REAP - Bis aufs Blut - Tillie Cole - E-Book

REAP - Bis aufs Blut E-Book

Tillie Cole

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Beschreibung

Abgeschirmt von der Welt, ohne Namen und Vergangenheit kennt 221 nichts anderes als den Kampf auf Leben und Tod. Als Eigentum der georgischen Mafia wird er Nacht für Nacht in den Ring geschickt, um seine Gegner auszulöschen. Doch dann fällt er in die Hände seiner Feinde und muss im Dungeon, der Untergrund-Arena der mächtigen russischen Bratwa-Familie, kämpfen. Nur Talia, die Tochter seines verhassten Entführers, behandelt ihn wie einen Menschen und löst Gefühle in ihm aus, die er nie zuvor gespürt hat. Hin- und hergerissen zwischen dem Hass auf seine Feinde und dem Verlangen nach der schönen Frau, die sein Herz schneller schlagen lässt, muss 221 entscheiden, ob er Monster oder Mann sein will ... (ca. 350 Seiten)

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Seitenzahl: 452

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Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungZitatProlog: 2211234567891011121314151617181920EpilogDanksagungDie AutorinDie Romane von Tillie Cole bei LYXImpressum

TILLIE COLE

REAP

Bis aufs Blut

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

Zu diesem Buch

Abgeschirmt von der Welt, ohne Namen und Vergangenheit kennt 221 nichts anderes als den Kampf auf Leben und Tod. Als Eigentum der georgischen Mafia dient er als Versuchsobjekt für eine Droge, die unbedingten Gehorsam und absoluten Tötungswillen garantiert. Nacht für Nacht muss er für seinen Meister die Wirksamkeit der Droge unter Beweis stellen. Doch dann fällt er in die Hände der Feinde, der russischen Mafia, und wird von Luka Tolstoj gefangen gehalten. Angekettet und allein in der Dunkelheit baut sein Körper die Droge unter unvorstellbaren Schmerzen ab. Nur Talia, die Schwester seines verhassten Entführers, behandelt ihn wie einen Menschen und löst Gefühle in ihm aus, die er nie zuvor gespürt hat. Hin- und hergerissen zwischen dem Hass auf seine Feinde und dem Verlangen nach der schönen Frau, die sein Herz schneller schlagen lässt, muss 221 entscheiden, ob er Monster oder Mann sein will …

An die Musik für die regelmäßige Inspiration.Und an Johnnyswim, für die Inspiration zu dieser Geschichte.

You and I, we’re fire and water …We’re rain and thunder …

»You and I«von Johnnyswim

Prolog: 221

Gift.

Schmerz.

Brennen.

Unerträgliches, verfluchtes Brennen.

Ströme von Lava, die durch meine Adern rasten.

Meine Haut … sie war zu heiß … zu eng um meine Muskeln …

Ich keuchte vor Wut … so viel verdammte Wut in mir … sie bohrte sich in mein Hirn und brachte mich um den Verstand …

Jemanden in Stücke reißen,knurrte ich lautlos, Knochen brechen, Fleisch zerreißen … nasses Blut an den Händen spüren.

Ich lief unruhig hin und her, mit schweren Eisenketten um Handgelenke und Knöchel. Ich musste töten. Ich musste raus aus diesen Ketten.

Muss töten, um das Gift aufzuhalten.

Muss töten, um den Schmerz in mir aufzuhalten.

»Ihr seid wieder in New York?«, fragte plötzlich eine Stimme auf der anderen Seite des Raumes. »Die Georgier haben endlich ihr großes Comeback?«

»So ist es. Und es war schon lange fällig. Wir haben Geschäfte zu erledigen. Angelegenheitenvon vor langer Zeit«, antwortete Meister, und mein Herz fing an zu hämmern. Gehorche Meister. Hör auf seine Befehle.

Schritte auf dem kalten, harten Boden. Der Mann kam auf Meister zu. Ich ging schneller auf und ab.

»Mit den Wolkows?«, fragte die andere Stimme. »Denn falls das so ist … in den letzten vierzig Jahren ist eine Menge passiert. Sie sind unantastbar. Zu stark.«

Meister lachte. »Wir sind stärker als zuvor.«

»Wissen sie, dass ihr hier seid?«

Meister zögerte kurz und antwortete dann: »Das finden sie noch früh genug heraus. Wir verstecken uns nicht vor dem roten Abschaum.«

Meister wandte sich mir zu und brachte einen Mann mit. Meine Muskeln spannten sich an, und ich knurrte, als sie immer näher kamen … zu nahe.

»Was zum …?«

»Wir haben eine neue Droge entwickelt. Sie garantiert bei jedem Subjekt einhundertprozentigen Gehorsam. Das kann dir niemand anders bieten, Nasar. Die Italiener werden gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Deine Geschäfte werden bei Weitem besser gehen als ihre, wenn deine Mädchen jeden Kundenwunsch erfüllen können.«

Meisters Stimme stach mir in den Ohren. Immer wenn ich Meisters Stimme hörte, spannte sich mein Körper an und ich wartete auf seine Befehle. Ich hielt den Blick auf den dunklen, nassen Boden gerichtet, wie Meister befohlen hatte, und mied jeden Augenkontakt. Er sagte mir, ich sei ein Bluthund, ein Killer. Er sagte mir, ich sei sein Sklave.

Sengende Hitze hüllte mich ein; der weißglühende Schmerz in meinem Kopf breitete sich im ganzen Körper aus. Zitternd versteifte ich mich, bevor ich meinen Schmerz hinausschrie. Rasende Wut packte mich.

Jeder Muskel in mir zuckte und kribbelte und stand in Flammen und dürstete danach, den Tod zu bringen. Meine Ketten rasselten lauter, als ich die Fäuste ballte, die Stärke der schweren Fesseln um meine Handgelenke auf die Probe stellte und mir ausmalte, wie ich einen Gegner niedermetzelte.

Meisters Schritte kamen noch näher. Ich lief schneller hin und her. Mein Herz hämmerte lauter. Ich zischte durch zusammengebissene Zähne.

K’lavs, k’lavs, k’lavs – töten, töten, töten – ich musste töten.

Ich holte tief Luft, als der Fremde näher kam. Knurrend fletschte ich die Zähne, um ihn zu warnen, dass er mir verdammt noch mal vom Leib bleiben sollte.

Er trat einen Schritt zurück. Ich konnte die Angst an ihm riechen.

Angst.

Angst stank. Und zwar richtig. Ich hasste den Gestank. Verdammt, wie ich ihn hasste.

K’lavs, k’lavs, k’lavs …

Das Gift in meinem Blut brannte noch heißer, und in meinen Adern schrie der Schmerz. Ich zerrte an den Ketten um meine Handgelenke, wollte Erlösung von den Qualen, die das Gift mir brachte. Meine Muskeln verkrampften, mein Nacken versteifte sich, ich streckte den Rücken und gab ein ohrenbetäubendes Brüllen von mir. Meine Schritte wurden immer schneller.

Hin und her … hin und her … hin und her …

Die Füße des Mannes kamen näher und gingen um mich herum. Sein Schweiß tropfte auf den rissigen Kellerboden. »Ihr habt es geschafft, den hier zu kontrollieren? Er wirkt wie ein wildes Tier.«

Meister trat vorwärts, nahe an mich heran, und mein Körper versteifte sich. Er klatschte mir die Hand auf den Arm. »221 ist mein wertvollster Besitz, mein Prototyp, mein dzaghii – mein Köter. Er gehorcht jedem meiner Befehle. Jedem. Heute Morgen hat er eine konzentrierte Dosis von Typ A bekommen. Typ A erzeugt Killer auf Abruf, Typ B absolut gehorsame Sklaven. Sklaven, die alles tun, was man von ihnen verlangt.« Aufregung schwang in Meisters Stimme mit. »221 hier tötet mit perfekter Effizienz. Völlige Auslöschung.«

Die Füße des Mannes blieben neben mir stehen, und ich konnte seinen schnellen Herzschlag hören. »Beweise es«, sagte er ruhig.

Meister lachte. »Du hast die Männer mitgebracht?«

»Sind hier«, antwortete der andere. »Bringt sie rein!«, rief er jemandem am Kellereingang zu.

Dann stellte er sich neben Meister. »Ich brauche vertrauenswürdige Männer an meiner Seite. Unser Krieg mit den Italienern spitzt sich zu. Da brauche ich Männer, die nicht alles, was man von ihnen verlangt, hinterfragen. Männer, die im Kampf unbesiegbar sind. Und ich will, dass meine Pferdchen gehorsam sind. Sie sollen für alles offen sein, was ein Käufer will. Wenn die Wirkung dieser Droge, die ihr entworfen habt, sich als wahr erweist, dann sind wir im Geschäft.«

Meister trat beiseite. Ein Wärter kam zu mir und löste meine Ketten. Ich drehte die Füße von einer Seite zur anderen, als die Ketten auf den Boden fielen. Dann sah ich auf meine Hände und ballte sie langsam zu Fäusten. Das Knacken meiner Fingerknöchel hallte im Raum wider.

Hinter mir schweres Atmen. Ich verzog die Oberlippe … Schwäche …

»221, t’avis mkhriv.« Meister befahl mir, mich umzudrehen, und mein Körper tat, was er verlangte, der Kopf gesenkt, die Füße in seine Richtung.

»221, mzad.« Meister befahl mir, mich bereit zu machen. Ich hob den Kopf. Vor mir sechs Männer. Sechs grinsende Typen mit Messern in den Händen.

Ich spürte noch eine Welle heißer Lava und knurrte.

K’lavs, k’lavs, k’lavs.

»221, t’avis mkhriv«, rief Meister wieder. Die Wärter drückten mir ein Paar schwarze Sais in die Hände. Ich ließ die Männer vor mir nicht aus den Augen – sie waren nur Beutetiere für mich. Ich rollte den Kopf von einer Schulter zur anderen und stand breitbeinig da, bereit, mich auf meine Beute zu stürzen. Mein Blut rauschte immer schneller, und es juckte mich in den Fingern, die Wichser aufzuschlitzen.

Der Mann neben Meister ergriff das Wort. »Das sind einige der Besten, die ich habe. Wenn dein Bluthund sie besiegen kann, kommen wir ins Geschäft.«

»Wie viele willst du tot sehen?«, fragte Meister.

Der Mann schnaubte. »Wie viele? Du willst mir erzählen, der bringt sie alle um, wenn man es ihm sagt?«

»Er tötet, bis ich ihm sage, dass er damit aufhören soll.«

Der Mann kam auf mich zu und blieb vor mir stehen. Seine kleinen dunklen Augen sahen finster zu mir auf. Ich fletschte die Zähne und knurrte. Sofort wich er zurück.

Schließlich verzog er die schmalen Lippen zu einem Lächeln, und in seinen Augen blitzte ein Feuer auf. »Ich will sehen, wie er sie bis zum Letzten niedermacht.«

»221«, befahl Meister. Mein Körper spannte sich an, meine Finger hielten die Sais fest gepackt. »Sasaklao.«

Massaker.

Meine Füße bewegten sich vorwärts, und im selben Moment gingen die sechs Männer auf mich los. Roter Nebel verschleierte meinen Blick, als ich den ersten Schlag landete und Blut auf meinen Oberkörper spritzte.

Ich schlitzte sie auf.

Weidete sie aus.

Erlegte sie wie Tiere.

Schlachtete sie alle ab.

1

LUKA

The Dungeon

Saisonstart

Brooklyn, New York

Ich blinzelte … blinzelte noch mal. Es wirkte nicht, verdammt. Ich bekam die Bilder nicht aus dem Kopf.

Ich zerrte an der Seidenkrawatte, die ich tragen musste, und lockerte den Knoten. Das verdammte Ding schnürte mir die Luft ab.

Jeder Muskel in mir war angespannt, während ich in dieser erstickenden Privatloge saß und auf den Käfig des Dungeon hinuntersah. Das breite Fenster bescherte mir einen scheißperfekten Blick auf die beiden Kämpfer, die sich da unten gegenseitig in Stücke rissen.

Der Lärm der Menge war ohrenbetäubend. Schreiend und brüllend verlangten sie nach Blut, als der erste Kampf der Saison begann.

So sehr ich auch wegsehen wollte, mein Blick haftete wie gebannt an den beiden Männern im Käfig. Mein Herz raste, meine Hände ballten sich zu Fäusten, und meine Zähne waren so fest zusammengebissen, dass mir der Kiefer wehtat.

Bei jedem Schlag, den die Kämpfer austeilten, zuckte es mir in den Beinen. Bei jedem Spritzen von Blut auf den Betonboden, jedes Mal, wenn ein Körper in den Drahtzaun um den Käfig prallte, jagte stechender Neid durch die Eingeweide.

Ich wollte da rein, ich wollte diese Wichser in Stücke reißen. Ich wollte wieder den kalten Stahl meiner Schlagringe an den Händen spüren, wollte spüren, wie meine Klingen sich langsam durch die Haut des Gegners bohrten, und ich wollte zusehen, wie das Leben langsam aus seinen Augen wich. Ich wollte Tod bringen; ich wollte irgendwem die gottverfluchte Seele aus dem Leib reißen.

Das Monster in mir wollte raus, und allmählich verlor ich den Kampf, es in Schach zu halten. Sechs Monate … sechs Monate war ich jetzt nicht mehr im Käfig gewesen, aber jeder Instinkt in mir befahl mir, dorthin zurückzukehren. Dass ich dorthin gehörte, dass ich es verdiente, wieder zu kämpfen. Meine Albträume wurden schlimmer … mehr Erinnerungen an getötete Gegner kamen zurück … die Schuldgefühle und der Kampf, sich in diese gottverlassene Welt einzufügen. Es war ein Kampf gegen Windmühlen, und es wurde immer schwieriger, Teil dieser Welt zu sein.

Verdammt! Ich kriegte keine Luft mehr!

Ich lehnte mich etwas vor, fuhr mir mit den Händen durchs Haar und kämpfte gegen die Gedanken in meinem Kopf und den Trieb an. Ich wollte die Dämonen in mir umarmen, gleichzeitig wollte ich dieses Dreckloch von einem Todesring hinter mir lassen und nicht die aufkommende Vorahnung von Tod spüren, die die Luft schwer machte. Ich wollte verdammt noch mal weg von dem Käfig. In so einem Käfig hatte ich über sechshundert Gegner geschlachtet. In so einem Käfig hatte ich meinen einzigen Freund getötet.

Ich zuckte zusammen, als das Gesicht von 362 in meinem Kopf aufblitzte: sein Grinsen, als er mir als Kind im Gulag begegnete; wie er mir beigebracht hatte, zu überleben; und sein Gesicht, als ich ihm das Leben nahm und damit die Chance auf Rache an denen, die ihn zu einem Leben als ein verdammtes Monster verurteilt hatten.

Ich sah nur noch rot, als ich rittlings auf seiner Taille landete und ihm die erste klingenbewehrte Faust in den Hals rammte. Ich fühlte nichts als rasende Wut, als meine zweite Klingenfaust sich in seine Schläfe spießte. Und ich fühlte nichts als Entschlossenheit, Durow abzuschlachten, als ich beide Fäuste hob und sie, Klingen nach unten, in die Brust meines Gegners jagte. Das Röcheln seiner letzten Atemzüge traf meine Ohren und riss mich aus meiner Raserei.

Ich hatte ihn umgebracht. Ich hatte zugesehen, wie die Kälte des Todes seine Augen überzog. Ich hatte zugesehen, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich, und ich hatte seinen letzten Herzschlag gehört, bis es nichts mehr gab als ohrenbetäubende Stille.

»Rache …«, hatte 362 geflüstert, an dem Blut erstickend, das ihm in die Kehle lief.

Ich hatte ihm das Versprechen gegeben, Rache an denen zu üben, die ihn in die Zellen des Gulags gebracht hatten; Rache an denen, die ich immer noch nicht gefunden und immer noch nicht kaltblütig getötet hatte.

Ich ließ 362 im Stich, meinen einzigen Freund. Und damit konnte ich verflucht noch mal nicht leben.

Ich zuckte auf meinem Stuhl zusammen, als die Erinnerungen überfallartig über mich hereinbrachen. Mein Herz schlug viel zu schnell, und das Blut rauschte laut in meinen Ohren. In dieser Sekunde der Panik fiel mein Blick auf die Mitte des Käfigs, wo gerade ein Kämpfer seine Waffe packte – ein gezacktes Jagdmesser – und es seinem Gegner direkt ins Auge rammte, zum aufbrandenden Gebrüll der Menge.

Mein Vater und der Pakhan standen auf und applaudierten; so demonstrierten sie ihre Überlegenheit gegenüber der blutrünstigen Menge unten, in der bereits Geldscheine von Hand zu Hand gingen und auf den nächsten Kampf gewettet wurde. All diese hoffnungslosen und sadistischen Wichser, die den russischen Mafiakönigen dankbar waren für diesen verfluchten Todesdungeon.

Mein Vater sah zu mir herab und machte eine energische Kopfbewegung. Er befahl mir aufzustehen, zu applaudieren, wie ein majestätischer Scheißgott am Fenster zu stehen und den Wichsern unten zu zeigen, dass ich der knjaz der Bratwa war, der Prinz der Russenmafia. Der alleinige Erbe, der, der einmal das Kommando übernehmen würde. Wir mussten ständig Stärke demonstrieren.

Aber ich konnte mich nicht rühren. Der Anzug, den ich tragen musste, drohte mich zu ersticken. Auch gelockert fühlte sich diese Seidenkrawatte wie eine verdammte Hundeleine an, die mich an meine Rolle in der Bratwa fesselte und die ich einfach nicht akzeptieren konnte.

Ich wollte mich bewegen, aber ich konnte mich nicht dazu bringen, von diesem Stuhl aufzustehen. Erinnerungen an 362, wie er unter mir verblutete, bohrten sich immer heftiger in mein Gehirn und nahmen mir die Luft zum Atmen.

Ich kniff die Augen zu, Schweiß lief mir übers Gesicht. Ich würde gleich durchdrehen, und, verdammt, ich verlor die Beherrschung.

Sechs Monate lang diese verfluchte Qual. Sechs verdammte Monate, in denen ich langsam irrsinnig wurde, durch zu viele schmerzvolle Erinnerungen und Flashbacks, die meinem Verstand die Hölle heiß machten.

Ich kam abrupt auf die Füße, und der Pakhan warf mir einen Blick zu. »Luka?«

Der Raum drehte sich um mich, und die verdammten Wände kamen immer näher.

Mein Vater trat einen Schritt vor. »Sohn? Was ist los?«

Aber ich konnte ihnen keine Antwort geben. Ich musste hier weg, raus aus dieser verfluchten Loge.

Ich taumelte zu der Stahltür, die uns hier drin einschloss, und warf sie mit aller Kraft auf, sodass es das obere Scharnier aus dem Rahmen riss.

»Luka! Komm zurück!«, hörte ich meinen Vater rufen, als ich im finsteren Korridor verschwand. Ich ignorierte ihn und stürmte die steile Treppe hinunter, die in die dicht gedrängte Menge führte.

»Mr Tolstoj?«, rief einer der Byki fragend, als ich an ihm vorbeistürmte. Köpfe drehten sich, als ich mich durch die Masse Abschaum drängte, um zum Käfig zu kommen und das Blutbad drinnen zu sehen. Aber die Wichser wichen mir alle aus. Sie spürten, dass ich sie in der Luft zerreißen würde, wenn sie sich mir in den Weg stellten.

Ich steuerte auf den Korridor zu, den vertrauten Korridor, durch den ich gegangen war, als ich noch Raze war, der Todeskämpfer, zu dem ich seit meiner Kindheit gedrillt worden war. Die Korridore, in denen ich als Kämpfer gelebt, wo ich jede Nacht geschlafen hatte, nur auf einen Gedanken konzentriert: Rache an Alik Durow, meinem Freund aus Kindertagen, der mich, zusammen mit seinem Vater, zu einem Leben als Killer verdammt hatte.

Ich ignorierte die Trainer und Kämpfer, die sich hier befanden, und steuerte auf meinen damaligen Aufenthaltsraum zu. Ich rammte die Schulter gegen die Tür, sodass die aufflog, schlug sie mit einem harten Fußtritt wieder zu und ließ die Welt hinter mir.

Hier drin war es ruhig. Keine Geräusche, die meinen Kopf attackierten. Dieser Aufenthaltsraum gab mir ein Gefühl von Sicherheit.

Ich stellte mich in die Mitte, kickte die Lederschuhe von den Füßen und fühlte den kalten Asphaltboden. Dann legte ich den Kopf in den Nacken, blieb in dem schmalen Streifen Mondlicht stehen, der durch einen Riss in der Wand hereinfiel, und zerrte mir die Krawatte vom Hals. Meine Hände zitterten, und ich schrie auf, als ich die Hemdknöpfe nicht aufbekam. Ich krallte die Finger in den teuren Stoff, riss das Hemd mit einem Ruck entzwei und ließ die Fetzen zu Boden fallen.

Mit nacktem Oberkörper, schwer atmend, versuchte ich, wieder ruhiger zu werden … an mein jetziges Leben zu denken, weg von der ganzen Gulag-Scheiße – aber es hatte keinen Sinn.

Ich ging zur Wand, stützte die Handflächen gegen den kalten, harten Stein, schloss die Augen und versuchte einfach nur, Luft zu bekommen. Aber in diesem Raum fühlte ich mich wieder wie mein altes Ich. Ich fühlte mich wie er, wie Raze. Wie der Todeskämpfer 818. Ich fühlte mich wie der Todesbringer des georgischen Gulags. Luka Scheiß-Tolstoj war ein Fremder für mich. Der knjaz der russischen Bratwa von New York war ein absolut Fremder für mich.

Dieselben Gefühle drehten Kreise in meinem Kopf: wie man tötete, wie ich meine Klingenfäuste ausrichten musste, um größtmöglichen Schmerz zu verursachen. Es war vertraut … es fühlte sich an wie … ich.

Plötzlich packte mich eine Hand an der Schulter. Das Gefühl von damals kam wieder hoch, als Wärter des Gulags über mich hergefallen waren. Jahre, in denen ich ein »Fickding« gewesen war, eine Boxbirne für die Scheißkerle, die mich missbrauchten. Es katapultierte mich zurück in die Tage des verlorenen Kindes, das ich damals war. Ich drehte mich um, packte den Kerl am Hals und knallte ihn rücklings an die Mauer. Roter Dunst vernebelte meinen Blick, ich biss die Zähne zusammen und hob das Arschloch vom Boden hoch.

Niemand würde mich je wieder verletzen … niemals. Ich war jetzt stärker, härter. Ich war ein muskelbepackter, gedrillter, eiskalter Scheißkiller.

Fingernägel kratzten an meiner Haut, und Röcheln drang an mein Ohr. Aber meine Hände drückten noch fester zu, und das vertraute Gefühl, ein Leben auszulöschen, putschte mich auf.

Der strampelnde Mistkerl in meinen Händen wurde schlaff, und ich packte stärker zu und brach ihm beinahe das Genick. Der Wichser würde krepieren. Er würde mich nicht noch mal vergewaltigen. Er würde mich nicht noch mal in diesen Käfig schubsen, damit ich ein weiteres unschuldiges Kind umbrachte. Ich war auch ein unschuldiges Kind. Der Scheißkerl würde krepieren, langsam, unter Schmerzen, durch meine Hände. Die würden mich nicht noch mal anrühren. Die würden mich nicht mehr in diesen verfluchten Ring schubsen …

»Luka!«

Ich war viel zu sehr fixiert darauf, zu töten, fixiert auf den Rausch bei dem Gefühl des Pulses an diesem Hals, der langsam und stotternd zum Stillstand kam, dass ich nicht hörte, wie hinter mir die Tür aufging. In meinem Kopf spielte sich eine ganze beschissene Diashow ab, voll mit Bildern meiner Tötungen: Kinder, die um ihr Leben bettelten, Wärter, die mir ihre Knarre ins Gesicht hielten, um mich abzuknallen, wenn ich diese Kinder nicht kaltmachte. Schmerz, Folter, Vergewaltigung und Blut – so viel Blut …

»Luka, hör auf!« Eine entfernte, aber vertraute Stimme drang durch den Sturm in meinem Verstand zu mir durch. Ich schüttelte den Kopf.

»Luka, lass ihn runter.« Die Stimme klang beruhigend. Ich kannte sie. Diese Stimme ließ mein Herz langsamer schlagen. Sie beruhigte mich … wer … was …?

»Luka, ljubow moja. Komm zurück zu mir. Ich bin hier. Komm zurück. Kämpfe gegen die Erinnerungen. Kämpfe gegen sie, nur komm zurück.«

Ki … Kisa … meine Kisa …? Bei der tröstenden Stimme kniff ich die Augen fest zusammen, und neue Erinnerungen blitzten in meinem Kopf auf: ein Junge und ein Mädchen an einem Strand … die sich küssten … sich liebten … blaue Augen … braune Augen … eine Seele … verlorene Liebe … wiedergefundene Liebe … eine Hochzeit … Liebe … so viel Liebe …

Kisa.

Ich riss keuchend die Augen auf, die freie Hand an meiner Seite zitterte, und meine Haut war schweißnass. Mein anderer Arm war hochgestreckt, und als ich dem Arm mit dem Blick folgte, sah ich im festen Griff der Hand einen Hals … den Hals eines Mannes, und mein Gehirn sagte mir, dass ich den Mann kannte.

Verwirrt wich ich einen Schritt zurück und ließ den Mann los. Er fiel zu Boden und rang röchelnd nach Luft.

Ich taumelte weiter rückwärts, bis ich mit dem Rücken an die Wand gegenüber prallte und zu Boden sank. Neben mir bewegten sich Füße, aber ich konnte nicht aufstehen. Ich war wie auf dem Boden festgefroren, zog die Knie an den Bauch und ließ den Kopf auf meine Hände sinken.

»Viktor? Viktor? Alles in Ordnung?« Die Frauenstimme von vorhin ließ mich aufsehen, und da war sie, meine Kisa, meine solnyshko, die sich bückte und dem Mann mit der Hand über …

Mir rutschte das Herz in die Kniekehlen.

Viktor. Viktor, mein Trainer und der Mann, der mir geholfen hatte, Alik Durow zu besiegen.

Es fühlte sich an, als stünde das Gulag-Tattoo auf meiner Brust, die auffallende breite Nummer 818, in Flammen, als ich zusah, wie Viktor die Augen zufielen und Kisa nach den Byki um Hilfe rief.

Zwei Männer des Pakhans kamen hereingestürmt; es schien mir, als bewegten sie sich in Zeitlupe. Kisa trat zurück, und sie halfen Viktor auf die Füße. Innerhalb weniger Sekunden hatten sie ihn hinausgebracht, und ich spürte einen Schmerz, scharf wie ein Dolch, in meinen Eingeweiden.

Ich ballte die Fäuste, als mir klar wurde, was ich getan hatte. Beinahe hätte ich Viktor umgebracht.

Mit einem leisen Klicken ging die Tür zu, und ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, woraufhin zwei Eisenbolzen an ihren Platz glitten, um mich einzusperren.

Leise Schritte kamen auf mich zu, und der tröstende Duft süßer Blumen hüllte mich ein und drang mir in die Nase.

Solnyshko.

Unvermittelt fuhren sanfte Finger über meine Hand. Ich zuckte zusammen und zog sie weg, während ich zugleich gegen den Instinkt ankämpfte, zu töten, Schmerz zuzufügen, niederzumetzeln.

»Luka, sieh mich an«, befahl Kisa, aber ich hielt den Kopf gesenkt.

»Luka«, wiederholte Kisa strenger, »sieh her.«

Mit zusammengebissenen Zähnen sah ich auf, und mein Blick traf auf ein Paar perfekte blaue Augen.

Kisa. Meine Frau.

Sie hatte den Kopf schief gelegt, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie die Hand nach meinem Gesicht ausstreckte. »Luka …«

»Nein!«, knurrte ich, drückte mich noch enger an die Wand und schlug ihre Hand weg. »Fass mich nicht an! Ich will dir nicht wehtun.«

Kisa zuckte zurück. Ich wusste, dass sie mich anstarrte. Ich konnte spüren, wie sich ihr Blick durch meine Haut brannte. Eine gefühlte Ewigkeit lang saßen wir schweigend da, ich weiterhin mit geballten Fäusten, und mein Blut brodelte immer noch wütend durch meine Adern. Dann plötzlich stand Kisa auf. Ich machte mich darauf gefasst, dass sie ging, und mein Herz schlug wieder rasend schnell bei dem Gedanken, dass sie mich allein lassen würde.

Aber sie ging nicht. Sie marschierte nicht zur Tür. Sie ließ mich nicht allein. Sie sagte nichts; nur das Rascheln von Stoff war zu hören.

Ich sah nicht auf, sondern konzentrierte mich darauf, die Wut zu beruhigen, die in mir tobte. Doch dann nahm eine Hand meine Hand, und meine Handfläche berührte warme Haut.

Ich hob ruckartig den Kopf und sah Kisa neben mir knien. Das Oberteil ihres langen, ärmellosen schwarzen Kleides war bis zur Taille herabgestreift und enthüllte ihre perfekten Brüste. Sie hatte meine Hand auf ihre nackte Brust gelegt, und ich wandte mühsam den Blick ab – von einem Anblick, der mich vernichtete – und sah ihr in die Augen. In ihnen stand eine Mischung aus stahlharter Entschlossenheit und Liebe, nichts als gottverdammte Liebe.

Sie walzte sämtliche Barrieren in mir nieder, wie ein Bulldozer.

Kisa übernahm die Regie und drückte meine Hand fester an ihre Brust. Mein Schwanz wurde steif, als ich meine Frau unter meiner Handfläche spürte. Dann verlagerte Kisa die Beine, ließ meine Hand los, und während ihr Blick mir befahl, ihre Brust nicht loszulassen, schob sie ihr Kleid nach oben.

Meine Atmung wurde schneller, als ihr Spitzenhöschen zum Vorschein kam, und dann, als sie die Schleifen an den Seiten löste und das Höschen fallen ließ, löste sich jedes verdammte bisschen Wut in mir auf.

Ich brachte keinen Ton heraus, als meine Frau – meine wunderschöne Frau – sich rittlings auf meine Beine sinken ließ und ihren nackten Schoß über meinen Bauch rieb.

Meine Hand packte ihre warme Brust fester, und mein harter Schwanz drängte gegen den Stoff meiner Hose. Kisa stockte der Atem, als ihre Klitoris über meinen Körper streifte, und sie senkte den Mund an mein Ohr. »Ich liebe dich, Baby. Ich habe dich. Es ist alles in Ordnung. Ich bin hier …«

Ihre Worte brachten mir eine Erleichterung, die mir die Augen zufallen ließ, und ich wurde unversehens wieder ruhig.

»Kisa …«, flüsterte ich. Die Worte schnürten mir die Kehle zu.

Kisa drückte einen Finger auf meine Lippen. »Schsch, ljubow moja, sei nur … liebe mich«, sagte sie fast unhörbar. »Lass mich dich lieben mit allem, was ich habe. Lass mich dir das Gefühl von Sicherheit geben. Sei mein Luka, der Junge, dessen Seele zu meiner gehört.«

Und das tat sie. Ich liebte sie auf dem Boden des Aufenthaltsraums, und sie brachte mich zu mir selbst zurück. Sie verjagte die Dämonen und den Schmerz.

Als wir danach nach Luft rangen, streckte ich die Hand nach ihraus und sagte, ohne den Blick von ihr zu wenden: »Ich … es tut mir leid.«

Kisas Züge wurden weich. »Das muss es nicht, niemals. Du bist mein Ehemann, mein Herz und meine Seele.«

Langsam drang die Realität dessen, was eben passiert war, zu mir durch, und ich schloss beschämt die Augen. Kisa musste wohl gespürt haben, wie ich mich versteifte, denn auch sie spannte sich an. Sie holte unsicher Luft und flüsterte: »Ich liebe dich so sehr, Luka. Weißt du das?«

Der Schmerz und die Traurigkeit in ihrer Stimme waren schärfer als jede Waffe, die ich je im Käfig benutzt hatte.

»Luka?«, fragte sie noch einmal, als ich immer noch nichts sagte, und hob langsam den Kopf, um mich anzusehen. In ihren Augen standen wieder Tränen. »Ich liebe dich.«

Sie legte den Finger unter mein Kinn. »Rede mit mir. Lass mich teilhaben.« Ihre Lider flatterten, als sie die Tränen wegblinzelte. Dann schniefte sie, um nicht zu schluchzen, und wischte sich über die Augen. »Was ist heute Abend passiert? Was war mit Viktor? Warum bist du vor Papa und Iwan weggelaufen? Du hast deine Pflichten gegenüber der Bratwa vernachlässigt.«

Ich atmete erschauernd aus. Ich fühlte mich erschöpft.

Sekunden verstrichen, dann hörte ich Kisa frustriert seufzen, und sie umfasste meine Wangen. »Sieh mich an, Luka.«

Ich zwang mich, aufzusehen und konzentrierte mich auf ihr Gesicht. Sie war so wunderschön. Sie streckte die Hand nach meinem Ehering aus und hob ihn vor meine Augen. »Siehst du das? Wir sind verheiratet. Wir haben vor Gott und unseren Familien gelobt, füreinander da zu sein, in guten wie in schlechten Tagen.« Dann nahm sie meine Hand, meinen Zeigefinger und fuhr damit über mein linkes Auge. »Wir sind füreinander geschaffen. Das bedeutet, dass ich deinen Schmerz mit dir teile und dass du mir erzählst, wenn und warum du unglücklich bist.«

Die Traurigkeit in Kisas Gesicht war zu viel für mich. Ich drückte ihre Hand, hob sie an meine Lippen und küsste ihren Handrücken. »Ich bin glücklich mit dir. Ich …« Ich holte tief Luft und fuhr fort: »Vor dir hatte ich keine Ahnung, dass ich überhaupt glücklich sein kann.«

Kisas Tränen tropften auf ihren nackten Oberkörper. »Solnyshko, nicht weinen«, bat ich heiser.

»Aber du bist nicht glücklich. Ich halte dich fest, wenn du schläfst. Ich sehe, wenn du unruhig hin und her gehst und von finsteren Gedanken geplagt wirst.« Kisa küsste mich auf die Wange und sah mir in die Augen. »Es wird schlimmer, ljubow moja. Etwas macht dir zu schaffen.« Ein leises Schluchzen drang aus ihrer Kehle, und instinktiv zog ich sie an mich.

»Nicht weinen«, flehte ich sie mit brechender Stimme an. »Ich kann dich nicht weinen sehen.«

»Dann sag mir, was in deinem Kopf vorgeht. Sag mir, was dich so sehr verfolgt, dass du nicht glücklich sein kannst in unserem neuen Leben?«

»362«, würgte ich hervor. »Ich habe ihm Rache an denen versprochen, die ihm das angetan haben. Die ihn in den Gulag gebracht haben.« Meine Hände hinter Kisas Rücken ballten sich zu Fäusten und fingen an zu zittern. Der Frust und der Zorn kamen zurück, als ich an das blutüberströmte, tote Gesicht von 362 dachte.

Kisa versteifte sich in meinen Armen. »Unsere Väter suchen nach den Verantwortlichen.«

»Es dauert schon vielzu lange«, entgegnete ich schroffer als beabsichtigt.

»Ich weiß«, antwortete Kisa leise.

»Ich muss das tun. Ich muss es in Ordnung bringen.« Ich spannte mich an, als mir klar wurde, was ich jetzt sagen würde. »Ich muss sie töten. Ich muss es tun, um das hinter mir lassen zu können.«

Kisa erstarrte in meinen Armen. Ich wusste, sie hasste den Gedanken, dass ich wieder töten würde, aber sie würde nie verstehen, was 362 für mich getan hatte.

»Ich kenne nicht einmal seinen Namen. Er starb als Nummer. Als ein gottverdammter Sklave. Auf seinem Grabstein steht kein Name.« Ich atmete durch die Nase ein und dachte an den leeren Grabstein. »Der Mann, der mich als Kind im Gulag am Leben erhalten hat, der mir beigebracht hat, zu überleben und der mich als Mann befreit hat. Er war mein Bruder, trotzdem hat er im Tod keinen Namen.« Meine Faust zitterte, und Feuer brannte in meinen Eingeweiden. »Er hat keine Ehre. Die hat er verloren, als er unter meinen Klingenfäusten gestorben ist. Ich bin derjenige, den er gebeten hat, seine Ehre für ihn wiederherzustellen. Ich. Niemand anders.«

Kisa löste sich wortlos von mir, aber in ihren Augen sah ich Verständnis. Ihr Blick wanderte abwärts, an meinem Oberkörper entlang und über meinen rechten Arm. Sie strich mit den Fingern über meine Haut. »Dein Arm muss gereinigt werden.«

Ich senkte den Blick und sah, dass meine Haut aufgerissen war von Viktors Fingernägeln. Trocknendes Blut bedeckte meine vernarbte Haut. Ich runzelte die Stirn und fragte: »Ist er schlimm verletzt?«

Kisas Finger hielten inne. »Er kommt wieder in Ordnung.«

Ich senkte den Kopf, und Kisa schlang mir fest die Arme um den Hals und schmiegte sich an mich. Ich öffnete die Fäuste und stieß ein langes Seufzen aus, legte die Arme um ihren bloßen Rücken und drückte Küsse auf ihren schlanken Hals.

»Wir finden heraus, wer die Kidnapper von 362 sind, Luka. Ich verspreche es. Und wir finden einen Weg, wie du leben kannst, hier draußen. Wie du zum besten knjaz wirst, der du sein kannst.«

2

TALIA

Normalerweise mied ich den Laden wie die Pest. Er roch nach Tod. Ich konnte es nicht anders erklären. Der Geruch nach Blut, Schweiß und toten Tieren durchzog jeden Zentimeter dieser Untergrundhölle und machte das Atmen in der dicken, abgestandenen Luft fast unmöglich.

Ich marschierte mit gestrafften Schultern durch den Trainingsbereich des Dungeon und zwang mich, den Trainern und Sponsoren der neuen Kämpfer, die sich auf jeder freien Fläche drängten, höflich zuzunicken. Nun ja, »Kämpfer« – hauptsächlich handelte es sich um Vergewaltiger, Mörder, um kranke Scheißkerle, die von verschiedenen Mafia-Clans und Berufskriminellen dazu benutzt wurden, schnelles Geld zu machen. Niemand würde sie vermissen, wenn sie im Ring draufgingen. Meiner Ansicht nach. Genau genommen wäre das ein Segen für die Gesellschaft.

Mein Job machte mir nichts aus. Ich war gut darin. Ich rekrutierte Sponsoren für The Dungeon. Meine Aufgabe bestand darin, die Sponsoren zu beschaffen, das Einsammeln der Wetteinsätze zu organisieren und nur die besten Kämpfer für unser Unternehmen ausfindig zu machen. Und ich versagte nie darin, exzellente Kämpfer zu liefern, Saison für Saison, das hieß aber nicht, dass ich vom Anblick dieser Kerle keine Gänsehaut bekam. Normalerweise arbeitete ich von zu Hause aus, Gott sei Dank. Mich jeden Tag in diesem Todesverlies aufhalten zu müssen, würde mich um den Verstand bringen. Keine Ahnung, wie Kisa das hinkriegte. Ich seufzte erleichtert auf: Endlich würde ich eine Pause bekommen. Für die nächsten paar Monate durfte ich Brooklyn verlassen. Ich nutzte meine längst überfälligen Urlaubstage dazu, diesem Leben einfach mal den Rücken zu kehren und mir eine kurze Atempause zu gönnen.

Nach allem, was im Laufe des letzten Jahres passiert war, brauchte ich eine Verschnaufpause. Ich brauchte es, mal nicht Talia Tolstaja zu sein, die Tochter des großen Iwan Tolstoj, wenigstens eine Weile. Ich brauchte einen Ortswechsel. Ich hoffte nur, dass mein Vater nicht tierisch sauer wurde, wenn ich ihm sagte, dass ich wegwollte.

Ich marschierte in Kisas Büro und schloss die Tür hinter mir. Kisa saß an ihrem Schreibtisch und tippte gerade am Computer. »Hey, Kisa«, grüßte ich und ließ mich auf dem Stuhl vor ihr nieder.

Sie sah von ihrer Arbeit auf, und ich runzelte die Stirn. »Alles in Ordnung bei dir? Du siehst irgendwie grün im Gesicht aus«, meinte ich, und Kisa fuhr sich mit der Hand über den schweißfeuchten Kopf.

Dann wedelte sie mit der Hand vor dem Gesicht. »Mir geht es gut, Tal. Ich fühle mich nur, als würde ich irgendwas ausbrüten.«

»Bist du sicher? Sieht so aus, als ginge es dir schon eine ganze Weile so«, fragte ich.

Kisa schenkte mir ihr übliches strahlendes Lächeln. »Ja, ganz ehrlich.«

Ich stand vom Stuhl auf und legte die Aufstellung der neuen Kämpfer und ihrer Sponsoren für ihren Einsatz im Dungeon auf ihren Schreibtisch. »Hier sind alle Informationen, die du brauchst, während ich weg bin. Falls du noch irgendwas benötigst, genügt ein Anruf oder eine Mail.«

Kisa nahm die Mappe und legte sie in eine Schublade, bevor sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte. »Danke, Tal.« Ihr Blick fiel auf den Tisch, bevor sie mich wieder ansah. »Ich wünschte, du würdest nicht gehen. Ich weiß, du wirst nur ein paar Stunden entfernt sein, und Gott weiß, dass du eine Ruhepause verdient hast, aber ich hasse den Gedanken, dass ich dich nicht jeden Tag sehe. Eine seltsame Vorstellung.«

Ich setzte mich auf den Rand ihres Schreibtisches und zwinkerte scherzhaft. »Das liegt an meinem gewinnenden Wesen, Kisa. Du bist süchtig nach mir.«

Kisa lachte und tätschelte mein Knie. »Das stimmt. In unserem ganzen Leben gab es noch nie einen Urlaub, den wir nicht zusammen verbracht haben.«

Mein Lächeln verschwand, und ich drückte ihre Hand auf meinem Knie. »Ich weiß, dorogaja moja – meine Liebe. Aber nach dem letzten Jahr … Luka kommt wieder nach Hause; meine Eltern müssen damit klarkommen, dass ihr Sohn zu einem Killer gedrillt wurde; und jetzt auch noch die Neuigkeit, dass die Georgier unter Jakhua nach Brooklyn zurückgekehrt sind und wahrscheinlich einen Krieg mit uns anfangen wollen. Ich brauche einfach mal eine Auszeit, weißt du?«

Kisa atmete langsam aus und nickte. »Ich weiß, was du meinst. Es war schon sehr viel auf einmal.« Kisa wandte den Blick ab, und ich sah, dass ihre blauen Augen feucht schimmerten.

Ich beugte mich vor und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hey, was ist los?«

Ein paar Sekunden lang rührte Kisa sich nicht, doch dann sah sie mich wieder an. »Luka hat wieder Albträume. In letzter Zeit geht es ihm nicht besonders gut, Tal. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

Mir wurde bange. »Warum? Was ist los mit ihm?«

Kisa stand auf, blieb vor mir stehen und schenkte mir ein beruhigendes Lächeln. »Nichts, worum du dir Sorgen machen musst.« Ich wollte widersprechen, aber Kisa zog mich an sich und umarmte mich. »Geh und mach Urlaub, Tal, entspann dich, finde deine Fröhlichkeit wieder, und dann komm erholt zurück. Man kann nie wissen – bis du wieder da bist, könnte alles längst wieder im Lot sein. Vielleicht sind Jakhua und seine Leute dann tot und begraben. Vielleicht hat Luka sich wieder vollständig erholt, und alles geht seinen Gang.«

Ich erwiderte Kisas Umarmung, und nach ein paar Sekunden ließ sie mich los. Ihre Lippen formten ein wehmütiges Lächeln. »Man darf ja noch träumen, hm? Eins ist sicher – in der wunderbaren Welt der Wolkows gibt es keinen Augenblick Langeweile!«

»Oh ja«, antwortete ich und zwang mich zu einem Lachen. Dann zögerte ich. Ich wusste, da war noch etwas, das sie mir nicht sagte. Sie verhielt sich seltsam.

Kisa verdrehte die Augen, als ich sie anstarrte. »Tal, geh schon. Ich habe hier alles im Griff.«

Ich ging zur Tür, blieb aber noch einmal stehen und fragte: »Glaubst du, dass Luka wieder wird?«

Kisa schlang die Arme um ihre Taille. »Da bin ich sicher. Ich habe ihn heute im Bett liegen lassen. Er hatte eine harte Nacht. Und heute Nachmittag treffe ich mich mit unseren Vätern, um zu sehen, ob sie ihm helfen können.«

Ich runzelte die Stirn. »Was muss denn getan werden? Du klingst sehr vage, Kisa.«

Kisa grinste müde. »Nur etwas aus seiner Zeit im Gulag, eine Information, die Luka nicht aus dem Kopf geht. Ich hoffe, unsere Väter können etwas Licht ins Dunkel bringen. Luka braucht das, um sich endlich voll und ganz auf seine Ausbildung zum künftigen Pakhan zu konzentrieren. Ich glaube, mein Vater wird langsam nervös, weil Luka so abgelenkt ist. Ich denke, er hat Zweifel, ob Luka das Zeug dazu hat, die Bruderschaft eines Tages anzuführen.«

Der Gedanke, dass mein Bruder sich noch einem Problem mehr stellen musste, drehte mir den Magen um. Ich ging ein letztes Mal zurück zu Kisa, umarmte sie fest und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Wenn du mich brauchst, egal wann, dann ruf mich an. Und falls du auch mal eine Pause brauchst, dann komm und besuch mich. Du solltest auch nicht alles auf deine Schultern laden. Es macht dich langsam krank.« Kisa versteifte sich in meinen Armen. »Versprich es mir, Kisa«, drängte ich.

Sie nickte an meiner Schulter. »Ich verspreche es, Tal. Und … danke«, flüsterte sie.

Ich hielt ihre Schultern fest und schob sie ein Stück von mir, um ihr direkt in die Augen zu sehen. »Du bist meine Schwester, Kisa. Das war schon so, bevor du meinen Bruder geheiratet hast. Es war immer eine Sache zwischen dir und mir. Schwestern bis zum Ende.«

Kisa wischte sich eine verirrte Träne weg und scheuchte mich mit einer Handbewegung davon. »Geh schon. Mach dich auf den Weg, damit du nicht im größten Verkehr unterwegs bist. Ruh dich aus. Iss jede Menge Schokolade und, was das Wichtigste ist, hab Spaß. Wir haben hier nämlich nicht genug Spaß.«

Ich lachte kurz auf. »Zuerst muss ich noch meinem Vater sagen, dass ich weg bin. Meine Mama weiß Bescheid; wir haben alles zusammen geplant, aber wir dachten, wenn wir meinen Vater damit überraschen, dass ich eine Pause einlege, klappt das besser, als wenn er Zeit genug hat, es mir wieder auszureden. Du weißt schon, er würde versuchen, mir so viele Schuldgefühle einzureden, dass ich am Ende bliebe.«

Kisa kicherte und meinte: »Ich habe dich immer beneidet, Tal. Du tust, was du willst und wann du es willst. Ich konnte das nie. Ich war viel zu beschäftigt damit, die perfekte russische Tochter sein zu wollen.« Sie schnaubte über sich selbst. »Hat mir ja auch nur Gutes gebracht.«

Kisas Kompliment wirkte ernüchternd auf mich, und etwas tief in mir ließ mich gestehen: »Ich würde mich nicht zu sehr beneiden, Kisa. Ich mag mehr nach meinen eigenen Bedingungen leben als die meisten, aber du hast das, wofür ich alles geben würde. Wofür ich absolut alles opfern würde.«

»Und was ist das?«, fragte Kisa, nun verwirrt.

Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter. »Liebe. Du hast jemanden, der dich wahrscheinlich noch mehr liebt als du ihn. Ich war immer schon auf mich allein gestellt. Ich würde alles geben, um diese seelenberstende Art Liebe zu erfahren. Aber ich habe keine Ahnung, wie das in diesem Leben passieren soll. Wer in aller Welt geht schon mit der Tochter eines Bratwa-Bosses aus?«

Mitgefühl trat in Kisas Blick. »Tal …«

Ich hob die Hand. »Mist. Ich rede Blödsinn.« Ich hielt kurz inne und zwang mich dann zu einem Lächeln. »Ich sollte jetzt gehen, Kisa. Wir sehen uns bald wieder, okay?«

Bevor Kisa noch etwas sagen konnte, verließ ich das Büro und spürte dabei die ganze Zeit den dumpfen Schmerz in meiner Brust, den mein kleines Geständnis verursacht hatte.

Ich brauchte diese Pause.

Ich hatte sie verdient.

Ich wollte normal sein.

Ich wollte die stinknormale alte Talia aus Brooklyn sein, und sei es auch nur für eine kurze Weile.

3

LUKA

Mir tat alles weh, weil ich zu wenig geschlafen hatte, aber ich zwang mich aus dem Bett. Kirill, der Pakhan, hatte mir gesagt, dass ich heute Nachmittag in seinem Büro erscheinen müsste. Er traf sich mit den fünf Familien der Cosa Nostra, der italienischen Mafia hier in New York. Kirill wollte, dass ich deren Bosse auf neutralem Boden kennenlernte; er wollte mich als künftigen Anführer der Bratwa vorstellen. Er hatte gelächelt, als er sagte, er wolle, dass sie mich persönlich kennenlernen. Er meinte, er könne es nicht erwarten, die Furcht in ihren Gesichtern zu sehen, wenn sie erkannten, dass die Zukunft der Wolkows den Raum betrat.

Ich ging zu meiner Seite des Schranks im Schlafzimmer, das Kisa und ich uns teilten, und holte einen meiner verdammten Designeranzüge heraus, die ich tragen musste, wenn ich in Angelegenheiten der Bratwa unterwegs war. Minuten später sah ich in den Badezimmerspiegel, richtete meine Krawatte und ließ dann die Hände sinken. Ich fühlte mich, als würde ich langsam verrückt. In meinen Albträumen sah ich immer wieder, wie ich 362 tötete, wie seine Augen im Tod glasig wurden. Meine Tage verbrachte ich hauptsächlich damit, herauszufinden, wer er war und woher er kam, aber bisher hatte ich nichts vorzuweisen.

Ich wandte mich vom Spiegel ab, ging nach unten und traf dort auf Michail, meinen persönlichen Leibwächter und Boss der Byki, der in meinem Stadtauto wartete.

Er fuhr mich wortlos auf direktem Weg zu Kirill Wolkows Haus. Ich stieg aus und ging durch die große Eingangshalle zu seinem Büro. Als ich vor der Tür stand, hörte ich drinnen meinen Vater und Kisa reden. Doch gerade als ich eintreten wollte, ließ ihre gedämpfte Unterhaltung mich abrupt stehen bleiben.

»Habt ihr etwas über 362 herausgefunden? Haben eure Hinweise irgendwelche neue Informationen gebracht?«, fragte Kisa.

Die Antwort war Schweigen, und mein Herz begann zu hämmern. Meine Hand krampfte sich um den Türknauf, als mein Vater sich räusperte.

»Wir kennen die Identität von 362 schon seit mehreren Monaten, Kisa.«

»Was?«, flüsterte Kisa geschockt. »Seit Monaten? Und ihr habt Luka nichts gesagt?«

»Die Situation ist heikel, Kisa«, sagte mein Vater, »und eine, mit der wir erst seit Kurzem zu tun haben. Und wir dürfen eine bereits ungünstige Situation nicht noch weiter verschlechtern …« Ich hörte einen Stuhl knarren. »… ganz besonders nicht für ihn. Nicht wegen 362.« Mein Vater sprach »ihn« und »362« aus, als würde er Gift ausspucken.

»Ich verstehe nicht. Ich … was?«, flüsterte Kisa. »Wer ist 362?«

Darauf antwortete mein Vater kalt: »Er war ein Kostava.«

Kisa musste auf diesen Namen reagiert haben, denn mein Vater fuhr fort: »Es ist wahr, Kisa. Von allen Menschen, von allen Familien auf der Welt ist der eine Mann, der meinen Sohn in der Hölle findet und Freundschaft mit ihm schließt, ein gottverdammter Kostava.«

Die Unterhaltung stockte, aber ich konnte nur daran denken, dass sie es wussten. Sie wussten schon die ganze Zeit, wer 362 war. Und sie hatten mir verdammt noch mal nichts gesagt.

Ich spürte, wie Zorn in mir hochkochte, rammte meine Schulter gegen die Tür und stürmte ins Zimmer. Kirill stand neben dem Schreibtisch, mein Vater und Kisa saßen davor.

Alle drei drehten sich zu mir um, als ich in der Tür stand, schwer und schnell atmend, mit geweiteten Nasenflügeln.

»Luka …«, flüsterte Kisa mit kreidebleichem Gesicht. Aber ich ignorierte sie und richtete den Blick auf meinen Vater.

»Du hast es die ganze Zeit gewusst?«, donnerte ich. Ich stürmte auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Als ich ein Aufflackern von Furcht in seinen braunen Augen sah, beruhigte mich das fast wieder, doch ich rief mir in Erinnerung, dass er mir Informationen vorenthalten hatte. Informationen, die ich so dringend wollte.

Kisa legte mir die Hand auf den Arm, aber ich befreite mich aus ihrem zaghaften Griff. »Nein! Lass es!«, fuhr ich meine Frau an und nahm wieder meinen Vater und Kirill ins Visier. »Ich will es aus ihrem verdammten Mund hören! Ich will hören, warum sie mir das verschwiegen haben. Warum sie mir das Einzige verschwiegen haben, um das ich je gebeten habe!«

Mein Vater streckte die Hand aus. »Luka …«

Aber ich war zu wütend. Ein gequälter Schrei stieg mir in die Kehle. Ich trat an den Schreibtisch, packte ihn mit beiden Händen an der Kante und warf ihn um.

»Luka!«, schrie Kisa auf, aber ich tigerte schon wieder auf und ab und fühlte mich, als würde ich über ihren Verrat den verdammten Verstand verlieren.

Meine Schritte polterten über den Boden, und ich fuhr mir mit den Händen durchs Haar. »Seit Monaten erzählt ihr mir, dass ihr keine Ahnung hättet!«

Mein Vater sprang auf die Füße; ich drehte mich um und starrte ihm ins Gesicht. »Ich habe ihn getötet! Ich habe ihn verdammt noch mal umgebracht!« Ich streckte meinem Vater die Hände entgegen. »Mit diesen beiden Händen. Ich habe ihn ermordet. Ermordet …«

»Um mich zu retten«, fiel Kisa mir ins Wort, und sofort fiel mein Blick auf sie. Ich machte einen Schritt vorwärts, und Kirill stand auf. Er ging langsam auf Kisa zu, als wolle er nicht, dass ich mich seiner Tochter näherte. Aber das machte mich nur noch wütender. Kisa nickte ihrem Vater zu, und er hielt sich zurück.

Kisa streckte die Hand aus und streichelte mein Gesicht. Als ich ihre Hand auf meiner Haut spürte, entspannte ich mich. »Beruhige dich, Baby. Hör deinem Vater zu.«

Kisa fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Ich kniff die Augen zusammen und atmete langsam und stetig durch den Mund ein und aus.

Als ich die Augen wieder öffnete, warf Kisa einen kurzen Blick auf das angespannte Gesicht meines Vaters und sah dann wieder mich an. »Luka. 362. Er war ein Kostava.«

Bei ihren Worten waberte dichter Nebel durch mein Gedächtnis. Ein Kostava? Ich hatte keine Ahnung, was das hieß oder wer das war. Der Name sagte mir gar nichts.

Kisa legte ihre Stirn an meine. »Luka …«

»Ich verstehe nicht …«, flüsterte ich, und langsam bekam ich Kopfschmerzen davon, dass ich versuchte, mich an etwas, irgendwas im Zusammenhang mit diesem verfluchten Namen zu erinnern.

»Du verstehst nicht?«, fragte Kisa, und in ihren blauen Augen glitzerte Besorgnis.

»Ich verstehe nicht, was daran, dass er ein Kos … Kos …«

»Kostava«, half sie mir.

Ich nickte. »… ein Kostava ist, so schlimm sein soll.« Ich senkte den Blick und zermarterte mir das Hirn. »Ich erinnere mich nicht daran, warum das schlecht ist.« Mein Magen krampfte sich vor Zorn zusammen. Ich wusste, ich hätte es wissen müssen, aber ich konnte die Erinnerung einfach nicht finden.

»Ich sollte es wissen, richtig, Solnyshko?«, fragte ich Kisa.

»Du hast immer noch Gedächtnislücken.« Kisa strich mir übers Haar. »Mach dir keine Sorgen. Wir können es dir erklären. Wir können dir die Familiengeschichte erzählen, die dir verloren gegangen ist.«

Ich nickte, aber mir war, als würden eine Million Nadeln in meine erhitzte Haut stechen. Ich sah meinen Vater an, und er fluchte. Als ich mich wieder Kisa zuwandte, bohrten sich ihre blauen Augen in meine. Ich hob die Hand und streichelte ihr übers Gesicht. »Erzähl es mir«, bat ich, »erzähl mir von ihm, bitte …«

Sie hielt meine Hand fest und verschränkte meine Finger mit ihren. Dann drückte sie sie und ging mit mir zu einem Stuhl, damit ich mich setzte. Als sie sich neben mir niederlassen wollte, zog ich sie auf meinen Schoß. Sobald ich sie in meinen Armen hatte, entspannte ich mich.

Kisa drückte mir, ohne den Blick von mir zu wenden, einen tröstenden Kuss auf die Wange. Dann sah sie meinen Vater an. »Iwan, ich denke, es ist das Beste, wenn du es erklärst.«

Ich hörte mir jedes Wort aus dem Mund meines Vaters an. Die ganze Geschichte bis ins Detail. Ich erfuhr von den Kostavas. Bruchstückhafte Bilder meiner Familiengeschichte fanden plötzlich einen Platz. Aber alles, was ich hören und worauf ich mich konzentrieren konnte, war, dass 362 für mich endlich ein Leben hatte. Ich wusste nun, woher er kam, wer er war, wer seine Familie gewesen war. Aber noch wichtiger …

»Er hat einen Namen«, flüsterte ich, als mein Vater seine Erklärung beendete, warum sie mir die Identität von 362 verheimlicht hatten. Kisa legte die Hand an meine Wange, ich sah auf und wiederholte: »362 hat einen Namen.« Ich holte tief Luft und sagte: »Anri. Sein Name war Anri Kostava.« Ich schloss die Augen, nachdem ich seinen Namen laut ausgesprochen hörte. Und riss sie wieder auf, als etwas anderes, das mein Vater gesagt hatte, in meinem Kopf Gestalt annahm.

»Er war ein Zwilling. Anri hatte einen Zwillingsbruder.«

Ich stand abrupt auf, setzte Kisa auf den Stuhl und lief auf und ab. Mein Verstand war augenblicklich bei der Sache, getrieben von meinem Willen. »Wie hieß sein Bruder? Wie war der Name von Anris Zwillingsbruder?«

Mein Vater musterte mich eindringlich. Er sprach den Namen nicht aus, bis ich ihn mit einem Blick aus schmalen Augen herausforderte, ob er mir diese Information wirklich vorenthalten wolle.

»Zaal. Zaal Kostava«, erklärte er widerstrebend. Ich nickte und speicherte den Namen in meinem Gedächtnis.

»Und wo ist er jetzt? In einem Gulag? Ist er am Leben und muss auch in so einem Scheißgefängnis bis zum Tod kämpfen?« Die Stille dröhnte mir in den Ohren, als mein Vater sich weigerte, mich über Zaals Situation zu informieren. Feuer bis in die Knochen brannte in mir, als ich mich zur nächstbesten Wand umdrehte und die Faust in einen großen Spiegel donnerte, sodass Glasscherben zu Boden regneten. Dann wirbelte ich herum und sah den Pakhan und meinen Vater finster an. Mit einem blutigen Finger deutete ich auf sie und knurrte: »Ihr werdet mir sagen, wo er ist! Ich muss es wissen.«

Mein Vater stand auf und kam auf mich zu. »Luka. Hör auf!«, dröhnte er, und ich erstarrte. Ich biss die Zähne zusammen und hielt mühsam meine Wut im Zaum.

»Sag es mir!«, knurrte ich heiser.

Mein Vater blieb unbeirrt stehen, seine Miene war eiskalt. »Diese Familie wird niemals einem Kostava helfen«, antwortete er grimmig. »Kein Sohn von meinem Blut wird jemals einem von denen helfen.«

»Dann ist Zaal noch am Leben?«, fragte Kisa von der anderen Seite. Die Schultern meines Vaters versteiften sich.

Das war ein verdammtes Ja. Hoffnung stieg in mir auf.

»Wo ist er?«, wollte ich wissen.

»Luka …«

»Wo ist er!« Ich drehte mich um und tigerte weiter auf und ab. »Ist mir scheißegal, wer er für uns ist. Zaal ist der Bruder des Mannes, der mir das Leben gerettet hat. Des Mannes, den ich töten musste, weil der verdammte Alik Durow ihn in den Käfig geschickt hat, um mich zu töten! Und das, obwohl er hätte frei sein müssen!«

Ich blieb vor meinem Vater stehen und drängte: »Also, sag mir, wo er ist. Sofort.«

Mein Vater ließ die Schultern hängen und sah sich nach Kirill um. Der Pakhan runzelte die Stirn und lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich, als er sich vorbeugte. »Wir haben keinen sicheren Beweis, Luka. Aber unsere Quellen berichten von einem Mann in Jakhuas Klan.« Der Pakhan gab ein humorloses Lachen von sich. »Was heißt Mann? Soweit ich weiß, ist er wohl eher ein Kampfhund. Ein Kämpfer, der auf jeden Befehl von Levan Jakhua konditioniert wurde. Mit Drogen vollgepumpt und zum Killer gemacht. Ein Riese von einem Kerl, an dem Jakhua schon seit so vielen Jahren herumexperimentiert, dass er jede Menschlichkeit verloren hat. Er ist geisteskrank, unrettbar verloren. Ein Prototyp, ein Vorführobjekt für irgendeine Gehorsamkeitsdroge, die er inzwischen auf dem Schwarzmarkt verkauft.« Kirills Züge wurden hart. »Er hat damit angefangen, sie an andere kriminelle Vereinigungen zu verkaufen, und das in meiner Stadt. Nur einer von vielen Gründen, warum seine erbärmliche Mafiabande zerquetscht werden muss.«

Meine Muskeln strafften sich vor Zorn. Zaal hatte Experimente erdulden müssen, bis er den Verstand verloren hatte. Ein Killer unter Zwang. Genau wie bei mir und Anri. Aber er war am Leben. Er war immer noch am Leben.

Die Entscheidung fiel in einem Augenblick.

Ich trat unvermittelt auf meinen Vater zu und sagte: »Ich gehe in die Hochburg der Georgier und hole ihn. Ich hole Anris Bruder von diesem Stück Scheiße Jakhua weg.«

Mein Vater sah mich mit geweiteten Nasenflügeln an, seine Miene wurde finster, und Röte stieg ihm ins Gesicht. »Niemals. Kein Tolstoj wird jemals einem Kostava helfen!«

Ich trat noch näher, bis meine Brust seine streifte, und fixierte ihn mit meinem Blick. »Anri war kein Kostava für mich«, stellte ich unverblümt klar. »Sein Familienname bedeutet mir einen Dreck. Das musst du begreifen.« Ohne den Blick von ihm zu wenden, deutete ich auf Kisa. »Er hat mich aus diesem Gulag befreit, sodass ich meine Familie wiederfinden und meine Frau heiraten konnte.« Langsam holte ich Luft und fuhr fort: »Ich habe 362 Vergeltung versprochen, als er starb. Und ich werde ihm die Ehre erweisen, indem ich seinen Bruder rette und alle niedermache, die ihn in ihre Gewalt gebracht haben.«

In der Wange meines Vaters zuckte ein Muskeln. »Wenn du da reingehst, bedeutet das Krieg mit den Georgiern.«

Ich ging zu Kisa und deutete mit dem Kopf auf die Tür. Kisa folgte mir, ohne Fragen zu stellen. Dann drehte ich mich zu Kirill und meinem Vater um. »Jakhua ist nach Brooklyn zurückgekommen, um uns alle auszulöschen. Wir wissen, dass es so ist. Der verdammte Krieg hat längst begonnen. Wenn ich gehe und Zaal hole, beschleunigt das nur den Anfang des Konflikts.«

Als ich den Türknauf drehte, sagte mein Vater: »Ich versammle unsere besten Leute zu deiner Unterstützung. Ich will nicht erleben, dass du deswegen umkommst. Aber falls du diesen Kostava-Abschaum lebend da rausholst, dann halt ihn verflucht noch mal fern von mir und Brooklyn. Andernfalls töte ich ihn eigenhändig. Ich will diese Familie nie wieder sehen.«

Ich nickte. »Verstanden.«

Damit verließen Kisa und ich das Büro. Kisa, die die Entschlossenheit in meinen Augen sehen konnte, griff nach meiner Hand.