Quintessenz: Wofür es sich lohnt zu leben -  - E-Book

Quintessenz: Wofür es sich lohnt zu leben E-Book

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Beschreibung

Bekannte Autor*innen und Psychotherapeut*innen sollten zwei Fragen beantworten. Die erste Frage war, was sie aufgrund ihrer Lebenserfahrungen für eine Bilanz ziehen im Hinblick auf das, was ihnen Sinn gegeben hat und - die zweite Frage -, was sie davon als wesentliche Einsichten gerne an ihre Mit- und Nachwelt weitergeben würden.

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Quintessenz: Wofür es sich lohnt zu leben

TitelVorwortKlaus-Uwe Adam - Erfahrungen, Erkenntnisse und AufgabenKlaus Aichele - Quintessenz – Wozu es sich lohnt zu lebenIrene Berkenbusch - Antigone und CoOtto Betz - Nur ein Fragment?Brigitte Dorst - Auf der Suche nach der Weisheit des HerzensSabine Grumann - Umarmung des LebensAllan Guggenbühl - Meine Quintessenz des LebensWolfgang Hofsommer - Danach steht mir der Sinn!Gidon Horowitz - Das Leben erblühen lassenWalter Jäger - Wie wirklich ist die Wirklichkeit?Franz-Xaver Jans-Scheidegger - Die Wirklichkeit hinter den „Wirks“Rolf Kaufmann - Eingebettet im Strom der BewusstseinsevolutionDieter Knoll ... Sieben Leben möcht’ ich habenAnnette Kuptz-Klimpel - Mit dem inneren Kind lebenBernd Leibig - Wozu es sich lohnt zu lebenMargarete Leibig - Ich und WirRoman Lesmeister - „Nun! Man kommt wohl eine Strecke.“Christiane Lutz - Welche Ziele erachte ich für sinnstiftend?Carola Meier-Seethaler - Plädoyer wider die ResignationAnette Müller - Quintessenz? Die Pflanze kann es Dich lehren!Lutz Müller - Im Überschwang des SeinsMonika Rafalski - In Resonanz mit dem Mysterium des LebensJörg Rasche - Quintessenz: DankbarkeitIngrid Riedel - Das Jetzt im Rahmen der LebensgeschichteBrigitte Romankiewicz - QuintessenzChristian Rösler - Die rostige RüstungKonstantin Rößler - Vertrauen als Grundlage des LebensGert Sauer - Aphorismen über die persönliche QuintessenzMario Schlegel - SternenstaubDieter Schnocks - Mit Begeisterung lebenAng Lee Seifert - SelbstverantwortungTheodor Seifert - TransparenzMurray Stein - Reflexionen im HerbstlichtRalf Vogel - QuintessenzGerhard M. Walch -  Die Frage nach des Lebens SinnUrsula Wirtz -  Das Mysterium des „Stirb und Werde“LiteraturImpressum

Titel

Müller, Lutz / Müller, Anette(Hrsg.)

Quintessenz – Wozu es sich lohnt zu leben

Band 1Therapeut*innen ziehen Bilanz

Verlag opus magnum, Stuttgart 2021

Epub-Version: ISBN: 9783956123009

Printversion: ISBN 978-3-95612-025-1

Vorwort

In dem Maße als man, dem eigenen Gesetz untreu, nicht zur Persönlichkeit wird, hat man den Sinn seines Lebens verpaßt. (C. G. Jung, GW 17, § 314)

Liebe Leserin, lieber Leser,

 Sie halten ein erstaunliches und spannendes Buch in Händen, geschrieben von Menschen, die ihr Leben lang auf die eine oder andere Weise den Fragen nach dem Sinn und dem guten, gelingenden Leben nachgegangen sind und die bereit waren, uns ihre persönlichen Erfahrungen und authentischen Ansichten darüber mitzuteilen. Wie ist das geglückt?

Wir haben Freund*innen, Kolleg*innen, Autor*innen und Menschen, die uns aus unserem psychologischen und psychotherapeutischen Umfeld bekannt und vertraut waren, gebeten, zwei Fragen in persönlicher Weise zu beantworten.

Die erste Frage war, was sie aufgrund ihrer Lebenserfahrungen für eine Bilanz ziehen im Hinblick auf das, wozu es sich lohnt zu leben, was ihnen das Leben lebenswert gemacht, was ihnen Sinn gegeben hat und – die zweite Frage –, was sie davon als wesentliche Einsichten gerne an ihre Mit- und Nachwelt weitergeben würden. Und viele, die wir gefragt haben, haben gerne und zustimmend geantwortet.

Da wir – die Herausgeber – uns selber einen Großteil unseres Lebens im Bereich der Psychologie und Psychotherapie bewegt haben, ist es naheliegend, dass auch die Menschen, die wir gefragt haben und die wir persönlich oder durch ihr Werk kannten, einen ähnlichen Hintergrund haben.

Insbesondere wird Ihnen der Name C. G. Jung mehr als einmal in unseren Texten begegnen. Das hängt damit zusammen, dass C. G. Jung als einer der ersten Pioniere der Tiefenpsychologie die Sinnfrage und den Individuationsprozess des Menschen in den Mittelpunkt seines Interesses gestellt hat. Mit Individuation ist die Verwirklichung des SELBST, die ganzheitliche Entwicklung eines jeden Menschen und seiner Potenziale gemeint. Sie wird als ein lebenslanger schöpferischer Prozess vestanden, der immer auch in engster Wechsel-Beziehung zur öko-sozio-kulturellen Mit- und Umwelt geschieht. Wenn man sich also von psychologischer Seite her der Sinnfrage nähert, kommt man fairerweise an C. G. Jung nicht vorbei.

Dieses für uns Heutige eigentlich selbstverständliche Konzept ist erstaun­licher­weise noch recht neu. Vorgedacht von den Weisheitslehrern, den Künstlern, Dichtern und Philosophen (in der Neuzeit insbesondere von Kant, Schopenhauer und Nietzsche), wurde die Idee der Selbstverwirklichung erst im letzten Jahrhundert durch die Psychologie (insbesondere Tiefenpsychologie und Humanistische Psychologie) nachdrücklich ins Bewusstsein gehoben und für breitere Bevölkerungsschichten relevant.

Der Idee der Selbstverwirklichung und Potenzialentfaltung wird gelegentlich vorgeworfen, sie fördere eine narzisstische, asoziale und unpolitische Einstellung des Menschen, indem sie ihn in den egozentrischen Mittelpunkt seines Interesses stelle. Bei dieser Kritik wird oft nicht genau genug zwischen Individualismus und Individuation unterschieden. Je tiefer die Selbsterkenntnis im Individuationsprozess reicht, desto deutlicher wird die wechselseitige Beziehung und Verbundenheit des Menschen zum „Großen Ganzen“ erfahren und bewusst. Der Mensch ist ein Teil einer umfassenden kulturellen und sozialen, einer technischen und medialen und einer ökonomischen und ökologischen Mit- und Umwelt, auf die er bis ins Allerkleinste angewiesen ist. Jede Vorstellung einer grandiosen, narzisstischen Unabhängigkeit von diesem „Großen Ganzen“ erweist sich früher oder später als eine Form der Psychopathie und Selbstzerstörung.

Gleichzeitig gilt auch: Unsere Welt wird von Menschen mitgestaltet. Sie befindet sich in einem ständigen Wandlungsprozess, in dem es immer auch auf die schöpferischen Einzelnen ankommt, die den Mut haben, ihren Visionen zu folgen, ihren eigenen Weg zu gehen, das notwendig Neue zu sagen und zu wagen.

Wie konkret gelebtes Leben mit den großen Fragen des Lebens verbunden werden kann, das zeigen die Beiträge dieses Bandes, für die wir den Verfasserinnen und Verfassern ganz herzlich danken.

Ihre

Anette und Lutz Müller

P. S.

Ursprünglich hatten wir vor, auch noch die Ansichten der „großen“ Philosophen der Antike und Neuzeit wie auch der bekannten „großen“ Psychologen wie Freud, Adler, Jung, Fromm. Rogers usw. in dieses Buch aufzunehmen. Dann wurde rasch klar, dass diese Idee wegen des Umfangs, den dieses Buch haben würde, nicht realisierbar war. So haben wir uns entschlossen, diesem ersten Band noch einen zweiten Band mit eben diesen Autoren folgen zu lassen. 

Klaus-Uwe Adam - Erfahrungen, Erkenntnisse und Aufgaben

Klaus Aichele - Quintessenz – Wozu es sich lohnt zu leben

Wozu es sich lohnt zu leben?

Wann habe ich mir diese Frage zum ersten Mal in meinem Leben gestellt? Ich weiß es nicht mehr, bin aber ziemlich sicher, dass es nicht im Kindesalter war. Da war Kriegs – und Nachkriegszeit. Da war es wichtig, mit anderen zu spielen, mit meinem älteren Bruder im Garten, mit Freunden aus der Nachbarschaft auf der Straße vor dem Haus, Fußball zu spielen, Fahrrad zu fahren. Oder in der Schule einigermaßen gut durchzukommen.

In meinem Beruf als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut habe ich erfahren, dass auch Kinder schon fragen können, ob es sich zu leben lohnt, wenn sie ihre Eltern verlieren durch Tod oder auf der Flucht, wenn sie unter der Trennung der Eltern oder unter der Ablehnung durch ihre Eltern oder unter deren gewalttätigem Verhalten leiden. Diese Frage ist dann oft hinter ihren Ängsten verborgen, deretwegen sie in die Psychotherapie kommen. Und doch habe ich auch dies oft erlebt – sowohl in der Praxis wie in der Gruppe von Flüchtlingskindern im Container –, dass Kinder leben wollen, mit anderen zusammen spielen wollen.

... angesichts der Berufswahl

Zum ersten Mal wurde für mich die Frage, wozu es sich lohnt zu leben, in der Oberstufe deutlicher, als es um die Berufswahl ging. Nach einigem Hin und Her entschied ich mich für das Studium der evangelischen Theologie. Ein Freund aus dem Jugendkreis der Kirchengemeinde hatte mir von seinen Erfahrungen aus den ersten Semestern berichtet, und nach einigen Gesprächen mit meinen Eltern und dem Gemeindepfarrer schien mir dieser Beruf „lohnend“. Ich würde damit nicht reich werden, aber wohl auch nicht arbeitslos. Dafür würde es sich lohnen zu leben.

Im Laufe des Studiums und in ständigem Austausch mit meinen Studienfreunden war es immer wieder diese Frage, die uns beschäftigte, wozu es sich zu leben lohnt – oder eben auch die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Irene Berkenbusch - Antigone und Co

Antigone und Co oder

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

(Saint Exupery)

 Antigone, Hildegard von Bingen und Hannah Arendt sind drei bemerkenswerte Frauen aus unterschiedlichen Jahrhunderten und gesellschaftlichen Kontexten, eine davon, Antigone, ist allerdings nur eine literarische Figur. Warum erwähne ich sie gleich zu Beginn meiner Gedanken? Alle drei zeigen eine Haltung von Selbstbestimmtheit, Authentizität und Unabhängigkeit von Autoritäten und absolutistischen Meinungen.

Antigone hat mich seit meiner Schulzeit nicht mehr losgelassen. Sie ist für mich eine archetypische Gestalt. In der Tragödie von Sophokles wird sie als eine Frau gezeigt, die sich gegen den absolutistisch, machtbesessen und inhuman regierenden Herrscher Kreon auflehnt, der zudem noch ihr Onkel ist. Sie gehorcht einem von ihm erlassenen Gesetz nicht, da es gegen göttliches Gebot und Menschenrecht geht, das für sie in diesem Fall allein Gültigkeit besitzt. So sagt sie zu Kreon, dem Sterblichen: „So groß schien dein Befehl mir nicht, dass er die ungeschriebenen Gottgebote, die wandellosen, konnte übertreffen […] An ihnen wollt ich nicht, weil Menschenstolz mich schreckte, schuldig werden […].“ (Sophokles, 2016) Ihren Ungehorsam muss sie mit ihrem Leben bezahlen.

Vor dem Hintergrund der zur Zeit unserer Schullektüre noch nicht allzu lange zurückliegenden Nazi-Diktatur spielte dieser Text eine besondere Rolle bei der Erziehung zu Wachsamkeit und zu Verantwortungsbewusstsein, was meine damalige Deutschlehrerin eindrücklich vertrat. Sie ist mir bis heute ein Vorbild. Hinzu kommt, dass sie tiefenpsychologische Gedanken in den Unterricht einbrachte, z. B. die Existenz eines kollektiven Unbewussten erwähnte und auf die Bedeutsamkeit der Träume hinwies. Durch sie begegnete ich der Psychologie C. G. Jungs zum ersten Mal, was offensichtlich bis heute nicht ohne Wirkung blieb.

Auch Hildegard von Bingen (1098-1179) war eine rebellische, ganzheitlich denkende Frau, trat mit ihrer Meinung und ihren Ermahnungen mutig gegen Könige, Kaiser und selbst gegen Päpste auf. Für ihre Zeit war sie eine bemerkenswert autonome und tatkräftige Frau, die tiefgeistliche Texte, aber ebenso Texte über Freiheit und Verantwortung schrieb, und auch eine Klostergründung geht auf sie zurück.

Hannah Arendt (1906-1975) führt uns nunmehr ins 20. Jahrhundert und ist uns daher noch sehr nah. Auch sie verkörpert eine Haltung von Selbstbestimmtheit, Unerschrockenheit und unabhängigem Denken, das in ihrer Jugend zu heftigen Konflikten mit ihrer Mutter führte, sie aber befähigte, sich aus dem Mutterkomplex zu befreien und ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Sie sprach immer wieder von der Tugend des Selbstdenkens und ihrer geistigen Bemühung um ein Denken ohne Geländer, ohne die eigene Meinung zu verabsolutieren.

Ein Zitat von ihr, das mir sehr aktuell erscheint, möchte ich hier erwähnen, in dem sie die Entstehung des Nationalsozialismus nicht in erster Linie aus „einer speziellen deutschen Charakteranlage oder aus deutscher Tradition“ erklärt, sondern konstatiert, dass eine wesentliche Ursache die „Verneinung und Zerstörung aller deutschen oder europäischen Traditionen“ darstellt, verbunden mit dem „Zusammenbruch der sozialen und politischen Strukturierung Europas“ (Hervorhebung von mir) (Arendt, 2005). Auch wenn wir nicht vor einem Zusammenbruch der europäischen Idee stehen, so ist ihr Erhalt doch gerade heute gefährdet.

Diese drei so verschiedenen Persönlichkeiten sind Vorbilder für mich, und wenn C. G. Jung die Frage stellt, welcher Mythos der Architekt unsres Lebens ist, was für jeden Menschen eine wichtige Frage darstellt, dann gehören diese drei genannten Gestalten und ihre Lebensprinzipien sicherlich für mich dazu, auch wenn zur Erfahrung und Verwirklichung dieses „Mythos“ ein langer Individuationsprozess beitragen musste und nach wie vor beiträgt.

Mut, Profil und Engagement entwickeln

Gerade in der heutigen Zeit erscheinen mir die Haltungen des eigenständigen Denkens, der Selbstbestimmtheit und Realitätsbezogenheit als unverzichtbare Voraussetzungen, den Herausforderungen durch den neuen Nationalismus, den Fake-News und der Verführbarkeit durch vermeintliche Heilsbringer zu begegnen. Daher wünsche ich den jungen Menschen von heute vor allem Selbstvertrauen, Kritikfähigkeit und die Bereitschaft, sich für Humanität, Demokratie und Toleranz zu engagieren. Das schließt die politische und soziale Verantwortung für das gemeinsame Ganze, für unser Gemeinwesen mit ein, womit für mich vor allem auch das Engagement für den friedlichen Zusammenhalt in Europa gemeint ist.

Dazu gehört der Mut, Profil zu entwickeln, sich selbst zu zeigen, aber auch, sich angreifbar zu machen. Das fällt uns nicht leicht, wir zeigen uns nicht gerne, denn das schließt unsere Schattenseiten mit ein. Auch die drei oben genannten Frauengestalten hatten ihre Fehler, sie waren nicht vollkommen und zeigten die berühmten „blinden Flecken“ in ihrer Selbst- und Realitätswahrnehmung. Auch erlebten sie Momente des Scheiterns und Brüche in ihrer Biografie und begegneten ihrer eigenen dunklen Nacht der Seele, was ihnen aber zu vertiefter Selbsterkenntnis und neuen schöpferischen Möglichkeiten verhalf.

Erkenntnis und Akzeptanz des eigenen Schattens

Die Erkenntnis und Akzeptanz des eigenen Schattens scheint mir das Geheimnis eines starken Selbstbewusstseins zu sein. Das klingt paradox, denn beinhaltet der Schatten nicht gerade die Seiten an uns, die wir an uns nicht mögen, die wir als minderwertig, böse und bedrohlich ausgegrenzt haben und die wir vor anderen verstecken wollen? Der Begriff des Schattens stammt von C. G. Jung und bezeichnet alle ungelebten Anteile und dunklen Seiten in uns, die wir nicht wahrhaben wollen. Gehört zum Schatten nicht auch unsere innere Ambivalenz? Sind wir nicht sehr oft „Ja und Nein“, erleben wir uns nicht immer wieder in Konflikten und zwischen den beiden Polen von Liebe und Hass, Aggression und Versöhnlichkeit, Widerstand und Ergebung?

Wenn wir aber unseren Schatten verdrängen, wird er uns ständig verfolgen. Ich selbst habe immer wieder die Annahme des Schattens – ein lebenslanger Prozess – als befreiend und stärkend erlebt. Viel Energie wurde freigesetzt. Es war die Erfahrung, dass auch die dunklen, abgelehnten Seiten sein dürfen, wodurch das Gefühl von Ganzheit entstand und der Mut, zu meinen Schwächen zu stehen. Die Vorstellung vom Schatten war die erste exisenzielle und befreiende Berührung mit der Analytischen Psychologie C. G. Jungs, viele weitere sollten folgen.

Individuation

Auch die Idee der Individuation begegnete mir in literarischer Form bereits in der Schule durch die Lektüre von Franz Kafkas Vor dem Gesetz, einer Parabel aus dem Roman Der Prozess (1977, S. 156). Es geht hier um einen Mann, der den Eingang in das Gesetz verlangt und dabei einem Türhüter begegnet, der ihm diesen Eingang verwehrt. Der Mann will sich damit nicht zufrieden geben, versucht, einen Blick in das Gesetz zu erhaschen, erhält aber den Hinweis darauf, dass nach diesem Türhüter viele weitere folgen, einer mächtiger als der andere, somit der Versuch eines Eintritts vergeblich sei. Das schüchtert den Mann ein, und er beschließt, auf andere Menschen zu warten, die ebenfalls Eingang in das Gesetz verlangen. Das jahrelange Warten, sein zunehmendes Alter und das Gefühl seines nahenden Todes veranlassen ihn zu der Frage, warum in all den Jahren, wo doch sämtliche Menschen nach dem Gesetz streben, nie jemand vorbeigekommen sei, um Einlass zu verlangen. Der Türhüter antwortet ihm: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Ein erschreckender Schluss, der mich als siebzehnjährige Schülerin bleibend ergriffen hat. Sicherlich ist die Parabel vielfältig zu interpretieren, aber für mich war klar, dass es hier um die Suche nach dem eigenen Selbst, der unverwechselbaren eigenen Persönlichkeit ging und dass ich diese Suche keinesfalls verpassen oder verfehlen durfte, wie es offenbar dem Mann in der Parabel geschehen ist. Und dass es darum auch zu kämpfen gilt, was der Mann in Kafkas Geschichte offensichtlich versäumt hat. Es zeigte sich in mir im Grunde schon das Gespür für die Aufforderung des uralten „Werde, der du bist“ als meine Lebensaufgabe, die sich bis heute immer wieder neu stellt. Es geht um den bereits erwähnten Weg der Individuation, womit die Suche nach dem wahren Selbst und die Entdeckung unseres inneren unverwechselbaren, wahren Wesenskerns gemeint ist, den wir in unserem Leben zur Entfaltung bringen sollen.

Das beinhaltet für mich auch eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die spirituelle und schöpferische Suche nach unserem wahren Wesen. Der Prozess der Individuation wäre aber missverstanden, wenn es dabei nur um ein Kreisen um die eigene Seele und um narzisstische Selbstbespiegelung ginge. Beziehungsfähig zu werden und soziale Kompetenz zu entwickeln ist ein wesentliches Ziel der eigenen Individuation, was auch für die therapeutische Praxis unverzichtbar ist.

Der Mensch – homo religiosus

In einer bestimmten Phase meines Lebens war für mich die Verbindung zwischen christlicher Seelsorge und Psychotherapie schwer herstellbar. Heilen Gott, Jesus oder der Glaube den Menschen oder der Therapeut mit seinen erlernten Methoden? Beide Ansätze waren für mich nicht vereinbar. Durch meine Teilnahme an der Pastoralpsychologischen Fortbildung in Freiburg und mein Studium der Analytischen Psychologie in Zürich erweiterte sich aber mein enger theologischer Horizont. Außerdem stieß ich auf ein kleines Büchlein aus dem Herder-Verlag mit dem Titel Psychologie hilft glauben und dem Untertitel Durch seelisches Reifen zum spirituellen Erwachen (1990). Die Kluft und die Kontroverse zwischen Theologie und Psychologie hob sich in gewisser Weise für mich auf, da deutlich wurde, dass die Psychoanalyse ein wertvolles Instrumentarium zur Verfügung stellt, um die Seele zu stabilisieren und für spirituelle Erfahrungen bereit zu machen. Selbsterkenntnis, die bereits erwähnte Schattenbegegnung, gefördert in der Psychotherapie, bereitet den Weg zu seelischer Gesundheit, da aus dem Schatten, der auch von Gott akzeptiert ist, verborgene Kraft und kreative Möglichkeiten zu schöpfen sind.

Auch vor Gott darf der Schatten sein, gehört zum Gottesbild nicht auch dessen Gegensätzlichkeit von Hell und Dunkel? Das Innewerden dessen ließ bei mir viel Gelassenheit und Lebendigkeit entstehen. Auch die Schriften der Bibel ließen sich nun von der Psychologie her neu lesen. Für mich eröffnete sich ein neues, weites Feld im Verständnis der Verbindung zwischen Religion und Psychologie.

C. G. Jung bezeichnet den Menschen als homo religiosus, womit er meint, dass der spirituelle Kern das tiefste Zentrum der Person ist und die eigentliche Suche des Menschen dahin geht, seinen Sinn im Leben zu finden. Welche Rolle spielen dabei die Religion und Gott? Es ist wichtig, darauf eine Antwort zu finden, die sich im Laufe des Lebens immer wieder wandeln kann, vielleicht auch muss. Für mich bedeutete das, aus einem christlich-protestantischen Elternhaus stammend, ein dogmatisch eingeengtes, konfessionsgebundenes Glaubensverständnis und alte vermittelte „fromme“ Denkstrukturen zu verlassen, Gott als den Unbegreifbaren zu sehen, von dem ich mich aber dennoch in meiner Existenz gehalten fühle.

Die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Wirklichkeit ist für mich sehr dünn, und „es scheint (im Universum) einen Rest Geheimnis zu geben, der sich durch die Wissenschaft nicht auflösen lässt“, sagt Steven Weinberg, Nobelpreisträger und bekennender Atheist. Könnte dieses Restgeheimnis der Kosmologie „Gott“ sein? Vielleicht ist dies auch eine Quintessenz des Älterwerdens, dass die Verwunderung über Naturerscheinungen zunimmt und einem nicht mehr so vieles selbstverständlich erscheint, wie dies in jüngeren Jahren der Fall war. Sich wundern und staunen zu können, bereichert das Leben, es macht bescheiden, und es sollte sich jeder Mensch jeglichen Alters bewahren.

Der sichtbare Ausschnitt unserer Wirklichkeit ist außerordentlich beschränkt, wir können nur in den Grenzen von Raum und Zeit denken, weder Unendlichkeit noch Ewigkeit können wir denken, auch Gott können wir nicht denken. Wer ist „Gott“? Eine Person? Energie, Kraft, der Weltgeist, wie Hermann Hesse ihn nennt, das Numinose? Da wir die Geheimnisse des Weltalls nicht beweisen können, können wir das Geheimnis „Gott“ erst recht nicht beweisen und brauchen es auch nicht. In der Bibel heißt es: „In ihm leben, weben und sind wir“ (Apg. 17, 28). Für mich heißt das, dass Gott nicht nur hinter allem oder hinter dem Horizont steht, sondern dass er in der Welt präsent ist, die Welt und somit auch unser Inneres durchwirkt.

C. G. Jung verbindet diese Erfahrung mit dem Selbst, das als „Gefäß“ für die Emanation des Göttlichen, des Numinosen verstanden werden kann.

Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungskultur

Kürzlich wurde der Studentenbewegung vor fünfzig Jahren gedacht. Sicher sind diese Zeit und die Aktionen der vorwiegend linken Studenten damals nach wie vor als sehr zwiespältig zu bewerten. Im Nachhinein erscheint mir aber als bleibend wichtig und positiv, dass die 68er Bewegung mit Vehemenz die Bearbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit ihren Verbrechen angestoßen und die Mauer des Schweigens in der Elterngeneration zumindest eingerissen hat.

Was im Holocaust, hebräisch Shoah, geschehen war, wurde zum ersten Mal in der Gesellschaft thematisiert. Erinnerung und Gedenkarbeit wurden wichtig. Ein Wort aus dem Talmud lautet: „Das Vergessen-Wollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Ähnlich formuliert es der spanisch-amerikanische Philosoph und Schriftsteller George de Santayana (1863-1952), wenn er sagt: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Und Herma Brandenburger, im Deutschlandfunk-Kultur am 14.07.2013: „Kein menschliches Leben ohne Erinnerungen. Sie sind die Bausteine, die das Fundament unserer Persönlichkeit prägen. Sie dürfen nicht verloren gehen, weil wir ansonsten wie Pflanzen ohne Wurzeln dastehen würden.“

Das Zitat drückt den Wert der Erinnerung in seiner Allgemeingültigkeit, auch für unser persönliches Leben, sehr treffend aus. Besonders im Hinblick auf unsere jüngere deutsche Geschichte ist es sehr wichtig, die Erinnerung wach zu halten und bezüglich gegenwärtiger Strömungen in der Gesellschaft wachsam zu sein.

Es gibt viele Möglichkeiten, Formen des Gedenkens zu finden. Für mich hieß das vor vielen Jahren, Mitglied zu werden in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, und seit einiger Zeit engagiere ich mich in der Gedenkarbeit im Zusammenhang mit der 1992 begonnenen Stolperstein-Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Stolpersteine sind kleine, würfelförmig in den Boden verlegte und mit Messing überzogene Gedenktafeln, mit denen an das Schicksal der Menschen erinnert werden soll, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Es geht darum aufzumerken und sozusagen innerlich zu stolpern, damit nicht in Vergessenheit gerät, was niemals wieder geschehen darf.

Das bezieht sich nicht nur auf die damalige jüdische Bevölkerung, sondern auch die Sinti und Roma und unliebsame Minderheiten in der Gesellschaft waren betroffen und wurden verfolgt. Darüber hinaus haben unsere europäischen Nachbarn, ich denke dabei vor allem an Polen und Russland, ungeheuer unter der brutalen militärischen Aggression der Nazis zu leiden gehabt. Generell ist es lebenswichtig, transnationale Beziehungen zu pflegen, über kollektive Traumata und deren Heilungsmöglichkeiten zu sprechen, was in meinem Fall vor allem mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen geschieht, mit denen inzwischen bereichernde Freundschaften entstanden sind. Auch hier geht der Blick über nationale Grenzen hinaus, wir begegnen uns als Polen und Deutsche in einem als gemeinsam empfundenen Europa, ohne das die politischen Veränderungen im jeweiligen Land 1989 gar nicht möglich gewesen wären.

Was mir wichtig ist

Zum Schluss noch einmal ein Blick darauf, was mir wichtig ist für mich, meine Familie und Freunde, für unsere Gesellschaft und vor allem für die junge Generation? Ich denke, es sind:

Neugier,

über das Leben staunen können,

Selbstvertrauen und Mut,

Verantwortungsbewusstsein und Engagement,

Respekt vor dem anderen Menschen, gleich welcher Religion, Nationalität oder Hautfarbe er oder sie ist,

Offenheit für alles Fremde,

geistige Horizonterweiterung bezüglich anderer Länder, Menschen und Kulturen,

und vor allem gute Freundinnen und Freunde.

Dabei denke ich noch einmal zurück: Ohne eine Reise nach Florenz vor vielen Jahren, den Begegnungen mit den Menschen dort, vor allem mit der Kunst der Renaissance, die in ihren Bildern Heiliges und Natürliches miteinander zu verbinden vermag, hätte ich nicht den Impuls erhalten, mich aus meiner bis dahin restriktiven christlichen Lebensform und einem strengen Gottes- und Menschenbild einer evangelischen Ordensgemeinschaft zu lösen. Der Mensch ist eine Legierung aus Geist und Natur, Rationalem und Emotionalem, apollinisches und dionysisches Lebensprinzip gehören zusammen. Das wurde für mich auf dieser Florenzreise erfahrbar und gab mir eine neue Freiheit.

Zur Frage, welchen Auftrag ich im Leben für wichtig erachte, fand ich kürzlich ein paar Sätze in meinem sog. „Bildungsgang“, den man zu meiner Zeit vor dem Abitur zu schreiben hatte und die auch heute noch für mich eine Bedeutung haben. Ich formulierte es damals so: „Zwei Bücher von Thornton Wilder (1897-1975) Die Alkestiade und Die Brücke von San Luis Rey beeindruckten mich besonders. In beiden Büchern hält Wilder die Liebe für den höchsten Wert, wenn er sagt: „Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn.“ (Wilder, 1955, S. 194)

Ich meine, er hat Recht damit. Denn jeder Mensch sehnt sich danach, zu lieben und geliebt zu werden, er kann sich nur in der Liebe entfalten. Durch die Liebe geben sich die Menschen, wie Wilder sagt, gegenseitig Bedeutung und Sinn. Damit gab mir der Autor zunächst eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens: die Liebe und die Achtung vor dem Leben besitzen den höchsten Wert.

Martin Buber spricht in ähnlicher Weise vom dialogischen Prinzip, vom Sinn, der sich im über die Grenzen hinausweisenden Dialog zwischen Ich und Du offenbart. Ohne diesen Dialog sind das menschliche Leben und auch unsere therapeutische Arbeit nicht möglich.

Im Rückblick auf das Resümée am Ende meiner Schulzeit begleiten mich die bereits damals als wesentlich empfundenen Überzeugungen bis heute in meiner zunächst pädagogischen, seit vielen Jahren nunmehr therapeutischen Arbeit. Darüber hinaus denke ich an viele Menschen, die mich begleitet haben und bis heute begleiten und an den Reichtum von Freundschaften, der durch nichts ersetzt werden kann.

Über die Autorin

Irene Berkenbusch-Erbe, Dr. phil., Jahrgang 1944, Ludwigshafen.

Analytische Psychotherapeutin (DGAP, IAAP) in freier Praxis, Dozentin und Lehranalytikerin am ISAP Zürich und am C. G. Jung-Institut Stuttgart.

Veröffentlichungen (u. a.)

Berkenbusch-Erbe, I. (2018). Traumerfahrungen in der Literatur (bei Thomas Mann, Marie Luise Kaschnitz und Bernhard Schlink). In: Jung-Journal. Heft 40: Träume, S. 79-85.

Berkenbusch-Erbe, I. (2018). Jakob, der Lügner – Verbreiter von Fake News? In: Jung-Journal, Heft 39: Lüge und Wahrheit. S. 19-24.

Berkenbusch-Erbe, I. (2017). Kulturelle Komplexe im östlichen Mitteleuropa. Analytische Psychologie, 187, S.44-61.

Otto Betz - Nur ein Fragment?

Selten genug können sich in unseren Tagen Menschen auf ein Resumée besinnen, auf ein „Ergebnis“ ihrer Lebenszeit, eher können sie auf Leerstellen hinweisen, die sie noch ausfüllen müssten, um von einer runden Lebensgestalt sprechen zu können. Oft ist es ein Gefühl für etwas, was noch fehlt. Der Mangel ist etwas Gravierendes, es ist ein entscheidendes Gebilde, das gar nicht genau beschrieben werden kann, es ist eine Leerstelle, eine offene Wunde, die sich nicht schließen will, ein Darüber-hinaus, was dem Ganzen einen geheimen Sinn geben könnte. Michel de Certeau sagt, „Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt, von jedem Objekt weiß: Das ist es nicht.“

Selbst große Geister, das müssen wir zugeben, haben ihre Werke nicht vollenden können, es blieb häufig genug nur bei einem großen Entwurf. Leonardo da Vinci hat seine Bilder häufig nicht zu Ende geführt, sie blieben Fragment. Und Michelangelo hat manches Werk aufgegeben, er hatte den Eindruck, dass ihm die letzte Meisterschaft nicht gelungen war. Und wir stehen trotzdem staunend vor seinen Torso gebliebenen Werken und bleiben im Bann seiner Genialität.

Mir hat Dietrich Bonhoeffer geholfen, zu einer neuen Sicht auf das Fragment zu kommen. Als er in der Haft saß, aus der er nicht mehr herauskam, erreichten ihn viele Nachrichten vom Tod seiner begabtesten Studenten auf den Schlachtfeldern. Er schrieb in einem Brief vom 22. Februar 1944: „Ein Leben, das sich im Beruflichen und Persönlichen voll entfalten kann und so zu einem ausgeglichenen und erfüllten Ganzen noch möglich war, gehört wohl nicht mehr zu den Ansprüchen, die unsere Generation stellen darf.“

Und nach dieser nüchtern konstatierenden Bemerkung fährt er weiter fort: „Das Unvollendete, Fragmentarische unseres Lebens empfinden wir darum wohl besonders stark. Aber gerade das Fragment kann ja wohl auch wieder auf eine menschlich nicht mehr zu leistende höhere Vollendung hinweisen.“

Dieser Text hatte für mich eine geradezu befreiende Wirkung: Von mir wird nicht unbedingt ein vollkommenes Werk und der „große Durchblick“ erwartet, sondern das ehrliche Bemühen, auf dem Wege zu bleiben und dem Blick auf das Mitgegebene treu zu bleiben. Und noch ein Nachsatz Bonhoeffers hatte tröstlichen Charakter: „So soll doch möglichst noch sichtbar bleiben, wie das Ganze geplant und gedacht war, und mindestens wird immer noch zu erkennen sein, aus welchem Material hier gebaut wurde oder werden sollte.“

Der Torso-Charakter unseres Lebens ist also kein Unglück, sondern der „Normalfall“ eines menschlichen Schicksals. Wir sind ergänzungsbedürftig und ergänzungsfähig, und das in jeder Beziehung und in alle Richtungen. Der einzelne Mensch sollte auch gar nicht isoliert betrachten, er steht immer in größeren Zusammenhängen. Wir haben uns angewöhnt, ein Einzelwesen als isolierte Existenz zu betrachten und vergessen zumeist die Verknüpfung geistiger Zusammenhänge.

Wir stehen immer auf den Schulter unserer Vorfahren und Vordenker. Das Einzelleben ist zumeist gar nicht zu denken ohne diese offenen und verborgenen Faktoren. Ich stehe auf dem Boden vieler Menschen, die vor mir gelebt haben und neben mir ihre Lebensentwürfe entwickelt haben. Und ganz konkret: Was wäre ich ohne meine Frau und ohne meine Kinder; und ohne meine Freunde kann ich mir die eigene Gestalt gar nicht vorstellen. Die wichtigsten Begegnungen sind oft auch mit einem Neubeginn verbunden.

Es ist manchmal ganz hilfreich, sich hie und da an Menschen zu erinnern, von denen wir wichtige Gedanken als Impulse empfangen haben. Wir sind abhängig von diesen Querverbindungen und sollten uns nicht so viel einbilden auf unsere eigene Denkfähigkeit und Urteilskraft.

Ein Gefühl der Dankbarkeit sollte uns überfallen für die Überfülle an Angeboten, die uns geschenkt werden durch diese Anteilnahme, wir haben sie als eine Art Mitgift zu begreifen. Jedes Werk hat viele Väter und Mütter und es ist eine lange Reihe zu denken, die nötig war, um zu einer tiefen Einsicht zu kommen. Einer hat auf dem anderen gebaut, ohne zu fragen, ob er das darf, und ein anderer hat weitergebaut, ohne zu fragen, wohin das führt. Es waren oft nur Gedankensplitter, die hängen geblieben sind oder Lektürefetzen, die ihre eigene Wirkung nicht verfehlten. Und wie oft musste ich feststellen, dass ich über die Quellen meiner „Überzeugung“ keinen Grund angeben konnte, ich hätte eine unendliche Reihe von mehr oder weniger anonymen Zeugen benennen müssen.

Aber es sind ja nicht nur fremde Gedanken, die in uns lebendig geblieben und wirksam geworden sind, sondern auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse, die sich tief eingeprägt haben und unvergesslich geblieben sind. Eigentlich jeder kann sich an Ereignisse erinnern, von denen er den Eindruck hatte, auf eine andere Ebene geführt zu werden und auf einmal eine Art Neugeburt zu erleben. Das mag mit einer Begegnung zu tun haben, durch die uns „neue Augen“ geschenkt wurden. Plötzlich haben wir Dinge wahrgenommen, für die uns das Sehvermögen bisher verschlossen war.

Die Wirklichkeit hat viele Schichten und Dimensionen, und uns muss manchmal eine Art Blindheit genommen werden, um mit Überraschung festzustellen, dass eine tiefere Dimension, die wir bisher noch gar nicht wahrgenommen haben, sich erstmals „zeigt“. Es ist möglich, ein Musikstück ganz neu aufzunehmen und von einem Glücksgefühl durchstrahlt zu werden, wie wir es noch nie verspürt haben. Oder wir werden von einer Dichtung so persönlich getroffen, sodass unser eigenes Leben sich plötzlich eröffnet und sich uns neu erschließt. Es muss sich so etwas wie eine „Hohe oder eine offene Stunde“ einstellen, in der sich gewissermaßen eine weite Landschaft öffnet und ein Blick in größere Weiten möglich ist.

Der polnische Dichter Czeslaw Milosz (2001, S. 33) muss eine solche offene Stunde erlebt haben, und er versuchte, dieses Erlebnis in seinem Text Erwacht in Worte zu fassen.

In fortgeschrittenem Alter, als es mit meiner Gesundheit immer schlechter stand, erwachte ich einmal mitten in der Nacht und da habe ich es erfahren: Es war ein derartig überwältigendes und vollkommenes Glücksgefühl, dass alles in meinem bisherigen Leben nur die Voraussetzung dafür gewesen war. Und dieses Glück hatte überhaupt keinen Grund. Es hatte mein Bewusstsein nicht ausgelöscht und meine Vergangenheit, die doch zusammen mit meiner Bitterkeit in mir war, nicht fortgewischt. Letztere war jetzt plötzlich ein notwendiger Teil des Ganzen geworden. Als hätte eine Stimme gesagt: „Mach dir keine Sorgen, alles ist so gekommen, wie es kommen musste, du hast getan, was dir bestimmt war, und jetzt musst du nicht mehr an Vergangenes denken.“

Es ist auffällig, wie stark Milosz betont, dass diese Erfahrung nicht von seinem Alter oder seinem Gesundheitszustand abhängt und dass dieser Glückszustand völlig plötzlich und unerwartet eingetreten ist. Er wird als Zustand der Sorglosigkeit gekennzeichnet und einer letzten Heilheit. Und der Text endet mit den Worten: „Mir war klar, dass ich ein unerwartetes Geschenk erhalten hatte, und ich konnte nicht fassen, warum gerade mir diese Gnade zuteil worden war.“

Ob wir vielleicht trotz unseres gebrochenen Lebenslaufs und in unseren verwirrten und verdunkelten Zeiten irgendwann solch einen Blick in staunenswerter Klarheit geschenkt bekommen?

Manchmal mag uns die Möglichkeit gewährt werden, dass die Ahnung von einer runden und richtigen Welt vor uns auftaucht?

Und weil wir so selten mit uns im Gleichgewicht sind und ein Blick auf das Ganze uns nicht gewährt ist, haben wir auf eine solche „offene Stunde“ – gleichsam auf Widerruf – dankbar zu reagieren: Plötzlich scheint die Welt nicht mehr zugesperrt zu sein, es hat sich ein Spalt geöffnet, und wir haben ein weites offenes Feld vor uns. Und selbst, wenn ich sagen muss: „Das ist es nicht“, wird ein Weg plötzlich sichtbar, der ins Offene weist.

Über den Autor

Otto Betz, Prof. Dr., Jahrgang 1927, Passau.

Studium der Philosophie und Theologie, Germanistik und Pädagogik. Von 1964 bis 1985 lehrte und forschte er als Professor für allgemeine Erziehungswissenschaft und Pädagogik an der Universität Hamburg.

Veröffentlichungen (u.a.)

Betz, O. (2017). Atem holen in der Welt der Poesie. München: Verlag Neue Stadt.

Betz, O. (2015). Freundschaften sind wie Heimat: eine Einladung. Kevelaer: topos plus.

Betz, O. (2015). Weiter als die letzte Ferne: mit Rainer Maria Rilke die Welt meditieren. Kevelaer: topos plus.

Brigitte Dorst - Auf der Suche nach der Weisheit des Herzens

Einleitung

Mit einem Wort von C. G. Jung aus Erinnerungen, Träume, Gedanken (Jung/Jaffé, 1962, S. 10 f.) möchte ich mich auf diesen Essay (Versuch) einlassen:

Man ist ein psychischer Ablauf, den man nicht beherrscht, oder doch nur zum Teil. Infolgedessen hat man kein abgeschlossenes Urteil über sich oder über sein Leben. Sonst wüsste man alles darüber, aber das bildet man sich höchstens ein. Im Grunde genommen weiß man nie, wie alles gekommen ist.

Ich weiß auch nicht, wie es gekommen ist – entgegen meinen Lebensplänen: Das Leben stellte mir schon während der gemeinsamen Studien­zeit einen Gefährten zur Seite. So war es möglich, in einer Halt gebenden Beziehung Mängel und Beschädigungen der Kindheit zu überwachsen, wurde daraus die Lebensform Ehe als Co-Individuation, durch verschiedene Lebensphasen hindurch bis zur jetzigen Phase des Alters.

Drei Themen aus meinem Leben bieten sich mir besonders an beim Nachdenken über das, wozu es sich zu leben lohnt:

Lernen und Lehren

Liebe als heilende Kraft: der therapeutische Eros

Weisheitssuche auf dem Sufi-Pfad.

 1. Lernen und Lehren

Für das Kind, das ich war, war das Entdecken der geistigen Welt mit dem Lesen-Können eine überlebenswichtige Fähigkeit. Lesen, etwas erkennen, verstehen, neue Worte entdecken, war ein Abenteuer.

Eine frühe Erinnerung bricht beim Schreiben auf: die Freude des Lesens, Buchstaben und Worte entziffern und bilden; vor einer Apotheke stehend buchstabiere ich, füge es zu einem Wort zusammen und weiß: Dieses Geschäft heißt APOTHEKE.

Was bedeutet Lesen? Die Erfindung der Kunst des Buchdruckens halte ich für eine der bedeutsamsten Entdeckungen. Erst die Kunst des Lesens verwandelt Druckerschwärze und Tinte in Bedeutung und Sinn.

Lesen und Schreiben sind Kunst, tiefe Befriedigung. Vieles an der Art, wie ich gebildet wurde, Bildung betrieben habe, wird vielleicht bald überholt sein. Immer aber wird es wohl eine geistige Welt geben, die den menschlichen Geist entwickeln hilft, und sind Bücher geistige Nahrung! Die Ehrfurcht vor dem gedruckten Wort, vor den Büchern, ist mir lebenslang geblieben.

Lesen, das ist: in der vertrauten Sprache schriftlich aufgezeichnete Gedanken, Gefühle, Erkenntnisse aufnehmen und verstehen, Wörter, Sätze erkennen, Sinn erfassen, Bedeutungsinhalte aufnehmen – gierig, begierig nach mehr –, das Gelesene bedenken, sich hineinversetzen in andere Welten, andere Zeiten, andere Menschen, vertraut werden mit Dichtern und Gestalten der Literatur.

Lesen: nicht einfach als das Aufsaugen von Wissen wie ein Schwamm (das auch), sondern, wie E. Fromm (1999, S. 328) formuliert,

[...] so lesen, daß ich nicht nur das, was der Autor sagt, in mich auf­nehme, sondern daß dabei in mir selbst etwas zum Leben kommt, daß mir neue Gedanken kommen. Dann setze ich mich mit dem Buch tatsächlich auseinander und bin ein veränderter Mensch, wenn ich das Buch gelesen habe.

Mit selbst verdientem Geld sich Bücher kaufen, sie sammeln, Schätze in Buchläden, auf Flohmärkten entdecken, Lieblingsbücher immer wieder aus den Regalen holen, sich in die Werke von Dichter*innen und Autor*innen erneut vertiefen, die Lebensbegleiter wurden – all dies ist sinnvolle Lebenszeit.

Von den früh von mir entdeckten Dichtern, denen ich in den verschiedenen Lebensphasen treu geblieben bin, möchte ich vor allem zwei nennen: Das sind Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke.

Es ist bis heute ein sinnliches Erlebnis, ein schön gebundenes Buch in die Hand zu nehmen, das einlädt durch Aufmachung, Titelbild bzw. Gestaltung, sorgfältige Machart, und ich bin voller Vorfreude beim ersten Lesen des Inhaltsverzeichnisses, beim Anlesen und Hineinspüren in die Sprache des Buches.

Aus dem Lesen und Verstehen für mich selbst (alles, was ich in die Finger bekam) und der Lust, anderen etwas zu erklären, wurden beim Heranwachsen für mich Rollen: Gruppenleiterin bei den Pfadfinderinnen, erstes Geldverdienen mit Nachhilfestunden und als studentische Hilfskraft und Tutorin, nach dem Examen in Psychologie die erste Stelle als Dozentin an einer Akademie für Erwachsenenbildung – viel jünger als die meisten der Teilnehmenden in meinen Kursen, es ausgleichend durch viel Wissen, gründliches Vorbereiten, Lehren durch Lernen, ernsthaft, streng.

Die Alma mater, die Universität als geistige nährende Mutter, nahm mich auf, als ich mit neunzehn Jahren das Studium von Psychologie, Pädagogik und Philosophie begann, voller Lernbegierde, begeistert für alles, was sie mir an geistiger Nahrung und an Wirkungsmöglichkeiten bot. Und in ihrem Wirkungsfeld bin ich geblieben, in diesem Sinne eine Tochter der Alma mater, aufgeklärt durch feministische Erkennt­nistheorie und Mitarbeit in vielen Frauenprojekten.

Das Lehren begann mit den ersten Lehraufträgen ab 1972, mit der Berufung zur Professorin an die Fachhochschule Köln 1978, mit Lehrtätigkeiten an verschiedenen Hochschulen, Akademien und Ausbildungsinstituten, bis zu meiner Emeritierung 2013, d. h. es umspann fünfunddreißig Jahre. Lernen und Lehren, lehrendes Lernen, ist eine Hauptaktivität meines Lebens gewesen – und ist dies noch. Es war mir immer Lebenszeit und Lebensenergie wert.

Eine besondere Form des Lernens, und genauso spannend wie die Arbeit mit Gruppen in der Erwachsenenbildung, war die klinische Ausbildung in Psychotherapie an der Universität. Ich begann meine therapeutische Arbeit auf der Basis von Verhaltenstherapie und Gesprächspsychotherapie, lernte durch Carl Rogers Einfühlung, verwendete Trainingskonzepte der Verhaltenstherapie und war völlig überzeugt von der Humanistischen Psychologie. Die Tiefenpsychologie, gegenüber der ich übernommene akademische Vorurteile hatte, kam erst später dazu, dafür wurde sie dann zur existenziellen Lebensorientierung.

Ich war schon fast zehn Jahre Professorin, als ich zugleich Studentin und Ausbildungskandidatin am C. G. Jung-Institut Zürich wurde – sieben Jahre lang eine interessante Zweigleisigkeit.

Das Lehren und das Planen und Gestalten von Lernsituationen unterschiedlicher Art – Selbsterfahrungsseminare, Workshops, Retreats –  fordert in besonderer Weise immer wieder meine Kreativität heraus: beim Formulieren von Texten, beim Erstellen von Arbeitsmaterialien. Besonders gern arbeite ich mit Gruppen. Es ist mir eine große Freude, die geistigen, emotionalen, intellektuellen Kräfte von Menschen anzusprechen, sie anzuregen, ihre eigene Lebenssituation als Lernmaterial zu nutzen, ihre Erfahrungsschätze mitzuteilen, sie in Gruppensituationen einzubringen, in denen es um gemeinsames Lernen, Verstehen, Erkennen geht – und das auf der Basis all dessen, was die Psychologie den Menschen anzubieten hat.

Mit Begeisterung suche ich nach passenden Symbolen, Geschichten und Textstellen, verknüpfe sie mit Lernaufgaben für Einzelarbeit und den Austausch in kleinen Gruppen. Ich lehre, erzähle, erkläre gern. Es ist eine Freude zu sehen, wie etwas, das mir wichtig ist, wie ein Samenkorn im Geist der Lernenden aufgeht. Es gibt etwas Schöpferisches im Lehren und Lernen: die Entwicklung jedes Einzelnen vor allem in der Begegnung mit C. G. Jung und seinen Texten so anzuregen, dass das Bewusstsein in schöpferischen Kontakt mit dem Unbewussten kommen kann, mit Einsichten in die geheimnisvolle Welt des Seelischen, und so der Individuationsprozess gefördert wird.

Für Jung ist das Schöpferische etwas ganz Entscheidendes. Im Zarathustra-Seminar sagt er: „In creation you are created.“ (C. G. Jung, 1998, S. 653) So kann meine Kreativität im Gestalten von Lernprozessen zu mehr Bewusstheit und Selbsterkenntnis in gemeinsamen Prozessen führen – bei mir selbst und den Lernenden. Diese Art Kreativität, so sagt Verena Kast (2002, S. 24), „ist ein dialogischer Prozess, im Neuen scheint das Alte durch, in der Resonanz zwischen dem Alten und dem Neuen, im Dazwischen, entsteht das Andere, die Entwicklung.“

Sich in ein Thema hineinzuarbeiten, im Medium der Sprache etwas zu gestalten, ist sehr befriedigend, vor allem, wenn die Inspiration spontan zu Hilfe kommt und „es fließt“. Aber manche Schreibphasen sind auch Dürrezeiten, wenn das Geschriebene nicht stimmig werden will, Form, Worte und Sinn nicht zueinander passen und es ein Ringen um die richtigen Worte und ein nächtelanges Brüten an widerspenstigen Texten gibt. Manche Bücher können so durchaus schwierige Schwangerschaften sein, Zeiten geduldigen, langsamen Wachsens von Etwas, bis zum fertigen Buch.

2. Liebe als heilende Kraft: der therapeutische Eros

Ein wesentlicher anderer Teil meiner Identität und beruflichen Arbeit steht unter dem Einfluss eines anderen Archetyps, dem des Heilers/der Heilerin.

Klinische Psychologie und Psychotherapie waren Schwerpunkte meiner psychologischen Ausbildung. Diese waren vor allem die von Carl Rogers entwickelte Gesprächspsychotherapie, Konzepte der Verhaltenstherapie und Ansätze der Humanistischen Psychologie.

Aber was bewirkt Heilung? Was hat sie mit Liebe zu tun? Schon Paracelsus lehrte: „Der höchste Grund der Arznei ist die Liebe.“ Psychotherapie als Heilkunst steht unter der Wirkmacht des Eros – die Liebe ist die entscheidende Heilkraft. Ich kann Psychotherapie auch als eine Art Ritual verstehen, bei dem wir der Urkraft des Lebens selbst die Möglichkeit eröffnen, im therapeutischen Beziehungsraum wirksam zu werden, auf einer tiefen Ebene von Einheit und Verbundenheit.

Ein wesentlicher Teil der psychotherapeutischen Arbeit hat zu tun mit der Lebens- und Liebesfähigkeit eines Menschen. Wenn die Selbstannahme und Selbstliebe gestört und beeinträchtigt sind und ebenso die Beziehungen zu anderen immer wieder leidvoll misslingen, Körper und Seele sich in Symptomen melden, dann suchen Menschen Hilfe in der Psychotherapie.

Frühe Erfahrungen, Enttäuschungen, Bindungsängste, leidvoll erfahrene Ablehnungen und Verletzungen erschweren es Menschen, sich auf ihr Potenzial zu lieben einzulassen, sich selbst anzunehmen, ihr Leben mit seinen Krisen und Anforderungen zu bewältigen.

Überall da, wo es um Heilung und Entwicklung geht, ist die entscheidende Heilkraft die Liebe als therapeutischer Eros. Dieses Thema ist mir auch als Lehranalytikerin in der Ausbildung von Psychotherapeut*innen besonders wichtig. Gehen wir zunächst auf die griechische Bedeutung des Wortes Therapie ein. Das Verb therapeúein bedeutet: dienen, Dienst tun, pflegen, sorgfältig behandeln, aufwarten, begleiten, gut für etwas sorgen. Ein Psychotherapeut, eine Psychotherapeutin ist also ein Mensch, der die Seele pflegt und behandelt und auch ein Weggefährte oder eine Weggefährtin ist.

Die therapeutische Gefährtenschaft ist jeweils etwas sehr Besonderes. Manche Therapien habe ich als einen Kampf mit Patient*innen um ihr Leben, ihr Lebensrecht und ihre Lebensmöglichkeiten erlebt, manche als ein gemeinsames Ringen mit einem Mutterdrachen oder einem Vaterungeheuer im Hintergrund. Manche Passagen in der Begleitung eines Patienten oder einer Klientin waren eher philosophisch-sokratische Gespräche über die rechte Lebenskunst und den Sinn des Lebens, in anderen war es eine Art Flick- und Webearbeit, die verworrenen und abgerissenen Lebensfäden eines Menschen mit ihm zusammen wieder zu ordnen und im Gewebe seines Lebens neu zu verknüpfen, mit alten Wunden so umzugehen, dass etwas verheilen konnte unter bleibenden Narben.

Welche Inhalte auch immer die Zusammenarbeit und die zeitweise Begleitung eines Menschen auf seinem Lebensweg hat, immer wieder auch unter dem Druck von Übertragungen – alles steht unter dem Einfluss von Eros (oder lat. Amor), dem Gott der Liebe.

Der therapeutische Eros ist eine Form der Bezogenheit, die sich auf Seiten des Therapeuten, der Therapeutin als eine fürsorgliche, ermutigende, schützende und Halt gebende Begleitung zeigt. Der Begleiter stellt sich in den Dienst des Selbst des Patienten.

Der therapeutische Eros bestimmt das je förderliche Maß an Nähe und Distanz, an „Holding“ und auch an herausfordernder Konfrontation; er gibt den Raum für Entwicklung und Nachreifung. Ingrid Riedel (1992, S. 28) beschreibt diese Bezogenheit als ein „Mutterfeld“, und es bedeutet für sie: „ein Raum des Seins, einer fraglosen, selbstvergessenen Teilhabe am Leben […], einer Zugehörigkeit, die noch vor allem Leistungsanspruch besteht und die es ermöglicht, die heilenden Lebenskräfte aus dem Unbewußten aufsteigen zu lassen.“

Auf Seiten des Patienten geht es um „das Gefühl eines primären Getragenseins“ (Riedel, 1992, S. 28), darum, einem Menschen zu vertrauen, sich anzuvertrauen. Der therapeutische Eros entsteht im Zwischenraum zwischen Therapeut*in und Patient*in. Von Seiten des Patienten, der Patientin wird er durch das Sich-Einlassen auf die Therapie und die Person des Therapeuten, der Therapeutin ermöglicht – nicht ohne Angst, Ambivalenzen und Widerständigkeit, in einem gewissen „Dennoch will ich’s mit ihr oder ihm versuchen“.

Es wird heute allgemein von den verschiedenen therapeutischen Schulen und Richtungen akzeptiert, dass die therapeutische Beziehung das Herzstück einer Therapie ist.

Die Rolle der Therapeutin ist die der Expertin, die ihr Wissen, ihre professionelle Kompetenz und ihr Erfahrungswissen einbringt und sich engagiert, um Patient*innen bei der Auseinandersetzung mit ihrer Lebensgeschichte, ihrer Lebensgestaltung, ihren Problem- und Konfliktthemen sowie bei ihren weiteren Schritten in Richtung Entwicklung und Reifung zu helfen, die schöpferischen Kräfte der Seele im Sinne des Individuationskonzepts der Analytischen Psychologie wieder in Fluss zu bringen.

Nebenbei: Zu einem guten Therapeuten, einer guten Therapeutin gehört auch die selbstreflexive Achtsamkeit für das eigene Befinden, das Umgehen mit den spezifischen psychischen Belastungen und kommunikativen Anforderungen dieses Berufes, mit Idealisierungen und Entwertungen. Für den Schutz vor Burnout ist die Balance durch ein persönlich erfüllendes Leben wesentlich.

Beide, Therapeut*in und Patient*in, konstruieren die therapeutische Beziehung. Der Therapeut stellt den Raum dafür zur Verfügung. Das Unbewusste und Bewusste von beiden bestimmt und gestaltet die Beziehung.

An zahlreichen Stellen in seinem Gesamtwerk beschäftigt sich Jung mit der Rolle des Arztes bzw. des Psychotherapeuten und seinen Aufgaben und macht Aussagen, die auch heute noch wegweisend sind für die therapeutische Praxis und die Ausbildung im therapeutischen Beruf. So formuliert er (GW 16, § 198): „Jeder Psychotherapeut hat nicht nur seine Methode: er selber ist sie. […] Der große Heilfaktor der Psychotherapie ist die Persönlichkeit des Arztes […].“

An anderer Stelle (GW 18/I, § 518) schreibt er:

„Alles hängt davon ab, ob ich die Sprache des Patienten erlernen kann und dem tastenden Suchen seines Unbewußten nach einem Weg zum Licht zu folgen vermag. Der eine braucht dies, und der andere das Gegenteil davon. Solcher Art sind die Unterschiede zwischen den Individuen.“

Wichtig ist Jung, die Begegnung und die Arbeit mit jedem Menschen wirklich als etwas Neues zu beginnen. So sagt er an dieser Stelle weiter: „Meine im Lauf von sechzig Jahren gesammelte Erfahrung und Menschenkenntnis hat mich gelehrt, jeden einzelnen Fall als ein neues Erlebnis zu betrachten, bei dem es zuallererst darauf ankommt, den individuellen Zugang zu finden.“

Jung hat für die therapeutische Beziehung das Symbol des vas hermeticum aus der Alchemie benutzt und damit darauf hingewiesen, dass in diesem geschlossenen Gefäß beide, Therapeut*in und Patient*in, wesentlich beeinflusst und verändert, regelrecht durchgeschüttelt werden.

Es gibt immer wieder besondere Momente, die das „Geheimnis des Lebens, das zwischen Zweien verborgen ist“ (vgl. Jung, Briefe 3, S. 328), ausmachen können, wo zwei „auf einer Wellenlänge“ sind und der Therapieraum zum temenos, zum heiligen Bezirk wird, in dem sich etwas Heilendes, Heiliges ereignet, spontan und unvorhersehbar, ohne dass es als etwas Großartiges daherkommt.

Wie können wir uns dem Geheimnis des therapeutischen Eros annähern, der transformierenden Kraft der Liebe?

Wir können darum wissen, weil wir es existenziell erfahren, jenseits der Grenzen des Intellekts. In seiner kleinen, noch immer kostbaren Schrift Die Kunst des Liebens hilft Erich Fromm, es vielleicht besser zu verstehen. Fromm (1956, S. 53) schreibt, „daß wir das Geheimnis des Menschen und das des Universums niemals intellektuell begreifen werden, daß wir es jedoch trotzdem im Akt der Liebe erfassen können.“

Und so kann die Psychotherapie als Begleiten und Helfen und Arbeiten an Veränderung und Heilung letztlich als Form der Liebe gesehen werden. Für Erich Fromm ist die Liebe „die letzte Konsequenz der Psychologie“. Er formuliert dies so (Fromm, 1953, S. 53): „Die Psychologie als Wissenschaft hat ihre Grenzen, und wie die logische Konsequenz der Theologie die Mystik ist, so ist die letzte Konsequenz der Psychologie die Liebe.“

3. Sufismus und Weisheit

Im Rückblick auf mein Leben und auf das, was mein Leben bestimmt hat, ist ein drittes Wort unter der Fragestellung nach der Quintessenz bedeutend: Weisheit. Die spirituelle Sehnsucht und Suche hat mich zu einem Weisheitsweg gebracht, der einer der mystischen Unterströmungen der universalen Philosophia perennis ist: zum Sufismus. Für mich wurde der Sufismus in seiner Mystik, Tiefe und Essenz die spirituelle Lebensorientierung, als transkonfessioneller mystischer Weg, in seinen Ausdrucksformen passend ins Spektrum der Spiritualität des 21. Jahrhunderts.

Sufismus ist ein Weg innerer Erfahrung, bei dem es um Herzensöffnung geht, um Bewusstheit und das menschliche Potenzial an Liebesfähigkeit. Er versucht, die Menschen ins Herz zu führen und sie mit Hilfe der Liebe dazu zu bringen, die zu werden, die sie sind. Die Liebe, die in der Meditation geweckt wird, ist die entscheidende transformative Kraft. So sagt Idries Shah (1981, S. 33): „Der Sufismus gründet sich in der Liebe, wirkt durch die Dynamik der Liebe und manifestiert sich durch das ganz gewöhnliche menschliche Leben.“

Die vom Sufismus intendierte Unterstützung eines persönlichen Entwicklungswegs hat mit dem Individuationskonzept der Analytischen Psychologie viele Gemeinsamkeiten: die psychologische Arbeit an Selbsterkenntnis, das Streben nach größerer Bewusstheit, die Ausrichtung auf Göttliches in Immanenz und Transzendenz. In den Sufi-Traditionen wird nicht ein bestimmtes Wissen vermittelt, sondern vor allem Formen des Lernens und der Entwicklung sowie der Zugang zur inneren Stille in verschiedenen Formen der Meditation. Die Zugehörigkeit zu einer spirituellen Gruppe hilft Menschen, ihre religiös-spirituelle Ausrichtung mit anderen zusammen zu entfalten.

Im Sophia-Zentrum in Münster gebe ich seit vielen Jahren weiter, was ich selbst von meiner spirituellen Lehrerin, Irina Tweedie, auf diesem Weg bekommen habe. Das Sophia-Zentrum will einen Raum der Stille anbieten, wo Menschen gemeinsam meditieren und spirituelle Erfahrungen machen können. Es wird dort eine spirituelle Schulung vermittelt, die Menschen zu mehr SELBST-Erkenntnis und Herzensbildung verhilft.

Herzensbildung bedeutet, entsprechend unserer ursprünglichen Natur gütige, warmherzigere Menschen zu werden. Es geht darum, das Herz in seinen Qualitäten der Liebesfähigkeit, des Mitgefühls und der Verantwortung für das Leben zu entwickeln und zu lernen, das Leben selbst als eine Schule der Liebe, der Selbsttransformation und der SELBST-Verwirklichung anzunehmen und zu leben.

Ich verstehe diese Arbeit der Herzensbildung als Ausdruck von Weisheit, wie Menschen sie seit Jahrtausenden gesucht und vermittelt haben und wie sie heute in neuen Formen globaler Spiritualität in Erscheinung tritt.

Das Sophia-Zentrum ist ein Ort, an dem Menschen – unterstützt durch die psychologischen Hilfsmittel unserer Zeit – miteinander neue Wege des ganzheitlichen spirituellen Lernens gehen. Das Ziel ist, sich selbst in einem spirituellen Transformationsprozess zu erfahren, in der Gemeinschaft mit anderen zu wachsen und an sich selbst zu arbeiten.

Das bedeutet auch, einen Lebensstil zu entwickeln, der sich orientiert an unserem Wissen um die heutigen Umweltprobleme, die weltweite Ungerechtigkeit in der Verteilung der Güter dieser Erde und die Folgen verschwenderischen Konsums. Es geht um eine Lebensweise, die bestimmt wird von mitfühlender Verantwortlichkeit und der Bereitschaft, sich für weltweite Veränderungen zu engagieren.

Die Meditationsform ist eine stille Form der Herzensmeditation, sie führt in die innere Stille, ins tiefe Schweigen, dahin, wo die Präsenz des Göttlichen gesucht werden kann: im Herz des Herzens. Es geht darum, im Schweigen das Herz zu öffnen, das Bewusstsein zu leeren und zu weiten, um hinter der Vielfalt der Erscheinungen das immanente und transzendente Göttliche zu erkennen.

Die Meditationsgruppe ist eine spirituelle Gemeinschaft in der Entwicklung. Jede/r lebt frei das eigene Leben – individuell, verantwortlich auf seinem/ihrem Platz in der menschlichen Gemeinschaft.

Als Name und Ausdrucksgestalt für eine solche zeitgemäße Spiritualität steht Sophia, die weibliche Weisheit in Frauen und Männern. Sophia-Spiritualität ist Wissen, Erfahrung und Erkenntnis des Herzens, fühlendes Denken, denkendes Fühlen, Verbundenheit mit allem, in Liebe zu dem EINEN. Sie muss sich zeigen im liebevollen Umgang miteinander, in Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein für alles, was mit uns lebt, in aktiven Formen sozialer, gesellschaftlicher und weltweiter Verantwortung.

Zu den Arbeitsformen der Gruppe in den Retreats, Workshops und Gruppentreffen gehören neben der gemeinsamen Meditation spezifische psychospirituelle Gruppenarbeit mit Träumen, Symbolen und Bildern, Studium von Weisheitstexten der universellen Mystik, meditativer Tanz und Körperübungen wie Yoga und Qi Gong. Dabei ist die spirituelle Arbeit orientiert an den Erkenntnissen der Transpersonalen Psychologie und der Analytischen Psychologie C. G. Jungs, an den Weisheitstraditionen und Erfahrungsschätzen der christlichen Mystik und anderer spiritueller Wege.

Natürlich gehört zu einem spirituellen Weg Übungspraxis, eine regelmäßige Zeit der Einkehr in die eigene Mitte, Zeiten, um durchlässiger zu werden für die inneren Wirklichkeiten. Meditation lässt die innere Wahrnehmungsfähigkeit erwachen, die Intuition – also das, was von innen her Weisheit, Erkennen, Wissen gibt und uns belehrt („Intui-tion is tuition from within“). Für heutige Menschen ist es wichtig, einen spirituellen Weg zu finden, der für sie passend ist, und wenn das Herz dazu Ja sagt, beständig dabei zu bleiben.

Schluss

Erich Neumann (1955, S. 261) hat einmal voller Dankbarkeit über C. G. Jung gesagt, er habe ihm „über drei Jahrzehnte immer neuen Lebensstoff gegeben“ und dass er ihm „wie von höherem Orte her den Mut gegeben hat, sich selber zu sein“.

Mein Dank an C. G. Jung wird durch die Weisheiten und Erkenntnisse geweckt, die ich immer wieder in seinem Gesamtwerk entdecke, einen „lebenslangen Lernstoff“, und der Ausdruck meines Danks besteht darin, mit Freude und Lust anderen Menschen den Weg zu seinen Erkenntnissen zu eröffnen, unsere heutigen Formen von Analytischer Psychologie zu vermitteln.

Über die Autorin

Brigitte Dorst, Prof. Dr. phil., Jahrgang 1947, Münster.

Dipl.-Psychologin, Professorin für Psychologie, Analytische Psychotherapeutin in eigener Praxis, Dozentin, Supervisorin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Stuttgart und Dozentin an den C. G. Jung-Instituten Zürich und München, langjährige 1. Vorsitzende der C. G. Jung-Gesellschaft Köln, bis 2017 wissenschaftliche Leiterin der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V., Leiterin des Sophia-Zentrums für Meditation und Spirituelle Psychologie in Münster.

Homepage: sophia-zentrum.de

Veröffentlichungen (u. a.)

Dorst, B. (2018). Alles beginnt mit Sehnsucht und Suche: Herzensbildung auf dem Sufi-Weg. Ostfildern: Patmos Verlag.

Dorst, B. (2015). Therapeutisches Arbeiten mit Symbolen: Wege in die innere Bilderwelt (2., aktualisierte und erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Dorst, B. (2015). Resilienz: seelische Widerstandskräfte stärken. Ostfildern: Patmos-Verlag.

Sabine Grumann - Umarmung des Lebens

Umarmung des Lebens – „Göttliche Künstler und Künstlerinnen“

 Ich muss noch sehr jung gewesen sein, als etwas in mir bereits begriffen hatte, dass das Leben beides ist: schwer und leicht. Offenbar war es mir bereits in die Wiege gelegt worden. Ich brach in Tränen aus, als mein Hamster plötzlich tot im Käfig lag. Ich konnte nicht verstehen, warum der Zahnarzt mir so weh tun musste. Ich war sprachlos, als meine Großmutter nach schwerer Krankheit verstarb. Es tat mir so leid mitzuerleben, wie traurig meine Mutter darüber war. Gleichzeitig liebte ich es, barfuß und ohne Schirm durch den Sommerregen zu gehen. Ich mochte Eiscreme und Spaghetti über alles und meine Freundinnen und Freunde, meine Geschwister und Eltern. Ich hing an meiner „Rausgeh-Hose“, in die ich bald jeden Tag nach der Schule hinein schlüpfte.

 Schwer und leicht

Die unberechenbaren Wechsel von schwer und leicht machten mir Angst. Und sie ließen eine innere Unruhe in mir entstehen. Ich wusste manchmal nicht, ob ich der Welt eher entfliehen, lieber in meinen Fantasien und Träumen zu Hause sein, oder ob ich gerade und voller Leidenschaft in diese von extremen Schwankungen geprägte Welt hinein tauchen wollte.

Gerne zog ich mich zurück auf einen Quittenbaum, der in einer Streuobstwiese auf der anderen Straßenseite des Hauses stand, in dem ich groß geworden bin. Inmitten seiner golden leuchtenden Äpfel, wie sie in der Antike sowohl mit der Liebesgöttin Aphrodite, als auch mit der Frucht der Erkenntnis in Verbindung gebracht worden sind, konnte ich stundenlang sitzen, in mich hinein spüren und nachdenken. Ich hatte mir vorgenommen, das Rätsel des Lebens zu lösen. Manchmal schaute ich von meinem Platz auf dem Baum aus auch lieber in den weiten Himmel und beobachtete die unterschiedlichen Wolkenformationen, die manchmal schneller, manchmal langsamer dahin zogen. Oder ich schloss die Augen und träumte vor mich hin.

Ich entdeckte bald, dass ich in meinen Träumen und Fantasien die Welt so gestalten konnte, wie ich sie mir ersehnte, nämlich voller Wärme, Licht, Liebe und Geborgenheit, glanzvoller Schönheit. Hierbei wurde ich nicht so schnell und plötzlich erschreckt von den beständigen Wechseln, die bisweilen eine ganz andere Welt zeichneten als die ersehnte. Es gab auch Tage, da schmiedete ich große Pläne, wie ich die Welt retten könnte. Ich wollte vor allem etwas tun gegen die Angst, die mich manchmal beschlich. Denn ich ahnte, dass es den anderen Menschen möglicherweise gar nicht so viel anders erging als mir.

Was konnte ich beitragen, damit die Welt fröhlich und bunt, schön, harmonisch, heil und hell sein würde? Diese Frage erschien mir doch sehr wesentlich, gerade weil mir das Leben neben allem, wozu ich es liebte, immer wieder auch so schwer und traurig, dunkel, widerwärtig und ängstigend, so wechselhaft, widersprüchlich und unberechenbar vorkam.

Ende und Anfang

Manchmal erschien mir die Nacht bedrohlicher als der Tag. Das konnte vorkommen, wenn es im Dunkeln in meinem Zimmer laut knackte und ich nicht wusste, ob es der Schrank war oder irgendjemand ins Zimmer geschlichen kam. Manchmal erschien mir der Tag bedrohlicher als die Nacht. Ich mochte es gar nicht, wenn der eingangs erwähnte Zahnarzt mit seinem großen Bohrer in meinen Mund hinein fuhr und mein ganzer Kopf zu dröhnen begann von dem lauten Bohrgeräusch.

Es konnte auch umgekehrt sein. Manchmal erschien mir die Nacht faszinierender als der Tag. Ich liebte es, wenn alles unscharf wurde, nebulös und geheimnisvoll, wenn klare Konturen in der Dämmerung zu verwischen begannen. Manchmal erschien mir der Tag faszinierender als die Nacht. Es beeindruckte mich, wenn ich dem Buntspecht bei uns hinterm Haus zuschaute und hörte, wie er laut ein Loch in den Stamm des alten Baumes klopfte.

Also beschloss ich, mein Augenmerk künftig auf beide Pole zu lenken. Denn ich ahnte zunehmend, dass die Lösung des Rätsels mit beiden etwas zu tun haben würde. Dass dies in mir zu einer Spannung führen würde, die ich irgendwann kaum mehr auszuhalten schaffte, offenbarte sich mir erst später.

Wo ich Not, Angst und Bedrohung wahrnahm, versuchte ich zu helfen. Ich fühlte und litt mit den Menschen, Tieren, Pflanzen, mit der Erde. Das Schicksal anderer berührte mich, vor allem das Schicksal derer, die mir nahe standen. Ich konnte das Leid der Welt und seinen Sinn nicht wirklich verstehen. Die Antworten, die ich von den „Großen“ bekam, halfen mir kaum weiter. Also versuchte ich, alles Leid, das anderen wie mir selbst widerfuhr, so weit als möglich abzuwenden oder wenigstens zu lindern.

Gleichzeitig ließ ich meiner kreativen Veranlagung zunehmend freien Lauf, ganz besonders, aber bei Weitem nicht nur, der Musik und später dann auch dem Tanz und dem Schreiben. Im schöpferischen Tun erlebte ich einen ganz eigenen Gestaltungsraum, der mir ermöglichte, etwas von meiner Sehnsucht nach Ganzwerdung, nach Schönheit, Liebe und Geborgenheit, nach Frieden und Heil zum Ausdruck zu bringen. Zugleich ermöglichte es mir, meine Ohnmacht, Wut, bisweilen auch Ekligkeit und Ungenießbarkeit, meine Angst und Traurigkeit auszudrücken, die mich manchmal plötzlich beschlichen.

Ich stürzte mich leidenschaftlich mitten ins pure Leben hinein. Denn ich war ein ausgesprochen neugieriger und abenteuerlustiger junger Mensch. Und ich wusste ja schon, dass morgen alles ganz anders sein konnte. Also musste ich heute leben, meinem Forschungsdrang nachgehen und hier und jetzt um so mehr auch die schönen, angenehmen Seiten des Lebens genießen.

Als mein Alter dafür gekommen war, suchte ich nach einem Beruf, in dem ich die verschiedenen Aspekte, die mir nach wie vor wesentlich erschienen, miteinander verbinden und leben konnte. Nur so würde ich im Einklang mit mir sein können. Und Treue gehörte in einer ganz eigenen Weise ebenfalls zu den Dingen, die mir im Leben bedeutsam erschienen. So kam ich durch einige Zufälle und einem grundschulpädagogischen Vorspiel zum Theologiestudium.

Für die Religionen der Welt hatte ich mich schon früh interessiert, insbesondere für ihre mystischen Ausrichtungen. Durch die Wahl blieb ich bei aller Faszination für das Fremde meinen abendländischen Wurzeln ein Stück weit verbunden. An das Theologiestudium schloss sich ein Pädagogikstudium mit Schwerpunkt in der Erwachsenenbildung an. Dahinter verbarg sich u. a. das offene Bedürfnis nach einem weiteren Standbein. Ich wollte mich mit dem Theologiestudium in den jungen Jahren nicht allzu sehr festlegen.

Als Erstberuf ergab sich dann doch ein kirchlicher. Ich wurde Pastoralreferentin. Hierin kristallisierte sich bald mein Schwerpunkt in der Trauer-, Krisen-, Kranken- und Notfallseelsorge heraus. Der andere Pol, an dem ich mich in meinem Beruf schwerpunktmäßig engagierte, waren die Taufkatechese und die Kindergartenpastoral. Beide Pole zeugten von Anfang und Ende. Alle anderen Arbeitsfelder, die in gewissem Sinne dazwischen lagen, machte ich durchaus gerne. Doch sie waren im tiefen Inneren nicht so sehr die meinen.

Umgekehrt beschäftigte ich mich auch mit dem Feld, in dem es kaum noch ein Dazwischen gab, in dem Tod und Leben beinahe ineinander fallen. Es waren die Kinderkrankenseelsorge, insbesondere die Onkologie, die Totgeburten und deren Beerdigungen. Ich blieb fest entschlossen, mich auf meine ganz eigene Weise für Leid und Ungerechtigkeit in der Welt und ihre Überwindung einsetzen zu wollen. In einem Elfenbeinturm oder Luftschloss wollte ich nicht leben. Vielmehr wollte ich die Welt verbessern und erneuern.

Neben meinem sozialen und pastoralen Engagement und dem mit ihm verbundenen Aufbau verschiedener Projekte bewegte mich die spirituelle Begleitung von Menschen. Ich fühlte eine besondere Nähe zu allen Menschen, die offenbar ähnlich wie ich das Geheimnis des Lebens zu ergründen suchten. Ich mochte es, einen offenen Raum entstehen zu lassen zwischen Menschen, in dem alle Fragen, Ahnungen, Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste, Traurigkeiten, Schmerzen, Enttäuschungen, Erfolg und Scheitern, aller Groll, Widerwärtigkeiten, Gemeinheiten, Licht und Dunkel lebendig werden durften.

Noch viel mehr mochte ich es, wenn in dem offenen Beziehungsraum plötzlich etwas aufzuleuchten begann, das bis zum Schluss irgendwie verhüllt blieb und zugleich von großer Klarheit war. Es kam mir in solchen Momenten vor, als ob ganz plötzlich die Antwort auf alles Fragen, Suchen und Sehnen da war und doch unaussprechlich blieb. Ein Zwischenraum war geheimnisvoll entstanden, in dem Ende und Anfang, Tod und Leben, Leichtes und Schweres, Licht und Dunkel, die Welt der Sehnsüchte und Träume wie die nackte Realität sich kurzzeitig zu berühren, gewissermaßen eins zu werden schienen. Derartige Momente erinnerten mich an Martin Bubers Worte, dass alles wirkliche Leben Begegnung sei.

Ich erlebte solche Momente des öfteren in der intensiven Begegnung mit einzelnen Menschen wie in Gruppen, in der Begegnung mit Tieren und Pflanzen, der Natur, im Rahmen kultureller Veranstaltungen, im eigenen kreativen und geistigen Erschaffen, in „heiligen Räumen“, wenn ich mich auf sie einlassen konnte, in der Stille. Kaum versuchte ich diese Augenblicke zu greifen und festzuhalten, waren sie auch schon entschwunden. Was blieb, war einzig, aber doch die Erinnerung.

Da-zwischen-sein

Versuchte ich ihren Klängen zu lauschen, kam es mir vor, als hörte ich lauter Töne, Rufe, die aus dem Dazwischen zu mir sprachen, mein innerstes Wesen berührten. Es war, als riefen sie mir in unterschiedlicher Lautstärke, Tonhöhe und Geschwindigkeit zu. Ich fühlte mich angesprochen und gemeint.

Und mir kamen Worte in den Sinn, die dem Dichter Franz Werfel zugeschrieben werden. Ihre genaue Textquelle kenne ich nicht. In ihnen beschrieb er den Menschen als eine Melodie: „Jeder Mensch ist eine Melodie. Lieben heißt: sie innehaben. Ich bin für dich, du bist für mich ein Lied.“

Mir schien, als ob meine Existenz auf dieser Erde etwas mit dem Dazwischen zu tun haben musste. In dieser Zeit verstärkte sich mein Interesse an C. G. Jung und der Analytischen Psychologie. Ich fühlte mich angesprochen von seiner Äußerung bezüglich seiner Briefe, dass das lebendige Geheimnis des Lebens immer zwischen Zweien verborgen liege. Es drängte mich zunehmend, für mich klären zu wollen, ob das, was Jung mit dem Gewinnen einer symbolischen Haltung zum Leben meinte, etwas mit dem zu tun haben könnte, was ich da immer wieder auch spürte.

Bisher war mir das Dazwischen allerdings oft leer und hohl erschienen. Mein äußeres, zum Teil auch inneres Leben spielte sich vorwiegend an den Polen ab, an den Grenzen. Die Mitte war, bis auf eben die Momente, in denen sie im Kontext unterschiedlichster Arten von Begegnung plötzlich aufzuleuchten schien, mehr oder weniger brach liegen geblieben. In meinem Eifer war ich ständig damit beschäftigt gewesen, sie zu überspringen, um rechtzeitig wieder am anderen Pol anzukommen. Ich fühlte mich getrieben von etwas, von dem ich nicht wusste, was es war, und war besorgt, mir würde die Zeit nicht reichen für alles, was es für mich noch zu tun gab in der Welt und was ich noch in Erfahrung bringen und leben wollte. Die Mitte, die Leere, die Stille wagte ich in Bewusstheit kaum zu betreten.

Eines Tages kam sie von sich aus auf mich zu. Es war nicht mehr die Not der anderen, sondern meine eigene, die in der Gestalt einer schweren Erkrankung plötzlich hervorbrach und mich von einem Tag auf den anderen ohnmächtig, hilf- und wehrlos werden ließ. Nackte Angst brach aus mir hervor. Für die großen Sprünge von einem Pol zum anderen blieb keine Kraft mehr. Was, wenn es das war? Wenn es hier und jetzt zu Ende gehen würde? Wenn des Rätsels Lösung der dunkle Abgrund, das Nichts nur wäre? Wer war ich denn wirklich? Was war meine Aufgabe? Hatte ich sie gelebt oder hatte ich mein Leben lang an ihr vorbei gelebt? Hatte ich mich genug eingesetzt für diese Welt? Oder hatte ich mich von meinem Abenteuer- und Forschungsdrang, meiner Genusssucht und meinen egozentrischen Interessen zu sehr leiten lassen? Wer oder was war überhaupt die Welt? Inwiefern hing ich mit ihr zusammen? Wie war sie mir gegenüber gestimmt? Was war das Leben, was der Tod? Wo war mein Zuhause? Alle meine Fragen waren wieder da, diesmal nackter und schreiender denn je.

Mir kam es vor, als brach alles in mir und ich selbst unter der Last des Lebens zusammen. Es erschien mir, als ob ich mir mit einem Mal zu viel geworden wäre, zu maßlos, zu anstrengend. Die Freude wich aus meinen Gliedern. Lebensliebe und Lebenskraft zogen sich zurück. Übrig blieb ein kraftloser, gesundheitlich stark angeschlagener Körper, der dringender Aufmerksamkeit, Sorge und Pflege bedurfte.