Räume digitaler Kommunikation -  - E-Book

Räume digitaler Kommunikation E-Book

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Beschreibung

Medien und medienvermittelte Kommunikation beinhalten schon immer das Potenzial, die Bezüge zu Raum und zwischen Räumen auf der Mikro- wie auf der Makroebene zu beeinflussen. Mit den vernetzten digitalen Medien scheinen nun noch neue Qualitäten nicht nur hinsichtlich der Gestaltung, der Wahrnehmung und des Erlebens von Raum aufzutreten. Doch welche Veränderungen individuelle oder gesellschaftliche Raummuster durch und in Bezug auf die digitalen Medien erfahren und ob und inwieweit die digital vermittelte Kommunikation überhaupt noch an diese Muster gebunden ist, bleibt derzeit theoretisch und empirisch noch recht unspezifisch bearbeitet. Unzweifelhaft scheint heute jedoch, dass die neuen digitalen Medien den Raum nicht verschwinden oder unbedeutend werden lassen, sondern es deutet umgekehrt vieles darauf hin, dass damit Prozesse der Generierung, Entfaltung und Ausweitung von Räumen stattfinden. Ziel des Bandes ist es, einerseits einen Beitrag zur begrifflichen und theoretischen Schärfung und Vertiefung von Räumen digitaler Kommunikation, den Kommunikationsprozessen in digital entfalteten und dynamisch weiter entfaltbaren Raumstrukturen, der aufeinander bezogenen wechselseitigen Bedingtheit von räumlicher Struktur und kommunikativer Praxis zu leisten. Andererseits sollen mittels empirischer Arbeiten und Fallstudien Prozesse z.B. mit ihren funktionalen, symbolischen oder inhaltlichen Ausgestaltungen auf digital vermittelte Räume – seien es private oder öffentliche, lokale oder transnationale, temporäre oder zeitlich stabile – sowie die Kommunikationspraxis beeinflussende Strukturen aufgezeigt werden.

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertebibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.ddb.de abrufbar.

Thomas Döbler / Christian Pentzold / Christian Katzenbach (Hrsg.)

Räume digitaler Kommunikation.

Lokalität – Imagination – Virtualisierung

Neue Schriften zur Online-Forschung, Band 16

Köln: Halem, 2021

Die Reihe Neue Schriften zur Online-Forschung wird herausgegeben von Martin Welker, Monika Taddicken, Cathleen M. Stützer und Meinald T. Thielsch.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

© 2021 by Herbert von Halem Verlag, Köln

ISSN 1865-2638

ISBN (Print): 978-3-86962-440-2

ISBN (PDF): 978-3-86962-441-9

eISBN: 978-3-86962-554-6

Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im

Internet unter http://www.halem-verlag.de

E-Mail: [email protected]

SATZ: Herbert von Halem Verlag

LEKTORAT: Imke Hirschmann

DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg

GESTALTUNG: Bruno Dias, Porto

Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry

Lexicon® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.

NEUE SCHRIFTEN ZUR ONLINE-FORSCHUNG

Thomas Döbler / Christian Pentzold /Christian Katzenbach (Hrsg.)

Räume digitaler Kommunikation

Lokalität – Imagination – Virtualisierung

Inhalt

THOMAS DÖBLER / CHRISTIAN PENTZOLD / CHRISTIAN KATZENBACH

Räume digitaler Kommunikation – eine Einleitung

HUBERT KNOBLAUCH / MARTINA LÖW

Digitale Mediatisierung und die Re-Figuration der Gesellschaft

I.LOKALE MEDIENRÄUME

CHRISTIAN SCHWARZENEGGER

Mobil, vernetzt und digital – Kommunikationsräume und die Geografie der Lebenswelt

ERIC LETTKEMANN / INGO SCHULZ-SCHAEFFER

Lokative Medien: Inklusion und Exklusion in öffentlichen Räumen

MATTHIAS BERG

Das Dorf als mediatisierter Kommunikationsraum

ERIC MÜLLER / KATHARINA VAN DER BEEK / SVEN JÖCKEL

Kommunikation und Bewegung im Alltag zwischen Dorf und Region: Medienhandeln Jugendlicher in ländlichen Räumen

II.IMAGINIERTE MEDIENRÄUME

GEORG GLASZE / FINN DAMMANN

Von der ›globalen Informationsgesellschaft‹ zum ›Schengenraum für Daten‹ – Raumkonzepte in der Regierung der ›digitalen Transformation‹ in Deutschland

DENNIS REICHOW

Mobile Panic Room: Eskapismus als Nutzungsmotiv zur Konstruktion von Fluchträumen im öffentlichen Personenverkehr

ANNE REIF

Mehr Raum für Vertrauen? Potenzielle Veränderungen des Vertrauens in Wissenschaft durch partizipative Online-Umgebungen

ELKE KRONEWALD / JOHANNA PREER

Zwischen Be- und Entgrenzung: Mediennutzung und digitale Räume junger Mütter

CASTULUS KOLO / NIKLAS LÜST

Computerspiele und soziale Interaktion in virtuellen Räumen – eine empirische Untersuchung der Zusammenhänge von allgemeinen psychosozialen Faktoren mit Spielmotivation und -auswahl

III.VIRTUALISIERTE MEDIENRÄUME

SEBASTIAN PRANZ

Der verzerrte Raum. Mediatisierte Orte und ihre Voraussetzungen

DOMINIK RINNHOFER

Virtualisierung realer Architekturen – Rekonstruktion und Delokalisation von realen Räumen

Autorinnen und Autoren

THOMAS DÖBLER / CHRISTIAN PENTZOLD / CHRISTIAN KATZENBACH

Räume digitaler Kommunikation – eine Einleitung

Innerhalb der Sozialwissenschaften vollzog sich im ausgehenden 20. Jahrhundert ein bemerkenswerter Wandel im Verständnis von und im Zugang zu ›Raum‹ als einer sozialen Kategorie. Zwar wurde Raum vereinzelt schon vorher als soziales Konstrukt thematisiert, doch die dominierende Vorstellung von Raum war weithin begrenzt auf die eines festen und abgeschlossenen ›Containers‹ oder eines geografisch lokalisierbaren Territoriums. Vor dem Hintergrund von Globalisierung, Mobilisierung und digitalen, vernetzten Medien entwickelten sich schließlich Annahmen – oftmals als ›Befürchtung‹ geäußert –, dass mit dem Bedeutungsverlust von territorialen und geografischen Grenzen, dass mit der Auflösung von Kategorien wie nah und fern, Menschen den Bezug zu Raum grundlegend verlieren könnten.

Mit dem in den 1990er-Jahren einsetzenden und als ›Spatial Turn‹ bezeichneten fundamentalen Perspektivwechsel beginnt hingegen, und zwar disziplinübergreifend, ein Denken, in dem Räume selbst als soziales Produkt begriffen werden (SOJA 2009). »(Social) space is a (social) product«, so der paradigmatische Leitsatz Lefebvres (1991: 30). Vor allem Löw (2001) gelingt es unter Rückgriff auf Giddens’ »Dualität von Struktur« (1997: 77f.), den Dualismus von Raum und Sozialem, verstanden als »Gegensatz von Natur und Gesellschaft« (KNOBLAUCH/STEETS 2020: 136), mit dem Vorschlag einer »Dualität von Raum« (LÖW 2001: 172) theoretisch grundlegend zu überwinden: Raum ist nicht etwas, das dem Sozialen unverbunden gegenübersteht, sondern Produkt des Sozialen. Räume als soziale Produkte meint dabei weniger, dass Räume geplant und gestaltet werden, sondern dass Räume »für Menschen nur dadurch zu Räumen werden, als sie als soziale Gebilde hergestellt werden müssen«, dass also das Soziale stets räumlich zu denken ist und »Gesellschaften […] grundlegend über Räume geordnet« (LÖW 2015: o. S.) werden. Für Giddens (1997) bedeutet dies, dass soziale Beziehungen, wenn nicht ortsgebunden, so doch ortsbezogen sind.

Interaktionsbeziehungen in diesen locales, auch die im scheinbar ortslosen digital vernetzten »Raum der Ströme« (CASTELLS 2004: 467), haben neben einer symbolischen auch stets eine materielle Dimension. So sind die Ausdehnung, der Zugang und die Leistungsfähigkeit von IT-Infrastrukturen durch ungleiche geografische, geologische und national-territoriale Bedingungen geprägt (GRAHAM 2019; STAROSIELSKI 2015). Zudem werden die Handlungs- und Kommunikationsoptionen zusehends durch die Regeln von Plattformen als reglementierten Spaces von Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Aggregation definiert (GILLESPIE 2010). Spätestens hier zeigt sich, dass Räume keine homogenen Gebilde sind, sondern dass räumlich etablierte Relationen sich heterogen gestalten und mit Formen der Segregation, Hierarchisierung und Kontrolle einhergehen. Für Massey (2005: 91) ist dies geradezu eine conditio sine qua non von Räumen: »as long as there is multiplicity there will be space.« Entsprechend fragwürdig sind Überlegungen, welche die Durchsetzung von Netzwerkmedien mit der zunehmenden Obsolenz räumlicher Trennungen verquickt sehen. Statt einer »time-space compression«, wie noch von Harvey (1989: 240) prophezeit, liegt der Schwerpunkt jüngerer Forschung eher auf der Diversität von Orten, der »friction« (TSING 2004) zwischen raumbezogenen Faktoren und ihren Implikationen für Handlungsvermögen, -prozesse und -wirkungen. Zugleich wird klar, dass Distinktion sowie Machtausübung und Machtpotenziale auch eine räumliche Dimension haben, indem durch die Gestaltung räumlicher Bedingungen Handeln strukturiert wird (BOURDIEU 1982; CRESWELL 2006; SASSEN 1998; SHIELDS 1999).

Ganz entgegen der Sichtweise, wonach beispielsweise die Beschleunigung von Reisen und Transport oder die internetgestützten Medien den Raum unbedeutend(er) machen, lässt sich in der hier eingenommenen Perspektive ein Prozess der Generierung, Entfaltung und Ausweitung von Räumen erkennen (DÖRING/THIELMANN 2009). Raum und Räume scheinen also umgekehrt an Bedeutung zu gewinnen, wobei gerade die Verzahnung von unterschiedlich konstituierten und funktionierenden Räumen – z. B. von virtuellen und physischen, von lokalen und globalen, von transitiven und stationären Räumen – von Interesse ist.

Zugespitzt ließe sich formulieren, dass angesichts der tiefgreifenden Transformationsprozesse mit ihren sozial-kulturellen, ökonomischen, informations- und kommunikationstechnologischen Dynamiken sich letztlich auch der Begriff und das Verständnis von Raum gleichsam verändern musste. Diesem Aspekt wenden sich KNOBLAUCH und LÖW in ihrem grundlegenden Einführungstext zur räumlichen Re-Figuration der Gesellschaft in diesem Band zu. Mit ihrer theoretisch ausdifferenzierten Argumentation legen sie den Grundstein für die diesen Band kennzeichnende sozial- und insbesondere kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung – sei sie primär theoretisch oder empirisch angelegt – mit den sich in einer zunehmend digital mediatisierten Welt verändernden Dimensionen, Prozessen und Strukturen des sozialen Gebildes ›Raum‹.

Medien und medienvermittelte Kommunikation beinhalten schon immer das Potenzial, die Bezüge zu Raum und zwischen Räumen auf der sozialen Mikro- wie auch auf der Makroebene zu beeinflussen; mit den vernetzten digitalen Medien scheinen neue Möglichkeiten hinsichtlich der Gestaltung, der Wahrnehmung und des Erlebens von Raum eröffnet. Dies gilt nicht nur für die ortsbezogenen Kommunikationsdienste und Apps, wird aber an diesen besonders deutlich (EVANS/SAKER 2017; MARVIN/HONG 2017). Doch welche Veränderungen individuelle oder gesellschaftliche Raummuster durch und in Bezug auf die digitalen Medien erfahren und ob und inwieweit die digital vermittelte Kommunikation überhaupt noch an diese Muster gebunden ist, bleibt derzeit theoretisch und empirisch noch recht unspezifisch bearbeitet. Unzweifelhaft scheint heute jedoch, dass die neuen digitalen Medien den Raum keineswegs verschwinden oder unbedeutend werden lassen, sondern dass im Gegenteil ein Prozess der Schaffung und Ausdehnung wie auch der Transformation und Schrumpfung von Räumen – kommunikationswissenschaftlich gewendet von Kommunikationsräumen – konstatiert werden kann.

Neben einer oftmals rein metaphorischen Verwendung des Raumbegriffs, was sich u. a. in gern verwendeten Umschreibungen wie Cyberspace, global village, Datenautobahn, Traffic, Echokammern etc. offensichtlich niederschlägt, werden bislang digitale Kommunikationsräume oft mit einer Konzentration auf politische Meinungsbildung und -wirkung, auf das Entstehen von Teilöffentlichkeiten oder persönlichen Öffentlichkeiten oder auch mit einem Fokus auf medienethische oder medienökonomische Fragestellungen analysiert. Mithin sind gerade im Begriff der Öffentlichkeit bzw. noch deutlicher in dem der public sphere Raumkonzepte eingeschrieben. Hier stehen die vorbildhaften Öffentlichkeitssphären von agora und polis im Gegensatz zum häuslich-geschlossenen oikos (BENHABIB 1992; FRASER 1992; HABERMAS 1990). Die räumliche Logik der liberalen Demokratie sieht demgemäß dort öffentliche Arenen verwirklicht, wo Sprechende und Publika mit unterschiedlichem Zuschnitt und verschieden starrer Rollenverteilung offen zusammenkommen.

Systematische Überlegungen zum ›Kommunikationsraum‹ werden dabei, wenn überhaupt, eher randständig bearbeitet (siehe BERRY/HARBORD/MOORE 2013; COULDRY/MCCARTHY 2003; GÜNZEL 2018). Und schon der Begriff des Kommunikationsraums, sofern er selbst nicht ohnehin eher metaphorisch verwendet wird, ist uneindeutig und ermöglicht teils recht unterschiedliche theoretische Zugänge; und mehr noch, die Prozesse der Entstehung und Gestaltung, der Erweiterung und Veränderung der digital vermittelten Kommunikationsräume, die allesamt ja nicht im ›luftleeren Raum‹, sondern strukturell beeinflusst, vor dem Hintergrund technischer, ökonomischer, rechtlicher und kultureller Rahmenbedingungen erfolgen, sind erst noch grundlegender theoretisch zu fassen und empirisch zu konkretisieren. Unter Rückgriff auf Löws (2001: 224) »Dualität von Raum« lassen sich Kommunikationsräume als in und durch Kommunikation geschaffene »relationale Anordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten« betrachten, doch gleichzeitig strukturieren räumliche Strukturen diese Kommunikation auch vor.

Ziel des hier vorgelegten Bandes ist es einerseits, einen Beitrag zur begrifflichen und theoretischen Schärfung und Vertiefung zu leisten, was Räume digitaler Kommunikation sind bzw. sein können. Der Fokus liegt auf dem Zusammenhang zwischen Kommunikationsprozessen und digital entfalteten und dynamisch weiter entfaltbaren Raumstrukturen und damit der aufeinander bezogenen wechselseitigen Bedingtheit von räumlicher Struktur und kommunikativer Praxis. Andererseits sollen mittels empirischer Arbeiten und Fallstudien Prozesse z. B. in der funktionalen, symbolischen oder inhaltlichen Ausgestaltung von digital vermittelten Räumen, seien es private oder öffentliche, lokale oder transnationale, temporäre oder zeitlich stabile, sowie die Kommunikationspraxis beeinflussende Strukturen aufgezeigt werden. Die Grundfragen beschäftigen sich also damit, wie räumliche Bezüge in Kommunikation relevant gemacht und wie Räume kommunikativ thematisiert und mithin konstituiert werden.

Der Band gliedert sich dabei in drei Bereiche, die mit ›Lokale Medienräume‹, ›Imaginierte Medienräume‹ und ›Virtualisierte Medienräume‹ überschrieben sind. Im ersten Abschnitt versammeln sich Beiträge, die Raum als »Organisationsform des Nebeneinanders« (LÖW/STEETS/STOETZER 2007: 51) begreifen und sich damit befassen, wie medienkommunikative Prozesse lokalräumliche, territorial gegründete Räume herstellen und transformieren. Um mit einer Unterscheidung von Lefebvre (1991) zu sprechen, werden in den Aufsätzen medial vermittelte, kommunikativ gestaltete spatial practices untersucht, mittels derer Räume (re-)produziert werden. Der Blick muss dabei nicht bei den intensiv untersuchten smart cities stehen bleiben (HALEGOUA 2020; HEPP/KUBITSCHKO/MARSZOLEK 2018; MOSSBERGER/TOLBERT/FRANKO 2013), sondern betrachtet ebenso ländliche Gebiete.

Im zweiten Abschnitt versammeln sich Beiträge mit einem weiteren Raumbegriff, der auch raumbezogene Metaphern einschließt. Mit Lefebvre (1991) können diese als diskursive Repräsentationen von Räumen bzw. raumbezogenen Relationen verstanden werden. Zwar sind auch hier geografisch-territoriale Faktoren von Bedeutung, doch liegt der Schwerpunkt auf der Analyse von Raumvorstellungen und Raumkonzepten. Darunter fallen auch die Studien mit einem loseren Raumbezug, in dem Raumbegriffe entweder im untersuchten Feld selbst oder im konzeptuellen Design der Studie gewählt werden, um kommunikative Konstellationen zu beschreiben. Bemerkenswerterweise ging gerade die Entwicklung und Durchsetzung von digitalen Diensten mit raumbezogenen Begriffen wie Chatraum, information superhighway oder Cyberspace einher, um auf diese Weise Kommunikations- und Informationstechnologien terminologisch zu lokalisieren (FEATHERSTONE/BURROWS 1995; SCHROER 2006).

Schließlich eint die Beiträge des dritten Abschnitts die Auseinandersetzung mit virtualisierten Medienräumen. Hierbei geht es im Kern um symbolisch manifestierte Räume, die häufig in einem repräsentationalen Verhältnis zu geografisch-lokalräumlichen Verhältnissen stehen. Dies kann, muss aber nicht abbildhafte Ähnlichkeit bedeuten, wie bei Karten oder virtuellen Modellen. Vielmehr sind die Aufsätze damit befasst, die voraussetzungsreiche und nie identische Nachbildung bzw. -formung von Räumen zu studieren. Um wieder Lefebvre (1991) zu bemühen, kann von ›spaces of representation‹, statt wie im zweiten Abschnitt von ›representations of space‹, gesprochen werden. Auch hier gilt, dass solche Virtualisierungen räumlichen Verbindungen und Verbindlichkeiten nicht einfach enthoben sind, sondern diese in anderer Form adressiert werden müssen. So erklärt Massey (2005: 96): »For all that so many of the tales of the effect of cyberspace revolve around its ability to render space insignificant, in the context of its own material production and operation (on the ground, as it were) space is of fundamental importance.«

Den drei Abschnitten vorangestellt ist die als Grundlagentext für diesen Band zu verstehende theoretische Auseinandersetzung von Hubert Knoblauch und Martina Löw zur räumlichen Re-Figuration der Gesellschaft. Vor dem Hintergrund der digitalen Mediatisierung führen die Autor*innen hier nicht nur aus, wie und in welchem historischen, politischen und institutionellen Kontext sich das Verständnis und die Vorstellung des Raums wandeln, sondern sie zeigen auch, welch vielschichtiges Beziehungsgefüge theoretisch und empirisch zu beachten ist, um Raum zu bestimmen. Zentrale Argumentationsgrundlage ist dabei, Raum relational und dynamisch zu denken: Raum wird also nicht als gegebene Entität gefasst, sondern vielmehr in relationalen Beziehungsgeflechten oder Netzwerken verortet. Doch die Neufassung des Raumbegriffs ist nicht schon das Ergebnis, sondern expliziter Anspruch ist, wie auch schon in anderen jüngeren Publikationen sowohl je einzeln als auch gemeinsam angelegt und entwickelt (KNOBLAUCH 2017; KNOBLAUCH/LÖW 2020; LÖW 2018), die »Idee der Relationalität mit dem Sozialen« zu einer »Sozialtheorie des Raumes« zu verbinden.

Im ersten Abschnitt, der mit ›Lokale Medienräume‹ überschrieben ist, wendet sich CHRISTIAN SCHWARZENEGGER dem Verhältnis von digitaler Kommunikation und Raum aus einer grundsätzlichen Perspektive zu: Mit Bezugnahme auf Jansson (2009) diskutiert er mediatisierte Kommunikation als relevante Einflussgröße für eine Erweiterung von Lebenswelten. Seine theoretischen Überlegungen zu den Wechselwirkungen, wie Orte, Plätze und Räume in und durch digitale Kommunikation für alltägliche, lebensweltliche Handlungen und Erfahrungen von Individuen bedeutsam werden, und wie es gelingt, sich in dieser Lebenswelt zu Hause zu fühlen sowie wie digitale Kommunikation umgekehrt räumliche Vorstellung, Orientierung und das Raumerleben prägen, werden in einem zweiten Schritt entlang ›empirischer Miniaturen‹ illustriert. Theoretisch und empirisch zeigt Schwarzenegger somit auf, dass und wie Räume digitaler Kommunikation integraler Bestandteil unseres alltäglichen Handelns und des räumlichen Erlebens geworden sind.

Betont Schwarzenegger, dass die Forschung zu Räumen digitaler Kommunikation nicht ohne den physischen Raum auskommt, gehen ERIC LETTKEMANN und INGO SCHULZ-SCHAEFFER im nächsten Beitrag von einer zunehmenden Verschmelzung von physischen Orten mit virtuellen Räumen aus. Diese als ›cyber-physisch‹ bezeichnete Amalgame sehen sie durch sogenannte ›lokative Medien‹ befördert, die standortbezogene Informationen aus dem Internet mit physischen Räumen der Face-to-Face-Kommunikation verbinden. Damit, so argumentieren sie, differenzieren sich aber Raumwahrnehmung und Raumaneignung aus, die sie dann konkret hinsichtlich der möglichen Erzeugung neuer inkludierender Begegnungsorte oder umgekehrt der Entstehung exkludierender Rückzugsorte diskutieren und untersuchen. Gestützt auf webnografische Raumerkundungen können Lettkemann und Schulz-Schaeffer aufzeigen, dass die Inklusions- und Exklusionspotenziale der zunehmenden Nutzung lokativer Medien einen Möglichkeitsraum aufspannen, innerhalb dessen sich in Abhängigkeit von den je definierten und untersuchten Nutzungstypen die reale Entwicklung vollzieht.

MATTHIAS BERG rückt in seinem Beitrag die bislang noch unterbeforschte Bedeutung der Mediatisierung in ländlichen Umgebungen theoretisch und empirisch ins Zentrum. Konkret geht es ihm um die Spezifika der kommunikativen Vernetzung im ländlichen Raum vor dem Hintergrund fortschreitender Digitalisierung und Mediatisierung. Mit Bezug auf das Kommunikationsraumkonzept beschreibt Berg in Anlehnung u. a. an Hepp (2013) das Dorf dabei als »kommunikative Figuration«. In der vorgestellten medien-ethnografisch angelegten Fallstudie eines Dorfes in Niedersachsen setzt er mediale Infrastruktur, Konnektivität und lokale Mobilität zueinander in Beziehung und kann so aufzeigen, wie Face-to-Face-Gespräche, digitale und klassische Medienkommunikation ineinandergreifen und das Dorf als Kommunikationsraum fortlaufend kommunikativ hergestellt wird. Digitalisierung hat für den ländlichen Kommunikationsraum unzweifelhaft eine zentrale und weiter zunehmende Bedeutung, gleichwohl wird diese partiell auch als Bedrohung von dörflicher Lebensweise interpretiert. Dies lässt Berg zu der Schlussfolgerung kommen, das Dorf als einen »fragil mediatisierten« Kommunikationsraum zu kennzeichnen.

Die Bedingungen einer mediatisierten Raumaneignung untersuchen ERIC MÜLLER, KATHARINA VAN DER BEEK und SVEN JÖCKEL in ihrem Beitrag näher. Ihre empirische Studie beschäftigte sich mit den Raumaneignungsprozessen von Jugendlichen in drei unterschiedlich strukturierten ländlichen Regionen. Jugendliche, so eine Einsicht, eignen sich ihre ländlich geprägten Lebensräume im Kontext physischer Bewegung im geografischen Raum und vermittels der technischen Bedingungen von sozialen Netzwerken und Messengerdiensten an. Dabei prägen die gegebenen räumlich-geografischen Verhältnisse die Bedeutung digitaler Medien sowie die kommunikativen Praktiken selbst. »Mobilität«, so schlussfolgern die Autor*innen, »ist angesichts des regionalen Alltags aller befragten Jugendlichen die primäre Ressource der Raumaneignung«.

Den zweiten Abschnitt zu ›Imaginierten Medienräumen‹ eröffnet der Beitrag von GEORG GLASZE und FINN DAMMANN zu Raumkonzepten im Digitalisierungsdiskurs der deutschen Politik. Die Autoren spüren dabei der Frage nach, warum das Motiv der ›digitalen Souveränität‹ in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen konnte. Die Verbreitung digitaler Technologien war doch üblicherweise an Raumkonzepte gebunden, die mit einer entgrenzten und globalen Räumlichkeit verknüpft wurden, nicht mit einem abgrenzenden und territorialen Verständnis von Raum. Gemäß der qualitativen und quantitativen Rekonstruktion der Autoren wird dieser Wandel von einer veränderten Problemwahrnehmung getragen: Waren die digitalpolitischen Debatten der 1990er- und 2000er-Jahre von dem Ziel der Teilnahme an einer rasant entstehenden globalen Informationsgesellschaft geprägt, rückt in den 2010er-Jahren die eigene, nationale Expertise und die Verfügungsmacht über Daten in den Mittelpunkt. Die Dominanz US-amerikanischer und asiatischer Unternehmen in der Digitalwirtschaft wird zunehmend problematisiert – sowohl wirtschaftspolitisch als auch verfassungs- und datenschutzrechtlich. Vor diesem Hintergrund wird die territoriale Kontrolle und Regulierung von Datenströmen erneut zu einem legitimen politischen Programm – und das Raumverständnis der digitalen Transformation verschiebt sich.

Wie sich die Raumwahrnehmung im Kontext der digitalen Transformation auf der Mikroebene verschiebt, untersucht DENNIS REICHOW mit Blick auf den Zusammenhang zwischen mobiler Mediennutzung und dem Sicherheitsempfinden von Fahrgästen im öffentlichen Personenverkehr. Das Motiv zur Nutzung von Smartphones bei Unsicherheitsempfinden wird theoretisch dabei als Eskapismus gefasst; in Anlehnung an Knoblauch (2016) fasst Reichow dies als eine kommunikative Konstruktion von »Fluchträumen«. Mit seiner quantitativen Studie gelingt es Reichow zum einen, die theoretischen Überlegungen zu einer kommunikativen Konstruktion von Räumen empirisch fruchtbar zu machen; zum anderen belegt die Studie den vermuteten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß eskapistischer Mediennutzung und dem Unsicherheitsempfinden der Fahrgäste. Zwar zeigt die Studie auch, dass bei empfundener Unsicherheit neben der Smartphonenutzung alternative Bewältigungsstrategien zum Einsatz kommen können sowie empfundene Unsicherheit selbst wiederum mit soziodemografischen Merkmalen wie z. B. Alter oder Geschlecht zusammenhängt. Als zentrales Ergebnis ist gleichwohl festzuhalten, dass die Wahrnehmung von physischen Einschränkungen des materiellen Raums im ÖPV durch einen medial konstruierten Fluchtraum räumlich erweitert werden kann: Fahrgäste, die sich unsicher fühlen, können sich so von anderen physisch anwesenden Personen abgrenzen.

Die wahrgenommene Distanz beschäftigt auch ANNE REIF. In ihrem Beitrag diskutiert sie mögliche Veränderungen des Vertrauens in Wissenschaft im Zusammenhang mit Online-Medien. Dabei zeigt sich, dass die wahrgenommene raumzeitliche Distanz zwischen Wissenschaft und Alltagsleben ein zentraler Faktor in der Zuschreibung von Vertrauen an Wissenschaft darstellt – und durch Online-Medien deutlich verschoben wird. Auf Basis von Gruppendiskussionen arbeitet Reif heraus, dass die Handlungs- und Kontaktoptionen der Online-Beteiligung zwar wenig aktiv genutzt werden, aber bereits vertrauensstärkend wirken und die wahrgenommene Distanz reduzieren. Der direkte Kontakt mit Wissenschaft habe allerdings den größten Einfluss auf die Vertrauenseinschätzung und dieser finde meistens doch offline statt.

Digitale Räume junger Mütter sind im Fokus des Aufsatzes von ELKE KRONEWALD und JOHANNA PREER. Sie fragen, welche (digitalen) Medien und damit eröffnete Kommunikationsräume junge Mütter aus welchen Gründen nutzen und inwiefern die Wahrnehmung von räumlicher Eingeschränktheit sowie die Überbrückung von räumlichen Distanzen dabei zum Tragen kommen. Die explorative Studie mit jungen Müttern im Norden Deutschlands macht deutlich, dass sich mit dem Mutterwerden und der Umgestaltung des Alltags auch die Mediennutzung ändert. Dies erfolgt nicht als einmaliger Umbruch mit Ankunft des Kindes, sondern fortlaufend parallel zum Älterwerden des Kindes. Dabei nehmen junge Mütter im öffentlichen wie im privaten Raum auch Einschränkungen und Begrenzungen ihres bisherigen Lebensstils wahr, diktiert vom Rhythmus des Babys.

Ebenfalls ein eher metaphorisches Raumverständnis liegt dem Text von CASTULUS KOLO und NIKLAS LÜST zugrunde. Untersucht werden virtuelle Spielwelten und hier der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und sozialem Kontext einerseits und den Motivationen zu spielen und der letztendlichen Spielwahl andererseits. Um spezielle Spielmotivationen adäquat bedienen zu können, so eine Prämisse des Beitrags, sollte eine virtuelle Spielwelt genrespezifische Bedingungen erfüllen. So können Videospiele, in denen die Spieler*innen per Avatar interagieren, unterschiedlich immersiv gestaltet sein. Kompetitive Spiele legen hingegen den Schwerpunkt darauf, Wettbewerbssituationen zu erzeugen. Im Ergebnis formulieren die Autoren ein Konstrukt, um Spielmotivationen bzw. ›Motivational Footprints‹ einzelner Spiele zu ermitteln. Es zeigt sich, dass die Spielerpersönlichkeit die Spielmotivation beeinflusst und auch auf die Wahl eines Spiels mit bestimmt, genauer gesagt, die Wahl eines Spiels indirekt über Motivlagen mit Persönlichkeitsmerkmalen bzw. dem sozialen Kontext verbunden ist. In der Konzeption einer Spielwelt, so die Konsequenz, sollten somit auch die zu adressierenden Persönlichkeitstypen einfließen, denn sie gehen mit Präferenzen für virtuelle Spielraumtypen einher.

Im dritten Abschnitt, der sich mit virtualisierten Medienräumen auseinandersetzt, vertieft der Aufsatz von SEBASTIAN PRANZ unser Verständnis medialer Räume. Diese formieren sich im Blick auf technische und gesellschaftliche Bedingungen, die Pranz als »mediale Dispositive« erörtert. Zu ihrer Analyse entwirft er ein Raster entlang der materiellen, sozialen, semiotischen und administrativen Eigenschaften mediatisierter Orte. So ausgerüstet konzentriert sich Pranz auf den Dienst von Google Maps. Dieser bildet räumliche Sachverhalte und Eigenschaft nicht einfach ab, sondern die Darstellungen unterliegen Verzerrungen, in denen sich die materiellen Gegebenheiten der zu repräsentierenden Räume ebenso reflektieren wie die Relevanzen, Interessen und Konventionen der Plattform.

Mit der Mediatisierung von Orten beschäftigt sich auch der Beitrag von DOMINIK RINNHOFER. Unter Rückgriff auf die Archäologie arbeitet der Autor heraus, wie die konkrete Digitalisierung von vorhandenen, aber auch verschwundenen Orten, Räumen und Gebäuden die Wahrnehmung dieser Kulturschätze ermöglicht und verschiebt. Die Digitalisierung von zerstörten und gefährdeten Stätten wie der antiken Stadt Palmyra in Syrien oder von Notre-Dame in Paris führt aber nicht nur dazu, diese historischen Werke in digitalen Räumen zu bewahren. Gleichzeitig helfen detailgetreue Digitalfassungen beim lokalen Wiederaufbau der architektonischen Strukturen. Dabei stellen sich die schon länger virulenten Fragen nach der Originalität von Orten und Räumen neu. Rinnhofer argumentiert, dass mit der Feststellung einer einfachen Dichotomie von lokalem Original und digitaler Kopie keine erschöpfende Antwort gegeben ist. Vielmehr sei die Wahrnehmung von Orten und Räumen schon immer an Materialitäten und Texturen gebunden und verschiebe sich dadurch regelmäßig.

Literatur

BENHABIB, S.: Models of Public Space: Hannah Arendt, The Liberal Tradition and Jürgen Habermas. In: CALHOUN, C. (Hrsg.): Habermas and the Public Sphere. Cambridge/MA [MIT Press] 1992, S. 421-461

BERRY, C.; J. HARBORD; R. MOORE (Hrsg.): Public Space, Media Space. Basingstoke [Palgrave] 2013

BOURDIEU, P.: Die feinen Unterschiede. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1982

CASTELLS, M.: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen [Leske + Budrich] 2004

COULDRY, N.; A. MCCARTHY (Hrsg.): MediaSpace: Place, Scale and Culture in a Media Age. London, New York [Routledge] 2003

CRESWELL, T.: On the Move. Mobility and the Modern Western World. New York [Routledge] 2006

DÖRING, J.; T. THIELMANN (Hrsg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld [transcript] 2009

EVANS, L.; M SAKER: Location-Based Social Media. Basingstoke [Palgrave] 2017

FEATHERSTONE, M.; R. BURROWS: Cyberspace/Cyberbodies/Cyberpunk. London et al. [Sage] 1995

FRASER, N.: Rethinking the Public Sphere: A Contribution to the Critique of Actually Existing Democracy. In: CALHOUN, C. (Hrsg.): Habermas and the Public Sphere. Cambridge/MA [MIT Press] 1992, S. 108-142

GIDDENS, A.: Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt/M., New York [Campus] 1997

GILLESPIE, T.: The Politics of ›Platforms‹. In: New Media & Society 12(3), 2010, S. 347-364

GÜNZEL, S.: Mediale Räume. Berlin [Kadmos] 2018

GRAHAM, M. (Hrsg.): Digital Economies at Global Margins. Cambridge/MA [MIT Press] 2019

HABERMAS, J.: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1990

HALEGOUA, G.: Smart Cities. Cambridge/MA [MIT Press] 2020

HARVEY, D.: The Condition of Postmodernity. Malden/MA [Blackwell] 1989

HEPP, A.: The Communicative Figurations of Mediatized Worlds: Mediatization Research in Times of the ›Mediation of Everything‹. In: Communicative Figurations Working Paper 1, 2013, S. 1-17

HEPP, A.; S. KUBITSCHKO; I. MARSZOLEK (Hrsg.): Die mediatisierte Stadt. Wiesbaden [Springer VS] 2018

JANSSON, A.: Mobile Belongings: Texturation and Stratification in Mediatization Processes. In: LUNDBY, K. (Hrsg.): Mediatization: Concept, Changes, Consequences. New York [Peter Lang] 2009, S. 243-262

KNOBLAUCH, H.: Über die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. In: CHRISTMANN, G. B. (Hrsg.): Zur kommunikativen Konstruktion von Räumen. Wiesbaden [Springer Fachmedien Wiesbaden] 2016, S. 29-54

KNOBLAUCH, H.: Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. Wiesbaden [Springer VS] 2017

KNOBLAUCH, H.; M. LÖW: Soziale Theoriebildung. In: Soziologie 49 (1), 2020, S. 7-22

KNOBLAUCH, H.; S. STEETS: Von der Konstitution zur kommunikativen Konstruktion von Raum. In: REICHERTZ, J. (Hrsg.): Grenzen der Kommunikation – Kommunikation an den Grenzen. Weilerswist [Velbrück Wissenschaft] 2020, S. 134-148

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LÖW, M.: Raumsoziologie. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 2001

LÖW, M.: Space Oddity. Raumtheorie nach dem Spatial Turn. In: sozialraum.de, Ausgabe 1/2015. https://www.sozialraum.de/space-oddity-raumtheorie-nach-dem-spatial-turn.php [16.2.2021]

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HUBERT KNOBLAUCH / MARTINA LÖW

Digitale Mediatisierung und die Re-Figuration der Gesellschaft1

1.Einführung

Es ist kaum zu übersehen, dass sich die Zeitordnung der gegenwärtigen Gesellschaft ändert und wir verschiedene Formen der Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens erfahren (ROSA 2015). So lässt sich z. B. zeigen, dass die Menschen immer schneller und mehr sprechen, weniger schlafen und sich schneller an neue Technologien anpassen (ERIKSEN 2001). Laut Rosa (2015) haben die zeitlichen Strukturen insbesondere durch moderne gesetzliche Regelungen, die Einführung der Sozialfürsorge mit der damit entstehenden Bürokratie, formalisierte Bildungswege sowie Versicherungsund Rentensysteme eine massive Dynamisierung erfahren. Die Reduzierung sozialer Wohlfahrtssysteme und der Ausbreitung postfordistischer Arbeitsorganisation etwa zählen zu den vielen Faktoren, die zu neuen Zeitstrukturen und zur abnehmenden Bedeutung linearerer Geschichtsund Fortschrittskonzeptionen führen.

So deutlich die zeitliche Beschleunigung herausgestellt wurde, so haben doch die räumlichen Veränderungen nicht die entsprechende Aufmerksamkeit erfahren, auch wenn etwa die Komplexitätssteigerungen der Globalisierung sehr beachtet wurden. Zurückzuführen ist die geringere Beachtung der räumlichen Veränderungen auch darauf, dass die Entwicklung einer Raumsoziologie und einer Sozialtheorie des Raumes immer noch zu wünschen übrig lässt (FULLER/LÖW 2017). Obwohl Simmel (1992 [1903]) sowie Durkheim (1965 [1912]) den Raum bereits als soziales Phänomen gefasst haben (ZIELENIEC 2007), wandten sich in der Folge nur wenige Autoren der Entwicklung einer Raumsoziologie zu. Hervorzuheben ist sicherlich Lefebvre (2000 [1974]) oder Jean Rémy (1975), die eine bedeutende Rolle bei der Bearbeitung des Raums als wichtige Basis für das Verständnis von Kapitalismus und Gesellschaft spielten.

Gerade einmal vor rund fünfundzwanzig Jahren setzte dann das ein, was wir als ›Spatial Turn‹ (SOJA 1989; LÖW 2001) oder ›Topografisch‹ oder ›Topologisch Turn‹ bezeichnen (WEIGEL 2002; SCHLÖGEL 2003; DÖRING/THIELMANN 2008). Raum wird seither nicht mehr nur als bloßes Umfeld, begrenzte Territorien oder allein durch den Code von ›hier‹ und ›dort‹ definiert; vielmehr wird Raum nun als eine zentrale soziale Kategorie betrachtet, die auf sozialer Interaktion, Interdependenz und Relationen basiert.

Inspiriert von dieser Raum-Wende lässt sich mittlerweile ein dezidiertes Interesse innerhalb der Sozialforschung erkennen, die gesellschaftliche Dynamik im Hinblick auf Raum und Raumordnung umfassender und präziser zu verstehen. Doch trotz einer Zunahme empirischer Forschung wird Raum in der soziologischen Theorie bisher nur am Rande erörtert (FREHSE 2013; LÖW/STEETS 2014). Es scheint, als bliebe der Raum ein Thema von Spezialdisziplinen wie der Architektur- oder der Stadtsoziologie, während Gesellschaft als Ganzes ohne Bezug zum Raum verstanden werden kann. So finden sich in soziologischen Zeitschriften nur wenige Arbeiten, die auf die räumlichen Strukturen ihrer Untersuchungsgegenstände Bezug nehmen. Anders formuliert lässt sich sagen, Räume werden zwar als sozial angesehen, aber Gesellschaft wird nicht als räumlich gefasst. Zweifellos gibt es einige herausragende Studien über räumliche Phänomene von grundlegenden sozialen Kategorien, wie z. B. sozialer Ungleichheit (LOBAO/HOOKS/TICKAMYER 2007). Generell kann jedoch festgehalten werden, dass die Soziologie nach der ersten Welle des Spatial Turn erst allmählich eine genauere Vorstellung davon entwickelt, wie sie den Raum in einer nicht gegenständlichen Weise erfassen will.

Dieses sozialtheoretische Defizit in der Forschung zum Raum wird besonders deutlich angesichts der tiefgreifenden Transformation, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Tatsächlich gibt es viele Hinweise darauf, dass sich die räumliche Organisation von Gesellschaft verändert. Aber da es an adäquaten grundlegenden theoretischen Konzepten mangelt, können diese Veränderungen bislang nur recht vage gefasst werden, wie etwa in der Idee der Netzwerkgesellschaft bei Castells (1996) bzw. von Fluidräumen bei Mol und Law (1994) oder im Konzept von ›Knoten‹ bei Deleuze und Guattari (1988) bzw. wie bei Appadurai (1996) in Bezug auf ›Sphären‹.

Es scheint umso bedeutsamer, sich mit diesen Veränderungen auseinanderzusetzen, als viele Autoren in den 1980er- und 1990er-Jahren noch davon ausgingen, dass der Raum seine Relevanz verlieren würde (JAMESON 1984; VIRILIO 1986 und 2000; SERRES 1991). Auch wenn sich mittlerweile die Hinweise auf die entgegengesetzte Entwicklung eines »spacing out«, eines Prozesses der Generierung und Erweiterung von Räumen (SIMONE 2011: 363; JESSOP/BRENNER/JONES 2008) mehren, hat sich die Forschung noch nicht auf diese gestiegene Bedeutung von Raum und Räumen eingestellt. Den grundlegenden Kategorien ›Territorium‹, ›Ort‹, ›Scale‹ und ›Netzwerk‹, wie sie beispielsweise von Jessop, Brenner und Jones (2008) vorgeschlagen wurden, fehlt noch eine erklärende theoretische Begründung, auch die systematische Ausarbeitung der Beziehungen zwischen den Kategorien bleibt unausgearbeitet. Trotz einer zunehmenden Zahl an Veröffentlichungen über Raum und Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren beklagen deswegen viele Kritiker/-innen einen Mangel in der Weiterentwicklung, Ausarbeitung und Spezifizierung der räumlichen Theorie des Sozialen. Wie eine Reihe von Autorinnen bemängeln (MASSEY 2005; HUBBARD/KITCHIN 2011: 7; SHIELDS 2013: 1), wird Raum weiterhin als ›untertheoretisiert‹ wahrgenommen. Viele Studien, so die Kritik etwa von Jureit (2012), beriefen sich nur rhetorisch auf einen relationalen Begriff von Raum. Ähnlich argumentiert Malpas (2012), demzufolge Kategorien von Raum und Raumvorstellung theoretisch nicht ausreichend reflektiert würden. Das Fehlen einer ausgearbeiteten Raumtheorie ist auch aus der empirischen Perspektive spürbar, sodass viele methodische Probleme offenbleiben (BAUR et al. 2014).

Wir wollen daher in diesem Beitrag die bereits von Lefebvre explizit gestellte Frage wieder aufgreifen, wie ›espace‹ und ›spacialité‹ zur Konstitution der gesellschaftlichen Ordnung beitragen (LEFEBVRE 2000 [1974]). Oder anders gesagt: Wie lassen sich Veränderungen in räumlichen Anordnungen, insbesondere in digitaler Kommunikation, theoretisch so deuten, dass hierüber auch gesellschaftliche Ordnung erfasst werden kann? Auf der Basis grundlegender Überlegungen zu Raum und kommunikativen Handlungen wenden wir uns in diesem Beitrag sukzessive der räumlichen Transformation der heutigen Gesellschaftsformationen zu, die wir unter dem Titel der Re-Figuration zusammenfassen.

Re-Figuration ist für uns eine vorläufige, allgemeine Hypothese, ein »Sensitizing Concept« (BLUMER 1954: 7), das helfen soll zu verstehen, was wir als grundlegenden Wandel in unserem Verständnis von Raum wahrnehmen. Um zu präzisieren, was wir unter Re-Figuration verstehen, unterscheiden wir drei damit verbundene Prozesse: Polykontexturalisierung, Translokalisierung und Mediatisierung. Mediatisierung scheint uns eine dynamische Triebkraft der Re-Figuration des Raumes durch Digitalisierung zu sein. Sie ist eine der Ursachen für eine zweite neue räumliche Entwicklung, die wir als Polykontexturalisierung umreißen. Damit meinen wir die sich verändernden Beziehungen von Räumen als soziale Kontexte verschiedener Aktivitäten, Kommunikationsformen und gesellschaftlicher Funktionen. Drittens steht sie in einer engen Verbindung mit der Translokalisierung oder Translokalität. Unter Translokalität verstehen wir, dass soziale Einheiten wie Familien oder Religionsgemeinschaften unterschiedliche Orte haben, die durch die Verbreitung von Wissen, Repräsentationen und Dingen verbunden sind. Alle drei Konzepte bilden Hypothesen, die wir in einer allgemeinen Weise grob umreißen, um sie zum Gegenstand der empirischen Untersuchung im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsverbundes2 zu machen. Dessen verschiedene Forschungsprojekte, so hoffen wir, führen zu empirisch begründeten ›middle range theories‹, die dazu beitragen, die angeführten Merkmale der hypothetischen Konzepte qualitativ zu spezifizieren, zu ergänzen oder zu revidieren wie auch ihre Geltung, Reichweite und Verbreitung einschätzen zu können, die in weiteren Phasen des Projektes überprüft werden sollen.

Re-Figuration bezeichnet nicht nur allgemeine räumliche Veränderungen der Gesellschaft, die wir empirisch untersuchen, sondern impliziert auch, dass wir weiter grundlegend und damit auch grundbegrifflich darüber nachdenken, Raum präzise und dynamisch zu bestimmen.

2.Relationaler Raum, kommunikatives Handeln und Mediatisierung

Wenn wir von Raum nicht nur als einer abstrakten Form sprechen, dann müssen wir die Rolle des Körpers beachten. Sie wurde schon von Kant (1968 [1768]: 38; mit Bezug auf die »Gegenden im Raum« wie »oben und unten«, »rechts und links«, »vorne und hinten«) betont und wird bis heute als relevante Dimension der Raumkonstruktion erachtet. Damit direkt verknüpft sind die jeweiligen räumlichen Praktiken wie Gesten, körperliche Bewegungen und Verhaltensweisen sowie deren Bezug zum physischen und sozialen Raum. In Anlehnung an die Strukturierungstheorie von Giddens schlagen wir eine relationale Raumtheorie vor (LÖW 2001, 2008). In dieser Sicht basiert der Raum auf dem Vorgang der Platzierung von Objekten an Orten (Spacing) sowie auf dem Vorgang der konzeptuellen Synthese für die relationale Bedeutung dieses Spacings.

Wir bestimmen Räume als relationale Anordnungen von sozialen Gütern und Lebewesen an Orten, die sowohl auf dem aktiven Handeln als auch auf der Durchführung von Synthesen basieren. Räume sind daher immer dynamisch strukturiert. Ihre dynamische Struktur geht empirisch den Handlungen voraus, ist aber grundsätzlich das Ergebnis von Handlungen. Dieser fortlaufende Prozess führt zu einer sich situativ entwickelnden und entwickelten Anordnung entlang der in den Strukturen eingeschriebenen Regeln und der materiellen und körperlichen Ressourcen zur Stabilisierung der Verräumlichung (LÖW 2008). Die sinnliche Modalität der subjektiven Wahrnehmung, die Art der körperlichen Leistung und die Materialität und Form der räumlichen Objektivierungen können dabei grundlegend variieren. Schließlich können sich Subjekte an Erfahrungen erinnern, diese als Wissen reproduzieren und als Vorstellung imaginieren. Darüber hinaus können im Raum geordnete Objektivierungen Subjekte auf unterschiedliche Weise sinnlich beeinflussen, Stimmungen schaffen und Bedeutung erlangen sowie Teil von zusammengestellten Zeichensystemen (wie Karten), von Technologien (wie CAD) oder Objekten wie z. B. gebaute Architektur werden.

So sehr in diesem Modell Körper, Raum und Handeln verbunden sind, bleibt es noch offen, wie wir den Raum als grundlegend soziales Phänomen denken können. Will man das Verständnis von der Relationalität von Raum weiter ausbauen, dann macht es Sinn, über eine Dualität von individuellen oder kollektiven Handlungen (und daraus abgeleiteten Routinen) und Strukturen hinauszugehen. Hierbei wäre es unbefriedigend, das Soziale (oder das Bestehen von Strukturen und Praktiken) einfach vorauszusetzen, weil die Akteure ihr Wissen über Räume von anderen Personen und ihren kulturellen Objektivierungen (wie Sprache, Gegenstände, Visualisierungen) ableiten. Unser Anliegen ist es, die Idee der Relationalität mit dem Sozialen so zu verbinden, dass wir ernsthaft von einer Sozialtheorie des Raumes reden können. Diese Verbindung können wir herstellen, indem wir einen theoretischen Ansatz hinzuziehen, der sich derzeit unter dem Titel des kommunikativen Konstruktivismus entwickelt (KNOBLAUCH 2017).

Im Unterschied zu anderen radikal- oder sozial-konstruktivistischen Ansätzen betont der kommunikative Konstruktivismus die Relationalität. Relationalität fasst er aber nicht als voraussetzungslosen Grundbaustein, sondern als Ergebnis eines zeitlichen Prozesses verkörperten kommunikativen Handelns, das in der Performanz des sozialen Handelns als Reziprozität durch Objektivationen realisiert wird, in dem sich ein Subjekt reziprok an einem anderen orientiert.3 Soziales Handeln ist empirisch immer ein kommunikatives Handeln, das sich durch eine wechselseitig orientierte körperlich-performative (also keineswegs, wie etwa Habermas nahelegt, notwendig sprachliche) Bezugnahme subjektbegabter Entitäten aufeinander auszeichnet. Zwar stellt sich die Reziprozität im kommunikativen Handeln ein, allerdings realisiert sich diese immer in einer triadischen Beziehung.

Die elementare räumliche Dimension des kommunikativen Handelns zeigt sich beispielsweise am Beispiel des Fingerzeigs, also einer sehr grundlegenden, enorm bedeutsamen Geste, mit der sich ontogenetisch um den 9. Lebensmonat eine ›Revolution‹ zu dem vollzieht, was menschliche Sozialität auszeichnet (TOMASELLO 2008). Denn der Fingerzeig verdeutlicht, dass der Raum, den er im Zeigen öffnet, keineswegs nur eine Größe ist, die dem subjektiven Bewusstsein der Zeigenden innewohnt; er ist auch nicht auf den individuellen Körper und sein Körperschema reduzierbar. Vielmehr ergibt das Zeigen erst dann einen Sinn, wenn es den Standpunkt eines anderen Subjekts berücksichtigt, dem gezeigt wird, wenn sich also Ego (hier) im Modus des Zeigens auf Alter (dort) bezieht und Alter (dort) Ego (hier) im Modus des Gezeigtbekommens ›antwortet‹. Die Möglichkeit zur Berücksichtigung dieser Perspektive lässt sich mit der grundlegenden Reziprozität des kommunikativen Handelns erklären, die Schütz (1971) die ›Austauschbarkeit der Standpunkte‹ nennt. Damit ist gemeint, dass Handelnde im kommunikativen Handeln, etwa bei der visuellen und kinästhetischen Wahrnehmung sowie im davon geleiteten körperlichen Vollzug gewissermaßen automatisch in der Lage sind, die gespiegelte Seitenverkehrtheit mitzudenken. Für das Zeigen bedeutet das, dass Ego nicht einfach auf etwas weist, um es Alter zu zeigen; im Zeigen antizipiert Ego die Position von Alter – etwa indem es den Fingerzeig so sichtbar macht, dass Alter ihn sehen kann, ohne dass er beispielsweise durch Egos Körper verdeckt wird. Als Effekt dieser räumlichen Relation bildet sich schließlich auch der räumliche Aspekt des Subjektiven aus, den wir als »Positionalität« bezeichnet haben (KNOBLAUCH 2017: 114ff.). Denn die Austauschbarkeit der Standpunkte (die einen Abstand voraussetzt) ermöglicht die reziproke Relationierung der Subjekte mit Blick auf den Raum, damit das Zeigen des Anderen auch von mir aus gesehen wird. Gleichzeitig setzt das Zeigen mit der Möglichkeit zur Antizipation des anderen Standpunktes auch die Positionalität des Subjekts voraus, also den Standort, von dem aus das reziproke und damit relationale Zeigen körperlich vollzogen wird.

Objektivierungen spielen schon auf der Ebene der situativen Performanz eine zentrale Rolle. Genauer gesagt bilden sie als vom Körper abgelöste Objektivationen eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung des Raums (STEETS 2015). Das können, am Beispiel des Zeigens, umgeknickte Äste sein, die im Osten aufgehende Sonne oder, schon deutlich zeichenhaft, der richtungsweisende ›Pfeil‹. Materielle Objektivationen aber, die sich vom Körper ablösen lassen, bilden eine Vermittlung, eine Mediation zwischen den Subjekten, die auf ihre je besondere Weise Ordnung schafft, diese auf Dauer stellt oder umstellt: Der Stab, den wir im Staffellauf weitergeben, erzeugt eine ganz andere Art der Ordnung zwischen Subjekten als beispielsweise die Schranke, die wir vor dem anderen niedergehen lassen; die Drehtür eine andere als die Schwingtür; das Zimmer, in dem wir uns begegnen, eine ganz andere als die Mauer, die sich zwischen uns aufbaut. Objektivationen spielen im kommunikativen Handeln eine vermittelnde Rolle, weil sie räumliche Beziehungen zu den Körpern auf eine räumliche Weise anordnen. Wir bezeichnen diese räumliche Vermittlung von Körpern und Objektivationen als »Mediation« (KNOBLAUCH 2017: 306ff.). Die Mediation muss keineswegs eine Verbindung herstellen, wie etwa Türen, Pfade oder Brücken; sie können auch trennen, wie Wände, Mauern oder Grenzzäune.

Erhält die Zeitlichkeit des kommunikativen Handelns durch Sequenzierungen eine soziale Form, so wird die situative Räumlichkeit des kommunikativen Handelns durch Mediation zwischen Körpern und Objektivationen zwischen diesen Objektivationen zur räumlichen Anordnung verfestigt. Die Mediation nimmt die Anordnungen in den Blick, die aus der Platzierung und/oder Bewegung von Objektivationen entstehen, sich verfestigen oder verändern. Mediation bedeutet, dass das Spacing immer auf kommunikative Handlungen bezogen ist, mit denen eigene Synthesen eingehen: Konfigurationen von Essräumen (LINKE 2018) etwa oder der Aufbau von Zelten im Sommerlager (MAUSS 1974). Wie die Zeitlichkeit des Sozialen im Grenzfall völlig situativ werden kann, so kann die Mediation weit über die Situation hinaus stabilisiert und verhärtet werden: Das in Stein gemeißelte Gebäude mit seinen ausgehärteten Räumen, die Licht und Dunkel, Größenverhältnisse und Innen-Außen-Beziehungen vermitteln, bildet eine eigene kommunikative Form, die jeder situativen Verwendung vorangeht. Zusammen genommen erlauben Sequenzierung und Mediation die Beschreibung von Bewegungen, Mobilität und Zirkulation, die mit den verfestigten Formen der Mediation gesellschaftlich stark variieren.

Kommunikatives Handeln kann zwar schon als leibkörperliche Relation räumlichen Sinn ergeben, doch sollten wir nicht unterschlagen, dass dieser Sinn einen neuen Charakter annimmt, wenn Objektivationen zu Zeichen werden: Die Konventionalisierung etwa der Gestensprache, die topografische Kartierung oder gar die semantischen Wortfelder des Raums in der Schriftsprache sind Beispiele dafür, dass Zeichen ein umfängliches Wissen um ihre konventionalisierte Bedeutung voraussetzen. Schon die Konventionalisierung von Zeichen setzt voraus, dass Zeichen sich auf Zeichen beziehen können (etwa der Pfeil oder das deiktische Wort ›dort‹, die beide durch den Fingerzeig praktisch eingeführt werden können).

Wird die Mediation mit zeichenhaften (also konventionalisierten) Zeichen verbunden, haben wir es mit einer besonderen Form der Mediation zu tun, die wir als ›Mediatisierung‹ bezeichnen. Mit sprachlichen, visuellen und anderen Zeichen wird ein Diskurs über Raum möglich, der ein eigenes Lexikon oder eine besondere visuelle Zeichensprache enthält, wie sie etwa in Stadtansichten oder beim CAD auftreten. Diese Diskurse bilden die Grundlage für die Re-Konstruktionen von Räumen und deren Legitimation (CHRISTMANN 2015).

Mediatisierung bezeichnet (a) die strukturelle Veränderung des kommunikativen Handelns durch Mediation und die Verwendung von Zeichen. Mediatisierung ist damit sehr eng mit der Geschichte und Veränderung der Medien verbunden. Aus dieser Verbindung resultiert (b) die historische Veränderung der Mediatisierung, wie sie von Krotz (2001) als Metaprozess beschrieben wird. Dabei geht er davon aus, dass der Wandel der Kommunikationsmedien einen massiven Einfluss auf gesellschaftliche Räume hat. Wir wollen hier zunächst die strukturellen Veränderungen des kommunikativen Handelns durch digitale Mediatisierung skizzieren, bevor wir auf die historisch-räumlichen Veränderungen eingehen.

3.Digitale Mediatisierung des Handelns und die Synthetisierung der Räume

Digitalisierung verändert nicht nur das, was Luhmann (1997) die Verbreitungsmedien der Kommunikation nennt, sondern betrifft die Struktur des kommunikativen Handelns und damit dessen Räumlichkeit. Im Kern besteht die Digitalisierung darin, dass die zeichenhafte Kommunikation nun auch auf die materielle Produktion und das, was als technische oder körperliche Mediation bislang nicht-zeichenhaft geregelt war, ausgeweitet wird. Diese Ausweitung gelingt im Wesentlichen durch die Verbindung elektrotechnischer Schaltkreise mit der Schaltalgebra und ihrem binären Zeichensystem, die, ebenso wie die Schaltkreise, nur zwei Zustände kennen (0/1 bzw. aus/an). Das binäre Zeichensystem erlaubt nicht nur eine Programmierung und Speicherung, sondern ermöglicht die (›kybernetische‹) Steuerung unterschiedlichster Technologien, Objekte und mittlerweile auch organischer Körper. Dies wird besonders deutlich in den Tendenzen zur Intraaktivität technischer Systeme etwa in der Industrie 4.0, wie sie z. B. bei Robotern ausgebaut wird, und zu ihrer Autonomisierung im Zuge der neuen KI-Revolution. Technologien bewegen sich nicht nur als Fahrzeuge räumlich, sondern sind auch mit über Big Data gespeisten Feedback-Schleifen so verbunden, dass sie ohne menschliches Subjekt handeln und kommunizieren können.

Auch wenn dieser Wechsel vom kommunikativen Handeln zur subjektlosen, zeichenhaft gesteuerten systemischen Kommunikation sicherlich noch eine eingehendere Analyse erfordert, wollen wir hier auf die damit einhergehenden räumlichen Veränderungen eingehen. Wir wollen sie hier mit dem Konzept der synthetischen Situation fassen, wie es von Knorr-Cetina (2014) vorgeschlagen wurde. Dabei ist eine Vorstellung der Synthetisierung impliziert, die sich keineswegs allein im Bewusstsein vollzieht. Im Anschluss an Goffman (1963) kann sie vielmehr als das Zusammenspiel der Akteure verstanden werden, die durch ihr kommunikatives Handeln eine gemeinsame Situation selbst dann erzeugen, wenn sie sich nicht erkennbar aneinander orientieren oder einen gemeinsamen Fokus teilen. Während jedoch Goffman die Situation noch auf die soziale Ökologie eines physisch gedachten Raums beschränkt, ändert die digitale Mediatisierung durch skopische Medien diese grundlegend in eine synthetische Situation. Knorr-Cetina zeigt dies etwa an den global agierenden Finanzmaklern, die mithilfe von Bildschirmen simultan miteinander gekoppelter Finanzinformationssystemen translokal miteinander so interagieren, dass sie vermittels der zeichenhaften Repräsentationen (Geldwerte, Börsenstände etc.) Handlungen vollziehen, die direkte Folgen für Produkte, Firmen oder ganze Nationalökonomien haben. Diese Art der Synthetisierung unterscheidet sich grundlegend von den modernen Wirkhandlungen. Zwar konnte man während des Kalten Krieges mit einem Knopfdruck eine Atomrakete starten, die in wenigen Stunden auf der anderen Seite der Welt ihre verheerende Wirkung entfalten konnte, doch zeichnet sich die synthetische Situation dadurch aus, dass diese Wirkung zeitgleich am selben Ort (des Drückens) so beobachtet wird, dass unmittelbar auf diese Beobachtung reagiert werden kann. Wir könnten diesen translokalen Zusammenhang als »response presence« (GOFFMAN 1972: 62) bezeichnen, müssen aber betonen, dass es sich hier nicht nur um eine Reaktion handelt, die (wie beim Telefonieren) über Sprache und die Kommunikationsmacht der Sprechenden koordiniert ist (REICHERTZ 2009). Wie etwa bei der telemedizinischen Operation kann ein materiell und körperlich wirkender Eingriff an einem Ort direkt von einem anderen Ort aus vorgenommen werden (also eine ›Re-Aktionspräsenz‹).

Die synthetische Situation beschreibt eine neuartige translokale Synthetisierung räumlich verteilter Handlungssituationen. Deren genauere Analyse könnte ergeben, dass wir sie möglicherweise von anderen Formen der Synthetisierung unterscheiden müssen, etwa beim autonomen Fahren, das ohne die Präsenz menschlicher Subjekte Handlungssituationen erzeugt. Die synthetische Situation veranschaulicht aber deutlich, dass die digitale Mediatisierung grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen Räume bewirken kann.

Mediatisierung überwindet die Kluft zwischen Orten und schafft die Möglichkeit zu translokalen kopräsenten Beziehungen, wie etwa die neu gestalteten Smart Cities mit ihrer Vernetzung von menschlicher Mobilität, natürlichen Ressourcen und technischen Systemen zeigen (LÖW/STOLLMANN 2018), sind sie durch die Verbindung verschiedenster Infrastrukturen in der Lage die verschiedensten Aktivitäten, sozialen und (nicht-menschlichen) Zusammenhänge zu synthetisieren. Wie die am Beispiel der Finanzmärkte untersuchte Mediatisierung die bisherige Vorstellung räumlich begrenzter sozialer Situationen infrage stellt, überbrückt sie auch die klassische Trennung zwischen mikrosozialem Handeln in Face-to-Face-Interaktionen, lokal organisierten Gruppen und gesellschaftsweiten Makrostrukturen. Um diese über die herkömmlichen Skalen hinweglaufende relationale Ordnung zu charakterisieren, die sich dadurch abzeichnet, haben wir den Begriff der Re-Figuration vorgeschlagen (KNOBLAUCH/LÖW 2017). Die digitale Mediatisierung prägt sehr wesentlich die gegenwärtige Re-Figuration. Das hier vorgelegte Verständnis des kommunikativen Handelns bildet für uns die Grundlage, um die Bedeutung und Veränderung von Räumen im Zuge dieser Re-Figuration und der mit ihr verbundenen Prozesse der Mediatisierung, der Synthetisierung unterschiedlicher Handlungszusammenhänge, die wir als Polykontexturalisierung bezeichnen, und der Translokalisierung erfassen zu können.

4.Re-Figuration und Mediatisierung

Nachdem wir einen grundlegenden Begriff einer sozialen Raumtheorie skizziert haben, nähern wir uns nun der Frage nach den aktuellen Veränderungen der räumlichen Ordnung. Diese Frage wird eher selten aufgegriffen; wir argumentieren nun hier, dass die Ergebnisse einer großen Anzahl von Raumstudien (von denen nur einige hier angeführt werden sollen) sich sehr gut eignen, um die räumliche Re-Figuration der Gesellschaft interpretieren zu können.

Die Moderne, so die gängige Annahme, hat die soziale Organisation des Raumes nachhaltig beeinflusst. So zeigen Forschungen zur frühen Moderne westlicher Gesellschaften, dass sich schon damals Territorien zur dominanten Form der räumlichen Organisation entwickelten. Obwohl ältere Raumanordnungen – wie die Idee des Imperiums mit seinen locker definierten Gebieten, seiner inneren ethnischen Vielfalt und seinen poröseren Grenzen (MÜNKLER 2005) – nach wie vor fortbestehen, wurden zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert drei Strategien der Gebietsmarkierung besonders wichtig für die Ausbildung nationaler Territorien (LANDWEHR2007; GUGERLI/SPEICH 2002): topografische Messungen, statistische und kartografische Erfassung sowie die Vorstellung, dass Territorialität durch den Staat produziert werden kann (z. B. JUREIT 2012: 22; RAFFESTIN 1980; OSTERHAMMEL 2000; BALIBAR/WALLERSTEIN 1991; GÜNZEL/NOWAK 2012).4

Das durch diese Strategien etablierte westliche Raummodell wurde spätestens im 19. Jahrhundert auf andere Kulturräume übertragen, wobei das transferierte Raumkonzept vor Ort auf verschiedene Weise interpretiert wurde. Während Randeria (2000) argumentiert, dass die Strategien selbst in einen vorherigen kulturellen Transfer in den Westen eingebettet waren und so eine wechselseitige Verstrickung (›entanglement‹) entstand, geht die Theorie der Weltkultur (MEYER 2005) davon aus, dass westliche Modelle einer eigenen Logik der Rationalität folgen, die gleichsam von anderen Gesellschaften mit einer Anpassung des Modells des Territorialstaates übernommen wurde. Eisenstadt wiederum nimmt an, dass verschiedene Kulturräume unterschiedlichen Rationalisierungswegen folgen, was letztlich zu »Multiple Modernities« (EISENSTADT 2002) führt: Kulturen transformieren die Logik des modernen Staates, der modernen Wirtschaft, der Wissenschaft usw., wenn sie die Formen anpassen. So vielfältig das Konzept des modernen Territoriums auch sein mag, es ist offensichtlich, dass es im zwanzigsten Jahrhundert zur vorherrschenden Form der großräumigen Raumordnung geworden ist. Die Vielfalt der Machtstrukturen wird zunehmend innerhalb der Territorien zentralisiert, was sich am deutlichsten im staatlichen Gewaltmonopol niederschlägt (ELIAS 1976 [1939]). Charles S. Maier (2000) hat deshalb die Territorialität zum Schlüssel für das Verständnis des letzten Jahrhunderts deklariert. Parsons (1969: 295) bemerkt exemplarisch für die modernisierungstheoretischen Positionen, dass »there can be no certainty of implementation of a normative order, unless the implementation of a physical force can be controlled – and controlled within a territorial area – because force must be applied to the object in the place where it is located«. Auch Mann (1986: 109) betont diese Aspekte der Zentralität und Territorialität in seiner monumentalen Rekonstruktion der Geschichte des Staates, wenn er ihn im Kern definiert als »ability to provide a territorially centralized form of organization«.

Das Gewaltmonopol und die damit verbundene Ausdehnung von Grenzen und Menschen innerhalb von Territorien trugen zur Durchsetzung von zentralisierten Staatsgebieten und zur Homogenisierung von Räumen bei, einschließlich homogener Raumbereiche wie Spielplätze, Fußgängerzonen, Erholungsgebiete oder Grenzanlagen (HARVEY 1991: 155; HARVEY 1982). Die Durchsetzung der Begrenzung des Raumes ermöglichte die Konstruktion von Raumeinheiten, die zunehmend als Container verstanden wurden: auf kollektiver Ebene (mit einer Nation als Füllung) sowie auf individueller Ebene (als Metapher für räumliches Wissen, als Körperbild etc.).

Die Idee des Raumes als Behälter geht letztlich auf die Antike zurück. Im 17. Jahrhundert arbeitete Newton die Konzeption eines absoluten Raums aus (1988 [1687]: 44), die die Vorstellung vom potenziell leeren Raum stabilisierte. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurde sie schließlich mit Kolonialvorstellungen, der Idee vom ›Lebensraum‹ und großen Kulturräumen verbunden (JUREIT 2012). Sie verbreitete sich als universelle Metapher für den Raum und als teilweise schonungsloser ideologischer Kern für eine gewaltsame, räumliche Machterweiterung. Auch die wissenschaftliche Forschung zum Raum wurde von dieser Idee maßgeblich beeinflusst, schon allein dadurch, dass die Forschung die Idee anleitete, man könne Inhalte untersuchen und den Raum als Rahmenbedingung von den Inhalten trennen (LÖW 2001: 63ff.).

Die einseitige Vorherrschaft des Container-Modells in der Moderne ist freilich eine Idealisierung. So findet sich eine Reihe von Tendenzen, die dem modernen Konzept des Raumes als Container und seiner Durchsetzung entgegenstehen, vor allem aber die dem Konzept entgegen wirken wollen. In den Kunstformen des Kubismus und Expressionismus, im Absurden Theater und in der dadaistischen Literatur wurde eine relationale Vorstellung vom Raum artikuliert (GIEDION 1941). Die moderne Stadt entwickelte sich zu einem räumlichen Gegenstück des Staatsgebietes, indem sich dort ein heterogenes Ensemble ohne klare Grenzen herausbildete. Der territorial organisierte Staat selbst wurde durch internationale wirtschaftliche Verflechtungen zunehmend auch zur Zirkulationsplattform, die Conrad als »regimes of territoriality« umschreibt, worunter er »changing relations between nation, state, population, infrastructure, territory and global order« (CONRAD 2010: 389) versteht.

Obwohl Modernisierungstheorien eine westliche Sichtweise auf die gesellschaftliche Transformation darstellen, ermöglichen sie es noch nicht, die gesellschaftlichen und räumlichen Veränderungen im Globalisierungsprozess analytisch aufzuzeigen. Zahlreiche Historiker*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen verstehen Globalisierung als einen Prozess, der im 16. Jahrhundert begann, für den sich aber in den 1970er-Jahren ein Wendepunkt identifizieren lässt. Darin nicht ausreichend enthalten ist der gesellschaftliche Umbau grundlegender Ordnungsmuster wie Skalierungen und auch nicht die vielfältigen nach- und weiterwirkenden Spannungen, von denen die polarisierenden Spannungen (wie abschottende Reterritorialisierung einerseits und vernetzende Ströme z. B. der Finanzindustrien andererseits) lediglich die sichtbarsten sind.

Tatsächlich lässt sich vielerorts, und auch hierzulande, ab den 1970er-Jahren eine dramatisch neue Destabilisierung der Modernisierungs- und Differenzierungsprozesse erkennen (SCHIMANK 2013). Allerdings beobachtet z. B. Osterhammel (2000), dass sich ab dieser Zeit ein völlig neuer Charakter der Globalisierung abzeichnet. Verursacht sieht er diesen Umbruch durch die neuen Medien, die Intensivierung der transnationalen Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich und nicht zuletzt durch die Neuordnung des politischen Systems nach dem Fall der Berliner Mauer, die das ›kurze‹ zwanzigste Jahrhundert beendete. In diesem Sinne kann man die gesellschaftlichen Prozesse seit den 1970er-Jahren auch als Teil der räumlichen Re-Figuration der Gesellschaftsordnung verstehen, zu der auch die zunehmende Dominanz der kapitalistischen Ökonomien, der Neoliberalismus und der damit verbundene Rückzug des Sozialstaats gehören.

Kennzeichen für diese Re-Figuration sind neben der Digitalisierung wirtschaftliche Veränderungen und die Entwicklung des »communicative capitalism« (DEAN 2005), eine massive Deindustrialisierung westlicher Gesellschaften, die räumliche Verlagerung von Zukunftsbranchen in andere Regionen der Welt und der Rückgang industrieller Beschäftigung infolge der Substitution durch automatisierte, digitalisierte und zunehmend roboterisierte Produktionsmittel. Diese Prozesse stehen im Zusammenhang mit neuen Formen des Warenverkehrs (PEIKER et al. 2011) und einer neuen Rolle des theoretischen Wissens und der Kommunikationssysteme im Produktionsprozess (BELL 1973). Das Prinzip der Zentralität, der hierarchischen Ordnung und der Territorialität verlagert sich auf translokale Arbeitsorganisationen und dezentrale Netzwerkstrukturen (WILLKE 2001; BOLTANSKY/CHIAPELLO 1999), was insbesondere in der wachsenden Bedeutung multinationaler Unternehmen (BARTLETT/GHOSHAL 1989; LASH/URRY 1994; BARRY 2006), der Zunahme internationaler Wechselbeziehungen und vernetzter Produktionsketten (BATHELT/MALMBERG/MASKELL 2004) zum Ausdruck kommt. An die Stelle »räumlich verschachtelter Hierarchien« (LÜTHI/THIERSTEIN/BENTLAGE 2013: 284ff.) treten Netzwerke, die räumliche Dimensionen überlappen, gleichzeitig aber Organisationsprinzipien in Firmen bündeln (ebd: 291).

In diesem Sinne ist Mediatisierung ein Megaprozess, der mit der Grundordnung und Transformation von Gesellschaften verbunden ist (KROTZ 2001). Diese Wirkung entfaltet die Mediatisierung, weil sie die Art und Weise verändert, wie kommunikatives Handeln körperlich (d. h. in seiner Ausprägung) oder mittels anderer Objekte und Technologien übertragen wird. Schon die Mediatisierung durch Schreiben auf Papier, Telefonieren oder Fernsehen wirkte sich nicht nur auf die Formen der körperlichen Interaktion zwischen den Anwesenden, sondern auch auf die Institutionen der Gesellschaften und damit auf ihre Raumordnung aus. Im Unterschied zu den bisherigen Massenmedien ermöglichen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien nicht nur eine Many-to-Many-Kommunikation und eine enorme Quantität, Häufigkeit und Dichte an One-to-One- und One-to-Many-Interaktionen (COULDRY/HEPP 2016); sie ermöglichen auch neue Formen materialer Produktion etwa in der Industrie 4.0, neue Formen von Verkehr, Mobilität, sozialer Kontrolle (Überwachungssysteme) und Koordination (Smart Cities), ja, eigentätige, autonome Handlungen der Technologien selbst, wie etwa selbstfahrende Autos.

Castells (1996) betont den räumlichen Charakter dieser Mediatisierung, wenn er den Übergang von hierarchisch organisierter Gesellschaft in eine flache Netzwerkgesellschaft beschreibt. Ähnlich wie die Re-Figuration verläuft dieser Übergang in seinen Augen durchaus konflikthaft und führt zu neuen Machtverhältnissen, die sich etwa in den Monopolen von Amazon oder Microsoft zeigen (CASTELLS 2009). Die neue Form der Mediatisierung ermöglicht neben der Intensivierung medienvermittelter Interaktionen stark erhöhte Inter- und Intraaktivitäten, also die räumlich verteilte Interaktion zwischen menschlichen Akteuren und Technologien wie auch zwischen diesen Technologien (RAMMERT 2007). Auf diese Weise sorgt die Mediatisierung für neue räumliche Handlungskontexte. Starke Auswirkungen auf Räume hatte vor allem die Verbreitung des Personal Computers, später dann die des Mobiltelefons und des Smartphones, da diese sowohl die De- und Rekontextualisierung von Situationen als auch neue Formen von Mobilität und Zirkulation von Menschen und Objekten hervorbringen. Die Mediatisierung betrifft nicht nur die zwischenmenschliche Interaktion, sondern ist auch ein institutioneller Prozess, der Räume weit über das ›Mediensystem‹ hinaus neu gestaltet: Sie produziert neue Formen von ›Kommunikationsarbeit‹, einschließlich der industriellen Produktionsverfahren, der Dissoziation der klassischen formalen Organisation und dem Übergang zu Netzwerk-, Kreislauf- und transnationalen Formen der institutionellen Zusammenarbeit (SAUER/ALTMANN 1989; SCHMIDT 1990; BECHTLE 1994). Die zunehmende Geschwindigkeit, Volatilität und Reichweite tragen deswegen zur ›kommunikativen Deterritorialisierung‹ bei (HEPP 2013).

Die Rolle der Mediatisierung bei der Re-Figuration des Raumes ist auf die Einbettung der digitalisierten, interaktiven und intelligenten intraaktiven Kommunikationstechnologien in Handlungsabläufe zurückzuführen. Nicht zuletzt hängt sie auch vom Aufbau und der Standardisierung gewaltiger kommunikationstechnologischer Infrastrukturen ab, die, wie Haraway (1997: 23) es nennt, ›materialisierte Figurationen‹ darstellen. Obwohl die ›informationelle Kluft‹ weltweit starke Asymmetrien aufweist, ist der kontinuierliche Ausbau der Infrastrukturen ein wesentlicher Treiber für die Mediatisierung des kommunikativen Handelns.

Mediatisierung bedeutet, dass neue Medien und Technologien, wie z. B. Computer, Handys und Autos, in kommunikative Handlungen einbezogen werden. Auf diese Weise wird nun nicht nur die Struktur des Handelns transformiert, sondern auch die Art der durch das Handeln hergestellten Beziehungen sowie die damit geschaffenen Räume. Zum Beispiel werden öffentliche Räume wiederbelebt, da weniger Menschen sich vor den Fernsehern fixieren, sondern auf Smartphones im städtischen Raum streamen. Mediatisierung verbindet die ehemals unmittelbare mit der mediatisierten Kommunikation nicht nur in der einseitigen Weise der Massenmedien, sondern eröffnet auch Wege zur interaktiven Beeinflussung abwesender Objekte und Subjekte in physischer, materieller und ›intelligenter‹ Weise.

Weil sie gewissermaßen in das Handeln eingreift, betrifft die Mediatisierung damit auch die Formen der Aneignung von räumlichem Wissen, die subjektive Orientierung im Raum sowie Identitäten. So wird der in der frühen Sozialisation als homogen erlebte Raum (MUCHOW/MUCHOW 1935; PFEIL 1955) zunehmend inselhaft (ZEIHER/ZEIHER 1994; SCHULZE 1994; REUTLINGER 2004: 122) und verändert das subjektive Raumwissen von Kindern.5 Diese Insularisierung subjektiver räumlicher Orientierungen wird von neuen Formen der Orientierung durch Navigationssysteme begleitet. Die ›Smartifizierung‹ räumlicher Praktiken ergänzt moderne Formen der Ortsbestimmung (FOUCAULT 1965; 1977) durch neue Formen der Verwaltung und Steuerung etwa durch Big Data und Algorithmen (siehe Amazon oder Smart Cities) (BAUR 2009). Die Mediatisierung betrifft damit auch Großprojekte der Raumproduktion: Masterpläne werden etwa durch partizipative Prozesse und mehrstufige Steuerung ersetzt. Schließlich betrifft Mediatisierung auch die Formen der Wissenskommunikation, deren räumliche Dimensionen sich in der Grund- und Sekundarbildung (z. B. in Form von Smart Boards), in wissenschaftlichen Diskursen (siehe PowerPoint) und in der Kunst (wie z. B. in Videoinstallationen) schön zeigen.

5.Schluss

Dieser Artikel fußt auf Erkenntnissen, die grundlegende Veränderungen in der gesellschaftlichen Ordnung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreiben, allen voran Prozesse der Mediatisierung sowie die Transnationalisierung und Polykontexturalisierung einer Vielzahl von Handlungen auf wirtschaftlicher, politischer, kultureller, alltäglicher und planerischer Ebene: Eine stetig wachsende, wenn auch ungleichmäßig verteilte, hierarchisch strukturierte Zunahme der Verflechtungen und Interdependenzen zwischen individuellen und kollektiven Akteuren und Orten, eine Zunahme der individuellen und kollektiven Bezugssysteme und eine stetig wachsende Anzahl zirkulierender Objekte, Technologien und Menschen führen zu einer räumlichen Re-Figuration der Gesellschaft und verändern kommunikatives Handeln.

Diese spannungsreiche Entwicklung fassen wir als Re-Figuration. Der Begriff der Re-Figuration beschränkt sich nicht auf Tendenzen zur Heterogenität, Grenzüberschreitung oder auf informelle flache Netzwerke. Vielmehr entfalten sich im Re-Figurationsprozess im Rahmen der derzeitigen Figuration von Figurationen auch diametral entgegenlaufende Tendenzen. Territoriale, zentralistische und hierarchisch skalierte Figurationen verschwinden nicht, sondern werden von Deterritorialisierung, Dezentralisierung und flachen Ketten von Interdependenzen überlagert, überformt und durch sie refiguriert. So wird der neuen Kommunikationskraft und ihrer Tendenz zu globalen und transnationalen Anordnungen der Kampf um Orte und die Idealisierung von Ortsräumen, etwa Nachbarschaftsviertel in global cities, entgegengesetzt. Regionale Identitäten werden verstärkt und nationale Grenzen, wie es z. B. der Brexit und ähnliche Phänomene zeigen, werden ausgebaut. Soziale Bewegungen, die sich dem globalen Verkehr von Wirtschaftsgütern (wie zwischen Mexiko und den USA), Wissen (wie in der Türkei oder Indien) und Menschen (wie von populistischen Anti-Migrationsbewegungen gefordert) widersetzen, sind ebenso ein Indikator für diese Konflikte wie die Religionskriege, die gegen den Einfluss einer westlichen Globalisierung geführt werden. Die Ausbildung neuer geopolitischer Konstellationen etwa in Russland, China und den neuen autoritären Regimen, die sich auf der Grundlage der gerade sich neu formierenden ›infrastrukturellen Macht‹ (MANN 1986) der Informations- und Kommunikationstechnologien bilden, lassen sich möglicherweise schon als Folge der Re-Figuration fassen. Auf der Grundlage einer Theorie, die auch Raum als wesentlichen Teil des Sozialen fassen kann, soll es der Begriff der Re-Figuration ermöglichen, die Transformation von Machtstrukturen und neuen Inklusionsmustern zu erklären.

Literatur

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