind die Haare gewaschen, geschnitten, trocken geföhnt und in Form gebracht – selbstverständlich im firmentypischen Einheitslook. Ein weiteres Beispiel ist der Gesundheitssektor. Ärzte sind praktisch unnötig geworden. Beim täglichen Zugang zum Firmengelände wird automatisch ein Gesundheitsscan durchgeführt und mit den auf dem persönlichen Chip gespeicherten Daten abgeglichen. Jede kleine Auffälligkeit oder Abweichung von der Norm führt sofort dazu, dass man eine mehr oder minder große Anzahl an Pillen an seinem Arbeitsplatz vorfindet. Die Gesundheit der Mitarbeiter steht für die Firma an erster Stelle. Zumindest die körperliche. Nur an genügend Wohnraum hat offensichtlich niemand gedacht, weswegen die meisten Mitarbeiter oft stundenlange Fahrtwege auf sich nehmen müssen.

 

Joe eilt durch das Foyer des Hauptgebäudes, vorbei an gläsernen, blitzblank geputzten Tischen, die für etwaige Besucher bereitstehen.  

Alles ist staubfrei, dank der berühmtesten Erfindung von EC-TEM. Eine einzigartige organische Beschichtung, die für 99,99 Prozent aller Oberflächen geeignet ist. Anstatt wie bisher Staub abzuweisen, der sich dann woanders abgesetzt hat, ‘frisst’ das neuartige Material den Staub auf und wirkt dadurch gleichzeitig sich selbst verstärkend. Selbst nach vielen Jahren läuft Joe bei diesem Gedanken noch immer ein kalter Schauer über den Rücken. Er kann sich nicht vorstellen, dass das auf Dauer gut geht. Organisches Material, das sich Staub als Nahrung einverleibt und selbstständig weiterentwickelt, ist etwas Lebendiges. Kein Mensch kann wissen, ob dieses ‘dreckfressende Lebewesen’ nicht irgendwann mal eine gewisse Intelligenz entwickelt und eigene Wege geht.

Joe läuft bewusst am gläsernen Aufzug vorbei; er mag ihn nicht. Er mag es nicht, von jedem gesehen werden zu können. Er mag Staub und Natur. Im Treppenhaus, das von niemandem mehr genutzt wird und immer verwaist ist, fühlt er sich schon wohler. Auf ihn wirkt es, als wäre hier die Zeit für eine Weile stehen geblieben. Zwar ist auch hier alles ordentlich, aber die Wände sind nicht ganz so perfekt geglättet und an manchen Stellen tummeln sich tatsächlich noch ein paar einsame Staubflusen. Die Luft in diesem Gebäudeteil wird nur sporadisch gereinigt, und Joe meint, den Staub sogar riechen zu können.Er nimmt einen tiefen Atemzug und schleppt sich in den 3. Stock. Es ist das Stockwerk, auf dem die Software Developer, die sogenannten SofDevs, unter sich sind. Hier werden die ‘genialen’ und nicht selten verrückten Ideen der Forschungsabteilung in die Realität umgesetzt. Hier wurde auch der Chip entwickelt, der ihn eben noch so in Bedrängnis gebracht hat.

 

Auf dem Schreibtisch in seinem Büro, das er eher als Kammer bezeichnen würde, steht bereits eine Schale mit drei verschieden bunten Pillen für ihn. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Pillen nicht einzunehmen und fegt diese mit einem Wisch in ein Loch, das sich im Tisch befindet. Es fungiert als Mülleimer, der die eingeworfenen Sachen augenblicklich in seine Bestandteile trennt und dem Recycling zuführt. Wer weiß, was aus seinen Pillen später mal wird. Vielleicht einfach nur wieder neue Pillen. Er gähnt.

Als er sich schließlich setzt, geht sein Rechner automatisch an und eine Prozentzahl erscheint in großer roter Schrift auf seinem Monitor: 

 3 %

Er fängt an zu sinnieren, für was diese 3 Prozent alles stehen könnten. Vielleicht für die Wahrscheinlichkeit, mit der er heil aus einer brenzligen Situation wie die vorhin im Bus herauskommen würde. Es könnte aber auch die Wahrscheinlichkeit sein, mit der er Miss Porter wiedersieht. Sie ist ihm trotz der ganzen Aufregung sehr sympathisch, und bedauert ein wenig, dass er noch nicht mal ihren Vornamen kennt. Oder stehen die 3 Prozent für die verbliebene Zeit, die er noch in diesem Laden arbeiten muss? Wohl kaum, das dürfte deutlich mehr sein.

Eigentlich weiß er es auch ganz genau und beendet damit sein Gedankenspielchen. Die Prozentzahl sagt schlicht und ergreifend aus, dass er nicht schnell genug arbeitet. Dass er bis Freitag irgendwie die geforderten 100 Prozent erreichen muss. 100 Prozent der ihm zugewiesenen Arbeitsmenge pro Woche. An einem Dienstagmorgen sollte ihm eigentlich 20 Prozent angezeigt werden – dann wäre er im Soll. Laut seufzend tippt er auf den Screen, um endlich zu starten.

 

Anstatt seiner gewohnten Entwicklungsumgebung erscheint jedoch zunächst ein penetranter Terminhinweis: Betriebsfeier. Joe steht absolut nicht auf solche großen und perfekt organisierten Massenveranstaltungen. Er hasst Menschenmengen und hat lieber seine Ruhe. Ihm fallen auch sofort 1000 bessere Möglichkeiten ein, seine eh schon viel zu spärliche Freizeit sinnvoller zu verbringen, als ausgerechnet mit seinen Arbeitskollegen die Zeit totzuschlagen und dabei Vergnügen vorzutäuschen.

Joe will die Meldung schon genervt wegdrücken, als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Vielleicht sollte er doch hingehen. Immerhin besteht dann, mit viel Glück, die Chance, Miss Porter wiederzusehen. Allerdings wird er vermutlich nicht nur viel, sondern abnormal viel Glück brauchen, denkt sich Joe. Womöglich hatte sein Screen ja doch hellseherische Fähigkeiten, denn mehr als eine dreiprozentige Chance gibt er sich nicht. Aber er weiß, sein Rechner ‘denkt’ in erster Linie, er sei faul und damit unfähig. Komische Logik, denn das ist er keineswegs, und das weiß Joe auch. Er ist ein sehr erfahrener und talentierter SofDev. Die Maschine kann nicht verstehen, dass Frust und Lethargie die Gründe für seinen aktuellen Rückstand sind. Das konnte aber von Vorteil sein, wenn er die Idee, die ihm gerade kommt, umsetzt. Er muss nur schnell sein. Ihm bleibt dafür ein Tag Zeit und er darf sich dabei natürlich nicht erwischen lassen. Frust und Lethargie sind wie weggeblasen und Joe beginnt zu arbeiten ...

 

Die Firma 

Zeitlos

 

13:34 Uhr, eine Frau betritt mein Büro. Groß, schlank, braunhaarig und anzüglich gekleidet – definitiv aus der Personalabteilung. Manchmal glaube ich, sie stellen die Bewerber nach deren Leistung im Bett ein.

Sie zieht ihre Nase hoch. „Miss Porter, entschuldigen sie mein Reinplatzen …”

Unfreundlich wirft sie einen Stapel Bewerbungen auf meinen Tisch und sieht mich auffordernd an. „Ja?”, entgegne ich gelassen, doch das verstärkt ihr wütendes Schnauben nur.

„Das sind alles hervorragende Bewerber mit ausgezeichneten Qualifikationen, die liebend gern zu uns kommen wollen – verständlicherweise. Aber unser Image bzw. der Ruf der Firma, sich einen Dreck um die Anreise des Personals zu kümmern, hindert sie daran.”

Sie läuft kurz auf und ab, doch dann scheint ihr ein Geistesblitz zu kommen. „Wie wäre es, wenn wir hier Wohnungen bauen lassen?”, fragt sie aufgeregt, total begeistert von ihrer Idee. Sie grinst über beide Ohren, reckt stolz die Brust heraus und stolziert wichtigtuerisch wie eine Henne, die gerade ein goldenes Ei gelegt hat, im Büro umher.

Es fällt mir schwer, mein Grinsen zu verbergen, überspiele das aber, indem ich ein Hologramm unseres Firmengeländes in der Mitte des Raumes so erscheinen lasse, dass sich die Frau von mir abwendet, um hinzuschauen. Ich stehe auf und stelle mich vor das Bild, dabei blicke ich sie auffordernd an.

Eine gewisse Fassungslosigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben, obwohl sie versucht, diese nicht zu zeigen, während sie sich zu mir gesellt. Sie ist offensichtlich beeindruckt von dem Vorgang; was ich bezweckt hatte. Wohlwissend, dass sie dazu nicht in der Lage ist, und weil ich ihrem prahlerischen Gehabe etwas entgegensetzen wollte.

Ich gebe am Rand den Befehl ein, die sichtbaren Flächen zu beschriften und ziemlich schnell ist ein kleines Areal zu erkennen, an welchem in grauen Buchstaben ‘sAp’ steht, was so viel bedeutet wie ‘small Apartments’. Es ist so klein, dass ich reinzoomen muss, doch ehe sie sich über die dürftigen Ausmaße beschweren kann, erkläre ich: „Miss Weichelt, danke, dass Sie diese großartige Idee hatten, nur ist sie nicht sonderlich neu und bereits seit einem halben Jahr in Bearbeitung. Außerdem möchte ich anmerken, dass wir einige Monsterbusse im Einsatz haben, die sich um den Transport des Personals kümmern. Man kann also wirklich nicht behaupten, dass wir uns einen Dreck um unsere Leute kümmern würden!“

Sie reißt ihre Augen auf und meint stockend: „Seit einem halben Jahr?! Wir setzen die neusten Erfindungen noch in derselben Woche um. Und für so etwas Simples brauchen wir ein halbes Jahr?”

Den Rest meiner Äußerung übergeht sie bewusst. Ich schüttle meinen Kopf ob ihrer Respektlosigkeit und erkläre: „Es wissen nur wenige von diesem Projekt, da ein Scheitern nicht in die Öffentlichkeit gelangen soll.”

Bevor ich fortfahren kann, unterbricht sie mich schnippisch: „Wir versagen niemals! Was ist schon dabei, ein paar Häuser zu bauen?”

Ich klicke auf die Stelle, wo das Haus stehen soll, und ein Bauplan erscheint. „Schauen Sie, es wird kein gewöhnliches Haus. Wie viele Angestellte haben wir?”

Sie überlegt eine Weile, dann meint sie, dass es um die 45000 sein müssten.

„Und ist Ihnen klar, wie viel Platz wir für so viele Wohnungen benötigen?”, frage ich sie, wie wenn ich ein Kind vor mir hätte. Sie verzieht ihr Gesicht, und um es ihr deutlich zu machen, tippe ich die Zahl 45000 in ein dafür vorgesehenes Feld ein. Das komplette Firmengelände vergrößert sich um ca. ein Drittel der aktuellen Fläche und ragt damit über die in der Karte eingezeichneten Klippen hinaus. Die Gründer der Firma hatten nicht erwartet, dass die Firma einmal so groß werden würde, dass sie bis an die Steilküste reichen würde. Und in der anderen Richtung war auch kein Platz, da sich hier über viele Kilometer hinweg die Vororte befanden.

Miss Weichelt sackt ein wenig in sich zusammen und wendet ihren Blick ab. Eine Nuance schüchterner meint sie dann: „Was für ein Gebäude ist denn geplant?”

„Hm … wir überlegen gerade, ob wir die Bewohner am Eingang des Wohnhauses schrumpfen oder diese auf einen Computer hochladen sollen”, erwidere ich.

Erneut reißt sie überrascht die Augen auf. Dass es diese Technik noch gar nicht gibt und das Projekt deshalb schon so lange dauert, weiß sie natürlich nicht. Ich lasse sie in ihrem Unwissen und nach einem kurzen Austausch von Abschiedsfloskeln verlässt sie einigermaßen irritiert mein Büro.

 

Endlich kann ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden. Zunächst müssen einige Aufgaben delegiert und das Layout für die Präsentation auf der morgigen Feier gemacht werden. Als das erledigt ist, wende ich mich meinem großen, allwissenden Spielplatz zu.

Ich will Joe aufspüren.

Eigentlich ist es mit unserer Technik ein Leichtes, Mitarbeiter zu finden, vor allem für mich. Mit meinem Rang muss ich im E-Mailprogramm nur einen Namen eingeben. Sofort werden alle entsprechenden Zieladressen gezeigt, und falls es mehrere Personen mit dem Namen gibt, bekomme ich Bilder gezeigt. Das Problem ist, dass eine Mail, die an die gewünschte Person gesendet wird, dann in einer Liste landet, in die keiner schaut. Das ist wie die Facebook-Nachrichtenanfrage damals, erinnere ich mich an einen Bericht, den ich dazu gelesen hatte. Die interessierte keinen. Man muss im System befreundet sein, damit es in der richtigen Liste landet und der Empfänger eine Benachrichtigung erhält. Abgesehen davon, gilt bei EC-TEM die moralische Regel, dass eine Freundschaftsanfrage persönlich zu machen sei. Ich suche also mit dem Hauptrechner die Arbeiten der SofDev und schaue nach der Akte von Joe Michell.Vor mir erscheint eine lange Zeitskala mit einigen Bildern und Texten:

 

2103: Fertigstellung der Programmierarbeiten am Chip IGQ

2104: Programmierung eines Sprachtools, welches das Gesagte automatisch in die Sprache des Zuhörers übersetzt. Das Programm, das seitdem täglich genutzt wird, heißt ‘Spiks’; eine Wortschöpfung, die sich aus speaks und international ergibt.

 

Ich lese noch von unzähligen weiteren Errungenschaften und meine Faszination nimmt stetig zu. Doch je näher ich an das Jahr 2115 komme, umso größer werden die Zeitabstände zwischen seinen Leistungen. Und dann hören sie plötzlich ganz auf. Ich frage mich, was der Grund dafür sein könnte.

Ich wende mich den in seinem Kalender eingetragenen Daten zu und bemerke, dass auch ihm eine Einladung zur Feier zugesandt wurde und er diese offensichtlich auch schon gelesen hat. Aber viel mehr erfahre ich nicht über ihn.

Also wird es doch auf eine persönliche Suche hinauslaufen. Vermutlich wird er nach der offiziellen Rede weiterarbeiten, so wie ich ihn einschätze. Und so könnte ich ihn in seinem Büro, beziehungsweise wenn er auf dem Weg dorthin ist, aufgabeln.

Schwer seufzend gehe ich zu meinem Stuhl. Alles nicht so einfach. Möglicherweise habe ich Glück und wir treffen uns morgen früh im Monsterbus. Es sei denn, er schläft wie ich manchmal im Büro ein … Ich beschließe, mich damit morgen früh zu befassen und wende mich nochmal meiner – unserer – Präsentation für die Feier zu.

Punkt 18:00 Uhr verlasse ich das Büro und fahre mit dem vorletzten Monsterbus nach Hause. Gut, dass meine Fahrt nur eine Stunde dauert.

Schlaflose Manipulation

 

Ah! Sie heißt also Emelie. Ein schöner und ungewöhnlicher Name. Joe ist erstaunt, dass er es so schnell geschafft hat, die ersten Daten aus ihrem Chip auszulesen. Emelie, 27 Jahre jung, Marketingleiterin. Er schluckt kurz. Unter normalen Umständen würde sie überhaupt nicht in sein Beuteschema passen. Viel zu jung und viel zu erfolgreich. Aber Gefühle interessieren sich in der Regel nicht für Dinge wie Alter oder Aussehen.

Aufgrund ihrer sehr hohen Rangstufe in der Firmen-Hierarchie begibt er sich mit dem Datenklau mal wieder auf ganz dünnes Eis. Aber, so what, es ist heute Morgen ja auch schon gut gegangen. Irgendeine besondere Verbindung scheint zwischen ihm und ihr zu bestehen, anders kann er sich das Geschehene nicht erklären. Auch wenn er eigentlich nicht an so etwas glaubt, sagt ihm sein Bauchgefühl, dass sich eine Art übernatürliches Band zwischen ihnen befindet, das ihn beschützen und vor Schlimmerem bewahren wird.

Joes Plan ist es, spezielle Daten in den Chip von Miss Porter einzuschleusen, sodass er sie später auf der Feierlichkeit orten kann, ohne dass sie es selbst bemerkt. Den ersten Schritt, der Zugang zu ihrem Chip, hat er bereits erfolgreich geschafft. Allerdings muss er noch tiefer in das System eindringen. Er muss an die Daten herankommen, die sehr privat sind und besonderem Schutz unterliegen. Ihre hohe Position macht das Ganze noch verzwickter, da Führungskräfte standardmäßig mit verstärkten Firewalls ausgestattet sind.

Mit den gewöhnlichen Tools stößt er schnell an seine Grenzen. Er wäre aber nicht Joe, wenn er nicht noch andere Möglichkeiten in petto hätte. Einer seiner größten Erfolge war IGQ (Intelligenz GesamtQuotient), ein kleines, aber hocheffektives Programm, das er vor 15 Jahren entwickelt hat und dann auf allen persönlichen Chips installiert wurde. Es analysiert nicht nur die Intelligenz, sondern auch die Gefühle und den aktuellen Erregungszustand des Trägers in Echtzeit. Vom Programm werden die erfassten Informationen und Daten automatisch umgewandelt und situationsabhängig sowie verständlich visualisiert. Da IGQ dafür auf intimste Bereiche wie das limbische System im Gehirn zugreifen muss, wurde es sehr tief im System verankert und bekam nahezu alle Berechtigungen. Joe war damals der einzige, der die Fähigkeiten hatte, um diese Schnittstellen zu verstehen und umzusetzen.

Irgendwo in seinem Hinterkopf ist das Wissen noch gespeichert. Um barrierefrei in den Chip von Emelie zu gelangen, ruft er es heute nach vielen Jahren wieder ab. Es klappt und er hat nun alle Befugnisse, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Nach geschlagenen sieben Stunden ist er soweit. Er hat es geschafft, weit genug in Emelies Chip einzudringen. 

Plötzlich beginnt ein kleiner roter Kreis in der rechten oberen Ecke seines Screens zu blinken. Er hat es schon fast vergessen. Vor knapp zwei Jahren hat Joe ein kleines geheimes Tool erzeugt, das seine digitale Akte überwacht und ihn sofort benachrichtigt, wenn darauf ein Zugriff erfolgt. Bisher war er sich nie wirklich sicher, ob dieses Tool überhaupt richtig funktioniert, weil er nie eine Meldung bekam. Das könnte natürlich auch deshalb so sein, weil tatsächlich niemand seine Akte liest. Da er kaum noch Leistungen erbringt, werden auch keine Erfolge eingetragen, für die sich andere interessieren könnten. Ein Mitarbeiter ohne Eintragungen ist uninteressant. Für Joe ist seine nachlassende Leistung und das daraus resultierende Desinteresse aber von Vorteil, denn nur so ließ man ihn in Ruhe. Zum ersten Mal in den zwei Jahren sieht sich nun also jemand sein detailliert aufgelistetes, berufliches Leben an. Wer könnte das sein? Muss er sich Sorgen machen? Hat jemand etwas von seinen Aktivitäten der letzten sieben Stunden mitbekommen? Egal. Er hat Wichtigeres zu tun, schließlich ist er noch nicht fertig, der eigentliche Schritt der Manipulation muss noch stattfinden. Er beschließt, das Blinken einfach zu ignorieren und weiterzuarbeiten.

Der nächste Schritt wäre, zunächst das notwendige Datenpaket zu erstellen, um es in einem weiteren Schritt zu transferieren. Joe programmiert einen Computervirus, der sich nach der Einschleusung selbst seinen Weg durch den Chip sucht, an der gewünschten Stelle einbettet und von dort aus automatisch alle 30 Sekunden Emelies Standortdaten an seinen Chip überträgt. Natürlich ohne dass es Emelie bemerkt. Die Informationen dürfen also während der Übertragung nicht mehr durch ihren Chip wandern, sondern müssen ungefiltert in seinen fließen. Eine knifflige Angelegenheit und er vergisst, vertieft in seine Gedanken und sein Handeln, die Zeit.

 

Als er das nächste Mal aufschaut, bleibt sein Blick an der Uhr hängen. Mist, denkt er. Der letzte Bus fährt in zwei Minuten. Das schafft er nicht. Früher hat er oft in der Firma übernachtet, um geniale Einfälle immer schnellstmöglich umzusetzen. In den letzten Jahren kam das aber nicht mehr vor. Wozu auch. Er hat keine Motivation mehr, sich für die Firma krumm zu machen. Doch heute ist alles anders. Aufgeregt wie ein kleines Kind freut er sich darauf, in seiner kleinen Kammer zu übernachten. Vielleicht wird er auch die Nacht durcharbeiten. Er fühlt sich auf einmal wieder jung und dynamisch; wie ein Rebell, der sich aufmacht, die Welt zu verändern. Na ja, die ganze Welt würde er sicher nicht verändern, aber vielleicht sein Leben. Seine eigene Welt. Mit ein wenig Glück sogar die Welt von Emelie – hoffentlich zum Positiven.

 

Draußen ist es schon lange dunkel, als er das Datenpaket endlich für die Einschleusung bereit hat. Nur noch auf ‘senden’ klicken und es geht los. Sein Herz schlägt aufgeregt, es pumpt verstärkt Blut durch seinen Körper, seine Ohren rauschen und er schüttet große Mengen an Adrenalin aus.

Halt! Stopp! Wenn er Emelie schon so nah kommen würde … warum nicht gleich den Moment nutzen und noch mehr Daten als nur den Standort übertragen lassen? Wissen ist Macht. Und es wäre sicherlich auch interessant für ihn, wenn er sich auch noch ihre jeweiligen Gefühlszustände mitliefern ließe. Aus seiner IGQ-Erfahrung weiß er jedoch, dass gerade weibliche Gefühle überaus komplex sind und extrem viele, für einen einfachen Mann wie ihn möglicherweise nur schwer zu verstehende Informationen liefern können. Er befürchtet, dass sein eigenes IGQ-Modul mit deren Auswertung und Visualisierung überfordert sein könnte. Doch ihm kommt eine Idee. Er wird diese Daten zusätzlich abgreifen, nachdem sie durch Emelies IGQ umgewandelt wurden. Er muss nur darauf achten, dass die entsprechende Kopie sofort an ihn gesendet wird, bevor sie auf dem Speicher ihres Chips abgelegt wird. Denn dann wüsste sie sofort, was Sache ist, und wäre ganz sicher ‘not amused’. Was er allerdings überhaupt nicht einschätzen kann, ist, ob und wie das Ergebnis am Ende bei ihm ankommen wird. Und was er letzten Endes mit den Informationen anstellen kann, ist ihm auch nicht klar.

 

Joe gähnt. Wäre der Himmel wegen der Dunstwolke nicht permanent verschleiert, könnte er vermutlich sehen, wie gerade die Sonne aufgeht. Er hat tatsächlich seit Langem mal wieder eine komplette Nacht vor dem Screen verbracht. Trotz der Müdigkeit fühlt er sich gut – schließlich hat er sein Ziel erreicht. Ein neues Meisterwerk, das jedoch niemals einen Eintrag in seine Akte bringen wird. Nur noch ‘senden’ und die Show kann beginnen.

Klick.

Joe spürt es förmlich, wie sich der Virus in einem Bruchteil von Sekunden seinen Weg durch die Luft bahnt und in Emelies Chip eindringt, um dort sein Werk zu vollenden. Gespannt wartet er auf die ersten Ergebnisse.

Vor Müdigkeit fallen ihm jetzt fast die Augen zu. Doch plötzlich … Da kommt was! Er reißt seine zur Faust geballte Hand in die Luft und schreit: „Yes!” Emelie ist gerade in der Stadt, wo sie gestern früh in den Bus zugestiegen ist. Die Standorterkennung funktioniert also einwandfrei. Und da kommen auch schon die ersten Gefühlsmeldungen bei ihm an: Müdigkeit und Demotivation. Vielleicht hat sie ja auch keine Lust auf die Betriebsfeier.

Als er darüber nachdenkt, übermannt ihn das schlechte Gewissen. Ist er vielleicht einen Schritt zu weit gegangen? Eigentlich findet er sie sympathisch und hofft sogar darauf, bei ihr landen zu können. Nur deshalb hat er ja diesen Aufwand betrieben, wird ihm bewusst. Aber was er da tut, ist eine gravierende Verletzung der Intimsphäre und das kommt einem Vertrauensbruch gleich, der vermutlich unverzeihlich ist. Eine Freundschaft mit Emelie kann er sich wohl komplett abschminken, sollte sie je davon erfahren. Das wird hoffentlich niemals der Fall sein. Vielleicht kann er alles wieder spurenlos beseitigen. Da er sich ohne seinen Coup aber nur geringe Chancen einräumt, sie wiederzusehen, entschließt er, das erst zu tun, wenn die Zeit reif ist.

Emelie verlässt in diesem Moment offenbar das Haus. Ihr Herzschlag ist erhöht und sie fühlt sich gehetzt, wahrscheinlich, weil sie spät dran ist. Ob sie im Bus nach ihm suchen wird? Ihn vielleicht sogar vermissen? Zu schön, um wahr zu sein. Ob sie heute wieder so eine farbenfrohe Bluse tragen wird? Joe realisiert, dass seine Gedanken beständig um Emelie kreisen.

Ihm bleiben noch etwa zwei Stunden, bis seine offizielle Arbeitszeit beginnt. Genug Spielraum, um sich in Ruhe frisch zu machen, die tiefen Augenringe loszuwerden und seine Klamotten aufzufrischen. In diesem Moment liebt er die Firma ausnahmsweise, denn für jedes dieser alltäglichen Probleme hat sie eine passende Erfindung realisiert.

 

Vorbereitung

 

„Solche Gedanken sollten Sie vermeiden, sonst werden sie untersucht werden”, lautet eine Nachricht von Qui, die auf meinem Display erscheint, als ich in den Bus steige. Dadurch wird mir bewusst, was ich denke. Dass das alles doch kein Leben ist und es einfacher wäre, es zu lassen. Jeden Morgen dieses Aufstehen und in die Arbeit trotten, um am Abend wieder daheim zu sein. Und was tut man dann? Man duscht und geht schlafen. Wo ist da der Sinn? Ich bin dieses fremdbestimmte, auf reines Funktionieren ausgerichtete Leben leid. Nur Qui habe ich es zu verdanken, dass ich mich noch nicht in der sogenannten ‘Reparatur’ befinde. So nennen sie die Maßnahme, die erfolgt, sobald der Gefühlszustand in einen fragwürdigen Bereich fällt. Mein kleiner Freund analysiert alles, bevor es an den Chip geht, wandelt vieles um oder löscht es sogar. Was wäre ich nur ohne meinen Beschützer!

Unmotiviert erreiche ich die Bushaltestelle, wo ich in den Monsterbus steigen werde, um in die Firma gebracht zu werden. Ein weiterer Tag vergeudete Lebenszeit, um den alltäglichen ‘Dreck’ anderer zu erledigen ... Ich muss über meine destruktiven Gedanken grinsen, die ich ohne Qui gar nicht haben dürfte.

 

Ich finde mich wieder im Stockwerk 99.99 ein, wieder dasselbe an wie gestern, nur habe ich heute noch weniger Lust auf alles, schon gar nicht auf die Feier. Es könnte zwar sein, dass ich Joe dort treffe, aber bis dahin ist noch ein langer Weg. Erst muss ich noch eine Rede halten und das neue Produkt präsentieren. Es kommt morgen raus und alle haben hohe Erwartungen. Es würde der Renner des Jahres werden, meinen alle. Ich stehe dem Ganzen etwas skeptisch gegenüber und bin auch eine der Wenigen in meiner Etage, die es noch nicht ausprobiert haben. Bernd dagegen ist geradezu süchtig danach.

 

Es nennt sich Mind Hunter und fungiert tatsächlich als das, was der Name verspricht. Es handelt sich um ein Tool, das den Nutzer auf virtueller Ebene in unterschiedliche Szenerien hineinversetzt. Dabei wird keinerlei technische Ausrüstung benötigt, so wie es anno dazumal der Fall war. Die Simulation erfolgt chipgesteuert über sensorische Reizung und ist so real, dass sich nicht nur körperliches Wohlbefinden einstellt, sondern auch eine positive Beeinflussung der Gedankenwelt möglich ist. An und für sich keine schlechte Sache. Sich durch so einen ‘Gedankenjäger’ ferngesteuert beeinflussen zu lassen, finde ich allerdings fragwürdig. Das Problem ist zudem, dass dieser ‘Trip’ – etwas anderes ist es schlussendlich nicht – lediglich 5 Minuten dauert. Und ich soll das zusammen mit Bernd als ‘beste Erfahrung des Lebens’ anpreisen und erfolgreich vermarkten? Diesen Tropfen auf dem heißen Stein? Die Präsentation eines neuen Produktes ist gleichzeitig Teil der Marktforschung: Es geht darum, zu beobachten, wie das Produkt bei den Menschen ankommt, die davon zum ersten Mal hören. Da muss ich die Information zur Dauer wohl unterschlagen.

 

Wie befürchtet, steht Bernd bereits vor meinem Büro und sieht sich ungeduldig um. So nervös habe ich ihn noch nie erlebt. Irgendetwas muss vorgefallen sein ...

„Guten Morgen Bernd, was ist denn los? Du wirkst so aufgelöst.”

Erleichtert, mich zu sehen, bedeutet er mir mit kreidebleicher Miene, zügig in mein Büro zu gehen. Ich schließe die Türe hinter uns und Bernd beginnt sofort, wie ein in die Ecke gedrängtes Raubtier hin und her zu laufen. Ich erinnere mich nicht, ihn jemals in diesem Gefühlszustand gesehen zu haben.

„Setz dich und beruhige dich“, sage ich eindringlich und auf den Stuhl deutend zu ihm, „sonst holen sie dich.”

Er wird noch um eine Nuance blasser und ich könnte mich innerlich ohrfeigen – hier wäre vielleicht mehr Einfühlungsvermögen angebracht gewesen. Aber irgendwie bin ich nur genervt. Ich schütte ihm ein Wasser ein und reiche ihm das Glas, das er in einem Zug leer trinkt. In sein Gesicht kehrt etwas Farbe zurück, aber er atmet schwer aus. Erst jetzt, als ich so nah wie bei ihm stehe, erkenne ich seine dunklen Augenringe, die offensichtlich von schweren Sorgen herrühren. Nun erreicht mich doch ein schwaches Gefühl der Besorgnis, weshalb ich eine Hand auf seine Schulter lege. Eine Handlung, die ich noch nie vollzogen habe.

„Hast du Mind Hunter schon ausprobiert?”, nuschelt er vor sich hin.

Ich schüttle langsam meinen Kopf und frage: „eine Anomalie?”

„Nein, das Programm funktioniert einwandfrei, nur …”, er stockt, „... ich kann einfach nicht aufhören.”

Ich seufze. „Also doch eine Anomalie, das kann doch …”, er unterbricht mich, indem er seinen Kopf schüttelt. Etwas gefasster meint er, dass es nicht am Programm liege, sondern er selbst es sei, der nicht aufhören kann das Programm anzuwenden, also sich einzuklicken, um die Sonne zu sehen, im Gras zu liegen oder einfach am Strand sitzend ins Meer zu blicken.

Tja. So ist das mit den Menschen. Gib ihnen ein Häppchen von dem, was es in der Realität nicht gibt, und schon verlieren sie sich darin. Das bestätigt mich in meiner Intuition, das Tool besser nicht auszuprobieren. Das Versprechen unbegrenzter Möglichkeiten birgt immer auch eine Gefahr.

„Ich muss dich melden …”, sage ich mehr zu mir als zu ihm. Was wieder dazu führt, dass er seine Farbe verliert und sein ganzes Gesicht düster wirkt.

Just in dem Moment klopft es an der Türe. Einer der ‘Wachroboter’ steht davor, wie wir dank der beschichteten Glastür sehen können. Er sieht mich panisch an, ich schüttele aber den Kopf. „Ich schwöre, ich habe nichts getan!”

Dankbar sieht er mich an, will damit ausdrücken, dass er das weiß. Auch ihm ist klar, dass seine Gefühlsschwankungen von der Software IGQ registriert wurden, die postwendend einen Roboter in der Nähe damit beauftragt hat, die Ursache hierfür zu überprüfen.

Richtung Türe antworte ich: „Ja?” Dabei greife ich blitzschnell zur Wasserflasche und schütte sie über Bernd aus, bevor der Roboter eintritt. Bernd ist so perplex, dass er nichts sagt. Wie erwartet, wird uns mitgeteilt, dass vom System eine Meldung eingegangen sei, dass mit Bernds Gemütszustand etwas nicht in Ordnung sei. Gleichzeitig erhalte ich von ihm eine private Nachricht mit der Frage, ob ich bedroht werde, und er stellt sich vorsorglich unauffällig zwischen Bernd und mich.

„Oh, das ist mir peinlich, ich bin heute so aufgeregt, wegen der Feier. Aus Versehen habe ich mein Wasser auf ihn verschüttet, das wird wahrscheinlich der Grund für seinen emotionalen Aufruhr sein”, sage ich, als wäre es mein voller Ernst.

Gleichzeitig schreibe ich ihm, dass kein Grund zur Sorge besteht, und entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten.

Leider funktioniert das nicht so einfach, wie ich es gerne hätte und ich bekomme eine weitere Nachricht mit der Frage, ob er mich zwingt, das zu sagen.

Etwas empört schnaube ich aus und mache einen Schritt auf Bernd zu, zücke dabei ein Tempo und versuche, das Wasser abzutupfen. Angesichts meiner Show beruhigt sich Bernd zunehmend und der Wächter scheint endlich zu glauben, dass wirklich keine Gefahr besteht.

„Nein tut er nicht”, schreibe ich ihm. Ich wüsste zu gern, was Bernd mit ihm kommuniziert; ob er auf meine improvisierte Geschichte einsteigt oder etwas anderes erzählt.

Offensichtlich geht alles gut, denn ich erhalte die Nachricht, dass für uns beide wohl mal ein Gesundheitscheck fällig sei. Dann verabschiedet er sich von uns und geht wieder. Als er verschwunden ist, atmen wir beide erleichtert aus. Ich nutze diese Stille, um zu überprüfen, was der Roboter dem System meldet, und wende mich dabei endlich meinem Arbeitsstuhl zu.

Bernd, der versucht, mit den von mir überlassenen Tempos sein Hemd zu trocknen, verfolgt mich mit seinem Blick. „Fehlalarm; menschliches Fehlverhalten”, lese ich im Bericht und teile ihm das gleich mit. Als er seine Sprache wiedergefunden hat, fragt er nach dem Grund für meinen selbstlosen Einsatz für ihn.

„Das kam alles spontan und ohne Nachdenken“, antworte ich. „Du weißt aber schon, dass dein Tag heute gelaufen ist und ich unsere Präsentation alleine über die Bühne bringen muss, oder?”, frage ich ganz pragmatisch, um schnell das Thema zu wechseln.

Traurig senkt er den Kopf und antwortet: „Ja, das weiß ich. Ich danke dir, Emelie, du bist die Beste!”

Ich lasse ihn einfach da sitzen und widme mich der Präsentation, die ja nun angepasst werden musste. Das ist schnell erledigt, also verteile ich noch ein paar Arbeiten an meine Untergebenen und feile an einem Layout für ein anderes Produkt, bevor ich aufstehe und Bernd fragend anschaue.

„Der Gesundheitscheck wurde schon durchgeführt, sie haben mich heute und morgen freigestellt, damit ich Zeit habe, meine Gefühle zu sortieren und mein Verhalten zu überdenken.“

Ich weiß, dass das für ihn eine der größten Blamagen sein muss, da er noch nie gefehlt hat; schon gar nicht an so wichtigen Tagen. Ich begleite ihn noch zum Foyer, wo er mich überraschenderweise schnell umarmt, ein „Danke“ in mein Ohr flüstert und von dannen marschiert.

„Auf geht’s!”, sporne ich mich selbst an, um meine Motivation zu steigern. Ich kehre in mein Büro zurück und murmle leise vor mich hin: „Was für ein Morgen.” Dann beginne ich mit meinen noch unerledigten Arbeiten.

 

Es ist schon längst 12:00 Uhr durch und es wird Zeit, dass ich mich auf den Weg zur Essensausgabe mache. Heute habe ich Lust auf Fisch. Der Koch zaubert etwas richtig Leckeres und ca. eine halbe Stunde später sitze ich gesättigt und etwas besser gelaunt wieder an meinem Arbeitstisch.

Noch knapp 5 Stunden, bis die Feier um 18:10 Uhr offiziell losgeht. Ich habe noch viel Zeit. Rechts unten auf meinem Display steht 100 Prozent, das heißt, mein heutiges Arbeitspensum habe ich bereits erfüllt, und sogar 40 Prozent für morgen sind schon erledigt – wenn das mal nicht produktiv zu nennen ist. Ich muss mich nur noch umziehen. Qui hat mir dafür mein einziges Abendkleid aus einem weinroten, enganliegenden Stoff eingepackt.