Quergefönt - Franco Bollo - E-Book

Quergefönt E-Book

Franco Bollo

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Beschreibung

Murat und ich eröffnen mitten im belebten Geschäftsviertel einen Haushaltswarensonderpostenladen. Während Murat die Wände streicht und die Türen tapeziert, räume ich mit dem Laubbläser das Lager auf. Mit seinem Debütroman "Quergefönt" gewann Franco Bollo den Autorenwettbewerb "Vom Sofa in die Bestsellerliste" - ein skurriles und groteskes Werk zwischen Wahn und Witz über Freundschaft, Frauen und Fußball

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Quergefönt

Ein skurriler und grotesker Roman

zwischen Wahn und Witz

über Freundschaft, Frauen und Fußball

3., vollständig überarbeitete Auflage, Dezember 2016

[email protected]

www.franco-bollo.de

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Über mich

Schon als Kind beschrieben Murat und ich die Tische in unserer Grundschule (»Wea dass list is dov!«). Alle, bis auf unsere eigenen, wir waren ja nicht doof. In einer eilig einberaumten Lehrerkonferenz wurden wir in Abwesenheit und ohne ein einziges, stichhaltiges Indiz für schuldig befunden und zu zwei Jahren Hofdienst verurteilt. Nur mit Unterstützung des schulpsychologischen Dienstes Des einen Leid schaffte ich schließlich doch beim dritten Mal die vierte Klasse, hadere aber bis heute damit, dass das daß ohne sz geschrieben wird, wenn es daß nicht ist. Mein Dank gilt auch meiner Mutter, die mich zu meinem Freud fürs Mitmachen bei Phantasiereisen, Kinderyoga und Mandalas ausmalen mit zahlreichen Leckerschmecker und der unvergessenen Knallbrause Magic Gum bestach. Viele Jahre später, ich war bereits ein fleißiger und pflichtbewusster Student, half mir eine erfahrene Kommilitonin gerade, mein verlorenes Manuskript Vom Ende der Onanie, oder: Belohnungssex als Motivation zu suchen, als uns ein hinkender und graubekittelter Hausmeister, der eigentlich Facility Manager werden wollte, zu vorgerückter Stunde in der Unibibliothek einschloss. Bis tief in die Nacht mussten wir eigene Fallbeispiele erarbeiten, ehe Murat uns befreien konnte.

Über das Buch

Murat und ich eröffnen mitten im belebten Geschäftsviertel einen Haushaltswarensonderpostenladen. Während Murat die Wände streicht und die Türen tapeziert, räume ich mit dem Laubbläser das Lager auf.

Ich: »Wenn es für jeden Menschen den passenden Deckel gibt, warum weiß ich dann nicht einmal, ob ich ein Topf oder eine Pfanne bin?«

Murat:

Weitere eBooks von mir:

Lass mich Arzt, ich bin durch! (2015), ISBN: 978-3-7380-5248-0

Henkersmahlzeit und andere Delikatessen (2015), ISBN: 978-3-7380-2484-5

erhältlich auf allen bekannten Plattformen wie:

Auf das Leben,

Freu dich nicht zu spät!

Unerwartet blickt Murat in ein Lächeln, weich wie der erste Kuss und zart wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling. Er bleibt wie angewurzelt stehen und starrt sie mit offenem Mund aus etwa einem Meter Entfernung an. Sie hält seinem Kuckucksblick unerschrocken stand.

»Wer ist das?«, flüstert er mir zu.

Ich will gerade antworten, als mein Handy klingelt.

»Ja?«, nuschele ich hinter vorgehaltener Hand.

Eine Stimme krächzt mir ins Ohr wie die letzten Worte eines verschütteten Bergmannes: »Warmmacha kaputt!«

»Wir sind schon unterwegs«, sage ich und klappe den Fernsprecher wieder zu.

»Murat, dein Bruder hat angerufen. Ich glaube, die Heizung ist defekt.«

Doch der kleine Muck steht da wie an einer Südfruchtschlange in der DDR und glotzt sie an.

»Beeil dich, nimm die Sachen und komm!«, drängele ich und stoße ihn in die Rippen.

Er schmeißt seine Kippe weg und nölt, immer müsse er alles schleppen. Instinktiv verziehe ich das Gesicht und fasse mir ins Kreuz, halte ihm aber die Tür auf.

Nach etwa zwei Kilometern erreichen wir unseren Rapid. Er parkt mit dem rechten Hinterrad auf dem Bürgersteig in einer viel zu engen Lücke. Während Murat durch die Beifahrertür die schweren Malereimer nach hinten hievt, begutachte ich den Möwenschiss auf der Windschutzscheibe, überfliege das Knöllchen und klemme es beim Vordermann unter den Wischer.

Das Auto ist unser ganzer Stolz, ich habe es erst vor einer Woche bei einem Schwager des Arbeitskollegen seines Bruders gegen meine alte Taucheruhr getauscht. Seine Pizzeria lief nicht mehr gut, die Uhr auch nicht, und so war es ein lohnendes Geschäft. Murat nennt es gerne »Lebensabschnittsgefährt«, wo immer er das aufgeschnappt haben mag.

Jetzt prangen unsere Namen in dicken Lettern auf beiden Seiten, darunter Haushaltswarensonderposten und die Anschrift. Ich musste Tage lang mit ihm diskutieren, damit er alle Buchstaben von Renzos Pizzeria vom Wagen abknibbelt. Er wollte Renzo stehenlassen und HaushaltswaRENZOnderposten daraus machen. Auf der Heckklappe grinst aber nach wie vor der fette Schwager mit einem Pizzaschieber in der Hand. Keine Ahnung, was Murat sich dabei gedacht hat, der kann da jedenfalls nicht bleiben!

»Diese Frau«, beginnt er im Auto noch einmal, »kennst du sie?«

»Oh ja, schon viele Jahre!«

»Ich muss sie wieder sehen! Sie ist so wunderschön!«

»Das war doch nur …«

Weiter komme ich nicht, denn er dreht das Radio auf und singt aus voller Kehle mit. Für mich klingt es wie das Vorspiel paarungsbereiter Murmeltiere.

Murat findet wie immer keinen Parkplatz vor unserem Geschäft und kurvt genervt um den Block. Bei der dritten Runde springe ich vor der Tür raus und laufe die paar Meter. Sein Bruder steht unter dem löchrigen Dach, knabbert Sonnenblumenkerne und spuckt die leeren Hülsen zu Boden. Wir unterhalten uns, ob Haushaltswarensonderposten nicht doch ein zu langes Wort ist. Wir könnten es auch einfach Renzos Lädchen nennen?! Er nickt und zeigt mir die angeschmorte Zuleitung vom Wasserkocher.

Endlich kommt Murat mit den beiden Eimern angeeiert. Er stellt sie ab und wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

»Wir sind spät dran«, sage ich zu ihm und gucke demonstrativ auf mein linkes Handgelenk, wo mich ein Stückchen helle Haut begrüßt. »Fang doch schon mal an, die Wände zu streichen. Ich besorge in der Zwischenzeit ein neues Kabel und lade die Nachbarn zu unserer Eröffnung nächste Woche ein!«

Klapperkasten und ein perfektes Dinner

Mein erster Weg führt mich direkt zum Kabelbaron. Ich wühle mich durch Klappkisten voller Strippen, Schalter, Stecker und Sicherungen, finde einen gut erhaltenen Raclettegrill, nehme noch ein Sortiment Knopfzellen, eine Stange günstige Zigaretten und für Murat eine breite Farbrolle mit. In den Regalen verstecke ich heimlich ein paar kopierte Neueröffnung!-Zettel. An der Kasse bekomme ich einen Tee und 10% Rabatt auf meinen ganzen Einkauf. Für die Plastiktüte zahle ich 50 Cent extra. Diese Marketingstrategie muss ich mir merken.

Mit dem PVC-Sack unter dem Arm schlendere ich weiter und komme an einem Haushaltswarenfachgeschäft vorbei.

»Oh«, denke ich, »da gucke ich doch mal.«

Das große Eckschaufenster ist hübsch dekoriert mit unzähligen Hutschenreuther-Figürchen, die in der Preisklasse unseres Rapids liegen. Schmuckes Geschirr von Rosenthal und Dibbern verspricht, jeden Abendbrottisch zum perfekten Dinner zu machen. Mir fällt ein, dass bei meinem Raclettegrill etwas fehlt. Ich ziehe die Tür auf, ein Klingeling signalisiert mein Eintreten.

Ein ergrauter Chefverkäufer tritt aus einem Nebenraum durch einen schweren Brokatvorhang auf mich zu. »Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?«

»Ja«, sage ich und halte den verschlissenen Karton hoch, »ich suche Holzspatel, damit ich mir die Pfännchen hier nicht mit der Metallgabel verkratze. Haben Sie die?«

Das Korkgesicht wird puterrot. Er hat vermutlich an diesem Tag noch keinen erfreulichen und einträglichen Verkaufsabschluss verzeichnet oder ich störe ihn hinter seinem Vorhang bei einer Bio-Orange zum Abendbrot. Seine Schwiegermutter ist ein Drachen und die eigentliche Herrin im Geschäft. Seine Frau hat einen deutlich jüngeren Liebhaber, den sie aushält, und die Kinder heißen Kevin und Jacqueline, was alleine schon ausreicht für ihre psychiatrische Einweisung. Die Putzfrau hat sich krankgemeldet, beim SLK rutscht die Kupplung und der TÜV ist abgelaufen. Sein Handicap hat sich verschlechtert, die Aktienkurse fallen und die Moral verkommt.

»Wo haben Sie den denn gekauft?!«, blafft er mich an, »bei uns gibt es die umsonst dazu!«

»Och«, sage ich und zeige in die Richtung, »ich mache mit meinem Knastkumpel Murat drüben einen Haushaltswarensonderpostenladen auf. Die Spatel fehlen uns im Sortiment.«

Er glotzt mich ungläubig an wie Josef und Maria den Storch.

Ich nicke ihm höflich zu und gehe. In der Tür drehe ich mich ein letztes Mal um: »Auf gute Geschäftsbeziehungen!«

Klingeling!

Als ich zurückkomme, deckt Murat immer noch den Fußboden mit Zeitungspapier ab. Auf der Fensterbank steht ein durchweichter Pizzakarton. Eine Melange aus Lösungsmitteln, Knoblauch und Bier steigt mir in die Nase. Ich entdecke eine Werbebeilage vom Baumarkt ohne Tiernahrung und Pflanzen und nehme sie hoch.

»Guck mal«, sage ich zu ihm, »hier gibt es Farbe, die nicht riecht, nicht kleckert und schnell trocknet! Was hältst du davon?«

Ich lehne mich an den Türrahmen, ehe er antworten kann. Er rollt mit den Augen. Meine schwarze Lederjacke pappt am Rahmen wie eine Fliege am Klebestreifen. Mit einem Geräusch wie Leukoplast am haarigen Unterarm reiße ich mich los. Motzend gehe ich in den Nebenraum und beginne, das versengte Kabel vom Wasserkocher auszutauschen. Die Zigaretten schmecken nach getragenen Schuhen. Ich überlege, sie später Murat anzudrehen, dem ich noch Geld schulde.

»Weißt du, wen ich getroffen habe?«, rufe ich ihm durch den Vorhang zu.

Er klettert von der Leiter und steht mit der alten Pernod-Kappe, dem blauen Overall und seiner Dalmatinerfratze in der Tür.

»Renzo?«, fragt er.

»Nein, denk mal nach! Die Frau!«

Murat wird ganz zappelig, geht zum Waschbecken und schrubbt sich die Farbe aus dem Gesicht.

»So willst du ja wohl nicht los«, sage ich und zeige auf seine Schirmmütze, »außerdem: Meinst du nicht, sie ist ein bisschen zu alt für dich?«

»Nun erzähl schon!«

Ich biete ihm eine Zigarette an, er stochert aufgeregt mit seinen Farbfingern in der Schachtel umher.

»Also«, beginne ich, »du weißt doch noch, wo …«

PFUMP macht es, als ich den Stecker in die Dose drücke, und alles ist dunkel.

»Oh«, mache ich. »Warmmacha kaputt!«

Tiernahrung

Am nächsten Tag will ich neue Sicherungen und einen Wasserkocher besorgen. Murat besteht darauf, mitzukommen, vielleicht träfen wir sie ja?! Ich überlege, ob wir noch mal in diesen netten Laden gehen, entscheide mich aber doch für Bijou Praktiker. Dann können wir auch die andere Farbe kaufen, die Türrahmen müssen dringend gestrichen werden!

Im Eingang laufen wir Renzo in die Arme. Er hat da einen kleinen Stand mit mediterranen Spezialitäten. Heute gebe es bei ihm auf alles 20%, verkündet er stolz. Sein Geschäft ginge gut, die Leute seien verrückt nach seinem eingelegten Gemüse.

Murat probiert gespannt eine Piri-Piri-Salsa. Hummerrot hustet er sich in die Faust.

»Hast du dich erkältet?«, frage ich besorgt.

Er nickt mit dem Kopf.

Renzo wiegt ihm daraufhin eine Mordsportion in einem klaren Becher ab, wickelt schweinefarbenes Papier herum und packt sie in eine Tüte. Er tippt eine zweistellige Zahl ein, nimmt sein Handy von der Waage und stellt die Salsa auf die Glastheke.

»Und ein Fladenbrot umsonst, weil ihr es seid! Das macht genau fünfzehn Euro«, rechnet er uns vor, »ach ja, minus zwanzig Prozent, sind, äh, vierzehn-achtzig«, schiebt Renzo flott hinterher.

Murat zählt seine Finger durch und stutzt. Dann nestelt er zwischen einer Handvoll Dosenpfand ein zusammengerolltes Bündel aus seiner Hosentasche und reicht einen großen Schein über den Tresen.

Er flüstert mir zu: »So ein alter Gauner, der wollte mich glatt bescheißen!«

Mit zwei weißen Plastiktüten fahren wir auf einem endlosen Rollsteg ins Untergeschoss. Während Murat die Farben sucht, schlendere ich zu den Sonderposten und schaue mir einen Laubbläser an. Der hat ein sattes Grün und 3000 Watt.

»Boah«, denke ich, »ganz schön laut!«

In der Werkzeugabteilung entdecke ich einen Stromprüfer. Neugierig will ich wissen, ob der auch bei Niederspannung funktioniert und gucke mich nach einem Verkäufer um. Aber offenbar sind die alle hinten im Lager und schneiden die Stecker von den Elektrogeräten ab. Doch dafür kann man zwischen den Hochregalen den Preis sprechen hören. Ich nehme ihn trotzdem, er ist reduziert.

Am Autozubehör treffen wir uns wieder. Kritisch begutachte ich seinen Wagen, den er mit Farbeimern, einem Edelstahl-Wasserkocher, einer breiten Farbrolle und allerlei Schächtelchen vollgepackt hat.

»Was hast du denn damit vor?«, frage ich ihn und zeige auf die Knopfzellen.

»Oh«, meint Murat, »Renzo hatte kein Wechselgeld. Da hat er mir supergünstig diese Taucheruhr verkauft« und hält sie mir triumphierend unter die Nase. »Ich glaube, da ist nur die Batterie alle!«

An der Zahlstelle ist wie immer die Hölle los. Die Aushilfskassiererin kann Styropor nicht von Porenbeton unterscheiden und tippt für den Spannungsprüfer doch den Originalpreis ein. Bis endlich die Bankenaufsicht kommt, ist Arminia Bielefeld einmal auf- und einmal abgestiegen.

Am Imbiss draußen kaufen wir zwei halbe Hähne, beobachten Renzo und rauchen getragene Schuhe.

Noch drei Tage bis zur Eröffnung. Murat ist echt fleißig. Er ackert und schuftet von früh bis spät, streicht die Wände und tapeziert die Türen.

Ich lade die anderen Ladenbesitzer ein, auch die Bio-Orange von gegenüber, und verteile Zettel an die Passanten. Beim Kabelbaron finde ich tatsächlich Holzspatel. Ich tausche die verschmorte Zuleitung um und bekomme einen putzigen Krümelsauger in Form eines kleinen Marienkäfers als Entschädigung. Die Taucheruhr schwatze ich Murat gegen die Zigaretten wieder ab. Ich schraube den Boden auf und will die alte Batterie mit dem Spannungsprüfer testen, weiß aber nicht, wie das geht. Kurzentschlossen wechsele ich sie einfach aus, Murat hat ja zum Glück noch neue. Er braucht die ja nicht mehr.

Um Mitternacht ist er endlich fertig mit den Fußleisten, die Uhr piept. Klasse! Ich schnorre mir eine von seinen Nikotinröhrchen und schicke ihn nach Hause. Erschöpft ziehe ich das Buschfeuer in meine Lungen. Ich sitze da und probiere den Marienkäfer aus. Er schafft sogar ganze Maiskörner. An einer Olive verschluckt er sich röchelnd, ich muss ihn notgedrungen zurückbringen.

Mir schießt in den Sinn, dass ich Murat versprochen habe, sauber zu machen, damit er unsere große Lieferung gleich einräumen kann. Ich hole den Laubbläser aus dem Auto und fange an.

Zufrieden über mein gestriges Tagewerk lade ich ihn am nächsten Morgen auf einen Kaffee beim SB-Bäcker ein. Und da passiert es:

Unerwartet blicke ich in ein Lächeln, weich wie der erste Kuss und zart wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling.

Verdattert schaue ich mich um. Doch da ist niemand außer mir und Murat und der stöbert in einer Ecke in Heimwerkerzeitschriften.

Dieses Lächeln gilt also mir?! Umso schlimmer! Was mache ich denn jetzt? Wie sehe ich überhaupt aus? Seit Ewigkeiten nicht rasiert, die Haare zottelig wie ein Fraggle. Und nun so was! Ausgerechnet! Es gibt sieben andere Tage in der Woche, da fühle ich mich attraktiver!

Ich bleibe wie angewurzelt stehen und starre sie mit offenem Mund aus etwa einem Meter Entfernung an. Sie hält meinem Kuckucksblick unerschrocken stand.

PFUMP! Es knistert und knallt in meinem Kopf, Gefühle explodieren in bunten Farben. Alle Geräusche verschwinden in einem vergessenen Geruch von Nähe.

PFUMP! Sie wirbelt altvertraute Erinnerungen in mir auf. Für einen Moment denke ich, ihre Stimme zu kennen oder ihr schon mal als Ameise begegnet zu sein.

PFUMP! Ihre Augen blicken direkt in mein Epizentrum der Begierde und der Neugier.

PFUMP! Ich bin Feuer und Flamme, gründe in der Phantasie eine Familie, habe den besten Sex meines Lebens.

Gedankenverloren höre ich nicht, wie hinter mir die automatische Tür aufgeht.

Jähzornig stößt mich der grauhaarige Holzspatel mit der Kraft der zwei Herzen an. »Junger Mann, das ist hier kein Stehimbiss! Wollen Sie jetzt bestellen?«

Ich schrecke hoch.

Plötzlich steht Murat neben mir, legt mit einem kühlen Lächeln eine Ausgabe von Selbst gedacht, leicht gemacht auf die Theke und sagt: »Hallo Ayse, zwei Kaffee bitte!«

Meine Taucheruhr piept und zeigt die Fehlfunktion meines Sprachzentrums an. »Warmmacha kaputt!« stammele ich mit rotem Kopf wie nach einem Esslöffel von Murats Salsa.

Ayse blinzelt kurz, als habe sie einen Regentropfen abbekommen. Dann huscht wieder die warme Sonne des Frühlings über ihr Gesicht – und ich kann gar nichts dagegen tun.

Abstelltraum

Wir haben auf eBay bei einer riesigen Geschäftsauflösung in Bayern zugeschlagen und warten nun seit den frühen Morgenstunden hinter der Schaufensterscheibe gespannt auf unsere erste Lieferung. Murat zählt nervös jede verstreichende Minute und ich zeichne Tic Tac Toe auf das verschwitzte Glas.

Gegen Mittag hält endlich ein Laster quer auf dem Bürgersteig. Ein Schluchtenscheißer in einem bekleckerten Unterhemd hüpft heraus und rangiert mit einem Hubwagen auf der Ladebühne herum.

Als Murat das Butterschiff entdeckt, stürzt er hektisch aus dem Laden und glotzt Bass erstaunt auf die beiden Holzcontainer, die sich direkt vor seine Füße senken. »Voll krass, Mann!«, murmelt er.

Mürrisch wirft mir der Alpentoni die Frachtpapiere hin, schiebt rumpelnd die Fichtensärge ins Lager und springt kurzerhand zurück in seine bunt beleuchtete Fahrstube. Bald darauf bläst der Dieselmotor dicke, schwarze Rauchwolken durch den Schnorchel, in den nahe gelegenen Häuserschluchten hallt das Zischen der Druckluftbremse wie ein Donnergrummeln.

Murat tanzt die ganze Zeit umher wie ein Derwisch zum Zuckerfest, bis ich ihn die Brechstange suchen schicke.

»Wo bleibst du?«, blaffe ich, als er wieder auftaucht, nehme ihm den Polenschlüssel aus der Hand und hebe damit krachend und knarzend den vernagelten Deckel an.

»Mach das Licht aus, hol die Kerzen und bring den Asti aus dem Kühlschrank mit«, befehle ich, »diese Situation wollen wir genießen wie das erste Mal!«

Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, was ich meine, warte aber geduldig, bis er mit dem Stearinstängel neben mir steht. Langsam beginne ich den Countdown und nehme bei jeder Zahl einen großen Schluck. Exakt bei »Null« splittert die Paneele auseinander und poltert zu Boden.

In seinem Übereifer haucht Murat das Wachsfeuerchen aus und wir stehen im Dunkeln. Als er das grelle Neonlicht wieder einschaltet, löst sich die Spannung auf wie eine Aspirin plus C im warmen Wasser. Ich bin mir jetzt sicher, dass er nicht wusste, was ich meine.

Ungeschönt blicken wir auf eine Lage aufgeweichter Faltkartons, ein feiner Pelz nagt schon in den Ecken. Mit dem Kuhfuß schiebe ich den matschigen Pulp beiseite und lande bei einer noch trockenen Schicht.

Ich stutze und schaue Murat an. »Was hast du da gekauft?«, frage ich ihn giftig.

»3800 Wundertüten!«

Mir fällt scheppernd das Nageleisen aus der Hand. Der Spumante flutet mir direkt ins Stammhirn und hält die Gipfelkonzentration auf letaler Plateauhöhe. Mein Augeninnendruck steigt, meine Zunge klebt am Gaumen, in meinen Ohren rauscht ein Intercity und meine Wutschnur kann jeden Augenblick zerreißen. Schaum quillt mir aus dem Maul, ungelenk schleudere ich meine Arme hin und her.

Murat weicht bleich zurück, taumelt und sucht hinter dem zweiten Pritschenkoffer Deckung.

Mit zitterndem Finger zeige ich darauf.

»Wa i da in?«, quetsche ich zwischen den Zähnen hindurch.

»Da … da«, stammelt er, »sind Puzzles drin!« und rennt los.

Das Glockenspiel am Eingang donnert klirrend an die Decke und Murat verschwindet in einer Schülerbrandung, die in diesem Moment aus einem Bus strömt. Fassungslos gaffe ich ihm hinterher. Ich will ihn jagen und reißen wie der Wolf das Lamm, aber meine Beine schlurfen nur müde über den Boden, als habe mir ein abhängiger und hagerer Anästhesist seine Tagesdosis Fentanyl verabreicht. Krachend falle ich gegen die hölzerne Laube und rutsche an ihrer Nordwand herunter, erboste Späne schlagen mir in den Rücken. Schwer verwundet robbe ich mich zum Bierkasten und versuche, mir mit tauben Händen eine Flasche zu öffnen. Dann holt mich der Nachtfrost, die Tür bleibt sperrangelweit offen.

Am anderen Morgen liegt knietief dichter Schnee auf den Straßen. Er hat sich schon zwei Meter durch das Mauerloch zu mir hindurchgefressen und meinen Bockermann bis auf den Knochen abgenagt. Ich schrecke hoch, als mir ein Schneeball genau in die Fresse fliegt. Schnaubend puste ich den Eisrotz beiseite und schaue hinaus. Draußen steht Murat, vermummt wie Tenzing Norgay beim Everestaufstieg 1953.

Er lehnt an einem Schneeschipper und ruft: »Na, ist das ein geiles Wetter?«

Stutzig sehe ich mich um. Flüchtige Gedanken rauschen mit exakt 33⅓ Umdrehungen pro Minute um einen silbernen Mitteldorn durch meinen Hippocampus. Der Tonarm setzt knackend im Jahr 1979 auf, Kiss stürmen unaufhaltsam die Charts. Wir Jungs spielen Luftgitarre auf dem Schulhof wie Paul Stanley und die Mädchen knabbern Flips auf Kellerpartys.

»Du Spinner, mach die Tür zu und geh in die Schule!«, brülle ich raus.

Murat tritt einen Schritt näher. »Ist dir nicht gut, Chef?«, fragt er und stupst mich mit dem Schipperstiel an wie eine tote Robbe.

Polternd hüpft der Abtastdiamant über die schwarzen Vinylrillen meiner Zeitplatte ins Jahr 1984. Verpickelt stehe ich mit Lederschlips beim Abschlussball, sämtliche Bräute unter 90 Kilogramm sind vergriffen. Übrig bleiben nur noch Pommes-Walli mit einer vier Pfund schweren Brille und einem lahmen Bein und die schnelle Schantall, die mit jedem schon mal hinterm Vorhang auf Tuchfühlung war, nur mit mir nicht.

»Und es hat Zoom gemacht«, singe ich fröhlich den Klaus.

»Das merke ich«, sagt der Kaffeeröster mir gegenüber und zeigt auf zwölf verstreute, leere Bierflaschen, »hast du die alle getrunken?!«

Ich zucke zusammen und stoße wieder an den massiven Drehteller in meinem Schädel. Dumpf schlägt die Nadel diesmal im Jahr 1989 auf. Mit lautem Getöse kracht ein schwarzer Knight Rider bei seinem Weltrekord-Sprungversuch über die Berliner Mauer mitten hinein. Sie stürzt ein wie ein Altenburger Kartenhaus. Ein terracotta-gebrannter David Hasselhoff steigt aus dem fahrenden Ritter, hält nach Freiheit Ausschau und tanzt dabei wie ein Braunbär auf Koks. Etwa 20000 Sandys und Mandys grölen ihm zu und werfen Strickschlüpfer auf die Bühne.

Einer trifft mich hart am Kopf, ich erwache.

»Murat, was ist los?«, frage ich, »warum räumst du nicht auf?«

»Chef, bist du nicht mehr sauer?«

Ich rappele mich hoch, »los, wir müssen die Ware auspacken und den Laden aufmachen! Was stehst du hier so dumm rum und hältst Maulaffen feil?«

Strebergarten

Unbeirrt gehe ich am versteinerten Murat vorbei, sammle die umherliegenden Bierflaschen in den Kasten zurück und stelle ihn direkt auf seine Fußspitzen.

»Musste das sein?«, ranze ich ihn an, »du weißt doch genau, dass heute Eröffnung ist!«

Murat starrt weiter in den hohlen Raum, ein bisschen Schnee rieselt ihm aus den Haaren und lässt mich vermuten, dass er noch nicht ganz mumifiziert ist.

»Wie siehst du überhaupt aus?«, frage ich vorwurfsvoll.

»Also, ich, äh …, du hast …«, stammelt er sich in den Schnauz.

»Ach, red jetzt keine Opern, hilf mir mal, ich krieg die Kiste hier nicht auf. Bin mal gespannt, was ich da günstig ersteigert habe!«

Wortlos überreicht mir Murat die Spitzhacke und guckt sich argwöhnisch um, als könne jeden Moment ein Flaschengeist erscheinen und ihn zur ewigen Knechtschaft zwingen.

»Wovor hast du Angst?«, necke ich ihn, »da springt niemand raus und packt dich!«

Doch der Schisser bleibt in seiner Deckung.

»Buh!«, mache ich, hebe meine Hände in die Höh‘ und gehe einen Schritt auf ihn zu.

Murat hüpft einen rekordverdächtigen Dreisprung rückwärts und starrt mich kreidebleich an wie eine rostige Drei-Zentner-Bombe aus dem 2. Weltkrieg. Sein verwaschenes I love NY-Shirt klebt klamm auf seiner Haut.

»Sche-Herz!«, lache ich und schlage mit einem einzigen gezielten Hieb ein riesiges Loch in den Container. »O‘zapft is!«

Dann stake ich durch das umherliegende Splitterholz und linse ins Innere.

»Ich glaub‘s nicht! Komm her, Murat, das musst du dir unbedingt anschauen!«

Vorsichtig wie ein Igelpärchen beim Geschlechtsverkehr trippelt er Schritt für Schritt auf mich zu und lugt ungläubig über den Kistenrand. Sein Kinn fällt dumpf aus der Fassung, kleine ekstatische Stromimpulse durchzucken seinen Körper, als er die bunten Plastikbausteine erblickt. Begeistert greift er bis zu den Ellenbogen hinein, wühlt das Unterste nach oben und schaufelt schließlich einen Leuchtstein empor. Sofort rennt er nach hinten und kramt klöternd in einer Klappkiste nach einer 4,5 Volt-Flachbatterie. Stolz, als habe das Osmanische Heer Wien doch eingenommen, kehrt er im Schein der mattgelben Soffitte zurück.