Rapunzel auf Rügen - Emma Bieling - E-Book
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Rapunzel auf Rügen E-Book

Emma Bieling

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Beschreibung

Ein Sommermärchen.

Jessica, wegen ihren langen Haare auch Rapunzel genannt, muss wegen akuten Geldmangels ihre Ausbildung zur Schauspielerin abbrechen. Sie findet einen Job auf Rügen – ausgerechnet als Servicekraft für Seebestattungen. Bei ihrem ersten Einsatz passiert ihr ein folgenschweres Missgeschick. Sie öffnet aus Versehen eine Urne und lässt die Asche über das Meer wehen. Doch dabei lernt sie Hendrik kennen – und ist sehr erstaunt, als er wenig später wieder auf ihrem Schiff steht ...

Eine turbulente Liebesgeschichte, die auf und vor Rügen spielt.

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Seitenzahl: 292

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Emma Bieling

Rapunzel auf Rügen

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0574-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschen>buch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/Anja Weber-Decker und © Okapia/imagebroker/Daniel Schoenen

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Impressum

Leseprobe aus »Cinderella auf Sylt«

Inhaltsübersicht

Prolog

Von wegen Gerechtigkeit!

Ein Schiff namens Friedhild

Ein schlechter Scherz

Was muss, das muss!

Mann O Mann

Ein blinder Passagier

Alkohol ist auch kein Ausweg

Die Mittwochsphobie

Liebe ist Miau

Bloß keine Depressionen

Viele Köche verderben den Brei

Ein seltsames Geschenk

Berlin, ick komme

Eine Lüge ist fast keine Lüge

Zukunft, ahoi!

Ein Luder ohnegleichen

Unter Verdacht

Die Wege des Schicksals

Katzenjammer

Ein Ozelot für Isabell

Ohne Pille geht es nicht!

Happy Birthday to me

Der Künstler steht da zwischen dem Endlichen und Unendlichen; wo beide aneinanderstoßen, fängt er den Blick des Gewitters auf, hält ihn fest und gibt ihm ewige Dauer.

Jacob Grimm, deutscher Sprach- und

Literaturwissenschaftler, mit seinem Bruder

Wilhelm – die Gebrüder Grimm

Emma Bieling hat es wieder getan: Ein Grimmsches Märchen in die heutige Zeit platziert und damit die Fantasiewelt der Gebrüder Grimm mit dem oftmals tristen Alltag verknüpft.

Helga Glaesener

Ich danke:

Marcus, der mich durch jedes Kapitel

hilfreich begleitet hat.

Carsten für die spontane Hilfe

während meines Schreibmarathons. Meinem Sohn für sein engelgleiches Verständnis, Finger-

fußball ohne Mama zu spielen.

Meinem Lektor, der mir gewiss graue Haare

zu verdanken hat.

Meinem Buchplaner für die fortwährende Geduld.

Sowie dem gesamten Verlagsteam und jenen kreativen

Köpfen, denen ich das wunderschöne Buchcover

verdanke.

Vielen Dank!

Prolog

Ein Meter fünfundzwanzig lange Haare zu haben ist nicht so leicht. Man bedenke die Zeit, die selbiges Haar benötigt, um zu trocknen nach der Wäsche. Ebenso den Shampoo-Verbrauch. Und dann auch noch das Kämmen … Ohne Hilfe fast unmöglich. Warum nicht einfach abschneiden, fragen Sie sich? Weil ich Jessica Waldmann bin, das perfekteste Rapunzel-Double der Neuzeit. Natürlich auf der Theaterbühne, wo sonst. Das jedenfalls ist mein größter Wunsch – das Ziel, für das es lohnt, zwei Kilogramm Haar und den Spitznamen »Rapunzel« mit sich herumzutragen. Und eigentlich war ich auch schon auf gutem Wege dahin, wenn da nicht dieser blöde Unfall gewesen wäre – wenn dieser Passant nicht mitten auf der Fahrbahn gestanden hätte. Er musste meine Vespa doch gesehen haben, die ich übrigens liebevoll Mokkaböhnchen nenne. Anstatt stehenzubleiben, sprang der Idiot direkt vor meine neueste Trödelmarkt-Errungenschaft – eine übergroße Stahlbratpfanne, die ich hinter den Sitz meines Motorrollers gebunden hatte. Auf gerichtliche Gnade zu hoffen, hatte wenig Sinn. Und auch der Versuch, die sich anbahnende Strafe mit einem exklusiven Pfannenrezept zu mildern, schlug fehl. Der Richter war Vegetarier und verurteilte mich zu Schmerzensgeld – eine verdammt hohe Summe, die ich nicht bereit war zu zahlen. Was lief der doofe Kerl auch gegen die Bratpfanne …

Von wegen Gerechtigkeit!

»Ich dachte, du magst ihn, den Kuckuck.« Elke verkniff sich ein Lachen.

»Sehr witzig!« Ich schob die Gardine beiseite und blickte dem staatlich legalisierten Geldeintreiber hinterher, der mit festen Schritten zu einem dunklen Audi lief.

Quattro, was sonst, dachte ich und wendete mich Elke zu. Noch immer stand sie am Türrahmen gelehnt und verzerrte ihre Miene zu einem Grinsen.

»Was ist?«, zischte ich sie an. »Ist dir das noch nie passiert?«

»Doch. Aber ich hatte den Kuckuck noch nie auf einer Sonnenbrille sitzen«, kicherte sie losgelassen. »Upps, ich meinte doch kleben.«

»Ach was.« Ich winkte ab, nahm meine Tasche und lief nach draußen. Irgendwie hatte sie ja recht. Meine Gucci-Brille hätte er wahrlich auslassen können, zumal der Vogel direkt vorm linken Auge saß und meine Sehkraft einschränkte. Da kann ja sonst was passieren!

Die Nachricht vom Kuckuck ging schneller um als ein Kopflausbefall in einer Schulklasse. Und noch während ich am Latte Macchiato schlürfte, wusste es bereits Richard, mein bester Freund. Tief erschüttert trat er näher und setzte sich mir gegenüber. »Was höre ich da Schätzchen? Die haben deine Sachen gepfändet?«

Ich nickte, ohne aufzublicken.

»Und was brauchst du zur Auslöse?«

»Dreitausenddreihundert.«

Richard erblasste. »Meine Güte, ein stolzes Sümmchen.«

Seine Augen wanderten zu seinem Fingerring. »Null-Fünfundzwanziger Karat. Was glaubst du, was der bringt?«

»Dein Tolkowsky? Vergiss es!«

»Aber …«

»Nein, Richard!«

Er griff sich in den Nacken. »Gott, bin ich verspannt. Und deine Laune macht es nicht besser.«

»Sorry. Ich weiß ja, dass es lieb gemeint ist, aber …«

»Was aber?«, drängelte Richard. Seine Augen blickten tief in die meinen, als fände er eine Antwort darin.

Ich versuchte seinen Blicken auszuweichen und zog den Rest meines Milchespressos durch den lustig bunten Strohhalm, der aus meinem Glas ragte.

»Ich warte«, mahnte er mich sichtlich ungeduldig, den Satz zu beenden. Dabei trommelte er mit seinen Fingern auf den Tisch. Ich ignorierte ihn und wendete mich zur Straße. »Sieh mal, Richard, Joe hat schon wieder eine neue Frisur.«

»Netter Versuch Schätzchen, aber …« Richard konnte nicht anders und blickte sich um. »Um Gottes willen! Welchem Haarjunkie ist der denn aufgesessen? Der Style geht ja gar nicht.«

Ich musste schmunzeln. Richard starrte auf seinen Ex, als sei der gerade zum Hetero mutiert. Angewidert spuckte er in Joes Richtung. »Ich weiß überhaupt nicht, was mir jemals an dem gefallen hat.« Dann schaute er wieder zu mir. »Sag schon, Rapunzel, was hat mich an diesem Typen fasziniert?«

»Sein Sexappeal?«, mutmaßte ich vorsichtig. Ich wollte keinesfalls alte Wunden aufreißen. Und schon gar keine weitere Nacht auf dem Sofa mit einem heulenden Richard und einer Familienpackung Tempos riskieren.

»Wohl eher eine vorübergehende Sinnestäuschung«, berichtigte er mit einem eleganten Kopfschwung.

»Klar, was sonst, Richard.«

Ein Tag später …

Mein Konto war auf Notstand und mein Sparbuch geplündert. Die Bankangestellte zählte mir die letzten Scheine vor und schob sie herüber.

»Hätten Sie vielleicht einen Umschlag dafür?«, fragte ich vor Angst, auch nur einen der grünen Scheinchen zu verlieren.

Mürrisch griff sie unter ihren Schalter. »Der wird wohl ausreichend sein«, erwiderte sie mit einem unfreundlichen Ton, während sie mir das Kuvert übergab. Ich schrieb pflichtbewusst den Namen des Gerichtsvollziehers darauf, steckte das Geld hinein und verstaute das Staatseigentum in meiner Handtasche. Eintausendsechshundert – pfutsch und weg! Und damit auch erstmal mein Traum – der Abschluss zur Schauspielerin. Mit einem Goodbye my Money, das durch meinen Kopf dröhnte, schlurfte ich die belebte Einkaufsstraße entlang. Ich musste an die Stellenanzeige denken, die ich im Vorraum der Bankfiliale gesehen hatte. Servicekraft auf einem Seebestattungsboot, stand dort geschrieben. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten würde, war mir aber sicher, dass ich diesen Job wollte. Nur eine Saison, bis ich das Geld für die restlichen Schulden und die letzten zwei Semester zusammen hätte. Dann würde ich zurückkommen – zurück nach Berlin – und meine Schauspielausbildung beenden.

Die Schauspielschule lag nur wenige Minuten entfernt. Sarah, eine meiner Mitbewohnerinnen und ebenfalls angehende Schauspielerin, winkte mir aufgebracht zu. »Wo bleibst du denn? Die Knödelmeyer hat längst angefangen.«

Ich eilte ihr entgegen. »Verdammt! Ist Richard noch oben?«

Sarah schob mich in Richtung Szenen-Aula. »Keine Zeit mehr, geh ohne Maske, und präsentier der Knödelmeyer ein Rapunzel, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.«

Ich schluckte. Ohne Make-up und Hairstyling? Das konnte nur schiefgehen. Niedergedrückt öffnete ich mein Haarband, während Sarah mir half, aus der Endlos-Mähne einen Zopf zu flechten.

»Was um alles in der Welt macht ihr da?«, kreischte es durch den Flur.

Erleichtert drehte ich mich zur Treppe. »Richard! Gott sei Dank.« Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Leichtfüßig huschte er die Stufen hinunter. »Geh weg!«, fauchte er Sarah an. »Du ruinierst und zerzaust sie ja völlig.«

Er griff in mein herabhängendes Haar. »Nun sieh dir das an! Verfilzt, spröde, glanzlos.«

»Richard mach was!«, bettelte ich. Die Zeit wurde knapper, und meine Geduld schlug langsam in Panik um. Schließlich würde es eine meiner wichtigsten Schauspielszenen sein und der Grundstein für meine Zukunft. Mit der Laune einer verschmähten Prinzessin wühlte sich Richard kopfschüttelnd durch mein langes Haar.

»Tu doch was!«, schrie ich hysterisch. Kleine Schweißperlen kämpften sich allmählich durch jede Pore meines Körpers, und die Anspannung raubte mir den Atem.

»Ich versuche es doch! Halt still.« Gekonnt und mit der Fingerfertigkeit eines gelernten Visagisten, verwandelte er mich allmählich zum perfekten Rapunzel. Ich war begeistert. Und auch Sarah nickte aus sicherer Entfernung. »Danke, Rich. Du bist der Beste.« Ich drückte Richard einen Kuss auf die Wange und rannte in die Aula – einem pompösen Abschlussauftritt entgegen.

Eine Woche darauf …

Ich hatte alles vorbereitet – den Tisch hübsch gedeckt, Essen gekocht und einen passenden Wein ausgewählt – alles, um meinen Freunden die Nachricht vom Wegzug zu überbringen. Ich musste eben den passenden Moment abwarten, den Augenblick der Ein-Promille-Phase. Bei Richard hingegen war das eher riskant. Er neigte unter Alkohol zu depressiven Heulanfällen, die sich dann meist über Stunden ausdehnten. Egal! Ich war bereit und starrte auf die Küchentür, hinter der ich die Stimmen von Elke und Sarah vernahm. Dann klopfte es. »Rapunzel? Dürfen wir?«

»Ja, kommt rein.«

Voller Stolz präsentierte ich meine Tischdekoration, die dezent in Stahlblau gehalten war und unter dem Motto »Abschied ist ein scharfes Schwert« stand. Im Hintergrund dudelte Roger Whittaker – eine CD, die ich im Keller gefunden hatte.

»Servietten mit Schwertern drauf?«, kicherte Elke los. »Will heißen, ich habe keine Ahnung, was du uns heute sagen willst.«

»Ich auch nicht«, pflichtete ihr Sarah bei.

Richard, der plötzlich ebenfalls in der Küche stand, schlug die Hände erschrocken vors Gesicht. »O Gott, du stirbst!«

»Nein! Tu ich nicht!«

»Gut. Dann nehme ich ein Feierabendschlückchen vor dem Essen.« Er setzte sich und hielt sein Weinglas in die Höhe. Und während ich eingoss, beäugte er das Etikett der Flasche. »Ach, wie schön, ein Pfälzer Riesling. Und ebenso trocken wie mein Liebesleben.«

Elke und Sarah verdrehten die Augen und nahmen Platz.

»Was gibt’s? Nun sag schon«, begann Elke zu drängeln.

»Nach dem Dessert«, erwiderte ich und füllte auch ihre Weingläser.

Nachdem ich alle drei Gänge serviert und die vierte Flasche Wein ihre Wirkung gezeigt hatte, klopfte ich mit dem Löffel gegen mein Glas und erhob mich. »Also … Was ich euch sagen wollte … Na ja, wie soll ich anfangen? Ich habe eine Anstellung im Service bekommen und breche morgen nach Rügen auf.« Erleichtert sank ich zurück auf meinen Stuhl.

»Was? Für wie lange?« Elke sah mich fassungslos mit aufgesperrtem Mund an.

Richard verschluckte sich am Riesling und rang nach Luft. Krebsrot im Gesicht fuchtelte er mit seinen Händen herum, auf der Suche nach Worten. Und auch in Sarahs Gesicht war deutlich Kritik an meinem Vorhaben erkennbar. »Du spinnst doch!«

Dann herrschte Stille, für gefühlte zehn Minuten.

»Noch ein Gläschen?«, fragte ich in die Runde, in der Hoffnung, die Stimmung wieder etwas aufzulockern. Aber niemand reagierte auf mein Angebot.

»Was, zum Teufel, willst du auf Rügen?«, fragte Sarah.

»Und was wird aus der Premiere im nächsten Jahr? Keiner spielt Rapunzel so wie du«, argumentierte Elke.

Richard, der mittlerweile seine Stimme wiedergefunden hatte, hüstelte.

»Du verlässt mich für einen Job? Das kann ich nicht glauben! Und er bedeutet dir mehr als ich?«

Ich überlegte, wen er meinen könnte. »Wer?«

»Der Job, für den du mich verlässt. Oder hast du etwa auch noch einen besseren Visagisten gefunden und vergessen, ihn zu erwähnen?«

»Gott, nein! Ich serviere dort Getränke auf einem Bestattungsboot.«

Richard wurde bleich. »Tote? Du meinst, du fährst mit Verstorbenen übers Meer, die dann über Bord geworfen werden?«

Von dieser Seite hatte ich es selbst noch nicht betrachtet. Aber irgendwie stimmte es.

»Ja!«

»Du meine Güte … Du musst sie doch nicht etwa anfassen?«

Elke schlug die Hand vor ihren Mund. »Ich glaub, ich muss kotzen.« Sie sprang auf und lief hinaus. Sarah blickte ihr nach. Es schien, als überlegte sie, es Elke gleichzutun.

»Was ist eigentlich so schlimm daran?«, fragte ich, erzürnt über die Reaktionen. »Es ist doch nur ein Saisonjob, nichts weiter.«

Nach dem Abschiedsdinner packte ich meine Sachen zusammen. Dass ich mich nicht wirklich auf die wichtigsten Klamotten konzentrieren konnte, lag nicht nur am Wein, sondern auch an Richards hysterischem Anfall nach der Verkündung meiner Abreise. Es dauerte genau bis zum Morgengrauen, bis er sich wieder beruhigte und auf meinem Bettsofa einschlummerte. Ich überlegte, mich in Richards Zimmer zu verdrücken, kuschelte mich aber an ihn und hielt seine Hand, während ich versuchte einzuschlafen. Immerhin würde ich ihn, meinen allerbesten Freund, für eine lange Zeit nicht mehr sehen können. Müdigkeit durchströmte meinen Körper, dennoch fiel es mir schwer, Richard ins Land der Träume zu folgen. Zu viele Gedanken rasten durch meinen Kopf. Was, wenn ich nicht seetauglich war? Oder wenn mich die Knödelmeyer bis zur Rapunzel-Premiere ersetzen würde? Zu hart hatte ich dafür gekämpft, sogar mein ganzes Leben darauf ausgerichtet. Und jetzt? Jetzt hatte mich eine Bratpfanne aus der Bahn geworfen und stellte mein gesamtes Dasein in Frage. Ich musste an meine Kindheit denken und an die Leiterin des einzigen Heimes, das sich in einem restaurierten Turm befand. Ein Kulturschock, nannte es Richard immer. Aber einer, der mich täglich an die Geschichte des Rapunzels erinnerte und mir ihre Lebensweise näherbrachte. Irgendwann kam dann der zündende Funke: Ich werde professionelle Schauspielerin und das erfolgreichste Rapunzel der Welt. Fast acht Jahre hatte ich dafür gearbeitet, gejobbt und gespart – Nacht für Nacht in den schlimmsten Kneipen. Und Richard war immer für mich da gewesen.

Als der Wecker klingelte, fuhr ich erschrocken hoch. Was? Wo? Wie spät? Noch leicht benebelt vom Umtrunk, versuchte ich aufzustehen, verlor aber das Gleichgewicht und sank zurück.

»Autsch!«, beschwerte sich Richard, auf dessen Arm ich gelandet war. »Geh runter! Und überhaupt, was machst du in meinem Bett?«

»Entschuldige, aber das ist mein Bett.«

Er blinzelte sich um. »Tatsächlich. Und was tue ich hier?«

Ich zuckte mit den Schultern und wagte einen erneuten Versuch aufzustehen. Diesmal klappte es. Nur entsprach mein Gang dem eines orientierungslosen Kleinkindes.

»Jetzt weiß ich wieder … Du willst nach Rügen, nicht wahr? Oder war das nur ein Alptraum?« Er strich nachdenklich sein Kopfhaar nach hinten.

»Kein Alptraum. Ich fahre noch heute«, half ich seiner Erinnerung auf die Sprünge.

»Ah ja. Mit dem Zug?«

»Nein! Mit Mokkaböhnchen.«

Richard richtete sich auf. »Du beliebst zu scherzen.«

Ich warf mir meinen Morgenmantel über und öffnete die Zimmertür. »Einen Kaffee?«, fragte ich, ohne zurückzublicken und auf seine Frage einzugehen.

»Mit drei Stück Zucker bitte. Und solltest du im Kühlschrank noch etwas Verstand finden …«

»Ich habe es kapiert!«, unterbrach ich seine ironische Bemerkung. »Und egal, wie dusselig du meine Entscheidung und den Job auch finden magst, ich gehe trotzdem.«

»Na schön! Dann geh doch! Und wirf Leichen über Bord und bitte gleich noch ein Stück Zucker mehr in meinen Kaffee. Soll ja angeblich die Glückshormone anregen.«

»Gut! Wie du willst.« Übel gelaunt goss ich Kaffee in Richards außergewöhnliche Tasse – einen Riesenpott mit dem Fassungsvermögen einer Pampers-Windel. Und absolut rücksichtslos, wie ich fand. Nicht umsonst nannte man diese Art Tassen Kameradenbetrüger. Richard hingegen mochte seinen Literpott. Für ihn war er die Berliner Antwort auf das bayrische Maß. Lieblos stellte ich den Kaffeepott ab. »Dieses Ding ist echt unfair«, beschwerte ich mich.

»Dafür praktisch.«

»Die Tasse ist unhandlich und schwer. Wo bitte ist das praktisch?«

»Ach, Schätzchen, überleg doch mal. Für zehn normale Käffchen muss ich nur einmal zur Kanne gehen.«

Wütend winkte ich ab. »Mir doch egal. Ich fahre jetzt sowieso.«

»Natürlich. Mit deiner Vespa.«

»Ja, genau!«

»In strömendem Regen bis Rügen.«

»O ja!«

»Ich hoffe, du hast ein Zelt eingepackt, für dich und deine Vespa, weil du nämlich Tage unterwegs sein wirst«, klugscheißerte Richard.

Von wegen Tage unterwegs! Exakt zweihundertneunzig Kilometer, dachte ich bei mir. Als wenn ich mich nicht informiert hätte.

»Lass das meine Sache sein! Und überhaupt, lass Mokkaböhnchen in Ruhe. Ohne sie gehe ich nirgends hin.«

»Ach so! Und ich bin dir egal oder wie?«

»Bist du nicht! Aber ich brauche das Geld für die letzten Monate meiner Ausbildung. Denn ohne Kohle kein Abschluss.«

»Ich hätte den Ring verkauft …«

»Nein, Richard!«, fuhr ich ihm ins Wort. »Ich weiß, was ich tue, ich bin nämlich schon erwachsen. Und ich will meine Verbindlichkeiten und meinen Abschluss selbst bezahlen.«

Er nippte am Kaffee. »Du bist stur wie ein Esel.«

»Ich weiß. Und ich bin deine beste Freundin.« Ich stupste ihn an. »Bekomme ich eine Umarmung, bevor ich mich anziehe und davonfahre?«

Richard stellte seinen Riesenpott ab und drückte mich fest an sich. »Ich will, dass du gesund wiederkommst, hörst du? Und du rufst mich an, sofort wenn du da bist.«

Ich nickte.

»Hast du auch genügend Socken und warme Unterhöschen eingepackt? Am Meer weht ja immer ein kühles Lüftchen.«

»Ja, klar.«

»Und nimm dich in Acht vor diesen Bestattungstypen und ihre weiß behandschuhten Patschhändchen. Und überhaupt, meldest du dich am besten täglich.«

»Richard!«

»Okay, so oft du kannst.«

Ein Schiff namens Friedhild

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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