RaumErlebnisse - LebensErinnerungen -  - E-Book

RaumErlebnisse - LebensErinnerungen E-Book

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Beschreibung

Jedes Dasein ist gebunden an den Raum, in dem es sich aufhält und bewegt, denkt und handelt, sich freut und leidet. Ohne sein eigenes Raumerlebnis würde sich jedes Ich in die Leere, in ein Nichts verlieren.

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2019

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TEXTE AUS DER „SCHREIBWERKSTATT: ERINNERUNGEN AN DAS EIGENE LEBEN" DER VOLKSHOCHSCHULE BAD HOMBURG

Jedes Dasein ist gebunden an den Raum, in dem es sich aufhält und bewegt, denkt und handelt, sich freut und leidet.

Ohne sein eigenes Raumerlebnis würde sich jedes Ich in die Leere, in ein Nichts verlieren.

INHALT

Metz

Klaus-Dieter

Vorwort

Bormann

Gisela

Es war gar nicht so schlimm!

Dillenseger

Renate

Ein eigener Schreibtisch

Eisner

Gaby

Mein großer treuer Freund

Michaels

Richarda

Von der „Olympia“ zum Laptop

Pagel

Dieter

Endlich ein Schreibtisch

Wentingmann

Vera

Meine Schreibtische

Bormann

Gisela

Gefängnistor

Marziniak

Inge

Der Schlüssel passt nicht

Pietrowski

Brunhilde

Weg zum Licht

Mein eigenes Tor

Pitschula

Anna Maria

Meine West Side Story

Bormann

Gisela

Dem Himmel nah

Estate

Carola

Über den Wolken

Glaab

Corinna

Pieta auf der Reichenau

Marischen

Werner

„Hey Man!“

Marziniak

Inge

Gewitter

Pitschula

Anna Maria

Errichtet – bewundert – vernichtet

Wentingmann

Vera

Einmal Himmel und zurück

Bormann

Gisela

„Kannst Du schwimmen?“

Überschwemmung

Estate

Carola

Gewitter in Preia

Wassertrilogie

Marziniak

Inge

In Not und Wut

Michaels

Richarda

Der Einbruch

Pitschula

Anna Maria

Das letzte Bad im Meer

Wentingmann

Vera

Wasser-Geschichten

Bormann

Gisela

Im Örtchen

1959: Wohnungsluxus

Bradenahl

Dietrich

„Der Arme Konrad“

Dillenseger

Renate

Vom Vorrats- zum Luftschutzkeller

Wintertraum in Dresden

Eisner

Gaby

Das Dachstübchen

Estate

Carola

Kriegsende im Kirchenkeller 1945

Enfant terrible im Beginenhof

Langhammer

Eve-Mari

e

„Erker“

Marischen

Werner

Pub Talking

Marziniak

Inge

Die alte Scheune

Michaels

Richarda

Die Zeit danach

Pietrowski

Brunhilde

Die erschwindelte Glückseligkeit

Kein Bett für Uschi – oder die Tür bleibt zu

Pitschula

Anna Maria

Schlaflos in Orinda

Purrnhagen

Sylta

Balkon zum Hinterhof

Bormann

Gisela

Ahornbaum 587

Dillenseger

Renate

Unser Nusssbaum

Estate

Carola

Die Überraschung unter dem Weihnachtsbaum

Langhammer

Eve-Mari

e

Die alte Linde

Marziniak Inge

still und stolz

Pitschula

Anna Maria

Der Riese vor der „Klauskirche“

Bormann

Gisela

„Kinderparadies“

Eisner

Gaby

Gartenglück und Himmelsschaukel

Estate

Carola

Die kleine Kapelle auf der Alm

Glaab

Corinna

Karl, Karli und Klaus

Langhammer

Eve-Mari

e

Sonnenaufgang

Marziniak

Inge

Irgendwann

Pagel

Dieter

Reggae - Krebse - Rum

Pietrowski

Brunhilde

Die betrunkene Amsel unterm Kirschbaum

Pitschula

Anna Maria

Suche nach dem sicheren Berg

Purrnhagen

Sylta

Toni fliegt

Steffen Edith

Im Freien bin ich zu Hause

AUTOREN

Vorwort

RaumErlebnisse LebensErinnerungen

Lebenserinnerungen schreiben heißt, rückblickend aus dem eigenen Leben erzählen. Dabei erlebt sich jeder Mensch nicht nur selbst; jedes Dasein ist gebunden an den Raum, in dem es sich aufhält und bewegt, denkt und handelt, sich freut und leidet. Ohne sein eigenes Raumerlebnis würde sich jedes Ich in die Leere, in ein Nichts verlieren. Hinzu kommt: Jeder Mensch ist stets bemüht, seinen Lebensraum, in dem er sich aufhält, bewegt, handelt und denkt, persönlich zu beeinflussen und zu gestalten. Man denke nur an Wohnung, Haus und Garten; aber auch umgekehrt: Der Raum seinerseits prägt den Menschen, der ihm begegnet, in dem er sich befindet, den er erlebt. Eine Wechselwirkung also, ein gegenseitiges Hin und Her, Geben und Nehmen: Das Ich wirkt auf den Raum und dieser wiederum auf das Ich. Veränderungen beiderseits sind Auswirkung und Folge.

Aber der Raum ist vielfältig, ja unerschöpflich: Enge und Weite, Nähe und Ferne, Höhe und Tiefe bis hin zum Eingesperrtsein oder zur Unbegrenztheit. Ebenso spielt die Zeit in das Raumerlebnis hinein: So hinterlassen der Morgen und das Licht, der Abend und die Dunkelheit, aber auch der Wechsel der Jahreszeiten ihnen eigene Raumeindrücke. Und da ist ja noch das längst Vergangene zu bedenken, also die Erinnerung an die vielfachen, vielfältigen Raumbegegnungen und Raumerlebnisse von ehemals, an Jahre und Jahrzehnte vom Heute entfernte, längst umgestaltete, zerstörte, oder doch unversehrt gebliebene, bewahrte Räume. Sie alle haben nicht selten bis in die heutigen Tage Macht über das Ich, wirken in ihm noch immer weiter, helfen Schönes aufzubewahren, Schreckliches unvergessen zu machen.

Im Schreibprojekt „RaumErlebnisse“ erzählen Autorinnen und Autoren der Schreibwerkstatt „Erinnerungen an das eigene Leben“ an der Volkshochschule Bad Homburg von Raumbegegnungen und -erinnerungen, aber auch von Raumgedanken und -empfindungen. Wenn nun 16 Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer auf das eigene Leben zurückblicken, dann stehen sie selbstredend, genauer gesagt selbstschreibend, für alle ihre Erlebnisse, ihre Art und Weise des Erzählens, ihre Sprachgewohnheiten und die Sprachrichtigkeit ganz persönlich ein. Sieben Räume haben sich beim Schreiben dabei nach und nach aufgetan: Schreibtisch, Ort der Arbeit und des Schreibens – Tür und Tor, die Raumöffner und -schließer – Himmel und Wasser, ihre Weite und Tiefe – Plätze Unter Dach, ummauert und geschützt – Bäume, mächtig oder auch unscheinbar – offene Landschaften, Freiräume im Leben. Ganzseitige Abbildungen kündigen siebenmal den Eintritt in einen neuen Erzählraum an, sodass insgesamt 59 Beiträge einladen, gelesen zu werden.

Klaus-Dieter Metz Kursleiter

Bormann Gisela

Es war gar nicht so schlimm!

Hier steht er nun, ein mächtiger „Koloss“, mein eigener Schreibtisch. Er nimmt fast ein Drittel der Zimmergröße ein. Die Sonnenstrahlen zeichnen goldene Streifen auf die hellbraune Arbeitsplatte. Diese neue Errungenschaft macht mich glücklich. Er besitzt viele Fächer sowie Schubladen, in denen sich jede Menge Utensilien ordnen und verstauen lassen. Sofort richte ich alle meine Schreib- und Malutensilien ein und freue mich, dass jedes Ding endlich einen bleibenden Platz erhält.

Für mich, die Ordnung sehr liebt, war es bis hierher ein langer, weiter Weg. Verträumt stütze ich die Ellbogen auf, nehme meinen Kopf in beide Hände und erzähle meinem neuen Freund, was alles geschehen musste, bis wir endlich zusammenkamen.

Geboren wurde ich, als Deutschland in Schutt und Asche lag. Allerdings waren meine Eltern noch Besitzer einer gutgehenden eigenen Fleischfabrik. Das änderte sich recht bald, denn leider wurden uns 1946 durch die Vertreibung aus der Heimat Hab und Gut genommen. Wie auch viele andere Familien lebten wir danach in kleinen, beengten Behausungen, die nur Raum für das Nötigste wie Bett, Schrank, Tisch, Stühle und Herd boten. Ein Schreibtisch wäre ein Luxusgegenstand gewesen, wofür das Geld nicht gereicht hätte und Platz schon gar nicht. Daher verschwendeten meine Eltern niemals einen Gedanken an den Kauf solch unnützen Mobiliars.

Bei mir dagegen entstand während meiner Kindheit eine geheime Sehnsucht nach einem für mich vermeintlichen Luxusgegenstand, mit dem ich Wohlstand und Reichtum verband, denn Familien, die so ein Möbelstück besaßen, lebten meistens in einem gehobenen Lebensstandard.

Wir Kinder machten Schularbeiten zu Hause auf dem Küchentisch, bei den Großeltern dagegen auf einem kleinen Beistelltisch im Wohn-Schlafzimmer. Mein Herzenswunsch behielt ich für mich und vergrub ihn ganz tief im Inneren; allerdings verließ er mich nie.

Nach unserer Flucht 1957 aus der DDR in den Westen stand die Familie wieder einmal vor einem Neuanfang, so dass mein Wunsch, einen eigenen Schreibtisch zu besitzen, weiterhin verborgen bleiben musste.

Einige Zeit später drängten steigende Einkommen zwar die Geldsorgen zur Anschaffung meines Wunschmöbels in den Hintergrund, aber an der zu kleinen Wohnung scheiterte noch immer, die Erfüllung meines Sehnsuchtstraums. So langsam fand ich mich damit ab: dieser Traum ist ausgeträumt, denn inzwischen war ich schon fast vierzig Jahre alt.

Aber dann, nach einem Umzug in ein großes Haus mit einem Arbeitszimmer, schenkte mein Mann, er besaß schon einen, mir den eigenen Schreibtisch. Nun gab es gleich zwei solcher prestigeträchtigen Exemplare in unserem Haushalt.

Fortan mache ich alle Schreib-, Mal-, ja sogar Bastelarbeiten nur noch am „Koloss“. Sein Platz ist am Fenster, so dass ich einen freien Blick in die Natur habe, die mich zu vielen Geschichten inspiriert. Dabei wandern meine Gedanken auch zu den Reisen nach Nepal, die mein Mann und ich über Jahre hinweg unternommen haben.

Ich erinnere mich, wie dort die Familien in der ländlichen Gebirgswelt leben und deren Kinder ihre Schularbeiten machen. Die dunklen kleinen Wohnräume sind nur mit einer offenen Feuerstelle ausgestattet, die zum Kochen und Wärmen dient. Ein Regal für Töpfe sowie Geschirr ist alles, worüber dieser Raum verfügt. Schränke, Tische oder Stühle gibt es nicht. Gegessen und geschlafen wird auf der Erde. Ihre Schulaufgaben machen die Kinder auf dem Fußboden, und das häufig erst spät am Abend, da der Tag mit einem stundenlangen Schulweg und dem Unterricht ausgefüllt ist. Infolgedessen hocken sie vor der Haustür, um von dem Licht der Dorflampen zu profitieren, denn die meisten Häuser verfügen nicht über Strom.

Als mir diese Erinnerungen wieder vor Augen treten, erkenne ich, wie unbedacht ich mein Wunschdenken über viele Jahre gehegt habe, ohne es zu hinterfragen.

Es war ja gar nicht so schlimm! Selbst ohne Schreibtisch, haben mir zu jeder Zeit Tisch, Stuhl und Licht zur Verfügung gestanden.

Dillenseger Renate

Ein eigener Schreibtisch.

Fehlanzeige! Einen eigenen Schreibtisch habe ich nie besessen.

Hausaufgaben für die Schule wurden am Küchentisch oder, wenn dort gerade kein Platz war, am Wohnzimmertisch erledigt. Zwei Zimmer, eine kleine Küche für vier Personen, da kam niemand auf die Idee, dass Kinder einen eigenen Schreibtisch haben müssen.

Nach der Schulzeit und während der Ausbildung verbrachte ich drei Jahre an vielen verschiedenen Schreibtischen. Lehrlinge mussten damals wie auch heute noch sämtliche Abteilungen durchlaufen. Nach der Lehre war mein Arbeitsplatz immer am selben Schreibtisch, doch es war niemals wirklich mein Schreibtisch, er gehörte der Bank, bei der ich beschäftigt war. Ich habe gerne an diesem Schreibtisch gearbeitet. Noch heute denke ich daran, dass Zinsen für Bankguthaben oder für Kontokorrent-Kredite in der Zinsstaffel mit einem Rechner, der von Hand und nicht elektrisch bedient wurde, auszurechnen waren.

Später, als ich mit meinem Mann eine Familie gründete und wir ein Haus bauten, hatte mein Mann bald in diesem Haus einen Schreibtisch. Nie kam ich auf die Idee, dass ich ebenfalls einen brauchen könnte. Es waren ein Küchentisch, ein Wohnzimmertisch, ein Esstisch sowie ein Bügeltisch und ein Tisch auf der Terrasse vorhanden. Nach wie vor erledigte ich alle Schreibarbeiten an dem Tisch, der gerade frei war; Ordnung zu halten, war dabei schwierig.

Als unsere Tochter zur Welt kam, wurde ein Wickeltisch gekauft, nachdem das Kind zur Schule ging, brauchte es selbstverständlich einen Schreibtisch. Es war auch keine Frage, dass fünfundzwanzig Jahre später, als die Enkel schulpflichtig wurden, jedes Kind am eigenen Schreibtisch Schularbeiten machen konnte.

Erst als ich mich nun mit dem Thema Schreibtisch beschäftigte, stellte ich fest, dass sowohl im Zimmer meines Schwiegersohnes als auch meiner Tochter ein Schreibtisch stand. Nur ich hatte immer noch keinen eigenen Schreibtisch.

Habe ich etwas versäumt? Warum kann gerade ich bis heute keinen Schreibtisch mein eigen nennen? Der Schreibtisch meines verstorbenen Mannes steht nach wie vor in seinem Arbeitszimmer im Untergeschoss unseres Hauses, aber er wird nie von mir genutzt. Manchmal suche ich dort notwendige Unterlagen, alles ist wohlgeordnet und sofort auffindbar. Schreibpapier, Stifte, Kugelschreiber, alle Schreibutensilien, die ich gerade benötige, hole ich ins Wohnzimmer, wo ich nach wie vor alle Schreibarbeiten, die von Hand erledigt werden müssen, ausführe. Auch Bankbelege werden dort kontrolliert, einsortiert und ordnungsgemäß abgelegt.

Der nicht mehr genutzte Schreibtisch hätte schon längst in das schon seit vielen Jahren unbewohnte Kinderzimmer meiner Tochter umziehen und von mir genutzt werden können! Warum konnte ich mich nie dazu entschließen?

Der Computer hatte schon bald im Wohnzimmer einen passenden Platz gefunden, sogar auf einem eigens dafür besorgten Computertisch.

Brauche ich jetzt noch einen eigenen Schreibtisch? Um Ordnung zu halten? Weil man dort besser arbeiten kann als an allen anderen Tischen im Haus? Oder weil es inzwischen selbstverständlich ist, einen eigenen Schreibtisch zu besitzen?

Eisner Gaby

Mein großer treuer Freund

Es muss mir in die Wiege gelegt worden sein: mein Sinn für Ordnung ist von Anfang an sehr ausgeprägt. Das bedeutet nicht, dass ich alles im Griff habe – oft haben die Dinge mich im Griff, doch mein Streben ist unerschütterlich!

Schon als kleines Mädchen legte ich großen Wert darauf, meine Spiel- und Puppensachen sorgsam zu ordnen und allem einen Platz zuzuweisen. Da kam das eigentliche Spiel fast immer zu kurz.

Später – als emsige Schülerin – liebte ich es, die Buntstifte farblich oder nach Größe zu sortieren und die Hefte zu beschriften und einzuschlagen. Auch das Löschblatt trug meinen Namen.

Ich befasste mich gern mit allen schriftlichen Dingen. Von den Großeltern, bei denen ich aufwuchs, konnte ich das nicht abgesehen haben, denn ihre gesamten Unterlagen passten in ein Schrankfach. Das Briefeschreiben an alle Verwandten überließen sie mir.

Mit der Zeit entwickelte ich immer stärker meinen Hang zum Dokumentieren. Ich begann meine Ausgaben vom Taschengeld aufzuschreiben und am Monatsende abzurechnen. Die Kassenbons der Einkäufe meiner Großeltern überprüfte ich sorgfältig. Ich legte Listen an – eine von den Adressen der Klassenkameraden, eine andere, welchen Brief ich wann und wem geschrieben hatte, oder auch eine Liste der Geschenke, die ich bekommen und auch die, welche ich selbst übergeben hatte. Später las ich aufmerksam die Tageszeitung. Artikel, die mich interessierten, schnitt ich aus und klebte sie auf Papier. Überhaupt bastelte ich auch sehr gerne und gestaltete Collagen.

Für all diese Aktivitäten musste der Wohnzimmertisch herhalten – und auch ständig wieder geräumt werden, wenn er für Essen, Besuch oder die Bügelwäsche zur Verfügung stehen sollte. Die Großmutter schimpfte, wenn ich nicht rechtzeitig alle sieben Sachen wieder in meinen Ranzen hineingestopft hatte. Das ging mir auf die Nerven!

Niemand wird sich wundern, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als einen eigenen Bereich mit einem Schreibtisch zu haben. Schon aus Platzmangel war dieser Wunsch jedoch zum Scheitern verurteilt.

Doch je älter ich wurde, desto mehr wuchs mein Bestreben, mich räumlich abzugrenzen und meine Zeit für mich allein zu haben. Schließlich überlegten meine Großeltern, wie sie mir helfen könnten und richteten mir im Obergeschoss, das ohne Heizung war, ein kleines Mansardenzimmer her. Früher wäre ich nie allein nach oben zum Schlafen gegangen, aber nun nahm ich das Zimmer mit Begeisterung in Beschlag. Ich konnte da mein Bett aufstellen, und als Mobiliar bekam ich ein niedriges Tischchen, zwei kleine Clubsessel und einen Kleiderschrank.

So weit, so gut. Nun aber wurde der Wunsch nach einem Schreibtisch immer dringlicher und ich muss wohl der Großmutter ständig in den Ohren gelegen haben, bis ich sie endlich überredet hatte.

Als findige Frau, die nie aufgab, wenn sie ein Einsehen hatte, sollte ich nun meinen Willen bekommen. Das Haushaltsgeld war knapp bemessen und gab kaum etwas her – so viel war klar. Deshalb ging sie nun oft in ein Gebrauchtwarenhaus und schaute sich so lange um, bis sie fündig wurde.

Ich jubelte, als sie mir von ihrem Fang berichtete. Verräterisch raunte sie mir zu, dass ich bei der Lieferung ins Staunen kommen würde. Und sie hatte nicht zu viel versprochen, denn der erwartete Schreibtisch entpuppte sich als ausgewachsener Büffetschrank mit Schreibklappe, der da in mächtiger Größe vor mir stand. War ich gleich begeistert? Ich glaube, eher überrumpelt..., doch schnell prüfte ich die zu erwartenden Vorteile – große Fächer zur Aufbewahrung, und das Schreibfach erwies sich als abschließbar! Keine neugierigen Nasen konnten mir so in die Karten schauen.

Unter erschwerten Bedingungen musste dieses monströse Möbelstück erst die Steintreppe und dann die schmale, steile Holztreppe hinauf in den zweiten Stock bugsiert werden. Der Großvater schimpfte darüber verdrossen – so wie er immer erst murrte, wenn seine Frau wieder eine unschlagbare Idee ohne Vorankündigung durchgesetzt hatte. Denn an ihm blieb die praktische Umsetzung letztendlich hängen.

Ihm gelang der schweißtreibende und nicht ungefährliche Transport nach oben nur durch die Zerlegung des Schranks in Einzelteile. Als er ihn wieder montiert hatte, nahm der Koloss die Hälfte der Wandseite in Anspruch. Aus dunklem Eichenholz hergestellt, dominierte er die Szene! Er machte dennoch einen schlichten Eindruck, da er sich nicht mit raffinierten Drechselverzierungen hervortat, doch das störte mich nicht. Ein glücklicher Besitzerstolz überkam mich. Endlich Platz!

Mit Begeisterung machte ich mich nun an das Einräumen. Was für Möglichkeiten dieser Schrank bot! Der ganze Unterbau war als Flügelschrank gearbeitet, dessen Innenraum sich nur durch einen durchgehenden Einlegeboden unterteilte. Er konnte Berge von Unterlagen und Papieren, Filmprospekten, Zeitungsausschnitten, abgelegten Heften und alles Material, was ich sonst noch sammelte, beherbergen.

Oberhalb schloss man den Schreibtischteil auf und bewegte die Holzklappe in die Horizontale nach unten, um sich davor zum Schreiben niederzusetzen und eine ausgefeilte Inneneinrichtung zu erblicken. Mehrere hölzerne Raster gestalteten den inneren Raum für Briefablage, Stifte, Tintenfass, Büroklammern, Kleber, Locher und andere Utensilien. Das sah sehr professionell aus! Ich hätte mir ja noch ein Geheimfach für das Tagebuch gewünscht, doch so sehr ich alles untersuchte, fand ich keines.

Im Seitenschrank links davon brachte ich meine aktuellen Schulsachen und Bücher unter. Und dann gab es noch den Vitrinen-Aufsatz – geeignet für allerlei Ausstellungs- und Fundsachen, die man hinter die Glasschiebetüren stellen oder legen konnte. Platz genug, um kleine Andenken zu arrangieren und zwei Teetassen – wie es sich damals gehörte.

Quasi zur Einweihung und Krönung kratzte ich mein gespartes Geld zusammen, um im Schreibwarenladen einen mechanischen Anspitzer mit Kurbel zu kaufen. Taschengeld bekam ich damals fünf Mark im Monat – dieses Gerät kostete acht Mark – das weiß ich, als wäre es gestern gewesen. Und – es existiert auch heute noch!

Das nächste Ziel für meine Komplettausstattung steuerte ich bald an – ich wollte eine Schreibmaschine! Von der Schule wurde ein Stenografie- und Schreibkurs angeboten. Den nahm ich wahr. Und solches strebsame Trachten wurde gern von den Großeltern unterstützt. Sie schenkten mir eine Reiseschreibmaschine zu Weihnachten – eine Olympia Splendid – auch diese ist noch in meinem Besitz.

So fühlte ich mich damals autark! Es war einfach großartig, alles an einem Ort im Blick zu haben. Das gab Halt. Dieser Schreibschrank wurde das Herzstück meines Zimmers. Daneben nahm sich der Kleiderschrank wie ein kleiner Bruder aus.

Er hatte seinen Platz in meinem Leben wie ein Freund: unverrückbar und alle Geheimnisse meines jugendlichen Daseins bewahrend.

Michaels Richarda

Von der „Olympia“ zum Laptop

Was ein Computer ist und was er alles kann, habe ich schon in der DDR gehört. Zu sehen bekam ich jedoch keinen. Durch ein paar Abbildungen dieser Geräte konnte ich mir schon etwas vorstellen. Leider ging die Bereitstellung der PC's für unsere Büros sehr schleppend voran. Das fing alles erst Mitte der achtziger Jahre an. Bei der Zuteilung der Geräte kam meine Abteilung noch nicht in Frage. So blieb ich bei meiner „Olympia“, die Spitzenschreibmaschine der DDR. Mit ihr schrieb ich die ganzen Berichte, Protokolle, Beurteilungen und was alles in einer Abteilung so anfiel. Mein Chef diktierte mir seine Schriftsachen gleich in die Maschine.

1990 siedelte ich nach Bad Homburg um. In der großen Firma, in der ich arbeitete, stand auf jedem Schreibtisch ein PC. Auch auf meinem. Nun sollte ich ihn bedienen, obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte. Schreibmaschine schreiben konnte ich ja. Denn während meiner Lehrzeit als Fachverkäuferin besuchte ich in der Volkshochschule in Merseburg den Kurs für Maschineschreiben. Wissbegierig war ich schon immer. Obwohl ich keine Gedanken verschwendete, dass ich das Schreiben an einer Maschine einmal beruflich ausführen würde, sind in dem einen Jahr die Grundbegriffe hängengeblieben.

Die Masken, mit denen nur ich in der Firma arbeiten sollte, richtete mir ein IT-Mitarbeiter von der Firma ein. So konnte ich digital in die Lager, auch in das Hochregallager, um die einzelnen Warengruppen abzurufen. Langsam lernte ich erst meine Abteilung kennen. Wenn es die Zeit erlaubte, zeigte mir eine Kollegin die einzelnen Schritte im PC.

Das war schon eine große Herausforderung. Also ging das Lernen los. So dumm werde ich mich nicht angestellt haben, denn ich bekam noch zusätzlich das Gerät für die Zeiterfassung der Arbeiter und Angestellten auf meinen Schreibtisch. Briefe schreiben lernte ich mit dem Programm Word Perfekt. Dieser PC stand im Nebenzimmer und wurde von allen Büroangestellten genutzt.

Als Rentnerin reizte es mich, weitere Erfahrungen mit dem PC zu machen. Von meiner Firma bekam ich für wenig Geld einen ausrangierten Monitor mit Tastatur und Rechner. Einen Drucker kaufte ich dazu. Erst holte ich mir einen Schreibtisch. Die Einzelteile wurden mit Hilfe eines jungen Mannes aus unserem Haus zusammengebaut. Eine Ecke am Fenster meines Schlafzimmers bot sich als Stellplatz an, weit ab von dem WLAN, der im Flur an der Steckdose hing. Der Drucker wurde dann per Telefon mit Hilfe meines Sohnes, der in Halle wohnt, angeschlossen. Was da alles zu beachten war und bei jedem Klick etwas anderes zum Vorschein kam, war für mich unwahrscheinlich. Diese Stunde mit meinem Sohn bescherte mir wieder sehr viel Wissen.

Mir brummte der Kopf. Natürlich war es ein vollkommen anderes Programm als das im Büro. Nun ging das Üben wieder los. Briefe schreiben, speichern, Rechtschreibkontrolle, drucken. Ich übte und probierte. Jeden Schritt schrieb ich mir auf, damit ich es immer wieder nachlesen konnte. Stolz war ich auf mich, dass ich mir das alles zutraute.

In mein Sparschwein aus Porzellan steckte ich spontan immer Zwei-Euro-Stücke hinein. 2006 war es mit 1.080 Euro gefüllt. War das eine Freude. Ich kaufte mir einen PC. Zum Glück lebte in unserem Haus ein junger, gerade fertig studierter IT-Mann, der mir die Daten auf meinen neuen Rechner überspielte. Schon allein beim Zuschauen staunte ich, und es faszinierte mich, wie ruhig und gewissenhaft er arbeitete. Nun kam auch noch Excel dazu, und ich begann Tabellen einzurichten und mit Formeln zu rechnen. Auch hatte ich plötzlich eine E-Mail-Adresse und konnte im Internet surfen. War das herrlich!

Nach Jahren war erneut das Schweinchen zum Schlachten reif, und ich kaufte mir zusätzlich einen Laptop. Auch diesen richtete mir der junge Nachbar ein. Nun stehen der Laptop und der Monitor vom PC auf dem Schreibtisch. Die Tastatur habe ich ebenfalls behalten. Auf diesem Brett kann ich schneller schreiben als auf den glatten Tasten des Laptops. In der Mitte und links auf der Schreibtischplatte bediene ich die Bildschirme. Das geht wunderbar. An dem Monitor schreibe ich gerade einen Brief, und an dem Laptop surfe ich im Internet oder lese meine E-Mails. Der Drucker steht auf einem Ablagebrett unter der Schreibtischplatte. Den Laptop kann ich in eine Tasche stecken und überall hin mitnehmen.

Nun sitze ich am Schreibtisch und versuche Erinnerungen meines Lebens aufzuschreiben. Alles, was ich vom Erzählen meiner Eltern erfahren habe und was ich selbst erlebt habe, kommt auf das Papier bzw. in den PC. Schön ist es, dass ich, wenn mir nachträglich etwas einfällt oder auch korrigieren muss, nur den Cursor setze und einen Satz oder ein Wort dazwischen schreiben kann. Das hätte ich mit einer „Olympia“-Schreibmaschine nie gekonnt. Denn da hätte ich viel Korrekturstreifen und auch Schreibpapier verbraucht.

Pagel Dieter

Endlich ein Schreibtisch

Schon als Schüler - der lieben Ordnung halber - musste ein Schreibtisch her, der Inbegriff einer kleinen stillen Ecke zum Arbeiten und Ruhe zum Lernen, Schreiben und vielleicht Nachdenken.

Wir wohnten in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Oberursel. Ein Schlafzimmer der Eltern, ein Schlafzimmer für meine drei Schwestern, ein Familien-/Wohnzimmer und eine Werkstatt. Als Sattler machte Vater Lederreparaturen und Sonderanfertigungen aus Leder.

Mein Klappbett stand im Bad. Ich ging auf die ernste „Endlernphase“ für die Abschlussprüfung „Mittlere Reife“ an der Landgraf-Ludwig-Schule in Bad Homburg zu. Auch war die hessische Prüfungskommission angesagt, weil es sich um einen Aufbauzug „Mittlere Reife“ für die Landgraf-Ludwig-Schule handelte. Das setzte uns Schüler zweifellos unter einen gewissen Lerndruck, denn mit unseren fünfzehn Jahren waren wir schon etwas ehrgeizig. Unsere Lehrer waren natürlich auch interessiert, dass wir alle den Anforderungen der Kommission entsprachen und gut „abschnitten“. Auch mein Freund Wolfgang, mit dem ich täglich mit dem Fahrrad von Oberursel nach Bad Homburg zur Schule fuhr, hatte einen motivierenden Einfluss. Vor der Abfahrt übten wir täglich „Expander ziehen“ und auf dem Heimweg kommentierte er öfters: „Jetzt gilt's, das Abschlusszeugnis dieser Schule ist wichtig für unser weiteres Berufsleben – also strengen wir uns an!“

Scheinbar müssen mein „Lamentieren“ und der immer wieder geäußerte Wunsch nach einem Schreibtisch ziemlich nachhaltig gewesen sein. Jedenfalls kam eines Tages ein Tischchen, 100 cm lang, 50 cm breit, gestiftet von einem Nachbarn, und wurde unweit meines Bettes unter der Fensterbank aufgestellt. Vorher musste noch der alte Kühlschrank weichen, ein hässliches beiges Möbelstück mit einem Blechfach an der Seite für Eisbrocken. Ich war überglücklich und richtete mich ein. Ein Tablett mit Schreibutensilien, Radiergummi, meine Schulbücher. In der Mitte des Tischchens gab es eine kleine Schublade für Taschenmesser und was man damals in dem Alter so hatte. Natürlich war die Sache ein Kompromiss, denn zu meiner Linken standen das Klappbett, rechts die Badewanne und das Waschbecken, durch einen Plastikvorhang abgetrennt. Aber ich fühlte mich wie in meinem eigenen kleinen Zimmer, wenn die Tür zu war, und ich konnte in Ruhe arbeiten und bestand meine Mittlere Reife mit einer guten Note.

Wentingmann Vera

Meine Schreibtische

Als ich in der dritten Klasse war, brachte mein Vater eines Abends nach der Arbeit einen Mahagoni-Sekretär für mich mit. Mein Vater überraschte uns häufiger, sei es wie mit diesem Sekretär, sei es mit einem großen Topf Honig, einem kleinen Hundwelpen oder einem neuen Auto, was plötzlich vor unserer Tür stand.

Vorher hatte ich Schularbeiten immer am Küchen- oder Wohnzimmertisch gemacht, jetzt, als ich mir mit meinem Bruder ein Zimmer teilen konnte, weil meine Großeltern eine eigene Wohnung gefunden hatten, bekam ich meinen ersten eigenen Sekretär.

Das Mahagoniholz und die goldenen Schlüssel glänzten um die Wette und er hatte so lange dünne Beine, dass kleine Schälchen untergestellt werden mussten, um den Fußboden nicht zu beschädigen. Unten waren zwei große Schubladen und oben hinter der Lade vier kleine, genügend Platz für alle meine Schätze: meine Briefmarkensammlung, meine Handarbeitsnadeln, Wolle und Stoffreste, mein Tagebuch und später auch meine Liebesbriefe.

Zum Schularbeiten klappte ich die Lade auf, nur leider waren meine an sich kurzen Beine zu lang, so dass ich immer schräg vor dem Schreibtisch saß, weil auch noch die goldenen Schlüssel der Schubladen im Weg waren. Ergonomisch war das sicher nicht, aber darüber machte sich damals niemand Gedanken.

Dieser Schreibtisch begleitete mich durch die gesamte Schulzeit und stand bis zum Schluss in meinem Zimmer, bis ich Jahrzehnte später das Haus meiner Eltern auflöste.

Während des Studiums schenkte mir meine Mutter zu Weihnachten einmal einen kleinen Klappschreibtisch, den ich anfangs gar nicht haben wollte, so dass ich hoffte, er sei ein Geschenk für meinen Bruder. Bei meinen vielen Umzügen erwies sich das Teil aber als ausgesprochen praktisch. Ich benutzte ihn für Schreibarbeiten und auch zum Nähen, denn eine Nähmaschine hatte ich mir inzwischen auch angeschafft.