12,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 12,99 €
Genie, Getriebener, Liebender: »Raffael - Das Lächeln der Madonna« ist der große historische Roman über Raffael Sanzio, der einer der bedeutendsten Maler der Renaissance war und letztes Jahr sein 500-jähriges Jubiläum feierte. Raffael Sanzio gilt schon mit zwanzig Jahren als neuer Stern am Himmel der Renaissance. Doch es sind unruhige Zeiten in den italienischen Stadtstaaten. Der Maler führt ein rastloses Leben, lernt Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci kennen, verliebt sich in die junge Bäckerin Margherita Luti und ist doch ständig auf der Flucht vor den Mächtigen. Als Papst Julius II. ihn nach Rom ruft, um seine Gemächer neu zu gestalten, verstrickt Raffael sich immer tiefer in die Machtkämpfe einer der blutigsten, spannendsten und faszinierendsten Epochen der europäischen Geschichte. »Noah Martins opulentes Renaissance-Epos hat alles, was ein historischer Roman braucht: faszinierende Figuren, eine packende Handlung und akribisch recherchierte Fakten. Ein sensationelles Debüt – und ein Muss für alle Liebhaber des Genres!« Daniel Wolf
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 834
Veröffentlichungsjahr: 2020
Noah Martin
Historischer Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Raffael Sanzio gilt schon mit zwanzig Jahren als neuer Stern am Himmel der Renaissance. In Rom, dem Zentrum der Welt, malt er für Kardinäle, Könige und den Papst; er wird Baumeister des Petersdoms und verstrickt sich immer tiefer in die Machtkämpfe einer der blutigsten, spannendsten und faszinierendsten Epochen der europäischen Geschichte. Raffael ist mit der Tochter eines mächtigen Mannes verlobt, heiratet aber nie. Sein persönlichstes – und skandalträchtigstes – Bild zeigt eine andere, nackt. Ihr Name ist Margherita Luti.
Karte
Widmung
Dramatis personae
Teil 1
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Teil 2
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Epilog
Nachwort
Danksagung
Für meine Familie –
die, die ich immer schon hatte,
und die, die ich gefunden habe
(historische Personen sind mit einem * gekennzeichnet)
*Raffael Sanzio, Maler
*Giovanni Sanzio, Raffaels Vater
*Bernardina Sanzio, Raffaels Stiefmutter
*Bartolomeo Sanzio, ein Geistlicher, Raffaels Onkel
Fra Michele, ein Laienbruder der Dominikaner
Daniele Brandi, Novize in Diensten Fra Micheles
*Evangelista da Pian, Maler aus Meleto, Schüler Giovanni Sanzios
*Timoteo Viti, Maler, Raffaels Vormund
*Guidobaldo da Montefeltro, Herzog von Urbino
*Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino
*Giampietro Arrivabene, Erzbischof von Urbino
*Ludovico Odassio, Gelehrter am Hof der Montefeltro
Flavio Fizzoni, ein Schüler Odassios
*Fabrizio Fizzoni, ehemaliger condottiere, im Dienst des Herzogs
Andrea da Pesaro, Jagdhüter des Herzogs
Gabriel, Anna und Sofia, Bauern aus Canveccia
*Cesare Borgia, Sohn und Heerführer Papst Alexanders VI.
*Vitellozzo Vitelli, Söldnerführer in Diensten Cesare Borgias
Lucca – Vitellis Adjutant
*Paolo Orsini und *Yves d’Allègre, Hauptleute in der Armee Cesare Borgias
*Pietro Vannucci, genannt Perugino, Maler und Maestro einer großen Werkstatt
Francesco und Giordano, Lehrlinge Peruginos
*Bernardino di Betto, Maler undMitarbeiter Peruginos
*Margherita Luti, Bäckerin
Matteo Luti, Küfnerlehrling, Margheritas Bruder
*Francesco Luti, Margheritas Vater
*Guidocciound*Giacomo Cozzarelli, Handwerker
*Pandolfo Petrucci, Regent Sienas
*Aurelia Borghese, Pandolfos Frau
*Borghese und *Flavio Petrucci, Söhne von Pandolfo und Aurelia
Piero Petrucci, Richter, Bruder Pandolfo Petruccis
Alessandro Petrucci, Margheritas Sohn
Flavio und Alessandra, Nachbarn der Lutis in der contrada della Lupa
Fra Severin und Fra Cione, Mönche im Ospedale
Emilia Folli, Tochter eines Küfnermeisters in der contrada dell’Istrice
Paolo, ein Müllergeselle
*Sebastiano Luciani, Musiker und Maler
Safiye, maurische Sklavin, Sebastianos Mutter
Luciano Luciani, Geschäftsmann, Sebastianos Vater
Niccolò Grimani und Livio Contarini, Söhne venezianischer Patrizier
*Pietro Bembo, venezianischer Patrizier und Gelehrter
*Agnolo Doni, Tuchhändler
*Maddalena Strozzi, Agnolos Frau
*Piero Soderini,Staatsmann
*Leonardo da Vinci, Künstler und Universalgelehrter
*Gian Giacomo Caprotti, genannt Salai, Schüler Leonardos
*Michelangelo Buonarroti, Maler, Architekt und Bildhauer
Laura Salviati, Patriziertochter, Modell Raffaels
*Rodrigo Borgia, Papst Alexander VI.
*Giuliano della Rovere, Papst Julius II.
*Giovanni de’ Medici, Papst Leo X.
*Bernardo Dovizi, Kirchenfürst aus Bibbiena
*Giovanni Battista Orsini, Kardinal
*Alessandro Farnese, *Raffaele Riario, *Giovanni Colonna, *Domenico Grimani, *Giulio de’ Medici, *Georges d’Amboise, Kardinäle
*Paris de Grassis, päpstlicher Zeremonienmeister.
*Felice della Rovere, Tochter von Giuliano della Rovere und Lucrezia Normanni
*Maria Dovizi, Nichte Bernardo Dovizis
*Michelotto, Gefolgsmann Cesare Borgias
*Donato Bramante, Architekt aus Urbino, Förderer Raffaels
Claudio Ganzoli, *Giulio Romano und *Gianfrancesco Penni
Schüler Raffaels
*Agostino Chigi, Bankier
*Francesca Ordeaschi, Kaufmannstochter aus Venedig, Partnerin von Agostino Chigi
*Albinia, Kurtisane
*Fernando d’Ávalos, Kommandant der spanischen Reiterei
*Ramón de Cardona, spanischer Vizekönig von Neapel
*Fabrizio Colonna, Heerführer der päpstlichen Kavallerie
*Pedro Navarro, Kommandant der spanischen Infanterie
Nando, ein spanischer Soldat
*Niccolò Machiavelli, Florentiner Politiker und Schriftsteller
Felipe Alvarez Sanchez, Abgesandter des Vizekönigs von Neapel
*Gabriel de Guzmán, Kommandant der spanischen Festung Medina del Campo
*Oliverotto di Fermo, Söldner in Diensten Cesare Borgias
*Baldassare Castiglione, Botschafter des Herzogs von Urbino in Rom und Schriftsteller
*Marcantonio Raimondi, Kupferstecher und Geschäftsmann
Ein Hinweis zur Schreibweise:
Raffael ist hauptsächlich unter seinem Vornamen bekannt, der in jeder Sprache leicht anders geschrieben wird. Im Italienischen lautet der Name Raffaello Sanzio, auf Deutsch wurde daraus oft Raffael Santi.
Da ich ansonsten die italienischen Namen und Schreibweisen verwendet habe, habe ich mich entschieden, auch bei Raffael bei dem italienischen Nachnamen zu bleiben.
Urbino, August 1494
Jetzt sehen wir die Dinge noch unvollkommen, wie in einem trüben Spiegel, einmal aber werden wir alles in völliger Klarheit erkennen.
Als er zu den Hügeln um Urbino hinüberblickte, die die flirrende Hitze wie ein Zerrbild erscheinen ließ, dachte Daniele an den Korinthervers, den er am Morgen gelesen hatte.
Der Tag des heiligen Ignatius war der bisher heißeste in einem ohnehin zu trockenen Sommer, und obwohl die Glocken des Klosters Santa Chiara bereits zur Vesper läuteten, hatte die Glut des Tages bisher kaum nachgelassen. Wer es sich leisten konnte, hatte sich längst in schattige Innenhöfe und abgedunkelte Räume zurückgezogen. Und wer gezwungen war, sein Haus zu verlassen, bewegte sich so langsam wie möglich, um jede überflüssige Anstrengung zu vermeiden.
Danieles Meister, Fra Michele, hatte den ganzen Tag über das Haus verschlossen gehalten, um die Sonne auszusperren. Doch nun standen Türen und Fenster weit auf, um die kühle Abendbrise hereinzulassen, die hoffentlich bald von den Hängen des Apennin herabwehen würde. Daniele hegte die Hoffnung, dass mit dem Glockenläuten nicht nur das Tagwerk der Klosterschwestern, sondern auch sein eigenes getan wäre, und träumte bereits davon, ein kühles Bad im Bach zu nehmen.
Auf der Straße vor dem Haus führte ein alter Mann zwei mit Körben beladene Esel die steile Straße hinunter. Vermutlich ein Bauer aus der Umgebung, der heute seine Ware zum Markt gebracht hatte, dachte er. Die Felder rings um Urbino waren fruchtbar und ernährten ihre Besitzer gut; Danieles eigene Familie baute unweit der Stadt Wein an und lieferte den Verdicco fassweise an die Tavernen.
Die Esel ließen die Köpfe hängen und trotteten müde und unwillig hinter ihrem Führer her.
Umso mehr fiel Daniele ein Junge auf, der flink die staubige Straße hinauflief.
»Heilige Muttergottes, heute brennt die Sonne ja schlimmer denn je«, knurrte Fra Michele, der sich neben seinen Schüler gestellt hatte. »Bei dem Wetter gehen die Alten und Kranken noch schneller vor die Hunde als sonst. Wir können uns auf einen langen Tag einstellen.«
Fra Michele war ein Laienbruder vom Orden der Dominikaner und tat in Urbino das Werk des Herrn. Dazu gehörte es auch, den Kranken und den Sterbenden beizustehen. Der Junge, der sie nun fast erreicht hatte, kam vermutlich, um Fra Michele zu einem Patienten zu holen.
Er hatte zerschlissene Sandalen an den Füßen und trug ein braunes Hemd, darüber einen Kittel, und als er näher kam, waren darauf feine Farbspritzer zu erkennen. Daniele vermutete, dass er kaum älter war als er selbst, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre.
»Fra Michele«, rief der Junge außer Atem, als er sah, dass die Tür zum Haus offen stand. »Bitte, Ihr müsst sofort mit mir kommen.«
Daniele wusste, dass sein Meister nicht allzu wohlwollend reagierte, wenn man ihn zu etwas nötigen wollte, und war deshalb nicht überrascht, als dieser den Jungen anfuhr: »Muss ich das sofort, stupido? Oder willst du mir zuerst sagen, zu wem du mich rufen willst, damit ich die richtige Arznei einpacken kann?«
Der Junge blickte Fra Michele aus großen Augen an. Der Laienbruder überragte die meisten Menschen um Haupteslänge und musste sich schon seit geraumer Zeit keine Tonsur mehr scheren, da sein Kopf völlig kahl war. Seine Gestalt konnte zusammen mit dem durchdringenden Blick recht einschüchternd wirken.
»Ich … ich«, stammelte der Junge, doch dann schlug er demütig die Augen nieder und trug sein Anliegen in einer angemesseneren Form vor. »Es ist mein Herr, Messere Sanzio«, sagte er, und es fiel ihm sichtlich schwer, ausreichend Luft zu holen, um zu atmen und zu sprechen. »Das Fieber, das ihn plagt, ist zurückgekommen, und seit dem Nachmittag ist er nicht mehr klar im Kopf und so heiß wie der Herd in unserer Küche.«
Fra Michele nickte bedächtig. Anteilnahme zeigte sich auf seinen Zügen. »Giovanni, eh?«, murmelte er. »Warte hier. Ich komme gleich.«
Er verschwand im Haus und begann, seine Kräuter, Tinkturen und Apparate zu durchstöbern. Wenige Augenblicke später war er wieder da, mit einer abgewetzten Ledertasche in der Hand, die er Daniele übergab. »Hier, nimm den Rucksack und komm. Trödel nicht.«
Daniele dachte für einen Augenblick wehmütig an das kühle Bad, das er eigentlich hatte nehmen wollen, bevor Meister Sanzios Gehilfe erschienen war, schob den Gedanken daran aber gleich reumütig zur Seite. Herr Jesu, verzeih mir meine Selbstsucht.
»Er hat sich das Fieber im letzten Jahr aus Mantua mitgebracht«, erklärte sein Meister, während sie eilig die Straße hinabliefen. »Und er hat sich nicht mehr richtig davon erholt. Bisher war jeder Anfall schlimmer als der letzte, sodass ich wenig Hoffnung habe. Weiß der Herzog schon von Messere Sanzios Zustand?« Der Junge schüttelte jedoch nur den Kopf, vermutlich, weil er noch immer außer Atem war.
Da Meister Sanzio in Urbino ein bekannter Mann war, wusste Daniele natürlich, dass er eine Werkstatt leitete, die ganz der Unterhaltung des jungen Herzogs Guidobaldo da Montefeltro diente. Sanzio malte für den Herzog und plante dessen Festlichkeiten, aber Daniele hatte nicht gewusst, dass er dem Herrn der Stadt so nahestand – oder dass er schwer krank war.
Zwei Jahre waren vergangen, seit Danieles Eltern ihn als Lehrling in Fra Micheles Obhut gegeben hatten, damit er von ihm genügend lernte, um später ein Priesterseminar zu besuchen. Er hatte vier ältere Brüder und daher keine Aussicht, das Weingut seiner Eltern zu übernehmen. In dieser Zeit hatte Danieles Meister ihn zwar oft zu seinen Patienten mitgenommen, genauso oft hatte er aber auch darauf bestanden, dass er im Haus blieb und seine Studien vorantrieb.
Nach einem kurzen Stück Weg verbreiterte sich die Straße zu einem Platz, an dem zur Linken die Kirche San Domenico und zur Rechten der Palast lag, dessen Mauern so hoch waren, dass sie einen Gutteil des Platzes in wohltuenden Schatten hüllten. Der Vater des jetzigen Herzogs hatte den prächtigen Palazzo errichten lassen, aber seit seinem Tod war daran nicht weitergebaut worden. In den höheren Stockwerken konnte man erkennen, dass die zierlichen Fensterbögen noch nicht vollendet waren. Die beiden Türme, die zur anderen Talseite zeigten, verkündeten aber schon den Ruhm der Familie Montefeltro. Fra Michele hatte Daniele erzählt, dass alle Fürsten der Marken die Stadt Urbino um den großartigen Bau beneideten. Von hier aus ging die Straße nur noch ein kurzes Stück bergab, um dann wieder steil anzusteigen.
Schließlich erreichten sie ein dreistöckiges Bürgerhaus. Obwohl sie keinen weiten Weg zurückgelegt hatten, lief Daniele der Schweiß den Rücken hinab, und er war ebenso außer Atem wie der Bote zuvor. Zwei Holztüren führten ins Innere des Hauses; eine kleine, die der Botenjunge nun öffnete, und ein breites Tor, das bereits halb offen stand. Daniele erhaschte einen Blick auf Holzrahmen, Staffeleien und bemalte Leinwände, die bottega von Maestro Sanzio.
Über eine enge Treppe gelangten sie ins erste Stockwerk und von dort in die Küche, in der ein großer Eichentisch und Stühle standen. Durch ein Fenster strömte frische Luft in den Raum, die jedoch von einer offenen Feuerstelle wieder erwärmt wurde. Vielleicht ein Dutzend Jungen und junge Männer hatte sich hier versammelt; sie saßen am Tisch oder unterhielten sich im Stehen miteinander. Zwei Mägde liefen zwischen ihnen umher und verteilten Suppe, Brot und Wein. Als Daniele und Fra Michele eintraten, verstummten alle Gespräche, und man sah sie überrascht an.
»Wo ist Messere da Pian?«, fragte der Junge, der sie hergeführt hatte, und ein Knabe von vielleicht zehn Jahren antwortete: »Er ist nach oben gegangen.« Der Junge führte sie auf einen Hof, auf dem sich ein in Stein gefasster Brunnen befand. Auf der anderen Seite führte eine offene Tür in den hinteren Teil des Gebäudes, wo sie schließlich ein Schlafgemach erreichten – das Krankenzimmer. An der Wand entdeckte Daniele eine große Truhe und einen geschnitzten Betstuhl, sonst gab es hier keine Möbel. Die Fensterläden waren verschlossen, die Luft war schal und stickig.
Der Patient lag in einem reich verzierten Bett. Dessen Vorhänge waren auf allen Seiten zurückgezogen und gaben den Blick auf einen etwa fünfzigjährigen Mann frei. Giovanni Sanzio war wohl einmal von beeindruckender Statur gewesen; jetzt wirkte er ausgemergelt. Sein Gesicht war eingefallen, schwere Tränensäcke lagen unter seinen Augen. Graues Haar hing ihm wirr ins Gesicht, und sein Atem klang rasselnd. Von seinem Körper stieg ein stechender Geruch nach Schweiß und Urin auf. Es lag auf der Hand, dass der Mann an schwerem Siechtum litt.
Bei ihm waren eine junge Frau, die ein dunkelgrünes Kleid trug und ihr Haar unter einer ebensolchen Haube verborgen hatte, und ein hagerer Bursche mit einem lichten, krausen Bart. Außerdem entdeckte Daniele zu seiner Überraschung Vater Bartolomeo von San Donato, einen untersetzten Priester, den er von Besuchen des Gottesdienstes mit seinen Eltern kannte, die zu dessen kleiner Gemeinde gehörten.
Fra Michele begrüßte die Anwesenden, die ohne Umstände vom Bett zurückwichen, um Platz zu machen. Der Junge, der sie hergebracht hatte, verließ auf einen Wink der Frau hin eilig den Raum. Der Laienbruder beugte sich über den Mann im Bett. Er legte ihm eine Hand auf die Stirn, schob die Augenlider hinauf und blickte in die Pupillen. Schließlich hob er eine wachsbleiche Hand von der schweißfeuchten Decke, die schlaff zwischen seinen Fingern hing.
»Giovanni«, sagte er dann »Giovanni, kannst du mich hören?«
Aber der Angesprochene reagierte nicht.
»Wie lange ist er schon in diesem Zustand?«, fragte Fra Michele die Umstehenden.
»Heute Morgen hatte er schon hohes Fieber«, antwortete ihm die Frau. »Und dann haben sich seine Gedanken verwirrt. Und jetzt antwortet er gar nicht mehr!« Den letzten Satz brachte sie in einem beinahe anklagenden Ton hervor.
Fra Michele streckte die Hand aus, und Daniele reichte ihm seine Tasche. Er nahm zwei Dinge heraus: eine Schüssel und ein eisernes Instrument von einem Handspann Länge, an dessen Seite sich eine Klinge befand. Die Schüssel reichte er Daniele. »Halt still«, ordnete er an, und Daniele hielt die Schale, so ruhig er konnte, unter den Arm des Patienten, während sein Meister die Klinge an der Vene ansetzte und sie mit einem kräftigen Schlag durch die Haut trieb.
Rasch ergoss sich ein Schwall roten Blutes über den Arm, den Daniele mit der Schüssel auffing. Giovanni Sanzio gab ein Stöhnen von sich, zeigte aber sonst keine Reaktion.
»Ich fürchte, dass es mit ihm zu Ende geht«, sagte Fra Michele mit Bedauern in der Stimme. »Aber vielleicht fließt genügend schlechtes Blut ab, damit er noch einmal aufwacht; das liegt ganz bei Gott.« Er wandte sich an Vater Bartolomeo: »Würdet Ihr ihm die Sakramente spenden?«, fragte er.
Der Priester schluckte. Seine Finger strichen nervös über den hölzernen Rosenkranz, den er in der rechten Hand hielt. »Mein Bruder soll die Letzte Ölung von mir empfangen«, antwortete er schließlich. »Wenn es so weit ist.«
Erst jetzt fiel Daniele auf, dass es zwischen dem ausgezehrten Mann im Bett und dem Priester trotz der unterschiedlichen Leibesfülle tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit gab, die er zuvor nicht bemerkt hatte.
Im Gesicht der jungen Frau sah man Trauer, aber da war auch noch ein anderer, ein harter Zug um ihren Mund. »Dann sollte ich wohl Elisabetta holen.«
Vater Bartolomeo drehte sich zu ihr um. »Vor allem solltest du den Jungen holen, Bernardina. Er ist wenigstens schon alt genug, um zu begreifen, was mit Giovanni geschieht. Anders als die kleine Elisabetta.«
Der bittere Zug um ihren Mund verstärkte sich noch. Es schien, als wolle sie etwas erwidern, aber dann nickte sie nur und verließ den Raum.
Mittlerweile hatte sich die Schüssel mit dem Blut beinahe vollständig gefüllt. Fra Michele nahm das Flebotomum vom Arm des Patienten.
Der hagere Mann mit dem krausen Bart, der bislang stumm geblieben war, trat vom Bett zurück, ging zu einem der Fenster und schlug die Läden zurück. »Es ist ein wenig abgekühlt«, stellte er mit einer erstaunlich tiefen Stimme fest, und öffnete dann auch das zweite Fenster.
Ob es am Aderlass oder an der frischen Luft lag, jedenfalls kehrte ein wenig Leben in den geschundenen Körper von Giovanni Sanzio zurück. Er stöhnte erneut und schlug die Augen auf. Sein Blick wanderte von einem zum anderen, doch er schien niemanden zu erkennen.
Auf der Treppe erklangen Schritte, und dann kam Bernardina zurück. Sie trug ein Kleinkind auf dem Arm, das in eine bestickte Decke gehüllt war.
»Wo ist Raffael?«, fragte Vater Bartolomeo streng, als sie den Raum betrat.
»Ich konnte den Jungen nicht finden«, gab sie mürrisch zurück.
»Himmel, Bernardina! Dein Mann liegt auf dem Sterbebett. Kannst du nicht einmal heute deine Abneigung gegen seinen Sohn verbergen?«
Die Frau presste die Lippen aufeinander, schwieg aber.
»Wir lassen Euch allein«, entschied Fra Michele und nickte Daniele zu.
»Ich werde ebenfalls gehen«, sagte der Hagere und schloss sich ihnen an, als sie den Raum verließen.
»Ich bin Evangelista da Pian«, stellte sich der Mann vor, als sie den Treppenabsatz erreichten. Obwohl er gewiss kaum älter als dreißig sein konnte, war sein dunkelblondes Haar bereits ebenso schütter wie sein Bart. »Ich bin Maestro Sanzios Stellvertreter und beaufsichtige die Lehrlinge in der Werkstatt.«
Fra Michele nickte freundlich. Da Pian ließ ihnen auf der Treppe den Vortritt. »Es ist eine Schande«, sagte er mit belegter Stimme. »Wenn Giovanni wirklich stirbt, was soll dann aus der Werkstatt werden?«
»Das wird sich finden«, entgegnete Danieles Meister. »Vertraut darauf, dass Euch der Herr in dieser Stunde beisteht. Und Vater Bartolomeo ist ein tüchtiger Mann; er wird sich gewiss um Giovannis Erbe kümmern.«
»Vater Bartolomeo ist wirklich ein guter Mann, aber er und Meister Sanzios Weib sind sich spinnefeind. Sie hat kein Herz für die Lehrlinge und wäre sicher froh, die Werkstatt vom Hals zu haben.«
»Und was ist mit Giovannis Jungen? Mit Raffael?«
»Den hasst sie noch mehr als die Werkstatt, glaubt mir. Auch wenn Magia Ciarla schon lange unter der Erde liegt, hat Bernardina nie ein gutes Wort über Giovannis erste Frau verloren. Und der Junge steht zwischen ihr und dem Erbe.«
Fra Michele schüttelte bedächtig den Kopf, als könne er nicht verstehen, was da Pian ihm schilderte.
Sie traten in den Hof hinaus, der mittlerweile vollständig im Schatten lag. Aus dem geöffneten Küchenfenster drang das leise Gemurmel der Lehrlinge.
»Wollt Ihr mich begleiten und noch einen Becher Wein trinken?«, bot da Pian an. »Dann kann ich Euch auch für Eure Mühen entlohnen.«
»Dank Euch«, antwortete Fra Michele, dann wandte er sich an Daniele, der noch immer die Schüssel mit dem Blut in der Hand hielt. »Leer die Schale draußen aus, und mach sie sauber, ja?« Er öffnete den Rucksack und gab seinem Lehrling den Lappen, in den er die Geräte für den Aderlass einzuwickeln pflegte. »Und dann komm ins Haus.«
Daniele nickte und tauchte eine Ecke des Tuchs in den Brunnen. Dann ging er die Treppe hinunter nach draußen, wo er den Inhalt der Schüssel auf das staubverkrustete Straßenpflaster goss. Das dunkelrote Blut mischte sich mit dem Dreck, bildete ein rotes Rinnsal. Es rann schwerfällig um die Kiesel und versickerte dann in den Fugen zwischen den Steinen.
Eigentlich hätte er nun zu seinem Meister und da Pian in die Küche gehen sollen, doch die halb offene Werkstatttür erregte seine Neugier. Unschlüssig biss er sich auf die Lippe, aber die Untugend war stärker als sein Gehorsam. Nur einen kurzen Blick, versuchte er sich selbst zu überzeugen.
Daniele ließ die Schüssel und den Lappen auf der Schwelle der Haustür stehen und ging zu dem angrenzenden Gebäude. Darin herrschte Dämmerlicht. Tagsüber war es in dem großen Raum gewiss sehr hell. Vor einem der großen Fenster stand ein gewaltiges Tafelbild, auf dem bereits die Umrisse des gekreuzigten Christus zu erkennen waren. Zu seinen Füßen saßen zwei Frauen, unzweifelhaft Maria und Maria Magdalena.
Neben dem Tafelbild stand ein Schemel, und darauf saß ein zierlicher Junge. Er war höchstens ein oder zwei Jahre jünger als Daniele. Unter einer Samtkappe fielen ihm dunkle Haare auf die Schultern, und als Daniele die Werkstatt betrat, starrte er ihn aus großen Augen an, die in dem schwindenden Licht beinahe schwarz wirkten.
»Du bist Raffael, oder?«, fragte Daniele leise.
Er nickte.
Daniele räusperte sich. »Mein Meister sagt, dass es deinem Vater sehr schlecht geht. Sie haben schon nach dir gesucht.«
Der Junge senkte den Blick und schluckte, bevor er antwortete. »Ich weiß. Aber ich will nicht zu ihm gehen.«
Verblüfft sah Daniele den Jungen an. »Wieso?«
»Ich habe Angst«, sagte dieser, fast flüsternd. »Vor dem kranken Mann, der er jetzt ist. Und davor, dass er nie mehr sein wird wie früher.«
Für dich wird wohl gar nichts mehr sein wie früher, dachte Daniele. Aber noch bevor er etwas antworten konnte, wurden sie unterbrochen.
»Raffael? Raffaelino?«
Vom Eingang der Werkstatt her erklang eine Stimme, und einen Augenblick darauf erschien die Gestalt von Vater Bartolomeo in der Tür.
»Ich wusste doch, dass ich dich hier finden würde.«
Als er Daniele sah, runzelte er die Stirn und warf ihm einen prüfenden Blick zu, sagte aber nichts.
Raffael legte etwas auf den Schemel und ging auf seinen Onkel zu. Dieser umschloss die Schulter des Jungen mit einem festen Griff. »Komm jetzt«, sagte Bartolomeo. »Du musst dich von deinem Vater verabschieden.« Damit gingen beide zur Tür hinaus.
Auf dem Schemel, auf dem der Junge gesessen hatte, lag ein Kohlestift, den er wohl eben dorthin gelegt hatte. Daneben lag auf einem Brett ein Stück Papier. Darauf war die Zeichnung eines Mannes zu sehen, Kopf und Oberkörper. Es war eindeutig Giovanni Sanzio, aber nicht der Mann, den er noch vor Kurzem gesehen hatte, sondern so, wie er gewesen sein musste, bevor ihn das Fieber befallen hatte. Ein kräftiger Mann mit dunklem Haar und Falten um die Augen und mit vollen Lippen, die sich zu einem Lächeln kräuselten.
Das Bild war von erstaunlicher Kunstfertigkeit, und der Mann darauf wirkte ganz und gar lebensecht. Daniele fragte sich erstaunt, ob der Junge es allein angefertigt hatte. Er selbst konnte kaum ein Haus zeichnen oder eine Blume.
Er wusste selbst nicht zu sagen, was ihn antrieb, aber er rollte das Papier zusammen und schob es vorsichtig in den Ärmel seines Hemdes, bevor er Bartolomeo und Raffael aus der Werkstatt hinausfolgte.
Urbino, Dezember 1499Fünf Jahre später
Raffael schreckte mit einem Ruck aus dem Schlaf auf und hatte für einen Moment jegliche Orientierung verloren. Wo war er? Was war das für ein Raum? Dann kehrten die Erinnerungen zurück. Dein Zimmer. Du kennst den Raum gut, du bist zu Hause, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Zwei Atemzüge später konnte er die Konturen des Zimmers und der Möbel im Schein des gedämpften Lichtes ausmachen, das aus dem angrenzenden Raum herüberschien. Draußen war es noch dunkel, die Stunde, in der die Nacht am tiefsten war und es schien, als könnte es niemals Morgen werden.
In der Dunkelheit lauschte Raffael auf den wilden Schlag seines Herzens, versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Er hatte von seinem Vater auf dem Totenbett geträumt, von dem wächsernen Gesicht, dem er einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte, weil sein Onkel Bartolomeo es ihm gesagt hatte. Es kam nicht mehr oft vor, dass er von Giovanni träumte, aber von Zeit zu Zeit geschah es, und immer auf diese Weise. Er wachte auf, ohne zu wissen, wo er war, aber immer beherrschte ihn danach ein einziger Gedanke: Das also ist der Tod.
Er erinnerte sich kaum an seine Mutter, die bei der Geburt seiner Schwester gestorben war. Nur an die Schreie, die in dem Haus widerhallten, und an ihr Gesicht, das so bleich wie Marmor gewesen war, als er sich von ihr verabschiedet hatte. Der Tod war ein Meister, der alle Farben mit sich nahm. Er kannte keine Würde und ließ nur eine erstarrte Hülle zurück, die Raffael kaum hatte ansehen können. Und so endet jeder von uns – als kaltes Wachs auf einem stinkenden Laken.
Vom Fenster her strömte kühle Luft in sein Zimmer, aber ihm war zu warm unter der schweren Daunendecke, die nur im Winter Verwendung fand, und sein Mund fühlte sich trocken an. Er tastete nach der Kerze, die neben seinem Bett stand, schob die Decke beiseite und stand auf. Jede Unebenheit des Fliesenbodens unter seinen nackten Füßen war ihm vertraut. Er ging mit der Kerze in der Hand in den angrenzenden Raum und entzündete sie an der Glut der letzten verglühenden Kohlen im Kamin. Er fand auch einen Krug mit Wasser und trank in langen Zügen.
Sein Herzschlag hatte sich inzwischen beruhigt, und er hob und senkte die Kerze, um zu sehen, wie ihre Flamme das Zwielicht veränderte, das in dem großen Raum herrschte. Der Kerzenschein malte Bilder an die Wände, und als Raffael die Flamme bewegte, verzerrten und verformten sich die Schatten, als ob sie ein eigenes Leben besäßen.
Er kehrte in sein Zimmer zurück. Auf dem kleinen Tisch, der an der Wand stand, lagen eine Mappe mit ledernem Einband und zahlreichen losen Blättern sowie ein Silber- und ein Kohlestift.
Damit kletterte er zurück in das Bett, zog die Knie unter das weite Hemd, ließ aber die Decke beiseite. Die Kerze spendete wenig Licht, aber das machte nichts. Ein Oval für den Kopf, eine vertikale Linie in der Mitte, eine horizontale Linie, auf der die Augen liegen sollten, eine unter der Nase, eine über dem Kinn, so wie sein Vater es ihn gelehrt hatte.
Zug um Zug entstand ein Gesicht, ein freundliches, weibliches Gesicht, mit weichen Zügen und einem tröstlichen Lächeln.
Raffael wusste, dass die Erinnerung an seine Mutter bruchstückhaft war. Er wusste, dass dieses Bild ihr ähneln würde, aber ebenso auch Antonia, die in der Küche des Hauses arbeitete, und auch der Statue der Muttergottes im Dom mit ihrem milden Lächeln, die er schon immer gern betrachtet hatte.
Anders als der Sohn der Madonna, der Schmerzensmann, hatte die Jungfrau stets so gewirkt, als könnte all ihr eigenes Leid sie nicht davon abhalten, sich dennoch die Gebete all jener anzuhören, die sie mit ihren Sorgen behelligten.
Das Gesicht nahm allmählich Form an. Er zeichnete Locken, die sich unter einem Schleier hervorkringelten.
Und irgendwann, als Raffael gerade den Hals skizzierte, fiel das erste Licht der Morgendämmerung durch das Fenster und brachte die Farben zurück in die Welt.
Er hielt inne und blies die Kerze aus, die beinahe vollständig heruntergebrannt war. Dann warf er noch einen Blick auf das Papier und legte das Skizzenbuch auf die Erde. Schließlich zog er die Decke über sich und schlief wieder ein.
»Du siehst müde aus, Raffaelino«, stellte Antonia fest, stellte eine Schüssel mit Grütze vor ihn hin und strich ihm dann über die Haare.
Er war zu alt für beides, für die Geste und dafür, mit seinem Kosenamen angeredet zu werden, das stand fest, aber Antonia, die schon hier im Haus arbeitete, seit er denken konnte, hätte sich ohnehin weder das eine noch das andere verbieten lassen, also verzichtete er auf seinen Protest. »Es ist nichts, ich habe nur nicht gut geschlafen.«
»Warst du bei einem Mädchen?«
Er hob den Kopf und sah sie an. »Das geht dich überhaupt nichts an – und nein: Ich war hier.«
»Schon gut, schon gut.« Antonia hob beschwichtigend die Hände und wechselte das Thema. »Hast du heute Morgen Unterricht? Oder gehst du in die Werkstatt?«
»Unterricht«, nuschelte er zwischen zwei Löffeln Grütze. »Und wenn ich mich nicht beeile, wird Messere Odassio mir das Fell über die Ohren ziehen.«
Die Tür öffnete sich, und Bernardina kam in die Küche.
»Hier bist du also«, stellte sie fest. Raffael blickte erstaunt auf. Normalerweise bemühte sich seine Stiefmutter, ihm aus dem Weg zu gehen.
»Ja?«, entgegnete er deshalb vorsichtig.
»Wir müssen etwas besprechen. Es sind Rechnungen zu begleichen«, begann sie ohne Umschweife. Sie sah aus, als wollte sie ausgehen. Die Haare hatte sie zu einem Knoten zurückgebunden und darüber einen Schleier gelegt. »Der Tuchmacher will Geld haben, ebenso der Händler, der euch immer die Steine und Erden und das ganze Zeug bringt. Der Bäcker und der Ölhändler auch. Die Werkstatt verschlingt Unsummen, und die Lehrlinge haben daran einen großen Anteil.«
Bernardina setzte sich nicht, sondern blieb mit verschränkten Armen vor ihm stehen und sah auf ihn herab. Ihr Blick war Raffael unangenehm, also schob er die Reste seines Frühstücks von sich und stand ebenfalls auf.
»Wie viel ist es denn?«, fragte er.
»Beinahe zwanzig Dukaten.«
»So viel? Wie kann das sein?«
»Tuch ist teurer geworden, seit die Franzosen Mailand eingenommen haben. Alles kostet mehr, weil die Händler immer häufiger Umwege fahren müssen, um den Söldnerbanden des Papstsohns zu entgehen«, gab Bernardina zurück. Dann presste sie die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
Raffael wusste, dass sie damit recht hatte. Seitdem Cesare Borgia, der Sohn des Papstes, die Kardinalsrobe abgelegt hatte, um in Frankreich die Nichte des Königs zu heiraten, und dann mit den französischen Truppen nach Italien zurückgekehrt war, um Mailand anzugreifen, fürchteten sich viele Herzogtümer Oberitaliens vor einem Kriegszug gegen ihre Städte und Liegenschaften. Niemand fühlte sich mehr auf den Straßen sicher.
Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Bernardina und ihm standen je die Hälfte der Einnahmen aus Giovanni Sanzios Werkstatt zu, die sie gemeinsam verwalteten, aber sie waren von Anfang an nur schlecht miteinander ausgekommen. Üblicherweise versuchte ihn sein Onkel Bartolomeo, bei der Verwaltung des Geldes zu unterstützen, aber Bernardina hatte ihn sicher nicht ohne Grund heute Morgen alleine abgepasst.
»Wir sollten die Werkstatt verkleinern. Kann da Pian nicht mit der Hälfte an Lehrlingen auskommen?«, fragte sie, nicht zum ersten Mal.
»Wir brauchen die Lehrlinge, damit wir auch größere Aufträge annehmen können«, erwiderte Raffael. Diese Diskussion hatten sie schon oft geführt.
»Alles Geld in diesem Haus fließt in die Werkstatt. Wir füttern ein halbes Dutzend dummer Jungen durch, die nichts dazu beitragen, auch nur einen Dukaten im Jahr zu verdienen.«
Das war eine Ungerechtigkeit, und er war sich sicher, dass Bernardina das genau wusste. Evangelista achtete sehr genau darauf, nur Lehrjungen aufzunehmen, die ebenso Talent wie Fleiß mitbrachten. Aber konnte der Rest wahr sein? Ging ihnen das Geld aus, weil der lange Schatten des Krieges allmählich auch Urbino erreichte? Oder übertrieb Bernardina, um ihren Willen durchzusetzen?
Der Herzog hatte glücklicherweise auch nach dem Tod seines Vaters einige Bilder bei ihnen in Auftrag gegeben, und dank der unermüdlichen Arbeit von Evangelista da Pian waren ihre Werke auch in den umliegenden Marken bekannt. Noch konnten sie sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen, aber die Bedrohung durch den Feldzug Cesare Borgias sorgte dafür, dass immer mehr Städte in der Umgebung ihr Geld lieber in starke Mauern und Söldner investierten statt in Kunstwerke.
Er schüttelte den Kopf; er konnte diese Entscheidung nicht treffen. »Bernardina«, begann er, »wenn wir wirklich große Geldsorgen haben, sollten wir mit Bartolomeo darüber reden.«
»Bartolomeo?« Der Gesichtsausdruck seiner Stiefmutter verfinsterte sich. »Wenn es nach ihm ginge, müssten Elisabetta und ich betteln gehen.«
»Das ist nicht wahr«, entgegnete Raffael geduldig. Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, mit Bernardina zu streiten, wenn sie sich erst einmal in Zorn geredet hatte. Und er musste wirklich gehen. »Weißt du was? Bezahl die Händler. Aber über alles andere sprechen wir später, ja?«, sagte er.
Bernardina nickte, aber er konnte sehen, dass sich ihre Stimmung keinesfalls aufgehellt hatte.
Obwohl er die kurze Strecke durch den kalten Morgen bis zum Palast rannte, kam Raffael zu spät im studiolo an, in dem er dank der Großzügigkeit des Herzogs zusammen mit einigen anderen Jungen aus Urbino und den Söhnen einiger Mitglieder des Montefeltro-Haushalts Unterricht in Latein, Theologie und Philosophie erhielt.
Ihr Lehrer, Ludovico Odassio, warf ihm einen erzürnten Blick zu, als er hastig seinen Mantel auszog und sich setzte, sagte aber nichts, sondern fuhr in seinen Ausführungen fort.
»Aristoteles lehrt uns, dass die Seele das Leben ausmacht, während ihr der Körper nur als Form dient«, erklärte Odassio seinen Schülern, die mehr oder weniger aufmerksam vor ihm auf den Bänken desStudierzimmerssaßen. »Die Seele verhält sich zum Körper, wie sich die Form einer Statue zu der Bronze verhält, aus der sie gegossen wird. Anders als Platon jedoch zog Aristoteles die Unsterblichkeit der Seele in Zweifel.«
Mit einem Zeigestock deutete der Lehrer bei diesen Worten auf die Bilder der beiden Denker, mit denen die Nordwand des kleinen Raumes geschmückt war. Auch die übrigen Wände des Studierzimmers zeigten Reihen bedeutender Männer: Seneca, Cicero, Dante und Hippokrates, ebenso wie wichtige Kirchenmänner, arabische Gelehrte und ein Bild des verstorbenen Herzogs Federico. Der ganze Raum war den Künsten der Mathematik, der Astronomie, der Musik und der Lyrik gewidmet.
Obwohl Aristoteles’ Ideen für ihn zu den interessanteren Dingen gehörten, die ihr Lehrer ihnen beizubringen versuchte, war Raffael an diesem Nachmittag nicht richtig bei der Sache und hörte nur mit halbem Ohr zu.
Seine Gedanken waren bei dem Altarbild für die Schwestern der heiligen Chiara, für das die Werkstatt gerade einen lukrativen Auftrag erhalten hatte. Evangelista hatte ihm versprochen, dass er endlich einmal mehr als nur die Zuarbeit übernehmen durfte.
Während er noch versuchte, sich auf die Idee von Bronze und Statue zu konzentrieren, kam ihm eine Idee. Das Marienbild, das ihm bislang eher unscheinbar und gewöhnlich erschien, brauchte eine andere Farbgebung. Der Mantel aus kostbarem Blau, mit dem die Jungfrau üblicherweise dargestellt wurde, nahm zu viel Raum ein und ließ alle anderen Farben verblassen. Deshalb musste der Mantel schmaler werden und mehr wie ein Rahmen für die anderen Farben wirken.
Seine Finger trommelten auf der dunklen Holzbank herum. Er wartete ungeduldig darauf, dass der Unterricht endete. Im Geist ging er die Farben durch, die sich in der Werkstatt befanden, und stellte sich das Bild in den einzelnen Tönen vor. Zu gerne hätte er es gleich ausprobiert und …
»Nun, Messere Sanzio, und welcher Teil der Seele macht den Menschen aus?« Die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
Raffael blickte auf. Ludovico Odassio stand direkt vor ihm, die buschigen Augenbrauen so stark zusammengezogen, dass sie sich über der Nase berührten. Kein gutes Zeichen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er ehrlich.
»Weil du mir nicht zugehört hast«, donnerte Odassio und schlug mit dem Stock auf Raffaels Hand, die noch immer auf der Bank lag. Raffael riss sie erschrocken hoch.
»Messere Fizzoni, wisst Ihr es?«, wandte sich Odassio an den Jungen, der rechts von Raffael saß.
Flavio Fizzoni zuckte mürrisch mit den Schultern, während Raffael unauffällig seine Hand ausschüttelte. Er war glimpflich davongekommen; normalerweise zeigte ihr Tutor seinen Ärger viel ausgiebiger.
Odassio holte gerade erneut mit seinem Stock aus, als sich Daniele zu Wort meldete. »Die Geistseele«, murmelte der blonde Junge.
Der Gelehrte ließ den Stock sinken und nickte. »Richtig, Brandi«, sagte er. »Um Vortrefflichkeit zu erlangen, müsst ihr eure Geistestugenden ausbilden«, ermahnte er die Schüler und deutete nacheinander auf die Darstellung der Tugenden des Florentiners Botticelli in den vier Ecken des Raumes. »Verstand fällt nicht vom Himmel.«
Raffael warf Daniele einen anerkennenden Blick zu. Er war immer wieder erstaunt, wie leicht dem Priesterschüler das Lernen fiel.
Meister Odassio schüttelte den Kopf. »Aber genug für heute«, sagte er mit versöhnlicherer Stimme. »Geht, bevor es dunkel wird.«
Ein kalter Wind wehte über den Platz vor dem Palast, und Schneeflocken wirbelten umher, als Raffael auf die Straße trat. Der Winter hatte in diesem Jahr ungewöhnlich früh und ungewöhnlich heftig Einzug gehalten. Sonst schneite es selten vor Weihnachten, aber heute lag Urbino bereits seit einer Woche unter einer dichten weißen Decke, und es war erst der St.-Nikolaus-Tag.
»He, Sanzio.« Flavio Fizzoni verstellte Raffael den Weg, kaum dass sie zwei Schritte vom Palast entfernt waren. Raffael sah ihn argwöhnisch an. Er hatte keinen Streit mit Fizzoni, aber dieser hatte Ärger mit der halben Werkstatt. Was war es diesmal?
Fizzoni hob eine geballte Faust und zielte auf Raffaels Gesicht. »Wenn ich dich noch einmal in der Nähe meiner Schwester sehe, bringe ich dich um«, stieß er hervor.
Verdammt!, schoss es Raffael durch den Kopf. Bei allen Heiligen, und wir waren so vorsichtig!
Gleichzeitig versuchte er, sich unter Fizzonis erhobenem Arm wegzuducken. Der andere Junge war mindestens anderthalb Köpfe größer als er und um einiges schwerer, und Raffael machte sich wenig Illusionen darüber, wie eine Prügelei zwischen ihnen ausgehen würde.
»Deine Schwester?«, fragte er deshalb vorsichtig zurück, um Zeit zu gewinnen. »Meinst du Elena oder Simonetta?«
Er wusste zwar genau, welches Mädchen Fizzoni meinte, aber vielleicht bestand ja noch Hoffnung darin, den Unwissenden zu spielen?
»Verdammt noch mal, ich meine Elena, du elende Missgeburt! Du hast sie am Sonntag nach der Kirche getroffen! Hältst du mich für einen Idioten?«
Diese Frage wollte Raffael lieber nicht beantworten, denn die Wut war Flavio auch so bereits deutlich anzumerken. Flavios Vater hatte als condottiere in Diensten des alten Herzogs gestanden und war nun ein geachteter Mann bei Hofe, hatte aber seine Herkunft nie verleugnen können, weshalb sich sein Sohn ständig in seiner Ehre gekränkt fühlte.
Raffael suchte noch nach Worten, als plötzlich Daniele neben ihm auftauchte. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Raffael unlautere Absichten gegenüber deiner Schwester hat«, sagte er beschwichtigend. »Er ist so tugendhaft wie ein Novize, und nach allem, was ich weiß, will er sogar ins Kloster gehen, wenn seine Lehrzeit in der Werkstatt beendet ist.«
Das entsprach zwar keinesfalls der Wahrheit, aber Raffael warf seinem Freund trotzdem einen dankbaren Blick zu.
»Jetzt fällt es mir wieder ein!«, fügte Raffael schnell hinzu. Endlich arbeitete sein Verstand wieder. »Wir planen eine neue Madonna in der Werkstatt, und ich habe Elena gefragt, ob Meister da Pian dafür eine Zeichnung von ihr machen könnte.«
»Ist das wahr?«, fragte Flavio, sichtlich verunsichert, und Raffael nickte notgedrungen. Der Herr hatte Fizzoni zwar mit einem Paar beeindruckender Fäuste beschenkt, aber glücklicherweise nicht mit sonderlich viel Verstand.
Zögernd trat der groß gewachsene Junge zur Seite. Insgeheim atmete Raffael auf und ging vorsichtig an ihm vorbei. Jetzt musste er nur noch Elena warnen.
Daniele gesellte sich zu ihm, und sie liefen zusammen die Straße hinunter. Fizzoni kehrte in den Palast zurück, wie Raffael erleichtert feststellte, als er über die Schulter schaute.
»Ist Lügen nicht eine schwere Sünde?«, fragte er und sah Daniele von der Seite an.
»Ja, aber zumindest eine lässliche«, gab Daniele zurück und strich sich die Schneeflocken aus den kurzen blonden Haaren. »Ich werde heute Abend einige Vaterunser mehr beten müssen. Aber immer noch besser, als zuzulassen, dass Fizzoni eine Todsünde begeht, indem er dich umbringt.«
»Danke! Du hast uns also beide gerettet«, gab Raffael gut gelaunt zurück.
Daniele blickte ihn streng an. »Du musst vorsichtiger sein, was die Mädchen angeht«, sagte er. »Auch Untugend ist eine Sünde.«
»Vielleicht hast du recht. Und zumindest Elena Fizzoni sollte ich wohl eine Weile aus dem Weg gehen. Schon allein, damit du nicht noch mehr Vaterunser beten musst.«
»Wenigstens etwas«, versetzte Daniele mit ernster Miene, aber Raffael konnte erkennen, dass er ein Grinsen unterdrückte.
Raffael wollte endlich seine Idee mit den Farben in die Tat umsetzen. Seinen Zusammenstoß mit Flavio Fizzoni hatte er bereits halb vergessen, als er das Haus erreichte. Er konnte durch die Fenster sehen, wie die Mägde im Inneren die Kerzen anzündeten, aber das Licht lockte ihn nicht. Zu dieser Zeit waren Bernardina und Elisabetta mit großer Wahrscheinlichkeit in dem großen Esszimmer, und er hatte keine Lust, das Gespräch vom heutigen Morgen fortzusetzen. Lieber würde er später mit den anderen Lehrlingen essen.
Stattdessen zog es ihn in die Werkstatt. Als Raffael die breite Tür aufschob, schlug ihm sofort ein durchdringender Geruch entgegen. Die jüngsten Lehrlinge waren damit beschäftigt, aus Lederresten, Fischgräten und kleinen Knochen Leim zu kochen, und den Gestank, der die beiden großen Räume erfüllte, konnten weder Pinienzapfen noch die Kräuter im Feuer mildern. Die Jungen grüßten ihn freundlich, als er eintrat.
Direkt hinter der Tür, dort, wo es am kältesten war, die Luft aber auch am besten, zerrieben die Lehrlinge, die noch kein Jahr in der Werkstatt waren, Gips und Farben mit dem Mörser. In der Nähe des Kamins waren die Staffeleien mit den Tafeln aufgebaut, die die älteren Jungen grundierten und für die Bilder vorbereiteten.
Raffael warf seinen Mantel und Beutel unter die Treppe, die zum Zwischenboden führte, wo die Kupferplatten mit dem Grünspan trockneten und die Substanzen für die giftigeren Farben lagerten.
Dann wandte er sich dem Altarbild der Muttergottes zu, an dem sie gerade arbeiteten.
Evangelista da Pian saß auf einem Schemel vor der Tafel. Er hatte die Augen zusammengekniffen und war dabei, die Rötelzeichnung auf der Platte mit Temperafarbe zu füllen.
»Du bist spät dran«, sagte er statt einer Begrüßung. »Ich wollte heute noch die erste Farbschicht auftragen. Aber ich fürchte, dass wir kaum noch Ocker haben. Kannst du mir neuen mischen?«
Doch statt der Aufforderung nachzukommen, blieb Raffael einfach stehen und betrachtete das Bild, das, wenn es fertig war, Maria zeigen würde, die über dem Körper ihres toten Sohnes bittere Tränen vergoss.
»Was ist?«, fuhr Evangelista auf, als Raffael sich nicht bewegte. »Hast du vergessen, wie man Ocker mischt?«
»Man nimmt Brauneisenstein, dann gibt man Ton und Quarz und schließlich Kalk hinzu«, sagte Raffael ungeduldig. »Man zerreibt den Stein im Mörser und mischt ihn schließlich mit der Eigelbtempera. Das weiß ich schon ziemlich lange.«
»Wenn du es schon lange weißt, dann beweg dich, um dein Wissen anzuwenden«, entgegnete Evangelista. »Die Steine sind teuer, und wir können es uns nicht leisten, die Farbpigmente falsch anzurühren.«
In Raffael stieg Ärger auf. Eigentlich hatte Evangelista ihm versprochen, dass er diesmal mehr tun dürfte, als Studien anzufertigen und Farben zu mischen. Er wollte dem Älteren schon eine zornige Antwort geben, aber dann besann er sich. Damit würde er bei Evangelista nichts erreichen.
Also lächelte er entschuldigend. »Ich weiß«, erwiderte er. »Es ist nur so, dass du selbst gesagt hast, dass du mit dem Entwurf für das Bild nicht zufrieden bist. Ich habe mir überlegt, dass wir zu viel Ocker darin haben. Der blaue Mantel der Jungfrau lässt alles andere blass wirken. Ich glaube, wir müssen ihrem Kleid mehr Raum geben. Wir brauchen mehr Rot neben dem Blau. Kermesrot. Und im Hintergrund sollte es nicht nur Wolken und Hügel geben, sondern Säulen, oder eine große Halle. Das würde dafür sorgen, dass die Muttergottes noch viel mehr in den Mittelpunkt rückt.«
Evangelista stöhnte. »Kermesrot ist ja noch teurer als Ocker. Und der Mantel macht einen Großteil der Figur aus! Wir müssten quasi noch einmal von vorn anfangen.«
Dann besah er sich die Tafel genauer. »Pasquale, hol mir das Rot«, sagte er schließlich zu einem der Jungen, der die Tafeln grundierte.
Der Angesprochene lief sofort zu dem Regal, in dem die Pigmente der einzelnen Farbtöne fein säuberlich in Glasfläschchen aufgereiht standen, und kam nur einen Augenblick später mit dem teuren Kermes zurück.
Evangelista hielt das Fläschchen an den noch schwach konturierten Mantel. »Rot, ja?«, knurrte er. Dann grinste er. »Du hast ja recht. Auch wenn deine Ideen uns noch in den Ruin treiben.«
»Das Gleiche hat Bernardina heute auch schon über dich gesagt.«
Da Pian knurrte zur Antwort lediglich einen unverständlichen Fluch, und Raffael biss sich auf die Unterlippe, um sein Lächeln nicht zu zeigen. »Und? Darf ich nun den Faltenwurf des Kleides neu anlegen?«, fragte er. »Und mir etwas für den Hintergrund überlegen?«
Evangelista sah aus, als ob er sich große Mühe gebe, ernst zu bleiben. »Du bist so stur wie ein Maulesel, Raffaelino«, sagte er. »Aber wer kann dir schon etwas abschlagen?«
»Danke.«, Raffael hätte am liebsten vor Freude einen Sprung gemacht, aber er beherrschte sich.
Vorsichtig goss er mit Wasser verdünntes Eigelb auf die Palette und schüttete mit der Linken langsam Kermes dazu, ein Rot-Pigment, das man aus Schildläusen gewann, wobei er mit dem Pinsel beides vermengte. Als die Tempera eine sattrote Farbe angenommen hatte, strich er alle überflüssige Farbe aus dem Pinsel und setzte die ersten Striche, vorsichtig, um nicht zu fest aufzudrücken und keine Ungleichmäßigkeiten zu erzeugen, aber auch nicht zu schwach, damit er keine weitere Schicht des teuren Kermes benötigte. Das Kleid färbte sich rot, und er begann, eine elegante Falte in Marias Überwurf zu malen, wo zuvor der Mantel gewesen war.
Wenn er vor der Staffelei saß und malte, vergaß Raffael alles um sich herum. Die Geräusche der Werkstatt waren verstummt, die Gerüche von Harz und Kohle verschwunden, und Evangelistas stets prüfender Blick vergessen – es gab nur noch ihn und die Leinwand, die Linien und Farben, das ideale Bild, das vor seinem inneren Auge entstand, und den Pinsel, mit dem er diesem Ideal nachjagte.
Erst als Evangelista ihm eine Hand auf die Schulter legte, kehrte er ins Hier und Jetzt zurück.
»Dein Onkel ist hier«, sagte der ältere Maler. »Und Timoteo Viti ist bei ihm. Du solltest ins Haus gehen.«
Im oberen Stockwerk des Wohnhauses fand Raffael Bartolomeo und Timoteo Viti im Esszimmer der Familie. Von seiner Stiefmutter war glücklicherweise nichts zu sehen, was wohl darauf zurückzuführen war, dass sie sich mit Bartolomeo beinahe noch schlechter vertrug als mit ihm selbst.
Beide Männer hatten Weinbecher vor sich und begrüßten ihn, als er eintrat. Raffael verbeugte sich.
Timoteo Viti war ein groß gewachsener Mann, der viel Wert auf seine Erscheinung legte. Er hielt sich sehr gerade, und die dunkelblonden Haare und der Bart waren sorgsam gestutzt. Über dem weißen Hemd trug er eine mit Pelz verbrämte dunkle zimarra, die Hose steckte in ledernen Stiefeln. Viti war vor zwei Jahren zum neuen Hofmaler des Herzogs bestellt worden, und er ging in der Werkstatt oft ein und aus, da er einige Bilder für den Palast fertigstellen sollte, die Giovanni Sanzio vor ihm begonnen hatte.
»Setz dich, Raffael«, begrüßte sein Onkel Raffael. »Es gibt etwas, das wir besprechen müssen.«
Raffael leistete der Aufforderung Folge, sagte aber nichts.
»Der Bischof hat sein Urteil gefällt«, begann Bartolomeo. »Bernardina steht auch weiterhin die Hälfte der Einnahmen der Werkstatt zu. Solange das so ist, wird sie wohl auch weiterhin hier wohnen, und wir werden sie aus dem Erbe deines Vaters unterhalten müssen.«
Sein Onkel sah ihn aus dunklen Augen mitleidig an. Bartolomeo hatte nun bereits zum zweiten Mal versucht, bei Erzbischof Arrivabene zu erwirken, dass das Erbe Giovanni Sanzios zu Raffaels Gunsten neu verteilt würde, und war erneut damit gescheitert.
»Dass sie hier wohnt, stört ja niemanden«, sagte Raffael. »Wo sollte sie auch sonst hingehen?« Auch wenn sie sich nicht gut verstanden, konnte er sich kaum vorstellen, dass es seinem Vater recht gewesen wäre, wenn Bernardina das Haus hätte verlassen müssen.
»Das ist zwar wahr, aber die Beteiligung an der Werkstatt steht auf einem anderen Blatt. Ich habe von unserem Notar erfahren, dass sie die Werkstatt verkaufen will. Offenbar wurden sogar schon Briefe mit einem möglichen Käufer aus Città de’ Castello gewechselt.«
Raffael erinnerte sich plötzlich wieder an die Unterhaltung, die er am Morgen mit ihr geführt hatte. »Kann sie das denn?«, fuhr er auf. »Die Werkstatt verkaufen? Sie gehört ihr ja schließlich nicht allein.«
»Nein, sie selbst kann das natürlich nicht tun. Aber solange sie dein Vormund ist, könnte sie in deinem Namen handeln. Es gibt nur eine Lösung für dieses Problem. Der Herzog muss dich aus der Vormundschaft entlassen, und du musst die Werkstatt ganz offiziell übernehmen.«
Raffael kniff die Augen zusammen und studierte jede Einzelheit im Gesicht seines Onkels. Konnte Bartolomeo das ernst meinen?
»Wie alt bist du jetzt, Junge?«, fragte Timoteo Viti.
»Sechzehn«, entgegnete Raffael.
»Ludovico Odassio sagt, dass du ein recht heller Kopf bist«, sagte Viti, der Raffael eingehend musterte. »Auch wenn dein Latein ebenso schlecht sein soll wie deine Disziplin.«
Wie kann ich der Meister der Werkstatt werden?, fragte sich Raffael verwirrt. Bislang hat Evangio mich noch kein einziges Bild allein ausführen lassen. Und was ist mit den anderen Lehrlingen, die genauso alt sind wie ich?
»Und deine Zeichnungen sind … nun, außergewöhnlich trifft es wohl am besten.«
Erst jetzt sah Raffael, dass Viti ein Buch in der Hand hielt, das er nur allzu gut kannte. Sein Skizzenbuch.
»Hast du das Maestro Viti gegeben?«, fragte er seinen Onkel.
Bartolomeo nickte.
Viti blätterte prüfend durch die Skizzen und hielt mal bei dieser, mal bei jener an. Schließlich nahm er die Zeichnung eines Jungen mit schulterlangem dunklem Haar aus dem Buch, auf dessen Kopf ein Barett saß, und der den Betrachter direkt ansah. »Das bist du, nicht wahr?«
Raffael merkte, dass sein Gesicht sich plötzlich ganz heiß anfühlte. »Ja.«
»Du bist nicht frei von Eitelkeit.«
»Es gibt kein Mädchen in Urbino, die ihm nicht schöne Augen machen würde«, erklärte Bartolomeo mit milder Stimme. »Er kann der Eitelkeit nur schwer entgehen.«
Raffael sah unbehaglich zu Boden, sodass ihm das Haar vors Gesicht fiel.
»Hübsch genug ist er ja«, murmelte Viti. »Du hast einen guten Blick für die Perspektive«, sagte er dann. »Und an dem, was dir in der Malerei noch fehlt, können wir zusammen arbeiten. Evangelista sagt, er habe dir bald nichts mehr beizubringen.«
»Bei ihm klingt das aber ganz anders«, warf Raffael ein, besann sich dann eines Besseren und biss sich auf die Lippe.
Viti lachte. »Das kann ich mir vorstellen«, sagte er. »Freundlichkeit ist nicht gerade da Pians hervorstechendste Eigenschaft.«
»Es gibt keinen rechtlichen Grund, warum du nicht die Werkstatt übernehmen solltest«, erklärte Bartolomeo. »Alles, was du dafür brauchst, ist der Titel eines Maestro, und Messere Viti hier wird dich dabei unterstützen, ihn zu gewinnen. Wenn du einverstanden bist, wenden wir uns an den Herzog, und mit Gottes Hilfe wird er bestimmen, dass du keinen Vormund mehr brauchst. Maestro Viti wird dich in allem beraten, was die Malerei angeht. Und ich werde mich weiterhin um die Bücher kümmern, so wie ich es auch jetzt schon tue.«
»Bartolomeo hat recht«, sagte Timoteo Viti. »Aber dennoch will ich dir nichts vormachen. Ich habe noch nie von einem Lehrling gehört, der so früh selbst Meister wurde. Wenn du es dir verdienen willst, dass man dich Maestro nennt, wirst du in Zukunft hart arbeiten müssen, Messere Sanzio.«
Raffael sah zuerst seinen Onkel und dann Timoteo Viti an. Es gab keinen Zweifel daran, dass sie meinten, was sie sagten. Er nickte. »Wenn ihr denkt, dass ich es kann, dann werde ich es versuchen«, sagte er und war selbst überrascht, wie überzeugt es klang.
Faenza, November 1500
Es regnete noch immer, als Vitellozzo Vitelli bei Tagesanbruch vor sein Zelt trat. Das schlechte Wetter hielt nun schon den dritten Tag in Folge an, und der Boden des Heerlagers, von Tausenden Füßen, Hufen und Wagenrädern zertrampelt, hatte sich in Morast verwandelt. Wer belagert eine Stadt auch kurz vor dem Winter? Aber er wusste, dass er mit dieser Frage bei Cesare Borgia auf taube Ohren stoßen würde. Der bezahlte ihn und die anderenCondottieri dafür, dass sie für ihn ihre Söldnerheere in die Schlacht führten, nicht für ihre guten Ratschläge. Aber wozu die besten Heerführer anheuern, wenn man selbst alles besser weiß? Ich dagegen habe schon mit Artillerie gearbeitet, da hat dieser Hurensohn noch an der Brust seiner Amme gesaugt!
Der Papst hatte seinen Sohn erst vor wenigen Monaten zum Oberbefehlshaber über die Armee des Kirchenstaates gemacht und ihm den Titel des Gonfaloniere verliehen. Cesare Borgia war mehr als begierig darauf, sich dieser Ehre als würdig zu erweisen. Ob Winter oder nicht, er brauchte einen Sieg.
Vitellis Zunge fühlte sich belegt an, und er spuckte in den Schlamm, um den schlechten Geschmack aus seinem Mund zu vertreiben. Aber das saure Brennen in seiner Kehle blieb. Er trat in das Zelt zurück, trank einen Schluck mit Wasser verdünnten Wein und legte seinen Waffengurt an. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seine rechte Schulter, als er die Schnallen an seinem Lederkoller verschloss, die Erinnerung an eine alte Verletzung. Für wen habe ich da gekämpft? Florenz? Die Franzosen? Aber sosehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht erinnern.
Irgendwann, das hatte er sich geschworen, würde er die Mauern einer Stadt einreißen und diese danach für sich beanspruchen. Er wollte nicht im Dreck der Schlachtfelder verrecken.
Als er durch das Lager lief, fiel ihm wieder einmal auf, in welch schlechtem Zustand die zusammengewürfelte Armee war, die seit wenigen Tagen vor Faenza lagerte. Die meisten Zelte hatten Löcher oder waren durch den Regen und den Schlamm halb zusammengebrochen. Den Männern setzten die Kälte und der Regen zu, und das führte zu Spannungen innerhalb der Truppe. Borgia war bei der Anwerbung seiner Truppen nicht wählerisch gewesen; unter seinem Kommando standen französische Soldaten ebenso wie spanische Söldner, Paolo Orsinis Männer und Vitellis eigene condotte.
Aber der Regen brachte auch Vorteile mit sich. Auf dem Marsch hierher war es noch sonnig und warm gewesen. Die Hitze hatte den Geruch nach den Exkrementen Tausender Soldaten so schnell so übel werden lassen, dass der hiesige Schlamm beinahe ein Segen war.
Das Zelt des Heerführers stand in der Mitte des Lagers. Von seinem Dach flatterte eine Fahne, die das päpstliche Wappen mit dem Bullen der Borgia und den drei schwarzen Querbalken zeigte. Unter dem Zelt war ein Bretterboden verlegt worden, und eine Holzsteige führte hinein, sodass das Innere weit weniger unter dem Schlamm zu leiden hatte als der Rest des Lagers.
Im Inneren herrschte dämmriges Licht. Vitelli konnte außer ihrem Anführer noch Paolo Orsini und den Hauptmann der Franzosen, Yves d’Allègre erkennen, ebenfalls Experte für Artillerie. Außerdem war Bernardo Dovizi anwesend, ein noch junger Kirchenmann mit kantigen Gesichtszügen, der im Auftrag der Medici hier war und als Berater fungieren sollte. Vitelli konnte ihn von allen Anwesenden am wenigsten einschätzen.
Cesare Borgia, der Gonfaloniere, war groß, schlank und kräftig. Er trug eine kunstvoll gearbeitete Plattenrüstung und darüber einen verzierten Waffenrock. Seine jugendlichen Züge waren außerordentlich angenehm, doch die Stirn und die linke Wange waren durch eitrige Geschwüre entstellt. Vitelli hatte genug Männer gesehen, die an der Franzosenkrankheit litten, um den Beginn der Syphilis sofort zu erkennen.
Der französische Hauptmann d’Allègre, mit seinen fünfzig Jahren beinahe doppelt so alt wie Borgia und eine Handvoll Jahre älter als Vitelli selbst, beugte sich über den Kartentisch. Sein brauner Bart war mit grauen Strähnen durchsetzt und ordentlich gestutzt. Sein Wams und seine Strümpfe waren sauber und sahen frisch aus – im Vergleich zu den Tausenden schlammbespritzten Soldaten draußen ein beinahe grotesker Anblick. Aber Vitelli wusste, dass es nicht d’Allègres Aufgabe war, die Männer im Feld anzuführen: Er war ein guter Stratege, der besonders den Einsatz der französischen Lanzen und Kanonen koordinieren sollte.
»Guten Morgen, Vitelli«, begrüßte Cesare Borgia seinen Hauptmann. Ein Diener brachte dem Neuankömmling einen Becher heißen Wein, den Vitelli dankbar entgegennahm. »So wie es aussieht, werden wir heute mit der Erstürmung der Stadt beginnen.«
Vitelli, der mit nichts anderem gerechnet hatte, nickte.
»Gibt es denn keine Antwort von den Manfredi?«, fragte er dennoch.
»Astorre Manfredi hat das letzte Angebot des Gonfalioniere, die Tore zu öffnen und die Stadt friedlich zu übergeben, heute Nacht abgelehnt«, erklärte Dovizi. Vermutlich hatte der Priester den Manfredi die Aufforderung überbracht.
Der Zorn über die Ablehnung stand Borgia deutlich ins Gesicht geschrieben. Er legte eine Hand auf den Knauf seiner Klinge. Vitelli kannte die Waffe, wie jeder in den Diensten des Papstes. Aut Cesar aut nihil, das war der Wahlspruch, den sich der Gonfaloniere darin hatte eingravieren lassen, bevor er begann, dieRomagna zu erobern. Cäsar oder nichts.
Vitelli begriff, welche Kränkung es sein musste, dass der Herr Faenzas sich Cesare Borgia noch immer widersetzte. Astorre Manfredi war erst sechzehn Jahre alt, noch ein halbes Kind, und doch wagte er es, den Papst und seinen Sohn herauszufordern. Aber dennoch glaubte Vitelli auch, dass der verletzte Stolz des Heerführers ein schlechter Ratgeber war. Die Bewohner der Stadt waren ihrem Herrn treu ergeben und hatten selbst ihre Büsten und Statuen eingeschmolzen, um aus dem Metall Geschütze zu gießen. Gegen solche Feinde tat man sich immer schwer.
»Wir brauchen einen schnellen Sieg«, sagte er. »Die Belagerung über den Winter aufrechtzuerhalten, wäre Wahnsinn.«
»Richtig«, stimmte ihm Paolo Orsini zu. »Die Männer sind jetzt schon erschöpft, seit sie den Sommer über vor Fano und Pesaro gelegen haben. Ich sage es nicht gern, aber ich musste gestern bereits zwei meiner Leute aufknüpfen lassen, die versucht haben, zu desertieren.«
Cesare Borgia nickte düster. »Alles wird davon abhängen, wie schnell wir durch die Mauer kommen«, erwiderte er.
»Hier und hier, Messere«, erklärte Yves d’Allègre und zeigte auf zwei Punkte auf der Karte, auf der der Umriss der Stadtmauer mit dünnen Strichen verzeichnet war. »An diesen Stellen müssen wir den Beschuss fortsetzen. Meinen Berechnungen nach kann die Mauer dort nicht standhalten. Die Struktur wird nachgeben und schließlich brechen.«
»Euer Wort in Gottes Ohr«, erwiderte Dovizi, aber Vitelli nickte, als er die Karte genauer betrachtete. D’Allègre hatte ausgesprochen, was er selbst dachte.
Borgia nickte. »Wir haben genug Kanonen, um die Manfredi aus ihrer verfluchten Stadt zu schießen, und genau das werden wir tun.«
»Wenn wir die Stadt eingenommen haben, können wir an ihren Bewohnern ein Exempel statuieren, Messere«, schlug Orsini vor.
Der Gonfalonierewarf ihm einen abschätzenden Blick zu. »Ich will nicht jede Stadt von hier bis Florenz bis aufs Blut bekämpfen müssen«, erwiderte er. »Wir sind in der Romagna noch lange nicht fertig. Und wenn wir Faenza schleifen und plündern, werden die übrigen Städte erst recht ihre Tore vor uns verschließen. Wenn wir jedoch Milde walten lassen, werden sie hoffentlich verstehen, dass es nur ihr Widerstand ist, der den hohen Blutzoll fordert.«
Er blickte nachdenklich auf die Karte und wandte sich an den Kirchenmann. »Nein. Dovizi, Ihr werdet den Bürgern Faenzas in meinem Namen zusichern, dass ihnen nichts geschehen wird, wenn sie sich friedlich verhalten und kapitulieren, sobald wir ein Loch in die Mauer geschossen haben. Und wir werden uns daran halten. Jeden Soldaten, der sich diesem Befehl widersetzt, werde ich aufhängen lassen.«
»Ein kluger Schachzug, Messere. Das wird den widerspenstigen Herrn Faenzas zusätzlich unter Druck setzen, sich endlich zu ergeben«, gab Dovizi mit undurchschaubarer Miene zurück.
»Aber es wird den Männern nicht gefallen, Herr«, warf Vitelli ein. »Die Kriegsbeute ist ein wichtiger Teil ihres Lohns.«
»Dann werde ich sie dafür entschädigen«, erklärte Borgia ungeduldig. »Also dann, beginnen wir unser Tagwerk. Ich will heute noch ein Loch in der Mauer sehen.«
Als Vitelli zu seiner Einheit kam, wartete sein Adjutant Lucca bereits auf ihn. Der junge Soldat mit den roten Haaren war für die Schlacht gerüstet, er trug einen Brustharnisch und hatte seinen Helm unter den Arm geklemmt.
»Die Kanonen sind in Stellung gebracht, wie Ihr es befohlen habt«, erklärte er ihm. »Und die Truppen halten sich bereit für einen Angriff.«
Es war der dritte Tag des Beschusses, und jeden Tag davor waren die Soldaten sturmbereit auf die Stadt angetreten, nur um unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Aber nicht heute. Heute machen wir dem ein Ende.
Vitellis Männer waren in leichte und schwere Infanterie unterteilt, die mit Schwertern, Bucklern und Armbrüsten bewaffnet waren, und in berittene, leicht gerüstete Stradiotti mit Lanzenund Arkebusen, die aber erst zum Zug kommen würden, wenn die Mauer bereits gefallen war.
»Gut.« Vitelli nickte. »Wo sind die Franzosen?«
»Die lutschen sich lieber gegenseitig die Schwänze, statt pünktlich hier zu sein«, gab Lucca abfällig zurück.
Vitelli nickte bloß. »Dann fangen wir eben ohne sie an.«
Die erste Salve der Kanonenschüsse hallte donnernd über das Schlachtfeld. Der beißende Qualm des verbrannten Schwarzpulvers stieg Vitelli in die Nase und ließ ihn husten. Als der Rauch sich verzogen hatte, musste er feststellen, dass der Angriff beinahe ohne Wirkung geblieben war. Die meisten Kugeln waren nicht einmal bis zur Mauer vorgedrungen, oder sie hatten dort nur geringen Schaden hinterlassen. Der Teufel sollte die verfluchten Manfredi und ihre Brut holen. Und die Franzosen gleich mit. Es wäre die Aufgabe ihrer Kanoniere gewesen, die Geschütze richtig auszurichten.
»Näher ran. Wir müssen näher ran!«, brüllte er. Seine Soldaten spannten die Ochsen an, die die schweren Bombarden und Kartaunen näher an die Stadtmauer bringen sollten.
