Rebell für die Erde - Bernhard Fricke - E-Book

Rebell für die Erde E-Book

Bernhard Fricke

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14,99 €

Beschreibung

SOS für unsere Erde! 016 jährt sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl zum dreißigsten Mal. Zeit für Bernhard Fricke, Gründer der Umwelt- und Bürgerrechtsorganisation "David gegen Goliath", Bilanz zu ziehen: Was haben wir gelernt und welche Konsequenzen haben Politik und Gesellschaft daraus gezogen? Als David gegen diverse Goliaths macht er sich auch immer wieder mittels spektakulärer Aktionen für Menschen, Tiere und die Umwelt stark: Gegen die sinnlose Abholzung von Bäumen im Münchner Stadtgebiet protestierte er mit seiner legendären Baumbesetzung. Seinen Unmut gegenüber katastrophalen Bedingungen in Fernzügen der DB brachte er im öffentlichkeitswirksamen "Pinkelprozess" gegen die Bahn zum Ausdruck, ebenso wie durch seine ICE-Sitzblockade. Während seiner zwölf Jahre im Münchner Stadtrat kämpfte er für den Atomausstieg und die Förderung der Solarenergie. Um für die Wiederzulassung der Schutzimpfung gegen die Maul- und Klauenseuche einzutreten, impfte er sein Schaf Seraphin illegal und vor laufender Kamera. Aktuell stellt er im Zuge der Flüchtlingsdebatte klar, dass die Güter der Erde für alle da sind und es keinen Grund für Armut, Hunger, Kriege und Gewalt gibt. Bernhard Fricke erzählt von tierischen und menschlichen Lehrmeistern und was wir von den Bäumen lernen können. Humorvoll, aufrichtig und berührend – die außergewöhnlichen Lebenserinnerungen eines engagierten Kämpfers, der nicht klein beigibt.

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Seitenzahl: 326

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Bildnachweis:

Alle Fotos stammen von David gegen Goliath e.V., wenn nicht anders angegeben

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook: 2016 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlag: Wolfgang Heinzel

Umschlagmotiv: 123 RF/Cienpies Design und Mascha Greune, München

Satz und eBook-Produktion: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-7766-8240-3

Dieses Buch widme ich allen Kindern unserer Erde, meinem Schaf Seraphin, meinen Hündinnen Solara und Cheruba, meinem Kater Panther, meinem Pferd Penelope, der Ulme als meinem Lebensbaum und meinen Sternengeschwistern von Orion, Sirius und den Plejaden.

Gebet der Vereinten Nationen

Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.

Amen.

❚ Inhalt

❚Vorwort

❚Wie ich wurde, was ich bin

❚Meine Lehrzeit in der Politik: Wahlkampf für Erhard Eppler

❚David gegen Goliath: klein, aber erfolgreich

❚Ortstermin am Höllenfeuer von Tschernobyl

❚Meine Lehrzeit für die Erde: Sonnen-König trifft Sonnen-Bär

❚Seraphin: in tödlicher Maul- und Klauenseuchengefahr

❚Baum-Massaker im Herzen Münchens

❚Rendezvous am Baumstamm: meine Begegnung mit Julia Butterfly Hill

❚David sitzt im Weg: Alarmruf an die Bahn

❚Ich steige meiner Kirche aufs Dach: Kampf gegen Kommerzwerbung an Kirchtürmen

❚SOS für die Menschlichkeit: Olympiastadt München hilft Olympiastadt Sarajevo

❚Solara: Leben und Sterben in Würde

❚Sonne macht Spaß, Sonne macht Sinn: mit der Kraft der Sonne in eine lebenswerte Zukunft

❚Cloudi: trotz großen Leides Botschafterin der Freude

❚Kornkreise: Liebesgrüße aus dem All

❚Wir kommen (zu euch): Flüchtlinge auf dem Weg zu uns

❚Die Sonnen-Arche im Chiemgau: Freudenhof für Menschen und Tiere

❚Der Jäger war Cherubas Tod

❚Leben und Sterben: das Ende ist der Anfang

❚Zum Schluss: genug der Worte – endlich Taten

❚Dank

❚ Vorwort

An den Ostertagen 1996 kam ich mit einer Leptospirose, einer lebensgefährlichen, nur schwer zu diagnostizierenden Infektionskrankheit gerade noch rechtzeitig in das Schwabinger Krankenhaus. Auf der Intensivstation kämpften die Ärzte erfolgreich um mein Leben. Die Dauerbelastung als Stadtrat, Vorsitzender der Organisation »David gegen Goliath« und Rechtsanwalt, vor allem aber die zunehmende Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber den atomaren Gefahren und der fortschreitenden Umweltzerstörung hatten mich erschöpft.

In der Karfreitagnacht zog mich das einzige mitgebrachte Buch, Das Vermächtnis der Wildnis. Visionen und Prophezeiungen zur Rettung unserer gefährdeten Welt geradezu magisch an. Es war die Lebensgeschichte von Stalking Wolf, einem alten Schamanen vom Volk der Apachen. Bereits am Anfang des Buches offenbarte Stalking Wolf vier Prophezeiungen, die in starken, eindringlichen und realistisch anmutenden Schreckensbildern das Ende unserer nur auf materiellen Werten aufgebauten Wachstums-, Konkurrenz- und Vergnügungszivilisation voraussagten, falls es nicht zu einer grundlegenden Kurskorrektur kommen würde.

Diese Schreckensvisionen schlugen mich völlig in ihren Bann, sie durchdrangen meinen geschwächten Körper, meinen angeschlagenen Geist und meine wunde Seele und versetzten mich in höchsten Aufruhr. Mehr als die Hälfte aller Menschen, Tiere und Pflanzen würden demnach schon in überschaubaren Zeitläufen von der Erde verschwinden. Würden meine Menschen- und Tierfreunde auch darunter sein? Ich konnte kein Auge zumachen, und es dauerte sehr lange, bis ich endlich doch einschlief. Irgendwann wachte ich schweißüberströmt auf und hatte jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber den Traum dieser Nacht werde ich mein Leben lang nicht vergessen: Ich stieg auf einer zum Himmel führenden Leiter, so schnell ich konnte, immer weiter nach oben. Nach einer mir endlos erscheinenden Zeit gelangte ich an die Himmelspforte. Ich schaute in einen großen Raum, in dem ein geschäftiger älterer Herr mit weißem Gewand und Rauschebart in seine Arbeit vertieft an einem Schreibtisch saß. Die Tür zu einem weitaus größeren, lichtdurchfluteten Raum war nur angelehnt, ich konnte allerdings nur von hinten die Umrisse einer in weißes Licht gehüllten, mir nahezu körperlos erscheinenden Person erkennen. Der Mann am Schreibtisch, offenkundig der Hüter des Himmels, würdigte mich keines Blickes und setzte seine Arbeit unvermindert fort. Er ließ mich lange warten, bis er endlich kurz aufblickte und mich anherrschte: »Was willst du hier oben? Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du gehst sofort wieder auf die Erde zurück und setzt deine Arbeit fort!«

Nach dieser keinen Widerspruch duldenden Aufforderung ging ich schnurstracks den gleichen Weg zur Erde zurück.

Seitdem setze ich auf der Erde meine Arbeit fort, die ich nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl begonnen hatte. Dieser erste atomare GAU am 26. April 1986 ist ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, aber auch in meinem Leben gewesen. Wir haben in jenen Tagen unsere »atomare Unschuld« verloren – spätestens seitdem wissen wir, dass wir vor radioaktiven Strahlen nicht davonlaufen können, dass es keine wirksame medizinische Hilfe gibt und eine Evakuierung der Bevölkerung aus den radioaktiv verstrahlten Zonen nicht möglich ist. Wir wissen aber auch, dass ein neuer Atomunfall, ausgelöst durch menschliches oder technisches Versagen oder einer Kombination aus beiden Faktoren, jederzeit auch bei uns in unseren dicht besiedelten Gebieten möglich ist. Das würde den Zusammenbruch unserer Zivilisation zur Folge haben.

Die weitaus tiefere Dimension dieser ersten Atomkatastrophe hat sich mir aber erst Jahre später erschlossen: Der Name Tschernobyl bedeutet auf Deutsch »Wermut«, also »bitteres«, konkreter, »vergiftetes Wasser« und führt uns direkt in die Apokalypse des Johannes. Dort heißt es im achten Kapitel in Vers zehn bis elf: »Und der dritte Engel posaunte: Und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen. Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.«

Wenn die Wasser vergiftet sind, werden wir Menschen, aber auch Tiere und Pflanzen wie prophezeit sterben, denn wir können nicht länger als drei Tage ohne Wasser leben. Eine eindringlichere Warnung aus der geistigen Welt können wir nicht erwarten. Tschernobyl ist die klare Aufforderung an uns, von einem selbstzerstörerischen Atom-, Wachstums- und Verschwendungskurs Abstand zu nehmen und ein Leben im Einklang mit der Natur, ihren Gesetzen, Bedürfnissen und Begrenzungen zu führen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir bald alle über Jahrmillionen gewachsenen Bodenschätze aus dem Inneren unseres Heimatplaneten Erde geplündert und das hochsensible Gleichgewicht des Lebens zerstört haben.

Die zunehmende Verschmutzung von Erde, Luft und Wasser, die immer deutlicher spürbar werdende Klimakatastrophe, die ansteigende radioaktive Verseuchung, das zunehmende Artensterben und das Abschmelzen der Eisberge: Das alles sind Fakten, die mit Leichtigkeit überprüft werden können.

Diese zunehmende Belastung unserer Ökosysteme ist bereits 1975 in dem vom Club of Rome herausgegebenen Weltbestseller »Die Grenzen des Wachstums« und schon vor Jahrzehnten in regierungsamtlichen Dokumenten wie in dem von der US-Regierung herausgegebenen Umweltreport »Global 2000« thematisiert worden. Es liegt auf der Hand: Wenn unserem Ökosystem mehr entnommen wird, als nachwächst, hat es keine Überlebenschance. Dann ist der Zusammenbruch nur noch eine Frage der Zeit.

Tragischerweise sind die richtigen Konsequenzen aus den Analysen und Erkenntnissen weitgehend ausgeblieben. Kleiner statt größer, ruhiger statt lauter, langsamer statt schneller, mehr Solidarität statt zerstörerischer Konkurrenz, mehr Sonne statt Atom, Kohle und Gas sollte die Devise lauten. Doch wir tun nicht, was wir wissen. Unser bestehendes Wirtschaftssystem mit dem Dogma des grenzenlosen Wachstums und dem obersten Ziel der Gewinnmaximierung auf Kosten von Mensch und Natur hat sich zu einer Ersatzreligion, dem Mammonismus, entwickelt. Er wird von einem Heer von hochbezahlten Lobbyisten, Meinungsmachern in allen Medien und ausgefuchsten Juristen höchst erfolgreich abgesichert und verteidigt. Der Bürger als der eigentliche Souverän unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates hat sich von einem rund um die Uhr ablaufenden, kostenfreien »Brot und Spiele«-Vergnügungsprogramm auf allen Medien einlullen lassen und sich in dieser einzigartigen Waren- und Vergnügungswelt als auf sich bezogener Egomane eingerichtet. Der Preis, der für die wachsende Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit zu zahlen sein wird, wird erfolgreich verdrängt. Und die Kirchen, deren originäre Aufgabe die Bewahrung der Schöpfung und die Verkündung der sinnstiftenden Liebesbotschaft von Jesus Christus sein sollte, sind Teil dieses Systems geworden, haben sich bis zur Unerträglichkeit angepasst und lassen sich auch noch staatlich finanzieren und damit tendenziell korrumpieren.

So steuern wir unbeirrt, wie einst die Titanic, mit Volldampf auf den vor uns liegenden, immer deutlicher sichtbar werdenden Eisberg zu, und nur ein Wunder kann den Zusammenstoß noch aufhalten.

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl hat mein Leben und meine Sichtweise auf die lebensbedrohliche Gefährdung unseres Heimatplaneten Erde grundlegend verändert. Mich hatte die radioaktive Wolke damals beim Joggen im Chiemgau erwischt. Meine Hilflosigkeit, meine Angst und mein Zorn über die verlogene, meine Gesundheit gefährdende Informationspolitik der damaligen Bundesregierung, verstärkt durch die grenzenlose Panik von befreundeten Familien mit Kindern, hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich werde nie den Anruf eines befreundeten, sonst immer coolen, zu diesem Zeitpunkt aber völlig aufgelösten Rechtsanwalts vergessen: »Kannst du bitte meine Kanzlei einige Zeit betreuen, ich muss hier sofort weg, um meinen Sohn in Sicherheit zu bringen.« Es war ihm völlig unvorstellbar, dass man sich vor radioaktiven Strahlen nicht in Sicherheit bringen kann.

Das gab den Ausschlag für meinen Entschluss. Ich wollte nicht länger ein hilfloses Opfer von weiteren zu erwartenden Atom- oder Umweltkatastrophen sein. Das führte im Juni 1986 zur Gründung der Umwelt- und Bürgerrechtsorganisation »David gegen Goliath«. In dieser von mir als existenzielle Überlebenskrise der Menschheit wahrgenommenen »Sein oder Nichtsein«-Situation, in die ich schicksalhaft hineingeworfen wurde, fand ich meine – im wahrsten Sinne des Wortes – Lebens-Aufgabe. Diese sich immer mehr ausweitende Aufgabe entwickelte sich in den nächsten Jahren zwangsläufig zu einem unbezahlten Vollzeitjob, dem ich mein ganzes persönliches und berufliches Leben untergeordnet habe.

Eine solche Entscheidung muss jeder für sich treffen. Nur sollte keiner jemals wieder sagen können, er hätte von der wachsenden Zerstörung unserer Umwelt und den nicht beherrschbaren atomaren Gefahren nichts gewusst – und deshalb nicht gehandelt.

»David gegen Goliath« – einen optimistischeren und Mut machenderen Namen gibt es für mich nicht. Er flog mir als ein Geschenk des Himmels zu, als ich meditierte und die geistige Welt um Beistand, Führung und Schutz bat: Der kleine David, der gegen die übermächtigen finanz- und organisationsstarken Atom- und Wachstumsgoliaths eigentlich keine Chance hat und doch – mit Gottes Hilfe – erfolgreich ist.

Seitdem habe ich mit meinen Mit-Davids immer wieder durch vielfältige politische, kulturelle und natürlich auch provokative Aktionen auf die wachsende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und unsere zu Ende gehende Zeit aufmerksam gemacht: Vor den Folgen der Zerstörungen zu warnen, von der Politik, der Wirtschaft und jedem Einzelnen Konsequenzen anzumahnen, vor allem aber Mut zu machen, alte Wege zu verlassen und gemeinsam unseren »Davidsweg der kleinen Schritte mit großer Perspektive« zu folgen und damit unsere Wahrnehmungs-, Urteils- und Handlungsfähigkeit zu stärken.

Dabei liegt die Lösung auf der Hand: Eine solare, humanistische, vom göttlichen Geist durchdrungene Gesellschaft der geschwisterlichen Einheit, verbunden in Liebe, Achtsamkeit und Mitgefühl mit allem tierischen und pflanzlichen Leben, das schon lange vor uns auf der Erde bestanden hat – ohne Atomkraftwerke und ohne Atomwaffen, mit Achtung von Menschen- und Tierrechten und absolutem Folterverbot.

In der Bibel heißt es: »Wem viel gegeben, von dem wird viel verlangt.« Mir ist in diesem Leben sehr viel gegeben worden. Deshalb gebietet mir die Stimme meines Herzens aus Dankbarkeit gegenüber dem Geschenk meines jetzigen, ungemein privilegierten Lebens in Freiheit, Sicherheit und Würde: Solange ich lebe, werde ich alles tun, um die Erde – um es in der indianischen Terminologie auszudrücken –, »meine heilige Mutter Erde«, zu schützen, zu lieben und zu achten, um sie für alle nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Bei einem Interview anlässlich meines sechzigsten Geburtstags wurde ich völlig unvorbereitet gefragt, was für eine Art Politiker ich eigentlich sei. Ohne lange zu überlegen gab ich die Antwort: »Ich bin ein Erd-Politiker, der sich für die Erde als Ganzes mitverantwortlich fühlt. Ich bin überzeugt, dass alles Leben heilig ist, weil es aus der gleichen göttlichen Schöpfungsquelle stammt. Wir alle sind in einem unendlichen Netzwerk des Lebens miteinander verbunden, in dem das Wohlergehen aller vom Wohlergehen jedes Einzelnen abhängt.«

Das ist meine Berufung als Erd-Politiker. Dafür bin ich in diesen bewegten und bewegenden Zeiten auf die Erde zurückgekehrt. Mein Weg dorthin ist eine Kette von Führungen und Fügungen, bei der viele große und kleine Menschen, aber vor allem auch hoch entwickelte Seelenwesen in Tiergestalt wie Seraphin, Cheruba, Solara, Bibi und Cloudi sowie Bäume und Pflanzen meine Lehrmeister waren.

Von diesem meinem Weg, wie ich wurde, was ich bin, von meinen Erlebnissen und Erfahrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, möchte ich in diesem Buch erzählen und Ihnen Mut zu Ihrem eigenen Weg machen. Wende oder Ende – das ist die Alternative. Unsere Entscheidung sollte klar sein. Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt: Warten wir nicht länger, gehen wir endlich los – jetzt!

❚ Wie ich wurde, was ich bin

Und wieder einmal war es so weit: Am 19. Juli 1950 um 6:40 Uhr betrat ich erneut meinen Heimatplaneten Erde, um die Lektionen auf meinem Weg zur göttlichen Vollkommenheit zu lernen, die ich in meinen früheren Leben nicht geschafft hatte. Ich kam als Zwilling eine halbe Stunde nach meiner Schwester Anne zur Welt, der ich als Kavalier schon zu Beginn meiner Erdenkarriere den Vortritt ließ.

Dieses Mal kam ich als Mann, als Deutscher, als Christ auf die Welt. Meine Geburtskoordinaten bescherten mir als kosmische Verbindungslinien zu meinem diesmaligen irdischen Sein den Krebs und den Löwen, also zwei extrem gegensätzliche Tierkreiszeichen, ergänzt durch den chinesischen Tiger und den indianischen Specht. Auch mit meiner symbolträchtigen Namensgebung konnte ich zufrieden sein. Mein erster Vorname Bernhard bedeutet »der Bärenstarke«, mein zweiter Vorname lautet Peter, was sich mit »der Fels« übersetzen lässt. Die erste Silbe meines Nachnamens »Fri« steht im Althochdeutschen bzw. im Germanischen für Freiheit und Frieden. Später ergänzte ich diese starken Namen durch meinen Wahlnamen David, »Geliebter des Herrn«.

Meine Eltern waren ein Geschenk. Sie brachten mich quasi als eine Art »Trägerrakete« aus den himmlischen Sphären wieder auf das Erdenrund: Meine Mutter Anne war eine kommunikative und fröhliche Ärztin, die ihre Lebensenergie in die Entwicklung ihrer Kinder und die Pflege ihrer Familie steckte. Mein Vater Ferdinand war ein exzellenter, seelenvoller Jurist, ausgleichender Kommunalpolitiker und Fraktionsvorsitzender der FWG sowie begeisterter Imker. Ergänzt wurden diese Grundbedingungen meiner Existenz durch Großväter, die Kaufleute und Förster waren.

»Landeplatz« war Hofgeismar bei Kassel, eine kleine Kreisstadt im damaligen Zonenrandgebiet.

Schon als Kind hatte ich ein besonderes Interesse an Himmelsphänomenen: Jeder Regenbogen, die Sonnenauf- und -untergänge, vor allem aber der klare Sternenhimmel mit seinen unzähligen Lichtpunkten, Blitze bei Gewittern und – als absolutes Highlight – die Entdeckung einer Sternschnuppe erfüllten mich mit nie versiegender Freude und Begeisterung.

Als Kind wuchs ich in der zur Selbstversorgung betriebenen Landwirtschaft meines Großvaters Martin mit den zu einer Landwirtschaft gehörenden Tieren, Pferden, Kühen, Schweinen, Hühnern, Kaninchen, Katzen und Hunden, auf. Ich verbrachte meine Ferien bei meiner bäuerlichen Verwandtschaft in der Gegend von Bad Hersfeld. Mein erster Weg führte mich immer zuerst zu den Tieren in die Ställe oder auf die Weide. Ich fühlte mich in ihrer Nähe wohl, genoss ihre lebendige Ruhe, ihren vom Heu verfeinerten Geruch und war glücklich, sie zu streicheln oder auch zu beruhigen, wenn sie einmal aufgeregt waren. Besonders berührte es mich, wenn mir ein junges Kälbchen mit seiner rauen Zunge die Hand oder manchmal sogar das Gesicht abschleckte und mich mit einem seelenvollen Blick ansah.

Unseren Tieren ging es gut, sie wurden reichlich versorgt, hatten genügend Bewegung und wurden nie geschlagen. Aber es war immer klar: Sie hatten eine ausschließlich uns Menschen dienende Funktion, trugen keine Namen, und ihr Ende im Kochtopf war schicksalhaft vorbestimmt. Das Töten der Tiere war für uns Kinder ein Tabu: Wir durften z. B. nicht mit ansehen, wie ein Schwein mit einem Bolzenschuss und einem Kehlenschnitt im Herbst getötet wurde, aber bei der Verarbeitung zu Wurst und Schinken waren wir wieder dabei. Wenn die Arbeit getan war, wurde im Kreis der Großfamilie immer ein sogenanntes Schlachtfest gefeiert, bei dem das Schwein in das Dankgebet eingeschlossen wurde.

Meine innige Zuneigung zu den Tieren, besonders zu den Tierkindern, hinderte mich aber trotzdem nicht daran, sie ohne den geringsten Skrupel genussvoll zu verspeisen, wenn sie als Braten auf den Tisch kamen. Auch bei mir funktionierte die traditionsbedingte Abspaltung und Verdrängung lange Jahre perfekt: Ich wollte nicht wahrnehmen, dass hinter jedem kurzen Genuss eines noch so köstlich zubereiteten Fleischgerichts ein dafür geopfertes Leben steht. Im Gegensatz zu Raubtieren haben wir Menschen die Wahl, uns ohne Fleisch und damit auch noch gesünder zu ernähren. Aber das war damals noch kein Thema: Ethische oder religiöse Bedenken bezüglich des Fleischverzehrs gab es in der Familie oder im Freundeskreis noch lange Zeit überhaupt nicht. Später wurde das Problem der tierischen Ernährung sogar noch verstärkt: Gab es in meinen ersten Kindheitsjahren nur an Sonn- und Feiertagen einen Braten, kam ab den Sechzigerjahren nahezu täglich ein Fleischgericht auf den Tisch – auch als Ausdruck des unreflektierten Gefühls »Wir können es uns leisten«. Erst als Seraphin, mein selbstbewusst-fröhliches Schaf, im Frühjahr 1988 in mein Leben trat und ich das große Glück hatte, etwa dreißig ihrer Kinder und Enkelkinder aufziehen zu dürfen, wurde ich auch aus Gesundheits- und Umweltgründen vom Teilzeit- zum überzeugten Vollzeitvegetarier. Das mit Macht erwachende Leben der Lämmer, ihre ansteckende Lebensfreude, ihre nie versiegende Neugier auf alle Lebensvorgänge, ihre übermütigen Luftsprünge und ihre immer im fröhlichen Chaos endenden Wettrennen über die Wiesen waren überzeugende Manifestationen des Lebens. Dadurch wurde mir endlich klar, wie viele Lämmerleben ich durch meinen kurzen und leichtfertigen Fleischgenuss auf dem Gewissen hatte. Glücklicherweise bekam ich später die Gelegenheit, tätige Reue zu üben und meinen Schafen ein sicheres und artgerechtes Leben bis zum Tod zu ermöglichen. Mein Schaf Seraphin, Botschafterin der Nutztiere bei den Menschen, und ich waren in der Öffentlichkeit ein bekanntes Team, das für ein artgerechtes Tierleben in Würde stand.

Die Früchte unserer landwirtschaftlichen Felder, unseres großen Gemüsegartens und einer Obstplantage, machten für unsere Familie eine weitgehende Selbstversorgung mit hochwertigen, köstlich schmeckenden Nahrungsmitteln möglich. Ich weiß noch heute, wie köstlich sonnendurchflutetes Obst und Gemüse, zum richtigen Zeitpunkt geerntet, schmeckt. Ich erinnere mich auch noch gut, wie meine Großmutter in einem großen Holzfass aus Milch Butter machte, wie Brot im Backofen gebacken wurde und Weißkraut in große braune Tontröge eingelegt wurde, um Sauerkraut zu werden.

Meine Großmutter Karoline war die erste praktizierende Ökologin in unserer Familie; ihr Öko-Dreiklang ist mir bis heute lebendig geblieben: Licht ausschalten, Wasserhahn abdrehen, wenn man den Raum verlässt, und Brot nicht wegwerfen, weil dies angesichts der vielen Hungernden in der Welt eine Sünde ist.

Meine Eltern gaben mir einige Leitlinien mit auf meinem Weg, die mich bis heute begleiten:

Erwarte alles von dir und nichts von anderen. Steh anderen in der Not bei, dann bist du in der Not nicht allein. Mach dein Verhalten nicht von anderen abhängig, sondern bewahre deine Werte auch in Stresssituationen. Achte die Meinung von anderen, auch sie können einmal recht haben. Jeder kann dein Lehrmeister sein, auch Kinder und Tiere. Höre auf deine innere Stimme, sie ist deine beste Richtschnur. Tritt niemals auf einen, der schon am Boden liegt. Gib jedem eine zweite Chance. Du bist nicht wichtiger als die anderen, aber keiner ist wichtiger als du. Versuche einen Konflikt immer mit einem gesichtswahrenden Kompromiss zu beenden, damit keine Feindschaft entsteht. Nimm nichts selbstverständlich, sei dankbar für alles, freu dich an den täglichen kleinen Wundern des Lebens und erfülle dein Herz mit Liebe und vergebender Nachsicht.

Der Besuch der Albert-Schweitzer-Schule, einer UNESCO-Modellschule, öffnete mir schon früh das Tor zur Welt. Zum Schulalltag gehörten Austauschprogramme mit Finnen, Dänen und Schotten, die oft wochenlang bei uns wohnten. Dadurch wurde der Umgang mit ausländischen Mitschülern zu einer bereichernden Normalität. Bei gemeinsamen Veranstaltungen und Ausflügen lernten wir uns besser kennen, sprachliche und kulturelle Grenzen wurden durch ein Band herzlicher Gemeinsamkeit schnell überwunden, und auch meine ersten Liebschaften waren schon international geprägt.

In meiner Schulzeit war ich sportlich auf vielen Ebenen aktiv, insbesondere im Handball und in der Leichtathletik. Zusätzlich engagierte ich mich schon früh in unserer später international ausgezeichneten Schülerzeitung. Als Chefredakteur nahm ich am ersten deutsch-englischen Schülerzeitungsseminar in Hamburg teil.

In der Schülermitverwaltung war ich ebenfalls von Anfang an engagiert. Mir hat es immer große Freude gemacht, aus dem Nichts etwas ganz Neues zu gestalten – beispielsweise ein großes Schul-Faschingsfest, bei dem man nur über eine zehn Meter lange, eigens konstruierte Holzrutsche in den Festsaal gelangen konnte. Dabei entdeckte ich in mir eine besondere Begabung: Menschen zu begeistern und ihre noch schlummernden Fähigkeiten für ein gemeinsames Ziel zu aktivieren. Diese Fähigkeiten waren für meine spätere Umwelt- und Bürgerrechtsarbeit von entscheidender Bedeutung.

Als Kulturschock für viele Lehrer meiner Schule nahm ich in meiner Eigenschaft als Schulsprecher als erster Schüler in der langen Schulgeschichte an einer Lehrerkonferenz teil, organisierte im Zuge der 68er-Reformbewegung die ersten Schülervollversammlungen und war als Schulsprecher im Landesschülerrat mit von der Partie. Ich lernte sehr schnell, wie wichtig es ist, sich mit persönlich sympathischen Mitstreitern zu verbinden, gemeinsame Initiativen zu entwickeln, sie mehrheitsfähig zu machen und sie damit auch durchzusetzen.

Viel mehr als in der und durch die Schule lernte ich jedoch seit meiner frühen Jugend auf zahlreichen Reisen durch viele Länder unserer Erde. Im Kreis von Reisenden aus aller Welt habe ich mich immer am wohlsten gefühlt: Hier zählte nie, wer man war, sondern allein, wie man genau in dem Moment der Begegnung mit den anderen war. Ich habe ganz überweigend gute Erfahrungen gemacht und viele Freundschaften geschlossen, die über Jahre erhalten geblieben sind. Meine Reiselust, meine Neugier auf fremde Kulturen und Traditionen, vor allem auf die Wunder der Natur, sowie mein immerwährendes Interesse, neuen Menschen zu begegnen, mich mit ihnen zu freuen und von ihnen zu lernen, ist mir bis heute erhalten geblieben.

Gerne hätte ich zusammen mit Alexander dem Großen bei Aristoteles an einem inspirierenden »Studium generale« teilgenommen, um für meine bis heute noch unvollendet gebliebene Laufbahn als »Sonnen-König« – ein mir von der Münchner Abendzeitung für mein Engagement für die Sonnenenergie verliehener Ehrentitel – die optimale Vorbereitung zu bekommen. Da weder ein solcher Lehrer noch eine solche Fächerkombination in meiner Studienzeit zur Verfügung standen, machte ich aus der Not eine Tugend und studierte in Freiburg, Berlin und München Jura, Politik und Psychologie.

Sehr gut in Erinnerung geblieben ist mir der Aufenthalt an der »Friedensuniversität« in Tihange (Belgien), an der ich 1971 mit Studenten aus vierzig Nationen ein ethisch und global ausgerichtetes Friedenspraktikum durchlief. Ich habe dabei gelernt, die Meinungen von Menschen aus anderen Kulturen und Traditionen als gleichwertige, bedenkenswerte und bereichernde Ergänzung für meine eigene Meinungsbildung anzusehen. Dadurch habe ich wichtige Impulse für die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer auf das Wohl aller ausgerichteten Zusammenarbeit in einer globalisierten Welt bekommen. Sie finden in einer Haltung solidarischer Kooperation statt zerstörerischer Konkurrenz ihren überzeugendsten Ausdruck.

Ein besonderer Höhepunkt in meinem Leben war die Olympiade 1972 in München. Ich hatte das Glück, aus einer großen Bewerberzahl als »Ehrenbegleiter«, also als eine Art persönlicher Assistent, für ein IOC-Mitglied ausgewählt zu werden. Mein »olympischer Dienstherr« war Lance Cross, Fernsehdirektor aus Neuseeland. Er gehörte als eines von fünf Mitgliedern dem Exekutivrat, also quasi der geschäftsführenden »Regierung« des IOC an. An seiner Seite konnte ich die wesentlichen sportlichen und gesellschaftlichen Ereignisse dieses unvergleichlichen globalen Freudenfestes aus nächster Nähe miterleben.

Die Olympischen Spiele 1972 in München: Welch ein Unterschied zu der nur sechsunddreißig Jahre zuvor stattgefundenen Olympiade in Berlin. Damals präsentierte sich ein martialisches, größenwahnsinnig gewordenes Deutschland mit Weltbeherrschungsfantasien vor einer fasziniert-verschreckten Weltöffentlichkeit und löste Bewunderung und Entsetzen gleichzeitig aus. Bei der Olympiade in München zeigte dagegen ein Deutschland, das aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hatte, der verwunderten und beglückten Weltöffentlichkeit sein neues Gesicht.

Wie tragisch, dass der brutale palästinensische Terroranschlag diese heiter-gelöste Grundstimmung mit einem Schlag veränderte. »The games must go on« – diese unter starker Mitwirkung »meines« IOC-Mitglieds nach langen, leidenschaftlichen Debatten getroffene Entscheidung war sicherlich richtig, da sonst für weitere terroristische Erpressungen Tor und Tür geöffnet worden wären. Aber die unbeschwerte Heiterkeit dieser Olympischen Spiele war verflogen und sie waren bis zum Schluss von einem Schatten umwölkt. Doch die vielen positiven Erinnerungen an sportliche Höhepunkte, rauschende Feste und wunderbare Begegnungen mit Menschen aus aller Welt sind bis heute lebendig geblieben.

1973 gelang es mir, einen heiß umkämpften Hospitanzplatz beim Bayerischen Rundfunk zu bekommen. Mit zwanzig Kolleginnen und Kollegen absolvierte ich ein Ausbildungsprogramm und habe seit dieser Zeit mit unterschiedlicher Intensität als freier Journalist für Rundfunkanstalten und Zeitungen gearbeitet. Besonders gerne berichtete ich über meine Erfahrungen mit ungewöhnlichen Menschen und spannenden Initiativen und Projekten, vor allem solchen, die ich bei meinen vielen Reisen in die Dritte Welt selbst miterlebt hatte.

Die nächste wichtige Lebensstation war mein Engagement für Erhard Eppler, den früheren Entwicklungshilfeminister und langjährigen Kirchentagspräsidenten. Im Landtagswahlkampf 1979/80 unterstützte ich ihn als Spitzenkandidat der SPD als persönlicher Mitarbeiter und Berater gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Lothar Späth und die im »Ländle« traditionell starken Grünen. Meine Zeit für und mit Erhard Eppler fand durch die verlorene Landtagswahl ein ziemlich abruptes Ende. Mit all dem Einsatz konnte ich zwar nicht dieses Ergebnis, aber immerhin einen noch größeren Einbruch verhindern. Umso mehr hat es mich gefreut, dass mein Engagement damals doch ein großes Maß an Anerkennung fand und die SPD-Landtagsfraktion und die Mitarbeiter mich in einer kleinen Abschiedsfeier mit Standing Ovations verabschiedeten. Mit diesem Bonus hätte ich den Sprung in die Bonner, damals von Helmut Schmidt geprägte, Politik wagen können. Daran hinderte mich aber meine Loyalität zu Erhard Eppler, dem ich bis heute freundschaftlich verbunden bin. Für mich war diese Zeit meine wichtigste politische Lehrzeit. Ich lernte den kaum vorstellbaren Unterschied zwischen politischer Theorie und Praxis kennen, dem dominanten menschlichen und überdominanten wirtschaftlichen Faktor, den extremen Wankelmut des sich nur zu oft an kurzfristigen persönlichen Interessen orientierenden Bürger-Souveräns, den Zynismus der ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit und den Verrat an ihren Idealen standhaft leugnenden Politiker und die durch vielerlei Sachzwänge extrem reduzierten Gestaltungsmöglichkeiten der Politik, aber auch die irritierende Kraft des Zufalls, der dennoch immer wieder Kurskorrekturen in scheinbar aussichtsloser Situation auch im letzten Moment noch möglich machen kann. Als wichtigstes Kapital lernte ich in dieser intensiven Lebensphase Persönlichkeiten aus Kultur, Ökologie und Wissenschaft wie Hans-Peter Dürr, Frederic Vester, Günter Altner, Senta Berger und Barbara Rütting kennen, die Jahre später einmal die Arbeit der Umwelt- und Bürgerrechtsaktion »David gegen Goliath« unterstützen sollten.

So kehrte ich um viele Erfahrungen reicher nach München zurück. Einige Zeit später bekam ich das Angebot, als Reiseleiter auf dem russischen Kreuzfahrtschiff »Ivan Franko« zu arbeiten. Mangels anderer sinnvoller Alternativen sagte ich zu und fuhr drei Monate über die Weltmeere. Ich war für das Bordradio und das Sportprogramm verantwortlich und wurde auch für die Landausflüge als Reiseleiter eingesetzt. Sechshundert Passagiere, zweihundertsiebzig Mann (zur Zeit der kommunistischen Diktatur vom KGB streng überwachte) russische Besatzung sowie dreißig Künstler und wir zehn Reiseleiter – das war ein Mikrokosmos auf engstem Raum, mit allen dazugehörenden Freuden und Konflikten, die in den unendlichen Wasserwelten zumeist schnell aufgelöst wurden. Von meinem damals gewonnenen russischen Umgangssprachschatz kann ich noch heute zehren.

Ab 1982 baute ich mir eine eigene Anwaltskanzlei in München mit Schwerpunkt Familien- und Strafrecht auf. Im Laufe der Zeit verlagerte ich meinen Schwerpunkt immer mehr auf die Prävention und Mediation von Problemen. In dieser Zeit übernahm ich als langjähriges Mitglied der Bürgerrechtsorganisation »Humanistische Union« das Amt des Landesvorsitzenden. Für Bürgerrechtsfragen bin ich durch meine jahrelange Arbeit als Strafverteidiger sehr sensibilisiert worden.

Als eine wesentliche Lehre aus der verbrecherischen Nazizeit wurde in unsere Verfassung ein umfassender Grundrechtekatalog mit vielfältigen individuellen Abwehrrechten gegenüber einem übermächtigen Staat aufgenommen. Mein Staatsverständnis ist von der Überzeugung bestimmt, dass der Staat immer eine dem eigentlichen Souverän, dem Volk und seinen Bürgerinnen und Bürgern dienende Funktion hat und niemals ein Selbstzweck ist. Spätestens seit dem 11. September 2001 hat sich eine grundlegende Verschiebung in diesem sensiblen Verhältnis ergeben. Vielfältig zulasten der Bürger geänderte Gesetze und ein expandierender Sicherheitsapparat haben dazu geführt, dass der Bürger zunächst einmal als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wird, für den das Menschenrecht der Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt worden ist. Wir sind immer mehr auf dem Weg zu einem umfassenden Überwachungsstaat, weil wir versäumt haben, unsere Grundrechte gegenüber jeder Einschränkung aktiv zu verteidigen. Benjamin Franklin hat es auf den Punkt gebracht: »Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.« Wir sind auf dem besten Wege dahin. Es ist zu befürchten, dass die von verschiedenen radikalisierten islamischen Gruppen ausgehende Terrorgefahr ein noch engmaschigeres polizeiliches Abwehrnetz erfordern wird. Das wird die Konsequenz haben, dass noch mehr Freiheitsrechte auf der Strecke bleiben könnten. Trotz allem müssen wir daran festhalten, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die Hass und Gewalt besiegen kann, und deshalb unsere Liebesfähigkeit ausbauen. Besorgniserregend ist aber nicht nur das wachsende staatliche Überwachungsnetz, sondern die absolut beängstigenden Überwachungs- und Manipulationsmöglichkeiten der skrupellosen Netzkraken Google und Facebook mit ihren aufgeblähten Allmachtsfantasien über künftige gesellschaftliche Entwicklungen. Hier hilft nur eine konsequente Datenaskese und die Kontrolle bisher gespeicherter persönlicher Daten.

Im April 1986 kam es dann zu der mein Leben verändernden Atomkatastrophe von Tschernobyl. Aus den persönlichen Schreckenserfahrungen während des radioaktiven Fallouts in meiner Wahlheimat Chiemgau kam es als wesentliche Konsequenz daraus zur Gründung der Umwelt- und Bürgerrechtsorganisation »David gegen Goliath«. Für die Davids saß ich zwölf Jahre als »ein David unter achtzig Goliaths« im Münchner Stadtrat und war lange Jahre auch Mitglied des Ältestenrates.

1994 war ich Mit-Initiator der ersten Regenbogenkoalition und setzte dabei die kostendeckende Vergütung für Solarstrom in München durch und die Einrichtung einer dauerhaften Gedenkausstellung über die Verbrechen der Nazis, die in München, der Hauptstadt der Bewegung, ihren Anfang genommen hatten, aber auch für die mutigen Menschen, die unter großen persönlichen Opfern im Widerstand waren und oft sogar ihr Leben verloren hatten.

Unser damaliges zentrales Ziel, der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie und das Verbot aller Atomwaffen, hat heute, dreißig Jahre später, nichts von seiner Gültigkeit verloren.

Eine wichtige Ergänzung auf meinem Weg zu mir selbst kam 1995 mit der erfolgreichen Abschlussprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie dazu. Damit konnte ich ratsuchende Menschen noch besser auf ihrem persönlichen Veränderungsweg begleiten, der nachhaltige gesellschaftliche Änderungen überhaupt erst möglich macht.

Zur Abrundung meines langen politischen Weges bekam ich durch schicksalhafte Fügungen die Möglichkeit zu einem Crashkurs in »global politics«. Durch die Mitarbeit in einem internationalen Investitionsprojekt im Gesundheitsbereich in den neuen Bundesländern lernte ich einen früheren persönlichen Mitarbeiter von Konrad Adenauer kennen. Er führte mich als eines von fünf deutschen Mitgliedern in »Le Cercle«, einen informellen transatlantischen Gesprächskreis hochrangiger Politiker, Unternehmer, Militärs und Geheimdienstler, ein die die Eindämmung kommunistischer Expansion und die ungehinderte Ausbreitung einer turbokapitalistischen Wachstumswirtschaft zum Ziel hatten. Die Treffen fanden einmal jährlich in Washington und einmal in einer europäischen Hauptstadt mit Vorträgen von Ministern, Senatoren, Vorständen von Banken und multinationalen Unternehmen sowie einem exklusiven Ausflugsprogramm statt. Ein besonderer Höhepunkt war ein Empfang im Sommerpalast von König Hussein in Jordanien, den er zusammen mit seinem Bruder, Kronprinz Hassan, gab, der sich seit Jahren für einen interreligiösen Dialog engagierte. Ich wurde mit meiner gut sichtbaren DaGG-Plakette am Revers von Anfang an misstrauisch beäugt, aber ich wurde als »coloured bird« toleriert. Mit der Toleranz war es allerdings vorbei: Bei einem Meeting in London verhinderte ich eine von einem früheren chilenischen Außenminister eingebrachte Solidaritätsadresse für den in der britischen Hauptstadt einsitzenden Militärdiktator Auguste Pinochet mit einem Plädoyer für die Beachtung von Menschenrechten und der demokratischen rechtsstaatlichen Ordnung zu Fall und wurde zu einer »persona non grata«.

Eine ganz wesentliche und vorläufige Abschlussstation meines Lebensweges ist seit 2001 die Sonnen-Arche, ein »Freudenhof« in meiner Wahlheimat im Chiemgau. Dort lebe ich mit Menschen, die sich auf ihren persönlichen Entwicklungsweg gemacht haben, und hoch entwickelten Tier- und Pflanzenpersönlichkeiten an einem der schönsten Plätze dieser Erde. Als einen bewussten Ausgleich für das unendliche Leid, das wir unseren Tiergeschwistern täglich durch Massentierhaltung und Tiertransporte zufügen, habe ich hier einer größtmöglichen Zahl an Pferden, Schafen, Enten, Gänsen, Hunden, Katzen und einem Esel einen sicheren Platz bis an ihr Lebensende gegeben.

In der Sonnen-Arche versuche ich, meine in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnisse weiterzugeben, dass Politik und Spiritualität, also Verantwortung für unsere äußere und unsere innere Welt, zusammengehören und gelebt werden müssen.

Der Rat einer nach langen Lebensjahren weise gewordenen Freundin hat mir auf meinem Weg geholfen: Wir müssen mit unserem Lebenssteuerrad genauso sorgfältig umgehen wie mit unserem Autolenkrad. Wenn wir nur einen Moment unaufmerksam sind, landen wir im Straßengraben oder auf der Stoßstange des vor uns fahrenden Autos. Also müssen wir mit unseren Gedanken, Gefühlen und Handlungen sehr bewusst umgehen, um auf dem Weg der Liebe und des Lichts zu bleiben. Dann können wir uns und damit auch die Welt ein kleines, aber wesentliches Stückchen zum Besseren verändern, denn die Welt ist, wie der indische Weisheitslehrer Jiddu Krishnamurti zutreffend feststellte, ein Spiegel von uns.

Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass nur über den herausfordernden Weg der persönlichen Veränderung auch nachhaltige politische Umbrüche möglich sein werden. Unser Heimatplanet Erde ist ein Lernplanet, auf dem wir in vielen Inkarnationen all die oft schmerzlichen Lernerfahrungen machen können, die auf dem Weg zu unserer göttlichen Vollkommenheit nötig sind. Auf diesem Weg müssen Menschen, Tiere, Pflanzen und Sterne unsere Lehrmeister sein. Ich bin ihnen jedenfalls für die Lektionen, die sie mir auf meinem diesmaligen Lebensweg erteilt haben, sehr dankbar.

❚ Meine Lehrzeit in der Politik: Wahlkampf für Erhard Eppler

Es gab zwei Politiker, die mich seit meiner Studentenzeit besonders interessierten und für die ich gerne gearbeitet hätte: Erhard Eppler und Richard von Weizsäcker. Beide waren politische Quereinsteiger, der eine bei der SPD, der andere bei der CDU, beide hatten protestantische Württemberger Wurzeln und damit eine gute Bodenständigkeit, aber beide hatten auch einen weit darüber hinausführenden Blick für die Probleme der Welt, die im Zusammenhang mit unseren nationalen Problemen betrachtet und für die gemeinsame Lösungen gefunden werden mussten. Beide waren schließlich Präsidenten des Evangelischen Kirchentages, eines weltoffenen, die christliche Verantwortung für die Welt als Gottes Schöpfung bejahenden, alle zwei Jahre stattfindenden Christentreffens. Beide hatte ich bei Tagungen der Evangelischen Akademie in Tutzing kennengelernt und sie als glaubwürdige, sympathische, kompetente und eloquente, aber persönlich grundverschiedene Repräsentanten unseres politischen Systems wahrgenommen, die meine Achtung und Bewunderung fanden.

Die Würfel fielen durch einen sehr persönlichen Umstand zugunsten von Erhard Eppler: Ich hatte immer wieder über sein Stuttgarter Büro versucht, einen Termin bei ihm zu bekommen, aber es wollte einfach nicht klappen. Dann stand im August 1979 die Hochzeit meines Lieblingscousins Olaf im Elsass an, wohin der Weg über Stuttgart führte. Wieder rief ich Epplers Büro an, doch sie wollten mich aus terminlichen Gründen weder zu ihm durchstellen, noch seine private Telefonnummer herausgeben. Daraufhin war ich ziemlich frustriert: Erhard Eppler schien für mich unerreichbar zu sein. Immerhin hatte ich herausgefunden, dass er in Dornstetten am Rande des Schwarzwalds lebte. So machte ich mich von München aus auf den Weg zur Hochzeit in das Elsass. Bei einem Zwischenstopp auf einem Rastplatz bei Stuttgart kam mir plötzlich die Idee, Erhard Eppler ganz einfach über die Telefonauskunft heraussuchen zu lassen. Ich hatte Glück, denn er stand wirklich im Telefonbuch. Ich notierte seine Nummer und rief ihn direkt danach an. Er war auch gleich am Apparat. Ich nannte ihm meinen Namen, erzählte ihm ein wenig von mir und meiner Arbeit als freier Journalist mit Schwerpunkt Dritte Welt, Ökologie- und Friedenspolitik, vor allem aber auch, dass er mich als geistiger Impulsgeber schon seit längerer Zeit begleitet hatte. Dann trug ich ihm meinen Wunsch vor, für ihn zu arbeiten, und fragte ihn, ob er in nächster Zeit für ein persönliches Gespräch Zeit hätte. Es war einen Moment still in der Leitung. Dann hörte ich ihn sagen: »Das trifft sich ja gut, ich stehe vor einem Landtagswahlkampf und da könnte ich einen persönlichen Mitarbeiter ganz gut gebrauchen. Ich habe heute Nachmittag etwas Zeit. Wenn Sie wollen, kommen Sie einfach vorbei, damit wir uns kennenlernen und ein paar Einzelheiten besprechen können.« Das war mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte, und daher sagte ich gleich zu. Ich war gut in der Zeit, sodass ich meinen ersten Besuch bei Erhard Eppler mit der Hochzeit von Olaf verbinden konnte. Nach einer guten Stunde erreichte ich das Eppler’sche Haus. Er empfing mich persönlich an der Eingangstür und geleitete mich an einen runden Holztisch im Garten, auf dem eine kleine Brotzeit vorbereitet war.

»Schön, dass Sie so schnell vorbeikommen konnten, lieber Herr Fricke. Ich habe mir dieses Wochenende viel Zeit für einige Überlegungen zur Wahlkampfvorbereitung eingeplant. Wir haben am 16. März 1980 in Baden-Württemberg Landtagswahlen. Ich muss mich nicht nur mit dem bisherigen Ministerpräsidenten der CDU, Lothar Späth, sondern auch mit den bei uns immer stärker werdenden Grünen auseinandersetzen, die das erste Mal den Sprung in den Landtag schaffen wollen. Das ist eine große persönliche Herausforderung für mich, denn vor allem der traditionelle Arbeitnehmerflügel meiner Partei betrachtet meine ökologisch ausgerichtete Politik mit großer Skepsis, weil sie angeblich Arbeitsplätze gefährden und kaum neue Wähler bringen würde. Ich muss also den Beweis erbringen, dass eine ökologisch ausgerichtete Politik auch vom Wähler honoriert wird. Ich kann nur hoffen, dass die von meiner Partei enttäuschten ökologisch sensibilisierten Wähler nicht gleich auf den grünen Zug aufspringen werden.« Er habe sich inzwischen überlegt, ob ich nicht für ihn eine Wählerinitiative für seine nicht in der SPD organisierten Sympathisanten aus dem ökologischen, kirchlichen und Dritte-Welt-Bereich organisieren und ihn ansonsten im Wahlkampf als eine Art persönlicher Assistent unterstützen könnte. Diese Art von Unterstützung konnte ich ihm sofort zusagen. Dann durfte ich ihn noch bei einem kleinen Gartenrundgang begleiten, und er verriet mir, dass er beim Gärtnern am besten entspannen könnte. Danach musste ich gehen, denn ich konnte das Brautpaar keinesfalls warten lassen. Wir verabredeten für die nächste Woche einen Folgetermin zusammen mit seinem Geschäftsführer, und ich verabschiedete mich.

Dann fuhr ich beflügelt in das Elsass. Auf dem Weg dorthin gingen mir viele Gedanken zu Erhard Eppler durch den Kopf. Ich wusste, dass er als junger Mann u. a. mit Johannes Rau in die von Gustav Heinemann gegründete Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) eingetreten war, die für ein neutrales, entmilitarisiertes Deutschland als Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg eintrat. Nachdem die GVP beim Wähler nicht die erhoffte Zustimmung fand, wurde sie aufgelöst, und ein Großteil des Vorstandes und der Mitglieder, unter ihnen Erhard Eppler, fand in der SPD nach sorgfältigen Vorbereitungen eine neue politische Heimat. Als die SPD 1968 in eine Koalitionsregierung unter Kurt Georg Kiesinger eintrat, wurde Erhard Eppler Entwicklungshilfeminister, ein Amt, das er auch im Kabinett von Willy Brandt beibehielt. Im Laufe seiner Amtszeit konzipierte er einen neuen entwicklungspolitischen Ansatz, der sich mehr an den Bedürfnissen und Interessen dieser Länder orientierte und deutsche Entwicklungshilfe nicht, wie bisher, primär als Instrument zur Förderung deutscher Exporte ansah. Seine Erkenntnisse aus dieser Zeit hatte er in den Büchern Wenig Zeit für die Dritte Welt und Ende oder Wende