Randgruppenmitglied - Frédéric Valin - E-Book

Randgruppenmitglied E-Book

Frédéric Valin

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Beschreibung

Geschichten über Kranke, Psychotiker, Gescheiterte und Ausgeschlossene - es sind Geschichten von kleinen Leuten, Figuren vom Rand der Gesellschaft, die Frédéric Valin interessieren. Mit einem feinen Hang zur Ironie, doch nie ohne Empathie erzählt Valin von den Schicksalen der Randgruppenmitglieder. "Man hat schon das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, aber das will sie nicht, nie. Es wäre auch unprofessionell, klar, aber wenn sie dasitzt, verspüre ich einen Impuls, sie in den Arm zu nehmen und irgendwas zu flüstern. Irgendwas Erlogenes. Dass alles wieder wird und es nicht so schlimm ist und, ja. Doch wenn ich in ihre Nähe komme, denk ich immer, wenn sie ein Beil hätte, würde sie's mir in den Oberschenkel hacken."

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Seitenzahl: 99

Veröffentlichungsjahr: 2013

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FRÉDÉRIC VALIN

RANDGRUPPENMITGLIED

Erzählungen

Für den W.

Frau Nachtweih wünscht zu sterben

»Ich wünschte, Sie würden mir helfen«, sagt sie immer in den Raum hinein. »Aber Sie helfen mir ja nicht.«

Das hat sie morgens immer gesagt, wenn sie noch im Bett lag. Sie kommt nicht mehr alleine aus dem Bett, trotz der Schiene, die da an der Wand festgeschraubt ist. Am Anfang hab ich sie noch jeden Morgen versuchen lassen, von alleine aus dem Bett zu kommen, aber inzwischen kann ich das nicht mehr. Sie sieht immer so verzweifelt aus, wenn sie schweißgebadet zurück in ihr Kissen fällt und schnauft. Sie schaut sich dann immer so anklagend im Zimmer um, das bricht einem das Herz. Das alles. Das sind Momente, da fängt mir alles an leidzutun.

Ihr Zimmer ist weiß, kahl, es riecht nach Desinfektionsmittel. Frau Nachtweih ist noch nicht sehr lange hier, vielleicht zwei Monate. Sie hat noch viel Zeit, sich einzugewöhnen, sehr viel Zeit, ihr ganzes restliches Leben. Sie hat sich inzwischen ein paar Postkarten mitbringen lassen, impressionistische Kornblumenfelder und Berge und Kirchen und provenzalische Natur. Die hat sie sich über ihren Schreibtisch geklebt, vier Postkarten für achtzehn Quadratmeter. Der Rest der Wand ist frei, frisch gestrichen, wie bei jedem Neueinzug. Den meisten wird erst nach Monaten klar, dass das hier die Endstation ist, ab jetzt geht’s nicht mehr weiter, bitte alle aussteigen. Dass sie sich jetzt arrangieren werden müssen, dass sie jetzt werden umgehen lernen müssen mit ihrem Erblinden oder der Lähmung oder dem Verstummen. Hier ist Endstation, »Sense«, wie Albert immer sagt. Oder er sagt: »Finito.«

Frau Nachtweih ist mein Fall. Albert hat den Hasenberger gekriegt, das war der Vorletzte, jetzt hab ich die Nachtweih. Fünfundvierzig, Schlaganfall, Halbseitenlähmung links, depressiv und infolge von Fresssucht übergewichtig. Steht alles so in der Krankenakte.

Frau Nachtweih liebt Shostakovich. Manchmal sitzt sie an ihrem Balkon in ihrem kleinen Rollstuhl, schaut in die Sonne, isst ein Marmeladenbrot nach dem anderen und weint stumm. Währenddessen hört sie Klassik, Shostakovich oder Satie, manchmal Mozart. Ich kenn mich da nicht aus, ich muss jedes Mal nachfragen. Dann dreht sie sich zu mir hin, und ihr laufen die dicken Tränen über die pausbäckigen, geröteten Wangen. »Da hab ich früher drauf getanzt«, hat sie mal gesagt, und ihre Stimme war ganz weich und klar. Sie schluchzt nie, sie schüttelt sich auch nicht, sie lässt einfach Wasser aus ihren Augen laufen, als wäre das ein ganz natürlicher Vorgang.

Man hat schon das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, aber das will sie nicht, nie. Es wäre auch unprofessionell, klar, aber wenn sie dasitzt und ihr das Wasser über die Wangen läuft, da gibt es einen Impuls, sie in den Arm zu nehmen und irgendwas zuflüstern. Irgendwas Erlogenes. Dass alles wieder wird und es nicht so schlimm ist und, ja. Aber wenn man in ihre Nähe kommt, denk ich immer, wenn sie ein Beil hätte, würde sie’s mir in den Oberschenkel hacken. Wenn ich zu lang im Zimmer bin, fängt sie an, sich panisch zu räuspern. Manchmal fragt sie, was ich denn noch wolle, ob ich nicht endlich verschwinden könne. Einmal hat sie auf den Balkon gespuckt, als ich aus dem Bad kam, und mich dann lange angesehen. Die alte Hexe.

Trotzdem, die Nachtweih ist mir lieber als der Hasenberger. Ich mag die Irren nicht. Die mit den Frontalhirnschäden, wie den Hasenberger. Bei Frontalhirnschäden ist der Charakter kaputt. Frontalhirnschäden passieren oft bei Autounfällen, wenn sich die Leute nicht angeschnallt haben und irgendwo gegenfahren, mit alten Autos ohne Airbag. Oder bei Fahrradunfällen. Dann hauen sich die Leute die Stirn gegen das Lenkrad oder den Boden und bluten sich vorne den Kopf voll. Und wenn sie aus dem Koma wieder aufwachen, sind sie plötzlich Arschlöcher.

Der Hasenberger zum Beispiel, das muss früher wirklich ein Netter gewesen sein. Meint seine Frau, wenn sie jeden zweiten Sonntag zu Besuch kommt und nach einer halben Stunde heulend im Teamzimmer sitzt, weil sie es bei ihrem Mann nicht mehr aushält. Früher war er ein lieber Papa und Geschäftsführer in irgendeinem mittelständischen Unternehmen, da hatte der viel Humor und war rücksichtsvoll und all die Sachen, die man braucht, um ein nützliches und liebenswertes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Davon ist nichts mehr übrig. »Null Komma null«, sagt Albert immer. Oder: »Niente.«

Der Hasenberger wäscht sich nicht mehr. Hat er einfach drangegeben. Normalerweise muss Albert ihn waschen, der Hasenberger ist ja seiner. Doch wenn Albert frei hat oder krank ist, dann mach ich den Hasenberger, die anderen im Team sind schon länger da, deswegen krieg ich die unangenehmen Fälle. Morgens muss man mit dem Hasenberger duschen gehen. Bloß: Das will der nicht. Ausgeschlossen, den auch nur in die Nähe der Dusche zu kriegen. »Lieber geh ich insKZ, du Arschloch!«, schreit er immer, wenn man morgens mit Handtuch und Seife vor seiner Zimmertür steht. »Was willst du eigentlich von mir, ich bin doch nicht dein beschissenes Kleinkind, ich bin 43 Jahre alt, du Arschloch! Ich kann selbst entscheiden, wann ich dusche!« Wenn man dann zu ihm ins Zimmer kommt, kriegt man eine rein. Und auch wenn sein Frontalhirn hinüber ist, stark ist der Hasenberger immer noch.

Deswegen haben wir uns da was überlegt. Wir machen das inzwischen so: Morgens um sechs klauen wir ihm die Klamotten aus dem Zimmer und legen ihm das Handtuch rein. Die Klamotten kriegt er erst wieder, wenn er duschen war. Der Hasenberger schläft immer nackt, und in seinem Zimmer ist keine Dusche. Ich glaube, sowas kriegen inzwischen nur noch Privatpatienten. Die Dusche ist drei Türen weiter. Deswegen muss der Hasenberger, wenn er aufwacht, nach uns klingeln. Manchmal will er nicht, dann sitzt er den ganzen Tag in seinem Zimmer und raucht. Aber meistens ruft er uns, kriegt einen Bademantel und geht kurz duschen. Wir müssen mitgehen und zusehen, weil der Hasenberger, wenn wir das nicht machen, einfach in der Dusche das Wasser anstellt, ohne sich drunterzustellen. Wenn er dann tatsächlich fertig geduscht hat, kriegt er seine Kleidung wieder, damit er rauskann.

Das ganze Haus ist ein Dorf voller Irrer. Wer hier normal reinkommt, geht geistesgestört wieder heim. Wobei, Haus trifft es nicht wirklich, es ist eigentlich ein riesiger Gebäudekomplex, 60er Jahre, sogar die Blumenkübel sind aus Beton, Gehwege, Straßen, Wände, Blumenbeetumrandungen, alles Beton.

Dreieinhalbtausend Leute wohnen hier, alle behindert oder bekloppt oder beides. Schlaganfälle, Mongoloide ⁠… ach, das darf man ja nicht mehr sagen. Down-Syndromatiker, Autisten, Querschnittslähmungen, der ganze Scheiß, von jedem eine Abteilung voll. Ums Eck gibt’s einen Haufen Integrationsmaßnahmen, im ganzen Viertel verteilt, hier wohnen nur noch Rentner und Behinderte. Der Hirntumor-Italiener, der hat zum Beispiel mit viel Staatskohle eine Eisdiele ums Eck aufgemacht. Da steht er jetzt hinterm Tresen, und weil er die Kontrolle über weite Teile seiner Gesichtsmuskulatur verloren hat, sabbert er dauernd in die Eiskübel, vor allem in den mit Vanille.

Ich wohne außerhalb, zehn Minuten mit der Bahn, zehn Minuten bis mitten ins Irrendorf. Die haben mir damals eine Wohnung auf dem Gelände angeboten, ruhig, groß, billig und mit Blick auf den Park. War ’ne schöne Wohnung, aber das kann man nicht machen: Den ganzen Tag, die ganzen 24 Stunden, sieben Tage die Woche und jede verdammte Woche im Jahr von Behinderten umgeben zu sein, das hält keiner aus. Man muss schon auch mal normale Leute sehen, sonst drehst du durch. Das macht einen wahnsinnig.

Die Leute kommen aus der Reha zu uns, erst Rehabilitation, dann dieSHT-Abteilung. In der Reha machen sie Fortschritte, da geht was vorwärts, plötzlich lässt sich dieser Muskel wieder bewegen oder jenes Wort wieder sagen, da regeneriert sich der Körper. ­Halbes Jahr Reha, und es ist schon einiges weg anSymptomen, der Körper kriegt wieder mehr gebacken. Die meisten kommen zu uns und glauben, das wird schon alles irgendwie wieder, der Körper macht dasschon, irgendwann braucht es den Rollstuhl nicht mehr,irgendwann spüre ich mein linkes Bein wieder, irgendwann. Den meisten ist klar, dass es nicht mehr so werden wird wie vorher, nie wieder. Aber weil es bisher soschnell vorwärts ging, denken sie: So geht’s jetzt weiter.

Und dann kommen sie zu uns.Endstation, Sense, ­finito.Das war’s. Ab jetzt gilt es, mit der Behinderung umzugehen, und nicht mehr, die Behinderung wegzumachen. Jetzt müssen sie mit dem »Status Quo« leben lernen. Manche brauchen zwei Tage, um zu begreifen, dass das hier das Abstellgleis ist, andere Monate. Je länger einer braucht, desto beschissener geht es ihm. Frau Nachtweih geht es seit drei Monaten sehr beschissen.

Die meisten, die hier ankommen, werden innerhalb eines Monats von ihren Partnern verlassen. Die begreifen viel schneller, dass das hier das Ende der Sackgasse ist. Die haben die Reha mit durchgestanden, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten und dachten, das halbe Jahr Zuversicht und Unterstützung sind sie dem anderen schuldig. Die meisten sind allerdings drei Wochen nach der Hirnblutung schon auf irgendwelchen Datingportalen unterwegs. Ist ja auch keine einfache Situation für die Partner, wenn der andere plötzlich statt Hirn nur noch Blutwurst unter der Schädeldecke hat. Das hält man vielleicht ein halbes Jahr aus, und dann ist man froh, wenn man woanders unterkommt.

Die Leute hier bekommen wenig Besuch, hin und wieder kommen die Eltern, wenn sie noch leben, oder die Geschwister, falls sie welche haben. Im Krankenhaus bekommt man einen Haufen Blumen ans Bett gestellt, da schauen die Arbeitskollegen rein, Verwandte, Bekannte und Freunde. Nach zwei Wochen versiegt der Strom, irgendwann kommen nur noch Eltern und beste Freunde täglich, wöchentlich. Und irgendwann kommen die besten Freunde einmal im Monat. Und irgendwann kommen sie überhaupt nicht mehr, an Weihnachten und am Geburtstag kommt noch eine Karte. Nach zwei Jahren hat sich das auch. So ist das, wenn ein Lebensfaden zerfasert.

In diesem Irrenghetto arbeite ich in derSHT-Ab­teilung, das heißt Schädel-Hirn-Traumatiker. Hier kommen Leute her, bei denen der Kopf hinüber ist oder Teile des Kopfes. 35 Leute auf zwei Stockwerken, dreiPflegerpro Schicht, einer für unten, zwei für oben. Wir haben hier von jeder Sorte ein paar, Halbseitenlähmungen natürlich, die Charaktergestörten, ein paar Sprachlose. Bei denen ist das Sprachzentrum explodiert. Das heißt, Mund und Zunge funktionieren noch, und sie wissen auch, was sie sagen wollen, aber die Übersetzerstelle von Gedanke zu Wort, die ist nicht mehr besetzt. Deswegen brabbeln die nur noch, schreiben können sie auch nicht mehr. Sie sind in ihrem Kopf eingesperrt, weil ein Relais nicht funktioniert. Die Sprachlosen sind normalerweise keine angenehmen Zeitgenossen. Sehr leicht reizbar sind die, die fahren sofort aus der Haut, wenn man nicht gleich versteht, was sie brauchen.

Wir haben auch kompliziertere Fälle, den Bartel zum Beispiel, der ist früher mal ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen. Bei dem ist was ⁠… was Seltsames passiert. Schlaganfall bei 200 auf der Autobahn, ab ins Feld mit der Karre, sein Audi hat sich mindestens sieben Mal überschlagen. Glück gehabt, könnte man sagen, nur drei isolierte Blutungen im Hirn. Derkann so gut wie gar nichts mehr. In seinem Hirn funktioniert der Knopf nicht mehr, der beim Essen sagt: Jetzt müssen wir mal den Kehlkopfdeckel runterlassen, damit uns keine Essensreste in die Lunge kommen, die dort zu schimmeln anfangen. Deswegen hat der Bartel jetzt ein Tracheostoma, das ist ein permanenter Luftröhrenschnitt. Der atmet durch den Hals. Essen darf er auch nicht mehr, sondern wird über eine Magensonde ernährt. Der wird nie wieder essen können, und was macht er den ganzen Tag? Geht ins Netz und druckt sich Rezepte aus. Der hat zwei Regale voll mit Leitzordnern, alles voller Rezepte, alles fein geordnet nach Vorspeise, Hauptspeise, Salat, Nachspeise, Backwaren, Suppen, Süßigkeiten, kleinen Happen für zwischendurch, sogar Getränke hat der, Cocktails, Anleitungen zum Bierbrauen, der weiß, wie man den besten Obstler aus den Äpfeln kriegt, aber er kann’s keinem mehr erzählen. Trinken sowieso nicht.