Re(VE)al: Your Secrets - Andrea Zimmermann - E-Book

Re(VE)al: Your Secrets E-Book

Andrea Zimmermann

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Beschreibung

Im Auftrag von RE(VE)AL wird Nico als Assistent Zayden Malcots in die Chefetage von Malcot Industries eingeschleust, um Nachforschungen anzustellen. Schon bald steht fest: Hinter verschlossenen Toren der Firma wird an einer neuartigen Technologie geforscht, für deren Fortschritt und Geheimhaltung man über Leichen geht. Seinem Plan macht jedoch ausgerechnet Zayden Malcot einen Strich durch die Rechnung: Der junge Geschäftsmann mag so gar nicht dem Klischee eines versnobten, arroganten Millionärs entsprechen. Schnell entwickelt sich zwischen ihnen etwas, das weit über ein rein professionelles Arbeitsverhältnis hinausgeht – und Nicos Mission immer mehr zu einer Zerreißprobe zwischen seinen Loyalitäten werden lässt …

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EPILOG
DANKSAGUNG
DIE AUTORIN

 

 

WELTENBAUM VERLAG

Vollständige Taschenbuchausgabe

02/2023 1. Auflage

 

RE(VE)AL

 

© by Andrea Zimmermann

© by Weltenbaum Verlag

Egerten Straße 42

79400 Kandern

 

Umschlaggestaltung: © 2022 by Magicalcover

Lektorat: Julia Schoch-Daub / Feder und Flamme Lektorat

Korrektorat: Giusy Lo Coco

Buchsatz: Giusy Amé

Autorenfoto: Privat

 

 

ISBN 978-3-949640-39-1

 

www.weltenbaumverlag.com

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

Printed in Germany

 

 

Andrea Zimmermann

 

 

 

 

Re(Ve)al

YOUR SECRETS

 

 

 

 

 

 

 

Thriller-Romance

 

PROLOG

 

 

»Es gibt ein Problem.«

Der Mann warf eine Mappe in die Mitte des Tischs. Fahrig zog er sein Hemd zurecht, bevor er sich auf der Rückenlehne des Stuhls vor sich abstützte, die Hände starr zu Fäusten geballt.

Die übrigen Anwesenden – eine elegant gekleidete Frau sowie ein junger Mann, unter dessen Hemdkragen die dunklen Linien eines Tattoos auszumachen waren – beugten sich vor, aber keiner von ihnen griff sofort nach der Mappe.

Erst auf eine auffordernde Geste des jungen Mannes hin zog die Frau die Unterlagen mit spitzen Fingern zu sich heran, die flammend rot geschminkten Lippen zu einer missbilligenden Linie zusammengekniffen. Kurz nahm sie die Beschriftung des Deckblatts zur Kenntnis und zog die Augenbrauen hoch, bevor sie die erste Seite aufschlug. Stichpunkte, etwas Fließtext sowie das Firmenlogo kamen zum Vorschein, zusammen mit einigen handschriftlichen Notizen am Rand. In der Ecke rechts oben prangte ein Foto. Ein junger Mann mit blondbraunem Haar und weichen, rundlichen Gesichtszügen war darauf zu sehen. Freundlich strahlte er in die Kamera.

»Das ist die Personalakte vom neuen Mitarbeiter des Juniorchefs. Nicholas Howard.« Die Stimme der Frau klang bei dieser Feststellung unbedarft, fast sogar gleichgültig. Der lauernde Unterton in ihren Worten strafte ihr geheucheltes Desinteresse jedoch Lügen. Flüchtig blätterte sie durch den Rest der Dokumente, bevor sie die Akte wieder zuschlug und sie dem jungen Mann hinüberschob.

»Nun gut.« In einer fließenden Bewegung schlug sie die Beine übereinander. »Netter Junge. Frischer Studienabgänger mit hohen Erwartungen. Erhofft sich hier ein berufliches Sprungbrett. Ein bisschen blauäugig, zugegeben, aber mir ist noch nichts Negatives über ihn zu Ohren gekommen. Welches Problem sehen Sie?«

Im Gesicht ihres Gegenübers hatten sich unterdessen rote Flecken ausgebreitet, seine Augenlider zuckten. Ihre aufgesetzte Gleichgültigkeit schien ihn zu verärgern. »Dieser nette Junge steckt seine Nase in Angelegenheiten, die schädigend für seine Gesundheit werden könnten, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Er wandte sich dem zweiten Anwesenden zu. Dieser war gerade dabei, den Lebenslauf des in Frage gestellten Mitarbeiters zu überfliegen.

»Auf den ersten, zweiten und auch den dritten Blick war in seiner Bewerbung nichts Auffälliges zu finden. Wenn man allerdings Nachforschungen anstellt, und das nicht gerade bei dem Professor, von dem das Empfehlungsschreiben stammt, stößt man auf Ungereimtheiten. Wochenlange Lücken, Verwaltungen, die seinen Namen noch nie gehört haben, Familienmitglieder ohne jeden Schimmer über seine angegebene Berufslaufbahn.« Seine Nasenflügel blähten sich merklich. »Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Kerl verbirgt etwas.«

Mit lautem Rascheln ließ der junge Mann die abgehefteten Dokumente der Akte so plötzlich zurückflattern, dass seine Kollegen zusammenzuckten. Dann musterte er das Foto auf der ersten Seite eingehend, als könnte er am lächelnden Gesicht des Mitarbeiters sämtliche seiner wohlgehüteten Wahrheiten ablesen.

»Sie sagen also, er schnüffelt herum?«, hakte er schließlich mit gedehnter Stimme nach. Ihn schien die Situation nicht sonderlich zu beeindrucken.

Bestätigendes Nicken folgte. »Auf den Aufzeichnungen der Überwachungskameras ist er in Archivabteilungen zu sehen, in denen er nichts zu suchen hat. Er war sogar schon am Büro des CEO höchstpersönlich. Mit einer lahmen Ausrede. Und er ist ziemlich neugierig. Stellt viele Fragen. Verdächtige Fragen noch dazu. Es wird nicht mehr lange dauern, bis ihm etwas in die Hände fällt, was heiß werden könnte. Er spielt mit dem Feuer. Und mit der Existenz dieser Firma.«

Der junge Mann nickte langsam. Bedächtig richtete er seinen Hemdkragen, sodass sein Tattoo wieder vollständig unter dem Stoff verschwand. »Ich werde mich nach den nötigen Absprachen dem Problem annehmen, wenn das … offiziell so erwünscht ist.«

Der ältere Herr nahm seine Brille ab und erwiderte den herausfordernden Blick starr. Er schluckte schwer, als müsste er gegen einen Kloß im Hals ankämpfen. »Es ist nicht nur erwünscht. Es ist ein Befehl. Das Projekt hat oberste Priorität.«

Die Frau, die dem Austausch schweigend gelauscht hatte, seufzte tief. Dann ergriff sie ihre Handtasche und ihr Smartphone. »Meine Herren, ich überlasse das Ihnen, meine Zeit ist begrenzt. Aber seien Sie gewissenhaft. Wir wollen keinen öffentlichen Supergau.«

Sie schenkte ihren Gesprächspartnern noch ein dünnes Lächeln und verließ dann ohne Abschiedsgruß auf hochhackigen, weinroten Pumps den Besprechungsraum.

Die beiden Männer warteten, bis die Tür wieder komplett ins Schloss gefallen war. Dann erhob sich der jüngere von ihnen ebenfalls, und nahm die Personalakte an sich. Seine Mimik blieb unverändert. »War das alles?«

Sein Partner nickte langsam. Geistesabwesend polierte er mit dem Stoff seines zerknitterten Hemdes das Schauglas seiner Armbanduhr.

»Mr. Malcot Junior scheint leider einen ziemlichen Narren an dem Jungen gefressen zu haben. Das macht die Situation natürlich nicht leichter. Dennoch stellt Howard unweigerlich eine Gefahr für das Unternehmen dar. Sollte er sich nicht durch gut begründete Argumentation überzeugen lassen …« Er hielt inne. »Was erzähle ich Ihnen da eigentlich? Sie wissen, was Sie zu tun haben. Sie sind der Profi.«

Vielsagend wanderte sein Blick zu dem Griff der Schusswaffe, der kaum sichtbar aus dem Hosenbund des jungen Mannes hervorragte.

Dessen Mundwinkel zuckten im vagen Anflug eines Lächelns, während er nach seinem dunklen Mantel griff, der über der Lehne seines Stuhls hing. Einen Moment später verschwand die Waffe unter dem dicken Stoff, wurde endgültig vor neugierigen Blicken verborgen.

»Sie können sich auf mich verlassen.« Seine Stimme klang gelassen, gleichzeitig jedoch schneidend wie eine Rasierklinge. »Mr. Howard ist in besten Händen.«

Die Endphase des Projekts hatte begonnen.

1

 

NICO

 

Das ganze Bewerbungsgespräch war eine Scharade. Ein recht aussichtsloser Versuch, dessen Erfolgschancen so gering waren, dass kaum jemand ernsthaft zu hoffen wagte.

Dennoch – oder gerade deshalb? – zappelte ich vor Nervosität auf dem gepolsterten Stuhl des Wartebereichs herum. Ein Stuhl, der augenscheinlich in jedes Wartezimmer passen könnte, sich bei näherem Hinsehen jedoch als technisches Meisterwerk entpuppte: Kühl- und Wärmfunktion, elektrisch ausfahrbare Fußablage und noch dazu ein integriertes Tablet. Die schlauen Entwicklerköpfchen von Malcot Industries verschwendeten wahrlich keine Zeit, so viel neuen Technik-Schnickschnack wie möglich auf den Markt zu bringen. Egal, wie unnötig der Kram war, für den sie Potenzial und Ressourcen verschwendeten.

Aus den Augenwinkeln spähte ich zu den anderen fünf Bewerbern hinüber. Natürlich war ich nicht als Einziger zu einem persönlichen Gespräch im Londoner Hauptsitz des Technologieunternehmens geladen worden. Die Herren trugen allesamt teure Hemden, hässlich gemusterte Krawatten und glänzende Lackschuhe, die sicherlich ein halbes Vermögen gekostet hatten. Frauen schienen nicht eingeladen worden zu sein.

Ich vermied es vehement, nach dieser High-Society-Aussicht auf mein eigenes, nicht annähernd so beeindruckendes Outfit zurückzukommen. Das uralte, weiße Hemd, das ich pflichtbewusst ganz hinten aus dem Schrank gewühlt hatte, war zuletzt auf der Abschlussfeier meines Studiums zum Einsatz gekommen. Und zuvor auch schon auf dem Abschlussball der Highschool. Und davor ...

Zurück ins Hier und Jetzt: Ich saß im Wartebereich der Personalabteilung von Malcot Industries und fieberte dem bevorstehenden Vorstellungsgespräch entgegen.

Das stellvertretende Firmenoberhaupt benötigte laut Ausschreibung einen persönlichen Assistenten. Und die Organisation RE(VE)AL brauchte einen Maulwurf innerhalb genau dieser Firma, um an interne Informationen zu kommen.

Diese Konstellation aus recht fragwürdigen Bedürfnissen hatte darin gemündet, dass ich auf Anweisung von RE(VE)AL nun als Bewerber mein Glück versuchte. Sollte ich Erfolg haben, würde ich im Herzen der Chefetage Nachforschungen anstellen. Als Spion.

Zwar wäre es effektiver gewesen, mich direkt beim höchsten Tier der Firma, beim Technik- und Geschäftsgenie Zacharias Malcot einzuschleusen, keine Frage. Aber als die Anzeige seines Stellvertreters – und Neffen – im Netz aufgepoppt war, konnten wir uns die Chance nicht entgehen lassen. Außerdem arbeitete der CEO sowieso darauf hin, das Unternehmen zu gegebener Zeit an seinen Neffen zu übertragen. Demnach würden wir sicherlich auch durch Zayden Malcot an sehr interessante, verfängliche Informationen kommen.

Interessante und verfängliche Informationen.

Das war, was wir wollten. Das war, wonach RE(VE)AL mit seinen unzähligen Blogartikeln, Podcasts und Social-Media-Beiträgen gierte. Verfängliche Informationen und kriminelle Sachverhalte, die Politiker, große Firmen und andere hohe Tiere der ganzen Welt verzweifelt vor der Bevölkerung geheim zu halten versuchten. Von der Aufdeckung hochgradiger Steuerhinterziehung bis hin zu Handel mit kinderpornographischem Material und groß organisierten Drogengeschäften war schon alles dabei gewesen.

Das Resultat: RE(VE)AL erfreute sich mit dem Slogan Reveal The Real international größter Beliebtheit.

Malcot Industries stand in dem Verdacht, technisch hochentwickelte Waffen zu verkaufen, die im Anschluss in die Hände von organisierten Kriminellen, Terroristen und anderen Fanatikern wanderten.

Offiziell brüstete sich Malcot Industries natürlich damit, keine Waffen zu produzieren. Das mochte ja stimmen. Aber Waffen zu entwerfen, sie danach über andere Firmen herstellen und verkaufen zu lassen, und dabei ein schönes Sümmchen Geld einzustecken, war wiederum eine ganz andere Sache. Woher der Verdacht stammte, wusste ich als kleiner Reporter natürlich nicht, aber das war nichts Neues. Ich wusste nur so viel, wie ich wissen musste, um meinen Job ordentlich erledigen zu können. Um den Rest kümmerten sich die hohen Tiere über mir.

Da der neueste Auftrag mit etwas Glück und Fingerspitzengefühl zu einem gewaltigen Sprungbrett meiner Karriere werden konnte, hatte ich ihn selbstverständlich nicht abgelehnt. Natürlich wusste niemand, ob an den Gerüchten was dran war, und woran tatsächlich gearbeitet wurde, aber das waren Dinge, mit denen ich mich in Zukunft noch ausgiebig beschäftigen konnte.

Vorausgesetzt, ich bekam den Job.

Womit wir wieder bei meinem affig modernen Stuhl angelangt wären. Dieser meldete sich nun mit einem Surren zu Wort, als die Lautsprecher an den Seiten der Rückenlehne zum Leben erwachten. Zeitgleich erschien an einer grauen Leiste an der Wand ein blinkender, grüner Pfeil. Kurz konnte ich ihn nur anstarren, ehe mir aufging, dass er mich wohl zum Mitkommen aufforderte.

»PA-Bewerber Nicholas Howard wird in das Büro mit der Raumkennung MZ-510 gebeten.« Der Stuhl hielt inne, als fühlte er sich dazu verpflichtet, eine Kunstpause einzulegen. »Bitte folgen Sie ausnahmslos den LED-Wegvorgaben. Viel Erfolg.«

Entgeistert zog ich die Augenbrauen hoch. Hatte mir gerade ein Stuhl viel Erfolg bei einem Vorstellungsgespräch gewünscht? Das konnte einem gewöhnlichen Würstchen wie mir wirklich nur in den angeberischen Hallen von Malcot Industries passieren. Dieser Firma quollen Arroganz, Geldgier und Machthunger förmlich aus allen Ritzen.

Das winzige, völlig überteuerte Apartment mit dürftigem Internetempfang, das ich mir im Londoner Islington mit meinem besten Freund und Arbeitskollegen Levi teilte, war ein ganz anderes Kaliber.

Ich wischte mir die schweißnassen Hände am Bein meiner schwarzen Hose ab und ergriff meine Bewerbungsmappe mit all den gefälschten Zeugnissen und Bescheinigungen. Dann atmete ich tief durch und erhob mich, um der Aufforderung des freundlichen Stuhls nachzukommen.

Ich wusste alles über Zayden Malcot. Zumindest alles, was man legal und nicht so ganz legal an Informationen über ihn zusammenkratzen konnte.

Sechsundzwanzig Jahre alt. Mit Bravour vorzeitig abgeschlossenes Masterstudium der Wirtschaftsinformatik, zeitgleich ein Bachelorabschluss in Maschinenbau. Unzählige weitere Zusatzausbildungen auf verschiedensten Gebieten. Der Typ galt als hochbegabt, war wie sein Onkel bereits in der Schule ein absoluter Überflieger gewesen, vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Maßgeblich beteiligt an den letzten großen Entwicklungen im Programm von Malcot Industries und auf dem Papier jetzt schon Miteigentümer bedeutender Bereiche der Firma. Selbstverständlich hatte er Geld wie Heu. Personen aus der Politik sowie Firmen der Konkurrenz lagen ihm und seinem Onkel zu Füßen. Zusammen mit der gesamten Frauenwelt, die seinem übertrieben charmanten Augenaufschlag hoffnungslos erlegen zu sein schien.

Der Öffentlichkeit präsentierte er sich als ruhiger, charismatischer, junger Mann. In Interviews wirkte er nahbar und herzlich, nicht überheblich oder arrogant.

Mich konnte er damit nicht täuschen. Sicherlich war das alles nur Fassade. Fein säuberlich einstudierte Höflichkeit, wie man sie als Person der Öffentlichkeit besitzen musste, um ein positives Image zu erhalten.

Ich zweifelte nicht daran, dass er wusste, wie er seine Macht ganz gezielt für seine Zwecke einsetzen konnte.

Er verfügte über eine gigantische Reichweite. In den Medien fand sich sein Name so gut wie jeden Tag – nicht nur in wissenschaftlichen oder tagesaktuellen Berichten, sondern auch in der Klatschpresse. Fast so, als wäre er eine Art Popstar.

Mir persönlich war all das schnurzegal.

Mich interessierte nur mein Job.

Die Zahl der Bewerber um die Stelle als seine persönliche Assistenz musste irrsinnig hoch gewesen sein. Es grenzte an ein Wunder, dass ich in die nähere Auswahl gefallen war. Ausgerechnet ich, dessen Bewerbung mit zwei Dritteln gefälschter Unterlagen auf dem Schreibtisch der Personalverwaltung gelandet war.

Dieser unverhoffte Erfolg ging vermutlich auf Levis Konto. Mein Arbeitskollege war ein absolutes Ass, was das Fälschen von offiziellen Dokumenten und das Erstellen nicht existenter Lebensläufe betraf. Demnach gab es keinen Grund, den Infos in meiner Bewerbungsmappe nicht zu glauben. Zum Beispiel, dass ich nach einem tadellosen Highschool-Abschluss International Business Management in Oxford studiert hatte. Dass ich mich nun als Frischling in der realen Berufswelt mit einem Assistenzposten einarbeiten wollte.

Neben dem Empfehlungsschreiben eines Dozenten waren zudem mehrere Bescheinigungen und Urkunden zu finden, die allesamt in die Richtung gesellschaftliches Engagement oder besondere Forschungsleistung abdrifteten. Und das alles in Kombination mit meinem echten Namen, meinen echten biologischen Lebensdaten und einem echten Foto.

Fast hätte ich den Kram selbst geglaubt.

Aber nur fast.

Wäre da nicht auch noch mein reales Leben gewesen. Mein reales Leben, dessen Weg mich über einen halbherzigen Schulabschluss in ein nur mäßig erfolgreiches Journalismus Studium geführt hatte. Zur heiß begehrten Stelle bei RE(VE)AL verhalf mir kein Geringerer als Levi. Und meine große Klappe, die man als Reporter definitiv brauchte. Und vielleicht auch ein bisschen die Tatsache, dass die junge Frau, die sich um die Personalangelegenheiten kümmerte, auf mich stand.

Es mochte nicht die feine Art gewesen sein, aber ich ließ sie auch nach meiner Einstellung bis zum letzten Moment in den Glauben, ich sei an Frauen interessiert. Bis Levi sich ihrer schließlich erbarmte und sie auf meine Homosexualität hinwies. Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch anmerken, dass ich sehr offen damit umging und es an ein Wunder grenzte, wenn jemand nicht Wind davon bekam. An der Frau schienen dennoch alle Anzeichen wochenlang spurlos vorübergegangen zu sein.

Diese Art von Bonus würde ich heute wohl nicht haben. Verstohlen zog ich den Kragen meines Hemdes zurecht und dankte dem Himmel dafür, dass ich es gestern Abend in einem Anfall von Pflichtbewusstsein noch schnell gebügelt hatte. Die Nervosität sorgte allmählich dafür, dass mir an den ungünstigsten Stellen der Schweiß ausbrach. Was war nur los mit mir? Es war ja nicht so, als würde Zayden Malcot persönlich auftauchen und mich interviewen. Vielleicht schaffte ich es ja doch irgendwie, den zuständigen Vertreter der Personalabteilung mit einem unschuldigen Augenaufschlag um den Finger zu wickeln? Ich war ziemlich gut darin, Leute um den Finger zu wickeln.

Ich umrundete eine weitere Biegung des Gangs und dann verschwand der Pfeil plötzlich ins Nichts. Verwirrt blieb ich stehen.

Unfreundliches Stück. Ich wollte schon abfällig die Nase rümpfen, doch dann fiel mein Blick auf Personen, zwei echte Personen, und eilig bemühte ich mich um einen neutralen Gesichtsausdruck.

Eine Frau und ein Mann standen zu beiden Seiten eines Türrahmes postiert, breitbeinig und mit vor dem Körper gefalteten Händen. Waren das etwa Mitglieder der Security?

Skeptisch musterte ich sie. Unauffällige, weiße Headset-Verkabelungen an ihren Ohren, kaum sichtbare Erhebungen auf Hüfthöhe ihrer schwarzen Anzüge, wo sie vermutlich Waffen bei sich trugen, aufmerksamer Rundumblick.

Nein, kein Zweifel. Ganz eindeutig Bodyguards.

Mit gerunzelter Stirn trat ich näher und musste mich mächtig zusammenreißen, um nicht den Kopf einzuziehen, als sich ihre Raubtierblicke auf mich richteten. Beide wirkten so, als könnten sie das Alter von dreißig Jahren gerade so erreicht haben, doch auch ihr relativ junges Aussehen nahm ihrem Auftreten nichts an Schärfe.

»Stopp.« Die junge Frau, die ihr dunkelbraunes Haar zu einem straffen Knoten nach hinten gezurrt trug, trat mir entgegen, die Hand gebieterisch erhoben. Und prompt überragte sie mich um mehrere Zentimeter.

Natürlich tat sie das. Obwohl mich das bei meinen ziemlich mickrigen 1,70 Metern Körpergröße nicht überraschen hätte sollen, ärgerte ich mich. Mein Alltag ließ einfach keine Gelegenheit aus, mir mein Winzling-Dasein immer wieder unter die Nase zu reiben. Levi war die einzige männliche Person, die ich wenigstens noch um ein klitzekleines Stück überragen konnte. Leider tröstete mich aber auch das nur bedingt, da Levi dieses Größendefizit leicht mit seiner großen Klappe wettmachte.

Meine Aufmerksamkeit kehrte zu der Leibwächterin zurück. Diese beobachtete mich einige Momente lang, dann zog sie so ruckartig etwas aus der Innentasche ihrer Anzugjacke, dass ich zusammenzuckte. Ein Gegenstand, der große Ähnlichkeit mit einem Metalldetektor aufwies, kam zum Vorschein. Mitsamt dem Ding kam sie auf mich zu.

Ihr Kollege mit den breiten Schultern und seinem kurz geschorenen Haarschopf verweilte auf seiner Position, eine Hand rechtsseitig an sein In-Ear-Piece gelegt.

»Ausweis und Mappe bitte«, orderte die Leibwächterin knapp. Der Blick ihrer grünen Augen war taxierend. Durchdringend scannte sie mich mehrmals von oben bis unten, was mich dazu brachte, peinlich berührt auf der Stelle zu treten.

Unangenehme Blicke standen in meinem Job auf der Tagesordnung. Ich wusste sie zu ignorieren. Aber das hier war anders. Diese Frau besaß wortwörtlich Scanneraugen, bei denen ich befürchtete, sie könnten mir all die gut versteckten Lügen und Schwindeleien, mit denen ich hier aufgetaucht war, geradewegs aus dem Gehirn ziehen.

Wortlos hielt ich ihr die gewünschten Unterlagen hin. Diese reichte sie sogleich an ihren Kollegen weiter, dann zückte sie ihren Metalldetektor. Zum Glück gab das Ding keinen Mucks von sich. Auch das kurze, aber fachmännische Abtasten meiner Taschen blieb ergebnislos.

Zu meiner Nervosität gesellte sich Irritation.

Ich war, wie alle anderen Leute auch, bereits am Eingang bis in die kleinste Münztasche hinein gründlich von der Security gefilzt worden. Die Leute hier mussten wirklich enorme Angst davor haben, dass ihnen irgendjemand mit einer Waffe zu Leibe rückte. Oder mit einem virusverseuchten USB-Stick, mit dem man ihr ausgefeiltes Rechnersystem lahmlegen konnte.

Der Gedanke daran, dass jemand den mächtigen Malcots per altmodischem USB-Stick einen Trojaner unterjubelte, war so köstlich, dass ich mir auf die Innenseite meiner Wange beißen musste, um nicht zu grinsen. Für überhebliche Trottel aus der Oberschicht, denen Geld und Macht sämtliche Taschen sprengten, hatte ich nicht viel übrig.

»Er ist sauber«, verkündete die Leibwächterin schließlich und richtete sich auf, so dicht vor mir, dass ich ihr Deo riechen konnte. Außerdem auch dicht genug, um die feinen Haare zu sehen, die sich am Haaransatz aus der scheinbar so straffen Frisur gelöst hatten und sich in kurzen Korkenziehern gegen ihren Hals lockten. Darüber hinaus glaubte ich, unter ihren Augen einen Hauch von dunklen Ringen wahrzunehmen. Dunkle Ringe, die sie unter einer großzügig aufgetragenen Menge an Make-Up zu verbergen versuchte.

Erneut musste ich mir ein Grinsen verkneifen.

Amüsiert ließ ich, nachdem die Durchsuchung beendet war, meine Arme wieder sinken. Die Gute sah ganz so aus, als hätte sie gestern zu tief in die Nacht hinein gefeiert.

Leider entging der Guten das Zucken meiner Mundwinkel nicht, denn ihre Augen wurden schmal. Steif trat sie von mir zurück und ließ den Detektor zurück in die Innentasche ihrer Anzugjacke gleiten. Ihre Lippen hielt sie zu einer dünnen Linie zusammengepresst.

Wunderbar. Die erste positive Bekanntschaft hatte ich hiermit wohl schon geschlossen.

»Alles in Ordnung«, riss ihr Kollege mich aus meinen Gedanken und gab mir die Mappe zurück. Dazu schenkte er mir ein Lächeln, das erstaunlich ehrlich wirkte. Das genaue Gegenteil von seiner unfreundlichen Kollegin. »Sie können das Büro betreten. Achten Sie darauf, den Raum erst wieder zu verlassen, wenn grünes Licht dafür gegeben wird. Viel Erfolg.«

Es kostete mich all meine Selbstbeherrschung, ihn nicht dämlich anzustarren. Das hier wurde von Sekunde zu Sekunde lachhafter. Bodyguards, die die Personalverwaltung bewachten? Vorschriften, wann man aus welcher Tür zu treten hatte, um nicht von erwähnten Bodyguards womöglich über den Haufen geschossen zu werden? Was ging hier denn ab?

Aufregung begann in mir zu brodeln. Die Wahrscheinlichkeit, hier auf gefundenes Fressen zu stoßen, stieg. Umso mehr Grund, mir bei diesem Gespräch Mühe zu geben. Wir brauchten diese Maulwurf-Position.

Der Grund für die Präsenz der Bodyguards wurde mir allerdings geliefert, sobald ich über die Türschwelle trat.

Hinter dem Schreibtisch saß nämlich nicht irgendein mürrischer Typ oder eine geschniegelte Sekretärin, die sich unfreiwillig mit potenziellem Frischfleisch herumschlagen mussten.

Fehlanzeige.

Es handelte sich um niemand Geringeren als Zayden Malcot höchstpersönlich.

2

 

NICO

 

Mein Blutdruck begab sich auf gefährliches Terrain.

Zayden Malcot empfing die vorab ausgewählten Bewerber persönlich? Davon war nie die Rede gewesen! Hierfür hatte ich mich nicht vorbereitet. Ich hatte mein Verhalten für seine gelangweilten Angestellten eingeprobt, mir allen möglichen Kram zurechtgelegt, wie ich Leute der Personalabteilung beeindrucken konnte. Aber Zayden Malcot?

Keinen Gedanken hatte ich daran verschwendet, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte. Oder was ich denken sollte.

Nun gut, über eine Sache logen die Medien jedenfalls nicht: Zayden Malcots Attraktivität. Sein pechschwarzes Haar – ein Erkennungsmerkmal der Familie Malcot – trug er an der Stirn gekonnt emporfrisiert, seinen dunklen Dreitagebart sichtlich gepflegt. Letzterer betonte die markanten Züge seiner Wangenknochen bis zur Perfektion. Darüber hinaus verfügte er über eine dermaßen entwaffnende Ausstrahlung, dass ich förmlich spüren konnte, wie ich weich wurde. Und das trotz all meiner Vorurteile gegenüber der Macht und dem Reichtum der Malcots. Es irritierte mich.

Zum Glück erhob sich Zayden Malcot in diesem Moment von seinem Stuhl und unterbrach das Chaos in meinem Kopf. Schwungvoll umrundete er seinen blitzblank glänzenden, anthrazitfarbenen Schreibtisch, um mir mit ausgestreckter Hand entgegenzukommen. Auf seinen vollen Lippen lag ein verblüffend echt wirkendes Lächeln.

Sicherlich hatte er dieses für geschäftliche Zwecke über Jahre hinweg vor dem Spiegel einstudiert. Zumindest versuchte ich, mir das einzureden.

»Mr. Nicholas Howard, nehme ich an?« Seine Stimme war sanft wie Samt. Viel sanfter, als man sie über Video- und Tonübertragungen aus Fernsehen, Radio und Internet kannte.

Malcot wartete mein bestätigendes Nicken nicht ab, sondern ergriff meine Hand, die mein Körper glücklicherweise von selbst ausstreckte. »Schön, Sie kennenzulernen.« Tiefbraune, warme Augen bohrten sich in meine, ließen mich für einen Moment unwillkürlich den Atem anhalten. Sein Händedruck, kräftig und haltgebend, fühlte sich merkwürdig vertraut an.

Schnell zog ich meine Hand zurück. Sie war schon wieder schweißnass – nun jedoch nicht nur vor Aufregung, sondern auch vor Irritation. Die Rädchen in dem Teil meines Gehirns, der noch einigermaßen funktionierte, vollbrachten Höchstleistungen.

Mein Radar für aufgesetztes, falsches Verhalten wollte einfach nicht anschlagen. Das hier war echte Freundlichkeit.

Wo war die unnahbare, überhebliche, in Reichtum schwimmende Celebrity-Persönlichkeit, die ich erwartet hatte?

Stattdessen wuchs meine Sympathie für die Liveausgabe seiner Person sekündlich. Das Letzte, was ich brauchen konnte.

Sympathie war gefährlich.

»Kommen Sie, setzen Sie sich.« Mit einer einladenden Geste in Richtung des freien Stuhls wandte sich Malcot von mir ab, um seinen ursprünglichen Platz hinter dem Schreibtisch einzunehmen. Er trug ein dunkelblaues, langärmliges Hemd, dessen oberste drei Knöpfe offenstanden, und eine enganliegende schwarze Jeans. Kombiniert wurde das Outfit mit eleganten, nach vorne spitz zulaufenden Stiefeletten, ebenfalls in Schwarz. Sein Kleidungsstil zeugte von gutem Geschmack. Vermutlich hätte er sich aber auch im Müllsack präsentieren können und ich hätte ihn immer noch angestarrt wie ein hormongesteuerter Teenager. Langsam dämmerte mir, wie dieser Mann es schaffte, Frauen aller Altersgruppen für sich zu gewinnen.

Ganz offensichtlich nicht nur Frauen.

Unwillkürlich begann ich, gedanklich in dem umfangreichen Informationsmaterial zu kramen, das ich die letzten Wochen über gesammelt hatte. Hatte Zayden Malcot sich öffentlich gelabelt, was seine Sexualität anging? Ich bezweifelte es. Jemand von derartigem Bekanntheitsgrad riskierte sicherlich nicht, seine unangefochten positive Stellung in Gefahr zu bringen, indem er sich als Angriffsfläche für homophobe Idioten darbot. Und dadurch womöglich geschäftliche Einbußen verursachte.

Im nächsten Moment hätte ich mich für meine Überlegungen am liebsten geohrfeigt. Diese Dinge spielten keine Rolle. Ich musste meinen verträumten Kopf aus den Wolken ziehen, bevor ich diesen Karren hier fachmännisch in den Dreck fuhr.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, erkundigte Malcot sich höflich. Noch immer lag dieses einladende Lächeln auf seinen Lippen. »Kaffee? Wasser?«

Ich brauchte eine Weile, um die Frage zu verarbeiten.

»Äh ... Wasser wäre schön.« Innerlich verpasste ich mir noch einen Tritt. Ich machte mich vollkommen lächerlich. Wie sollte ich dieses Gespräch einigermaßen würdevoll überleben? Ohne mich komplett zu blamieren, sofort abgelehnt zu werden oder mich – noch schlimmer – selbst auffliegen zu lassen?

Das hier war nicht meine erste Undercover-Aktion und ganz sicher auch nicht die gefährlichste. In meinem Kopf hörte ich Levi, wie er mich erbarmungslos dafür auslachte, nun selbst dem Malcot-Fluch verfallen zu sein, wie wir dessen charismatische Medienpräsenz abfällig zu nennen pflegten.

Entschlossen wischte ich mir die feuchten Handflächen an der Oberschenkelpartie meiner Hose ab und bemühte mich um eine entspannte Ausstrahlung. Ich konnte es mir nicht leisten, ausgerechnet jetzt an meinen Kompetenzen zu zweifeln.

Während Zayden Malcot mir den Rücken zukehrte, um mir einen Becher Wasser aus dem Spender hinter seinem Schreibtisch zu besorgen, schloss ich für einen Moment die Augen.

Bis drei zählen. Durchatmen.

Allmählich lichtete sich das peinliche Chaos in meinem Gehirn. Als sich der vertraute, objektive Arbeitsmodus endlich wieder zum Dienst meldete, durchströmte mich Ruhe. Mein innerer Reporter war einsatzbereit.

Ich nutzte den Rest von Malcots Unaufmerksamkeit, um das Büro einer schnellen Inspektion zu unterziehen. In dunklen Farbtönten gehaltene Möblierung, entlang der linken Wand summten mehrere elektronische Gerätschaften dumpf vor sich hin. An der Wand zu meiner rechten Seite stand ein Regal, dessen eine Hälfte offen mit Ordnern bestückt war, während die andere Hälfte aus mehreren Schließfächern sowie einem mit Tastenfeld versehenen Aktenschrank bestand. Auf dem Schreibtisch befand sich neben dem zugeklappten, hauchdünnen Notebook ein bläulich leuchtender Touchscreen. Begleitet wurde das Ganze von einem einzelnen eingerahmten Foto, das jedoch mit dem Rücken zu mir stand. Letzterer irritierte mich. Der offensichtlich handverzierte Rahmen mochte überhaupt nicht in den topmodernen Kontext des Raumes passen.

Rundum machte das Büro einen relativ kühlen, farblosen Eindruck. Als hätte sein Besitzer sich nicht besonders viel Mühe gegeben, seine Persönlichkeit in die Gestaltung einfließen zu lassen. Ein Becher mit perlender, klarer Flüssigkeit tauchte vor mir auf, zusammen mit einer sonnengebräunten Hand und gepflegten langen Fingern.

»Vielen Dank.« Mit meinem besten Unschuldslächeln nahm ich den angenehm kühlen Becher entgegen, den Zayden Malcot mir über den Schreibtisch hinweg hinhielt.

Er setzte sich, die Hände auf den übereinandergeschlagenen Beinen gefaltet. Der offizielle Teil des Gesprächs schien eröffnet zu sein.

»Nicholas Howard«, wiederholte er meinen Namen und ich musste all meine Kraft aufwenden, um die aufkeimende Hitze von meinen Wangen zu verbannen. Die nachdenkliche Art, wie er meinen Namen von der Zunge rollen ließ, versetzte mich in Unruhe. Es war offenkundig, dass er sich schon im Vorfeld Gedanken darüber gemacht hatte, welche Persönlichkeit sich hinter meinem Namen verbarg. Ich fragte mich unwillkürlich, ob ich seine Erwartungen erfüllte. Anmerken ließ er sich jedenfalls nichts.

»Sie haben sich um die Stelle als meine persönliche Assistenz in Sachen der Firmengeschäfte von Malcot Industries beworben.«

Dieser Satz beförderte mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Automatisch setzte ich mich gerader hin und räusperte mich. »Richtig«, bestätigte ich knapp und nickte.

Ich hasste Bewerbungsgespräche, auch wenn es sich bei diesem hier lediglich um ein Theaterstück handelte. Bestimmt würde er mich jetzt fragen, warum ich die Stelle wollte. Warum die Firma ausgerechnet mich in dieser Position brauchte. Meine Stärken und Schwächen. Der übliche Schabernack eben.

Der Geschäftsmann lehnte sich zurück und strich sich mit einer entspannten Geste eine Strähne seines Haars aus der Stirn. Dabei lugte am Saum seines linken Ärmels für den Bruchteil einer Sekunde der Ansatz eines Tattoos hervor. Es kostete mich all meine Selbstdisziplin, den Weg seines Arms nicht auffällig mit dem Blick zu verfolgen.

»Erzählen Sie mir doch etwas über sich, Mr. Howard«, fuhr Malcot fort. »Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit, wofür können Sie sich begeistern? Was ist Ihr nächstes Urlaubsziel, was sind ihre Lieblingsbücher? Was Ihnen einfällt. Ich bin ganz Ohr.«

Ich blinzelte, verschaffte mir ein paar Sekunden zum Nachdenken.

Was für eine Art von Bewerbungsgespräch sollte das denn werden? Seiner erwartungsvollen Körperhaltung nach zu urteilen, schien es ihm jedoch absolut ernst zu sein. Als scherte er sich wirklich darum, was ich in meiner Freizeit trieb.

Für einen kurzen Moment kämpfte ich mit mir. Ich hatte mir für dieses Gespräch allerlei Geschichten zurechtgelegt. Herrgott nochmal, sogar solche, die die Partys während meines angeblichen Studiums in Oxford betrafen. Und jetzt sollte ich über mein Privatleben erzählen? Von meinen ... Hobbys?

Kastanienbraune Augen fixierten mich unerbittlich, erinnerten mich daran, dass ihr Besitzer auf eine Antwort wartete.

Eilig nahm ich einen großen Schluck Wasser, um Zeit zu gewinnen. Die kühle Flüssigkeit erweckte meine geschockten Stimmbänder endlich wieder zum Leben.

»Nun ja ...«, begann ich nach einem umständlichen Räuspern. »Wie Sie der Bewerbung sicherlich schon entnommen haben, bin ich politisch engagiert und viel an der Organisation öffentlicher Veranstaltungen beteiligt. Außerdem ...«

Unsicher schielte ich zu meinem Gegenüber hinüber, der mich nach wie vor betrachtete, als wäre ich das Spannendste auf dem Erdball.

Einen Wimpernschlag später verschwanden all meine auswendig gelernten Geschichten im Nirvana. Zur Hölle mit den Falschinformationen aus der Bewerbung.

»... und außerdem verbringe ich meine freie Zeit viel mit Musik, Büchern, Sport und Partys. Ich liebe Marvel, Star Trek, Mittelerde und Harry Potter.« Unwillkürlich hielt ich inne. »Und ich liebe gutes Essen.«

Für einige Sekunden herrschte Stille.

Schockiert von meiner eigenen Offenheit, verschloss ich abrupt den Mund. Sengende Hitze informierte mich darüber, dass mir eben ein verräterischer Rosaton meinen Nacken hinauf bis auf die Wangen gekrochen war. Dieser meldete sich immer dann zum Dienst, wenn ich mich mal wieder selbst übertroffen hatte. Also wie jetzt.

War mir eigentlich noch zu helfen? War das womöglich nicht doch eine Fangfrage gewesen, um meine Professionalität zu testen? Sollte Letzteres der Fall sein, dann war Feierabend. Die Mission wäre beendet, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte. Meine Vorgesetzte würde mich häuten und anschließend mit ihren selbstgedrehten Zigaretten meine Klamotten in Brand stecken. Wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Doch dann breitete sich ein Grinsen auf Zayden Malcots Gesicht aus. Seine Augen glänzten, als wäre er im Gegensatz zu mir hellauf begeistert von meinem Ausbruch.

»Wie spannend, dass wir einen ähnlichen Film- und Buchgeschmack zu haben scheinen.« Er lächelte schief. »Und ich liebe Kochen und Essen mit einer Leidenschaft, dass es schon fast ungesund ist.«

Schon wieder diese Aufrichtigkeit in seiner Stimme, die mich so faszinierte. Oder war er nur ein fantastischer Schauspieler? Ich schaffte es einfach nicht, diesen Mann zu analysieren. Noch weniger, als er dann auch noch beteuerte, dass er Kochen so sehr liebte, dass es schon fast ungesund war.

Was sollte das hier überhaupt werden? Ein Date? Anfühlen tat es sich jedenfalls wie eines.

Ein hilfloses Lachen entschlüpfte mir, für das man mich hochoffiziell hätte schlagen sollen. »Kann Kochen als Hobby ungesund sein? Das bezweifle ich.«

Malcot nickte zustimmend, weiterhin sanft lächelnd. Zwischen Daumen und Zeigefinger drehte er einen Touchpen. Sicherlich kostete ein Exemplar davon so viel wie ein Einfamilienhaus.

»Da haben Sie wohl Recht. Nun gut.« Er räusperte sich und legte den Stift weg. »Mr. Howard, was ist Malcot Industries für Sie?«

Aha, jetzt kamen wir doch allmählich in die Richtung, mit der ich gerechnet hatte. Auf die ich vorbereitet war und mit der ich etwas anfangen konnte.

Mit zurückgewonnener Ruhe faltete ich meine Hände auf dem Tisch, während ich in meinem Gehirn nach den richtigen Informationen kramte.

»Nun ... eines der größten Technologieunternehmen weltweit, wenn nicht sogar das größte. Entwickelt und designt die modernste Technik und bringt diese international auf den Markt. Robotik, Weltraumtechnik, Autos, Produktionsmaschinen für Fabrikhallen, medizinische Geräte ... die Liste ist lang. Wahrscheinlich ist es der größte Traum einer jeden technisch begeisterten Person, hier einen Job zu bekommen.«

Zayden Malcot löste während dieser knappen Aufzählung den Blick kein einziges Mal von meinem Gesicht. Seine Mimik blieb freundlich, verriet aber nichts.

»Ist es auch Ihr größter Traum?«

Unangenehm berührt, wand ich mich unter dieser Frage, entschied mich dann aber zu einer einigermaßen ehrlichen Antwort. Je näher man der Wahrheit kam, desto besser.

»Nicht direkt. Ich war nicht hundertprozentig mit meinem Studium zufrieden und möchte mich zuerst in der Praxis austesten, bevor ich mich selbst in etwas Großes stürze.« Ich ließ ein verlegenes Lächeln um meine Lippen spielen. Allmählich kehrte mein verlässliches Talent zur Schauspielerei zurück. »Ihr Stellenangebot ist perfekt.«

Zayden Malcot nickte wieder, offenbar zufrieden mit meiner Antwort, und löste endlich den Blick von mir.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde, die wie im Flug verging, beendete Zayden Malcot das Gespräch. Sein milder erschrockener Blick ruhte auf der Digitalanzeige seines Schreibtisches.

»Mr. Howard, es tut mir sehr leid, unsere Unterhaltung nun so plötzlich abbrechen zu müssen.« In seiner Stimme schwang echtes Bedauern mit. »Ich fürchte, wir haben das dafür vorgesehene Zeitfenster ohnehin schon weit überschritten.«

Ich war bis in die letzte Faser meines Daseins erleichtert. Dieser Mann machte mich viel zu nervös. Je länger ich mich in seiner Anwesenheit befand, desto rasanter stieg das Risiko, mich zu verplappern.

Als wir uns zum Abschied erneut die Hand gaben, behielt Malcot seinen sanften Griff bedeutend länger bei. Sein warmer, wohlwollender Augenaufschlag sorgte dafür, dass sich wieder diese unwillkommene Hitze der Verlegenheit auf meinen Wangen zum Dienst meldete. Dieser Mann wusste, wie man die Zuneigung anderer Leute für sich gewann, das musste man ihm lassen.

»Das Gespräch mit Ihnen war sehr angenehm, Mr. Howard.« Sein offenes Lächeln ließ meinen Nacken kribbeln. »Wir werden uns bei Ihnen melden.«

Völlig benebelt trat ich aus dem Flur, noch immer eingenommen von der eben beendeten Unterhaltung. Leider sogar so eingenommen, dass ich die ganze Sache mit dem grünen Licht komplett vergaß. Dementsprechend erschrocken wäre ich fast wieder in das Büro zurückgetaumelt, als wie aus dem Nichts etwas vor mir auftauchte: Der Lauf einer Schusswaffe, gefolgt vom grimmigen Gesicht der Leibwächterin.

»Heilige Scheiße!«, entfuhr es mir prompt, woraufhin die Miene der jungen Frau noch saurer wurde. Beschwichtigend hob ich die Hände und fragte mich ein weiteres Mal, was zum Teufel die Security in diesem Gebäude zu derartiger Wachsamkeit bewegte. »Ich bin’s doch nur.«

Malcot hätte mich ruhig vorwarnen können, dass seine Bodyguards zu maßloser Übertreibung neigten.

Die Leibwächterin hatte es nicht eilig damit, ihre Dienstwaffe an ihren ursprünglichen Platz zurückwandern zu lassen. »Auf das grüne Licht warten. Schon vergessen?«

Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie ihr Kollege sich unauffällig an die Stirn fasste.

Ach.

Dann war die Sache mit der Gangfreigabe wohl doch keine so knallharte Vorschrift? Und diese Frau hatte einfach ein persönliches Problem mit mir? Wenn ja, dann vermutlich, weil ich ihr ihre durchfeierte Nacht an der Nasenspitze ablesen konnte.

Vielsagend zog ich eine Augenbraue hoch. »Woher soll ich denn wissen, wie das grüne Licht aussieht, wenn ich es noch nie gesehen habe?«

Die Leibwächterin verzog keine Miene, aber ihre grünen Augen sprühten Funken. »Schon gut. Sehen Sie zu, dass Sie von hier fortkommen.«

Was für ein bezaubernder Abschiedsgruß.

»Riet«, schaltete sich nun ihr Kollege ein, einen belustigten Ausdruck im Gesicht. »Komm schon.« Dann wandte er sich mit einem entschuldigenden Nicken an mich. »Schönen Tag noch, Mr. Howard. Vielleicht sieht man sich wieder.«

Seine Kollegin gab ein Schnauben von sich, das mir ganz unmissverständlich klarmachte, was sie von einem potenziellen Wiedersehen hielt. Einen Abschiedsgruß murmelnd, machte ich mich eilig daran, durch den Gang und das gläserne Treppenhaus auf den Ausgang zuzusteuern. Dort wurden erneut penibel alle meine Taschen durchsucht.

Schlussendlich verließ ich mehr verwirrt als zufrieden den Firmenhauptsitz von Malcot Industries.

Meine Überzeugung bezüglich der Gerüchte hingegen stieg. Die übertriebene Achtsamkeit am Eingang, das Misstrauen der Security gegenüber harmlosen Jobbewerbern ...

Der Fall Malcot Industries könnte spannend werden. Dass er allerdings so spannend werden würde, dass ich Hals über Kopf darin verschwand und um mein Überleben und meinen Verstand fürchten musste ... damit hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet.

 

3

 

NICO

 

Ich bekam den Job. Simpel, ohne Drama, völlig unkompliziert.

Zu sagen, dass Cameron McTaggart, die Chefin des Londoner REV(EA)L-Standorts, positiv überrascht war, wäre ein absolutes Understatement. Völlig von den Socken traf es besser. Offenbar hatte sie noch weniger mit Erfolg gerechnet als ich selbst. Der erste Schritt der Mission, erfolgreich abgehakt. Was wollte man mehr?

»Verdammt, Howard!« Cameron schlug mir so fest auf den Rücken, dass ich beinahe meinen Kaffee über die Tastatur meines Laptops geschüttet hätte. »Du bist echt unser bester Mann. Ich wüsste schon gar nicht mehr, was wir ohne dich täten. Sich neben rund hundert anderen Bewerbern die Stelle des persönlichen Assistenten von Zayden Malcot höchstpersönlich zu angeln? Das nenne ich Engagement!« Ihr schottischer Akzent nahm in emotionalen Grenzzuständen an Intensität zu, was dazu führte, dass ich ein paar Sekunden brauchte, bis ihre Worte zu mir durchgesickert waren. Peinlich, wo ich schon seit zwei Jahren praktisch jeden Tag mit ihr zusammenarbeitete und längst an ihre Sprechweise gewöhnt sein sollte.

Sprühend vor Energie entfernte sie sich mit einem schmerzhaft schief gejohlten »Halleluja!« aus dem schmuddeligen, überfüllten Kollektivbüro und tänzelte in ihr eigenes Arbeitszimmer hinüber. Zweifelsohne, um mir Unterlagen zu besorgen, wie man sich am besten als Personal-Assistent einer Führungspersönlichkeit durchschlug. Aber das war eine Dimension, die mir wohl erst einen Tag vor offiziellem Arbeitsbeginn die Sinne fluten würde.

Levi, dessen Schreibtisch sich meinem direkt gegenüber befand, blickte unserer Chefin etwas dümmlich hinterher. Theatralisch rieb er sich die Ohren, womit er sein strubbeliges, braunes Haar noch mehr in Unordnung brachte.

»Die Gute wird dich heute noch abknutschen, wenn du nicht aufpasst. Ganz gleich, ob du nun stockschwul bist oder nicht.« Grinsend schob er seinen Stuhl ein Stück zurück. »Im Ernst. So gut gelaunt habe ich Cameron schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Diese Malcot-Sache, die davor nie klappen wollte, hat gewaltig an ihrem übereifrigen Ego gefressen. Und dann versuchst du es und tada. Plötzlich läuft alles. Lass das bloß die Kollegen morgen nicht hören. Bei denen bist du sowieso schon der Chefliebling.«

Camerons glückliches Trällern aus dem Nebenraum bestätigte seine These.

RE(VE)AL versuchte schon seit geraumer Zeit, sich Zugang zu internen Informationen von Malcot Industries zu verschaffen. Unsere Chefin hatte schon allerlei mögliche- und unmögliche Varianten ausgespielt. Sogar eine falsche Reinigungskraft und ein getarnter Klempner waren schon dabei gewesen. Vergebens.

Obwohl wir im Netz mit unseren Offenbarungen schwindelerregend viel Aufmerksamkeit und Klicks bekamen, so arbeiteten wir doch streng anonym. Ein Politiker, der über Leichen ging, um seinen unschönen, kriminellen Werdegang zu vertuschen, würde auch nicht davor zurückschrecken, ein paar Reporter einen Kopf kürzer zu machen. Nicht, wenn diese gefährlich für seinen Ruf werden könnten. Zu viele Schweine gab es, denen die Gesellschaft zu Füßen lag, die aber in Wahrheit eine Menge Dreck am Stecken hatten und im Hintergrund seelenruhig ihre illegalen Machenschaften betrieben. Abstoßend und einer der Hauptgründe, wieso ich mich für den Job bei RE(VE)AL bemüht hatte. Ganz ungeachtet der rechtlichen Grauzonen, in denen ich mich nun bewegte. Sich mit falschen Unterlagen in eine Firma einzuschleichen, grenzte schon an tiefstem Dunkelgrau, wenn nicht sogar an Pechschwarz, aber darüber dachte ich einfach nicht nach. Das hatte ich mir mittlerweile abgewöhnt.

Wie gesagt: Ich hatte den Job Levi zu verdanken, der schon länger als Hacker für RE(VE)AL tätig war. Wir wohnten schon seit Beginn meines Studiums zusammen und waren über die Jahre verdammt gute Freunde geworden. Nach Kündigung meiner alten Stelle hatte er mir schließlich eröffnet, womit er sich sein tägliches Brot verdiente, und mich darauf hingewiesen, dass RE(VE)AL nach kompetentem Zuwachs für das lokale Team Ausschau hielt. Und dass er eventuell über die nötigen Kontakte verfügte, um mich dort vorzustellen.

Ich war aus allen Wolken gefallen, hatte zuerst nicht fassen können, dass mein bester Freund schon so lange ohne mein Wissen bei dieser berüchtigten Organisation gearbeitet hatte. Inzwischen befand ich mich ebenfalls seit knapp zwei Jahren in ihren Reihen und machte einen guten Job – jedenfalls beschwerte sich niemand über mich.

Ich war so damit beschäftigt, in Erinnerungen zu schwelgen und dabei meinen Kaffee anzustarren, dass ich Levis Anwesenheit völlig vergaß.

»Und?«, meldete sich dieser irgendwann zu Wort, wie immer schrecklich ungeduldig. »Wie war er?«

Verwirrt fuhr ich hoch. »Wie war wer?«

Mein Kollege verdrehte die Augen und warf einen Kugelschreiber nach mir. Verfehlt. »Na, wer wohl. Malcot junior. Zayden Malcot, du Trottel. Seit Wochen beschäftigen wir uns damit, wie falsch und unfassbar größenwahnsinnig diese Malcots sind. Ich habe mir schon mehr Videos von dem Typen reingezogen, als gut für meinen Verstand wäre. Wie war dein erster persönlicher Eindruck? Immerhin musst du bald für ihn arbeiten. Quasi direkt an seiner Seite.« Als er grinste und mit den Augenbrauen wackelte, ahnte ich schon, worauf das hier hinauslaufen würde. »Gutaussehend ist er ja allemal. Oder täuscht das nur auf den Bildschirmen? Oder vielleicht steht er ja auf dich und hat sich deshalb für dich entschieden.«

Mit einer solchen Anspielung hätte ich rechnen müssen. Vor allem in Hinblick auf Levis äußerst fragwürdigen Humor. Ich würde auch meinen eigenen Humor schon als seltsam bezeichnen, aber der von Levi war schlichtweg schockierend.

»Ja, ganz bestimmt.« Stöhnend schob ich meinen Stuhl zurück, um, meine Füße auf dem Schreibtisch zu platzieren. »Das klappt vielleicht hier. In einer solchen Firma laufen die Dinge ein wenig anders. Mich wundert es ohnehin, wie ich mit all dem gefälschten Kram durch den Backgroundcheck gekommen bin.«

Levi schnaubte nur unzufrieden. »Das ist mir alles scheißegal. Ich möchte wissen, wie der Typ war.«

Ich verdrehte die Augen. Unsensibler Idiot.

»Ich hatte ihn mir komplett ...« Ich suchte nach einem treffenden Wort. »... anders vorgestellt, um ehrlich zu sein. Ich war ziemlich überrascht.«

Levis Augenbrauen wanderten noch ein Stück nach oben. »Anders.«

Zu meinem Ärger spürte ich, wie meine Wangen heiß wurden. »Er war ... nett.«

Der Gesichtsausdruck meines besten Freundes veränderte sich nicht.

»Nett«, wiederholte er mit vor Sarkasmus triefender Stimme. »Geht’s auch noch detaillierter, Agent Howard?«

Okay, jetzt reichte es mir.

Genervt knallte ich meinen mittlerweile kalt gewordenen Kaffee auf den Tisch. Dabei verteilten sich ein paar Spritzer über meiner Jeans, aber das war mir egal. »Ich habe fünfundvierzig Minuten lang mit ihm gesprochen, Levi! Ein Vorstellungsgespräch. Wie soll ich auf dieser Grundlage jetzt schon seine ganze Persönlichkeit analysieren können?«

Im nächsten Moment verpasste ich mir gedanklich eine saftige Backpfeife. Nach diesem gereizten Ausbruch wusste Levi nun mit Sicherheit, dass Zayden Malcot durchaus Eindruck bei mir hinterlassen hatte. Mehr Eindruck, als ich mir selbst eingestehen wollte.

Wie erwartet musterte mein Kollege mich verdutzt, ehe er schallend zu lachen begann. »Nico, wie kannst du bei deinen Aufträgen nur so unwirklich gut schauspielern, privat aber so ein kläglicher Lügner sein? Du redest dich um Kopf und Kragen. Komm schon, mich kannst du nicht veräppeln. Raus mit der Sprache. Du wirst schon nicht in Ohnmacht gefallen sein, als du ihn zum ersten Mal gesehen hast.«

Wieder stieg mir das Blut in die Wangen, aber diesmal kaschierte ich es, indem ich schnell einen Schluck aus meinem Becher zu mir nahm. Kaffee war manchmal die Lösung für alles.

»Halt die Klappe, Anderson«, gab ich unwirsch zurück. »Ich mochte ihn eben. Ich hatte mit einem arroganten Kotzbrocken gerechnet, der jede Gelegenheit nutzt, mir seine Erhabenheit unter die Nase zu reiben. Aber ... er war wirklich freundlich. Er hat mich sogar nach meinem Privatleben gefragt, mit echtem Interesse. Welcher egozentrische Firmenboss würde das schon tun? Und, meine Güte, war der Typ attraktiv. Noch viel mehr als auf dem Bildschirm. Ich hätte fast das ganze Gespräch vergeigt, weil ich ihn die ganze Zeit anstarren musste. Außerdem ...« Verstört hielt ich inne, als ich Levis süffisantes Grinsen bemerkte. »Was ist?«

Mit einem tadelnden Geräusch schüttelte Levi den Kopf. »Meine Fresse, Howard. Wenn man dir so zuhört, könnte man meinen, der Typ hätte dir schöne Augen gemacht.« Kurz hielt er inne. »Und du ihm.«

Ruckartig setzte ich mich auf, als ich mich verschluckte und unkontrolliert zu husten begann.

»Levi! Der Typ ist gutaussehend und noch dazu charmant und freundlich!«, würgte ich zwischen zwei Hustenanfällen hervor. »Und ich bin schwul. Natürlich fand ich ihn attraktiv. Soll ich dich vielleicht anlügen?«

Und schon wieder hatte ich ihm meine eigene Irritation auf dem Silbertablett serviert. Grummelnd vergrub ich mein rotes Gesicht in den Händen, während Levis vergnügtes Lachen in meinen Ohren widerhallte.

»Heilige Maria. Ich hatte mit einigem gerechnet, aber nicht damit, dass Malcot dir schon nach fünf Minuten den Kopf verdreht hat.« Durch eine Lücke zwischen meinen Fingern hindurch sah ich, wie er beherzt nach seinem Handy griff, um ein Beweisfoto von mir und meiner Verzweiflung zu schießen. »Du machst wirklich keine halben Sachen, Agent Howard, das muss man dir lassen.«

Bevor ich schnippisch darauf reagieren konnte, wurde Levi wieder ernst. Bedächtig legte er sein Handy weg – das Zeichen für mich, die Hände sinken zu lassen. »Nico, ich weiß, du willst das nicht hören, aber ich meine es ernst. Lass dich von dem Typen nicht aufs Korn nehmen. Er ist Geschäftsmann, Celebrity und schlaues Köpfchen zugleich. Er weiß, wie man die Leute manipuliert. Sieh dir nur an, wie seinem Onkel und ihm der ganze Erdball zu Füßen liegt. Wie die Leute von ihm schwärmen, als wäre er ein gottverdammter Star, wie sie an seinen Lippen hängen. Er könnte das Herz von jedem gewinnen, wenn es ihm von Vorteil ist. Vertrau ihm nicht zu sehr. Du kennst unsere ... Klienten. Man weiß nie, wie gefährlich jemand wirklich ist.« Er legte eine unheilvolle Kunstpause ein. »Und vergiss nicht, dass du als Maulwurf dort bist. Reale Emotionen haben da nichts zu suchen. Vor allem nicht solche Emotionen. Aber das muss ich dir gar nicht sagen, nicht wahr? Du bist inzwischen unser Profi.«

Seufzend rieb ich mir die Augen, froh darüber, dass sich außer Levi und mir gerade niemand im Raum befand. Die übrigen drei Kollegen hatten bereits Feierabend gemacht, während Cameron noch immer geräuschvoll in ihrem Büro werkelte. Die Neonröhren über unseren Köpfen flimmerten kaum merklich und verbreiteten eine kühle, unwirkliche Atmo-sphäre.

»Das weiß ich, Lev.« Ich schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. »Keine Emotionen.«

Hätte ich da wohl besser den Mund nicht so voll genommen.

 

4

 

ZAYDEN

 

Nico Howard war mein Mann. Das stand für mich fest.

Insbesondere deshalb, weil er es wagte, bei der miesepetrigen Riet eine dicke Lippe zu riskieren.

Zugegebenermaßen hatte ich mir seine Bewerbung im Vorfeld nicht allzu genau zu Gemüte geführt. Ebenso wenig die zwanzig anderen, die von der Personalabteilung aus den rund zweihundert herausgefiltert worden waren. Im Gegensatz zu meinem Onkel Zacharias legte ich keinen großen Wert darauf, wie viele Empfehlungen und Zertifikate in einer Bewerbungsmappe herumflatterten, oder ob es zwischen zwei Bewerbern Leistungsunterschiede von einer Nachkommastelle gab. Die Person, auf die die Wahl fiel, würde jeden einzelnen Tag eng mit mir zusammenarbeiten, viel von meinem Privatleben mitbekommen und auch mich persönlich sehr gut kennenlernen. Angesichts dessen war es mir wesentlich wichtiger, jemanden ausfindig zu machen, der charakterlich in die vier Wände meines Büros passte, statt mir einen Idioten mit Spitzenleistungen zu schnappen.

Nicholas Howard war definitiv kein Idiot. Sein Blick beim Betreten meines Büros war neugierig und wachsam zugleich gewesen. Zwar mit der üblichen, nervösen Ausstrahlung, die Leute in ein Vorstellungsgespräch brachten, aber gepaart mit einer reservierten, vereinnahmenden Ruhe. Irgendetwas haftete diesem jungen Mann an, das mich aber faszinierte. Ich ahnte, dass er sofort den Raum unter die Lupe genommen hatte, als ihm mein Rücken zugekehrt gewesen war. Nicht nur den Raum, um genau zu sein, aber das nahm ich gelassen hin. Ich war mir meiner eigenen Attraktivität durchaus bewusst, immerhin verging kein Tag, an dem es mir nicht wenigstens ein einziges Mal unter die Nase gerieben wurde. Ob all diese weiblichen Anbeterinnen immer noch so begeistert wären, wenn sie wüssten, dass ich mit ihrem Geschlecht beim besten Willen nichts anfangen konnte? Wahrscheinlich nicht.

Der Gedanke trieb mir ein Lächeln auf die Lippen.

Summend zog ich Nico Howards Bewerbung aus dem hohen Stapel Mappen hervor, mit dem Vorhaben, mir ein paar weitere Details einzuprägen, die über seine Person wichtig sein könnten. Heute begann sein erster Tag und ich selbst war eine Stunde früher im Büro erschienen, um mich auf seine Ankunft einzustellen. Einem persönlichen Assistenten musste man zu hundert Prozent vertrauen können. Ich hoffte wirklich, meine neue Wahl würde diesem Anspruch gerecht werden. Wenn auch nicht sofort, selbstverständlich. Vertrauen entstand nicht von heute auf morgen, wahres Vertrauen brauchte Zeit. Und ich hatte vor, meinem neuen Mitarbeiter diese Zeit zu geben.

Gedankenverloren ließ ich den Becher mit Schokocappuccino kreisen, den ich mir obligatorisch jeden Morgen vom Café um die Ecke holte. Die Leute dort kannten mich schon so lange, dass wir irgendwann beim Du gelandet waren. Es interessierte sie nicht mehr sonderlich, dass ich der große Zayden Malcot war, der irgendwann glorreich Malcot Industries erben würde. Ich schätzte das Geschäft, das mein Großvater vor so vielen Jahren aufgebaut hatte. Es war nicht nur als Familienunternehmen wertvoll für mich, sondern auch für die internationale Allgemeinheit und den technischen Fortschritt. Dementsprechend stand sie sehr weit oben auf der Prioritätenliste meines Lebens.

Nein, das stimmte nicht ganz. Die Firma stand definitiv an oberster Stelle der Liste meiner persönlichen Ziele. Ich kreiste darum wie die Erde um die Sonne.

Nach dem Tod meiner Eltern waren Onkel Zacharias und seine Werte die einzigen Begleiter in meinem Leben gewesen. Und das nicht unbedingt auf familiär-emotionaler Ebene, sondern ausnahmslos in geschäftlicher Hinsicht. Ein Geschäftsmann durch und durch, der versuchte, aus jedem Wimpernschlag Kohle zu machen. Kein Wunder, dass unser Familienruf charakterlich ziemlich im Eimer war.

Allein seine technische und wirtschaftliche Genialität sorgte dafür, dass unser Name weiterhin hohes Ansehen genoss. Vielleicht konnte ich daran zu gegebener Zeit ein bisschen schrauben, wenn Zacharias endgültig von seinem Posten zurückgetreten war. Sofern er es nicht durch kleingedruckte Sonderregelungen unterband.

Onkel Zach verabscheute meine verweichlichte Lebenseinstellung, wie er es gerne betitelte. Er hielt mich für schwach. Vielleicht bereute er es ohnehin schon, mich so frühzeitig als Erben festgeschrieben zu haben. Allerdings blieb ihm keine Wahl, wenn er den Betrieb nicht aus den Händen der Familie Malcot geben wollte. Was natürlich gegen seine Vorstellungen von Familienehre sprechen würde. Er selbst hatte keine Kinder – nicht sonderlich überraschend, immerhin konnte er das Wort Liebe vermutlich nicht einmal buchstabieren – und ansonsten war weit und breit keine Verwandtschaft in Sicht. Demnach blieb ihm als Erbe nur noch der verweichlichte Neffe.

Abgesehen von diesen minimalen Unterschieden in unserer Grundeinstellung kamen wir ganz gut miteinander aus und pflegten ein höfliches Arbeitsverhältnis.

Nach einem weiteren Blick auf mein Diensthandy stellte ich fest, dass Nicholas Howard bereits in zwanzig Minuten eintreffen würde. Eilig schlug ich die Mappe auf.

Prompt blieb mein Blick an dem Bewerbungsfoto hängen, das in der Mitte des Deckblatts prangte. Nicht zum ersten Mal betrachtete ich fasziniert seine Augen. Hätte ich diese nicht schon live vor mir gesehen, hätte ich angenommen, dass beim Schießen des Fotos eine Spiegelung dazwischengekommen war, die ihnen diesen klaren Farbton verlieh. Nach dem persönlichen Gespräch wusste ich allerdings nur zu gut, dass diese Augen tatsächlich in diesem sanften und zugleich elektrisierenden Meeresblau erstrahlten.

An ihm gefallen hatte mir insbesondere auch die Tatsache, dass er einerseits einen so sanftmütigen, ruhigen Eindruck machte. Andererseits war da aber diese Forschheit. Die durchdachte Art beim Beantworten meiner Fragen.

Äußerlich schön anzusehen und noch dazu ein helles Köpfchen. Sicherlich ließ er sich nicht so leicht in Stein gemeißelten Ansichtsweisen anderer Leute einpflanzen.

Daher hegte ich auch die begründete Hoffnung, dass er sich nicht von all diesen Vorurteilen beeinflussen ließ, die über mich im Umlauf waren. Solches Misstrauen würde nur zu Distanz führen und ihn womöglich dazu bringen, mir als Mensch überhaupt keine Chance zu geben. Ich war auf der Suche nach einer Vertrauensperson, nicht nach einem abgerichteten Geschäftsmann. Und bei Mr. Howard hatte ich ein gutes Gefühl.

Jetzt musste sich dieses Gefühl nur noch bestätigen.

Einen Schluck von meinem Cappuccino nehmend, überflog ich seine persönlichen Daten. Er stammte aus Bangor, Nordirland. Kam mit seinen vierundzwanzig Jahren frisch vom College. Nicht fest liiert. Wohnte hier in London nicht weit vom Firmenhauptsitz entfernt in der Gerrard Road. Der Leistungsübersicht zufolge war er zwar kein totaler Überflieger, brachte aber Zensuren mit, die von einer natürlichen Strebsamkeit zeugten. Als schließlich die ganzen Zertifikate von Schule, Uni und diversen Praktikumsstellen kamen, legte ich die Mappe kopfschüttelnd weg. Auf keinen Fall würde ich mich durch die ganze Liste seiner ehemaligen Professoren und Praxisanleiter telefonieren, um mir zusätzliche Infos über seine Person zu beschaffen. Ich würde mir selbst ein Bild von ihm und seiner Arbeitseinstellung machen.

Wie von selbst blieb mein Blick erneut an dem Foto haften. Es wollte mich nicht loslassen, schien mich geradezu magnetisch anzuziehen.

Ich freute mich ehrlich darauf, ihn kennenzulernen. Meine Neugierde, wie seine ganze Persönlichkeit mit all ihren Facetten sein mochte, ob sie zu meinem ersten Eindruck von ihm passte, war groß. Vielleicht auch ein bisschen zu groß, aber diesen Gedanken verdrängte ich sofort in die letzte Ecke meines Gehirns. Im Verdrängen aufkeimender Emotionen war ich unschlagbar. Jahrelanges Training zahlte sich eben aus.

Genau in der Sekunde, in der ich mein Getränk leerte, leuchtete der Touchscreen auf dem Schreibtisch auf und eine Stimme meldete sich durch die Sprechanlage:

»Zayden, der Empfang meldet, dass Mr. Howard soeben eingetroffen ist. Sollen sie ihn gleich raufschicken?« Lance Porter, der entspanntere meiner beiden persönlichen Bodyguards, klang wie gewohnt ruhig und geschäftlich.

Ich wollte schon zustimmen, doch dann kam mir in den Sinn, dass es vermutlich einladender und nahbarer wirken würde, wenn ich ihn persönlich an der Pforte im Foyer in Empfang nahm. Auf keinen Fall wollte ich einen überheblichen, herablassenden Eindruck erwecken, am allerwenigsten an seinem ersten Arbeitstag.

Mein Finger zuckte zum Touchscreen. »Ich komme runter. Danke.«

 

 

Wie gewohnt lösten sich Lance und Riet von ihren üblichen Positionen und passten sich ein Stück hinter mir meiner Schrittgeschwindigkeit an. Ich grüßte die beiden mit einem Lächeln, was sie lediglich mit einem knappen Nicken quittierten. Innerlich verdrehte ich die Augen. Diese zwei Helden machten in der Öffentlichkeit einen auf knallharte Bodyguards, aber sobald wir uns privat trafen, fiel sämtliche Maskerade. Man mochte es ihnen nicht ansehen, aber beim Feiern ließen die beiden ordentlich die Sau raus. Vor allem Harriet Sargent, liebevoll Riet genannt. Im Berufsalltag schaffte sie es, mit ihrer kühlen, groben Art sämtliche Leute abzuschrecken, verwandelte sich jedoch in den liebenswürdigsten Menschen, sobald sie sich in keinem professionellen Rahmen befand.

»Zayden?«

Ich neigte meinen Kopf, um mein Zuhören zu signalisieren. Erstaunlicherweise hatte Riet das Wort ergriffen, die den Gebrauch ihrer Stimme für gewöhnlich auf ein absolutes Minimum reduzierte. »Was gibt es?«

»Warum hast du diesen Howard-Typen genommen?« Riets Stimme klang unüberhörbar mürrisch. »Die anderen fünf haben einen sehr kompetenten Eindruck gemacht. Und so auf den Sack gegangen wie Howard sind sie mir auch nicht.«

Ein paar in Anzug gekleidete Geschäftsleute kamen uns entgegen und grüßten höflich, sodass ich mit aller Macht meinen aufkeimenden Lachanfall unterdrücken musste.

»Wieso ist er dir denn auf den Sack gegangen?«, gab ich zurück. Vage sah ich, wie Lance hinter mir die Augen verdrehte und Riet unauffällig einen Stoß in die Rippen verpasste.

Seine Kollegin brummte etwas Unverständliches, ehe sie widerwillig antwortete. »Ich weiß auch nicht. Er war mir einfach zu frech. Hatte keinen Respekt vor den bewaffneten Bodyguards der Chefetage. Und jetzt müssen wir uns in Zukunft jeden Tag mit ihm herumschlagen.«

»Riet, halt die Klappe«, fuhr Lance ihr über den Mund. »Ich fand ihn wirklich sympathisch. Gute Wahl, Zayden. Ich bin sicher, wir werden ihn mögen. Nicht wahr, Harriet?«

Ein Grunzen verriet mir Harriets nichtexistente Überzeugung.

Als wir im Erdgeschoss auf den dunkelblauen Teppich der Lobby hinaustraten, sah ich Nicholas Howards blonden Haarschopf schon von Weitem. Er leuchtete förmlich aus der Menschenansammlung im Wartebereich des Empfangstresens hervor.

Ein überraschender Anflug von Aufregung ließ meine Fingerspitzen kribbeln, bevor ich ohne weitere Verzögerung auf ihn zusteuerte.

»Mr. Howard.« Ich lächelte, als er mich ebenfalls entdeckte und uns mit zaghaften Schritten entgegenkam. Er trug schlichte schwarze Jeans und ein ebenso schlichtes weißes Hemd, kombiniert mit weißen Schuhen. Eine gekonnte Mischung aus Sportlichkeit und Eleganz. Sein blondes Haar mit den dunkelbraunen Ansätzen fand sich in einem geschwungenen Quiff wieder und seine tiefblauen Augen, die es mir so angetan hatten, strahlten mit seinem Grinsen um die Wette.

Ein mulmiges Gefühl beschlich mich und ich musste unwillkürlich schlucken. Dieser Kerl war so unfassbar attraktiv. Würde ich ihn außerhalb des beruflichen Kontextes in einem Club antreffen, würde ich mich sofort an ihn heranschmeißen und mein Glück versuchen.

Mein Lächeln wurde noch breiter, als er meinen Händedruck zufriedenstellend kräftig erwiderte. Dabei schenkte er mir ein Grinsen, das irgendwo zwischen schüchtern und sorgfältig einstudiert anzusiedeln war. Seine andere Hand hielt eine Jacke über die Schulter geworfen. »Mr. Howard, schön, Sie hier an Ihrem ersten Arbeitstag zu begrüßen. Willkommen bei Malcot Industries. Wir freuen uns, Sie unseren neuen Mitarbeiter nennen zu dürfen.«

Ich wand mich innerlich. Immer dieses gestakste Gelaber. Und hoffentlich zog Riet hinter mir keinen Flunsch. Offenbar war dies nicht der Fall, denn Nicholas Howard entspannte sich sichtlich und ein großer Teil der Unsicherheit verschwand aus seinem reservierten Lächeln. »Die Freude ist ganz meinerseits.«

Diese Stimme. Alles an ihm sagte mir sofort so sehr zu, dass es schon fast an Unheimlichkeit grenzte. War das normal? Oder wurde ich verrückt?

Ich räusperte mich nachdrücklich, um die unangemessenen Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich war der zweite Chef der Firma, ein professioneller Geschäftsmann, der einen neuen Mitarbeiter zu begrüßen hatte. Nicht mehr, nicht weniger.

»Was sagen Sie dazu, zuerst eine kleine Tour durch unseren Hauptsitz zu machen, bevor wir zur Aufgabenverteilung übergehen? Ich möchte Sie nicht sofort ins kalte Wasser werfen.«

Mein neuer Assistent zuckte zuerst mit den Schultern, dann schob er eilig ein hektisch klingendes »Sehr gerne« hinterher. Mit jeder Sekunde wurde er mir sympathischer.

Ich bemerkte seinen nervösen Blick Richtung Riet und Lance, die uns in respektvollem Abstand durch die Halle folgten. »Das sind Ms. Sargent und Mr. Porter, meine persönlichen Bodyguards.«

Pflichtschuldig schenkten beide dem neuen Mitarbeiter ein Nicken, wenn auch das von Riet deutlich weniger beherzt ausfiel. Riet war manchmal einfach ein nörgelnder Sturkopf. Trotzdem bereute ich keine Sekunde, sie als persönlichen Bodyguard ausgewählt zu haben, entgegen der Meinung meines Onkels, dass Frauen eine solche Position nicht bekleiden sollten. Riet bewies jeden Tag das Gegenteil, aber darüber sah Zacharias selbstverständlich hinweg.

»Die beiden sind dazu verpflichtet, die ganze Zeit über in meiner Nähe zu sein, also gewöhnen Sie sich besser an ihre Anwesenheit«, fuhr ich fort und schenkte Mr. Howard ein schiefes Grinsen, um meinen harsch klingenden Worten ihre Schärfe zu nehmen.

Die Stimmung war zwar noch immer deutlich angespannt, aber nicht mehr ganz so sehr von Nervosität geprägt, als wir nach und nach das Firmengelände abliefen. Von der Software- und Produktentwicklung über die Prototypwerkstätten und zahlreiche weitere Stationen bis hin zu dem kleinen Teil der Fertigung, der sich innerhalb dieses Standortes befand. Es dauerte ganze zwei Stunden, bis wir schließlich im Verwaltungskomplex angekommen waren.

Der Aufzug gab sein übliches »Guten Tag, Zayden Malcot« von sich, als er uns auf die Zieletage entließ. Ich selbst hörte die Begrüßung schon längst nicht mehr, aber Nicholas Howard schien fasziniert zu sein. Der junge Mann warf einen beeindruckten Blick nach oben zu dem unscheinbaren, grauen Kästchen, in dem sich die Elektronik für den Spuk verbarg.

»Woher erkennt das Programm Sie?« Neugierig sah er sich nach Kameras um, doch ich lenkte seine Aufmerksamkeit mit einem kleinen Winken auf mein Handgelenk.

»Die Personen, die hier in der Chefetage ein- und ausgehen, haben am Handgelenk oder im Gewebe zwischen Daumen und Zeigefinger einen Microchip eingesetzt.

---ENDE DER LESEPROBE---