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Gerecht, friedlich, emphatisch, kreativ, fröhlich, fürsorglich, liebevoll, maßhaltend und machtverteilt - so stellen sich Frieda, Pastor und Ben eine Welt vor, die ihnen gefällt. In der Realität jedoch steht die Ragnarök bevor, das Weltende. Die Mächtigen drohen, die Welt ins Verderben zu stürzen. Hänry, Friedas Tochter, nimmt die Idee auf und findet auf ihrem Weg Freunde und überraschende Unterstützung.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2022
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139
Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehen
Kann
Aus welcher Wurzel er sproß.
140
Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zu Erde.
142
Zu gedeihen begann ich und begann zu denken ,
Wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.
143
Runen wirst du finden und Ratstäbe,
Sehr starke Stäbe,
sehr mächtige Stäbe.
Erzredner ersann sie, Götter schufen sie,
sie ritzte der hehrste der Herrscher.
145
Weißt du zu ritzen? Weißt du zu erraten?
Weißt du zu finden? Weißt du zu erforschen?
Weißt du zu bitten? Weißt du Opfer zu bieten?
Weißt du, wie man senden, weißt wie man
tilgen soll?
Odins Runenlied – ein Auszug
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Alle sind tot.
Ich lehne mich an den knorrigen Stamm des Apfelbaumes und sehe über das sanft abfallende Land hinweg bis auf den glitzernden Atlantik und weiter bis dorthin, wo er sich mit dem Indischen Ozean trifft.
Obwohl ich schwerlich bei Regen und Wind hier sitzen könnte, wünschte ich mir, es würde regnen und wehen. Noch lieber wäre mir ein Sturm mit Donner, Blitz und Hagel. Mit Donner, so heftig, dass ich erzittere, mit Blitzen, die den Himmel spalten und Hagel, der krachend auf die Erde trifft.
Aber die Sonne scheint vom himmelblauen Himmel auf ein meerblaues Meer und grasgrünes Gras, in welches die blühenden Apfelbäume um mich herum weiße und rosa Akzente werfen. Ein Frühlingstag am Kap der guten Hoffnung, wie er schöner im Oktober nicht sein könnte.
Ich wünschte mir ein Wetter so wie Friedas Melodien, die sie so oft zur Unterstützung ihrer Gefühle summte.
Ich kann kein passendes Wetter summen und ich kann auch nicht wie Frieda eine Melodie summen, obwohl ich damit aufgewachsen bin und für jede Stimmung ein Repertoire an Melodien kenne.
Das Wetter müsste heute etwas Wildes und Schmerzhaftes summen. Es müsste es brüllen! Es müsste es krachen lassen und die Welt in Regentränen ertränken. Blitze müssten den Himmel zerreißen – so wie mein Herz, mein ganzes Sein zerrissen ist und ich die Gewissheit habe, dass es nie wieder ganz sein wird – nicht so, wie es war.
Ich erinnere mich daran, was Frieda summte, als wir das letzte Mal gemeinsam vom Berg kamen, nachdem wir unsere Aufgabe erledigt hatten.
Es war „Die Moldau“ und es klang, als ob es nicht Wassertropfen waren, die sich durch enge Schluchten pressten, um auf Felsen zur Gischt zu zerplatzen, sondern als sei es ihr Herz, was in Millionen Stücke zersprang. Unheilbar.
Heute, nur ein Jahr später, sitze ich hier mit nichts außer einem Schmerz, als sei ich auf den Felsen zerschmettert und für den es keine Worte gibt, nur einen Himmel, der es der Sonne erlaubt, ihre Strahlen auf meinen Bauch zu legen, über dem ich meine Hände gefaltet habe, während meine Augen durch die Baumblüte beschattet sind.
Auf jeden Fall bilde ich mir ein, bis dahin sehen zu können, wo sich der Atlantik und der Indische Ozean treffen, ganz einfach, weil ich die Vorstellung der Verbindung dieser zwei Giganten schön finde, tröstlich!
Warum das so ist, das weiß ich auch nicht.
Ich denke an gestern. Ich habe das getan, was ich zuvor schon zwei Mal gemeinsam mit Frieda getan habe. Diesmal war ich alleine, obwohl Frieda ja gewissermaßen doch dabei war. Zumindest eine Zeit lang – so lange, bis sie weg war.
Ich lehne am Baum und lenke meine Gedanken in unser Haus, diesen wundervollen Ort, den ich als Zuhause bekam und unter dessen Reetdach nun ein drittes Zimmer unbewohnt, aber voller Erinnerungen ist.
Pastor, Ben und Frieda!
Die Drei verband etwas. Es fällt mir jetzt zum ersten Mal so deutlich auf, dass es bei uns eine Gemeinschaft gab, weit über alltägliche Gemeinschaften hinaus, dass sie Gefährten waren, in einer Sache, die ich nicht durchschaute, von der sie nie erzählten, die sie aber weit über Gemeinschaften, wie ich sie von den Familien meiner Freunde kannte, verband.
Es gab keine bedeutsamen Blicke, kein Getuschel, das verstummte, sobald ich nähertrat, noch nicht einmal irgendwelche Versprecher, die mir Hinweise lieferten, aber es gab ein Band zwischen ihnen, das ich sogar als Kind wahrnahm, dessen Ursprung mir verborgen blieb und dessen Harmonie das Nest meiner Kindheit mit einer Wärme füllte, die ich nie hinterfragte.
Ein Band, das sie verband und mich umschloss. Es war da. Und es war schön. Und nun ist weg.
Tränen quellen aus meinen Augen, wenn ich an die leeren Zimmer denke, in denen der Staub der einzige Gast sein wird.
Empörung und Trauer pressen meine Tränensäcke zu immer mehr Tränen zusammen und in meiner Fantasie sehe ich, wie sie einen Strom bilden und sich durch Wiesen und über Geröll dem Atlantik entgegenstürzen – so wie die Moldau der Elbe und schließlich der Nordsee.
„DAS wird nicht geschehen“, murmele ich und spüre einen Hauch von Entschlossenheit. Ich erhebe ich mich mit der Leichtigkeit meiner zwanzig Lebensjahre und wende mich dem Haus zu, dessen weißgetünchte Wände mir entgegenblitzen.
„Tupambaé“ – so heißt mein Zuhause.
Jetzt, da niemand mehr da ist, den ich fragen kann, frage ich mich, warum sie der Plantage damals diesen Namen gaben. Bevor ich die rötliche Mahagonitür zwischen den zwei Rosensträuchern öffne, streichele ich aus der Macht der Gewohnheit die beiden Raben, die in die Pfosten geschnitzt sind.
Solange ich zurückdenken kann, streicheln wir über die zwei Raben.
Manchmal im Vorübergehen, beinahe gedankenlos und mechanisch, doch meist, so erscheint es mir besonders heute, war diese Geste viel mehr als ein trainierter Automatismus. Heute erinnere ich mich – ich erinnere mich heute an so Vieles, was vergessen oder wenig beachtet war – dass meine Familie den Raben stets mit liebender Hochachtung Respekt zollte, fast so, als ob sie ehrwürdige Familienmitglieder seien und deshalb den hölzernen Tierkörpern eine rührende Aufmerksamkeit schenkte wollten.
Jahrzehnte währendes Streicheln salzig-verschwitzter Hände hat sie heller und glänzender gebeizt als das übrige Holz, so dass sie sich fast leuchtend vom restlichen Holz der Pfosten abheben und deutlich, fast fordernd, in Erscheinung treten – mit dem Aussehen zweier im Alter ergrauter und erhabener Methusalems und das, obwohl die zwei Rosensträucher rechts und links der Eingangstür immer wieder ihre Ranken um die Körper der Tiere schlingen und sie mit ihren Blüten bekränzen und mit ihren Dornen schützen. Eine weitere Besonderheit meines Lebens, die ich erst jetzt als Besonderheit wahrnehme, weil sie für mich keine Besonderheit war. Nur ein Ritual, das ich nicht hinterfragte.
Die geöffnete Tür lässt milde Frühlingsluft und mich in die Halle, unser Wohnesszimmer, deren Größe meine Familie mit Leben und Gemütlichkeit füllte.
Heute erscheint sie mir riesig.
Friedas leerer Sessel neben dem Kamin sieht mich an.
Friedas Sessel!
Von uns hat niemand außer ihr je darin Platz genommen und diejenigen unserer Gäste, die den Frevel begingen, wurden durch einen einzigen Blick – wie soll ich den beschreiben? – ihrerseits belehrt, dass es bessere Plätze für sie gab.
Frieda guckte nicht böse oder vorwurfsvoll. Es waren Blicke des Erstaunens. Sie sah die wenigen Platzräuber so ungläubig an, dass die es wohl selbst nicht mehr verstanden, warum sie sich in diesen Sessel gesetzt hatten und sofort das Feld räumten.
Friedas Sessel steht rechts neben dem Kamin. Etwas schräg gedreht, um sowohl den Kamin, als auch den Raum im Blick zu haben. Auf dem Tischchen daneben stand immer ihr jeweiliges Getränk oder es lag ein Buch dort. Meist beides.
Von dem Kaminsims lächeln mir meine Drei und ich selbst entgegen. Sogar Frieda, die Dekorationen eher kritisch gegenüberstand, mochte dieses Bild von uns vieren so gerne, dass sie es selbst dort hingestellt hat. Es zeigt uns am Ende eines Strandtages am Bloubergstrand. Es zeigt vier braune und fröhliche Gesichter, in Bens und meinem Gesicht kleben einige Sandkörner vom ausgelassenen Toben, Friedas Haare sind vom Wind zerzaust und fallen über ihr Lächeln, unter Pastors strahlenden Augen ist die Haut leicht gerötet. Ein Bild der Harmonie und Lebensfreude.
Während mein Herz vor Kummer zerbersten möchte, denke ich an Friedas Lachen, dessen leises Echo durch die Halle zieht. Wenn sie lachte, dann klang es so, als hätten sich Magmakammern, die nah an ihrem Herzen liegen mussten, mit Lachen statt mit Magma gefüllt. Lachen, das mit so viel Wärme aus ihrem Innersten kam und uns, statt mit einer Aschwolke, mit Liebe umhüllte.
Ich wende meinen verweinten Blick schnell von dem Bild und renne fast durch die Halle, um den Seitenflügel zu betreten. Hier sind die Schlaf- und Badezimmer. Nur Pastors Zimmer ist so groß, dass es eher einem weiteren Wohnzimmer gleicht mit einem geräumigen Bad nebenan.
Pastors Zimmer war nie verschlossen worden, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals Frieda oder Ben danach darin gesehen zu haben und auch ich habe es nie mehr betreten, obwohl ich als Kind viele Stunden mit Pastor darin verbracht, seinen Geschichten gelauscht oder einfach auf dem dicken Teppich zu seinen Füßen gespielt habe, während er seine Pfeife rauchte oder einfach in seinem Sessel schlief.
Mein Herz pocht als ich die Türe öffne. Wie viele Jahre ist es her? Ich rechne zurück. Sieben.
Das erste, was ich denke, ist, dass keinesfalls sieben Jahre her ist, seit dieser Raum das letzte Mal betreten wurde. Nicht einmal sieben Tage vermute ich. Die Luft riecht frisch und es liegt kein Staub auf Pastors vielen vielen Büchern. Die Bücher stehen in Regalen, sie liegen quer über den Büchern und in zweiter Reihe vor ihnen. Zuletzt sind noch Stapel auf dem Fußboden dazu gekommen, die gen Zimmerdecke wuchsen, wie der Turm von Babel gen Himmel.
Unter all der Sauberkeit und der frischen Luft rieche ich noch seinen Tabak. Sein Zimmer gleicht unserer Halle in kleiner, es ist nur sehr viel vollgestopfter, denn anders als Frieda mochte Pastor es, wenn seine Regale überquollen. Aber auch hier steht sein Sessel neben dem Kamin. Tatsächlich steht er auch rechts neben dem Kamin, mit einem Tischchen daneben und dem Blick ins Zimmer hinein mit den Füßen auf dem kleinen Hocker, den er extra dafür geschenkt bekommen hatte. Ben hat ihn heimlich in den Werkstätten gezimmert.
Sehnsüchtig schnuppere ich nach den vergangenen Tagen und Abenden und gleichzeitig mustere ich seine Regale und Borde und frage mich, ob ich etwas finden werde, was mir weiterhilft. Ich weiß nicht, was ich suche, aber ich glaube, dass es am ehesten Pastor gewesen sein könnte, der sich Notizen gemacht hatte. So oft habe ich ihn an seinem Schreibtisch sitzen sehen, mit seinem Füller in der Hand über irgendwelche Papiere gebeugt.
Sein Schreibtisch. Ich gehe durch den Raum zum Fenster, unter dem der große Schreibtisch aus dunklem Holz steht. Vorsichtig sinke ich in den Sessel davor und schaue aus dem Fenster. Es ist ein schöner Platz. Auch von hier kann man sehen, wo sich der Atlantik und der Indische Ozean treffen – wenn man es nur will. Wem hier keine Gedanken kommen, dem kommen gar keine.
Ich taste nach der obersten Schublade rechts und ziehe sie problemlos auf. Neugierig sehe ich hinein. Sein alter, schöner Füllfederhalter liegt dort, seine Pfeife und etwas Tabak. So ordentlich wie sie da liegen, wird sie wohl Frieda dorthin gelegt haben.
Die nächste Schublade hat ein Schloss, in dem ein kleiner goldener Schlüssel steckt. Ich drehe ihn nach links und ziehe die Schublade auf.
Vor mir liegt eine Mappe, ein grüner Schnellhefter aus Papier. Hugo steht darauf.
Ich nehme ihn aus der Schublade und schlage ihn auf:
Meine Augen fliegen über die ersten Sätze, dann stocken sie und rasen schneller weiter:
„Mein Blick fällt auf einen Stapel weißen Papiers neben dem Drucker und plötzlich weiß ich, was ich tun muss. Ich weiß genau, wo sie liegt und wühle schnell meine alte Pfeife hervor und den Tabak – obwohl ich mir schon vor Jahren geschworen habe, sie nicht mehr zu benutzen.
Der Tabak riecht so, wie etwas riecht, was alle seine Aromen verloren hat. Schnell stopfe ich die Pfeife und merke, als ich das brennende Zündholz daran halte, dass meine Hände zittern. Mit zitternden Händen greife ich nach meinem schönen alten Federhalter, schraube seine Kappe ab und beginne mit krakeliger Schrift zu schreiben:
In den 37 Jahren meiner Dienstzeit als Pastor habe ich sehr viele Geschichten gehört, sogar Geschichten von Mördern oder solchen, die Mörder werden sollten, von Betrügern und Schlägern, von Geschlagenen und Betrogenen, Geschichten, die mich erschütterten, die mich wütend oder traurig machten, die mein Mitleid oder meinen Zorn erregten, aber nie, niemals habe ich eine Geschichte gehört, wie die der Frau, die gerade eine Melodie summend mein Zimmer verlassen hat, keine fröhliche Melodie, sondern eher eine erhabene, die mir bekannt vorkommt, die ich aber gerade nicht zuordnen kann und mich zurücklässt als einen alten Mann, der alles, was er je getan und geglaubt hat, nun bezweifeln muss.
Ich schreibe diese Geschichte auf, um zu verstehen, was ich nicht verstehen kann. Normalerweise würde ich jetzt schreiben „Gott helfe mir - aber wie kann ich?“
Aufstöhnend sinke ich in seinen Sessel zurück. Jedwede Form der Fassungslosigkeit, die Pastor – die DER Pastor damals verspürt haben muss, kann meine nicht überbieten. Meine Gedanken rasen aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig aufeinander zu und krachen ungebremst ineinander. Totalschaden in allen meinen Gedanken!
Ich habe anderthalb Seiten gelesen! Ich weiß, dass der Mann, den ich und alle anderen immer nur Pastor riefen, ein Pastor war und ich weiß, dass die Geschichte, die er mit krakeliger Schrift zu Papier gebracht hat, Friedas Geschichte sein muss.
Ansonsten weiß ich noch, dass ich jetzt ein Kaminfeuer brauche, Pastors Pfeife rauchen und weiterlesen will.
Das Kaminfeuer weigert sich, sich schnell entzünden zu lassen – wie immer, wenn es schnell gehen soll, geht es langsam. Aber dann flackert es nicht mehr, sondern brennt und ich stopfe Pastors Pfeife, wie ich es manchmal für ihn getan habe, nehme mir ein Glas Rotwein und setzte mich in seinen Sessel neben dem Kamin. Und dann lese ich!
Ich lese und lese. Zwischendurch und währenddessen trinke und rauche ich, lege Holz auf das Feuer auf - ich merke es kaum.
Ich lese und lese und lese und dann lese ich:
„Nein! Dieses Leben ist vorbei. Ich bin alt und meine Hände zittern. Aber mein Herz zittert nicht. Ich gehe jetzt. Ich kann nicht anders!
Ende.“
Ende. Ende. Ende. Ende steht dort, aber das Einzige, was ich wirklich begriffen habe, ist, dass es nicht das Ende war. Es war ein Anfang! Der Totalschaden meiner Gedanken qualmt und raucht. Ich rauche. Ein Trümmerhaufen. Ein rauchender Trümmerhaufen.
Benommen stehe ich auf. Ich gehe in Pastors Zimmer auf und ab und ringe mit den Trümmerteilen in meinem Kopf. Ich muss sie sortieren. Aber dann verstehe ich, dass ich etwas, dessen System ich nicht verstanden habe, auch nicht sortieren kann.
Ich gehe zu Pastors Schreibtisch. Ich ziehe die dritte Schublade auf. Ein weiterer Stapel Papier. Kann ich das?
Ich blättere die Papiere durch und begreife, keine fertige Geschichte vor mir zu haben. Es scheint wie ein Haufen Notizen, die mal gründlich und mal weniger gründlich zusammengefügt wurden.
Pastor hat sich auf die Suche nach Frieda gemacht – so viel verstehe ich. Und immer wieder taucht Bens Name auf. Fast immer ist er mit einem Fragezeichen versehen.
In meinem Leben war er kein Fragezeichen. Womit hat Ben sich all diese Fragezeichen verdient?
Ich schiebe alle Papiere an ihren ursprünglichen Ort und verlasse Pastors Zimmer. Ich muss zu Ben.
Frieda und Ben hatten zwei Zimmer, die durch ein gemeinsames Bad zwischen ihnen verbunden sind. Bens Zimmer! Bei uns hieß es immer „die Zelle“. Spiegelverkehrt sieht es genauso aus wie Friedas Zimmer. Damit sind aber auch alle Ähnlichkeiten genannt. Die Einrichtung seines Raumes kann man gerade noch Einrichtung nennen. Außer einem schmalen Bett, einem Schreibtisch, einem Bücherregal und einem sehr kleinen Kleiderschrank gibt es dort nichts.
Der Schreibtisch und das Regal waren immer penibel aufgeräumt. Ich finde es mönchisch. Ben meinte immer, es sei ausreichend und übersichtlich. Übersichtlich hat er immer besonders betont. Obwohl in meinem Kopf der Trümmerhaufen qualmt, verstehe ich gerade heute, dass „übersichtlich“ für ihn wichtig war. Er hat das Wort oft benutzt. Und er hat übersichtlich gelebt.
Ich mache das, was ich bei Pastor auch gemacht habe: Ich gehe zum Schreibtisch und ziehe die oberste Schublade auf.
Säuberlich zusammen geheftet liegt dort ein Stapel Papier.
Auf dem Deckblatt steht Hansens Haus. In großen Buchstaben und am Computer geschrieben. Es liegt dort, wie für mich hingelegt. Aber anders als bei Pastor bietet Bens Zimmer keinen gemütlichen Sessel, in dessen Tiefe ich gleichzeitig mit der Lektüre versinken kann. Zögerlich betrachte ich sein Bett. Schließlich setze ich mich im Schneidersitz darauf und blättere die erste Seite auf.
Das Haus wuchs. Es wuchs und es starrte ihn an. Wütend!
Nein!
Doch!
Er schloss die Augen. Er atmete. Tief in den Bauch.
Sein Haus wuchs nicht und es starrte ihn auch nicht an. Bestimmt nicht!
Er atmete. Tief in den Bauch. Atmete langsam.
„Komm!“
Er hatte es nicht gehört. Bestimmt nicht!
„Komm!“
Er hatte es nicht gehört. Er spürte es!
Nein! Er hatte es nicht gehört und er spürte es auch nicht.
Sein Haus sprach nicht und wie sollte er es spüren?
Er stöhnte. Zwischen seinen geschlossenen Lidern traten Tränen hervor. Auf seiner Stirn wuchsen kleine Schweißperlen. Sie wuchsen, perlten über die Haut.
„Komm!“
Seine Fäuste umklammerten das Lenkrad. Sie zitterten. Immer fester schloss er seine Finger um das abgewetzte Leder.
Er zitterte am ganzen Leib. Sein Auto vibrierte. Seine Knöchel starrten ihm weiß entgegen.
Er hatte es gespürt. Und er hatte es gehört.
Er hatte gespürt, wie sich seine eigenen Lippen öffneten, wie sie sich formten und wie sie sich schlossen.
Er hatte gehört, was sie ihm sagten:
„Komm!“
Fieber! Er hatte Fieber. Er war krank!
Bereits nach der ersten Seite Lesens habe ich einen Krampf im Bein und einen im Herzen. Ich bin mir sicher, dass Ben das geschrieben hat. Es ist auf eine seltsame Art und Weise seine Art und Weise, obwohl es inhaltlich nicht zu ihm passt und ich mir nicht vorstellen kann, dass Ben so verstört sein kann. Obwohl er distanziert in der dritten Person schreibt, weiß ich sofort, dass er von sich schreibt. Oh weh!
Ich rutsche in eine liegende Position und lese weiter. Lese, lese und lese. Und dann halte ich atemlos und tränenverschmiert die letzte Seite in meinen Händen.
Er lief, er rannte den Weg entlang. Er schrie. „Mörder!“, schrie er. „Ihr habt mich umgebracht! Ihr seid alle Mörder!“
Tränen und Spucke liefen aus ihm. Seine Schritte hämmerten. Sein Herz hämmerte.
„Mörder“, hämmerte es. „Mörder, Mörder, Mörder.“
Er rannte und schrie, schrie und rannte. „Mörder!“, gellte es aus seinem sabbernden Mund.
„Mörder!“, keifte er. „Ihr habt mich umgebracht, umgebracht! Ihr alle habt mich umgebracht! Getötet! Ilsebill, I – L- S – E – B – I – L – L“, kreischte er in den Himmel.
Die Sterne blickten stumm auf ihn herab.
Er stolperte, rannte den Berg hinauf. „Eva“, schrie er. „Du hinterlistige Schlange! Miststück, Mörderin! Eva, Miststück, Mörderin, Eva, Miststück, Mörderin!“ Seine Stimme gurgelte, überschlug sich.
„Eva“, weinte er. „Ilsebill, Eva, Bjarne, Moni!“ Er spuckte und spuckte. Spuckte auf sich selbst. Spucke tropfte, er rannte. Er rannte und weinte und schrie. „Moni“, heulte er.
„Leah, Ilsebill. Manntje, Mantje Timpe Te, der Lars, der kommt und tut euch weh!“ Er lachte. Er lachte und lachte.
„Der Lars, der kommt und tut euch weh!“ Sein Lachen gellte schrill in den Himmel. Spucke tropfte. Er rannte.
Links sah er die Bank. Auf ihr lehnte ein Bild. Onkel Wilhelm lächelte jung und frisch aus seinem Ölgemälde. Grüßend hob er die Hand.
Die Sterne blicken stumm auf mich herab. Was sollen sie auch dazu sagen? Von Ben hatte ich mir Klarheit erhofft.
Stattdessen weiß ich jetzt zwar, wie er Frieda kennengelernt hat, aber sonst könnte ich direkt zu Pastors Aufzeichnungen zurückgehen und seinen Fragezeichen noch viele weitere Fragezeichen hinzufügen.
„Ich bin niemand“, sagt er in seinen Aufzeichnungen, woraus Ben Niemand wird. Offensichtlich ist sogar sein Name falsch. Wer ist Ben? Was ist passiert? Wie kommt er zu Frieda zurück? Wie hat er das überstanden? Überlebt?
Übersichtlichkeit! Die hätte ich jetzt auch gerne, aber Ben kann sie mir nicht bieten.
Während Pastors Aufzeichnungen so klingen, als sei ihm die Fantasie in übermütigen Sprüngen durchgegangen, lesen sich Bens Aufzeichnungen wie die eines Irren – zumindest aber wie die eines schwer psychisch kranken Menschen.
Obwohl es mir wehtut, seine Sätze zu lesen, lese ich die letzte Seite noch einmal: „Der Lars, der kommt und tut euch weh.“
Ob Ben in Wirklichkeit Lars heißt? Außer Ilsebill sagen mir die Namen, die er nennt, alle nichts. Und die Ilsebill ist eine Märchenfigur. Wie heißt das Märchen doch gleich?
Vom Fischer und seiner Frau. Eine Parabel zum Thema Maßlosigkeit.
Maßlosigkeit. Übersichtlichkeit. Ich sehe mich in Bens „Zelle“ um. Ist es eine Büßerkammer? Die weißgetünchten und bilderlosen Wände schauen teilnahmslos und stumm auf mich. Acht Fragezeichen von mir zum Thema Ben. Vorerst acht!
Ich stehe auf und bringe das Manuskript zurück in die Schublade. Jetzt will ich wieder zu Pastor, in seine unordentliche Gemütlichkeit. An die Wärme seines Ofens. An die seines Herzens. Aber am allermeisten will ich zu Frieda.
Ich müsste nur durch das Bad in ihr Zimmer gehen. In ihr aufgeräumtes und gemütliches Zimmer. Frieda brauchte nicht viele Möbel, um ein Zimmer gemütlich zu machen. Ihr Zimmer ist auch übersichtlich. Gewissermaßen. Gewissermaßen aber auch nicht. Wie soll ich es beschreiben? Die Struktur ist übersichtlich, aber innerhalb der übersichtlichen Struktur ist es… Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich bin gerne dort. Nur jetzt graut mir vor einer Schublade ihres Schreibtischs.
Was schreibe ich da? Mir graut vor denen, die ich so liebe.
Die mir so vertraut waren. Bei denen ich mich geborgen gefühlt habe. Geborgen, geborgener, am geborgensten. Punkt.
Ich gehe in das Bad und hindurch und öffne Friedas Zimmertür. Sofort rieche ich sie. Der typische Frieda-Geruch.
Mit ihrem Geruch ist das wie mit ihrem Zimmer. Er ist schwer zu beschreiben. Gerüche sind allgemein schwer und nur durch Vergleiche beschreibbar. Womit soll ich aber Unvergleichliches vergleichen? Es riecht nach…nun, es riecht auf jeden Fall immer ein wenig nach den jeweiligen Kerzen, die sie überall in ihrem Zimmer stehen hat und ein wenig nach Zigarettenrauch, obwohl sie nie in ihrem Zimmer und nur wenig draußen geraucht hat. Das klingt völlig falsch.
Wer das liest, stellt sich jetzt etwas ganz Falsches vor. Es riecht gut, behaglich, ehrlich. Es riecht nach Frieda.
Was werde ich in ihrer Schublade „erschnüffeln?“
Entschlossen gehe ich zu ihrem Schreibtisch und ziehe die unterste Schublade auf. Es ist, als ob ich es wüsste. Darin liegen mehrere Collegeblocks. Ich nehme sie alle und dann gehe ich. Ich gehe in die Halle, durch sie hindurch und setze mich in Friedas Sessel. Einzig und alleine hier will ich lesen, was Frieda mir zu sagen hat. Und ich weiß, dass sie es auch will.
Ich nehme den obersten Block und schlage ihn auf:
RAGNARÖK?
Ragnarök steht dort als Titel und mit einem Fragezeichen versehen.
Wer oder was ist Ragnarök? Ich schlage die nächste Seite auf und sehe, dass sie teilweise zusammenhängende Texte, aber auch einzelne Gedanken notiert hat – ähnlich wie Pastor einem Assoziogramm gleichend. Vieles ist mit Frage- oder Ausrufezeichen oder Pfeilen und Sternchen versehen.
Das wird nicht leicht!
Aber den Anfang hat sie mir leichtgemacht. Wie Ben schreibt sie in der dritten Person, obwohl sie ganz sicher von sich selbst schreibt. Sie nennt sich selbst beim Namen – genau so, wie sie die Dinge immer beim Namen genannt hat.
„As lonely as one can be“, sagte Frieda und lauschte in die beginnende Nacht wie ihre Worte sich anhörten.
Gar nicht, stellte sie fest. Sie verschwanden kraftlos, sie kamen nicht weit. Sie verhallten nicht einmal. Zum Verhallen hätte Kraft gehört.
Das Knistern des kleinen Feuers vor ihr war lauter als es ihre Worte waren. Frieda überlegte, ob sie es noch einmal und kraftvoller sagen sollte, um dem Echo ihrer Einsamkeit lauschen zu können, aber sie beschloss, dass es besser passte, ihre Kraftlosigkeit nicht kraftvoll klingen zu lassen, obwohl ihre Einsamkeit so gewaltig war, dass kein Schrei laut genug dafür sein könnte.
„Who’ll come with me?“, summte sie stattdessen leise ins Feuer und es war ihr egal, dass es zu leise war, das Knistern zu übertönen, denn es gab sowieso niemanden, der mit ihr ging. Nicht mehr!
Frieda saß auf einem kurzen Baumstamm, den sie vor eines der Räder ihres Bauwagens gerollt hatte, mit einem Kissen im Rücken und ausgestreckten Beinen.
Sie dachte an ihr rotes Haus vor dem kleinen Wald mit dem Hügelgrab darin und an die Menschen, die dortgeblieben waren. Und sie dachte an den, der weggegangen war.
Hugo!
Hugo. Ich kenne die Geschichte von Hugo und Frieda. Die hat Pastor niedergeschrieben. Aber sie ist völlig unglaubwürdig.
Hier enden jedenfalls vorläufig die ausgeschriebenen Sätze.
Ich sitze in Friedas Sessel, ich halte ihre Gedanken in meinen Händen und ich weiß, dass ich sie sortieren muss.
Wahrscheinlich muss ich sie mit Pastors Aufzeichnungen gemeinsam durchgehen und versuchen, Klarheit in die Manuskripte zu bekommen. Oder mit Bens Worten: Übersichtlichkeit.
„Es ist völlig hoffnungslos“, murmele ich vor mich hin.
Nach einer kurzen Nachtruhe mit wenig Ruhe sitze ich mit Friedas Collegeblocks und Pastors losen Blättern im Garten unter dem Lieblingshibiskus von Frieda. Das Rot seiner Blütenblätter ist unvergleichlich, unbeschreiblich. Es ist ein solch warmes Rot, dass es sich anfühlt, als ob man unter einer kleinen Heizung säße, die ihre Wärme durch die Pupillen direkt ins Herz leitet.
Während über mir der Himmel ungetrübtes Blau zeigt und ringsherum die Vögel zwitschern, starre ich auf die Notizen, die so kryptisch sind, dass ich einen Codebreaker engagieren müsste, um sie zu verstehen. Die Zwei haben keine bestimmte Verschlüsselung gewählt, um ein Geheimnis zu hüten. Sie haben auf sich auf Wissen bezogen, das ich trotz der Lektüre von Pastors und Bens Manuskripten nicht habe, keine ganzen Sätze geschrieben, sondern nur Stichworte, gestrichen, geschmiert, geschlurrt. Für solche Hausaufgaben hätte ich höchstens Gelächter geerntet und den freundlichen Hinweis, es doch bitte noch einmal zu machen.
Es ist frustrierend. Mir ist, als habe ich einen Schlüssel in der Hand für eine unbekannte Tür, oder besser ein Zahlenschloss, dessen Code ich nicht knacken kann und deshalb draußen bleiben muss, während die anderen drinnen sind.
So gerne möchte ich die Türe öffnen und zu ihnen hineingehen. Wieder bei ihnen sein. Eigentlich muss ich sogar sagen, ich möchte bei ihnen sein auf eine Art, auf die ich nie bei ihnen sein konnte, weil mir diese Tür verschlossen blieb.
Dinge, die ein Kind nicht versteht.
In den feuerroten Blütenkelchen summen die Bienen vor Freude über den leckeren Nektar. Mein rechtes Bein wippt unruhig über dem linken. Eine Biene landet auf meinen Füßen – offenbar hält sie meine roten Zehennägel auch für Blütenblätter. Suchend fliegt sie von Zehe zu Zehe. Sie gibt nicht auf. SIE gibt NICHT auf, denke ich und greife wieder nach Friedas Collegeblocks. Ich blättere mich durch die Seiten.
Ortsnamen von Orten, die ich nicht kenne. Namen von Menschen, die ich nicht kenne. Typisch Frieda: Telefonnummern und Einkaufslisten mittendrin.
Frieda schrieb sich ständig irgendwelche Dinge auf, die ihr wichtig waren oder die sie nicht vergessen wollte oder durfte. Ich lächele bei der Erinnerung daran, wie sie erst nach ihrer Brille, dann nach einem Stift suchte und schließlich das erstbeste Papier nahm, das ihr in die Quere kam, um zu notieren, was sie gerade im Kopf hatte.
Meistens waren dann die Zettel verschwunden oder sie wusste nicht mehr, wohin sie ihre wichtigen Gedanken notiert hatte. Trotzdem hat immer alles irgendwie geklappt.
Wieder blättere ich durch ihre Collegeblocks. Sie hat sich alles notiert. Irgendwo hier liegt der Schlüssel!
Vielleicht müsste ich systematischer vorgehen? Aber welche Systematik ist es, die ich hier anwenden muss? Ich nehme den ersten Block und lese noch einmal die ersten ausgeschriebenen Zeilen. Dort finde ich nichts als Trauer.
Traurig blättere ich weiter. „Bens Bank“ steht da. Daneben hat sie einen Vogel gezeichnet. Was soll ich damit anfangen? Frieda konnte nicht gut zeichnen. Der Vogel ist gerade eben so als Vogel zu erkennen. Ich blättere weiter. Wieder ein Vogel. Nun ja – Frieda liebte Vögel. Selbst hier, wo Vögel kaum Not leiden müssen, hat sie immer wieder Futter zu ihren Vogelhäuschen gebracht und sich gefreut, wenn einer erschien, den sie vorher noch nie gesehen hatte. Dann nahm sie ihr Bestimmungsbuch und suchte so lange, bis sie das Tier identifiziert hatte.
Ich muss unbedingt ein paar Körner in ihre Häuschen streuen.
Neben der Zeichnung stehen ein paar Buchstaben. „Muu“ oder „Muh“ glaube ich zu entziffern. Vielleicht heißt es auch „Mun“.
„Muh“, sage ich vor mich hin. „Muu. Mun“, probiere ich dann. „Muninn“, brülle ich plötzlich auf, als sei die Biene auf meinen Zehen eine Wespe und habe mich gestochen.
„Muninn!“
„Muninn und Huginn“, so heißen die beiden hölzernen Methusalems vor unserer Eingangstür.
„Kann das sein?“, frage ich mich. Aber natürlich kann das sein! Warum sollten die beiden dort stehen und so heißen, wenn sie nicht irgendeine Bedeutung für Frieda, Pastor und Ben gehabt hätten.
Schnell stehe ich auf und renne durch den Garten, um die Ecke mit dem Oleander, der empört seine Blütenblätter nach mir wirft und zur Eingangstür mit den beiden Raben.
Schnaufend bleibe ich vor ihnen stehen, schiebe die dornigen Ranken beiseite und streichele über ihre Köpfe.
Der rechte ist Huginn, links steht Muninn. Ich drehe mich zu Muninn und streichele ihn mit beiden Händen – nicht nur über den Kopf, sondern auch seitlich über seine hölzernen Flügel und dann über den Schwanz. Liebevoll klopfe ich seine vorgewölbte Brust. Sie klingt hohl.
Sanft klopfe ich mit dem Knöchel meines Zeigefingers erneut gegen ihn. Der Vogel ist hohl. Der Vogel hat Geheimnisse. Wie bei Dornröschen sind sie durch Dornen geschützt.
Mit der rechten Hand streiche ich durch die Dornen über seinen Unterleib und taste nach etwas, was sich bewegen lässt. An Muninn sind keine versteckten Hebel angebracht, stelle ich fest. Enttäuscht ziehe ich meine verschrammte Hand aus den Rosen und stoße vor Schreck gegen ihn, als sich eine Dorne in meinem Handrücken verhakt.
Muninn schwenkt knarzend zur Seite. Vor Aufregung schnaufend, schiebe ich meine blutige Hand unter ihn und in die Öffnung hinein, die sich mir preisgibt. Meine Hand taucht in eine hölzerne Höhle. Ich spüre etwas aus Metall, etwas Rundes und ziehe vorsichtig daran. Kurz darauf halte ich eine Metallröhre in der Hand. Obwohl ich vor Ungeduld zittere, schiebe ich Muninns Leib sanft an seine richtige Stelle zurück, streichele ihm über den Kopf und drücke ihm ein Küsschen auf den silbern glänzenden Scheitel.
„Danke!“, flüstere ich, bevor ich zurück um die Ecke mit dem Oleander, durch seine abgeworfenen Blütenblätter hindurch in den Garten rase und mich schnaufend in meinen Liegestuhl werfe.
Die Röhre hat unten eine Öffnung, die mit einem Gummipfropfen verschlossen ist, der sich leicht lösen lässt. Ganz vorsichtig greife ich hinein und dann halte ich eine dicke Rolle fest verschnürter Papiere in meiner Hand. Meine bebenden Hände schaffen es kaum, die Knoten zu lösen, die die Papiere zusammenhalten. Es ist ein dicker Stapel, Blatt für Blatt mit feiner blauer Schrift überzogen, die weder Friedas, noch Bens oder Pastors ist.
Meine Augen suchen nach den ersten Worten und weiten sich, als sie sie finden:
