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Schönen Gruß vom Universum, Götter sind auch nicht allmächtig. Nachdem Elin, überzeugt von Raimonds Tod, in den Feenwald geflohen ist, sammelt Iris erneut Schatten um sich. Das Leben der Erdenbewohner verfällt in bedrohliche Dunkelheit. Doch das Universum fordert seinen Tribut. Der finale Teil, der Railin-Trilogie begleitet Raimond und Elin auf der letzten Etappe ihrer Bestimmung durch Perspektiven der Göttlichkeit, erfüllt von Erwartungen, Zweifeln, Wachstum und Liebe.
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Prolog: Die verlorene Göttin
1: Idgie
2: Ausgelöscht
3: Glück und Leid
4: Ein Geheimnis
5: Göttlichkeit
6: So, oder so
7: Mitgespielt
8: Lebenszeichen
9: Wahrheiten
10: Unterwerfung
11: Erleichterung
12: Blickwinkel
13: Konsequenzen
14: Schlüssel
15: Kreisende Möwen
16: Verlorene Seelen
17: Leichtigkeit
18: Befreiung
19: Illusion
20: Zuversicht
21: Verfluchtes Universum
22: Die Prophezeiung
23: Nähe
24: Hatten wir jemals die Wahl, uns nicht zu verlieben?
25: Ein Sonnenstrahl
26: Ewigkeit
Epilog: Railin
Hohe wogende Wellen brachen sprudelnd, weite, weiße Gischt schlagend an die steilen, scharfkantigen Klippen des Ortes, den die Elfen „Das Ende der Welt“ nannten. Ein pfeifender, brausender Wind fegte durch Elins, mit Fünkchenstaub durchsetztes Haar. Wolkenfetzen jagten über das Firmament, verschleierten Mond und Sterne, verdunkelten den Glanz der tanzenden Funken. Gedankenverloren, verschmolzen mit der Energie ihrer Umgebung stand Elin am Rande der Klippen, spürte die Gischt auf ihrem Gesicht, schmeckte Salz auf ihren Lippen, wünschte, es wären Tränen, die ihr Herz leichter werden ließen, die sie wieder frei Atmen lassen würden. Leichtigkeit. Ein Gefühl, das so fremd, so unendlich weit weg erschien, nachdem sie sich unermesslich sehnte, wollte nicht zu ihr zurückkommen. Hatte sie im Stich gelassen. Angst, die sie bislang nicht gekannt hatte, füllte sie mit Unruhe. Angst zu versagen, Angst vor ihrer momentanen Unzulänglichkeit, Angst um den Herzschlag, der kräftig unter ihrem eigenen schlug. Der sie zu Untätigkeit zwang, der ihren trüben Gedanken Hoffnung schenkte, der sie am Leben hielt. Elin blickte in das unendliche Schwarz des Ozeans, wartete. Wartete auf Agnes, die das Zeichen zum Aufbruch geben würde. Elin wusste, es war so weit. Das unangenehme Zwicken, welches sie eine Zeitlang in Ruhe gelassen hatte, saß ihr wieder im Nacken und hatte sie auf die Klippe geführt. Sie wusste, was es zu bedeuten hatte. Iris. Iris hatte begonnen erneut die Schatten zu sammeln. Elin hatte auf diesen Tag gewartet, seitdem sie beschlossen hatte die Erdenbewohner nicht Iris` Herrschaft zu überlassen. Er kam zu früh. Sie musste Zeit gewinnen. Der Wind frischte auf, peitschte ihr das grobe Hüterinnengewand um die Knöchel, spannte es über der Wölbung ihres Bauches. Ein kaum wahrnehmbares Geräusch ließ den Muskel ihres Innenohres zusammenzucken, die gebeugte Gestalt im Dunkel hielt inne. Elin seufzte leise und streichelte liebevoll ihren Bauch. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, doch Besorgnis stand auf ihrer Stirn. Ein langer Fußmarsch ins Tal der Feen lag vor ihr.
Agnes erwartete sie im Innenhof des Tempels. Die Hüterinnen liefen aufgeregt, jedoch mit Bedacht durch die Gänge des Tempels und sammelten das bereitstehende Gepäck.
>>Vampire am Waldrand.<<, raunte Agnes in die Dunkelheit und taxierte Elins Erscheinung.
Elin ignorierte ihren Blick. >>Ja.<<, entgegnete sie knapp und gefasst.
Agnes beäugte sie misstrauisch. Sie wusste, um Elins Unbehagen sich verstecken zu müssen. >>Komm nicht auf komische Ideen, Kind.<<, zischte Agnes scharf. >>Wir haben das besprochen. Wir brechen auf der Stelle auf. Du kümmerst dich um die Elfen und ich begleite die Hüterinnen.<<
Elin schwieg einen Moment, kämpfte gegen ihren aufsteigenden Unmut nicht über ihre vollständige Macht verfügen zu können, nickte jedoch zustimmend. Vernünftig war zunächst das zu beschützen, was greifbar war. Ihr Eingreifen würde früh genug gefordert werden. Iris hatte die Kämpfe eröffnet, Elins Zug war die Flucht aus dem Tempel, doch ihre Sorge um ihre Freunde ließ sie nicht los. >>Was ist mit den Waldlingen?<<, fragte sie angespannt.
>>Halten sich versteckt.<<, antwortete Agnes knapp.
>>Gut.<<, seufzte Elin erleichtert, >>Ich hoffe nur, dass sie nicht übermütig werden. Ich weiß wohl, dass sie kämpfen können..., aber sie sollen ihre Kräfte schonen. Wer weiß, was noch auf sie zu kommt.<<
>>Ich weiß! Ich weiß!... Keine Sorge!<<, versuchte Agnes zu beruhigen und fügte gehetzt hinzu, >>Hol jetzt die Elfen! Wir versammeln uns am Tor!<<
Elin nickte und eilte, so leichtfüßig es ihr Bauchumfang zuließ, zum Elfenstein. Den Nordstein würde es künftig nicht mehr geben.
Agnes wartete bis Elin in den Korridoren verschwunden war, dann gab sie dem Waldling, der die Nachricht überbracht hatte ein Zeichen aus seinem Versteck zu kommen. >>Ist ER dabei?<<, raunte sie Doroll alarmiert zu.
>>Ja!<<, bestätigte Doroll mit kampfeslustiger Stimme, >>Er führt sie an.<<
Ein angewidertes Grollen entwich Agnes` Kehle. Angespannt fuhr sie fort, >>Lasst diese widerwärtigen Ausgeburten passieren. Haltet euch zurück. Lasst sie ins Leere laufen. Und Doroll, das Wichtigste. SIE darf IHN nicht sehen!<<
Doroll grollte unzufrieden, stimmte jedoch zischend zu, >>Ist gut!<<
>>Gut! Dann geh jetzt!<<, entgegnete Agnes heiser und wandte sich mit schweren, entschlossenen Schritten in Richtung Tor. Doroll entschwand flink und lautlos in die Dunkelheit, die Hüterinnen versammelten sich und Elin erschien mit dem, in einen Kokon gehüllten, Elfenstein. Lautlos begann der Marsch. Nur die Elfen fluchten und schimpften in die klagenden Winde, die durch die verlassenen Mauern am Ende der Welt fegten.
Trotzig ragte der Torbogen in den verschleierten Nachthimmel, als Raimond und seine zwei Begleiter den Innenhof des Tempels erreichten. Drei Vampire am verlassenen „Ende der Welt“. Kein Herzschlag verbarg sich hinter den abweisenden, kargen Mauern. Klagend fluchten die Böen des scharfen Windes in den Korridoren. Raimond ließ seine Begleiter wortlos stehen und schritt mit finsterer Miene dem Lagerplatz des Elfensteins entgegen. Bei seinem ersten Besuch hatte Agnes sich gesträubt, ihn zum Stein mitzunehmen, Elin hatte jedoch darauf bestanden. Er persönlich hätte darauf verzichten können, die Elfen des Nordsteins waren genauso zickig, wie alle anderen. Nun stand er an diesem verlassen Ort und ein kaum merkliches, resigniertes Schnaufen entschlüpfte ihm, als er den Sockel ebenfalls verlassen fand.
>>Sie sind gewarnt worden.<<, fauchte er verärgert seinen Begleitern zu, die ihm gefolgt waren, >>Ich habe befürchtet, dass die Waldlinge schneller sind. Agnes kann mit den Elfen noch nicht lange fort sein. Vielleicht waren sie unvorsichtig und haben Spuren hinterlassen. Kommt!<<
>>Waldlinge!<<, prustete der Vorlaute des Trupps belustigt, >>Jetzt mal im Ernst, Rai. Ich hab nich eine dieser Kreaturen gesehen, seit wir hier durch die Wildnis stapfen. Was zum Kuckuck tischst du uns für Räubergeschichten auf? Und apropos gewarnt worden, hier ist bestimmt seit Jahrhunderten niemand mehr gewesen..., so wie`s hier müffelt. Und ehrlich gesagt, hab ich auch keinen Bock mehr durch irgendwelche Wälder zu latschen. Das führt doch zu nix.<<
Raimond fixierte den Vorlauten mit einem scharfen, herablassenden Blick.
>>Ja, genau!<<, mischte sich der Andere, ein großer Schlaksiger, ein, >>Was zur Hölle sollen wir in dieser Ruine Rai?<<, tönte er nörgelnd, >>Der Auftrag lautet: Die blonde Tussi finden und Elfen töten. Du hast uns durch die Wildnis zu dieser Ruine geschleppt, und was is? Keine Blondine, keine Elfen... Und keine Waldlinge! Die hätte man wenigstens noch verputzen können... Echt Rai! Was fürn Dreck ist das hier?! Können wir jetzt abhaun? Hier ist niemand und hier war niemand. Völlige Zeitverschwendung.<<
Seine nörgelnde Stimme hallte noch von den Wänden wider als Raimonds vernichtend flackernder Blick den seinen traf. >>Idiot!<<, schnaubte Raimond verächtlich, >>Natürlich waren sie hier! Die Lagespuren des Steines auf dem Sockel hat der Wind noch nicht verwischt. Und ja,... auch SIE war hier. Niemand sonst ist in der Lage einen Elfenstein zu bewegen, geschweige denn zu transportieren.<<
>>Na schön, dann waren sie hier.<<, äffte der Schlaksige, >>Und nun? Wo sind sie hin? Aufgestiegen ins Universum, oder was?!<<
Der Vorlaute gluckste bei der Vorstellung. Der Schlaksige fiel mit ein.
Raimond taxierte zunächst den einen, dann den anderen mit einem abschätzigen Blick. >>Schon möglich.<<, murmelte er mehr zu sich selbst. Mit herablassend gelangweilter Miene schnaubt er durch die Nase und näherte sich geschmeidig seinen feixenden Begleitern. Die Aufforderung ihrerseits an Raimond doch etwas Spaß zu verstehen, endete mit klaffenden Löchern in ihren Brustkörben. Ihre Herzen pumpten noch vor ihren Augen, als ihre Körper vor Raimonds Füßen zusammensackten. Das Geräusch ihrer dumpf auf den Steinboden klatschenden Herzen echote kurz im Korridor. Es folgte eisige Stille, in die der jaulende Wind einfiel. >>Ihr seid ungeeignet für diese Mission.<<, raunte Raimond in die Dunkelheit und verließ mit langen zielstrebigen Schritten den Tempel.
Auf der Klippe hielt er inne. Scharf fegte der Wind durch seine blonden Locken. Statisch flackten seine Augen in das unendliche Schwarz des Ozeans.
>>Nun denn,...<<, raunte er herausfordernd, >>dann werde ich dich wohl aus deinem Versteck herauslocken müssen. Die verlorene Göttin wird sich nicht mehr lange verstecken können. Und du wirst dafür büßen, was du mir angetan hast, denn unsere rechtmäßige Herrscherin wird endlich regieren.<<
Sanfte Sonnenstrahlen streichelten das satte, dichte Grün des Feenwaldes. Tautropfen glitzerten im ersten Licht des Tages und bunte, zarte Blüten reckten sich den scheuen Strahlen entgegen. Dichte Farne wechselten sich ab mit grasbewachsenen Lichtungen und blumenbesprenkeltem Waldboden. Moosbedeckte Baumstämme schmiegten sich in den würzig duftenden Boden. Tapsige, kleine Füßchen erkundeten die Geheimnisse des Dickichts und fröhliches Lachen erfüllte das Unterholz. Der uralte, friedliche Wald, jenseits der Gebirgskette kannte keine Trauer. Die Elfen hatten keine andere Wahl, als sich schmollend in ihr Schicksal zu fügen. Eingebettet in die Hohlräume eines Jahrhundertbaumes, haderten sie mit ihrer neuen Umgebung. Zuweilen gab es heftiges Gezeter. Es war ihnen zunächst zu dunkel, dann wahlweile zu warm oder zu kalt, dann zu stickig, zu... Elin verdrehte regelmäßig die Augen und ließ sie schimpfen.
Den Feen jedoch, zu frisch gebackenen Hüterinnen ernannt, war die neue Aufgabe nicht ganz geheuer. Sie waren daran gewöhnt, zeitvergessen mit dem Wald zu verwachsen. Die plötzliche Aktivität überforderte sie, so geschah es, dass sie von Zeit zu Zeit in ihre gewohnte, fließende Lethargie fielen. Von Natur aus zerstreut, vergaßen sie zuweilen sogar ihre eigene Existenz. Den Einbezug der Elfen in ihren Lebensraum hatten sie genügsam hingenommen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen widerstrebte ihrer Natur. Die ursprünglichen Hüterinnen arrangierten sich mit der Situation und übernahmen, wie zuvor im Tempel, die täglichen Aufgaben. Sie bereiteten die Mahlzeiten und kümmerten sich um die Wohnstätten. Agnes streifte ruhelos durch den Wald, warf hin und wieder einen Blick auf den Elfenbaum und genoss seine Energie. Auf das Gezeter der Elfen hatte sie jedoch ebenfalls keine Lust und blieb dem Stein fern. Und so blieben die Elfen weitestgehend unter sich, kreisten um sich selbst und lamentierten ununterbrochen über ihr Schicksal. Nur ein Gast schlüpfte regelmäßig durch das Wurzelgeflecht und krabbelte zu ihnen in den Hohlraum. Ein Gast, der das Gezeter konsequent ignorierte. Dieser Gast erkundete mit neugierigen Fingerchen den Elfenstein, bekam jedes Mal eine Elfe zu fassen, egal wie sehr sie sich bemühten sich zu verbergen, und staunte mit großen, blinkenden samtblauen Augen über das kleine Geschöpf mit den wippenden Fühlern und zarten Flügeln. Dieser Gast babbelte munter vor sich hin und quietschte vergnügt, wenn die gefangene Elfe resigniert mit den Fühlern wippte. Und da dieser Gast eine kleine Göttin war, ließen sie sie gewähren.
Elin stand mit sanftem Lächeln am Rande der Lichtung und beobachtete die Feen Liv, Ivy und Val, wie sie mit Idgie durch die hohen Gräser tollten. Friedlich und fröhlich hallte ihr Lachen durch das Unterholz. Nur zu gerne hätte Elin sich der Illusion hingegeben, dass dieser Alltag ewig andauern könnte, doch ihr Auftrag, die Erdenbewohner vor einer Schreckensherrschaft durch ihre größenwahnsinnige Schwester zu bewahren, drückte auf ihre Schultern. Sie konnte sich nicht ewig in diesem Idyll verstecken. Im Gegenteil wusste sie, dass sie sich beeilen musste. Idgie wuchs schnell und könnte in Agnes` Obhut bleiben. Dieser Gedanke brach Elin das Herz. Doch sie wusste, der Tag rückte näher. Durch Idgie hatte sie Raimonds Tod überlebt und wegen ihr hielt sie sich versteckt. Auf der Flucht vor Iris` Spähern, hatte sie das Geheimnis ihrer Schwangerschaft wahren müssen. Ihr Zustand hatte sie daran gehindert ihre vollständige Macht entfalten zu können und die Elfen hatten in Sicherheit gebracht werden müssen.
Vor rund achtzehn Monaten hatte Elin Idgie im Schutz des Feenwaldes geboren. Elin erinnerte sich an den Moment, in dem sie bemerkt hatte, dass sie schwanger war. Bereit die Erdoberfläche und alle Menschlichkeit hinter sich zu lassen, am Ende ihrer emotionalen Kräfte, hatte sie wimmernd zu Füßen des Elfensteines in Waldstadt gelegen und hatte sich nicht verwandeln können. Da hatte sie den winzigen Herzschlag in sich bemerkt, der sie schon zuvor davon abgehalten hatte ihren physischen Körper zu verlassen. Wie oft hatte sie sich verzweifelt gefragt, was sie auf der Erdoberfläche gehalten hatte. Warum sie sich das nach Raimonds Tod angetan hatte. Ihr Unterbewusstsein hatte es gewusst. Hatte sie in ihrem menschlichen Körper lange genug am Leben erhalten, um den Punkt zu erreichen, an dem eine Entmaterialisierung nicht mehr möglich gewesen war. Erstaunt hatte sie festgestellt, wie rund ihr Bauch zu diesem Zeitpunkt schon gewesen war. Sie hatte es nicht wahrgenommen. Wie alle anderen Anzeichen auch nicht. Glück hatte sich in ihr ausgebreitet. Ein Glück, welches sie noch nicht gekannt hatte. Und zum allerersten Mal in ihrem Leben hatte sie dem Universum gedankt. Bedauern, dieses Glück nicht mit Raimond teilen zu können, begleitete sie in jedem Augenblick mit ihrer Tochter, doch ihn sah sie jeden Tag in ihr. Ein Geschenk des Universums.
Und gleichzeitig war die Angst und Sorge, um dieses kleine Geschöpf, in ihr gewachsen. Ein innerer Kampf tobte in ihr und überschattete das Idyll des Feenwaldes. Iris musste vernichtet werden, sie scharte bereits Truppen um sich. Im Gegensatz zur gebotenen Eile, wusste Elin, sie durfte ihren Angriff nicht überstürzen. Iris würde jede ihrer emotionalen Schwächen ausnutzen und ihre Macht gegen sie verwenden, so wie sie es bereits zuvor getan hatte. Elin war sich der Tatsache sehr bewusst, dass Iris dazu in der Lage war, sie zu vernichten. Wieder und wieder wälzte Elin diese Gedanken und fürchtete den Tag, an dem Iris sie zu einer Handlung zwingen würde.
Unschuldig zogen dunstige Wolkenfetzen über den mondhellen Nachthimmel. Die Sterne prangten unnahbar in der lichtlosen Unendlichkeit und sanft wog der seichte Wind die hohen Baumwipfel. Elin hatte für magische Nächte wie diese, für sich und Idgie, ein Schlafsegel in die Krone des Wohnbaumes gespannt. So konnten sie gemeinsam friedlich und behaglich die Unendlichkeit, die sich auch in ihren Augen widerspiegelte, betrachten. Idgie schlief tief und zufrieden in Elins Armen, Elin spielte im Halbschlaf mit ihren Löckchen, die ihr bereits lang über den Rücken fielen. Sie hatte Raimonds Locken geerbt. Freche, vorwitzige Löckchen, die sich wild kräuselten und ihr in die Stirn fielen. Ein Nachtfalter fand den Weg herauf, verharrte mit regelmäßigem Flügelschlag im Glanz der Sterne, flog über die Wipfel davon. Die nächtlichen Stimmen des Waldes lullten Elin in einen seichten Schlaf. Eine schärfere Böe streifte ihr Gesicht und sie öffnete widerwillig die Augen. Das Firmament stand reglos über ihr, sie runzelte die Stirn, der Wind hatte sich gelegt. Ein statischer Moment. Kein Laut war zu vernehmen.
Jäh packte Elin eine unbestimmte innere Unruhe. Sie setzte sich auf, zog Idgie in ihre Arme und zuckte unter dem Schmerz zusammen, der sich in ihren Nacken fraß. Einen Augenblick später schien die Atmosphäre um sie herum zu zerbersten und ein schriller Aufschrei der Elfen zerschnitt die Nacht. Angst und Entsetzen pochten durch Elins Adern schnürten ihr die Kehle zu, lagen lähmend auf ihrer Brust. Hart und schnell schlug ihr Herz. Idgie, noch zu jung die universelle, göttliche Macht bewusst zu empfinden, schlummerte ruhig weiter. Elin hielt sie behutsam im Arm und kletterte den Wohnbaum hinab. Agnes und die Feen hatten den Schrei ebenfalls empfunden und scharten sich um Elin.
>>Ich weiß nicht, was passiert ist!<<, beantwortete sie die Frage in den entsetzten Gesichtern. Elin tauschte einen Blick und ein Nicken mit Agnes und beide eilten zu den Elfen. Entsetzte Stille und weit aufgerissene Augen empfingen sie, als sie durch das Wurzelgeflecht hindurch zu den Elfen vorgedrungen waren. Elin versuchte in ihnen zu lesen, doch ihr schlug nur pure, entsetzliche Leere entgegen. Sie wartete, wagte kaum zu atmen, quälend pochte ihr Herzschlag in ihren Schläfen. Vereinzelt begann es vom Stein zu rascheln und zu fiepsen. Die Elfen lösten sich aus ihrer Starre. >>Die Höhle...<<, hauchte eine Elfe kaum vernehmbar, eine andere fiel ein, >>In den Höhlen...<<
>>Was ist in den Höhlen?<<, hauchte Elin atemlos.
>>Sie..., sie...<<, wimmerte es vom Stein.
>>Was...?<<, Elin vermochte die Frage kaum über die Lippen zu bringen.
>>Sie sind nicht mehr da,... sie sind fort!<<
Erdrückende Stille füllte den Raum. Agnes starrte Elin an, alle Augen waren auf sie gerichtet, warteten auf das Urteil der Göttin. Unbehagen stieg in Elin auf, sie konnte es schwer ertragen, wenn ihr diese Erwartungshaltung entgegenschlug. Doch es war nicht der Zeitpunkt für Befindlichkeiten. Etwas schreckliches war passiert und ihre Freunde standen unter Schock, erwarteten Trost von ihr. Trost, denn sie ihnen nicht geben konnte. Im Gegenteil. Elin wusste selbst nicht, was passiert war. Bei allen göttlichen Empfindungen, allwissend war sie nicht. Noch so eine Erwartungshaltung. Elin riss sich zusammen, schnaufte scharf durch die Nase, kontrollierte ihre Stimme und brachte die einzige Tatsache, die sie hatte auf den Punkt, >>Ihr sagt also, ihr spürt die Höhlenelfen nicht mehr!<<
Betretenes Schweigen gab ihr Bestätigung. Sie fühlte in sich hinein, fühlte an den Ort in ihrem Gemüt, der für die Höhlenelfen bestimmt war. Sie konnte nicht definieren, was sie dort empfand. Hauptsächlich Verwirrung.
>>Iris!<<, durchbrach Agnes` giftige Stimme die Stille.
>>Ja.<<, bestätigte Elin mit belegter Stimme.
Idgie war inzwischen aufgewacht, sah ihre Mutter mit großen, fragenden, samtblauen Augen an, in denen verspielte Fünkchen explodierten. Sie blickte von ihrer Mutter zu den Elfen zu Agnes und zurück zu ihren Freunden. Normalerweise kam sie zum Spielen an diesen Ort, doch erkannte sie die Trauer in den Augen der Elfen und fühlte, dass es keine Zeit zum Spielen war. Sie wollte ihre Freunde trösten. Tapsig löste sie sich aus Elins Arm, legte ihr kleines Gesicht an den Stein und versuchte ihn mit ihren Ärmchen zu umfangen. Eine winzige Träne stahl sich aus Idgies Auge und tränkte das Moos des Elfensteines, eine weitere folgte. Das warme Pulsieren göttlicher Energie wogte durch das Geäst des Baumes. Sanft legte Elin ihre Hand beschützend auf Idgies Rücken und tauschte einen besorgten Blick mit Agnes. Eine Elfe löste sich aus dem Stein und setzte sich neben Idgies Hand, berührte sie hauchzart mit ihren Fühlern und ließ sich von ihr Streicheln.
Elin zog Idgie wieder in ihre Arme, streichelte ihr kleines Gesicht, wischte ihr die Tränenreste von der Wange, >>Hast du den Elfen ein paar Tränen geschenkt, mein Schatz? Das war sehr lieb von dir.<<, flüsterte Elin und küsste sanft Idgies Stirn.
>>Sie ist sehr mächtig.<<, sagte Agnes streng, >>Du musst ihr beibringen ihre Macht zu verstecken.<<
Elin antwortete nicht. Es gefiel ihr nicht, dass Agnes ihr vorschreiben wollte, wie sie ihre Tochter erziehen solle. Idgie wusste noch nichts von ihrer Macht und wie besonders sie war. Elin wollte ihrer Tochter nichts verbieten, was sie noch nicht verstand, und Idgie hatte schließlich gerade erst begonnen ihre Facetten zu entdecken. Und Elin selbst war viel zu neugierig diese gemeinsam mit ihr zu entdecken, anstatt sie zu regulieren. Dazu haderte sie viel zu sehr mit ihrer eigenen Rolle.
Elin schluckte ihren Ärger hinunter. Ihr erster Abschied von Idgie stand bevor und trübte ihr Herz. Eine Träne hing noch an Idgies Wimpern, wippte in der Schwerkraft, wie die Aufforderung für eine Erinnerung. Mit einem sanften Lächeln holte Elin das Fläschchen mit ihrer eigenen Träne hervor, die Raimond als Erinnerung an sie aufgefangen hatte, und die sie immer bei sich trug. Elin brauchte keine Erinnerung, aber sie wollte etwas von Idgie bei sich haben. >>Schenkst du mir diese Träne?<<, fragte sie liebevoll und Idgie nickte. Elin öffnete das Fläschchen und ließ Idgies Träne hineinfließen. Beim Zusammentreffen der beiden Tränen, begann das Fläschchen regelrecht zu glühen, sternenhelle Explosionen füllten es und ließen die Flüssigkeit grell erstrahlen.
Agnes` Augen weiteten sich. Sie blickte von Elin zu Idgie, ließ dann ihren Blick auf Elin ruhen und stellte ehrfurchtsvoll fest, >>Gemeinsam seid ihr das Mächtigste, was das Universum je hervorgebracht hat.<<
Elin bemühte sich diese Bemerkung zu ignorieren, kämpften in ihrem Inneren um Gleichgewicht, antworte nicht. Sie hatte sich nichts dabei gedacht, ihre eigene mit Idgies Träne zu mischen. Das Resultat beunruhigte sie. Agnes` Kommentar ebenfalls. Eine Ahnung stieg in ihr auf. Eine Ahnung, die Hoffnung tragen konnte. Eine Ahnung, die Elin nicht gefiel.
Elin zog ihre kleine Tochter enger an sich heran, vergrub ihr Gesicht in ihren Locken, sog ihren Geruch ein. Nach ein paar Augenblicken holte sie tief Luft und sagte mit klarer Stimme, >>Ich gehe in die Höhlen! Jetzt!<<
Der Morgen dämmerte bereits, als Elin, Agnes und Idgie die Elfen verließen. Ein erster Schimmer von Morgenröte zeichnete sich hinter den Baumwipfeln ab, Tau glitzerte im Gras.
>>Bist du sicher, dass du so weit bist?<<, krächzte Agnes, bemüht mit Elin Schritt zu halten.
>>Ob ich so weit bin?<<, blaffte Elin, >>Ich habe das Gefühl viel zu lange gewartet zu haben. Ich habe Iris` Machenschaften nichts in den Weg gestellt. Wer weiß, wie viele Helfer sie inzwischen um sich geschart hat. Wie viel Macht sie aufgebaut hat. Ich weiß, du hast mir von unseren Spähern berichtet, dass sie Vampire manipuliert und als ihre Schatten einsetzt. Vampire können Elfensteine aber nicht einfach so angreifen. Du weißt doch, dass sie einen Schutzwall haben. Und der Höhlenstein ist dazu noch gut bewacht. Ich muss wissen, was dort passiert ist. Es ist höchste Zeit!<<
>>Sie lockt dich raus.<<, stellte Agnes nüchtern fest.
Elin hielt inne, blickte Agnes direkt in die Augen und sagte ruhig, >>Ich weiß.<<
>>Nun gut.<<, sagte Agnes sanft, >>Dann sieh dich vor! Und denke immer daran, was auch immer dich erwartet, du hast nicht zu lange gewartet. Du hast ein Baby bekommen und es in Sicherheit gebracht.<<
Mit einem Mal wurde Elins Herz sehr schwer. Sie wusste, dass der erste Abschied von Idgie gekommen war. Sie hatte versucht, sich auf diesen Moment vorzubereiten, doch darauf, wie sehr ihr Herz verkrampfen würde, war sie nicht vorbereitet gewesen. Ein Schluchzen entwich ihrer Kehle und sie drückte ihre Tochter fester in ihrem Arm.
>>Ich werde jetzt gleich gegen, Agnes.<<, sagte sie entschlossen, >>Achte auf Idgie.<<
>>Natürlich.<<, krächzte Agnes, rang erneut mit sich Elin von Raimond zu berichten, entschied sich dagegen. >>Überstürze nichts! Und sei auf der Hut!<<, warnte sie stattdessen eindringlich.
Elin setzte Idgie ab und kniete sich vor sie, hielt ihre Hand und strich ihr die wilden Locken aus dem Gesicht. >>Ich werde eine winzige Reise machen, mein kleines Gänseblümchen. Ich werde aber ganz schnell wieder bei dir sein. Hör auf Agnes, mein Schatz, ich habe dich ganz doll lieb.<<, flüsterte sie ihr zu, gab ihr drei dicke Küsse auf ihr kleines Gesicht und übergab sie an Agnes. Der Steinbrocken, der sich auf ihr Herz legte, schnitt ihr gleichzeitig die Kehle zu. Sie warf Idgie eine letzte Kusshand zu, dann konzentrierte sie sich auf ihre Energie. Fünkchen begannen um sie zu kreisen und hüllten sie schnell in eine glitzernde Hülle aus göttlicher Energie. Idgie sah zum ersten Mal, wie ihre Mutter in ihren energetischen Zustand überging und klatschte begeistert mit ihren kleinen Händen. Winzige Fünkchen lösten sich von ihren Handflächen, die sich mit denen im Kokon mischten. Zuerst irritiert, dann in ihrer Ahnung bestätigt, spürte Elin einen Anstieg ihrer eigenen Macht mit modifizierter Energie.
Elin materialisierte in einer Senke des Hochgebirges oberhalb der Höhlen. Der Zugang durch den Spalt, die alte Treppe hinunter, war nicht fern. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sich ihr Körper nicht mehr entmaterialisiert und sie bemerkte, wie sehr sie es unterbewusst vermisst hatte. Frische, ungebändigte Energie durchflutete jede Faser ihres Körpers, pulsierte durch ihre Zellen. Sie fühlte sich stark und erleichtert. Vielleicht ein Weg, ein wenig Last von ihrer Brust zu nehmen.
Die klare Luft erfrischte ihre Sinne. Leichtfüßig erklomm sie den Kamm einer Gebirgskette, sog die eisigen Böen förmlich in sich auf. Dicke, graue Wolken bedeckten den Horizont, feines Schneegestöber fegte in den Böen. Die flachen Wasserläufe flossen teilnahmslos. In ihrem weißsilbrigen Gewand verschmolz Elin mit der Szenerie. Sie betrachtete die Ödnis, ihr Gewand peitschte um ihren Körper. So frisch, wie ihre Gedanken arbeiteten, so präsent erinnerte sie sich an die Zeit, da ihr Gemüt so kalt und abweisend, wie diese Gebirgskette, gewesen war. Und sie erinnerte sich an ihren inneren Zwist mit ihrem menschlichen Körper, als sie das erste Mal an diesem Ort gewesen war. Sie hatte inzwischen viel über sich und die Bedürfnisse ihrer sowohl menschlichen als auch göttlichen Existenz gelernt. Schmerzvoll war dieser Prozess gewesen, nicht nur für sie selbst. Und er hielt an. Damals hatte sie es nicht besser gewusst, war leichtfertig gewesen. Der Berg hatte ihr damals für eine gewisse Zeit Ruhe gegeben, bis sie sein Schicksal beeinflusst hatte. Heute begegnete er ihr unnahbar.
Ein beunruhigendes Gefühl beschlich sie, ihrer Euphorie wich Wachsamkeit. Die Atmosphäre war statisch. Das Zwicken in ihrem Nacken rann in einem Schauer ihre Wirbelsäule hinab und ihr Körper erzitterte. Sie begann den Abstieg zum Spalt. Ursprünglich hatte sie überlegt durch die Vordertür in die Höhlen zu kommen, doch Bob und Gerald würden sie schon früh genug entdecken. Sie wollte sich zunächst ein eigenes Bild von der Lage machen und so wählte sie den alten Weg.
Der Spalt sog sie regelrecht in den Berg. Leichtfüßig huschte sie durch das Gewölbe zur Wendeltreppe und diese hinunter. Sie verschmolz nahezu mit der Dunkelheit, war nur ein vorbeihuschender Schimmer. Rasch erreichte sie das Ende der Treppe, stand auf dem Sockel, der hinunter zum Fluss führte. Es war kalt und klamm. Kein warmer, schmeichelnder Wasserdampf empfing sie, kein leuchtendes Lebenskraut wucherte an den Wänden. Das Flussbett war trocken. Ein Anflug von Genugtuung überkam sie, war doch ihr Plan augenscheinlich aufgegangen. Dieses Gefühl hielt für wenige Sekunden und wurde von steigendem Unbehagen abgelöst. Vorsichtig näherte sie sich dem Spalt, der sie in den Raum mit dem Wasserfall und Zugang zu den Elfen führte. Sie schlüpfte hindurch, sah das Gewölbe hinauf, an dem bei ihrem letzten Besuch fluoreszierendes, warmes Wasser heruntergeplätschert war. Nichts erinnerte mehr an dieses phantastische Schauspiel. In den Becken standen Pfützen von abgestandenen, kalten Wasserresten. Lediglich ein schmales Rinnsal floss halbherzig die Wand hinab und versickerte in einer Ritze im Boden. Das Wasser war eisigkalt. Trostlos erhob sich die Wand vor Elin, die einmal faszinierend gefunkelt hatte. Ernüchtert gestand Elin sich ein, dass sie selbst dafür verantwortlich war. Sie erklomm die Wand und zwängte sich durch den Zugang zur Elfenhöhle. Auf dem Absatz stehend, von dem aus sie bei ihrem letzten Besuch den See überblickt hatte, erkannte sie, dass dieser verschwunden war. Ein gähnendes Gewölbe entblößte die Stalagmiten, die das Wasser verhüllt hatte. Auf einem lag der Elfenstein. Elins Herz begann beunruhigend hart in ihrer Brust zu schlagen. Etwas Entsetzliches war passiert, sie spürte kein Leben. Ihre Gedanken kreisten. Wie aber konnten die Elfen einfach verschwinden? Oder wer konnte ihnen an diesem Ort etwas antun? Gegen Vampire war der Stein geschützt, sollten diese durchgebrochen sein. Menschen waren ungefährlich. Sie würden die Elfen nicht einmal sehen. Iris!... Iris könnte... Rasch kletterte Elin zum Boden des Gewölbes hinunter. Brocken, der herausgebrochenen Stalaktiten des Deckengewölbes, übersäten den Boden. Das schmale Rinnsal des Flusses schlängelte sich träge um sie herum. Elin bahnte sich einen Weg hindurch, eilte zu dem Stalagmit, auf dem sie den Elfenstein wusste. Den Fuß des Stalagmits säumte ein Bett aus Kieselsteinen. Langsam, mit Unbehagen und pochendem Herzen näherte sie sich, dann setzte ihr Herz einen Schlag aus, der Schock schnürte ihre Kehle zu und Elin sank auf die Knie. Ein kalter Schauer schüttelte ihren Körper. Vor ihr lag eine kleine Elfe zwischen den Kieselsteinen. Leblos, mit gebrochenen Flügeln. Wenige Zentimeter weiter entdeckte Elin noch eine, und noch eine. Sie rang nach Luft, rang nach Fassung. Übelkeit stieg in ihr auf. Ein schmerzerfülltes Stöhnen entrang ihrer Kehle und hallte von den Wänden wider. Sie stützte sich auf die Hände, atmete schwer. Die Elfen mussten heruntergefallen sein. Aber warum waren sie hinuntergefallen? Elin hob die Elfen behutsam auf, flocht einen Kokon um sie und transportierte sie zurück, den Stalagmit hinauf, zu ihrem Stein. Sie selbst kletterte hinauf und fand dort, zu ihrem Entsetzen, auch die restlichen Elfen leblos. Die große Brummerelfe hatte anscheinend noch versucht die Kleinen zu beschützen. Sie lag mit aufgeschlitztem Körper am Rande des Sockels. Elin betrachtete das kleine leblose Wesen in ihren Händen und Wut stieg in ihr auf. Iris war dafür verantwortlich. Iris hatte den nächsten Zug getan. Doch wie? Welches Wesen war zu dieser Tat in der Lage? Iris` eigenes Werk war es nicht. Damit hätte sie sich nicht die Hände schmutzig gemacht, da war sich Elin sicher. Und was war mit Bob, Gerald und den anderen Hütern? Die Höhlen waren gut gesichert. Elins Wut stieg. Waren die Hüter zu unaufmerksam gewesen? Ihr Herz und Geist rasten. Behutsam bettete sie alle Elfen in ihrem Stein und schenkte ihnen einen Hauch ihrer Macht als letzten Gruß und Ehrerbietung. Die Wehmut ihres Herzens legte sie an den Ort in ihrem Gemüt, den die Höhlenelfen innehatten und verabschiedete sich. Es war nicht die Zeit für große Trauer. Fragen brauchten Antworten.
Flink kletterte sie hinab, durchquerte das Gewölbe und bahnte sich den Weg zu den Wohngewölben. Niemand erwartete sie. Ihre Anwesenheit war somit noch unbemerkt.
>>Gerald!<<, rief sie barsch durch die Tunnel. Eine Leuchtröhre zuckte, sie erhielt keine Antwort. Rasch erreichte sie das luxuriöse Wohngewölbe, fand auch dies verlassen. Wieder rief sie nach Gerald, durchsuchte die Höhlen, erreichte schließlich das Gewölbe, in dem das Gemüse angebaut worden war. Es waren nur verwahrloste, vertrocknete Beete übrig. Die Beleuchtung über der Anbaufläche war aus. Ihr Blick fiel auf die Nische, aus der das Lebenskraut gewuchert war. Eine kläglich verkümmerte Pflanze klammerte sich mit vertrockneten Ranken an die Wand. Elin rief erneut nach Gerald und Bob, wollte sich schon dem Aufzug zuwenden, als sie ein entferntes Stöhnen vernahm. Sie wandte sich um, eilte zurück in Richtung Wohngewölbe. Unter das Stöhnen mischte sich ein schwacher Herzschlag und der Rausch des schwindenden Lebens. Elin eilte weiter, wie konnte ihr das zuvor entgangen sein? Sie erreichte den Ausgang zum Wasserfall und erschrak. In einem der höheren Becken entdeckte sie einen Körper. Wie konnte sie diesen zuvor nicht bemerkt haben? Rasch näherte sie sich dem Becken und erkannte die Person. Ihr Atem überschlug sich. >>Josie!<<, hauchte sie erschrocken. Behutsam hob sie den schwachen Körper aus dem Becken und legte ihn auf den Boden. Sie bettete Josies Kopf in ihrem Schoß, hielt sanft ihre Wange. Wut, Verzweiflung und Trauer wüteten in Elins Brust, während sie Josies flachen, flatternden Atemzügen lauschte. Blut quoll aus einer Wunde an ihrem Hinterkopf und Elin spürte inneren Verletzungen. Josie war kaum bei Bewusstsein, sie tat ihre letzten Atemzüge.
>>Josie,<<, flüsterte Elin behutsam, streichelte ihre Wange, >>was ist hier passiert?<<
Josie schaffte es die Augen zu öffnen, fixierte Elin, atmete schwer, >>Rai...<<, kam es kaum wahrnehmbar aus ihrer Kehle.
>>Rai?<<, widerholte Elin verwundert und runzelte die Stirn. Dann legte sich ein trauriges Lächeln um ihre Lippen und sie flüsterte verständnisvoll, >>Oh Josie... Rai ist nicht hier. Du hättest ihn gern noch einmal gesehen, nicht wahr? Es tut mir so leid, dass ich dir nicht helfen kann. Ich habe nicht die Macht, ich habe keine Tränen mehr. Und Rai...<<
Ein entsetzter Ausdruck huschte über Josies Blick, der an Elins Augen haften blieb. Elin hielt ihren Blick und sah, wie das Leben aus ihm wich, als Josies Herz den letzten Schlag getan hatte und kein Atem mehr über ihre Lippen kam. Es waren Sekunden gewesen, Sekunden die Elin Josie in den Armen gehalten hatte. Unwiederbringliche letzte Sekunden eines wertvollen, liebenswerten Lebens, welches Opfer ihres Krieges geworden war. Verzweifelte Wut erfüllte Elins Brust. Heißes tränenloses Brennen erfüllte ihre Augen, als sie Josies Augen schloss. Elin beugte sich vor und küsste Josie sanft auf die Stirn, verweilte einige Augenblicke in der Stille. Leise floss das schmale Rinnsal des einstigen Flusses über das Gestein, gurgelte verdrossen, als es, sich seinen Weg in die Freiheit bahnend, in einer Bodenspalte verschwand.
Ein dumpfes Grollen riss Elin abrupt aus ihrem Abschied. Sie spürte augenblicklich eine Bewegung im Berg. Alarmiert stand sie auf, versuchte die Situation zu erfassen. Eine starke tektonische Verschiebung erschütterte die Gewölbe. Elins Fluchtinstinkt war geweckt. Mit einem Blick erfasste sie, dass das Gewölbe bereits am Einstürzen war. Starke Erdstöße erschütterten das Gestein, es begann zu brechen. Felsbrocken lösten sich und stürzten von der Decke. Die Wände verschoben sich. Elin erkannte, dass sie keine Fluchtmöglichkeit hatte. Alle Ausgänge waren versperrt, Gesteinsbrocken verschlossen alle Spalten, durch die sie hätte entwischen können. Selbst ihr Kokon konnte sie nicht schnell genug durch die Ritzen bringen. Sie war gefangen. Ihr blieb nur eine Möglichkeit. Sie musste sich Entmaterialisieren und ihre Energie einem Element übergeben, welches sie wieder an die Oberfläche führen würde. Sie hatte nur Sekunden, bevor ihr menschlicher Körper erschlagen und verschüttet werden würde. Sie würde ihn niemals aus diesem Berg herausbringen können. In dem Bruchteil der Sekunde, die ihr blieb, in der das Gebirge unwiederbringlich in sich zusammenstürzte, übergab Elin ihre, in ihrer Energie gesammelten Moleküle, dem einzigen Element, welches sie aus dem Berg herausbringen konnte. Doch das würde dauern. Elin schäumte vor Wut. Iris hatte sie aus ihrem Versteck gelockt und direkt wieder außer Gefecht gesetzt. Jedoch noch lange nicht besiegt.
Wasser formt Gestein. Langsam, forschend, schlängelnd, ungeduldig bahnt es sich seinen Weg durch undurchdringliche Spalten und Aushöhlungen, nagt an massiven Oberflächen, drängelt stetig weiter und weiter. Sickert durch Sand, sammelt sich, ist unermüdlich in Bewegung. Elins Energie, eins mit dem Element, eins mit einem Rinnsal, auf dem Weg raus aus dem Berg. Sie tröpfelte durch haarfeine Risse, füllte Hohlräume, erkundete neue Rinnsale. Schloss sich mit ihnen zusammen, wurde stärker. Die Höhlen waren kollabiert, das Gebirge eingestürzt, nur noch eine Masse an Schutt und Geröll. Elins Energie trieb den Prozess voran, erhöhte den Druck, ließ das Wasser schneller sprudeln. Nach unzähligem, zermürbendem Tröpfeln durch, sich aneinanderreibenden, Gesteinsbrocken und Sickerns durch Geröll, erreichte sie einen zügigen Wasserlauf. Beflügelt von der neuen Geschwindigkeit, trieb Elin den Wasserlauf weiter an. Schließlich mischte er sich mit einer Gletscherquelle und sprudelte einem Ausgang entgegen. Zunächst noch nur erahnbar, dann konkreter, durchbrach undeutbares Licht die verschlingende Dunkelheit. Abrupt änderte sich der Wasserdruck. Elins Energiepartikel reagierten, bildeten einen Strudel und ihre Moleküle schlossen sich zusammen. Elin trieb dem heller werdenden Schimmer entgegen, materialisierte, als sie die Oberfläche durchbrach, und ihr menschlicher Körper schwamm auf dem Wasserspiegel. Elin öffnete die Augen, eisig scharfe Gebirgsluft peitschte ihr entgegen und füllte schmerzhaft ihre Lungen mit lang entbehrtem Sauerstoff. Das Rinnsal, mit dem sie sich durch das Gestein gekämpft hatte, mündete unter der Wasseroberfläche in einem Gebirgssee, der auch von anderen Zuläufen gespeist wurde. Es war hell, doch zogen bleierne Wolken über den Himmel und Schneepartikel fegten umher. Das glasklare, eisige Wasser des Sees wurde einzig von Elins Schwimmzügen bewegt. Sie spürte es nicht. Sie spürte Wut, Trauer, Fassungslosigkeit. Sie stieg aus dem Wasser, wollte schreien, fluchen, weinen. Sie stand am Ufer, ihr harter Herzschlag pochte in ihren Ohren, ihre Wangen glühten, ein Funkensturm explodierte in ihren Augen, schneeversetzte Böen peitschten durch ihr nasses Gewand. Optisch verschmolz sie nahezu mit der Umgebung. Sie atmete schwer, versuchte ihr Gemüt zu beruhigen, versuchte die unfassbare Tat, die Ermordung der Elfen und Josephines, zu verkraften. Ihre Wut siegte. Mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten durchquerte sie die Schuttwüste. Sie war nicht weit vom Eingang zu den eingestürzten Höhlen entfernt. Sie taxierte das Gelände, suchte nach der Raststätte, in der das Überwachungssystem zusammengelaufen war. Die Erinnerung an das Büro mit den zahllosen Monitoren und dem schmatzenden Bob davor, ließ sie kurz würgen. Sie fand das Gebäude. Niedergebrannt. Verkohlte, schneeüberzogene Überreste fügten sich in die Landschaft. Lediglich die Gerippe der verschmorten Sattelitenschüssel und des Solarpanels zeugte von dem ehemaligen Elfenposten. Ausgelöscht, wie die Elfen selbst. Dort, erkannte Elin, würde sie keine Antworten finden.
Elin ließ den Blick über die trostlose Umgebung gleiten, wog ihre Möglichkeiten ab. Der scharfe Wind beruhigte ihr Gemüt. Max, Julien, Idgie. Idgie. Ihr Herz zog sich so schmerzhaft, bei dem Gedanken ihr kleines Mädchen nicht an sich drücken zu können, zusammen, dass ihr kurz die Luft wegblieb. Doch sie konnte noch nicht zu ihr zurück. Sie brauchte Antworten und Informationen. Schnell. Die Waldelfen waren vermutlich ebenfalls in Gefahr. Also Waldstadt. Waldstadt, mit so vielen Erinnerungen.
Der verdorrte, abgestorbene Wald rund um den Stein der Waldelfen versetzte Elin in düstere Stimmung. Der Wald, aus dem Iris ihre Energie gestohlen hatte, begegnete ihr mit stummer Anklage. Sie selbst hatte diesen Ort mit ihrer Macht, ihren Tränen, getränkt. Tränen vergossen aus Trauer und Liebe zu Raimond. Die Tränen, die ihn zu ihr zurückgebracht hatten. Diese Tränen hatte Iris gestohlen und gegen sie eingesetzt. Diese Tränen machten Iris ebenbürtig, resistent gegen Elins Angriffe. In ihrer emotionalen Verzweiflung vor zwei Jahren hatte Elin den Verfall nicht wahrgenommen. Zwei Erdenjahre. Vor rund zwei Erdenjahren war sie ohne Erklärung von diesem Ort verschwunden und untergetaucht. Wie wird Max reagieren, wenn ich auf einmal wieder vor ihm stehe?, ging es ihr durch den Kopf. Doch andere Fragen waren dringender. Die Waldelfen waren wohlauf, der Schutzwall intakt. Elin hatte sich den Elfen nicht gezeigt, sie spürte jedoch ihre Klagen.
Die sinkende Sonne flammte feurig in der Dunstdecke über der Stadt. Die Luft war lau, es wehte ein leichter Wind. Waldstadt, so viele Erinnerungen. So viel Glück und so viel Leid. Elin war unruhig. Sie wusste nicht, was sie erwarten sollte. In dieser Stadt hatte sie einige der schönsten Momente ihres Daseins erlebt. Und einen der schrecklichsten. Hier hatte sie die schwierigste Entscheidung ihres bisherigen Lebens treffen müssen. Sie hatte Raimond opfern müssen. Bei dieser Erinnerung sackten ihr beinahe die Knie weg. Sie hatte damals diese Entscheidung getroffen und sie war richtig gewesen. So grausam sie auch gewesen war. Raimond war gestorben, damit Elin durch ihre Liebe zueinander, ihre vollkommene göttliche Macht entfalten konnte. Das war Elins erster Sieg über Iris gewesen, jedoch nicht der endgültige. Raimond war durch die Macht von Elins Tränen als Mensch zu ihr zurückgekehrt. Elin wusste, dass er sich nur ihretwegen mit seiner menschlichen Existenz arrangiert hatte. Sie hatte sicherlich nicht alles richtig gemacht, doch hatten sie viele glückliche gemeinsame Momente, gekrönt von ihrer Hochzeit, erlebt.
Elin seufzte schwer, straffte sich, hielt den Kopf aufrecht. Kurz nach der Hochzeit hatte Iris Raimond entführt und vom Rand des Gipfels der Unendlichkeit fallen lassen. Iris hatte ihn getötet. Scharf sog Elin die milde Abendluft Waldstadts ein. Es war ein vertrauter Geruch. Elin war bereit in den letzten Kampf gegen Iris zu ziehen. Wilde Entschlossenheit setzte sich in ihren Kopf. Ihre Schwester hatte ihr das Liebste aus den Armen gerissen, sie würde Iris niemals gewinnen lassen, auch, wenn es ihrer beider Untergang wäre. Entschlossen schritt Elin auf die verlassene Straße, betrachtete die Zerstörung um sich herum. Die Stadt wirkte noch heruntergekommener als bei ihrem letzten Besuch. Ausgebrannte Autowracks, überall Müll. Ehemalige Wohnhäuser mit eingeschlagenen Fenstern schnitten Fratzen in der Dämmerung. Trümmer, bröckelnder Fassaden, säumten den Gehweg.
Einen Block weiter erregten aufleuchtende, bunte Lichter Elins Aufmerksamkeit. Aktivität rührte sich. Ein alarmierendes Gefühl beschlich sie und sie zog sich blitzschnell in die Schatten der Gassen zurück, näherte sich dem Straßenzug mit den bunten Lichtern, huschte schließlich in eine verlassene Wohnung in einer der Ruinen. Aus einem zerbrochenen Fenster heraus konnte sie die Aktivitäten unter sich beobachten. Sie rümpfte die Nase, es stank erbärmlich. Was sie sah, irritierte sie. Blinkende Neonreklame prangte über zahlreichen Hauseingängen. Clubs, Bars, Casinos, Bordelle, Hotels, eine Vergnügungsmeile im Nirgendwo. Elin beobachtete. Mit Einbruch der Nacht belebte sich die Straße. Vor den Eingängen der verschiedenen Etablissements positionierten sich kräftige Gestalten, die entschieden wer reindurfte. Sie waren nicht besonders wählerisch. Das Publikum bestand hauptsächlich aus jüngeren Erdenbewohnern, in der Mehrheit Menschen, die das Vergnügen suchten und deren Benehmen zunehmend unkontrolliert wirkte. Sie tranken, torkelten über die Straße, grölten unverständliche Sachen. Perfekte Opfer. Schnelle Bewegungen, zu schnell für das menschliche Auge, weckten Elins Aufmerksamkeit. Vampire mischten sich zusehends unter die Feiernden. Waldstadt war also nach wie vor ein idealer Ort für Vampire. Oder mehr denn je. Abgeschieden, geringe Sonneneinstrahlung und Touristen. Elin erinnerte sich an die Spinner, von denen Raimond erzählt hatte. Die, von denen sich die Vampire damals ernährt hatten. Damals hatten die Vampire noch ihre Spuren verwischen müssen, hatten sich Mühe geben müssen. Und hatten Respekt. Dies war nun ein anderes Publikum, stellte Elin fest. Und andere Vampire. Vampire ohne Respekt. Welche, die Raimond verachtet hätte. Und sie erinnerte sich, wie sie selbst beinahe einen getötet hatte. Waldstadt war zu einem verwahrlosten, schmutzigen, Ort verkommen, an dem sich Vergnügungssüchtige wissentlich dem Risiko eines Vampirangriffes aussetzten. Ein Konzept, das gewollt schien. Elin fragte sich, wie Max in dieses Konzept passte. Er war immer ein Verfechter angemessenen Benehmens gewesen, selbst als es ihm zuletzt wegen Celines Tod nicht gut gegangen war.
Eine Gruppe dieser großspurigen, lauten, provokanten Vampire näherte sich dem Straßenzug. In ihrem Auftreten lag die geballte Widerwärtigkeit, die ihre Spezies ausbilden konnte. Elin verachtete sie. Diese Vampire spielten mit ihren Opfern. Es bereitete ihnen Vergnügen die Angst aus ihren Opfern herauszukitzeln, bevor ihr Angriff oft tödlich endete. Es war eine Gruppe dieser Abschaumvampire, die Elin einen Schauer aus Wut und Ekel über den Rücken jagte. Drei Frauen und vier Männer, wohlbekannt unter den Türstehern, wurden lauthals begrüßt und gingen nach Belieben ein und aus. Es schien Elin, als hätte diese Gruppe die Kontrolle über das Geschehen dieses Vergnügungspfuhls. Eine der Frauen stach Elin besonders ins Auge. Sie war nicht sonderlich groß, hatte ihr dunkles Haar auf toupiert und pöbelte jeden an, den sie erblickte. Vulgär, laut, handgreiflich belästigte sie wahllos Passanten. Ihre Kumpane stachelten sie noch an und amüsierten sich lautstark über ihre Ausdrucksweise. Elin hätte ihr am liebsten ihre Faust ins Gesicht gerammt. Sie verwarf diesen Gedanken. Einen öffentlichen Kampf mit dieser Gruppe zu provozieren, würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Andererseits juckte es Elin in den Fingern diesem Individuum eine Lektion zu erteilen. Erstaunt über diesen Gedanken und die überraschend starke Gemütsregung wich Elin von dem Fenster zurück. Für wenige Augenblicke beschleunigte ihr Herzschlag. Sie hatte das Gefühl etwas Verbotenes zu tun. Irritiert vergegenwärtigte sie sich ihre Aufgabe, fokussierte ihr Dasein. Ein lautes Krachen riss sie aus ihrer Konzentration. Aus dem Fenster sah sie, wie die Frau mit einer Metallstange auf ein Autowrack einschlug, so dass es beinahe in zwei Hälfen geteilt wurde, und dabei laut vor Vergnügen aufjohlte. Ihre Kumpane fielen mit ein. Die Gruppe setzte sich in Bewegung, die Frau zerschlug einen Scheinwerfer des Autos. Sie blickte auf und in diesem Augenblick huschte Elin, wie ein heller Schatten in eine Gasse. Und die nächste und nächste. Elins Plan ging auf. Die Frau folgte ihr.
>>Sonia, komm schon!<<, rief einer ihrer Kumpane.
>>Ich komm gleich nach, Raff!<<, rief Sonia zurück, >>Da versteckt sich ne Mistratte, die brauch ne Abreibung!<<
>>Is gut!<<, bekam sie als Antwort und die Gruppe entfernte sich. Elin schlüpfte von Gasse zu Gasse, gefolgt von Sonia, die einem Lichtschimmer hinterherjagte. Entfernt des Trubels wartete Elin wenige Sekunden auf Sonias erscheinen. Silbrig schimmernd stand sie im Dunkel eines verdreckten Hinterhofes und taxierte die Vampirfrau.
>>Wo bist`n du ausgebrochen?<<, pöbelte Sonia los, >>Nettes Nachthemd Blondie!<< Schallend dröhnte ihr höhnendes Lachen im Hof. Elin beobachtete sie, verfolgte ihre Bewegungen.
>>Kannst nich sprechn, hmm? Blondie!... Dir werd ich jetz ma schön die Fresse poliern... Na? Willste nich weglaufn? Blondie!... hmm?<< Sonia schlug mit der Metallstange rhythmisch in ihre Handfläche und näherte sich Elin kreisend. Elin hielt ihren Blick. Sie wusste noch nicht genau, was sie nun mit diesem widerwärtigen Individuum machen sollte. Einfach nur töten schien ihr zu leicht. Es andererseits leben zu lassen, widerstrebte ihr zutiefst. Außerdem konnte sie ihre Klamotten gut gebrauchen. Der Angriff kam blitzschnell. Sonia ging mit voller Wucht auf Elin los, schwang die Metallstage in einem Vampirsprung und schlug ins Leere. Elin war ihr mit Leichtigkeit ausgewichen. Sonia landete hart, überschlug sich auf dem Asphalt. Die Wucht des Aufpralls hatte ihren Arm gebrochen, der zersplitterte Knochen stieß durch die Haut, ihr Handgelenk baumelte, nur gehalten von Haut und Sehnen, an dem Stumpf. Blut sprudelte. Es interessierte Sonia nicht, ihre Wut loderte. >>Was bist`n du für`n Miststück?<<, keifte sie.
Elin, erstaunt über ihre eigene Emotionslosigkeit in diesem Kampf, hatte das Interesse an diesem Spiel verloren und fragte sich, aus welchem Impuls heraus sie dieses Szenario überhaupt inszeniert hatte. Sie wollte dieses widerwärtige Individuum nur noch loswerden. >>Ich bin dein Ende.<<, entgegnete sie daher gelangweilt, durchschaute Sonias nächsten Angriff und ließ sie gewähren.
>>Schlampe! Ich kill dich!<<, keifte Sonia, fletschte ihre Vampirzähle und griff an. Sie schlug Elin ihre Zähne in den Hals, trank, röchelte, hustete, fiel zu Boden, zerfiel zu Staub. Elin schaute auf die Überreste hinab. Ihre Wunde war bereits verheilt. Mit einem Seufzen nahm sie Sonias Hose, Top und Jacke, schüttelte bestmöglich den Staub ab und zog die Sachen an. Schwarze, enge Kunstlederleggins und ein Top mit Leopardenprint. Einzig die Jacke gefiel ihr, schwarzes Leder mit Reißverschlüssen und Nieten. Die Highheel Boots waren ihr etwas zu klein, doch das ignorierte sie. Mit einem Schwung befreite Elin ihr Haar aus der Jacke, stieg über Sonias Überreste und trat durch den Torbogen des Hinterhofes auf die Straße. Zielstrebig führten sie ihre Schritte zu Max, sie hatte keine Lust auf weitere Plänkeleien.
